Noch im Jahre 1876 konnte von protestantischer Seite in Frankfurt ein Werk verbrochen werden, das im wesentlichen auf gleichem Standpunkte steht. Anton Ziegler vertritt in seinem Buche »Die Nachtseite der evangelischen Glaubenswissenschaft« den stumpfsinnigsten Bibelglauben. »In sechs gewöhnlichen Tagen, d. h. in 6 mal 24 Stunden, hat Gott die rohe Weltsubstanz zum Kosmos verklärt.« »Gott hat, nachdem er gleichsam das Gröbste auf einmal vollbracht und die Weltmaterie, wie ein Bildhauer seinen Marmorblock, außer sich hingestellt hatte, sich bei der ... Formierung des Marmorblocks geradeso wie ein Mensch an die Abwechslung von Tag und Nacht gehalten, so daß also die materielle Substanz der Schöpfung, wenn auch nur um ein Weniges, älter ist als ihre Ordnung und Schönheit.« Der geniale Verfasser erblickt ein eklatantes historisches Zeugnis für diese Wahrheit, in den zwar nicht die Erdensubstanz selbst, aber doch deren Gestalt und Ordnung teilweise ändernden Wirkungen der Sintflut, die man jetzt gewöhnlich viel zu gering anschlage, nachdem man sie in früheren Jahrhunderten ungebührlich überschätzt habe.

Die Engländer hatten übrigens den Naturwissenschaften gegenüber sich nicht minder rabiat benommen. So konnten zwei glaubensstarke Männer, Fairholm und George Young, der profanen die »Schriftgeologie« (Geol. of Scripture, Scriptural Geology 1833) entgegenstellen. Im Jahre 1844 eiferte Dean Cockburn in einem Vortrage vor der britischen Naturforscherversammlung, einmal sogar speziell gegen die Physische Geographie der Lady Somerville in einer Predigt, die er in der Kathedrale von York hielt, gegen die Irrlehren der Geologie. Der anonyme Verfasser der 1853 erschienenen Schrift »A brief and complete refutation of the anti-scriptural theory of Geologists« behauptete, die Versteinerungen seien bloße Naturspiele. Selbst die Mammute Sibiriens seien niemals lebende Tiere gewesen, sondern als leblose Fleisch- und Knochenklumpen unter dem Eise erschaffen. Ein umgeknickter Baumstamm, den man versteinert in einem Steinkohlenlager gefunden hatte, sei nur geschaffen worden, »um die schrecklichen Gotteslästerungen der Geologen zum Schweigen zu bringen[23]

Doch genug des Blödsinns! Wer es nicht gelernt hat seiner Vernunft und Erfahrung zu vertrauen, wer Autoritäten bedarf, um sich von der Wahrheit irgendeiner Sache überzeugen lassen zu müssen, der ist auf der schiefen Ebene. Wie weit ihn seine Dummheit forttreibt, das ist mehr oder weniger Frage des Zufalls. Der schlimmste Förderer der Dummheit war zweifellos der Bibelglaube bzw. der an die Unfehlbarkeit der Bibel in allen Fragen. Ferner der an die Unfehlbarkeit irgendeiner kirchlichen Instanz, der Dogmen, Konzilien, des Papstes oder irgend eines Bekenntnisses, weil diesen Autoritäten die Macht zur Verfügung stand eventuell mit Gewalt ihre Ansicht aufzuzwingen. Zudem hatten sie die Heiligung durch die Länge der Zeit für sich und die Resonnanz der Massen. Aber auch andere Mächte sind nicht ungefährlich, auch wenn sie nicht mit dem Bannstrahl der Amtsentsetzung, von Folter und Gefängnis ganz zu schweigen, auftreten können.

Doch wir wollen das Kapitel nicht schließen, ohne ein reizendes Pröbchen von Verquickung der Naturwissenschaft mit dem Bibelglauben mitzuteilen:

Der französische Botaniker Naudin entwickelt in seiner Abhandlung »Die verwandten Spezies und die Entwicklungslehre« (im Bulletin der französischen botanischen Gesellschaft 1874) folgende Gedanken: Adam, der erste Mensch, der sich aus dem Urblastem oder aus dem Erdkloße loslöste, besaß vorerst nur einen temporären Organismus, einen androgynen Larvenleib ohne geschlechtliche Differenzierung.« Aus diesem Larvenzustande trat dann durch jene entwickelnde Kraft der volle Mensch heraus. Um dieses große Werk zu ermöglichen, mußte Adam in einen erzeugungslosen und bewußtlosen Schlaf versetzt werden, welcher mit dem Larvenzustande der Tiere, die einer Metamorphose unterliegen, Ähnlichkeit hat.« Während dieses Schlafes erfolgte nach der Bibel die Hervorbildung des Weibes aus dem Manne. Man hat sich nach Naudin diesen Vorgang als ein ähnliches Knospentreiben zu denken, wie es bei den Medusen und Ascidien stattfindet. Der auf diese Weise physiologisch fertig ausgebildete Mensch konnte fortan, ähnlich wie die Pflanzen- und Tierarten, zwar noch zahlreiche Rassen oder Spielarten als Produkte des ihm noch innewohnenden Rests von Entwicklungskraft hervorbringen, jedoch keine neue organische Spezies[24].

Fußnote:

A In der Vorrede der Benediktiner-Ausgabe der griechischen Kirchenväter — Paris 1706 — Tom. II. hat Montfaucon viele Stimmen von Kirchenvätern gesammelt, die die Antipoden leugnen.

II. Kapitel
 
Die Askese

Sahen wir im vorigen Kapitel, wie der Geist durch die Autorität der Bibel und Kirche geknechtet wurde, so wenden wir uns nun der Mißhandlung des Körpers unter dem Einfluß der gleichen Faktoren zu.

Daß die sinnlichen Begierden viel Unheil in der Welt anrichten und ihre Zügelung eine der wichtigsten Aufgaben der sittlichen Persönlichkeit sei, ist ganz zweifellos richtig. Jeder strebende Mensch wird danach trachten, sich von den Ketten der Sinnenlust zu befreien, seinen Verstand und Willen über das Triebhafte in ihm Herr werden zu lassen.

Dieser durchaus gesunde Gedanke, den alle hochstehenden Religionen mehr oder minder klar aussprechen, bedarf aber, wie jeder, zur Durchführung der Intelligenz. Wo diese fehlt, wird ein teils widerliches, teils komisches Zerrbild daraus. Aus dem berechtigten Bestreben, seine Sinne zu zügeln, wird das törichte sie überhaupt zum Schweigen bringen. Hat eine verständige Selbstzucht das Ziel durch Beherrschung der Sinne, Kräfte für höhere Zwecke frei zu machen, wird in den Händen der Dummen die Ertötung des Fleisches Selbstzweck, sie führen einen Kampf, in dem sie ihre gesamte Kraft absorbieren. Sollen wir durch Abhärtung, Bedürfnislosigkeit, Erlangung einer gleichmäßigen Heiterkeit der Seele uns widerstandsfähiger machen gegen die nur allzugroßen und allzuvielen Leiden, die uns das Leben bringt, es erreichen, daß nicht jede bagatellmäßige Unbequemlichkeit uns derart stört, daß wir zu ernster Arbeit oder verständiger Lebensfreude unfähig werden, so bereitet der Asket sich absichtlich größere Leiden, als sie normalerweise je das Leben ihm bringen wird.

Gewiß gibt es eine Weltanschauung des traurigsten Pessimismus, die das ganze Leben als eine ununterbrochene Leidenskette betrachtet. Niemand hat sie in eine tiefere Lehre gebracht, als Buddha. Aber selbst dieser erhabene indische Weise ist weit davon entfernt, Askese zu fordern. Mögen wir aus den vielen Unzulänglichkeiten des Daseins folgern, daß es höhere Werte gibt, als Sinnengenuß, daß es nicht ratsam ist, sein Herz allzusehr an Vergängliches zu hängen, darum auf die ohnehin bescheiden zugemessenen Freuden zu verzichten, ist etwa geradeso töricht, als wollte der Frierende noch seine letzten Kleidungsstücke abwerfen, statt die wenigen, die er hat, desto fester um sich zu nehmen.

Zweck der Askese, der Genügsamkeit und Bedürfnislosigkeit kann doch nur sein dadurch glücklicher oder besser zu werden, höhere oder dauerhaftere oder leichter zu beschaffende oder auch unschädlichere Genüsse an die Stelle der gegenteiligen zu setzen. Der Soldat, der Hochtourist, der Nordpolfahrer, werden gut tun, sich an Entbehrungen zu gewöhnen, um auch ohne schwer zu beschaffende materielle Genüsse zufrieden sein zu können. Der Seemann wird versuchen müssen, das Heimweh zu bekämpfen, der körperlich Leidende wird seine Freuden vornehmlich auf dem Gebiete des Gemütes und Geistes suchen, statt seinen Schmerzen nachzugeben. Nicht der ist weise, der aus Furcht ein Glied verlieren zu können, sich selbst verstümmelt, aus Angst vor dem Tode Hand an sich legt, sondern die starke Seele, die beim Verlust der Augen froh ist, noch das Gehör zu besitzen, die sich mit der linken Hand begnügt, wenn die rechte verloren ging, die überhaupt nicht das Fehlende, sondern das Vorhandene betrachtet und mit diesen Mitteln das Möglichste zu erreichen versucht.

Besonders einfältig aber sind Menschen, die auf den Gebrauch irgendeines Gutes verzichten, weil sie sich nicht die Willensstärke zutrauen, es mäßig und eines Gebildeten würdig zu verwenden. Dazu gehört etwa die Abstinenzbewegung unserer Tage. Es ist die gleiche Barbarei auf den Alkohol zu verzichten, weil man sonst unmäßig sein würde, als sich zu betrinken, während es klug wäre eine Dosis zu ermitteln, die angenehme Wirkungen hervorruft, ohne dem Körper zu schaden und willensstark — wenn wir dieses hochtrabende Wort auf eine so selbstverständliche Sache anwenden dürfen — dieses zulässige Quantum nicht zu überschreiten, wenn das Verlangen danach auch noch so groß sein mag.

Ein Blick auf die Geschichte des Christentums — allerdings auch auf die anderer Religionen — lehrt uns, wie weit Theorie und Praxis vom Vernünftigen abwichen. Um die Skylla zu vermeiden fiel man allgemein in die Charybdis.

Betrachten wir zunächst die Askese des Fastens und des Speiseverbotes.

Im 4. und 5. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung gab es Asketen, die gekochte Speisen verabscheuten und lange Zeit oder gar ihr Leben lang sich ausschließlich von Gras, Kräutern, Baumfrüchten, rohen Getreidekörnern usw. ernährten. Jakob von Nisibis war einer dieser »Omophagen«. Eine andere Spezies dieser Narretei wurde von den »Krithophagen« repräsentiert, sonderbaren Heiligen, die nur von in Wasser aufgeweichter Gerste oder, wie Eusebius, von entsprechend präparierten Bohnen oder Kichererbsen lebten. In diese Kategorie gehört auch die Linsenesserin Domnina. Noch weiter in der Frömmigkeit des Magens bzw. im »Vergnügen, an Dingen, welche wir nicht kriegen«, um mit Busch zu sprechen, gingen die Hungerkünstler Markianos, der das ganze Jahr hindurch nur einmal täglich aß, oder Symeon Stylites der Ältere (bevor er seine Säule bestieg) und die Beröenserinnen Marana und Kyra, die bald das 40tägige Fasten Christi nachahmten, bald das dreiwöchige Daniels. Den Rekord aber stellt Elpidius auf, der 25 Jahre hindurch nur an Samstagen und Sonntagen aß oder gar der fromme Johannes der — wer's nicht glaubt, bezahlt 'nen Taler — eine Reihe von Jahren nur von der Eucharistie lebte. Allerdings verwandte man damals zu diesem Zweck Brot statt Oblaten.


Daß ein solches Leben nicht gerade die Disposition zu den Freuden der Liebe steigert, ließe sich eigentlich annehmen. Das Verhalten der Einsiedler widerspricht dem aber. Wie ließe es sich sonst verstehen, daß Evagrius nicht nur auf geistige Getränke verzichtet, sondern sogar seine Schüler vor dem Wassertrinken warnt, da es »majores phantasias generat et largiora daemonibus receptacula praebet«. Als diesen Asketen einst der Dämon der Unkeuschheit peinigte, sprang er zur Winterszeit in einen Brunnen und mußte zur Kühlung seiner Glut dort die ganze Nacht zubringen. Was diesen Frommen an Intelligenz gebrach, scheint demnach durch ihre »Männlichkeit« reichlich wettgemacht worden zu sein[1]!


Die Askese der esoterischen Manichäergemeinde, des Ordens der »Wahrhaftigen« oder »Erwählten«, bestand nach den übereinstimmenden Angaben der Kirchenväter, wie der orientalischen Quellen vor allem in der Übernahme der »drei Siegel« (signacula). Das sind: 1. die Enthaltung des Mundes von jeder Art unreiner Speise und unreiner Worte (signaculum oris). 2. Die Enthaltung der Hände von jedweder die Lichtwelt schädigenden Beschäftigung, namentlich vom Abbrechen von Baumfrüchten usw. (signaculum manum), 3. Die Enthaltung des Busens von aller sinnlichen Unlauterkeit, besonders allem Geschlechtsverkehr, auch der Ehe (signaculum sinus). Die Mundversiegelung verpflichtete den vollkommenen Manichäer zur Vermeidung nicht nur jeglichen Fleischgenusses, sondern auch aller nicht reiner Vegetabilien. Nur »reine« Pflanzenkost bestehend aus Melonen, Öl und anderen (angeblich an Lichtbestandteilen besonders reichen) Baumfrüchten war gestattet. Getreideprodukte, namentlich Brot, durfte von ihnen nur ausnahmsweise genossen werden und auch dann war es keinesfalls zulässig, daß sie es selbst zubereiteten oder brachen. Die manichäischen Laien hatten keine so strengen Kostgesetze, immerhin mußten sie durch die Fürsprache eines »Elektus« göttliche Verzeihung erwirken. Der Elektus redete das ihm überreichte Brot, um seine Unschuld an dessen Zubereitung zu beteuern, folgendermaßen an: »Ich habe dich nicht geschnitten, nicht gemahlen, nicht geknetet, nicht in den Backofen gelegt, sondern ein anderer hat das getan; ich esse dich ohne Schuld usw.« Übrigens galt ihnen die Tötung von Tieren als noch schlimmeres Vergehen, als diese Pflanzenverletzungen, weil die Tiere dämonischer Abkunft seien, ihre Schlachtung also einen Eingriff ins Reich der Dämonen bedeute. Auch die Bereitung und der Genuß von Wein war ein Kapitalverbrechen, denn der Wein sei die Galle des Fürsten der Finsternis.

Die Beschränkungen des »Händesiegels« fallen weniger unter den asketischen Gesichtspunkt, als unter den einer abergläubigen Reinlichkeitsobservanz. Die Busenversiegelung aber war eine Maßnahme, die die »Erwählten« zwar in den Augen derer, die nicht alle werden, zu höheren Wesen stempelten, im übrigen aber keine größere Torheit forderte, als die Mönchs- und Nonnenorden bis zum heutigen Tage, ja als die Kirche von ihrem gesamten Klerus[2].

Das Fastenverbot, das ja bekanntlich im ganzen Mittelalter und zum Teil heute noch bestand, wurde besonders in Frankreich mit außerordentlicher Strenge gehandhabt. Wie Bodin erzählt (Démon des sorciers, p. 216), ließen die Zivilgerichte von Angers im Jahre 1539 diejenigen, die des Fleischgenusses am Freitag überführt waren, lebendig verbrennen, wenn sie ohne Reue blieben, aber aufhängen, wenn sie bereuten[3].

Diese Zwangsmaßregeln beweisen zur Genüge, wie wenig bereitwillig man es handhabte. Auf die einfältigen Spitzfindigkeiten es zu umgehen — daß man etwa den Biber zu den Fischen rechnete — sei nur andeutungsweise hingewiesen.

Die Fastenaskese wird noch heute in alter Stärke in der griechisch-orthodoxen Kirche gehandhabt. Einige an der Sonne gedörrte Baumfrüchte mit etwas Brot und Wasser bilden die einzige Kost für die strenger lebenden Athos-Asketen. Dabei wohnen sie in finsteren Schluchten unter elenden Obdächern von Lehm, Baumzweigen usw. Ein gewissenhafter anatolischer Christ hat sich im Jahre mindestens an 180 Tagen des Fleischgenusses zu enthalten, ja an ungefähr 140 Tagen darf er auch keine Fische genießen. Im orthodoxen Rußland aber hat für die strengeren Fastenzeiten das Priestertum eine Art Überwachungsrecht sogar über die Ärzte. Nur auf Grund besonderer vom Popen ausgestellter Erlaubnisscheine dürfen den Kranken dann kräftigere Speisen, wie Fleisch, Fleischbrühe, Eier, Butter usw. ärztlich verordnet werden[4].


Geradezu wahnwitzig ist der Kampf, den der Gläubige gegen die Sinnenlust führen muß. Zugegeben, daß sie da und dort die Gedanken von Wichtigerem und Höherem ablenken mag, so lehrt doch gerade die Geschichte der Asketen die Unmöglichkeit oder doch Unzweckmäßigkeit dieses Ringens mit einer Naturgewalt. Mit etwas mehr Intelligenz begabt, hätte der Asket hie und da der Natur nachgegeben, statt vor unbefriedigter Sinnlichkeit keinen anderen Gedanken fassen zu können.

Makarius, der Lehrer des Evagrius, wurde einst derart vom Dämon der Wollust geplagt, daß er sich nur durch eine ganz erleuchtete Kriegslist helfen konnte: er hielt sich sechs volle Monate hindurch splitternackt in einer Sumpfgegend seiner Wüste auf, bis die Stechmücken seinen Körper bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet hatten und man ihn, über und über verschwollen und wie ein Aussätziger aussehend, nur mehr an seiner Stimme erkannte.

Ammonios mußte auch zu einer Gewaltkur greifen, um seiner Sinne Herr zu werden. Sobald er ein menschliches Rühren verspürte, verbrannte er sich bald an diesem, bald an jenem Gliede. Daß sein Körper mit Brandmalen über und über bedeckt war, läßt Schlüsse auf sein Innenleben zu.

Kein Wunder, daß diese Männer im wahrsten Sinne des Wortes — hatten sie doch schon in der Einsamkeit ihrer Einsiedelei genug auszustehen — den Anblick eines weiblichen Wesens nicht ertragen konnten. So riß einer der Altväter Cassians, Paulus mit Namen, beim Anblick einer Frau plötzlich aus, als würde er von einem Löwen verfolgt. Die Beschaffenheit der Frau spielte gar keine Rolle. Diese armen, an Satyriasis leidenden Trottel — denn wie ließe sich ihr Verhalten anders als durch diese Krankheit erklären? — wurden sogar durch den Anblick der eigenen Schwester in Wallung versetzt. Ein gewisser Pior mußte erst von seinem Bischof den strikten Befehl erhalten, seine Schwester aufzusuchen. Er kürzte aber den Besuch möglichst ab, betrat nicht einmal ihr Haus, sondern stellte sich ihr nur auf der Türschwelle zu kurzer Betrachtung vor. Dann kehrte er spornstreichs in seine Zelle zurück.

Wie doch nichts erfunden wird, bevor sich das Bedürfnis dazu einstellt! Was hätte man damals mit Yohimbin angefangen!

Die weiblichen Reize wirkten ja sogar noch im Grabe! Wenigstens existiert eine Legende vom keuschen Abte Thomas — wie der gute Mann zu dem Epitheton ornans keusch kommt, wird ihm wohl selbst ein Rätsel sein! — dessen Gebeine noch im Grabe keine weibliche Leiche neben sich dulden konnten[5]!

Der Geist dieser Heiligen muß auch in den frommen Leuten in Schweden gewirkt haben, als sie die Unterdrückung von Linnés System forderten, weil es sich auf die Entdeckung der Geschlechter der Pflanzen gründe und demnach darauf berechnet sei, die Einbildung der Jugend zu erhitzen[6]!

Gegenüber den oben genannten, recht unbequemen Gewaltkuren, ist entschieden die folgende Form der Askese geschmackvoller oder doch amüsanter.

Evagrius schildert sie mit Bewunderung: gewisse Mönche in Palästina seien durch »ein ganz vortreffliches und göttliches Leben« so sehr Herr ihrer Leidenschaften geworden, daß sie gewöhnt waren, mit den Frauen zusammen zu baden. Denn weder der Blick, noch die Berührung, noch die Umarmung einer Frau konnte sie in ihren natürlichen Zustand wieder zurückfallen lassen. »Unter Männern wollten sie Männer, unter Frauen Frauen sein« (Hist. Eccl. I, 21).

Damals wohnten auch Jungfrauen und Mönche oft in demselben Hause beisammen und erklärten mit einer Heuchelei von seltener Kühnheit, sie hätten ihre natürlichen Leidenschaften so beherrscht, daß sie in Keuschheit dasselbe Bett teilten[7].


Die, eingangs erwähnte, an sich sicherlich ganz berechtigte Lehre, daß man sich nicht durch persönliche kleinliche Rücksichten, vermeidbare Schwächen, dazu verleiten lassen darf, große Ziele aufzugeben, daß man nicht früh genug die jugendliche Sentimentalität abstreifen soll und, ohne sich über das Notwendige hinaus zu verhärten, gegen Heimweh und Trennungsschmerz schon deshalb ankämpfen muß, weil es unvermeidliche Übel sind, Tatsachen, mit denen der Weise fertig werden muß, führten zu recht widerlichen Konsequenzen bei unseren Asketen. Hartherzigkeit, Unempfindlichkeit gegen menschliche Leiden, Undankbarkeit gegen erwiesene Wohltaten gehören wohl sicherlich zu den abstoßendsten menschlichen Fehlern. Gewiß muß der Feldherr, ohne sich durch das Jammern der Verwundeten, das Röcheln der Sterbenden erweichen zu lassen, unter Umständen Tausende opfern. Er hat das größere Ziel, die Erhaltung des Vaterlandes, im Auge. Weichen Regungen hier nachzugeben, die Schonung von Tausenden auf dem Schlachtfelde mit der Auslieferung von Hunderttausenden daheim an einen siegreichen Gegner zu erkaufen, wäre eine Pflichtwidrigkeit. Sicherlich muß der Operateur ohne Rücksicht auf die Schmerzen des Patienten seine blutige Kunst ausüben, wenn es Höheres gilt, die Erhaltung des Lebens. Der Missionar darf nicht an die Lieben daheim denken, so wenig wie der Forschungsreisende, wenn er in die Ferne zieht zur Ausübung seines schweren und entsagungsvollen Berufes. Höhere Rücksichten müssen eben immer und überall den minder hohen vorangestellt werden. Zu den schwierigsten im Leben zu erlernenden Künsten gehört sicherlich, sich jederzeit über das, worauf es ankommt, über das Essentielle, klar zu sein.

Sonach kann man es auch gewiss verstehen und gutheißen, wenn Christus seinen Jüngern anbefiehlt, ihre Familien zu verlassen, um ihm in die Fremde zu folgen. Zu Hause sitzend, hätten sie eben die Lehre unmöglich verbreiten können. Was aber wurde aus diesem in der Natur der Sache liegenden Gebot?

Was macht die Dummheit aus ihm?

Wer zweifeln sollte, daß die Hartherzigkeit kirchliches Gebot war, wird eines Besseren belehrt durch die Geschichte, die Gregor der Große (Dial. II, 24) erzählt: Ein Knabe war in ein Kloster eingetreten. Die Liebe zu seinen Eltern übermannte ihn aber derart, daß er eines Nachts sie heimlich besuchte. Er starb jedoch am Tage seiner Rückkehr, und als er begraben wurde, weigerte sich die Erde, einen so schändlichen Verbrecher aufzunehmen. Seine Leiche wurde wiederholt aus dem Grabe geschleudert und konnte erst in Frieden ruhen, als der heilige Benedikt ihr das Sakrament auf die Brust gelegt hatte[8].

Das ist ja natürlich nur eine Legende, aber eine mit recht trauriger Moral! Welche Unsumme von Herzensroheit steckt in ihr! Aber diese Roheit ist lediglich eine Ausgeburt der Dummheit. Als ob die kindliche Pietät des Knaben ein dauerndes Hindernis seines neuen Berufes gewesen wäre! Und wie mußte diese brutale Dummheit auf das Volk wirken!

Doch wir brauchen uns keineswegs an Legenden zu halten. Die Geschichte der »Heiligen« bietet genug Material. Und das Traurige ist, daß es sich nicht etwa um menschliche Schwächen handelt, die einfach registriert werden, sondern um vorbildliche Taten!

Das möge aus folgendem hervorgehen:

Der uns schon bekannte Wüsteneinsiedler Evagrius erhielt nach geraumer Zeit Briefe von seinen Eltern. Da er es aber nicht ertragen konnte, daß seine Gedanken durch Erinnerung an diejenigen, die ihn liebten, gestört wurden, warf er die Briefe ungelesen ins Feuer.

Der heilige Pömen und seine sechs Brüder hatten ihre Mutter verlassen, um ein asketisches Leben zu führen. Die alte, durch Krankheit gebeugte Mutter ging nun, uneingedenk des Undankes ihrer Söhne, allein in die Wüste, um die zärtlichgeliebten Kinder noch einmal zu sehen. Sie erblickte sie gerade, als sie aus ihrer Zelle in die Kirche gehen wollten. Sie liefen aber sofort in die Zelle zurück und einer der Söhne warf die Türe vor ihr zu, so daß sie draußen bleiben mußte und bitterlich weinte. Pömen kam nun an die Türe, öffnete sie aber nicht und sprach: »Warum weinst und schreist du so sehr, bist du nicht schon genug vom Alter geplagt?« Als sie die Stimme ihres Sohnes erkannte, antwortete sie: »Es geschieht, weil ich euch, meine Söhne, zu sehen verlange. Was könnte es euch schaden, wenn ich euch sehen würde? Bin ich nicht eure Mutter? Säugte ich euch nicht? Ich bin jetzt eine alte und verwelkte Frau, aber der Ton deiner Stimme hat mein Herz so erregt, daß ich mein Verlangen, euch zu sehen, nicht bewältigen kann.« Die heiligen Brüder weigerten sich trotzdem, die Türe zu öffnen. Sie sagten der Mutter, sie würde sie nach dem Tode sehen, und der Lebensbeschreiber erzählt, sie sei dann fortgegangen, zufrieden mit dieser Aussicht[9].

So ehrt man seine Eltern.


Ein gewisser Mutius verließ einst in Begleitung seines einzigen Kindes, eines achtjährigen Knaben, sein Besitztum und bat um Aufnahme in ein Kloster. Die Mönche willfahrten seiner Bitte und begannen damit sein Herz zu disziplinieren. »Er hatte bereits vergessen, daß er reich war; er mußte nunmehr vergessen lernen, daß er Vater war,« sagt Cassian, der uns die erbauliche Geschichte überliefert. Man trennte also das Kind von ihm, hüllte es in schmutzige Lumpen, schlug es, trat es mit Füßen und mißhandelte es auf jede Art. Tag um Tag mußte der Vater sehen, wie das Kind sich vor Kummer verzehrte. »Aber,« sagt der bewundernde Biograph, »obgleich er dies Tag für Tag sah, war doch die Liebe zu Christus und zur Tugend des Gehorsams so groß, daß das Vaterherz starr und unbewegt blieb.« »Er dachte wenig an die Tränen seines Kindes, er war einzig um seine eigene Demut und Vollkommenheit in der Tugend bekümmert.« Endlich befahl ihm der Abt, das Kind zu nehmen und in den Fluß zu werfen. Er ging ohne Murren und ohne sichtbaren Schmerz, das Gebot zu vollziehen. Erst im letzten Augenblicke traten die Mönche dazwischen und retteten das Kind am Rand des Flusses. Mutius erlangte später eine hohe Stellung unter den Asketen und wurde mit Recht als einer betrachtet, der das Gemüt eines Heiligen zu großer Vollkommenheit entfaltet hatte.

Ob die Geschichte wahr ist oder nicht, ist wie bei fast allen Heiligengeschichten recht gleichgültig und von minimaler Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß die damalige Kirche diese Herzlosigkeit und alles menschliche Gefühl mit Füßen tretende Verhalten lobte. Was hat doch die Dummheit der Askese und die um jeden Preis Gehorsam fordernde klerikale Herrschsucht aus dem einfachen »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« gemacht!

Daß jemand aus Gehorsam um ein Haar zum Mörder wird, was nicht zum mindesten die spätere Heiligsprechung veranlaßt, ist durchaus kein vereinzelter Fall.

Einst kam ein Thebaner zum Abte Sisös und bat ihn Mönch zu werden. Der Abt fragte ihn, ob er Angehörige hätte. Auf die Antwort »einen Sohn« entgegnete der Abt, »Nimm deinen Sohn und wirf ihn in den Fluß und dann kannst du ein Mönch werden«. Der Vater hätte den Befehl vollzogen, wenn nicht im letzten Augenblicke ein von Sisös abgesandter Bote ihn widerrufen hätte[10].

Die Beispiele ließen sich ins Unendliche vermehren. Verlassen wir aber lieber diese häßlichen Bilder, jedoch nicht ohne noch eines hinzuzufügen, das Zeugnis ablegt von der Skrupellosigkeit der Mittel, deren sich »Christen« zur Erreichung ihrer Zwecke bedienten und von der Herzensroheit, die sich dabei offenbart.

Der fromme Kirchenvater Tertullian verbot den Gläubigen den Besuch der Theater, dafür stellte er ihnen aber ein desto herrlicheres Schauspiel in Aussicht, nämlich — die Todesqualen der Sünder in der Hölle. »Von welcher Größe wird dieses Schauspiel sein? Wie werde ich es bewundern? Wie werde ich lachen? Wie werde ich mich freuen? Wie werde ich frohlocken, wenn ich so viele und so große Könige, von denen es heißt, sie seien in den Himmel aufgenommen worden, mit Jupiter in eigener Person und denen, die für ihn zeugten, in der tiefsten Finsternis werde jammern sehen! Dann werden die Verfolger des Namens unseres Herrn in einem grausameren Feuer schmelzen, als das war, das sie angezündet hatten für die Christen ... Dann werden die Tragödienspieler in ihrem eigenen Schmerz größere Weherufe ausstoßen, als einst auf der Bühne. Dann werden die Schauspieler erst richtig geschätzt werden können dank der größeren Geschmeidigkeit, die ihnen das Feuer verleiht. Dann wird man den Wagenlenker erblicken ganz feuerrot in feurigem Wagen; dann werden die Athleten ein Schauspiel bieten, aber nicht wie sie gymnastischen Übungen, sondern dem Feuer erliegen usw.« Der Mann, der ein solch glänzendes Zeugnis seiner Menschenliebe ablegt, schließt das 30. Kapitel seiner Schrift de Spectaculis mit den Worten: »Wenn du solche Schauspiele betrachtest, darüber in ausgelassene Freude gerätst, was kann dir dagegen ein Prätor oder Konsul, ein Quästor oder hoher Priester bei all seiner Freigebigkeit bieten[11]


Welch ein Geist, der daraus atmet! Und auf diese Weise wollte Tertullian zur Religion der Nächstenliebe erziehen!

Gegen diese häßlichen Bilder von mit Dummheit gepaarter Roheit wirken körperliche Peinigungen noch harmlos.

In ihnen war man recht erfinderisch. Die Übungen hatten keineswegs nur den Zweck, den Leib abzutöten, als vielmehr dazu nach den höheren durch Nachahmung der Leiden Christi zur Entsühnung der Menschheit beizutragen.

Die ganze Lehre vom Sühnetode Christi ist ja merkwürdig genug. Daß Christus sterben mußte, wenn seine Religion nachhaltig auf die Gemüter wirken sollte, ist klar. Die tiefe Tragik seines Martyriums war eine Voraussetzung der weltgeschichtlichen Bedeutung seines ganzen Auftretens. Das hat aber nur sehr wenig mit der kirchlichen Sühnelehre zu tun, in der Gott-Vater eine merkwürdige Rolle zugewiesen ist. Machen wir uns die alte Opferlehre zu eigen, daß man das Beste seiner Herde, seines Besitzes dem Gotte opfert, um ihn günstig zu stimmen, so können wir ja schließlich auch verstehen, daß der Asket das Beste was er hat diesem Zwecke widmet, bzw. das tut, was ihm am meisten Mühe macht oder am schmerzlichsten ist. Nur was an dieser Ansicht christlich ist — von der Naivität des Glaubens ganz abgesehen — will nicht recht einleuchten.

Gottes Hinopferung seines Sohnes ist entschieden schwieriger zu begreifen. Ein Vater ist beleidigt worden, was Gottes Kränkung durch die sündige Menschheit entspricht. Um nun an den Beleidigern eine edle Rache zu nehmen, bringt der Vater seinen Sohn um, bzw. — was bei Gottes Allmacht auf das Gleiche hinaus läuft — er duldet, wie sein Sohn, noch dazu der einzige, umgebracht wird. Dadurch ist das Verbrechen der Beleidiger gesühnt. Gewiß, eine merkwürdige Logik, die wohl niemand ins Praktische umsetzen möchte.

Doch sei dem wie ihm wolle: die Asketen glaubten — und in den Mönchsorden glaubt man es heute noch — daß die Selbstpeinigung nicht nur Wert habe als Disziplinierungsmittel, sondern auch dazu beitrage, den kirchlichen Gnadenschatz zu vermehren. Je mehr Übles sich also ein solcher Heiliger zufügt, desto größere Verdienste erwirbt er sich um die Christenheit. Wir können diese Anschauung nicht gerade als ein Wunder der Intelligenz betrachten. Wenn wir aber in einem späteren Kapitel sehen werden, welches Unheil sie im Volke anrichtete, dann werden wir sie sicherlich nicht glimpflicher beurteilen.

Da man sich nun auf normale Weise die nötige Pein nicht beibringen kann, verfielen ingenieuse Köpfe auf die Ausbildung einer besonderen Technik, und man muß ihnen lassen, daß sie dabei Erfolg hatten. Wer wird das bestreiten wollen, wenn er folgende erbauliche Geschichte hört?!

Ein gewisser Dominicus Loricatus hatte die Spezialität, als Stellvertreter von anderen gewisse Bußzeiten durch von Geißelschlägen begleitetes Psalmensingen zu absolvieren. So absolvierte er beispielsweise hundert Bußjahre, indem er zwanzig von der entsprechenden Zahl Geißelhieben begleitete Psalter rezitierte. Auf diese 20 Psalter kamen 300000 Geißelhiebe, die er sich während der sechs Tage, die diese Prozedur dauerte, beizubringen hatte. Damiani, der uns von diesem sonderbaren Heiligen berichtet, erläutert den Vorgang folgendermaßen: »Da 3000 Geißelschläge nach unserer Regel ein Bußjahr ausmachen, und, wie es oft erprobt ist, beim Hersingen von 10 Psalmen 1000 Hiebe stattfinden, so ergeben sich für die Disziplin eines Psalters (also für 150 Psalmen begleitet von 15000 Hieben) fünf Jahre Buße; und wer 20 Psalter mit der Disziplin hersingt, kann überzeugt sein, 100 Bußjahre vollgemacht zu haben« (20mal 15000=300000). Welche Mathematik der Buße! Loricatus konnte es aber auch schneller, als in sechs Tagen. Er soll einmal binnen 24 Stunden über 12 Psalter mit den obligaten Hieben erledigt und damit den Beweis geliefert haben, daß er die 20 Psalter nötigenfalls schon binnen zwei Tagen zu absolvieren imstande war. Einst erledigte er während einer einzigen Quadragesima, ohne die 40 Tage ganz zu gebrauchen, das Zehnfache des obigen Betrages, also 1000 Bußjahre, mittels Absingen von 200 Psaltern, und indem er sich drei Millionen Geißelhiebe eigenhändig versetzte. Hierbei pflegte er den ganzen Körper zu geißeln mittels einer Vereinigung der disciplina sursum (betreffend Kopf und Rücken) und der disciplina deorsum (betreffend Hüften und Beine). Weil die anfänglich von ihm viele Jahre lang benutzten Ruten nicht genug Blut fließen ließen, ließ er gegen sein Lebensende an deren Stelle die stärker schmerzenden und verwundenden Geißelriemen oder Peitschen treten[12].

Wie sein leuchtendes Vorbild auf die, welche nicht alle werden, wirkte, werden wir in anderem Zusammenhange kennen lernen.


Doch die Selbstgeißelung wollte anderen Frommen nicht genügen. Sie zerbrachen sich den Kopf, wie sie sich auf noch wirksamere Weise Unannehmlichkeiten zur höheren Ehre Gottes zufügen und damit der Menschheit noch dienlicher sein könnten. Und siehe da: ihr Eifer wurde von Erfolg gekrönt! Da war besonders einer, der es auf diese Weise zu einer gewissen Unsterblichkeit in der Geschichte der menschlichen Narrheit bringen durfte. Denn seiner Askese, deren Neuheit, wenigstens für das Abendland, noch ein gewisser Einschlag von Sensation eine pikante Note verlieh, blieb die Nachahmung ähnlich hochstrebender Seelen nicht versagt.

Der Eremit Symeon war selbst für seine Zeit ein wunderlicher Heiliger. Als frommer Hirtenknabe war er fürs Mönchleben erzogen worden und hatte bereits während eines dreijährigen Einsiedlerlebens zu Telanissos beispiellose Proben von Selbstkasteiungen abgelegt, mit Stricken um den Leib, mit Ketten, Fasten bis zu 40 Tagen und anderem. Aber das alles genügte ihm nicht. Er wollte dem verhaßten Getriebe dieser sündigen Welt möglichst fern bleiben und erreichte diesen seinen Zweck auf die einfachste und genialste Weise: Zuerst stellte er sich auf eine Säule von 6 Ellen Höhe, dann wählte er eine doppelt so hohe, später eine von 18 Ellen um endlich eine von fast 40 Ellen zu dauerndem Wohnsitz zu erküren. Hier führte er 36 Jahre lang ein luftiges Andachtsleben, um es um das Jahr 460 zu beschließen. Sein Leben machte Schule und es soll noch gar nicht so lange her sein, daß der letzte dieser Säulenheiligen seine Seele — Geist hatte er vermutlich nie besessen — aushauchte[13].

Ein Nachahmer dieses Säulenasketen, Symeon der Jüngere († 596) soll gar 68 Jahre in der Höhe zugebracht haben. Tatsächlich konnten solche Drohnen mit sich auch gar nichts Besseres anfangen, als sich möglichst aus jeder menschlichen Gemeinschaft auszuschließen.


Betrachten wir noch einige Formen dieser erfindungsreichen Männer Gottes! Da war das ewige Schweigen, heute noch von den Trapisten geübt, jeglicher Verzicht auf Körperpflege und Waschwasser, Schlafentziehung usw.

Merkwürdiger als dauerndes Schweigen — schließlich das klügste, was diese Geisteshelden tun konnten — und als die anderen Formen der Selbstpeinigung ist die Askese des ewigen Weinens, die seit den Zeiten Justinians modern wird. Reichlichstes Tränenvergießen schien diesen Männern — einem Isidor von Melitene, Paul von Anarzarbus, Georg von Skythopolis u. a. — zum höchsten geistlichen Lebensbedürfnis unerläßlich. Köstliches wird da vom Abte Joseph von Bêth Abhê berichtet: so oft er Gras und Blumen sah, konnte er seinen Tränenstrom kaum zurückhalten, weil ihm Jesaj. 40, 6 und 1. Pet. 1, 24 in den Sinn kamen[14]!

Übrigens war die Kunst, immer weinen zu können, wann man wollte, die gratia lacrimarum, das ganze Mittelalter hindurch hoch geschätzt.

Wohl die armseligste Art der Askese ist die, welche die Freude an der Natur in Acht und Bann tut. So wird von einem Mönch in den ersten christlichen Jahrhunderten erzählt, daß er sich, sooft er in den Garten ging, das Gesicht verhüllte, damit der Anblick der Bäume nicht seinen Geist störe[15]!

Welch trauriger Tropf!

Aber gerne geben wir zu, daß jeder Grashalm, jedes Sandkörnchen mehr Reiz bietet, als die damalige Art über religiöse Gegenstände nachzudenken. Wem das vorige Kapitel diese Erkenntnis nicht beigebracht hat, dem ist nicht zu helfen.

Übrigens ist man noch im 16. Jahrhundert auf den Pfaden des obigen idiotenhaften Mönches gewandelt, wie ja die Dummheit mit der Wahrheit das gemeinsam zu haben scheint, daß beide unsterblich sind.

Der Jesuit Petrus Canisius warnte davor, die Schönheit einer Gegend zu bewundern, da aus zu großer Freiheit der Seele Gefahren entstehen. Das Leben ist ein Kampf; bestehen kann ihn nur, wer mit scheuem und gesenktem Blick, unter Abtötung und Kasteiung, auf dieser Erde wandelt. Der gefährlichste Gegner der Seele ist der Leib, an den sie gekettet. Das vornehmste Werkzeug des Teufels das Weib, die personifizierte Verführung, gegen die nur die äußerste Vorsicht schützen kann. »O wie große Narren sind diejenigen, die aus diesem Jammertal ein Paradies machen wollen!« Der Mensch darf sich an nichts freuen und ergötzen, da alles ein Werk des Teufels sein könnte[16].

Hier sehen wir noch einmal in der einfachsten Formel dieselben Gedankengänge, die zu Resultaten führten, wie wir sie oben kennen lernten! So wenig vermag die Dummheit Mittel und Absicht zu unterscheiden! Aus dem berechtigten Bestreben durch Bekämpfung der Sinnenlust Kräfte für höhere Aufgaben freizumachen, wird ein unausgesetztes Ringen mit der Sinnlichkeit, ein Kampf, der für nichts anderes mehr Kräfte frei läßt. Aus dem Wunsche, sich abzuhärten, an Entbehrungen und Schmerzen zu gewöhnen, um dadurch nicht durch kleine Unbequemlichkeiten sich ständig den Lebensgenuß zu trüben, also aus der Absicht einer Steigerung des Lebensgenusses, wird dessen völlige Unterdrückung. Und endlich führte Christi Lehre, die durch den Auferstehungsglauben die Todesfurcht bekämpfen sollte, also im eminentesten Sinne dazu bestimmt war, das Leben freudig zu machen, da es den Gedanken an dessen Ende, das ja manchem Hasenfuß jedes Mahl gleich dem Schwerte des Damokles vergällen mag, fortnahm, dazu, daß die Menschen ein solches Dasein führten, daß sie den Tod nur als willkommene Erlösung betrachten konnten.

So gewaltig ist die Macht der Dummheit!

Nun wollen wir noch zum Schlusse dieses Abschnittes an einer Klosterregel zeigen, wie alle die oben angeführten Torheiten zu einem System vereint mit Hinzunahme der blödesten Gebetsaskese dazu bestimmt waren, das ganze Leben auszufüllen und dadurch zu zerstören. Wie diese Denkweise aus Leuten, die vielleicht Brauchbares hätten leisten können und jedenfalls hinter dem Pflug oder in der Spinnstube auch geleistet hätten, Drohnen erzog, denen als besonderes göttliches Gnadengeschenk eine so groteske Dummheit verliehen war, daß sie nicht nur meinten ein Gott wohlgefälliges Werk zu tun, ihre Seele auf unermeßliche himmlische Freuden vorzubereiten, sondern auch noch die Sünden der Menschheit abzubüßen sich berufen fühlten.

Bei Aufhebung der Klöster, und vielleicht da und dort noch heute, war der Tageslauf einer Nonne, wenigstens bei den Klarissinnen in München, folgender:

Nachts um 1/212 Uhr wird die Nonne geweckt, punkt 12 Uhr beginnt die Matutin, die fünfviertel Stunden, an Festtagen aber volle zwei Stunden dauert, weil dann die Laudes und das Te Deum gesungen werden. Nach 2 Uhr müssen alle Nonnen wieder in ihren Betten liegen und zwar bis 51/4 Uhr. Dann werden alle geweckt und müssen das hochwürdigste Gut besuchen.

Um 3/46 Uhr gibt die Priorin das Zeichen zur Meditation (Betrachtung). Sie geht sogleich von Zelle zu Zelle um nachzusehen, ob jede Nonne vor ihrem Altärchen kniet und ihren Betrachtungen obliegt. Diese dauern eine halbe Stunde, an Feiertagen aber eine viertel Stunde, weil die Prim um 6 Uhr beginnt.

Die Prim fängt täglich um ein Viertel nach 6 Uhr an, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 6 Uhr. Nach derselben wird in das Kapitel gegangen, wo die Abgestorbenen vorgelesen und für sie das Seelen-Offizium (Officium de profundis) gebetet wird.

Die Kapiteltage sind Montag, Mittwoch und Freitag, ferner Samstag, falls an diesem Tage nicht gebeichtet wird.

Das Zeichen zur ersten heiligen Messe wird mit der Glocke um Viertel nach 7 Uhr gegeben, an Sonn- und Feiertagen aber pünktlich um 7 Uhr.

Um 8 Uhr ist die Terz, die während des ganzen Jahres gesungen wird, darauf folgt die zweite heilige Messe und darauf werden die Sext und die Non psalliert. Hierauf kann jede Nonne bis um 101/4 Uhr ihrem Amt oder Arbeit nachgehen oder in ihrer Zelle arbeiten.

An Sonn- und Feiertagen tritt insofern eine Änderung ein, als nach der Terz eine Predigt mit Hochamt gehalten wird. An den Ordensfesten wird nach dem Gottesdienst eine Exhortation im Speisesaal vom Beichtvater gehalten. An den Festtagen werden die Laudes, Prim, Vesper und Komplet gesungen, während an den Werktagen die Äbtissin oder Priorin das Recht hat von einer gesungenen Vesper zu dispensieren und sie nur beten zu lassen.

Um ein Viertel nach 10 Uhr wird das erste Glockenzeichen zu Tisch gegeben, worauf jede Nonne in ihrer Zelle das »Partikular-Examen« macht, das die Priorin, wie bei der Meditation, von Zelle zu Zelle wandernd kontrolliert. Nach Beendigung dieses Examen besuchen alle das hochwürdigste Gut und begeben sich dann in den Speisesaal.

Um 1/211 Uhr setzen sich alle an die Tische und bleiben dort eine oder höchstens fünfviertel Stunden lang. Während des Mittagsmahles werden die Ordensregeln, die Lebensgeschichten der Heiligen und auch Predigten gelesen.

Wird nicht vom Lesen dispensiert, was einmal die Woche geschieht, dann muß eine Frau bei Tisch bedienen. In letzterem Falle darf nur eine Viertelstunde lang gelesen werden und die bei Tisch bedienende Frau wird von einer Schwester abgelöst.

Nach beendetem Mittagsmahl wird wieder das hochwürdigste Gut besucht und dann geht jede Nonne an ihr Amt oder ihre Arbeit.

An Fasttagen wird unter dem Beten des Psalmes Miserere nach dem Chor gegangen und dort das Tischgebet vollendet. Nach demselben nehmen die Nonnen ihr Tischzeug weg und verwahren es, während die jüngeren Frauen abnehmen und alles in Ordnung bringen.

Wenn eine lange Vigil gehalten wird, so fängt sie um 2 Uhr an, worauf die Laudes gesungen werden, die Vesper aber nur psalliert wird.

Alle Tage ist die Vesper gewöhnlich um 3 Uhr nachmittags.

An Sprechtagen dürfen die Klosterfrauen ohne besondere Anfrage bei der Priorin im Garten spazieren gehen, sooft sie Zeit haben, auch dürfen sie im Winter im Winterrefektorium (Speisesaal) und im Sommer im Sommerrefektorium sich zur Arbeit versammeln und erhalten dann ihren Abendtrunk. An Fasttagen aber darf keine Frau im Garten spazieren gehen ohne besondere Erlaubnis der Priorin. Das gleiche gilt auch von der Versammlung im Refektorium. Eine solche Versammlung findet nachmittags von halb drei bis 3 Uhr statt, wenn die Äbtissin einen Abendtrunk bewilligt.

An den Muttergottestagen findet um 1/23 Uhr Prozession statt, danach musikalische Vesper nebst Litanei. Nach deren Beendigung ist bis halb 5 Uhr Gebetstunde.

Wird nur eine kurze Vigil gehalten, dann wird sie nach der Vesper psalliert. An allen Schweigetagen wird die Gebetstunde von 3/44 Uhr bis 1/25 Uhr gehalten und zwar von jeder Klosterfrau in ihrer Zelle. Die Priorin gibt hierzu das Zeichen und sieht in den Zellen nach. Im Winter, sowie an Beicht- und Kommuniontagen wird diese Gebetstunde im Chor gehalten.

Um 1/25 Uhr wird das erste Zeichen zum Nachtmahl gegeben, worauf das hochwürdigste Gut wieder besucht wird. An Schweigetagen wird um 3/45 Uhr, an den Sprechtagen um 5 Uhr zu Tisch gegangen.

An den Schweigetagen wird zweimal zu den besonderen Schweigestunden geläutet. Diese Stunden sind von 1-2 Uhr nachmittags und vom Abend 6 Uhr bis zum anderen Morgen nach der Prim. Binnen dieser Zeit darf niemand etwas sprechen.

An allen Beichttagen, dann an Sonn- und Feierabenden, ist die Gebetstunde zum zweiten Mal bis 1/27 Uhr auf dem Chor und dann die Lektion im Konvent. Diese dauert eine halbe Stunde und auf sie folgt die Komplet.

Alle Nonnen müssen wöchentlich einmal beichten und kommunizieren, falls aber in eine Woche ein Feiertag fällt, so auch an diesem. Abwechslungsweise müssen aber alle Tage drei Nonnen beichten und die Kommunion empfangen.

Nach beendetem Komplet wird das nächtliche Examen eine Viertelstunde lang gehalten und zwar in der Zelle einer jeden Klosterfrau und unter der Kontrolle der Priorin. Hierauf wird das höchste Gut zum letzten Male besucht.

Um 8 Uhr abends müssen alle Nonnen in ihren Betten ruhen, was ebenfalls die Priorin kontrolliert. Sie sieht auch manchmal während des Schlafens nach und weckt diejenigen liebreich aus dem Schlafe, die allenfalls unanständig in ihren Betten liegen. Geschieht das bei einer oder der anderen Nonne öfters, so wird sie gebüßt.

Es war verboten im Bett auf dem Rücken zu liegen, vielmehr sollte die Nonne auf der rechten oder auf der linken Seite schlafen.

Der Gebrauch des Papiers auf dem Abort ist nicht erlaubt[17].

An Strafen gab es zur Ertötung der Fleischeslust — die schon dadurch bekämpft wurde, daß die Klarissinnen niemals Fleisch aßen — die große Disziplin, bestehend in 300 Geißelhieben und die kleine Disziplin mit 36 Geißelhieben. Außerdem wurde der stachliche Bußgürtel auf den bloßen Leib gelegt.

Außer den anbefohlenen Bußen war jede Nonne gehalten bei Jahresanfang der Äbtissin schriftlich anzuzeigen, welche Bußen und guten Werke sie noch freiwillig auf sich nehmen wolle. Zur Einhaltung der freiwillig übernommenen Verpflichtungen war sie bei schwerer Sünde in ihrem Gewissen verpflichtet.

Das Formular einer solchen Anzeige lautete:

Ich nehme mir mit der Gnade Gottes vor, nebst der Verrichtung der sonst alle Jahre gewöhnlichen Gebete, Klosterandachten, Abstinenzen und Bußwerke in den Fasten

1. wöchentlich einmal die Bußpsalmen und die Litanei von allen Heiligen, auch einmal den Kreuzweg zu beten,

2. alle Mittwoch, Freitag und Samstag des Salates mich zu enthalten, wie auch mir einen kleinen Abbruch im Essen zu machen,

3. in jeder Woche an einem Tage den Bußgürtel zu tragen, alle 14 Tage die kleine, am heiligen Karfreitag aber die große Disziplin zu machen usw.

Außer den Fasten

1. inner- und äußerliche kleine Abtötungen,

2. alle 14 Tage einmal den Bußgürtel ein oder zwei Stunden lang zu tragen,

3. an gewöhnlichen Festtagen und jenen meiner besonderen Patrone die kleine Disziplin vorzunehmen usw.[18]


Übrigens leistete auch der Protestantismus bisweilen Erkleckliches auf dem Gebiete der künstlichen Lebensverschandelung.

So gab es Pietisten, die nicht nur Theaterbesuch, weltliche Spiele und regelmäßigen Besuch von Wirtshäusern verboten, sondern auch das Tabakrauchen, den fröhlichen Trunk im Freundeskreise, ja man focht das Lachen und das Spazierengehen als mit dem christlichen Lebensernst unverträglich an. A. H. Francke aber verbot den Kindern sogar das Spielen, wenigstens in den Räumen des Schulgebäudes[19].

III. Kapitel
 
Der Hexen- und Teufelswahn in der Mittelalterlichen Kirche

Die moderne Weltanschauung betrachtet alles Geschehen als Naturgesetzen unterworfen. Überall herrscht die lückenlose Kausalität. Keine Ursache ohne Wirkung, keine Wirkung ohne Ursache und zwar eine Ursache, die natürlich ist und unter sonst gleichen Umständen genau dieselbe Wirkung hervorruft. Das Experiment des Naturforschers hat diese Weltanschauung zur notwendigen Voraussetzung. Denn welchen Wert hätte alles Experimentieren, wenn die Möglichkeit bestände, daß trotz genau gleicher Bedingungen die Wiederholung einer Untersuchung ein anderes Resultat lieferte? Kommt bei verschiedenen Versuchen nicht jedesmal genau dasselbe Ergebnis heraus, dann ist nach unserer Weltanschauung der einzig zulässige Schluß der, daß die Versuchsbedingungen eben doch nicht genau gleich waren, daß das Material geringe Differenzen aufwies, die Wärme verschieden war, die Versuchsdauer variierte und was noch dergleichen Möglichkeiten mehr sein mögen.

Was für den Physiker, Chemiker, Elektriker gilt, hat auch seine Gültigkeit in allen anderen Naturwissenschaften, nur daß in einigen von ihnen — etwa in der Medizin — die Vorbedingungen des Experimentes nie mit der absolut erforderlichen Genauigkeit herstellbar sind, weil es sich eben um lebende Wesen handelt, die immer mehr oder minder voneinander abweichen. Sieht der Arzt einen Fall von Geisteskrankheit, so wird er keinen Augenblick zögern, die Ursache dafür im Inneren des Patienten, in seinem Gehirn zu suchen. Die krankhafte Störung des Gehirnes aber, deren Folge eben die Wahnerscheinungen sind, wird er je nachdem auf Alkoholmißbrauch, Lues, Verkalkung der Arterien oder sonst eine natürliche Ursache zurückführen. Was dem wissenschaftlichen Menschen als Ursache völlig fern liegt, was er als unmöglich abweist, ist das Wunder, d. h. die Durchbrechung der naturgesetzlichen Kausalität durch eine außer- oder übernatürliche Kraft, mögen wir sie nun Gott, Teufel oder Dämonen nennen.

Primitive Zeiten dachten anders und mußten auch anders denken. Gewiß hatte man in so und so vielen Fällen die regelmäßige Aufeinanderfolge bestimmter Vorgänge beobachtet und dies in einen Kausalzusammenhang gebracht; etwa die zunehmende Wärme im Frühling und die darauf zurückzuführende Entfaltung der Vegetation, oder die Einwirkung der Wärme auf den Aggregatzustand der meisten Stoffe u. a. m. Aber diese Beobachtungen waren nicht sehr zahlreich und die Interpretation sehr häufig irrig. Sah man z. B. den Mond in einer klaren kalten Winternacht, so folgerte man die Kälte aus seiner Einwirkung, während umgekehrt eine Folge der Kälte und der dadurch verhinderten Nebelbildung seine größere Sichtbarkeit ist. Oder sah ein Naturvolk die Schmetterlinge in der größten Tageshitze am zahlreichsten fliegen, so folgerte es daraus, daß der Flug dieser Insekten die Hitze hervorrufe, um so mehr, als sie gegen Abend zugleich mit der Sonne verschwinden. So wurde der Schmetterling Herr des Tages und ihm eine wunderbare Macht beigelegt.

Die Folge der geringen Kenntnisse der Naturgesetze mußte sein, daß man überall, wo etwas nicht sofort erklärlich war, nicht nach ihnen suchte, da sie ja doch nur in den seltensten Fällen genügende Auskunft hätten geben können, sondern nach übersinnlichen Ursachen. Bald war es das unmittelbare Eingreifen Gottes, bald das des Teufels, seines Gegners, der in einer Welt, die lediglich nach gut und böse gewertet wurde, Urheber des letzteren sein mußte. Dazu kamen Zauberer und Hexen.

Das alles ist durchaus nicht dumm, sondern nur unwissend. Und es wird desto entschuldbarer, als die höchste Instanz, die Bibel, sowohl im Alten, als im Neuen Testament soundsooft von einem leibhaftigen Teufel spricht, wie von Dämonen, Engeln und Hexen.

Anders müssen wir diese naive Denkweise beurteilen zu einer Zeit, wo die Naturwissenschaften bereits so fortgeschritten sind, daß sie in den meisten Fällen eine zureichende Erklärung der Erscheinungen bieten können.

Das war aber bereits im 16. Jahrhundert bei uns der Fall. Hatte sich doch gegenüber der äußerst dürftigen Kenntnis der Natur im frühen Mittelalter, im 16. und besonders noch im 17. Jahrhundert das Wissen von ihr ganz außerordentlich vermehrt. Wir können es verstehen, wenn das Volk, das doch von den Forschungsergebnissen der Gelehrten nur eine sehr verschwommene Kenntnis besitzt, am Aberglauben festhält, dazu neigt Natürliches, dessen Kausalität es nicht kennt, übernatürlich zu erklären. Dafür müssen wir jedoch erwarten, daß die intellektuellen Instanzen, die Kirche, die Obrigkeit, die Theologen, die ganze Gelehrtenwelt alles aufbietet, um nach der Richtung der natürlichen Erklärung des Weltgeschehens zu wirken.

Gerade diese sind dazu berufen in Fällen, die an sich vielleicht die Wahl zwischen den Möglichkeiten der natürlichen und übernatürlichen Erklärung zuließen, alles daranzusetzen, der ersteren Vorschub zu leisten, im Sinne der Aufklärung und Befreiung vom Alb des Aberglaubens. Selbst wenn sie von der Existenz der Hexen und Zauberer theoretisch überzeugt wären, so müßten sie bestrebt sein, in der Praxis deren Wirkungsbereich nach Tunlichkeit einzuschränken und damit den Weg verfolgen, den vor ihren Augen die Wissenschaft seit Jahrhunderten eingeschlagen hat. Wir sehen aber das Gegenteil! Gerade in dieser Zeit wurde die Hexentheorie am wahnwitzigsten ausgebildet und mit Gewalt verbreitet.

Die Dummheit besteht also in erster Linie darin, daß wir die Autoritäten in kulturhemmender Weise und dem Fortschritt der Naturwissenschaften entgegen arbeitend, am Werke sehen. Statt die natürliche Deutung zu fördern, selbst auf die Gefahr hin, eine Hypothese aufzustellen, die ihrem Bereich weitere Grenzen steckt, als der damalige Zustand der exakten Wissenschaft gestattete, wird sie bekämpft. Aber selbst wenn es wirklich Zauberei je gegeben hätte, wäre es weit klüger gewesen, diese Tatsache zu ignorieren, als durch Aufwerfung der Frage neuerdings Unruhe in ein sich beruhigendes Volk zu tragen und zahlreiche Menschen Qualen und dem Tode auszuliefern.

Um es nochmals mit allem Nachdruck zu betonen: der Glaube an Teufel und Zauberei ist allen primitiven Völkern gemeinsam. Er schwindet erst mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften. Auch die Antike war von diesem Wahn nicht frei und Christus teilte ihn gleichfalls. Während er aber im Neuen Testament einen winzigen Raum einnimmt, während wir genötigt sind, die bescheidenen naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Antike und der ersten Hälfte des Mittelalters als hinreichende Entschuldigung anzuführen, fällt dies für die neuere Zeit fort. Da ist es die Autorität des Papsttums und die der Bibel, die ihn festhalten, während die Erleuchtetsten der Zeit ihn längst innerlich überwunden hatten, ja, während das niedere Volk ihn, wie die Prozeßakten lehren, bereits anfängt aufzugeben. Da ist es das Kirchenregiment, das ihn mit Gewalt einem sich von mittelalterlichem Aberwitz befreienden Volke aufzwingt, ungezählte Tausende ihm zuliebe auf die grausamste Weise hinschlachtet.

Gerade in dem Augenblick, in dem die Naturwissenschaften diese Irrlehre überwunden haben, wird sie päpstlicherseits neuerdings in ein System gebracht und mit einem Eifer verfochten, wie ihn die Kirche für eine gute Sache kaum je aufzubringen vermocht hatte.

Ein Analogon finden wir in der Anti-Modernistenbewegung der Gegenwart. Es ist ganz sonnenklar, daß die Kirche in ihrer gegenwärtigen Verfassung und mit starrem Festhalten an längst veralteten Glaubenslehren dem Untergange in dem Sinne verfallen ist, daß sie aufhören wird, die geistig Reifen zu befriedigen. Um das gänzliche Hinabsinken in den Paganismus zu verhüten, der alten Form neues Leben einzuflößen, nicht auf Schritt und Tritt die Inferiorität der christlichen gegenüber den profanen Wissenschaften merken zu lassen, haben gläubige und kluge Männer versucht, dem modernen Geist bei aller Wahrung des prinzipiellen katholischen Standpunktes die nötigen Konzessionen zu machen. Sie revidierten den Glauben an die Verbalinspiration der Bibel, legten die kritische Sonde an ihre historischen Berichte an, leuchteten in die Geschichte der kirchlichen Dogmen und Institutionen hinein, kurz begannen jene Modernisierungsarbeiten, die bei einer so uralten Organisation, wie die Kirche ist, sicherlich ebenso notwendig ist, wie die Restauration eines alten Domes.

Das wäre in früheren Jahrhunderten kaum erforderlich gewesen, da damals die historische Textkritik noch nicht einmal in ihren Anfängen existierte, die profanen Wissenschaften noch wenig entwickelt waren und das Volk gläubig hinnahm, was ihm die kirchliche und weltliche Obrigkeit hinzunehmen befahl. Das lehrt etwa die Geschichte der sogenannten Konstantinischen Schenkung, die erst Laurentius Valla als Fälschung nachwies, ohne damit eine tiefe Wirkung zu erzielen. Jetzt aber ist bei dem völlig veränderten Zeitgeist die Notwendigkeit zwingend und alle Verständigen sehen sie auch ein.

Dies ist nun, wie im Falle des Hexen- und Teufelsglaubens, der Augenblick, in dem das Papsttum mit seinem unheilvollen, im eminentesten Sinne kulturfeindlichen Einfluß einsetzt. Und zwar durch die verschiedenen Motu proprios gegen die »Modernismus« genannte, oben gekennzeichnete Bewegung, die zwar nirgends so existiert, wie der Papst sie sich vorstellt, immerhin aber ähnliche Tendenzen verfolgt.

Da wir auch in diesem Falle dem »Statthalter Christi« keine gemeine, auf den Untergang der Kirche und die Schädigung der Kultur hinauslaufende Gesinnung zuschreiben können und dürfen, sind wir gezwungen, die Dummheit in höchster Potenz als Milderungsgrund anzuführen.

Eigentlich brauchte niemand die Kirche anzugreifen, solange ein Pius X. an ihrer Spitze steht. Schädigt dieser Papst sie doch viel nachdrücklicher, als es der fanatischste Kirchengegner je vermöchte.

Sehen wir uns nun einmal den Teufels- und Hexenglauben an, wie ihn die Kirche ausbildete und lehrte und zum Teil heute noch, wie das Nachstehende beweisen wird, vertritt!

Wenn Gregor IX., der leidenschaftliche Feind des Hohenstaufengeschlechtes, in seiner Bulle Vox in Rama vom 13. Juni 1233 den Tod derer fordert, die sich mit dem »Frosch- und Kater-Teufel so groß wie ein Backofen« eingelassen haben, dann werden wir diese Dummheit zwar belächeln, aber mit der Zeit entschuldigen.

Das kann man vielleicht noch für den Aberglauben Papst Johann XXII. (1316-1334) anführen, der in seiner Bulle Super specula in hochtönenden Worten den größten Blödsinn offenbart. Dieser Statthalter Christi überbot sich selbst an tollem Aberglauben. Man hatte ihm weisgemacht, es gäbe ein Schlagenhorn (cornu serpentinum), mittels dessen Gift entdeckt werden könne. Er läßt es sofort kommen und verpfändet für diesen unschätzbaren Wertgegenstand seiner Besitzerin alle seine bewegliche und unbewegliche Habe. Zugleich bedroht er jeden mit dem Banne, der sich dieses Schlagenhorn widerrechtlich aneignen will. Im Jahre 1317 schreibt er: »Gottes Barmherzigkeit habe in seine Hände drei Zauberbilder gelangen lassen, durch deren Durchstechung diejenigen Personen, auf deren Namen diese Bilder getauft seien, getötet wurden.« Er hatte folgerichtig für sich selbst auch immer die größte Angst vor jemand, der die Wachsbilder mit seinem Bildnis durchstechen würde, so daß er stürbe. Übrigens hielt sich dieser Glaube in Italien noch im 18. Jahrhundert, wie aus Casanovas Mailänder Erlebnis hervorgeht.

Daß dieser Wahn praktisch die übelsten Folgen haben konnte, lehrt das Beispiel des Magister Gerardi, Bischofs von Cahors. Weil er auf diese Weise dem Papst nach dem Leben getrachtet haben soll, wird er nach Avignon zitiert, für schuldig befunden, degradiert und verbrannt. Es ist kein Wunder, daß mancher es versuchte, seinen Gegner auf so einfache Weise zu beseitigen und verschiedene derartige Fälle sind aus der politischen Geschichte bekannt. Sicherlich muß die böse Absicht scharf bestraft werden. Sie wäre so schwer zu beurteilen, wie etwa ein Mordanschlag mit einem Revolver, dessen Patrone ohne Wissen des Attentäters entfernt wurde. Wir können es daher dem Papst gewiß nicht verübeln, daß er ein strenges Gericht hielt, denn wenn der Bischof Gerardi wirklich solche Absicht gehegt hatte, war er ein Verbrecher. Wohl aber nehmen wir mit Befremden Kenntnis vom Irrwahn des Hauptes der Christenheit.

In einer Bulle vom 4. November 1330 spricht Innozenz XXII. von schriftlichen Verträgen mit dem Teufel, von Teufelsanbetung, sowie von Zauberbildern, durch die der Teufel herbeigerufen werden könne. Auf dem gleichen Standpunkt steht auch Eugen IV. in einem Rundschreiben an die Inquisitoren vom Jahre 1437.

Mittelalter! wird man sagen. Gut.

Statt nun aber eine Abnahme des Wahnes zu beobachten, müssen wir dessen Steigerung konstatieren, ja einem Innozenz VIII. — welcher Hohn liegt in diesem Namen! — blieb es vorbehalten, in den religiösen Teufelsspuk auch noch das geschlechtliche Moment einzuflechten und damit an Blödsinn und Ekelhaftigkeit etwas zu erzeugen, was länger fortleben sollte, als seine 16 unehelichen Kinder[1].

Im Jahre 1484 erschien die Hexenbulle, also zu einer Zeit, als Leonardo da Vinci und Regiomontanus wirkten, Kopernikus schon geboren war.

Die Hexenbulle (Summis desiderantes), eines der fluchwürdigsten Erzeugnisse der Menschheitsgeschichte, lautet:

»Mit glühendem Verlangen, wie es die oberhirtliche Sorge erfordert, wünschen wir, daß der katholische Glaube wachse und die ketzerische Bosheit ausgerottet werde. Deshalb verordnen wir gerne und aufs neue, was diese unsere Wünsche zum ersehnten Ziele bringt. Nicht ohne ungeheuren Schmerz ist jüngst zu unserer Kenntnis gekommen, daß in einigen Teilen Deutschlands, besonders in der Mainzer, Kölner, Trierer, Salzburger und Bremer Gegend sehr viele Personen beiderlei Geschlechts, uneingedenk ihres eigenen Heils und abirrend vom katholischen Glauben, sich mit Teufeln in Manns- oder Weibsgestalt (cum daemonibus incubis et succubis), geschlechtlich versündigen und mit ihren Bezauberungen, Liedern, Beschwörungen und anderm abscheulichen Aberglauben und zauberischen Ausschreitungen, Lastern und Verbrechen die Niederkünfte der Weiber, die Leibesfrucht der Tiere, die Früchte der Erde, die Weintrauben und die Baumfrüchte, wie auch die Männer, die Frauen, die Haustiere und andere Arten von Tieren, auch die Weinberge, die Obstgärten, die Wiesen, die Weiden, das Getreide und andere Erdfrüchte verderben und umkommen machen, auch peinigen sie die Männer, die Weiber, die Zug-, Last- und Haustiere mit fürchterlichen inneren und äußeren Schmerzen und verhindern die Männer, daß sie zeugen, die Weiber, daß sie gebären, und die Männer, daß sie den Weibern, und die Weiber, daß sie den Männern die eheliche Pflicht leisten können. Auch verleugnen sie den Glauben, den sie in der Taufe empfangen haben, mit meineidigem Munde. Ferner begehen sie überaus viele schändliche Verbrechen, Sünden und Laster auf Anstiften des Feindes des Menschengeschlechtes, zum Schaden ihrer Seelen, zur Beleidigung der göttlichen Majestät, zum Ärgernis vieler. Und das geschieht, obwohl unsere geliebten Söhne, Heinrich Institoris für die obengenannten Teile Deutschlands und Jakob Sprenger für gewisse Striche am Rhein, beide Mitglieder des Predigerordens und Professoren der Theologie, durch apostolische Briefe zu Inquisitoren bestellt worden sind und noch sind. Dennoch scheuen sich einige Geistliche und Laien jener Länder nicht, da sie mehr verstehen wollen, als nötig ist, halsstarrig zu behaupten, weil in den Bestallungsbriefen (dieser Inquisitoren) einige Diözesen, Städte und Orte, auch einige Personen und ihre Ausschweifungen und Laster nicht namentlich genannt sind, diese auch nicht inbegriffen seien, so daß diese Städte und Orte den genannten Inquisitoren auch nicht unterständen, so daß sie dort ihr Amt nicht ausüben und dort ihre Strafen nicht verhängen könnten. So bleiben denn zum augenfälligen Schaden der Seelen und zur Gefahr des ewigen Seelenheils in diesen Gegenden solche Verbrechen straflos. Wir aber, indem wir alle und jede Hindernisse, durch welche die Ausübung des Inquisitorenamtes auf irgendeine Weise verzögert werden könnte, aus dem Wege räumen, damit die Seuche der Ketzerei und anderer solcher Verbrechen ihr Gift zum Verderben der Unschuldigen nicht ausbreiten könne, wollen, wie es unser Amt erfordert, taugliche Hilfsmittel anwenden, da der Glaubenseifer uns dazu antreibt. Damit sich nun nicht ereigne, daß die obengenannten Länder ohne das notwendige Inquisitionsamt seien, so setzen wir aus apostolischer Vollmacht fest, daß den genannten Inquisitoren gestattet sei, ihr Amt dort auszuüben, und daß sie die Bestrafung dieser Verbrechen vornehmen können, als ob diese Länder, Städte, Orte namentlich aufgeführt wären. Und indem wir aus größerer Sorgfalt diese Bestallung auf die genannten Länder ausdehnen, gestatten wir den genannten Inquisitoren, daß sie und jeder von ihnen, unter Zuziehung unseres geliebten Sohnes Johann Gremper, Magister aus der Konstanzer Diözese, in den genannten Länderstrichen Alle, die sie der genannten Verbrechen schuldig befunden haben, nach ihren Verbrechen züchtigen, einkerkern und am Leib und Vermögen strafen können; auch gewähren wir diesen Inquisitoren freie Vollmacht in allen Kirchen, sooft es ihnen gut scheint, das Wort Gottes zu predigen und Alles und Jedes, was dazu nützlich erscheint, zu tun. Wir befahlen durch apostolische Schreiben dem Bischof von Straßburg, daß er, sooft er von diesen Inquisitoren ersucht wird, es öffentlich kund tun soll, daß sie in nichts und von niemand beeinträchtigt und gehindert werden. Alle aber, die sie hindern, weß Amtes sie auch seien, sollen von ihm durch Exkommunikation, Suspension und Interdikt und andere noch schrecklichere Strafen, ohne jede Berufung, gebändigt werden, und, wenn nötig, soll gegen sie der weltliche Arm angerufen werden: Keinem Menschen soll es erlaubt sein, dies unser Schriftstück zu verletzen oder in frevelhaftem Wagnis diesem entgegen zu handeln. Wenn aber jemand dies versuchen sollte, so wisse er, daß er den Zorn des allmächtigen Gottes und der Apostel Petrus und Paulus auf sich geladen hat. Gegeben zu Rom bei St. Peter, im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1484, im ersten unseres Pontifikats am 5. Dezember«[2].