Es sind mancherlei Gaben, aber es ist
Ein Geist.
1. Cor. 12, 4.
ie Reformation stellte Gottes Wort in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. »Der größte Gottesdienst«, sagte Luther, »ist die Predigt. Durch sie kommt Christus zu dir oder du wirst zu ihm gebracht.« Die Predigt schloß der Gemeinde den ganzen Reichtum des göttlichen Wortes auf.
Der Meister der Predigt der Reformationszeit ist Luther. Alle anderen Prediger sind seine Schüler gewesen. Er selbst aber kannte keinen anderen Lehrmeister als Gottes Wort und ging bei Christus in die Schule. Von ihm lernte er so predigen, daß »es die Leute verstehen, fassen und behalten können.« Es hat wohl keinen fleißigeren Prediger gegeben als Luther. Er hat oft zweimal an einem Tage gepredigt. Mit dem Lichte göttlichen Worts beleuchtete Luthers Predigt das ganze Leben, Zeitliches und Ewiges, Irdisches und Himmlisches. Gern teilt Luther seine Predigten in zwei Teile — der eine handelt vom Glauben, der andere von der Liebe. Da zeigt er erst, wie der Mensch durch den Glauben an Jesum Christum Gottes Gerechtigkeit erlangt. Dann predigt er, wie der Glaube sich in der Liebe bethätigen soll: im Familienleben, im Hausstand, im Gehorsam gegen die Obrigkeit, im Beruf, im Handel und Wandel. Luther begnügt sich nicht mit der Predigt über die gegebenen Sonntagstexte. Er wählt sich auch andere Bibelstellen oder predigt im Zusammenhange über ganze biblische Bücher. Weil ihn die geistliche Not des Volkes und der Jugend jammert, legt er auf der Kanzel den Katechismus von Anfang bis zu Ende aus. Im Jahre 1528 allein hat er es dreimal gethan(s. oben S. 52.
Und was ist Luther für ein volkstümlicher Prediger gewesen! Es war sein Grundsatz: »In der Kirche oder Gemeinde soll man reden, wie im Hause daheim, die einfältige Muttersprache, die jedermann versteht und bekannt ist. Wenn ich allhier predige, lasse ich mich aufs Tiefste herunter, sehe nicht an die Doktoren und Magister, deren in die Vierzig drin sind, sondern auf den Haufen junger Leute, Kinder und Gesinde, deren in die Hundert oder Tausend da sind; denen predige ich, nach denselbigen richte ich mich, die bedürfen's.« Es ist ganz köstlich zu lesen, wie Luther von Gott als einem »großen Gebhart« predigt, der »ein reicher, gewaltiger Herr und Schaffner, ja selbst ein reicher Müller und Bäcker ist, besser denn keiner auf Erden, der das Handwerk sehr wohl gelernt«, oder »ein reicher Küchenmeister und Kellner, der hat eine Küche, die so weit als die Welt ist.« Dem Heiland hat es Luther abgelauscht, die Predigt der Natur zu lesen und zu hören. Das Samenkorn, das in der Erde verdirbt und doch viel herrlicher wieder ersteht, predigt, »daß uns Gott läßt also in die Erde bescharren und verfaulen auf den Winter, auf daß wir auf den Sommer sollen wieder hervorfahren, viel schöner denn die Sonne, als sei das Grab nicht ein Grab, sondern ein schöner Würzgarten, darein schöne Nelken und Rosen gepflanzt, so auf den lieben Sommer daher blühen sollen.« Hat Luther nicht recht, wenn er sagt: »Das ist auf recht himmlisch deutsch von der Auferstehung geredet, wie Gott und seine Engel reden«? Vor dem Vöglein, das keine Sorge kennt, »möchten wir unsere Hütlein abthun und sagen: Mein lieber Herr Doktor, ich muß ja bekennen, daß ich die Kunst nicht kann, die du kannst. Du schläfst die Nacht über in deinem Nestlein ohne alle Sorge. Des Morgens stehst du wieder auf, bist fröhlich und guter Dinge, setzest dich auf ein Bäumlein und singst, lobst und dankst Gott; darnach suchst du deine Nahrung und findest sie.«
Ein Band Predigten Luthers gehört in jedes evangelische Christenhaus. In Luthers Haus- und Kirchenpostille steckt noch heute ein reicher Segen.
Wer mag alle die andern großen Prediger der Reformationszeit aufzählen! Johann Bugenhagen, Justus Jonas, Kaspar Kruciger, Paul Eber, Sebastian Fröschel in Wittenberg, Georg Spalatin in Altenburg, Johann Pfeffinger in Leipzig, Friedrich Mykonius in Gotha, Johann Spangenberg in Eisleben, Veit Dietrich und Wenzeslaus Linck in Nürnberg, Johann Brenz in Stuttgart und viele andere mehr! Manch Goldkörnlein ist in ihren Predigten zu finden, wenn man nur darnach sucht.
Aber eines Mannes muß noch ganz besonders gedacht werden: des wackeren Bergpredigers Johann Mathesius in Joachimsthal. Dieser hat seinen frommen Bergleuten Luthers Leben in Predigten erzählt. Ein evangelischer Bergmann muß noch heute seine Freude dran haben. Aber für uns alle ist jenes Leben Luthers in Predigten ein köstliches Buch, das fleißig gelesen zu werden verdient. Denn Mathesius, der oft an Luthers Tisch gesessen hat, kann etwas erzählen und versteht es zu erzählen und anschaulich zu schildern.
Zum evangelischen Gottesdienst gehört aber auch das evangelische Kirchenlied. Darin bringt die Gemeinde ihr Loben und Danken, ihr Bitten und Flehen vor Gottes Thron. Darin legt sie das Bekenntnis ihres Glaubens ab. Und wer mag die frommen Christen alle zählen, die im Kämmerlein und auf dem Krankenbett im evangelischen Lied Trost und Erbauung suchen und finden.
Luther hat zuerst das evangelische Kirchenlied angestimmt. Er hat uns auch das erste Gesangbuch gegeben. Davon ist oben erzählt worden (S. 44). Bald weckte seine Stimme eine ganze fröhliche, fromme Sängerschar. »Wohl waren nicht alle Nachtigallen, aber Lerche, Fink und Drossel sind auch liebliche Sänger. Der reiche Gott hat einer jeden Stimme ihren eigentümlichen Wohllaut, Schmelz und Klang gegeben.«
Von einigen dieser Sänger, deren Lieder wir noch heute in unseren Gottesdiensten singen, mag hier etwas erzählt werden. Da ist der biedere ehrwürdige Hans Sachs, der Nürnberger »Schuhmacher und Poet«, der mit seinem Liede Luther, »die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall«, grüßte. Vielleicht stammt von ihm das Kreuz- und Trostlied: »Warum betrübst du dich mein Herz, bekümmerst dich und trägest Schmerz«. Zu den ersten Liederdichtern unserer Kirche gehört auch Paul Speratus aus Rottweil in Schwaben. Frühzeitig war er dem Evangelium zugethan und verbreitete die Reformation. An Verfolgung hat es ihm nicht gefehlt, bis er in Wittenberg eine Zuflucht fand. Er ist dann der Reformator Preußens geworden. Sein Lied »Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad und lauter Güte« wird ein herrliches Bekenntnis des evangelischen Glaubens, aus der Heiligen Schrift geschöpft, bleiben gegen römische Menschenlehre. Speratus' Mitarbeiter in Preußen war Johann Graumann oder, wie er sich nennt, Poliander, aus Neustadt in Bayern gebürtig. Als Rektor der Leipziger Thomasschule hatte er der Disputation zwischen Dr. Eck und den Wittenbergern (s. oben S. 28). beigewohnt. Wie die meisten Leipziger stand er erst auf Seite Ecks. Bald aber merkte er, daß die Wahrheit auf Seiten Luthers war. Da ist er denn diesem nach Wittenberg gefolgt. Bald folgte er einem Rufe nach Königsberg. Von ihm haben wir das schöne Loblied »Nun lob, mein' Seel, den Herrn«. Unser festliches »Allein Gott in der Höh' sei Ehr« und das ergreifende Passionslied »O Lamm Gottes unschuldig« hat uns Nikolaus Decius, der Stettiner Pastor, gesungen.
Schlicht und herzlich sind die Lieder Paul Ebers aus Kitzingen, des treuen Freundes und Schülers Luthers und Melanchthons, des Nachfolgers Johann Bugenhagens im Wittenberger Pfarramt. Von ihm stammt das einfache, kindliche Neujahrslied, mit dem der Dichter zugleich seiner Gattin Helene — die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse ergeben ihren Namen — ein Denkmal gesetzt hat. Da ist er mit seiner Hausgemeinde versammelt und stimmt an: »Helft Gottes Güte preisen, ihr lieben Kinderlein«. Zu den besten Liedern der Reformationszeit gehört Ebers köstlicher Trostpsalm: »Wenn wir in höchsten Nöten sein, und wissen nicht, wo aus noch ein«. Und wie viel fromme Seelen haben's ihm nachgebetet:
Sollte aber der liebe Leser einmal die heilige Priesterpflicht eines Christen erfüllen müssen, einen Sterbenden zu trösten, dann lese er ihm Paul Ebers »Herr Jesu Christ, wahr'r Mensch und Gott, der du littst Marter, Angst und Spott« langsam und andächtig vor. Unter dem Klange dieses Liedes ist schon manche Seele sanft und selig hinübergeschlummert.
Von dem Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius ist schon oben erzählt worden, wie er seiner Gemeinde über Luthers Leben gepredigt hat. Der Prediger war aber auch ein wackerer Liederdichter. Von ihm haben wir in unserem Gesangbuch zwei Lieder, ein Morgenlied für die Gemeinde in der Kirche und die Kinder in der Schule: »Aus meines Herzens Grunde« und ein Abendlied für die Kleinen daheim: »Nun schlaf, mein liebes Kindelein«. Auch der Joachimsthaler Kantor, Niclas Hermann, des Pfarrers guter Freund, hat unserer Kirche eine Reihe Lieder geschenkt. Von ihm stammt der Weihnachtsgesang, den wir noch heute so gerne am Weihnachtsmorgen anstimmen: »Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich«, das »Reiselied«, das auch unsere Bergleute bei ihrer Fahrt in die Tiefe singen sollten: »In Gottes Namen fahren wir« und das Trost- und Sterbelied für die Wanderung durch des Todes dunkles Thal: »Wenn mein Stündlein vorhanden ist«. Und wie viele beten noch heute ihren Morgen- und Abendsegen mit den Worten jenes Dichters »Die helle Sonn leucht jetzt herfür« und »Hinunter ist der Sonne Schein«.
Wer mag sie alle nennen, die in jenem großen Jahrhundert dankbewegten, gläubigen Herzens in die Saiten griffen und ihre Lieder anstimmten zur Ehre Gottes! Wer mag all die Segensspuren aufweisen, die jene Lieder durch Freud und Leid, durch Kampf und Sieg unserer evangelischen Kirche hinterlassen haben!
Endlich sei noch zweier frommen Maler gedacht, die durch ihre Bilder die Reformation verbreiten halfen und im Bilde darstellten, was Gott zum Heile der Menschheit gethan hat, Albrecht Dürers in Nürnberg und Lukas Kranachs in Wittenberg. Wen ergriffen nicht aufs Tiefste Dürers Bilder zur Offenbarung St. Johannis und zur Leidensgeschichte Jesu! Noch ehe Luther das lautere Evangelium predigte, gingen Dürers Bilder als »stille vorbereitende Prediger von Hand zu Hand«. Bekannter als Dürer ist dem evangelischen deutschen Volke Lukas Kranach, der treue Freund Luthers und der sächsischen Kurfürsten. Wie viele Kirchen sind geschmückt mit einem Bilde von Kranachs Hand! Aus seiner Werkstätte gingen die Bilder zu Luthers Bibel und Katechismus hervor, die selbst eine deutsche Auslegung des göttlichen Wortes sind.
So hat des Predigers Wort, des Dichters Lied, des Künstlers Hand gepriesen, was Gott einst in seinem Sohn der Welt geschenkt und von neuem durch Luther der Christenheit beschert hat.