3. Die Stoïker.

Von den drei neuen, seit dem Zerfalle des mazedonischen Weltreiches ziemlich gleichzeitig zur Entwicklung gelangenden nacharistotelischen Systemen, dem des EPIKUR (dessen Physik eine atomistische ist), dem skeptischen und dem stoïschen, ist an dieser Stelle nur das letztere zu betrachten; denn von ihm allein gingen hier zu berücksichtigende Nachwirkungen aus, und zwar um so bedeutsamere und wichtigere, als es sich vom 2. Jahrhundert an in steigendem Maße der gesamten Schuldisziplin bemächtigte und hierdurch der höheren Allgemeinbildung des ausgehenden Altertums tiefgreifende Spuren einprägte.

Im Laufe des 4. Jahrhunderts machte sich, zugleich mit der rasch fortschreitenden Zerrüttung der politischen und religiösen Verhältnisse Griechenlands, auch eine fühlbare Ermattung des philosophischen Geistes bemerklich; ihre Anzeichen sind das Überwiegen rein praktischer Bestrebungen und der auf sie hinzielenden ethischen Grundsätze, das Verlangen nach Leichtfaßlichkeit und Volkstümlichkeit der Lehren, die Berücksichtigung persönlicher Stimmungen, Neigungen, Vorurteile usf. und Hand in Hand hiermit ein anfangs unmerklich einsetzender, alsbald aber mächtig anwachsender Einfluß des Orients⁠[1592]. Es kann daher nicht unbeachtet bleiben, daß die hervorragendsten der älteren Stoïker fast sämtlich der östlichen Mischbevölkerung angehörten⁠[1593]: ZENON (342–270 oder 336–264) stammte aus Kition in Cypern, KLEANTHES (331–251 oder 233?) aus Assos in der Troas, CHRYSIPPOS (280–205) aus Soloi in Cilicien; aus Rhodus gebürtig war PANAITIOS (180–110), aus Apamea in Syrien POSEIDONIOS (135–51), welche Träger der mittleren Stoa das System dem römischen Weltreiche übereigneten, in dem es durch SENECA (gest. + 65), EPIKTET (gest. + 115?) und Kaiser MARC AUREL (121–180) seine letzte Nachblüte zeitigte.

Von den Werken der älteren Stoïker, also den eigentlich grundlegenden, sind nur Bruchstücke erhalten, die in neuerer Zeit V. ARNIM zusammenfaßte⁠[1594]; infolge ihrer Überlieferung durch späte, häufig sogar sehr späte Kompilatoren lassen sich die einzelnen Lehren nur selten mit völliger Sicherheit bestimmten Urhebern zuschreiben, sie zeigen vielfache Widersprüche, ihre Terminologie ist weder einheitlich noch folgerichtig, auch wird der Sinn der Schulsprache oft nur auf Grund medizinischer Schriften verständlich, die von Ärzten stoïscher oder stoïsch-peripatetischer Richtung, den sog. „Pneumatikern“, herrühren⁠[1595]. Dies alles gilt insbesondere betreff der Naturforschung, denn da die Stoïker der Ansicht waren, die Fähigkeiten des Menschen seien unzureichend zur Feststellung der Wahrheit auf diesem Gebiete, so vermochten sie sich auf ihm auch fast nirgends zu eigenen Leistungen aufzuschwingen⁠[1596]. Ihre Meinungen blieben vielmehr abhängig von denen des PLATON, vor allem aber von denen des HERAKLIT, des ARISTOTELES und der aristotelischen Schule der Peripatetiker⁠[1597]; großen Einfluß entfalteten hauptsächlich einige durch Letztere weiter ausgebildete Lehren, nämlich erstens die von der „Antiperístasis“, — d. i. der Intensitäts-Veränderung der Qualitäten unter dem Einflusse ihrer Gegensätze, die unter Umständen zur völligen gegenseitigen Ab- oder Ausstoßung unter Platzwechsel führen kann⁠[1598] —, und zweitens die vom „Pneuma“ [später: spiritus], das als „treibende Kraft“ oder „Spannkraft“ eine große und allgemein-wichtige Rolle im gesamten Weltenlaufe zugewiesen erhält und zwecks Deutung der Naturvorgänge in steigendem Maße zum Ersatze der von ARISTOTELES gegebenen dynamischen Erklärungen herangezogen wird⁠[1599].

Die Einflüsse des orientalischen Geistes machen sich u. a. in der Vorliebe für die Mantik geltend, über die bereits einige der älteren Stoïker, aber auch noch POSEIDONIOS, ausführlich schrieben: den Gestirnen, namentlich den Planeten, wird als den „sichtbaren Göttern“ besondere Verehrung gezollt; Vorbedeutungen, Wundererscheinungen und abergläubischen Wahrzeichen wird hoher Wert beigemessen; für denjenigen aber, der sich solchen Rates erholen will, sind sittliches Wohlverhalten, Reinheit des Herzens, selbstlose Gesinnung, Frömmigkeit, Keuschheit und auch entsprechende Ernährung wesentliche Vorbedingungen des Erfolges⁠[1600]. Zu den Wahrzeichen zählen auch die Sympathien und Antipathien, die ursprünglich mehr als naturgemäßes Zusammentreffen verschiedener Vorgänge in verschiedenen Teilen des Weltalls angesehen werden, weiterhin aber auch als Ergebnisse einer Art höherer psychischer Fernwirkung, die dann in diesem Sinne (ebenso wie die übrigen orientalischen Anschauungen) den Lehren der späteren Neu-Pythagoräer und -Platoniker vorbauen⁠[1601]. Als sehr charakteristisch für die Stoïker erweist sich endlich ihr Streben nach allegorischer Aus- und Umdeutung religiöser Glaubenssätze und Mythen, volkstümlicher Vorstellungen (Dämonen, Geister ...), dichterischer Schöpfungen (der Epen HOMERS, HESIODS ...) usf., wobei sie mit großer Willkür verfahren und als „Beweise“ mit Vorliebe etymologische Spitzfindigkeiten, ja Kindereien beibringen⁠[1602], nach Art der Gleichsetzung von KRONOS mit CHRONOS[1603], die sich allerdings vielleicht schon bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen läßt⁠[1604]. So ermitteln sie auch Beziehungen der Götter zu den vier Elementen⁠[1605], Zusammenhänge zwischen den Namen, Gestalten und Attributen der Götter⁠[1606], — u. a. auch betreff deren ägyptisch-hieroglyphischer, angeblich auf Sonne, Mond und Sterne bezüglicher Symbole⁠[1607] —, zwischen Gottheiten und den Gestirnen, namentlich den Planeten, die in einer für das Weltall sehr nützlichen Anzahl vorhanden sind und sehr wunderbare Wirkungen ausüben⁠[1608], usf. Nach Überlieferungen bei PLUTARCH (48–125 n. Chr). und DION CHRYSOSTOMOS (um 80 n. Chr.) erklärte man die homerische Episode vom Beilager des ARES und der APHRODITE als Konjunktion der gleichnamigen Planeten⁠[1609], die Hochzeit des ZEUS mit der HERA[1610] als Verbindung der Elemente u. dgl. mehr.


Nach der naturwissenschaftlichen Lehre der Stoïker, die, wie erwähnt, keineswegs als eine klare und widerspruchsfreie zu bezeichnen ist, gibt es zwei gestaltlose, ungewordene und unvergängliche Urprinzipien oder αρχάι (Archái)⁠[1611], die am kürzesten Stoff und Kraft, Leib und Seele, oder Körper und Geist zu benennen wären⁠[1612]; ihre Unterschiede werden bald in schärfster Weise hervorgehoben, bald wieder mehr oder minder verwischt, indem man den Stoff als unmittelbar belebt, den Geist aber als einen stofflichen Hauch ansieht⁠[1613], — so daß hiernach alles gleichzeitig körperliches und geistiges Wesen besitzen, demnach eigentlich einheitlich sein, also nur je nach dem Standpunkte der Betrachtung vorwiegend körperlich oder geistig erscheinen müßte⁠[1614].

Ursprünglich vorhanden war die Urmaterie, der allgemeine Grundstoff (ὑποκείμενον, Hypokeímenon), die eine und einheitliche Substanz oder Usía (οὐσία) alles Bestehenden, die auch, — und zwar zuerst von den Stoïkern⁠[1615] —, mit der Hyle identifiziert und πρώτη ὕλη (materia prima) genannt wird⁠[1616], zuweilen auch πρωτίστη ὕλη = „allererste Materie“⁠[1617]; sie ist der reine, form- und eigenschaftslose Stoff, ἄποιος ὕλη, ἄποιος οὐσία⁠[1618], σῶμα ἄποιον καὶ ἄμορφον⁠[1619], gänzlich passiv, aber allempfänglich, fähig jeglicher μεταβολή (Metabolé, Umänderung) und αλλοίωσις (Alloíosis, Artverwandlung)⁠[1620], zu Allem wandelbar und gestaltbar. Diese Gestaltung begann zunächst⁠[1621], indem die aktive göttliche ἄρχη (Gottheit, Zeus, Kraft, Geist, ....) die vier ebenfalls aktiven und göttlichen Qualitäten, d. s. Wärme und Kälte sowie Trockenheit und Feuchte, auf die Hyle einwirken und sich (unter Verdünnung und Ausdehnung, Verdichtung und Zusammenziehung usf.) mit ihr verbinden ließ⁠[1622]; hierdurch entstanden die vier Elemente, d. s. Feuer und Luft sowie Erde und Wasser, die jedes nur eine ποιότης (Poiótes, Qualität) haben⁠[1623], — wie denn z. B. ὕλη + göttliches Wärmeprinzip = Feuer als Element ergibt⁠[1624] —, und die nach HERAKLITS Regel ἄνω (áno) und κάτω (káto) ineinander überzugehen vermögen und auch tatsächlich ununterbrochen übergehen⁠[1625].

Die vier Elemente oder στοιχεῖα⁠[1626] sind, im Gegensatze zu den ἀρχάι, geworden und geformt, also auch vergänglich und zerstörbar⁠[1627] und erweisen sich als die ersten besonderen Gestaltungen des göttlichen Wesens, sowie als die allgemeinsten Substrate für die Wirksamkeit der göttlichen Kraft⁠[1628]. Da das Feuer heiß und leicht ist, die Luft kalt und leicht, die Erde trocken und schwer, das Wasser feucht und schwer, so treten [wie auch schon bei ARISTOTELES und den Peripatetikern]⁠[1629] Feuer nebst Luft, sowie Erde nebst Wasser sich in zwei natürlichen Gruppen gegenüber, die als „obere und untere“, „feinere und gröbere“, „bindende und gebundene“, „aktive und passive“, „tätige und leidende“ Elemente, „ποιοῦν καὶ πάσχον“⁠[1630], ihrerseits wieder im Verhältnisse wie Kraft zu Stoff, Geist zu Körper, Seele zu Leib stehen⁠[1631].

Wirklich und wirksam können nach stoïscher Lehre allein Körper sein, daher muß auch den ποιότητες, den Qualitäten oder Eigenschaften, körperliche Natur zukommen⁠[1632], etwa die einer „feinsten zarten Substanz“, einer „leichten materiellen Strömung“⁠[1633], eines von τόνος (Tónos = tenor; Spannung, Spannkraft) erfüllten Hauches oder Pneumas⁠[1634]. Im Gegensatze zur üblichen Lehre von der Undurchdringlichkeit ist hiernach eine „κρᾶσις δι’ ὅλων“ möglich, d. h. eine „völlige Durchdringung“ der Körper und ihrer Qualitäten⁠[1635]: sie ist weder eine παράθεσις (Paráthesis = mechanische Vermengung) wie die verschiedener Arten Getreide, noch eine gewöhnliche κρᾶσις oder μῖξις (Krásis, Míxis = Vermischung) wie die von festem Eisen mit Feuer oder von flüssigem Wasser mit Wein, noch endlich eine σύγχυσις (Sýnchysis = Verschmelzung) wie die der Salben und Arzneien, bei der die Qualitäten der Bestandteile verschwinden und ganz neue entstehen⁠[1636], vielmehr bewahren bei ihr sämtliche Komponenten ihre Individualität, vereinigen sich aber zu einem neuen Stoff⁠[1637]. In letzter Linie gehen daher aus der Usía, der Ursubstanz als allgemeinen Grundlage der Körperlichkeit⁠[1638], infolge Einwirkung der Qualitäten die Einzeldinge hervor, teils unmittelbar, teils (durch die Zwischenstufe der Elemente) mittelbar, und zwar jedes in Gestalt einer stofflichen, aus Usia und einer veränderlichen Menge verschiedener ποιότητες (Qualitäten) bestehenden Mischung (κρᾶσις); eine solche kann ihrer Natur nach steten Veränderungen unterliegen⁠[1639], indem sie entweder durch Vermehrung oder Verminderung ihrer Usia der Metabolé (Umänderung) fähig ist, oder durch Wechsel ihrer Qualitäten der Alloíosis (Artverwandlung). Diese Einzeldinge, also bestimmte Stoffe wie Holz, Gold, Eisen, Erz, — für dessen Entstehung aus Kupfer und Zinn die aristotelische Erklärung das ständige Schulbeispiel bleibt⁠[1640] —, werden aber von manchen Stoïkern auch als „Hyle“ bezeichnet oder zusammengefaßt⁠[1641], so daß es dann u. a. auch wieder heißt „die vier Elemente machen die Hyle aus“⁠[1642].

Entsprechend der Lehre HERAKLITS gehen die Elemente aus einem „Urfeuer“ hervor⁠[1643] und lösen sich beim Weltuntergange durch ἐκπύρωσις (Ekpýrosis, Feuer-Werdung) wieder in dieses auf⁠[1644]. Verschieden von dem gewöhnlichen verzehrenden Feuer, dem πῦρ ἄτεχνον, ist aber das πῦρ νοερόν oder τεχνικόν, das vernünftig-intellektuelle, künstlerisch-bildende, leben- und wachstumverleihende⁠[1645], das sich auch οὐσία θεοῦ = göttliche Usia, Gottheit, Zeus, Substanz des Himmels und der Gestirne, himmlischer Lufthauch, Pneuma [Spiritus], göttlicher Geist, formende Kraft, Äther, Weltfeuer, Weltseele, Weltvernunft (κοινὸς λόγος), Logos usf. benannt findet⁠[1646]. Obwohl nun dieser Weltkraft alle Merkmale des heraklitischen Logos zugeschrieben werden⁠[1647], so trifft doch auch für sie zu, daß sie als Gottheit „wirkt“, demnach körperlicher Natur sein, dem physischen Stoffe also nach Art eines zarten geistigen Hauches innewohnen muß⁠[1648]; diesen „göttlichen feurigen Hauch“, den schaffenden und wirkenden (τὸ δραστήριον), betrachteten schon die älteren Stoïker als eine Verbindung der leichten und aktiven (ποιητικά) Elemente Feuer und Luft und als identisch mit dem Pneuma[1649]. Ursprünglich galt das Pneuma nur als etwas Materielles und Körperliches, als eine Strömung jener feinen Luft, die sich beim Gewitter entzündet⁠[1650] und durch ihre Spannung (τόνος = tónos) die Erdkugel in Schwebe und den ganzen Kosmos in Vereinigung erhält⁠[1651]; allmählich aber würde es (in Fortbildung aristotelischer Anschauungen)⁠[1652] zu einer die gesamte Materie durchdringenden und hierdurch gleichfalls mit τόνος erfüllenden, „geistigen“ und „göttlichen“ Naturmacht, die als „natura naturans“ gestaltet und formt, bildet und bewegt, ja Leben und Empfindung, Seele und Denkvermögen erweckt⁠[1653].

Die Kraft, die den τόνος des Pneumas bedingt, wird insbesondere auch als Logos bezeichnet⁠[1654], der seinem Wesen nach aktiv, zwecksetzend und zielstrebig ist und sich zum Kosmos verhält wie die Seele zum Leib, oder wie die bewegende Ursache (causa) zur bewegten Masse (materia)⁠[1655]. Häufig findet sich der Logos aber auch unmittelbar dem Pneuma gleichgesetzt⁠[1656] und samt diesem wieder dem himmlischen Äther⁠[1657]; als ein „göttliches Feuer“, dem πῦρ τεχνικόν entstammend, durchdringt dann sein „warmer Hauch“, πνεῦμα ἔνθερμον, das Weltall, bewirkt in ihm Einheitlichkeit und Harmonie, Ordnung und Notwendigkeit⁠[1658], bedingt die Entwicklung der Materie nach gewissen Regeln und Normen und erweist sich so als Träger der Gesetzlichkeit und Vernunft⁠[1659]. Da nun die Götter dem menschlichen Geschlechte den Logos, der als Vernunft und Gedanke in der Brust ruht, als Wort und Sprache aber aus ihr hervortritt, durch den HERMES gesandt haben sollen, so wird dieser Götterbote unter den Namen Logos oder Lógios (λόγιος) auch selbst mit dem Logos identifiziert, und zwar in jener Doppelgestalt des geistigen, die Seelen leitenden und geleitenden „HERMES psychopómpos“ und des weltlichen, die irdischen Angelegenheiten ordnenden und regelnden „HERMES chthónios“, die sich allerdings schon im Volksglauben und bei den älteren Philosophen vorgedeutet findet, ihre eigentliche Ausbildung aber erst bei PHILO von Alexandria (etwa 30 v. bis 50 n. Chr.) und den Kirchenvätern erfährt⁠[1660].

Wie der Gottheit, so muß auch der Seele (ψυχή, Psyche), da sie „wirkt“, den Leib affiziert und von ihm affiziert wird, körperliche Natur zukommen⁠[1661]: sie ist ein warmer göttlicher Hauch, ein Pneuma⁠[1662], — diese Gleichsetzung kennen in vollem Umfange zuerst die Stoïker⁠[1663] —, ein πνεῦμα ἔνθερμον⁠[1664], als „Usia der Seele“ mit dem Leibe verbunden⁠[1665] und ihn durch ihren τόνος (tónos) erfüllend und beeinflussend⁠[1666]. Die Seele wird aber auch als σπέρμα (Spérma) = Samen bezeichnet⁠[1667], denn der Lehre des ARISTOTELES gemäß liegt ihr Keim in dem vom Samen umschlossenen warmen Lufthauch (aura seminalis), und dieses Pneuma des Samens ist selbst wieder als ein losgerissenes Stück der väterlichen Seele zu betrachten; weil diese aber auf gleichem Wege entstanden ist, so enthält sie auch gewisse Reste von den Seelen der Vorfahren, und zwar oft in Form bloßer „Anlagen“, die erst unter passenden Umständen in späteren Generationen wieder zur Entwicklung gelangen⁠[1668].

Zum Körper verhält sich die Seele wie zum Weltganzen der Logos: auch er geht als „Samen“ (σπέρμα, Sperma) in die Materie ein, befruchtet und belebt, bildet und gestaltet sie durch die Macht seines himmlisch-ätherischen Pneumas (δύναμις πνευματική) und bringt aus ihr alle Einzeldinge zur Entwicklung⁠[1669]. Sein Vermögen hierzu erklärt sich daraus, daß er unbeschadet seiner Einheitlichkeit dennoch die „λόγοι σπερματικοί“ (Lógoi spermatikoí), die „rationellen Keimkräfte und Keimformen“, „keimhaften Vernunft-Anlagen“, „vernünftigen Samen-Elemente“, die „Samen“ sämtlicher Einzeldinge, bereits in sich enthält⁠[1670]. In diesen λόγοι σπερματικοί schufen die Stoïker „einen ihnen eigentümlichen, doktrinären Begriff, ausgerüstet mit mystisch-dämonischer Gewalt“⁠[1671]; sie sehen in ihm die „allgemeine Vernunft“ als jene formende Naturmacht (natura naturans) am Werke, die zwar als Inbegriff schöpferischer Kraft in ihrer Einheit das Weltganze hervorbringt, zugleich aber auch als „keimbildende Vernunft“ in ihren besonderen Ausflüssen die Einzeldinge⁠[1672]. Als Prinzipien der Entwicklung, — geistig als λόγοι, materiell als σπερματικοί —, stehen die Lógoi spermatikoí in engster Beziehung zu den ποιότητες, den Qualitäten⁠[1673]; denn indem sie die Materie völlig durchdringen, verleihen sie ihr Eigenschaften, individualisieren sie dadurch, wirken formbildend und fortbildend und befähigen sie ferner unter Umständen, neue Individuen in den alten Formen hervorzubringen⁠[1674]. Die Identifizierung des einheitlichen Logos mit dem Pneuma läßt die als Einzelkräfte in den Dingen waltenden Lógoi spermatikoí ebenfalls als Pneumata ansehen; wie alles übrige, so erfüllen sie auch den menschlichen Körper mit ihrem bald leichteren wärmeren und trockneren, bald dichteren kälteren und feuchteren Hauche, und da sich ihre Veränderungen als Ursachen körperlicher und geistiger Krankheiten auffassen ließen, so ist es leicht erklärlich, daß sich als eigentlich stoïsche Ärzteschule gerade die eingangs erwähnte der „Pneumatiker“ entwickelte⁠[1675].

Daß die Stoïker die Sterne und insbesondere die Planeten als „sichtbare Götter“ betrachteten und ihnen die mannigfachsten Einwirkungen zuschrieben, fand bereits im Vorstehenden kurze Erwähnung; auf einen Umstand muß aber, seiner dauernden Nachwirkung halber, noch ausdrücklich hingewiesen werden, nämlich auf den außerordentlichen Vorschub, den sie dem Fatalismus leisteten, einer Denkrichtung, die allerdings durch die Zeitumstände und namentlich durch die gewaltsamen politischen Ereignisse schon seit dem Auftreten ALEXANDERS DES GROSSEN und der Diadochen in fortdauernd steigendem Maße begünstigt wurde⁠[1676]. Die Stoïker, meist dem Osten entstammend und „Virtuosen der allegorischen Auslegung“⁠[1677], brachten die älteren griechischen Überlieferungen von der unerbittlichen Notwendigkeit der ἀνάγκη (Anánke) und dem unentrinnbaren Zwange des Verhängnisses, der ἑιμαρμένη (Heimarméne), — die den jüngeren Orphikern als Tochter des Demiurgen und der Ananke galt⁠[1678] —, in Verbindung mit verschiedenen, ihnen wohlbekannten Ideen zumeist spätbabylonischer (chaldäischer) Herkunft, vor allem mit jenen, die die Astrologie, die Parallelität des Mikro- und Makro-Kosmos und die Lehre von der Sympathie betrafen. Finden sich auch einige Anklänge an diese letztere schon bei THEOPHRAST, so beginnt doch ihre planmäßige Durcharbeitung und litterarische Darstellung erst bei den Stoïkern, denen schließlich die ganze Welt als ein einheitlicher Organismus (σῶμα = Sóma) erscheint, in dem daher notwendigerweise sämtliche Teile durch ein natürliches Band verknüpft sein müssen, durch das Band der σύνθεσις τῶν ὅλων, der allseitigen Zusammengehörigkeit⁠[1679]. Als einen Sonderfall dieser allgemeinen, auf der Einheitlichkeit des Weltganzen beruhenden Sympathie betrachteten nun die Stoïker den Einfluß der Planetengötter, der in jenem des Wandels und der Stellung ihrer Gestirne, der Planeten, sichtlich hervortritt: die zugehörigen orientalischen Anschauungen (über diese s. weiter unten) übernahmen sie ziemlich unverändert, ersetzten die „chaldäischen“ Namen der Planetengötter durch hellenistische oder griechische, und die nämlichen Gelehrten, die sich sonst als ausschließliche Vertreter reiner, den „unnützen“ Naturwissenschaften verschlossener Weisheit und strenger Sittlichkeit zu geben liebten⁠[1680], führten auf derartigem Wege die Astrologie und die Theorie von der Parallelität des Makro- und Mikro-Kosmos in die „praktische Philosophie“ ein⁠[1681]. In dem so entstandenen Systeme, dessen Entwicklung zwar schon zur Zeit des DIOGENES VON BABYLON und des PANAITIOS ziemlich weit fortgeschritten war, den Höhepunkt bedeutsamer und weittragender Ausgestaltung aber erst unter POSEIDONIOS (135–51 v. Chr.) erreichte⁠[1682], gewährleistet einerseits der gestirnte Himmel, zu dem der Sterbliche mit stets neuer Bewunderung emporblickt, durch die ewige Unveränderlichkeit und vollendete Ordnung seiner Fixstern-Sphäre auch eine solche der gesamten großen und kleinen Welt; andererseits aber irren an ihm nach fortwährend wechselnden Richtungen und in völlig willkürlichen Bahnen die Planeten hin und her, zu unsteter Bewegung und Drehung genötigt durch ihre lenkenden „Sterngötter“, jene furchtbaren und tyrannischen „Dämonen“, die sich schon allein durch diese Störungen der sonstigen Regelmäßigkeit und Harmonie als Feinde der guten Gottheiten erweisen und wie am Himmel so auch auf Erden alles Schlechte und Böse, alles Ungemach und Unglück hervorrufen. Dieses „Wirken der Planeten“, diese „Schicksalsmacht der Sterne“ identifizierten die Stoïker mit der Heimarméne, dem allgewaltigen Verhängnisse, gegen das jeder Widerstand fruchtlos bleibt, und dem daher Niemand zu entrinnen vermag, weder durch Nachdenken noch durch Handeln; zwar erstreben alle Menschen Erlösung von diesem furchtbaren und niederdrückenden Zwange, aber zuteil wird sie nur den Wenigsten, Einigen durch magische und zauberkräftige Geheimlehren oder durch Begnadigung seitens der mit ihren „richtigen“ Namen angerufenen Götter, Anderen durch mystische und religiöse Weihen, noch Anderen durch die wahre (= stoïsche) Philosophie⁠[1683].