The Project Gutenberg eBook of Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit

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Title: Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit

Author: Max Kemmerich

Release date: May 31, 2025 [eBook #76196]

Language: German

Original publication: München: Albert Langen, 1912

Credits: Iris Schröder-Gehring, Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER GESCHICHTE DER MENSCHLICHEN DUMMHEIT ***

Seite IAus der Geschichte der menschlichen Dummheit

Seite IIVon Dr. Max Kemmerich erschien im Verlage von Albert Langen:

 

Seite IIIAus der Geschichte
der
menschlichen Dummheit

Von

Dr. Max Kemmerich

 

 

Albert Langen

Verlag für Literatur und Kunst

München

Seite IVCopyright 1912 by Albert Langen, Munich

Inhaltsverzeichnis

  Seite
  Vorwort     VII
1. Kapitel: Die Bibel als Maßstab der Wahrheit 1
2. Kapitel: Die Askese 43
3. Kapitel: Der Hexen- und Teufelswahn in der mittelalterlichen Kirche 72
4. Kapitel: Der Kampf um die religiöse Dummheit 111
5. Kapitel: Religiöse Zwangserziehung 154
6. Kapitel: Der Teufel in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart 192
7. Kapitel: Die heilige Garderobe und ähnliches 211
8. Kapitel: Die Dummheit der Massen 234
  Literaturnachweis 286

Vorwort

Eine Geschichte der menschlichen Dummheit zu schreiben überstiege meine Kräfte: sie müßte umfangreicher werden, als die chinesische Enzyklopädie. Darum begnüge ich mich mit diesem Streifzuge, der einem ganz bestimmten Gebiete gilt. Der Zufall war es nicht, der mich leitete.

Nicht nur dem Vorwurfe der Unvollständigkeit sehe ich mit Gemütsruhe entgegen. Auch auf den andern bin ich gefaßt: was mir dumm erschiene, sei so fabelhaft gescheit, daß ich es nur nicht verstünde.

Nun — jedem Narren gefällt seine Kappe.

München, im Mai 1912

Der Verfasser

 

I. Kapitel
 
Die Bibel als Maßstab der Wahrheit

Jede Offenbarungsreligion lehrt, daß Gott in eigener Person übernatürliche Wahrheiten oder zum mindesten Wahrheiten von absolutem Werte den Menschen zukommen läßt. Für die Christen sind diese göttlichen Willensäußerungen im Alten und Neuen Testament niedergelegt. Da nun in früheren Zeiten und teilweise auch heute noch die Theologen des frommen Glaubens sind, daß Gott, wenn auch nicht persönlich die Schriften abgefaßt, so doch jedenfalls die Autoren inspiriert habe, ihnen gleichsam in die Feder diktierte, so ist es klar, daß jedem Worte der Bibel die denkbar größte Bedeutung von dieser Seite beigelegt wird.

Der Glaube an Gott, sowie der an Offenbarung — denn wenn Gott existiert, ist nichts näherliegend, als die Annahme, daß er auch mit der Menschheit in Kontakt bleibt, ihr Winke oder Befehle zukommen läßt, sie belohnt und straft, kurz sich ihr oder ihren auserlesensten Vertretern gegenüber irgendwie äußert — mag irrig sein. Daß er nicht töricht ist, bedarf keines Beweises. Und die Annahme, daß die höchsten Wahrheiten nicht etwa in der Zendavesta, den vier Veden, dem Alten Testament oder dem Koran niedergelegt sind, sondern in den Schriften des Neuen Testamentes, versteht sich beim gläubigen Christen von selbst. Denn würde er der Offenbarung einer anderen Religion größeren Wahrheitsgehalt beimessen, dann hätte er aufgehört ein gläubiger Christ zu sein.

Liegt es uns also auch völlig fern den Offenbarungsglauben — ohne ihn zu teilen — für dumm zu halten, so ist der Umfang, in dem der Bibel absolute Autorität in Fragen der Weltanschauung und Lebensführung eingeräumt wird, allerdings ein Gradmesser der Intelligenz.

Wenn frühere Jahrhunderte, unkundig der Natur und ihrer Gesetze, die biblische Kosmologie als lautere Wahrheit hinnahmen, so ist das verständlich. Wenn sie aber auch festgehalten wurde, nachdem unwiderleglich ihre Irrtümlichkeit nachgewiesen war, so läßt uns das hinsichtlich der Bibel nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Entweder beweist die Unstimmigkeit zwischen der Heiligen Schrift und der Wahrheit, daß die ganze Bibel keine Offenbarung ist, wenn wir nämlich annehmen, daß der allwissende, unfehlbare Gott sie quasi diktiert hat, daß es sich also um eine Fälschung handelt, — oder daß Gott zwar die frommen Verfasser der einzelnen Schriften mit seinem Geist erfüllt hat, daß er ihnen aber die Form überließ, beziehungsweise sie als Menschen ihrer Zeit sich auch nur gemäß dem damaligen Wissen ausdrücken konnten. Letztere Annahme hat aber die Konsequenz eines Verzichtes auf die Verbalinspiration der Bibel. Daß Gottes Diktat keine Fehler enthalten kann, ist ebenso klar, wie daß die Schriften selbst der hervorragendsten Männer der Vorzeit nicht dem heutigen Wissen in allen Punkten entsprechen können. Daß Jesus von Nazareth, nach dem Evangelium, das schöne Wort sprach: »der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig«, gibt jenen einen autoritativen Helfer, die ihrer eigenen Vernunft nicht vertrauen.

Wer also in Fragen der Kosmologie, Geologie, Biologie, Geschichte und vieler anderer Gebiete eine Inkongruenz zwischen Bibel einerseits, Vernunft und Erfahrung anderseits erkennt und daraus weder folgert, daß die Bibel als Ganzes keine geoffenbarte Wahrheit sei oder aber, daß er den Umfang der Offenbarung zu weit ausdehnt, der begeht einen Denkfehler.

Wer nun weiterhin aus solchen der Vernunft und Erfahrung widersprechenden Bibelstellen oder gar aus einzelnen Worten weitgehende Schlüsse irgendwelcher Art zieht, sein Leben danach modelt, auf den Gebrauch seines Verstandes verzichtet, sich um sein gutes Recht bringen läßt oder gar sein Leben opfert, der handelt dumm.

Diese Dummheit werden wir nun nicht etwa nur in alter Zeit finden, in der wir sie ja kaum so bezeichnen können, sondern auch noch in der jüngsten Vergangenheit, ja in der Gegenwart. Gibt es doch eine mächtige Richtung, die den durch Fragen der Weltanschauung nicht minder als solche des Wirtschaftslebens hervorgerufenen Kämpfen unserer Zeit dadurch begegnen zu können vermeint, daß sie den biblischen Buchstabenglauben als Panazee anrufen! Wenn diese Männer so handeln gegen besseres Wissen, dann sind sie nicht anständig. Handeln sie so aus Überzeugung, so sind sie dumm. Zudem erzielen sie naturgemäß bei der Intelligenz, auf die es doch allein ankommt, das Gegenteil dessen, was sie bezwecken.

Bekanntlich folgert das Papsttum seine auf Allmacht hinauslaufenden Ansprüche aus der Bibelstelle »Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.« (Matth. 16, 18-19.) Ergänzt wird diese Stelle durch das Wort Christi an den gleichen Apostel »Weide meine Schafe« (Ev. Joh. 21, 16). Zu diesem Mandat des Stifters unserer Religion tritt noch nach kirchlicher Lehre eine historische Begründung des Rechtsanspruches hinzu: Petrus sei der erste Bischof von Rom, der erste Papst, gewesen; sein Geist aber habe sich durch Tradition ungeschwächt erhalten.

Nachdem die Bischöfe von Rom es verstanden haben durch anderthalb Jahrtausende in immer steigendem Maße ihre Ansprüche durchzusetzen, muß man ihrer Intelligenz und ihrer politischen Genialität die größte Bewunderung zollen. Anders aber steht es um die Klugheit der beherrschten Völker.

Lassen wir es ganz dahingestellt sein, ob es nicht für eine Kirche wünschenswert ist eine Spitze zu besitzen, so daß praktische Motive die Errichtung des Papsttums hinlänglich rechtfertigen würden, so scheint es desto wichtiger die römische Begründung des Machtanspruches zu prüfen, bzw. die Bereitwilligkeit, mit der diese Begründung hingenommen wurde, zu beleuchten. Wir lassen dabei auch die Frage offen, ob nicht die angeführten Evangelienstellen Interpolationen sind, die das Papsttum vornahm, um die tatsächliche Machtstellung durch die höchste Autorität zu legitimieren.

Man stelle sich vor: Ein armer Zimmermannssohn verleiht einem armen und nahezu gänzlich ungebildeten Fischer ein Recht, das er selbst nicht besitzt. Denn wenn der Stifter einer Religion denen, die an ihn glauben, auch gewiß für die Ewigkeit, für das Himmelreich, bindende Vorschriften machen kann, es ihnen öffnen oder verschließen darf, da er sich ja hier mit einem gewissen Recht als Herr fühlen kann, so gilt das doch ganz gewiß nicht für die reale, materielle Welt. Daß das Papsttum aber die Herrschaft über diese beansprucht, sich ausdrücklich höher einschätzt, als alle Könige der Erde, ist jedem Geschichtskundigen bekannt.

Also; Jemand verleiht angeblich einem andern ein Recht, das er nicht besitzt. Der andere (Petrus) übt es auch gar nicht aus, ist es doch sehr zweifelhaft, ob er je Bischof von Rom war und wenn, dann war er Oberhaupt einer kleinen und damals noch ganz bedeutungslosen Gemeinde. Und dieser Mann vererbt sein »Recht« auf ewige Zeiten! Man glaubt seinen Nachfolgern — angenommen, die Bischöfe von Rom wären das wirklich — und Könige und Kaiser beugen sich ihnen!

Welche Fülle von Klugheit auf päpstlicher Seite! Welche Dummheit auf weltlicher!

Dieser Fiktion fügen sich die mächtigsten Herrscher, desgleichen ihre Völker. So wird England päpstliches Lehen, Heinrich IV. erscheint als Büßer vor dem Papst, ein Friedrich Barbarossa hält ihm den Steigbügel, er greift in die Wahl der deutschen Könige ein und vernichtet ganze Geschlechter, er verteilt gar die neue Welt als anerkannte höchste irdische Instanz! Diese wenigen, ins Unendliche zu vermehrenden Beispiele sind eines der grandiosesten Beweise für den Sieg der überlegenen Intelligenz über die stultitia hominum.

Die notwendige Voraussetzung dieser über ein Jahrtausend die Weltgeschichte bestimmenden Fiktion, deren praktische Verwirklichung Könige und Völker nur zu sehr am eigenen Leibe erfahren mußten, war aber ein blinder Bibelglaube.

Und wenn es heute noch Leute gibt, die die päpstlichen Ansprüche mit päpstlicher Begründung verteidigen, wenn es den Anschein hat, daß diese Leute sogar Boden gewinnen, dann möchte man an der Zukunft der Menschheit verzweifeln.

Dieser blinde Bibelglaube oder Glaube an die geistliche Autorität kommt auch den Lehrmeinungen und Dogmen zugute. Man interessierte sich infolgedessen in früheren Zeiten für die entlegensten Dinge, soweit sie mit dem Glauben im Zusammenhang standen. Hätte man den gleichen Scharfsinn für Nützliches verwandt, man würde um Jahrhunderte früher die jetzige Kulturhöhe erklommen haben.

Die Wurzel des Übels war und ist zum Teil heute noch die Todesfurcht bzw. die Sorge um das jenseitige Leben der Seele. Daß es eine Unsterblichkeit gibt, kann mit ebenso triftigen Gründen behauptet, wie bestritten werden; aber angenommen sie existiert, so ist doch soviel gewiß, daß wir von ihrer Beschaffenheit nichts Näheres wissen, noch wissen können. Gerade diese Frage aber beschäftigte und beschäftigt gläubige Gemüter zum Übermaß. Und da man es verstanden hatte dieser Form der Feigheit — denn schließlich läuft die ganze Sorge um das Fortleben der Seele auf die Furcht vor dem Nichts hinaus oder auf die noch jämmerlichere in einem vorausgesetzten Jenseits die Verantwortung für seine diesseitigen Handlungen tragen zu müssen — durch Erhebung zur »Religiosität« oder »Frömmigkeit« das Mäntelchen der Tugend umzuhängen, so galt es auch noch für verdienstvoll sich über die größten das Jenseits betreffenden Nichtigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Hier stets im Rahmen des Dogmas und der Bibel zu bleiben, Erfahrung und Vernunft nicht allzusehr zu verletzen, war gewiß nicht immer leicht.

Ist es schon eine Dummheit auf unlösliche Fragen Zeit und Energie zu verwenden, so wird sie dadurch gewiß nicht geringer, daß Jahrhunderte ihr huldigten. Die Zeit der Scholastik aber hatte es sich zur Aufgabe gestellt Glauben und Vernunft in Einklang zu bringen. Was nicht erreichbar war — und das war sehr vieles, etwa die Dreiheit des Monotheismus, die unbefleckte Empfängnis, die leibliche Auferstehung und Himmelfahrt Christi, die Verwandlung von Wein in Blut, von Brot in den Leib des Heilandes u. a. m. — das wurde als »Wunder« angestaunt. Und das geschieht auch heute noch von ungezählten Millionen.

Gewiß hat die Scholastik auch das Denkvermögen verfeinert, aber sie schliff eine Waffe, nicht um sie im Kampfe gegen die Rätsel der Natur zu verwenden, sondern um damit Haare zu spalten.

Als einst vor König Philipp von Makedonien ein Jongleur seine Kunst produzierte, darin bestehend, daß er in die Luft geworfene Erbsen mit einer Nadel auffing, da verweigerte ihm der kluge König eine Belohnung. Er ließ ihm lediglich einen Scheffel Erbsen übergeben. Wäre ein kluger Papst beim Aufwerfen der ersten Spitzfindigkeiten mit der ganzen scholastischen Richtung ebenso verfahren, dann hätte die gelehrte und fromme Dummheit niemals solche Dimensionen annehmen können.

Solche scholastische Fragen sind etwa folgende:

Steht oder liegt Gott Vater?

Kann er ein Kind schaffen ohne Vater? Einen Berg ohne Tal, eine Hure wieder zur Jungfrau machen?

Tanzen die Engel Menuett oder Langaus?

War es Lucifer, der den ersten Purzelbaum schlug?

Ist eine Entweihung der Sakristei auf einem Ziegelstein Entheiligung der ganzen Kirche, oder nur der Sakristei?

Geht das »Vater unser« Gott allein an, oder auch die Heiligen? Prinzipaliter (in der Hauptsache) Gott, minus prinzipaliter (in der minderen Hauptsache) auch die Heiligen?

Am Hof zu Konstantinopel stritt sich im 14. Jahrhundert nicht nur die Geistlichkeit, sondern auch der Hof und die ganze Nation über die Frage, ob das Licht auf Tabor ein erschaffenes oder unerschaffenes Licht gewesen sei.

Besonders fein sind die Fragen über die Sakramente; namentlich die Taufe: Ist ihr Wesen das Wort oder das Wasser? Ersteres, denn sonst könnten ja Fische in der Taufe leben, und ein Esel, der Taufwasser saufe, ein getaufter Christ sein wollen. Ob man auch mit Erde, Luft, Feuer, Wein, Bier usw. taufen dürfe? Einige waren für das Bier, wenn es so hell wie Wasser von der Wand fließe. Ob man in jeder Sprache taufen dürfe? Ob eine bedingte Taufe, z. B. »wenn du kein Bastard bist« oder eine unterbrochene Taufe, wenn ein Balken herabfiele und der Priester im Schrecken ausrufe: »Sakrament! was ist das!« gültig sei? Ob Engel oder Teufel gültig taufen können und was zu tun sei, wenn sich das Kind gar ungebührlich aufgeführt habe? Man war sich darin doch ziemlich einig, daß der Prophet Ezechiel reines Wasser verlangt.

Die berühmten Scholastiker Scotus, Lombardus, Thomas von Aquino, Occam, Bonaventura, Albertus Magnus usw. prüften die Fragen: ob Gottes Sohn sich auch in einen Ochsen, Esel, Kürbis oder Teufel verwandeln könne.

Wieviele Chöre der Engel es gäbe, wie sie sitzen und was für Instrumente sie spielen.

Was man in der Hölle treibe und wie hoch die Hitze steige?

Wohin sich der transsubstanziierte Leib begäbe, wenn etwa eine Maus oder ein Wurm ins Ciborium gerate? Ob der Mund dieser Tiere so unrein sei, wie der des Sünders?

Ob auch das mit dem Wein im Kelch etwa vermischte Wasser sich in Wein oder Blut verwandle und ob man mit Bier, Apfelmost, Branntwein und Essig nicht ebensogut kommunizieren könne, als mit Wein?

Die Lächerlichkeit der Scholastik wird glänzend illustriert durch folgendes Gespräch dreier Oxforder Mönche, die den König baten ein Türchen durch die Stadtmauer brechen zu dürfen und die uns Ant. Wood in seiner Historia et Antiquitates Universitas Oxoniensis (Oxford 1674) überliefert hat:

»Erleuchtetster Herr König!« — »Wer seid ihr denn?« — »Wir sind Magister in Euren Diensten.« — »Was für Magister?« — »Magister vom ehrwürdigen Haus der Kongregation.« — »Was für ein Haus ist denn das?« — »Habt ihr die Materie im Auge woraus: aus Kalk und Steinen; habt ihr die Materie im Aug' wofür: für die Erteilung der göttlichen Gnade; — habt ihr die Materie im Aug' worauf: auf dem Gottesacker der heiligen Jungfrau.« — »Was ist euer Begehren?« — »Wir wollen eine Türe gemacht haben,« sprach der erste Mönch. Der zweite sagte: »wir wollen nicht eine gemachte Tür, sondern daß eine gemacht werde.« Und der dritte sagte: »Wir wollen nicht, daß eine Türe gemacht werde, sondern daß eine gemachte Tür vorhanden sei.«

Hierauf erwiderte der König: »Vortreffliche Herrn Magister, tretet ab und werdet einig untereinander und dann sollt ihr die Türe haben[1]

Die scholastischen Spitzfindigkeiten haben ihre Vorläufer im Judentum, das ja nicht geringeren Wert auf die geschriebene Autorität legte, als unser Mittelalter. Die Kasuisten der Israeliten konnten besonders an der Sabbatfeier ihren Scharfsinn nicht genug üben. So war es am Sabbat verboten, einen Knoten zu machen oder aufzulösen. Da diese Bestimmung aber viel zu allgemein schien, entschied man: »Folgendes sind die Knoten, über deren Anfertigung man schuldig wird: der Knoten der Kameltreiber und der der Schiffer; und so wie man schuldig ist wegen deren Schürzung, so ist man auch schuldig wegen deren Lösung. R. Meir sagt: Wegen eines Knotens, den man mit der einen Hand lösen kann, ist man nicht schuldig. Es gibt Knoten, wegen welcher man nicht wie bei dem Kameltreiber- und Schifferknoten schuldig wird. Ein Frauenzimmer darf den Schlitz ihres Hemdes zuknüpfen, so auch die Bänder der Haube, die einer Leibbinde, die Riemen der Schuhe und Sandalen, Schläuche mit Wein und Öl, einen Topf mit Fleisch.« Da der Knoten an der Leibbinde gestattet war, so wurde festgesetzt, daß man auch einen Eimer über den Brunnen mit der Leibbinde festknüpfen dürfe, nur nicht mit einem Stricke.

Das Schreiben am Sabbat war verboten, und wenn es auch nur zwei Buchstaben gewesen wären. Aber nicht ohne Einschränkung: »Schreibt einer in dunkle Flüssigkeiten, in Fruchtsaft, oder in Wegestaub, in Streusand oder überhaupt in etwas, worin die Schrift nicht bleibt, so ist er frei. Schreibt einer mit verkehrter Hand, mit dem Fuße, mit dem Munde, mit dem Ellenbogen ... oder wenn jemand einen Buchstaben auf die Erde und einen an die Wand schreibt, oder auf zwei Wände des Hauses, oder auf zwei Blätter des Buches, so daß sie nicht miteinander gelesen werden können, so ist er frei. Wenn er in zweienmalen vergessend zwei Buchstaben schrieb, etwa einen des Morgens und den andern gegen Abend, so erklärt ihn R. Gamaliel für schuldig; die Gelehrten sprechen ihn frei.«

Am Sabbat war es nicht nur verboten Feuer anzuzünden, sondern auch es zu löschen, selbstverständlich unter Ausdehnung auf Lichter und Lampen: »Wer ein Licht auslöscht, weil er sich fürchtet vor Heiden, vor Räubern, vor bösem Geist, oder um eines Kranken willen, damit er einschlafe, ist frei. Geschieht es aber, um die Lampe, das Öl oder den Docht zu schonen, so ist er schuldig. R. Jose spricht ihn in jedem Falle frei, außer in betreff des Dochtes, weil er dadurch gleichsam eine Kohle bereitet.« »Man darf ein Gefäß zum Auffangen der Funken unter die Lampe setzen, aber nicht Wasser hineintun, weil man dadurch löscht.« Daß man eine Feuersbrunst am Sabbat nicht löschen durfte, versteht sich von selbst.

Die Gesetzeshüter dehnten ihre Verbote auch auf Handlungen aus, die nur möglicherweise eine Sabbatverletzung herbeiführen konnten. Demnach eine Analogie zum berühmten dolus eventualis unserer Richter: »Der Schneider gehe bei einbrechender Dunkelheit nicht mit einer Nadel aus; denn er könnte vergessen und (nach Eintritt des Sabbat) damit ausgehen. Auch nicht der Schreiber mit einem Rohre.« Ferner ist es am Sabbat verboten, bei Lampenlicht zu lesen, oder Kleider von Ungeziefer zu reinigen. Beides sind nämlich Handlungen, bei denen helles Licht besonders nötig ist, daher liegt die Versuchung besonders nahe, die Lampe zu neigen, um ihr mehr Öl zuzuführen. Das wäre aber ein Verstoß gegen das Verbot des Feueranzündens. Dem Schullehrer ist zwar gestattet zuzusehen, wie Kinder bei Licht lesen, er selbst darf es aber nicht.

Ein Arzt darf am Sabbat einem Kranken nur Beistand leisten, wenn Lebensgefahr vorhanden ist. R. Matthija ben Charasch erlaubt sogar einem an Halsschmerzen Leidenden am Sabbat Heilmittel in den Mund zu tun, weil es vielleicht lebensgefährlich sein könnte. Dies wird jedoch nur als Ansicht dieses einen Gelehrten und keineswegs als allgemein gültig angeführt. Jedenfalls darf der Arzt nur bei Lebensgefahr helfen: »Man darf nicht einen Bruch (eines Gliedes) wieder einrichten. Wer sich die Hand oder den Fuß verrenkt hat, darf sich nicht mit kaltem Wasser begießen.« Daher auch die Anfeindungen Jesu durch die Pharisäer wegen seiner Krankenheilungen am Sabbat!

Auch die jüdischen Soldaten beobachteten die Sabbatruhe gewissenhaft. So ließ sich am Anfang der makkabäischen Erhebung eine Schar von Gesetzestreuen lieber bis auf den letzten Mann niedermachen, als daß sie zum Schwert gegriffen hätte. Von da an beschloß man auch am Sabbat das Schwert zu gebrauchen, jedoch nicht zum Angriff, sondern nur zur Verteidigung.

Daß die Gesetze über Reinheit und Unreinheit mindestens ebenso sophistisch waren, wie die über die Sabbatruhe, ist hinlänglich bekannt. Uns genügen die mitgeteilten Beispiele[2].

Doch zurück zur Scholastik!

Man wird zur Entschuldigung dieses Unsinns ins Treffen führen, daß nur wenige Jahrhunderte, besonders die zweite Hälfte des 11., das 12. und 13., ihn kultivierten. Nun wäre es ja an sich schon hinlänglich betrübend, wenn zweieinhalb Jahrhunderte lang — tatsächlich herrschte die Scholastik ja die doppelte Zeitdauer, wenn auch nicht so absolut, wie von etwa 1050 bis 1300 — die fähigsten Köpfe der Christenheit nichts besseres zu tun gehabt hätten, als leeres Stroh zu dreschen. Aber selbst diese lahme Entschuldigung ist nicht stichhaltig. Denn wie man bereits im 5. Jahrhundert in Konstantinopel an allen Straßenecken über Dogmatik, über Gottähnlichkeit und Gottgleichheit disputiert hatte (vgl. Kultur-Kuriosa I, S. 180), so hatte man auch schon Jahrhunderte früher im Abendlande diesem müßigen Sport gehuldigt.

So zerbrechen sich im 9. Jahrhundert — um nur ein Beispiel zu nennen — Nonnen den Kopf darüber, ob Maria geboren habe, wie andere Frauen. Die Frage wurde in allen Details behandelt, was der Ausmalung geschlechtlicher Dinge den weitesten Spielraum ließ. Als nun nach Alt-Corvey die Kunde kam, gewisse Leute wagten zu lehren, Maria habe trotz der übernatürlichen Empfängnis Jesus ebenso geboren, wie andere Frauen ihre Kinder, erhob sich das lauteste und heftigste Geschrei über diese Häresie. Paschasius Radbertus und Ratramnus, beides Autoritäten, widersprachen mit leidenschaftlichem Eifer. Man schuf eine Physiologie des Irrsinns, um die Jungfrauschaft der Gottesgebärerin aufrecht erhalten zu können[3].

Das war im finstersten Mittelalter! wird man einwenden. Nun, gar so finster war in mancher Hinsicht das 9. Jahrhundert gar nicht, wie die Entscheidung Karls des Großen gegen den Bilderdienst oder die Schriften des Erzbischofs Agobard von Lyon[4] beweisen, der sich gegen das Wettermachen der Hexen u. a. wendet. Aber immerhin sei zugegeben, daß die Menschen von damals noch sehr barbarisch dachten, ihre Kenntnisse gering waren, ihre Frömmigkeit kindlich.

Die Scholastik verbunden mit widerlicher Frömmelei, saß unsern Altvordern noch Jahrhunderte lang so tief in den Knochen, daß sich auch die Poesie von ihr nicht freimachen konnte. Der neue Meistergesang des ausgehenden 15. Jahrhunderts, der in Nürnberg seine Wiege hatte, schuf nicht nur eigene Töne mit eigenen Namen, sondern war auch anscheinend bestrebt, den Gesängen einen neuen Inhalt zu geben. Aber das war nicht so einfach, denn die älteren Meister zum mindesten konnten auf die scholastischen Grübeleien und auf die Metaphysik nicht verzichten. Besonders wurden kirchliche Dogmen und kirchliche Traditionen als Gegenstand der Poeterei erkoren.

Was dabei herauskam, läßt sich denken. Sang man doch in scholastischer Weise mit allen Künsten der Dialektik, aber natürlich mit steter Unterordnung unter die kirchliche Lehre, über so hochpoetische Themen wie: Wo Gott gewesen, ehe die Welt geschaffen war. Wie das Verhältnis der drei Personen in der Trinität beschaffen sei. Wie sich die Gottheit von ihrem eigenen Geschöpf habe gebären lassen können. Wie es möglich gewesen, daß die Geburt Gottes des Sohnes mit der Unbeflecktheit der Jungfrau sich habe vereinigen lassen. Wie die Ubiquität Gottes des Sohnes im Sakrament des Altars zu fassen sei. Selbst Hans Folz, der ja als Neuerer des Meistergesanges auftrat, beschäftigte sich in vielen Gedichten ganz in althergebrachter Weise mit diesen Dingen. Von den übrigen Meistern der Schule aber, soweit ihre Gedichte mit Wahrscheinlichkeit ermittelt werden können, hat sich kaum einer mit einem andern Gegenstande befaßt[5].

So weit kann also eine gelehrte Dummheit von ihrer Zeit Besitz ergreifen, daß selbst die Poesie keinen andern Stoff findet, als diesen schon für prosaische Behandlung zu langweiligen, und daß die Rechtgläubigkeit und dogmatische Korrektheit höher gewertet wird, als freischaffende Phantasie!

Doch das ist ja alles noch Mittelalter, wird man einwenden.

Was aber sagt der unverbesserliche Lobredner menschlicher Intelligenz zu Schriften, die vor wenigen Jahrhunderten, ja noch an der Schwelle der Gegenwart im gleichen Geiste abgefaßt wurden? Was dazu, wenn er erfährt, daß es sich um protestantische Theologen handelt, denen man ja geneigt ist gegenüber ihren katholischen Amtsbrüdern eine gewisse geistige »Freiheit«, ein größeres Anpassungsvermögen an die realen Bedürfnisse des Lebens, an den Zeitgeist, nachzurühmen? Sehen wir uns diese Literatur einmal an!

»Schriftmäßige Abhandlung von dem Dienste der Engel bey den Eheverbindungen der Frommen, über Gen. XXIV, 7 und 40 ...« heißt eine Broschüre, die im Jahre 1753 in Altenburg aus der Feder des Gymnasialprofessors Salomon Ranisch erschien. Er beweist nicht nur aus der Bibel sein Thema für die Vergangenheit, sondern spricht auch die Meinung aus, daß noch heute Engel als Heiratsvermittler fungieren. Allerdings nur bei Frommen.

Dieses Thema schien den Theologen so bedeutend, daß der gräflich Schönbornsche Konsistorialprofessor Christoph Haymann im gleichen Jahre in Waldenburg eine Abhandlung erscheinen ließ, von deren schier endlosem Titel wir den Anfang zitieren »Zufällige Gedanken über des Hochedlen und hochgel. M. Salomon Ranischens, des Hochfürstl. Sächsis. Gymnasii illustris in Altenburg hochverordneten Professors ...« Hier wird der Abhandlung zwar Beifall gezollt, jedoch bezweifelt, ob der Beweis zwingend dafür erbracht sei, daß der Engel, der Elieser auf seiner Reise unterstützte auch den gemessenen Befehl gehabt hätte ihm beim Vermählungsgeschäft behilflich zu sein. Er glaubt vielmehr, daß Gott selbst die Umstände und Herzen der in Frage kommenden Personen nach dem Wunsche Eliesers gelenkt habe. Auch fehle der zwingende Beweis dafür, daß Isaak durch eine Erscheinung, Botschaft oder Anzeige des Engels bestimmt worden sei der Rebekka entgegenzugehen.

Der Fall wird mit größtem Scharfsinn und natürlich auch unter Zurückgreifen auf den hebräischen Urtext geprüft. Das war aber auch nötig, denn Salomon Ranisch antwortete in einem »Sendschreiben an den Hochehrwürdigen, hochachtbaren und hochgelahrten Herrn M. Christoph Heymann (sic!) usw.« Altenburg 1754.

Er meint es trage die »Schwäche des menschlichen Verstandes« Schuld an der Gleichgültigkeit der Ausleger, die der Tätigkeit des Engels bei der Vermählung Isaaks nicht die nötige Beachtung geschenkt hätten. Vielleicht hätten sie unter dem Engel den unerschaffenen Engel des Bundes verstanden, vielleicht auch sich den Schein der Gelehrsamkeit beigelegt, als ob die Interpretation der Tätigkeit des Engels so leicht sei, daß man stillschweigend darüber hinweggehen könne. Ihm aber sei ein Licht aufgegangen durch die Vorlesungen des Professor Crusius, der dozierte, daß Gott die Welt regiere teils durch den Lauf der Natur, teils durch die Hilfe der Wunder, teils aber auch durch den Dienst der Engel. Wenn es ihm auch ferne läge zu bestreiten, daß der Engel die Aufgabe hatte Elieser auf seiner Reise zu beschützen, so seien wir doch auch gezwungen, ihn als »einen Beystand der gestifteten Ehe« anzusehen. Das beweist er denn auch philologisch. Ja, der Engel sei sogar mit dem Messias identisch. Weit entfernt sich widerlegen zu lassen, ist Ranisch der Ansicht, daß gerade diese Ehegeschichte ein wunderschönes Beispiel dafür sei, daß Gott durch den Dienst der Engel die Ehen der Frommen stifte[6].


In der Abhandlung »Adam der erste Vasall« erbringt Joh. Dan. von Hoven (Lingen 1753) den Beweis, daß das Paradies ein Lehen war, mit dem Gott als Lehnsherr Adam als ersten Vasall belehnt hatte.

Der Lehnsherr Gott, zugleich unumschränkter Landesherr, führt einen doppelten Namen im Hebräischen in diesen seinen beiden Eigenschaften. Der Lehnsherr wird eigentlich Herr genannt, nicht sowohl weil er die Oberherrschaft sich vorbehalten wollte, als wegen der Treue und Pflichten, die der Vasall ihm zu leisten schuldig ist. Der an einen Lehnsherrn zu stellenden Forderung, daß er freie Verfügung über die zu vergebenden Güter habe, entspricht Gott durchaus. Er handelte jedoch weniger als kontrahierende Partei, denn aus freiem und unumschränkten Wohlgefallen.

Was nun Adam betrifft, so ist er namentlich benannt. Er ist als Vasallus capitaneus zu betrachten, das Weib aber nur als Valvasor.

Das Lehensgut ist ein unbewegliches Grundstück, das aus besonderer Gnade verliehen wird und eigentlich weder ge- noch verkauft werden darf. Ein solches beneficium war der Garten Eden: a) er war ein unbewegliches Grundstück, b) der Mensch hatte aus sich selbst kein Recht darauf, sondern c) es lediglich aus Gnade erhalten und zwar d) für sich und seine Leibeserben e) mit allen Regalien, f) sowohl geistlichen als weltlichen. Zwar hatte Gott dem Menschen erlaubt sich die Erde untertan zu machen, dabei aber den Garten Eden ausdrücklich abgesondert und für sich selbst vorbehalten. Es handelt sich hier also um ein Lehn in curte oder territorio des Landesherren und damit zugleich ein feudum ligium.

Die Belohnung geschieht durch Einräumung, tätliche Einführung und Übergebung des Grundstückes vom Herrn an seinen Vasallen im Beisein wenigstens zweier Zeugen, wogegen sich der Vasall durch den Lehnseid seinem Herrn verpflichtet, was jedoch auch erlassen werden kann. Die Einsetzung erfolgt nach Gen. II, 8 und 15 ordnungsgemäß vermutlich in Gegenwart einiger Engel, da diese auch bei der Austreibung anwesend waren. Fehlte auch der Lehnseid, wie ja zulässig, so empfing Adam doch Instruktionen bezüglich seiner Dienstpflichten, nämlich den Garten zu bebauen und zu bewahren. Auch war das Servitut auferlegt vom Baum der Erkenntnis nichts zu essen bei Verlust des Lehens. Dieser erfolgte ganz rechtmäßig wegen eines crimen feloniae — das unerlaubte Essen und Verhandlungen mit der Schlange als Feindin des Lehnsherren — und crimen lesae majestatis, da er bei der Untersuchung den Lehnsherren selbst beschuldigte[7].


Im Jahre 1756 erschien in Jena »Johann Georg Walchs D. Abhandlung vom Glauben der Kinder im Mutterleibe, aus dem lat. ins deutsche übersetzet und mit Anmerckungen erläutert von M. Adam Lebrecht Müller« in zweiter Auflage!

Diese wenn auch nicht lesenswerte, so doch sicherlich gelesene Untersuchung stellt fest, daß gar kein Zweifel darüber bestehe, daß getaufte, in zarter Kindheit sterbende Kinder des ewigen Lebens teilhaftig werden. Wie aber, wenn Kinder sterben, deren Eltern keine Christen sind? Die Ansichten über das Schicksal ihrer Seelen weichen voneinander ab. Der Verfasser hält dafür, daß sie infolge der Erbsünde der ewigen Seligkeit verlustig gehen. Kinder aber von christlichen Eltern erlangen die ewige Seligkeit auch wenn sie ungetauft sterben, wofern die Taufe unmöglich war. Aber wie läßt sich das begründen? Höchst einfach! Da es unmöglich wäre ihnen das ewige Leben zu verleihen ohne Glauben, aber unbillig sie unverschuldet der Verdammnis zu überliefern, so folgt daraus, daß »Gott den Glauben in den Kindern, da sie noch im Mutterleibe sind bewirkt!« Er kann das nach Matth. XIX, 26 und Luk. I, 37 tun. Von Johannes wird Luk. I, 15 sogar ausdrücklich erzählt, daß er noch im Mutterleibe vom heiligen Geist erfüllt wurde. »Wir finden Exempel solcher Kinder, welche Gott bereits im Mutterleibe zu heiligen Ämtern ausersehen hat. Jer. I, 5. Gal. I, 15 sqq. Also kann Gott im Mutterleibe heiligen[8]


Ein Thema, dessen Aufwerfung nicht geringere Intelligenz erfordert, als seine Beantwortung, behandelt der Prediger Johann Friedrich Wachsmann in seiner 1751 zu Helmstedt erschienenen Schrift betitelt »Untersuchung der Frage, warum Gott den gefallenen Engeln keinen Erlöser gegeben habe

Er geht mit bewundernswertem Scharfsinn zu Werke, wenn er nach der Feststellung, daß viele Engel durch eigene Schuld in Sünde fielen, im Gegensatz zu den verführten Menschen, schließt, daß es also keineswegs unmöglich wäre, sie durch einen Erlöser daraus zu befreien. Und zwar weder unmöglich bei Gott, da dieser ja allmächtig, noch beim Erlöser. Denn diese Unmöglichkeit müßte entweder darin bestehen, 1. daß der Sohn Gottes, ob er sich gleich mit der menschlichen Natur habe vereinigen können, doch unvermögend gewesen, die Natur der Engel anzunehmen und sie zu erlösen. Oder 2. daß, weil die englische Natur trefflicher sei, als die menschliche der Sohn Gottes eine Unmöglichkeit gefunden habe, die englische Natur anzunehmen; oder 3. daß, weil die Sünde der gefallenen Engel größer, als die Sünden der Menschen gewesen, es dem Sohne Gottes unmöglich gefallen, für ihre Sünde eine vollkommene Genugtuung zu leisten, wenn er auch ihre Natur angenommen hätte; oder 4. daß außer der Annahme der englischen Natur, wenn sie unmöglich gewesen wäre, sonst kein anderer Weg auf seiten des Erlösers habe sein können, die gefallenen Engel aus ihrem kläglichen Elende zu erlösen.

Nun ist es klar, daß sowohl Gott, als auch dem Erlöser das alles sehr wohl möglich gewesen wäre. Gab also Gott den gefallenen Engeln keinen Erlöser, so kann nur sein Wille, nicht sein fehlendes Können, daran schuld gewesen sein.

Aber warum wollte Gott nicht?

Die Antwort würde uns sehr schwer fallen, uns schlaflose Nächte verursachen, vielleicht uns ein Gemütsleiden zuziehen, hätte nicht Herr Pastor Wachsmann auch sie richtig gefunden.

Ja, warum wollte Gott nicht? Er wollte nicht entweder aus Güte, oder aus Gerechtigkeit, oder aus Heiligkeit! Der Verfasser entscheidet sich für die letztere. Und er hat mit seiner Motivierung recht: Eigentlich wollte er ja den gefallenen Engeln einen Erlöser geben, unter der Bedingung, daß sie glaubten. Aber er sah bei seiner Allwissenheit vorher, daß sie das ganz und gar nicht tun würden, und deshalb unterließ er es.

Zu dieser hochaktuellen Untersuchung von unabsehbarer praktischer Bedeutung hat der hochwürdige Herr Abt Schubert eine Vorrede geschrieben, die zugleich eine kritische Würdigung ist.

Zwar ist er der Ansicht, daß es zur Seligkeit nicht nötig sei zu wissen, warum Gott den bösen Engeln keinen Erlöser sandte, nachdem aber der Rostocker Gottesgelahrte D. Johann Fecht in seinen Noctibus Christianis p. 359-887(!!!) weitläufig untersucht habe, ob Christus unter allen Menschen die schönste Gestalt habe?, billigt er die Frage. Hat doch schon der hl. Augustinus (Enchirid c. 29. Opp. Tom. VI. p. 207) die Ansicht ausgesprochen, Gott habe deshalb den gefallenen Engeln keinen Erlöser gesandt, weil das ganze Menschengeschlecht, aber nur ein Teil der Engel gefallen sei, ein Verlust, der durch die Anzahl der erlösten und auserwählten Menschen wieder habe ersetzt werden müssen! Auch der hl. Gregorius (Lib. IX Moral c. 28) hat sich zu dieser wichtigen Frage geäußert, desgleichen Bernhard (in Tr. de grad. hum. p. 975). Wenn auch Wachsmanns Ausführungen im allgemeinen zuzustimmen sei, so müsse doch bedacht werden, daß die gefallenen Engel nur deshalb so verstockt seien und an den Erlöser nicht glauben würden, weil sie wüßten, daß sie auf ewig verdammt sind. Trotzdem wäre Gott auch die Erlösung dieser hartgesottenen Sünder möglich gewesen, jedoch nur durch unendliche Leiden seines Sohnes. Und da Christus sich dazu nicht freiwillig erbot, wollte Gott ihn nicht zwingen. Zudem wäre ihre Erlösung »ein unnützes und überflüssiges Werk« gewesen. Und so etwas macht Gott nicht.

Der Herr Abt schließt sein Gutachten mit der Hoffnung, es mögen sich noch viele »geschickte und gelehrte Männer« dadurch veranlaßt sehen, »solche Fragen in der Theologie zu untersuchen, die bisher noch nicht hinlänglich entschieden worden, damit das Licht unserer Erkenntnis zum Preis der göttlichen Majestät immer klarer und heller gemacht werde«[9].


Die Gründe, aus denen Kain von Abel erschlagen wurde, ließen die Theologen nicht schlafen. Doch die Erleuchtung blieb nicht aus. Man fand, daß religiöse Differenzen den Brudermord verursacht hätten. Kain hätte behauptet, daß es weder ein ewiges Leben, noch Belohnung für die guten und Bestrafung für die bösen Taten gäbe, daß die Welt nicht durch Gottes Barmherzigkeit erschaffen worden sei usw. Abel widersprach und da ihm bessere Argumente fehlten, tat er, was man in solchen Fällen noch heute den Freidenkern gegenüber gern tun würde, er erschlug den gläubigen Bruder[10]!


M. Joh. Jacob Plitts »Vernunft und Schriftmäßige Gedanken über diejenigen Menschen, welche bald nach ihrem Tode wieder auferwecket und größtentheils zweymahl gestorben sind«, Marburg 1752, repräsentieren vielleicht einen noch höheren Grad gelehrter Dummheit.

Diese schon durch ihren Titel — man beachte das »größtenteils zweimal gestorben!« — beachtenswerte Untersuchung befaßt sich auch mit der hochwichtigen Frage, wo die Seelen der Auferweckten gewesen sind. »Die Gottesgelahrten haben es vor die schwerste Frage dieser Sache gehalten, wo denn die Seelen dieser Verstorbenen bis zu der Zeit, da sie wieder auferwecket sind, geblieben wären? Die hl. Schrift redet von zwei Orten nach dem Tode, und versichert, daß aus der Hölle keine Erlösung sey, und wer einmahl in dem Himmel ist, auch ewig darinne bleibe ... Die Schwierigkeiten werden am glücklichsten gehoben, wenn man annimmt, daß diese Seelen bis zur Auferweckung in ihren Leibern geblieben, ob sie gleich keine weitere Gemeinschaft mit denselben gehabt haben. 1. Diese Meynung hat nichts widersprechendes, und ist also möglich: denn die räumliche Trennung der Seele von dem Leibe gehöret nicht zu dem Wesen des Todes nothwendig; 2. es stimmt weit besser mit den göttlichen Vollkommenheiten, wenn die Seelen, die bald wieder mit ihrem Cörper haben sollen vereiniget werden, nicht an einem besonderen Ort versetzet worden. Die Ursachen, warum die Seelen gleich nach der Trennung von ihren Leibern an einen gewissen Ort versetzet werden, fielen weg, und den Menschen würde es schwer werden, eine Ursache zu entdecken, warum Gott die Seelen der zweymahl Verstorbenen auf eine so kurtze Zeit aus ihrem bisherigen Orte in einen andern sollte versetzet haben, in welchem sie natürlicher Weise nach dem Tode des Leibes geblieben wären. Ueberdies häuffet Gott die Wunder nicht ohne Noth, sondern wählet immer den kürtzten Weg, einen gewissen Endzweck zu erreichen. Es war also ein kürtzer Weg, wenn die Seelen in ihren Cörpern blieben, als wenn sie in den Himmel versetzet, und kurtz hernach wieder mit dem vorigen Leibe vereiniget würden«[11].


Welcher fromme Christ fürchtet nicht das jüngste Gericht, das Ende aller Dinge? Vor allem, daß es ihn nicht wachend und betend ereilt? Da ist es natürlich von ungeheurem praktischen Werte, annähernd zu wissen, wann dieses schreckliche Ereignis eintrifft. Bekanntlich glaubte man im Jahre Tausend unserer Zeitrechnung nunmehr sei alles aus, und in diesem Glauben wanderte der fromme Kaiser Otto III., das Weltwunder, nach Gnesen. Die Adventisten leben in unseren Tagen noch der Meinung, daß die Katastrophe plötzlich hereinbrechen könne. Wie töricht! Hat doch schon längst M. Gottfried Büchner die Frage in durchaus befriedigender Weise gelöst und dadurch jeden wahrhaft Frommen von einem schweren Alb befreit.

Zu Jena erschien im Jahre 1751 die Abhandlung »Daß der jüngste Tag und das Ende der Welt gewiß aber noch lange nicht komme, suchet aus der Schrift und Vernunft zu beweisen M. Gottfried Büchner«.

Die Beweisführung ist durchaus zwingend. Wenn auch der gelehrte Verfasser sich nicht getraut, das Jahr oder gar Tag und Stunde des jüngsten Tages genau anzugeben, so weist er doch mit Recht auf Habakuk III, 2 hin, wo es heißt »Herr ich habe dein Gerücht gehöret, daß ich mich entsetze; Herr du machest dein Wort lebendig mitten in den Jahren und lässest es kund werden mitten in den Jahren.« Nun ist es ja evident, daß das lebendig gewordene Wort Gottes Christus ist. Da es mitten in den Jahren kommt, d. h. in der Mitte zwischen Schaffung und Untergang der Welt, so ist es nicht allzuschwer, den letzteren Termin zu bestimmen. Wissen wir doch, daß Christus etwa im Jahre 4000 nach der Schöpfung auftrat. Wir können daraus folgern, daß der jüngste Tag 4000 Jahre nach ihm eintritt, haben also noch über 2000 Jahre Zeit, uns unseres Lebens und unserer Sünden zu freuen. Und das wollen wir hiermit auch tun[12]!


Die für das Seelenheil nicht minder wertvolle, als für jene wahre Wissenschaft, die wir alle erstreben, notwendige Frage, ob die Erde im Herbst oder im Frühjahr geschaffen wurde, ließ begreiflicherweise die Theologen nicht zur Ruhe kommen. Schon die alte Kirche hatte sich mit ihr befaßt. Nach der großen Glaubensspaltung lieferten orthodoxe Katholiken, Lutheraner und Calvinisten etwa in gleicher Stärke Verteidiger der einen, wie der anderen Meinung. Die meisten Katholiken treten zwar für die Erschaffung im Frühjahr ein, so auch Cajetan, Molina, Valentia, a Lapide, Tornielli usw., aber auch große Autoritäten, wie Arias, Montanus, Pererius, Mesenne und Petavius entscheiden sich für den Herbst. Von lutherischen Theologen sind sich Luther, Melanchthon, Agid. Hunnius, Joh. Gerhard, Somson, Gottfried Wegner u. a. darin einig, daß die Erschaffung der Welt nur im Frühjahr stattfinden konnte, während der berühmte Leipziger Chronologe Calvisius († 1617), Abrah. Calov, Strauch, Runge, Walther usw. gute Gründe für die andere Jahreszeit hatten. Auch unter den Reformierten gab es bedauerlicherweise zwei Lager: Alsted, Polanus, L. Capellus, G. J. Vossius, Jul. Caesar Scaliger und Pareus brachen für den Frühling Lanzen, während Danäus, Zanchius, Piscator, Voetius, Maresius, Burmann, Heidegger, Turretin usw. die Ehre des Herbstes als Weltschöpfungstermin verteidigten. Es war ein harter Kampf, um so mehr, als der berühmte Kartograph Mercator († 1594) berechnet hatte, daß die Welt nur im Hochsommer entstanden sein konnte. Natürlich fand auch diese wissenschaftliche Erkenntnis ihre Anhänger, wenn auch nicht viele. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts hatten sich die Gemüter nicht beruhigt, wie die damals erschienene Schrift des Geraer Rektors Hogel beweist, der herausgerechnet hatte, daß Gott am 26. Oktober abends zu schaffen angefangen hatte[13].

Hauptsächlich in reformierten Kreisen herrschte Meinungsverschiedenheit darüber, ob der Schöpfungsakt Gottes jedesmal den ganzen Zeitraum von 24 Stunden einnahm oder ob er in kürzerer Zeit fertig wurde oder ob er — wozu besonders die strenge Orthodoxie neigte — mit einem Schlage und ohne jeden Zeitaufwand erfolgte. Zwischen den Lutheranern aber gab es Differenzen über den Zeitpunkt, in denen die Engel erschaffen wurden: ob er auf den ersten oder zweiten Schöpfungstag zu legen sei oder ob man ihn ganz unbestimmt lassen müsse[14].


Der Lübecker Generalsuperintendent August Pfeiffer († 1698), ein durch seine wissenschaftlichen Arbeiten bekannter Theologe, ließ unter dem Titel »Pansophia Mosaica e Genesi delineata, d. i. Grundriß aller Weisheit darinnen aus dem 1. B. Mosis alle Glaubensartikul; die Widerlegung der Atheisten, Heiden, Juden, Türcken, und aller Ketzer; alle Disciplinen in allen Facultäten; der Ursprung aller Sprachen; der Extract von allen Historien, Antiquitäten und Curiositäten; alle Professiones, Handwerke und Handthierungen; alle Tugenden und alle Laster; aller Trost kurz und deutlich gewiesen werden« (Leipzig 1685), ein Werkchen in Duodez erscheinen, das selbst unter den an Albernheit gewiß den höchsten Ansprüchen genügenden theologischen Untersuchungen noch einen Ehrenplatz einnimmt. Er führt den Nachweis, daß das 1. Buch Mosis der Inbegriff aller göttlichen und menschlichen Weisheit ist und findet darin u. a. sogar die sämtlichen 28 Artikel der Augsburger Konfession. Auch alle Rechtswissenschaft, Medizin, Philosophie, Redekunst haben hier ihre Wiege.

Pfeiffer ist ganz und gar nicht verwaist unter den gelehrten Dummköpfen. So schrieb Dorsch eine Theologia Zachariana (1637), Majus eine Theologia Jeremiana (1696), Bebel eine Daniel-Theologie und Hinckelmann vier Jahre später (1687) eine Hiob-Theologie. Den Vogel aber schießt J. Deutschmann ab mit der Schrift »Theologie Adams, des ersten wahren Lutheraners« (Theologia primi theologi Adami vere Lutherani, Wittenberg 1689)[15].


Wenn Naturvölker, Zeiten, die vom Naturgeschehen noch keine richtige Vorstellung haben im Erdbeben mit seinen Schrecken einen Eingriff Gottes in den Lauf der Natur erblicken, daraus sein Grollen entnehmen wollen, so werden wir das für Unwissenheit, nicht aber für Dummheit halten können. Wie aber, wenn im aufgeklärten 18. Jahrhundert in einer Abhandlung, die die natürlichen Ursachen der Erdbeben durchaus nicht bestreitet, ein Diakon Johann Christian Leo in seiner Predigt »Die Offenbahrungen Gottes im Erdbeben«, Weißenfels 1757, darlegt, daß Gott im Erdbeben seine Gerechtigkeit und Güte offenbart! Wie völlig alles Verstandes beraubt muß eine Konfession oder Zeit sein, die nach der schrecklichen Katastrophe von Lissabon und unter deren unmittelbarem Eindruck solche Folgerungen ziehen kann[16]!

Wenn irgend etwas den Beweis zu liefern vermag, daß der blinde Bibelglaube die Vernunft lähmt und dadurch verdummt, so ist es zweifellos ein Symptom wie dieses: unter allen Umständen ist ein Eingriff Gottes in das Naturgeschehen eine gute Handlung. Wir sehen zwar das genaue Gegenteil, aber da Gott alle guten Eigenschaften hat und Vater der Menschen ist, so trügen uns eben Augen und Verstand! Betrachten wir nun des Näheren die lähmende Rolle, die dieser Bibelglaube spielt, zumal, wenn er noch durch den an die unfehlbaren Interprätationen der Autoritäten gestützt wird!


Die Frage von der Existenz der Antipoden gehört zu den wenigen wissenschaftlicher Art, die die alte Kirche beschäftigten. Da die Manichäer zufällig das Richtige trafen, widersetzen sich die Kirchenväter ihrer Ansicht, waren doch die Manichäer als Ketzer verdammt. Der Mönch Cosmas, der zu Beginn des 6. Jahrhunderts in Alexandrien lebte, hatte in seiner »Topographia Christiana«[A] die Resultate seiner weiten Reisen niedergelegt, sowie eingehend Stellung genommen zum Verhältnis der Wissenschaft zur Bibel. Er bestreitet die Existenz der Antipoden, und zwar aus folgenden zwingenden Gründen:

Da der Schöpfungsbericht der sechs Tage mit den Worten schließt »Dies ist das Buch des Ursprungs von Himmel und Erde« (Genesis 2, 4) meint Cosmas, wenn die Lehre von den Antipoden richtig wäre, dann würde der Himmel die Erde umschließen und es hätte daher nur zu heißen brauchen: »Dies ist das Buch des Ursprungs des Himmels.« Da es nun kaum einen biblischen Schriftsteller gibt, der sich nicht des Ausdruckes »Himmel und Erde« zur Bezeichnung des Universums bedient, so war das von Cosmas angeführte Argument von größter Beweiskraft. Setzte es ihn doch in die Lage, als Gewährsmänner gegen die Existenz der Antipoden Abraham, David, Hosea, Jesaja, Sacharia, Melchisedek usw. anzuführen. Autoritäten beweisen aber ja bekanntlich noch heute und besonders war das damals der Fall.

Aber Cosmas hat damit seine Beweismittel noch keineswegs erschöpft. Da es in der Bibel heißt, die Erde stehe auf ihren Pfeilern fest, was zum mindesten schließen lasse, daß sie nicht in der Luft schwebe, da ferner Paulus sagt (wenigstens wie Cosmas aus den phantastischen Erklärungen von Hebr. VIII, 1, 2, IX, 1, 2, 11, 12, 24 folgert), alle Menschen seien geschaffen, um auf dem Antlitz der Erde zu leben, woraus deutlich hervorgeht, daß sie nicht auf mehr als einem Antlitz oder gar auf ihrem Rücken leben, so müsse ein Christ »nicht einmal von Antipoden sprechen«.

Daß die Beweise des Cosmas, gestützt auf Bibel und Autoritäten, nicht minder auch durch den Antagonismus gegen die Manichäer, allgemeine Anerkennung finden mußten, ist selbstverständlich. Selbst ein Bonifacius, ermutigt vom Papst Zacharias, fand es nicht unter seiner Würde, in dieser Sache die Sturmfahne gegen den Irländer St. Virgilius zu führen, als dieser es gewagt hatte, um die Mitte des 8. Jahrhunderts in Bayern die Existenz der Antipoden zu behaupten. Man bannte 748 diesen später heilig gesprochenen Abt von St. Peter in Salzburg, späteren Bischof, der trotz seiner Irrlehre dazu berufen war, Kärnten und Steiermark zu christianisieren. Übrigens wurden auch noch in späteren Jahrhunderten Verteidiger der Antipodenthese von päpstlicher Seite verdammt, während Albertus Magnus, Dante und andere ungestraft die gleiche Ansicht vertreten durften. Im 14. Jahrhundert wurden wegen der Antipodenlehre noch Pietro d'Abano bestraft, Cecco d'Ascoli als Greis verbrannt. Aber selbst noch zur Zeit Heinrichs des Seefahrers, als die großen atlantischen Entdeckungen doch schon begonnen hatten, konnten sich noch Männer wie der Kardinal d'Ailly auf Grund der Bibel gegen Antipoden erklären, ja ein Columbus mußte sich von den Theologen Salamancas darüber belehren lassen, daß die Annahme bewohnter Länder auf der anderen Erdhälfte gegen Schrift und Kirchenväter verstoße[17].


Unter dem Titel »Systema Theologicum ex Prae-Adamitarum Hypothesi« erschien im Jahre 1655 von dem französischen Protestanten La Peyrère ein Werk, das verdienstvoll genannt werden muß durch die Kritik, die es an der biblischen Geschichte übt und mit der es versucht Widersprüche zwischen Wissenschaft und Bibel dadurch aufzuklären, daß es die ganze vorsintflutliche Geschichte lediglich auf das jüdische Volk beschränkt wissen will. Sehr merkwürdig sind nun einzelne Fragen, die er in diesem Bestreben aufwirft: Warum hütete Abel die Schafe, da es doch keine Diebe gab? Wo nahm Kain die Waffe her, mit der er seinen Bruder tötete?

Daß in der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten miteinander verquickt sind, was zu Widersprüchen führt, war ihm nicht entgangen und kommt ja auch z. B. klar in Kains Furcht weiter zu wandern zum Ausdruck, da er nicht von jemand getötet zu werden Gefahr laufen wollte.

Nun ist es gewiß kein Wunderwerk der Intelligenz, daß noch am Ende des 18. Jahrhunderts gestützt auf diese aus der Bibel zu folgernde Schöpfung anderer Menschen unabhängig von der Adams das irländische Parlamentsmitglied Dobbs die Existenz einer nicht von Adam stammenden Menschenrasse nachdrücklich verteidigt und die Neger auf eine Ehe Evas mit dem Teufel zurückführt! In Amerika geschah dasselbe zur Verteidigung der Negersklaverei[18].


Im Jahre 1752 erschien in Nordhausen eine 9 Bogen starke Schrift des Konrektors des dortigen Gymnasiums Joh. Friedrich Albert mit dem Titel »Versuch eines neuen Beweises, daß die Sündfluth allgemein gewesen, und über die gantze Erde ergangen sey; wobey zugleich noch andere dahin gehörige Sachen und seltene Nachrichten ausgeführet worden.«

Das Buch, das natürlich jedes Bibelwort für bare Münze nimmt und in naivster Weise u. a. beweist, daß die Schrift bereits vor der Sintflut erfunden war, wirft auch die Frage auf, ob genug Wasser zur Überschwemmung der ganzen Erde vorhanden gewesen sei. »Einige Meßkünstler sagen, daß zur gäntzlichen Bedeckung der Oberfläche unmöglich, so viel Wasser vorhanden seyn könne: zumahl Moses anführe, daß das Gewässer 15 Ellen hoch über die höchsten Berge gestiegen sey. Aber es hat noch Niemand unter allen Meßverständigen eine so genaue Ausrechnung des Meeres Breite und Tiefe geliefert, daß man sagen könnte, wie viel Lasten Wasser in dieser oder jener See sey. Wer misset die Erde mit einem Dreyangel? ist ein Ausdruck der Heiligen Schrift. Wer weiß, wie viel Wasser in den unterirdischen Gängen der Erde, und in ihren Hölen eingeschlossen sey. Moses sagt ausdrücklich: alle Brunnen der großen Tieffen brechen auf, d. i. alles Wasser, das in den tiefsten Gründen der Erde befindlich war, stieg auf Gottes Befehl herauf. Wie gieng das zu? Gott brachte durch Hülfe der Winde die Wasser weg, also ist es ihm auch möglich gewesen durch dieselben die Wässer über der Erde zusammen zu treiben. Man stelle sich nur einen Seesturm vor. Wäre dieses Wasser auch nicht genug gewesen, so kam doch das Wasser aus den Wolcken darzu.« In dieser Tonart geht es weiter[19].

Es ist wirklich höchste Zeit, daß Gelehrte mit Rücksicht auf die Möglichkeit einer totalen Sintflut den Wasservorrat auf den Liter berechnen. Das wäre auch eine dankbare Aufgabe für eine Akademie der Wissenschaften!

Welche Unsumme von pfäffischer Borniertheit und Dummpfiffigkeit ist zur Prüfung einer solchen Frage erforderlich! Und das in der Zeit der Aufklärung!

Der Leipziger Anti-Wolfianer Crusius († 1775), faßte die »oberhimmlischen Wasser« als eine wirkliche Wassersphäre auf, die die ganze Welt umgebe und durch Widerspiegelung der Gestirne den Schein der Milchstraße erzeuge[20]!


Der Kampf der freien Forschung, der Astronomie, Geologie, Anthropologie, ja der ganzen Naturwissenschaft gegen die Bibel bzw. gegen die erdrückende Mehrheit der Theologen, die auf sie gegen gesunden Menschenverstand und Erfahrung schworen, ist voller Tragik.

Daß sich frühere Jahrhunderte an den Wortlaut der Bibel hielten und auch die Schöpfungsgeschichte buchstäblich auffaßten, ist allgemein bekannt. Weniger schon, daß noch in einer 1789 erschienenen Dogmatik des Freiburger katholischen Exegeten und Apologeten Engelbert Klüpfel († 1811) die sechs Tage der Schöpfung als 24stündige Zeiträume aufgefaßt werden. Er wies alle Versuche zur Ausgleichung der geologischen Lehren mit der Bibel zurück und behauptete, daß die Raschheit des Schöpfungsverlaufes im Interesse der Wahrung von Gottes unbeschränkter Allmacht betont werden müsse. Sogar Augustins Simultanschöpfungslehre ließ er als plausibel, weil durch die bedingte Zustimmung so großer Kirchenlehrer wie den hl. Thomas von Aquino gedeckt, zu. Er verteidigte ferner die Geschichte des Sündenfalls und des Paradieses als streng historisch aufzufassende Urkunden.

Ähnlich faßt auch das 1796 erschienene Bibelwerk von Brentano-Dereser im 1. von Brentano bearbeiteten Teil den Schöpfungsbericht, die Tagewerke und alles andere buchstäblich und streng historisch auf.

Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts gab es eine Reihe bedeutender protestantischer Theologen, so Buddeus, Joh. Jak. Rambach usw., die noch zwischen Helio- und Geozentrismus schwanken, natürlich aus biblischen Gründen. So schrieb noch 1717 S. H. Klausing in Wittenberg De Scriptura Sacra non Copernizante. Um dieselbe Zeit verfaßte Sam. Chr. Hollmann ebenda die Dissertation »Vom Gebundensein des christlichen Astronomen durch die hl. Schrift« (De obligatione astronomi christiani erga Scr. S.), und Nikol. Möller in Kiel eine Abhandlung »Von der unzweifelhaften Bewegung der Sonne und Ruhe der Erde« (De indubio solis motu immotaque telluris quiete) 1724. Er verwarf darin Kopernikus, Tycho Brahe, Cartesius, Huyghens, Newton samt und sonders und beschwor ihre Anhänger: sie möchten doch »jene höchst gottlose, von gewissen heidnischen Philosophen des Altertums auf des Erzfeindes Satan Antrieb ausgesonnene, dann von Kopernikus wieder aufgewärmte und von Cartesius und dessen Anhängern vergeblich in Schutz genommene Meinung fahren lassen, weil sie damit doch nur dem Atheismus, Deismus, Naturalismus und Indifferentismus Vorschub leisteten

Fromme Protestanten haben ja noch im 19. Jahrhundert gegen den Heliozentrismus geeifert, nachdem schon (!) 1822 Papst Pius VII. offiziell erklärt hatte, »daß die Drucklegung und Publikation von Werken, welche über die Bewegung der Erde und das Stillestehen der Sonne nach der gemeinsamen Meinung der modernen Astronomen handeln, in Rom gestattet sei.« Allerdings ließ erst der Neudruck des Index von 1835 die Verbote gegen Kopernikus, Stunica, Foscarini, Galilei und Kepler fallen. Schon achtzig Jahre vorher hatte Benedikt XIV. für einen einzigen Fall die Weglassung gestattet[21].


Doch was will das alles gegen folgende Zeugnisse protestantischer Beschränktheit bedeuten? Ihnen kann man weder den Stand des Wissens ihrer Zeit als mildernden Umstand anrechnen, noch die Intoleranz einer höchsten kirchlichen Instanz, die mit Exkommunikation und Scheiterhaufen drohte, und sie dadurch zum Verschweigen der eigenen Meinung zwang, noch gibt es sonstwo irgendwelche Entschuldigungsgründe. Vielmehr handeln alle diese Autoren aus reiner, lauterer Dummheit.

Der alttestamentliche Exeget C. Fr. Keil in Dorpat trat seit 1860 als Gegner der Geologen und Verteidiger einer buchstäblichen Geltung der sechs Schöpfungstage auf. Seine triftigsten Gründe zur Widerlegung der Geologen nimmt er aus der Bibel. Sie berichtet »von zwei Ereignissen der Urzeit, deren Einfluß auf die Gestaltung des Erdbodens und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt keine Naturwissenschaft ermessen kann. Wir meinen 1. den Fluch, der infolge des Falles der Stammeltern unseres Geschlechtes von Gott über die Erde ausgesprochen und durch den auch die Tierwelt dem Verderben unterworfen wurde (Gen. 3, 17; Röm. 8, 20), und 2. die Sintflut, durch welche der Erdboden bis zu den höchsten Bergen unter Wasser gesetzt wurde und alle lebendigen Wesen auf dem trocknen Lande bis auf die von Noah in der Arche geborgenen Tiergeschlechter untergingen.« Die Sintflut verursachte die Gebirgsbildung, Wirkung des göttlichen Fluches aber sind die in der gegenwärtigen Tierwelt verbreiteten Phänomene des Raubens, Zerreißens, Verzehrens usw.[22]!

Einen Vorgänger von ähnlicher Glaubensstärke und Verstandesschwäche — es hat da oft den Anschein, als könnten sich Glaube und Verstand nicht vertragen, so daß derselbe Mensch entweder nur gläubig oder nur verständig sein kann, oder doch, als ob zu gewissen Zeiten beim gleichen Individuum bald der Glaube herrscht, bald der Intellekt — hatte Keil allerdings im orthodoxen Protestanten Joh. Richers. Dieser gab unter dem Titel »Natur und Geist« im Jahre 1850 ein dreibändiges gelehrtes Werk heraus, in dem er, gleich wie in seiner »Zeitschrift für heilige Naturforschung« (1860) der gesamten physikalischen Wissenschaft vom Standpunkt einer theosophischen Spekulation den Krieg erklärte. Er griff die Lehren von der Schwerkraft, der Anziehungskraft, Elektrizität, Wärme, Licht, Galvanismus und Magnetismus an. Übrigens blieb dieser bibelfeste Mann keineswegs vereinzelt. Karl Schöppfer schrieb »Die Erde steht fest«, Berlin 1854 (5 Auflagen!), ferner »Die Bibel lügt nicht« (Nordhausen 1854), und »Die Widersprüche in der Astronomie« (1869). Der Superintendent A. Frantz in Sangershausen wurde sich gefährlich durch sein Buch »Andeutungen über die Pseudodoxie der Naturwissenschaft« (Magdeburg 1867). Der Engländer Morrison ließ im gleichen Jahre »New Principia or True System of the Astronomy, in which the Earth is proved to be the Stationary Centre of the Solar System« erscheinen.