Eine nothwendige Ergänzung zum LAMARCK’schen Princip bildet die Lehre von der Uebertragung erworbener Eigenschaften auf den Keim. Dies spricht sich schon darin aus, dass LAMARCK in seiner zoologischen Philosophie sofort an die Formulirung seines ersten Hauptgesetzes (siehe Seite 281) ein zweites Gesetz angeschlossen hat, welches heisst:
„Alles, was die Thiere durch den Einfluss der Verhältnisse, denen sie während langer Zeit ausgesetzt sind, und folglich durch den Einfluss des vorherrschenden Gebrauchs oder constanten Nichtgebrauchs eines Organs erwerben oder verlieren, wird durch die Fortpflanzung auf die Nachkommen vererbt, vorausgesetzt, dass die erworbenen Veränderungen beiden Geschlechtern oder denen, welche diese Nachkommen hervorgebracht haben, gemein seien.“
Zu seinen zwei Gesetzen fügt LAMARCK gleich noch die Worte hinzu: „Es sind dies zwei bleibende Wahrheiten, welche nur von Denen verkannt werden können, welche die Natur in ihren Verrichtungen noch nie beobachtet und verfolgt haben.“
Beide Gesetze gehören allerdings untrennbar zusammen. Mit dem einen fällt nothwendiger Weise auch das andere. Denn wenn die Individuen während ihres Lebens in Folge äusserer und innerer auf sie einwirkender Factoren neue Eigenschaften zwar erwerben, sie aber nicht auf die Keimzellen übertragen können, so sind sie allerdings für die allmähliche Umgestaltung der Art absolut werthlos. Denn die Continuität der Entwicklung ist ja an diesem einen Punkte unterbrochen.
Wir sehen daher, dass alle Forscher, welche das LAMARCK’sche Princip angenommen haben, auch in dieser oder jener Form an der Lehre von der Vererbung erworbener Charaktere festhalten; so vor allen Dingen CHARLES DARWIN selbst, welcher sich zu ihrer Erklärung die Pangenesistheorie ausgedacht hat, HERBERT SPENCER, HAECKEL, NÄGELI.
HAECKEL hat in seiner generellen Morphologie ihm folgende Formulirung gegeben: „Das Gesetz der progressiven oder fortschreitenden Heredität oder der Vererbung erworbener Charaktere sagt aus, dass alle Descendenten von ihren Eltern nicht bloss die alten, von diesen ererbten, sondern auch die neuen, von diesen erst während ihrer Lebenszeit erworbenen Charaktere wenigstens theilweise erben. Jeder Organismus vererbt auf seine Nachkommen nicht bloss die morphologischen und physiologischen Eigenschaften, welche er selbst von seinen Eltern ererbt, sondern auch einen Theil derjenigen, welche er selbst während seiner individuellen Existenz durch Anpassung erworben hat.“ (L. c. Seite 178.)
Indessen birgt die Frage nach der Vererbung erworbener Charaktere, wenn man tiefer in den Gegenstand einzudringen sucht und nach den Mitteln und Wegen fragt, wie und in welcher Form erworbene Eigenschaften auf den Keim übertragen werden, ihre Schwierigkeiten.
Zwar haben DARWIN, SPENCER, HERING und NÄGELI sich Vererbungstheorieen zurechtgelegt, aber diese sind recht verschieden ausgefallen, wie die Pangenesistheorie von DARWIN, die Gedächtnisstheorie von HERING und die Idioplasmatheorie von NÄGELI.
In seiner Uebersicht über „Alte und neue Probleme der Phylogenese“ konnte daher OSBORN, selbst ein Anhänger der LAMARCK’schen Principien, hervorheben: „Es muss zugegeben werden, dass der Lamarckismus an einem verhängnissvollen Mangel leidet; er ist nicht im Stande, eine Hypothese von heuristischem Werth über die Natur der Vererbung aufzustellen, ganz im Gegensatz zum Neu-Darwinismus mit seiner einfachen und prachtvollen ‚Stamm‘- (stirp-) oder ‚Continuitätshypothese‘. Wer an eine Uebertragung von erworbenen Variationen glaubt, wird offen zugeben müssen, dass wir gegenwärtig uns über den Mechanismus einer solchen Uebertragung keine Vorstellung zu machen im Stande sind. Damit schliessen wir jedoch nicht die Möglichkeit aus, dass ein solcher Mechanismus vorhanden ist, und es wäre unlogisch, wenn wir ihn ableugnen wollten, weil wir ihn nicht kennen. Andererseits ist es erstens sehr wahrscheinlich, dass wir noch nicht alle in der lebenden Materie thätigen Kräfte kennen; es kann sehr wohl eine bis jetzt noch völlig unbekannte Kraft vorhanden sein, und zweitens sind wir gezwungen, einen Mechanismus der genannten Art anzunehmen, wenn sich die Uebertragung erworbener Variationen inductiv nachweisen lässt.“
Die Geschichte lehrt, dass gegen die Vererbbarkeit erworbener Charaktere sich zu allen Zeiten einzelne Forscher ausgesprochen haben, bald aus diesen, bald aus jenen Gründen. Von keiner Seite aber ist es mit solcher Energie und dialektischer Gewandtheit geschehen wie seit 15 Jahren von WEISMANN in seinen populär gehaltenen und polemisch gefärbten Schriften zur Entwicklungstheorie. Dadurch ist WEISMANN zum Vertreter einer besonderen Richtung geworden, die man als Neu-Darwinismus bezeichnet hat.
Indem WEISMANN die Vererbbarkeit functioneller Abänderungen oder erworbener Charaktere auf das Entschiedenste in Abrede stellt, wird er consequenter Weise auch zum Gegner des LAMARCK’schen Princips, welches in der Descendenztheorie von DARWIN, HAECKEL, SPENCER, NÄGELI etc. eine so bedeutende Rolle spielt. Um die dadurch entstandene Lücke in der Descendenztheorie auszufüllen, muss er das von DARWIN aufgestellte Princip weit über die von seinem Urheber gezogenen Grenzen selbst ausdehnen. Daher führt auch eine seiner Schriften den prägnanten Titel: „Die Allmacht der Naturzüchtung“.
An Stelle der Entwicklung aus bestimmten Ursachen, an Stelle der Wirkungen der äusseren und der inneren Factoren des Entwicklungsprocesses tritt in WEISMANN’s Theorieen als Ersatz die zufällige und richtungslose Variabilität der Keimzelle und Naturzüchtung auf allen Stufen der Entwicklung.
Anstatt den Versuch zu machen, den Ursachen und Wirkungen, überhaupt den Gesetzen in der Entwicklung der Organismenwelt nachzuforschen, werden unbestimmte, vieldeutige und „in metaphorischem Sinne“ gebrauchte Ausdrücke, wie Kampf um’s Dasein, Auslese, natürliche Zuchtwahl, als „erste Erklärungsprincipien“ auf alle organische Naturprocesse ausgedehnt. Der Kampf um’s Dasein, welchen DARWIN pflanzliche und thierische Individuen unter einander und mit der Natur führen lässt, wird auch auf die im II. Capitel unterschiedenen untergeordneten Individualitätsstufen übertragen. Wir erhalten den Kampf der Theile im Organismus, welchen Titel ROUX einer seiner Schriften gegeben hat. Und nicht nur führen die Organe, Gewebe und Zellen eines Organismus den Kampf um’s Dasein mit einander, aus welchem sich Alles nach mechanischen Principien auf das Beste erklären soll, dasselbe Schauspiel wiederholt sich zwischen den kleinsten Theilchen der Zelle noch einmal; vom Keimplasma wird uns ebenfalls ein Kampf der Keimesanlagen mit Bevorzugung des Besseren von WEISMANN geschildert. (Siehe Zusatz Seite 288.)
An die Personalauslese von DARWIN und WALLACE schliesst sich die Histonalauslese von WILHELM ROUX, an diese die Germinalauslese oder die Intraselection, in welcher WEISMANN die letzte Consequenz der Anwendung des MALTHUS’schen Princips auf die lebende Natur erblickt.
Mit der Preisgabe der Vererbbarkeit erworbener Charaktere durchbricht WEISMANN die Continuität des Entwicklungsprocesses, welche in den Beziehungen des sich entwickelnden Körpers, der allein den Einwirkungen der Aussenwelt direct unterworfen ist, zu den in ihm eingeschlossenen Keimzellen (oder allgemeiner gesagt, zum Idioplasma) bestehen. Zum Ersatz der auf diesem Gebiete gelegenen natürlichen Erklärungsprincipien, die auf dem Causalgesetz fussen, bietet er die Hypothese einer Germinalselection, ohne uns aber des Näheren zu verrathen, in welcher Weise Ursachen auf die Keimzelle so einwirken können, dass aus dem Kampfe der Anlagen im Keim vielzellige, an alle möglichen Einwirkungen der Aussenwelt angepasste Körper hervorgehen können, und ohne uns einen Weg anzudeuten, auf welchem die Keimzelle, die doch am Beginn der Phylogenese an Anlagen sehr arm war, überhaupt ihre zahllosen Anlagen zu der höheren Organisation des aus ihr entstehenden vielzelligen Körpers hat gewinnen können.
Um die Schwierigkeit zu umgehen, die Erblichkeit zu erklären, hat WEISMANN unendlich viel grössere Schwierigkeiten einer causalen Erklärung der organischen Entwicklung in den Weg gestellt. Einen irgendwie triftigen Beweis aber gegen die Vererbbarkeit hat er in keiner seiner Schriften geführt. Theils wendet er sich gegen specielle Fälle, wie besonders die Vererbung von zufälligen Verletzungen (Narben, Circumcision etc.), auf welche wohl Niemand ein grosses Gewicht legen wird, theils hat er sich damit, wie HERBERT SPENCER, NÄGELI und Andere sich die Uebertragung erworbener Charaktere vorstellen, gar nicht aus einander gesetzt.
Dass die erworbenen sichtbaren Structuren als solche vererbt werden, z. B. die Bälkchen der Spongiosastructur (siehe WEISMANN: Aeussere Einflüsse etc. S. 10), hat Niemand behauptet, welcher sich tiefer mit dem Vererbungsproblem beschäftigt hat. Im Gegentheil wird von den Anhängern der Idioplasmatheorie und so auch von mir betont, dass die für Verrichtung besonderer Functionen entstehenden histologischen Differenzirungsproducte (die formed matter) stets von den Zellen als der bildenden Substanz unter den sie treffenden Reizen der Aussenwelt neu geschaffen werden; was daher vererbt wird, ist nicht die Structur als solche, sondern die Reizbarkeit der Zelle, unter bestimmten Bedingungen in gleicher Weise zu reagiren. Die Anlagesubstanz oder das Idioplasma ist es, welches sich unter den äusseren und inneren Factoren des Entwicklungsprozesses verändert, wie im Körper, so auch in den Keimzellen, und seine Eigenschaften vererbt.
Dem negirenden Standpunkt von WEISMANN hat man auch Beifall aus dem Grunde gespendet, dass man sich über den Mechanismus der Uebertragung erworbener Eigenschaften auf die Keimzellen keine klare Vorstellung hat machen können. Darauf ist nur zu antworten, dass es mit der mechanischen Erklärung vieler anderer Lebensprocesse auch nicht besser steht. (Man vergleiche meine Schrift: Mechanik und Biologie.)
Die Schwierigkeit, einen Mechanismus auszudenken, kann also auch kein Argument zu Ungunsten einer Vererbbarkeit erworbener Charaktere bilden. Alles in Allem kann es uns nicht als ein Vorzug irgend einer Entwicklungstheorie erscheinen, wenn sie ohne den Factor der Vererbung auszukommen versucht. Vielmehr erscheint uns in derartigen Versuchen eine Durchbrechung sowohl des Causalgesetzes und des mechanischen Princips, als auch der Continuität des organischen Entwicklungsprocesses vorzuliegen.
Dass man durch Redewendungen, wie Kampf der Theile im Organismus, Intraselection, Histonalauslese, Germinalauslese, in dem Verständniss organischer Naturprocesse um keinen Schritt vorwärts kommt, scheint mir offen zu Tage zu liegen. Man erfährt hierdurch von dem, was sich im Organismus abspielt, nicht mehr, als der Chemiker von dem Zustandekommen einer chemischen Verbindung erfahren würde, wenn er sich mit der Formel eines „Kampfes der Molecüle im Reagenzglas“, als einem chemischen Erklärungsprincip, zufrieden geben wollte.