Seid allesamt gleich gesinnt!
1. Petri 3, 8.
n Einem hat's unserm deutschen Volke und unserer evangelischen Kirche oft gefehlt, an der rechten Einigkeit. Das hat Vaterland und Kirche mehr als einmal bitter büßen müssen. Uns ist es heute kaum verständlich, um welcher Fragen willen man sich im Jahrhundert der Reformation streiten konnte, und zwar nicht nur in den Kreisen der Gelehrten, sondern auch in den Gemeinden. Fast schien es, als sollte ein breiter, tiefer Graben zwischen zwei Parteien in der lutherischen Kirche gezogen werden. Die eine Partei wollte streng und unentwegt in Luthers Fußtapfen gehen und meinte das besonders dadurch zu thun, daß sie jede Annäherung an die Reformierten oder Katholiken sorgsam vermied. Die andere Partei trug das Gepräge Melanchthon'schen Geistes und suchte gerade das zu pflegen und zu erweitern, was man mit den Reformierten oder Katholiken Gemeinsames hatte und worüber man sich die Friedenshand reichen könnte. Daran nahmen jene strengen Lutheraner heftigen Anstoß. Als im Leipziger Interim die Philippisten — so nannte man die letztere Partei — den Katholiken mancherlei Zugeständnisse gemacht hatten, wurden sie für Verräter am wahren Luthertum erklärt. Die Söhne des gefangenen Kurfürsten von Sachsen gründeten im Jahre 1548 die Universität Jena. Diese sollte ein Hort der unverfälschten und unverwischten Lehre Luthers sein.
Die Verschiedenheit beider Richtungen zeigte sich vornehmlich in der Auffassung des heiligen Abendmahls. Melanchthon näherte sich darin der Lehre Calvins (s. oben S. 93). Man nannte deshalb seine Anhänger geradezu heimliche Calvinisten (Kryptocalvinisten). Eine Zeit lang hatten sie in Sachsen die Oberhand. Als aber von ihren Führern offen die Einigung der Lutheraner mit den Calvinisten empfohlen wurde, schritt Kurfürst August von Sachsen im Jahre 1574 zur gewaltsamen Unterdrückung der Melanchthon'schen Richtung. Ihre Anhänger wurden verjagt. Ihr Haupt, Dr. Kaspar Peucer, Melanchthons Schwiegersohn, wurde festgenommen. Zwölf Jahre hat er um seiner Überzeugung willen im Gefängnis gesessen. Das waren traurige Zeiten. Der blinde Fanatismus sah und schärfte nur den Unterschied in einer Lehre. Es fehlte völlig an dem milden Sinn, der in dem gemeinsamen Glauben an Jesum Christum, den Gekreuzigten und Auferstandenen, den genügenden Grund zur gegenseitigen Duldung findet.
Schon seit einer Reihe von Jahren erstrebte man ernstlich die Einheit der evangelischen Kirche Deutschlands. Edle, verständige Fürsten erkannten die Gefahr, die in der Zersplitterung liegt. Unermüdlich arbeitete der gelehrte Jakob Andrä in Tübingen an der Herstellung des Friedens. Die Frucht gemeinsamer Arbeit mehrerer Theologen war die sogenannte Concordien- oder Eintrachtsformel (1577), die alle Lehrstreitigkeiten innerhalb der lutherischen Kirche zu schlichten suchte. Kursachsen, Brandenburg, die Pfalz und über 80 Städte stimmten ihr zu. An 8000 Männer, Geistliche und Lehrer haben sie unterschrieben und anerkannt. Wer sich des weigerte, wurde seines Amtes entsetzt und des Landes verwiesen.
Kurfürst August von Sachsen ließ die Bekenntnisschriften der evangelischen Kirche samt der Concordienformel in ein Buch zusammenfassen. Das nannte man das Concordien- oder Eintrachtsbuch. Am Jubeltage der Augsburgischen Konfession, am 25. Juni 1580, wurde es feierlich veröffentlicht. Zum Zeichen dafür, daß auch die lutherische Kirche ein Glied der großen Einen Kirche Jesu Christi auf Erden ist, sind die drei alten Glaubensbekenntnisse (das apostolische, das Nicänische und das Athanasianische) vorangestellt. Dann folgen die Augsburgische Konfession, wie sie im Jahre 1530 dem Kaiser vorgelegt worden war (s. oben S. 63 ff.), die Schmalkaldischen Artikel (s. oben S. 68), die beiden Katechismen Luthers (s. oben S. 48 ff.) und die Concordienformel.
51 Fürsten und 35 Städte haben das »Eintrachtsbuch« unterzeichnet.