Der Dämonen- und Fetischglaube.

Der Vegetations- und Dämonenkultus.

Die Fülle der auf dem Gebiete des Animismus teils ineinandergreifenden, teils nebeneinander hergehenden Seelenvorstellungen mit ihren Übergängen ist eine derartig große, daß ich auch hier den sich dafür Interessierenden auf das Werk von W. Wundt, „Völkerpsychologie II, Mythus und Religion“, hinweisen muß. Das Studium dieses Werkes wird jedem, der draußen mit Negern zu arbeiten hat, oft überraschende Aufschlüsse über wohl längst bekannte aber unverstandene Gebräuche geben. Wenn ich hier zuerst vom Vegetationskultus schreiben will, dem ein Dämonenglaube zugrunde liegt, so muß ich dabei vorausschicken, daß die Wapare von eigentlichen Dämonen nichts zu wissen scheinen, höchstens im Unterbewußtsein. Soviel ist sicher, daß all die magischen Handlungen, von welchen wir im folgenden sprechen werden, etwas Ungenanntes bannen sollen, und wir werden nicht fehlgehen, wenn wir in diesem Ungenannten die Felddämonen suchen. Wundt unterscheidet zwischen inneren, in den Pflanzen wohnenden Dämonen und solchen, die ihren Sitz in Sonnenschein, Regen und Wind haben, also äußeren. Beides fand ich hier bestätigt. Die Sippe der Vamramba schickt die Hungersnot ins Land, indem sie in einem bestimmten Haine betet, der also den Hungerdämon beherbergt. Anderseits herrscht die allgemeine Ansicht, daß alle Seuchen aus der Sonne kommen. Hier scheint also noch einmal der Sonnengott den Charakter eines Dämonen anzunehmen, während der Sonne im allgemeinen als schöpferische und erzeugende Macht eine höhere Stellung zugewiesen ist.

Wenn die Wapare sehen, daß eine Hungersnot vor der Tür steht, gehen sie zu ihrem obersten Häuptling, um ihn zu bitten, etwas gegen das drohende Unglück zu unternehmen. Dieser befiehlt jeder Landschaft die Stellung einer Ziege. Sind diese alle zusammen, dann geht eine Gesandtschaft mit einem Unterhäuptling an den Zauberer ab, der durch seine Medizin die bösen Dämonen, die schon einen großen Teil der Ernte vernichtet haben, bannen soll. Der stellt ein Sympathiemittel her, indem er allerlei Kräuter stampft und das Ganze mit einigen Exemplaren der Insekten vermengt, die die Felder des betreffenden Landes im besonderen heimgesucht haben, nach dem Grundsatz der magischen Medizin: „Similia similibus!“ Den fertigen Brei bespützt er unter geheimnisvollem Gemurmel, indem er den Atem heftig zwischen den fest zusammengepreßten Lippen hervorstößt, als ob er in eine Trompete blasen wolle. Zu Hause angekommen, verteilt der Oberhäuptling den Extrakt an die Häuptlinge der einzelnen Landschaften. Je zwei und zwei Männer sprengen diesen mit Wasser reichlich verdünnten Zauber auf die Felder ihres Bezirks. Zum Sprengen verwenden sie einen Pinsel, der in einem am Ende zerstoßenen Bananenschößling einer bestimmten Art besteht. Die Leute müssen tiefschwarze Hautfarbe haben, damit die Maisstauden und die andern Pflanzen schwarz (d. h. saftgrün) werden. Würden hellfarbige Männer das Weihwasser sprengen, so läge die Gefahr nahe, daß auch die Maisstauden eine kümmerliche hellgrüne Farbe annähmen. Das Besprengen geschieht vier Tage lang. An diesen wird unter keinen Umständen geackert. Holz darf nur gebrochen, aber nicht mit der Axt abgeschlagen werden. Auch der Gebrauch des Messers zum Abschneiden einer Bananentraube oder eines Zuckerrohrs ist untersagt. Die Restbestände des Zaubers werden im Hause des Häuptlings aufbewahrt. So verfährt man in Zeiten der Dürre und andrer die Ernte bedrohender Plagen, um von den Anpflanzungen zu retten, was noch zu retten ist.

In ähnlicher Weise wird ein andrer Zauber angewandt, der dazu dient, von vornherein einen reichen Ernteertrag zu sichern. Berühmte Medizinmänner, die in diesem Fach Bedeutendes leisten sollen, sind die Vamramba, die Affenbrotbaumleute. Diese Sippe soll angeblich ihre Toten bei solchen Bäumen niederlegen, die wohl ihr Totem bilden. Vorerst erhält der Zauberer für seine Mühewaltung zwei Ziegen und nach erreichtem Erfolg eine Färse und einen Ochsen. Den Leuten werden zweierlei Zaubermittel verabfolgt. Das erste verdünnt der Häuptling in einem Topf und legt etwas Saatmais in das geweihte Wasser. Am nächsten Morgen ganz früh entnimmt er dem Topf ein wenig von der Saat, macht auf seinem Acker unten und oben je zwei Saatlöcher und pflanzt den geweihten Mais. Zu beachten ist auch hier die immer wiederkehrende heilige Zahl vier. Er hütet sich, vorher etwas zu essen, weil das für alle Insekten sozusagen eine Einladung wäre, auch zu essen, und diese würden natürlich ihren Hunger an den Früchten des Feldes stillen. Hat der Häuptling den Anfang gemacht, dann kommen alle Leute der Landschaft in sein Gehöft. Jeder nimmt sich eine Handvoll des geweihten Maises aus dem Topf, schüttet eine gleiche Menge seiner mitgebrachten Saat wieder hinein und begibt sich auf seinen Acker, um zu pflanzen. Später werden die Felder mit der andern „Arznei“ besprengt unter Beobachtung derselben Regeln, wie oben beschrieben.

Ist die Erntezeit gekommen, so sendet der Häuptling Leute, die auf jedem Acker einige Maiskolben brechen und diese Steuer (mshanjo) an einem Scheidewege zusammentragen. Hier wird der Ernteschmaus gehalten. Jeder Fremde, der vorübergeht, darf teilnehmen. Was übrigbleibt, läßt man zur freien Benutzung für jedermann am Wege liegen. Damit ist die Ernte offiziell eröffnet.

Auch Seuchen an Menschen und Vieh werden durch Besprengung mit derartigem Weihwasser vertrieben. Alle Leute stehen am bestimmten Tage ganz früh gegen 4 Uhr morgens auf, und in jedem Hause werden die Feuer, die Abbilder der alten Sonne, ausgelöscht in der Hoffnung, daß auch die Seuche so erlöschen möge. Jede Frau trägt eine alte Kürbisschale mit gekochtem Mais und ein Stück Feuerholz. Letzteres wird beim Hause des Häuptlings niedergelegt. Der Medizinmann führt die ganze große Versammlung an einen Busch, wo die Frauen schnell ihre Schalen hinsetzen und alle, ohne rückwärts zu schauen, in das Gehöft des Häuptlings zurückkehren. Das nennt man kutaga ihumpa = die Seuche fortwerfen.

Auf dem Hofe des Häuptlingshauses erzeugt der Zauberer mit den Vinindi-Stäbchen neues Feuer, ein Abbild der nunmehr erneuerten Sonne, und verbrennt einige Zaubermittel. Die Frauen legen ihre mitgebrachten Scheite hinein, lassen sie tüchtig anbrennen und tragen diese neugewonnenen Feuer in ihre Hütten, während die ausgewählten Männer vier Tage lang mit ihrem Weihwasser durch die Landschaft ziehen und Häuser, Menschen und Vieh besprengen. Bei dieser Arbeit dürfen sie übrigens kein Wort reden und müssen selbst beim freundlichsten Gruß stumm bleiben. Ich will nicht vergessen zu erwähnen, daß allen diesen Medizinen natürlich auch das allgebräuchliche Sühnemittel, der Mageninhalt eines Schafes, beigemengt ist. Der unparteiische Beobachter muß auch hier wieder sagen: Ob der hochkultivierte Europäer sich kleine Kräuterbündel in der Kirche weihen läßt und diese dann gegen Blitzgefahr unter das Dach hängt, oder ob sich der unkultivierte Neger von seinem Medizinmann Weihwasser gegen Hungersnot und allerlei Seuchen machen läßt, es handelt sich bei beiden um die gleichen Vorstellungen. Die Kultur, selbst im Verein mit der Kirche hat oft nur die Schale verändern können, ohne den Kern zu berühren. Die reinen und einfachen Lehren des Wortes Gottes werden aber beim Neger nicht nur eine Änderung in der Lebensform bewirken sondern auch seine Gedankenwelt, besonders aber seine Seelenvorstellungen von Grund aus reformieren. Wir freuen uns, daß wir heute schon Hunderte von christlichen Negern haben, die sich schämen würden, geweihte Sträußchen oder dergleichen Dinge gegen Blitzgefahr in ihr Haus zu hängen, weil sie, die noch gestern Heiden waren, genau wissen, daß heidnischer Dämonenkult auch in christianisierter Form bleibt, was er war. Wundt bestätigt das am Ende seiner Besprechung über die Schutzdämonen, und seine Worte sollten uns Kulturmenschen, die wir wohl auf die Ideenwelt des Negers mit Geringschätzung herabblicken, nachdenklich stimmen. Wundt schreibt: „Aber die Majorität dieser mit Heiligennamen geschmückten Dämonen gilt doch den Plagen und Befürchtungen, die den Menschen vor jeder Kultur schon bedrängen. Laurentius hilft gegen Schulterschmerzen, Sebastian vertreibt die Pest, Rochus die Syphilis, Johannes der Evangelist bewahrt vor Vergiftung, Benediktus vor Behexung, Vincentius bringt Verlorenes zurück, Klara verhilft den Mädchen zu Männern. So hat die Kasuistik des abergläubischen Heiligenkultus jedem Heiligen sein besonderes Übel zugewiesen, gegen das seine Anrufung schützen soll. In dieser Teilung der Aufgaben gleichen die Heiligen ganz den Schutzdämonen der heidnischen Litauer oder der römischen Indigitamenta. Aber es sind nicht mehr Kulturdämonen, die angerufen werden, sondern Zauberdämonen des primitiven Animismus, die von den Kulturdämonen nur das Prinzip der Arbeitsteilung und von den christlichen Heiligen die Namen übernommen haben.“

Die Vaasu haben außerdem eine ganze Reihe von heiligen Hainen, in welchen sie Kulthandlungen vornehmen. Ob wir es nun hier mit rein animistischen Vorstellungen zu tun haben, oder ob die zu besprechenden Erscheinungen dem Dämonen- oder Fetischkult zuzurechnen sind, das wage ich nicht zu entscheiden. Ein Zaubermittel aus Holz oder Stein wird nach Wundt erst dann zum Fetisch, wenn es Objekt eines Kultus wird. Das findet hier anscheinend in einigen Fällen statt. Anderseits lassen aber die dabei üblichen Gebräuche so sehr die sonst dem Fetischkult eigentümlichen Zeremonien außeracht, daß man doch mehr an einen Dämonenkultus zu denken hat.

Im ganzen Lande zerstreut liegen die heiligen Haine, die matasio. Dicht bei unsrer Missionsstation Friedenstal liegt der berühmte Zimbwe-Hain, dessen Entstehung uns ein alter Häuptling folgendermaßen erzählte: In grauer Vorzeit fand ein Mann namens Mabeku an der heutigen Opferstätte eine junge Riesenschlange, die immer an einer Stelle liegen blieb. Da seiner Sippe die Schlange heilig war, so deckte er seinen Fund mit einem Topfe zu und pflanzte einen Isai-Baum sowie eine Jore-Schlingpflanze daneben. Die Schlange fütterte er, bis sie groß war, und machte bekannt, daß an der Stelle seines Opferplatzes kein Baum gefällt werden dürfte. So entstand mit den Jahren ein großer Hain und zahlreiche Töchterhaine, die von den Gläubigen mittels Ablegern in ihren eignen Landschaften angelegt wurden. Aber Zimbwe blieb immer der „Häuptling“, der auch bei den Gebeten in den andern Hainen als Mächtigster genannt wird. Charakteristisch für die Umwandlung, die solche Vorstellungen durchmachen können, ist die Tatsache, daß die Erinnerung an die Schlange immer mehr verblaßte und mit der Zeit der Hain als solcher angebetet wurde, der Kindersegen verleihen und den Unschuldigen an den Bösen rächen kann. Man betet also: We Zimbwe, wekininka vaana, nnekunka nzao na ndorome ya mafuta! = Du Zimbwe-Hain, wenn du mir Kinder schenkst, so werde ich dir einen Ochsen und einen fetten Schafbock opfern! So ist der ursprüngliche Seelenkult zum Vegetations- und Dämonenkult geworden. Der Wald, der anfänglich nur den geheimnisvollen Hintergrund für den Schlangendienst bildete, tritt nunmehr als eine Art selbständiger Dämon auf, dessen Hilfe man sich durch Versprechungen von Opfertieren zu sichern sucht. Als Folge dieser Wandlung der Assoziationen wurde das Verbot, in einem solchen Walde Bäume zu fällen, immer bestimmter, indem man den Holzschlag nicht mehr als einen am Opferplatz verübten Frevel ansah, sondern vielmehr als eine dem Hain selbst zugefügte Beleidigung betrachtete. Natürlich spielen die an die Schlange sich anknüpfenden Seelenvorstellungen beim Opfer noch immer eine Rolle. So legt der Priester die Eingeweide des Opfertieres auf die Erde und ersieht aus den Bewegungen des Dick- und Dünndarmes, ob das Opfer auch der Riesenschlange und deren kleineren Genossen, ihren Boten, angenehm ist.

Der echte Dämonenkult tritt uns in andern Hainen, den sogenannten mpungi entgegen. In ihnen ist der Opferplatz nur durch Isai-Bäume gekennzeichnet, die im Kreise herumgepflanzt sind. In der Mitte steht gewöhnlich ein Topf mit unbekanntem Inhalt und ein Isai-Baum. Solch ein Mpungi macht sich auf dieselbe unangenehme Weise bemerkbar wie andre Geister. Wenn die Kinder sterben, Menschen und Vieh erkranken, sagt das Orakel: „Euer Mpungi ist die Ursache, er will ein Opfer haben.“ In der Nähe einer unsrer Stationen ist ein berühmter Regen-Mpungi. Diesem Dämon werden große Bieropfer dargebracht, wie ich selbst einmal sah. Auch ein Ochse wurde getötet. Man betet: „Du Regen(dämon), wir bringen dir dein Opfer: mach’ uns gesund und mehre uns und unser Vieh usw.“ Dieser Regendämon scheint also mit der Zeit seinen Machtbereich weit über sein eigentliches Gebiet ausgedehnt zu haben, was ja nicht sehr verwundern kann, da für unsre Wapare als Ackerbauer und Viehzüchter der Regen Lebensbedingung ist. Übrigens geht jeder, der sich Regenzauber kaufen will, zuerst in diesen Hain, um dort unter anderm mit einem der schon oben erwähnten Bananenpinsel geweihtes Wasser als Bild des Regens nach allen Richtungen in die Luft zu spritzen. Dabei wird der Regen genau so herbeigerufen, wie man sonst die Rinder ruft, nämlich: Purko ko ko! Doch meine Freizeit, die ich dieser Arbeit gewidmet habe, reicht nicht aus, alle diese mannigfaltigen Gebräuche aufzuzeichnen; daher muß ich mich mit diesen Andeutungen begnügen.

Noch einen Zauber will ich erwähnen, der eine Art Hausdämon günstig stimmen soll. Er wird immer in der Nähe des Hauses angebracht und besteht in einem kleinen etwas eingegrabenen Topf, hinter welchem unter anderm ein Isai-Baum gepflanzt wird. Am Tage der Opferfeier wird Speis- und Trankopfer dargebracht. Jeder tritt herzu und macht in eines der Blätter des heiligen Isai-Baumes einen Knoten und trägt dem Dämon dabei seine Bitten vor. Diese Sitte ist wohl gleichbedeutend mit dem Gebrauch bei andern Stämmen, ihren Fetischfiguren bei besonderen Anlässen einen Nagel einzuschlagen, um sie zu gewissen Dienstleistungen zu verpflichten. Obige Zeremonie nennen die Wapare kusoma kisiko = den Kisiko-Zauber eingraben. Auf andre Eigentümlichkeiten, z. B. das Austreiben eines schwarzen Schafes und einer gleichfarbigen Färse, denen je eine Glocke um den Hals gebunden ist, kann ich hier nicht eingehen.

Während sich diese Dinge mehr oder weniger dem Fetischdienst nähern, hat der Mwasu auch andre Zaubermittel, die ins Gebiet der Magie gehören. Sie werden unter entsprechenden Beschwörungen von den Medizinmännern auf Zugangswegen vergraben und halten Seuchen, Kriege und wilde Tiere dem Lande fern. Man nennt sie mafingo (s. S. 196). Ihnen wird nicht geopfert.

Der Fetischdienst.

Wenn ein Zauber dadurch zum Fetisch wird, daß man ihn zum Gegenstand eines Kultus macht, so ist hier an erster Stelle der berühmte Dachgötze mpingu und sein Adjutant (mlao), der mfuko oder „die Tasche“ zu erwähnen. Auch die Anfertigung dieses Fetischs kann hier nur in großen Umrissen wiedergegeben werden. Ist der Götze zufällig mit seinem Tempel verbrannt oder altersschwach geworden, dann ruft der Sippenälteste, der zugleich Mpingu-Priester ist, die ganze Sippe zusammen, um mit ihr die Beschaffung der Opferziegen und des Bieres zu besprechen, Dinge, die bei der Neubereitung des Mfuko und danach des Mpingu geopfert werden müssen. Nach einigen Tagen werden vier Männer ausgesandt, um Blätter und Rinde von bestimmten Bäumen zu holen, und zwar gehen zwei in den Gebirgswald und zwei in den Steppenbusch. Unter Beobachtung der mannigfaltigsten Gebräuche werden die Rindenstücke pulverisiert, die Blätter zu Asche verbrannt und mit der Mischung an zwanzig kleine Kürbisfläschchen gefüllt. Diese werden vorläufig in einem Mattensack aufbewahrt. Bei einer neuen Zusammenkunft werden die erste Opferziege und ein Hahn, beide von bestimmter Farbe, geschlachtet. Aus der Lage des geschlachteten Hahnes auf dem Erdboden und den Eingeweiden der Ziege wird ersehen, ob die Tiere „rein“ sind oder ob irgendeine andre dämonische Macht eine Forderung hat. Das Orakel erteilt in solchem Fall Aufschluß. Ist alles in Ordnung, so stoßen die Frauen viermal den Freudentriller aus, und es wird dem Mfuko im Hause ein Fleisch- und Bieropfer dargebracht. Der Priester betet an der Haussäule: „Du Mfuko, wir sind gekommen, dich neuzumachen, denn du hast uns durch allerlei Übel daran erinnert. Nun segne uns und mehre uns und unser Vieh!“ Das Fell der Ziege wird unausgespannt in der Sonne getrocknet, und jeder Mann reibt es, um es geschmeidig zu machen. Aus diesem Fell wird nun vier Wochen lang jedesmal am vierten Wochentage der Mfuko, die Tasche, genäht und ihm an der Haussäule, dem späteren Träger des Fetisches, Bieropfer dargebracht. Am vierten Wochentage der fünften Woche wird die „Tasche“ mit den kleinen Kürbisflaschen und etwa hundert Kungu-Nüssen gefüllt und feierlichst auf den Dachboden gebracht. Am vierten Tage der sechsten Woche wird dem neuen Fetisch ein Reinigungsopfer wegen der inzwischen verstorbenen Ältesten der Sippe dargebracht, damit auch er selbst, wie das bei den Hinterbliebenen der Toten üblich ist, entsühnt werde. Welche verwickelten Gedankengänge und Vorstellungen mögen wohl zu solchen Sitten geführt haben! Am vierten Tage der achten Woche hält man ein neues Zauberopfer ab, das kugera mikono = Hände hineinstecken. Der Mfuko wird vom Boden heruntergeholt und auf ein Fell gesetzt, Kürbisfläschchen und Nüsse werden herausgenommen. Der Priester heißt jeden eine oder zwei von den heiligen Nüssen nehmen und dafür sofort einige der mitgebrachten in die Tasche legen. Ein jeder muß seine Nuß kauen und vermischt den fetthaltigen Nußbrei mit ein wenig Zauberasche aus den Kürbisfläschchen. Mit dieser Salbe reibt er sich den ganzen Körper ein. Damit ist die Reihe der Mfuko-Opfer zu Ende. Der Oberpriester, in dessen Haus der Fetisch aufbewahrt wird, entläßt die Versammlung mit dem Auftrag, weitere Opferziegen für die nicht vor Jahresfrist vorzunehmende Neubereitung des Hauptfetisches Mpingu bereitzustellen.

Dieser wird nun auch unter Beobachtung aller möglichen Zeremonien zusammengestellt. Er besteht in der Hauptsache aus einer riesigen Königin der schwarzen Ameisen, einem Nest des Harya-Vogels (Madenhacker), einem entkernten Maiskolben und dergleichen mehr. Alles wird mit dem Horn eines Schafbocks zusammengebunden, mit Bast des Affenbrotbaumes umwickelt und dann noch überflochten. Das ganze Bündel wird mit Reihen von Kaurimuscheln benäht, und zwar erhält jede Sippe ihre besondere Reihe. Die Ameisen lernten wir schon als Seelenträger kennen, auch den Madenhacker. Wie erwähnt, besteht sein Nest nur aus Haaren von Menschen und allen möglichen Haus- und wilden Tieren. Ein Gebilde aus derartig vielen Seelenträgern eignet sich vorzüglich zur Bereitung eines Dämonenzaubers oder Fetisches. Außerdem sind die in Baumlöchern angelegten Harya-Nester sehr schwer zu finden und schon dadurch wertvoll. Der entkernte Maiskolben wird nur bei Wachthütten gesucht, in welchen die Vaasu nachts ihre Felder gegen Schweine bewachen. Durch dieses Symbol wird dem Dachgötzen Wachsamkeit mitgeteilt. Tagsüber bleibt sein Tempel, wenn man die Hütte so nennen will, stets offen, weil der Fetisch selbst darüber wacht, daß in der Hütte nichts gestohlen wird. Zahlreich sind die Tempelvorschriften. Buntgekleidet oder mit bedecktem Haupte darf keiner in den Tempel treten. Schwarz ist die Opferkleidung. Rauchen ist nicht gestattet.

Der Mpingu-Fetisch wird auf dem Dach in einem Topf aufbewahrt, wo er im Gegensatz zum Mfuko auch bei Opferfesten verbleibt, also nicht wie jener heruntergenommen wird. Unter besonderen Zeremonien werden die Novizen in die Fetischgemeinde aufgenommen, indem ihnen der Mpingu gezeigt wird. Nur auf diese Weise eingeweihte Personen werden zu den Opfern zugelassen. Die der betreffenden Sippe zugehörige Muschelreihe wird bei dieser Gelegenheit gesäubert und mit Fett eingerieben, was zu gleicher Zeit die Festigkeit der Baumfaserschnüre erhöht. Eine besondere Eigentümlichkeit des Dachgötzen besteht darin, daß ihm nur in den regenlosen Monaten geopfert wird. Der Mpingu ist für den Paremann die höchste Instanz und wird außerordentlich gefürchtet. Schwierige Rechtsfälle werden vor ihm entschieden. Die Entscheidung lautet immer für die unterliegende Partei auf Tod innerhalb einer genau angegebenen Frist.

Ein weiteres Amulett, welches ich glaube zu den Fetischen zählen zu dürfen, nennt man kidanga. Es ist ein gedrehtes eisernes Armband, und das Opfer besteht darin, daß diese Armbänder unter besonderen Zeremonien beim Schmied angefertigt werden. Vielleicht ist die Sache so, daß Kidanga der eigentliche Name für den Dämon ist und sein Name auf sein Abzeichen übertragen wurde. Daher auch das Orakel von einem Gott der Vidanga spricht (murungu wa vidanga). Erkrankt jemand an einer Art Ringwurm oder ringförmigen Flechte, so führt das Orakel diesen Ausschlag auf den Kidanga-Fetisch zurück. Es rät, den Dämon durch ein entsprechendes Zauberopfer zu bannen. Der Kranke borgt sich bei einem Nachbar ein solches Armband und betet etwa folgendermaßen: „Du Gott der Vidanga, bist du es, der mich krank macht, so gelobe ich dir, dein Abzeichen schmieden zu lassen, wenn du mich wieder herstellst.“ Ist das eingetreten, dann sagt er sich mit seiner Sippe bei einem Schmied an. Am bestimmten Tage erscheint er dort mit einer grünen Bananentraube, einem Hahn und zwei Kalabassen mit Bier, und zwar enthält die eine Bier aus dunklem, die andre solches aus hellem Zuckerrohr. Diese Zuckerrohrfarben werden übrigens bei allem Opferbier für den Mpingu-Fetisch vorgeschrieben. Der Schmied spützt etwas Bier auf die Stelle, an welcher sein Schmiedefeuer gewöhnlich brennt, und betet: „Du Gott der Vidanga, wenn du diesen Mann bedrängt hast, hilf, daß deine Abzeichen wohlgelingen, sonst laß sie abbrechen.“ Nunmehr schmiedet er für jedes Glied der Sippe, auch für Abwesende, einen Armring. Den Männern wird er um das rechte Handgelenk gelegt, den Frauen um das linke. Damit ist die Zeremonie beendigt.

Die Himmelskörper.

Ich fragte einmal einen ganz alten Mann, welche Vorstellung er sich von Gott mache und was die Wapare Näheres von ihm wüßten. Er gab mir folgende Antwort: „Kiumbe ist der Schöpfer, der alles erschaffen hat. Von ihm wissen wir nichts mehr, er kümmert sich nicht um uns und wir nicht um ihn, aber die Sonne ist groß, und der Mond ist groß, der Mond gebiert die Menschenkinder.“ Ein andrer Gewährsmann drückte sich folgendermaßen aus: „Der Kiumbe ist als Schöpfer uns allen bekannt.“ Aber wenn ein Paremann nähere Auskunft über ihn geben soll, dann weiß er nichts zu sagen und kommt deshalb auf Sonne und Mond als bekanntere und vor allem sichtbare Dinge zurück. Sonne, Mond und Sterne haben noch als Nebennamen: msembeki = Ankläger, mrenge = Verräter, mloreži = Beobachter. Für diese Namen habe ich verschiedene Erklärungen gehört, die mich aber nicht ganz befriedigten. Am besten schien mir folgende Redensart den Sinn wiederzugeben: „Tötest du am Tage, so sieht dich der Tag (Sonne = Ankläger); tötest du in der Nacht, so sieht dich die Nacht (Mond = Verräter, Sterne = Beobachter).“ Reste eines uralten Sonnendienstes ähnlich dem Molochdienst glaube ich hier bei den Vaasu in dem Muni-Opfer bei den Frauenfesten gefunden zu haben (s. S. 47). Auch bei der Zahnung der Kinder sahen wir schon, daß die Säuglinge der Sonne „gezeigt“ werden. Ein jüngerer Häuptling erinnerte sich, daß vor etwa 20 Jahren auf einer Wiese der Sonne und dem Mond ein großes Speisopfer dargebracht wurde. Heute noch kann man in der Gerichtshalle besonders immer wieder als eine Art Eidesformel rufen hören: „Groß ist die Sonne, die uns hütet und sieht!“ Der Mond zeigt ja seinen Einfluß auf die Menschen vor allem bei den Menses der Frauen. Auch dadurch, daß die Zähne bei den Säuglingen genau nach festgelegten Mondmonaten kommen müssen, wie wir beim Zahnzauber sahen, gewinnt rückwirkend der Mond bei den Vaasu an Bedeutung.

Frau mit Elefantiasis.
Taubenhaus aus übereinandergetürmten Bienenstöcken.
Kleines Hospital auf der Missionsstation Friedenstal.
Schlafkrankes Mädchen.

Sieht ein Häuptling sich vom andern ohne Grund mit Krieg bedroht, so bereitet dieser in einem kleinen Topf etwas Honigbier und steigt damit auf die Spitze seiner Hütte, wo er den Topf hinsetzt und dem Schöpfer (kiumbe), dem Firmament (kilunge), der Sonne und dem Mond ein Trankopfer darbringt, indem er zweimal nach Sonnenaufgang und zweimal nach Sonnenuntergang spützt. Er bittet dabei, daß sein Feind wohl sehen möge, wie die Sonne aufgehe, aber nicht mehr wie sie untergehe. Diese Beschwörung nimmt er vier Tage lang vor und gibt am Tage des Gefechtes seinem Gegner durch Zuruf davon Kenntnis.

Auch die Ärzte gehen mit ihrer Arzneiflasche am Schluß der Behandlung vor das Haus, um gegen Osten und Westen zu spützen, indem sie der Sonne zurufen: „Nimm unsre Krankheiten an dich und geh mit ihnen dahin, wo du hingehst!“ Einen ähnlichen Vorgang lernten wir schon kennen, als wir von der Vertreibung der Seuchen sprachen. Es wurden alle Feuer ausgelöscht, ein Bild der untergehenden alten Sonne, welche die Seuchen mitnehmen sollte.

Dieses Kapitel will ich nicht schließen, ohne erwähnt zu haben, daß von der Küste her über Usambara auch in Pare ein neuer Dämon seinen Einzug gehalten hat, der mzuka. Er wird gebannt, indem man ihm unter „seinem Baum“ ein etwa 1 m hohes Hüttchen baut, worin ihm in einer Tasse allerlei Speisopfer dargebracht werden.