II. Einflüsse des Orients und des älteren Griechenlands.

1. Einflüsse seitens Babyloniens und Persiens.

Übersicht einiger Hauptdaten.

In den vorstehenden Abschnitten wurde schon wiederholt der Rolle gewisser Vorstellungen religiösen, abergläubischen, astralen und astrologischen Inhaltes gedacht, die der Kultur des Orients entstammen, vor allem jener der großen westasiatischen Reiche, deren mannigfaltige Einflüsse auf sämtliche Länder des östlichen Mittelmeerbeckens sich schon seit sehr früher Zeit als außerordentlich bedeutsame erwiesen.

Die Aufgabe, der Herkunft und Wirksamkeit Bestimmter unter ihnen des näheren nachzuspüren, begegnet jedoch ganz besonderen Schwierigkeiten, vor allem der, daß gerade betreff des wichtigsten Gebietes, Babyloniens und des Zweistromlandes, die Ansichten der Historiker weit auseinandergehen; die Einen, die sog. „Panbabylonier“, führen die Gesamtheit aller einschlägigen und daher auch die der hier besonders in Betracht kommenden Gedanken auf Babylon zurück, und zwar auf das älteste Reich des 3., ja 4. Jahrtausends, die Anderen lassen in der Sache, noch mehr aber in der Zeit, sehr weitgehende Beschränkungen eintreten. Es ist selbstverständlich unmöglich, an dieser Stelle ihre Gründe und Gegengründe zu erörtern, vielmehr muß die Bemerkung genügen, daß das System der „Panbabylonier“, wie es etwa noch neuerdings JEREMIAS in seinem „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur“ zusammenfaßte⁠[1781], durch die Forschungen und Darstellungen von KUGLER[1782], JASTROW[1783], BEZOLD[1784], ED. MEYER[1785] BOLL[1786] und Anderen in seinen Hauptpunkten widerlegt ist und in vielen Einzelheiten selbst von manchen seiner Verteidiger nicht mehr unbedingt aufrecht erhalten wird. Es sollen daher in dem folgenden Überblicke die Ergebnisse der genannten Gelehrten zugrunde gelegt, die ihrer Gegner jedoch, wo dies angezeigt erscheint, in der Regel unter Hinweis auf das „Handbuch“ von JEREMIAS angeführt werden.

a) Babylon und das Zweistromland.

Im Laufe des 3. Jahrtausends, etwa unter König SARGON I. von Akkad (Agade), der in der Zeit zwischen 2600 und 2500 (näher wohl an 2500) regiert haben dürfte⁠[1787], scheint die Verschmelzung der beiden bis dahin im Zweistromlande bestehenden Kulturkreise erfolgt zu sein, des nordbabylonischen der semitischen Akkader und des südbabylonischen der nichtsemitischen Sumerer⁠[1788], die vermutlich als die eigentlichen Stammväter der gesamten altbabylonischen Kultur und Religion anzusehen sind⁠[1789]. Die Herkunft dieses Volkes ist bisher nicht sicher festgestellt. Die doppelsprachigen Inschriften, die noch im Zeitalter des Begründers der babylonischen Vormacht, des Königs HAMMURABI (um 2200 nach KUGLER[1790], um 1950 nach MEYER) sehr häufig vorkommen, beweisen, daß sich die Sprache der Sumerer, die auch die Erfinder der Keilschrift sind, noch jahrhundertelang neben der babylonischen erhielt, und zwar nicht nur zu Zwecken des Kultus, für den ein schon im 3. Jahrtausend mächtiges, organisiertes Priestertum zu sorgen hatte; erst weiterhin erringt die semitische babylonische Sprache gänzlich die Oberhand und ist im 15. Jahrhundert auch in Kleinasien, Cypern und Ägypten die dem höfischen und diplomatischen Verkehre geläufige und im Umgange Vornehmer vielfach gebräuchliche⁠[1791].

Die Verehrung von Sonne, Mond und Sternen ist eine bei so zahlreichen Völkern der ganzen Erde und besonders auch des Orientes schon seit altersher derart weitverbreitete⁠[1792], daß die Voraussetzung gerechtfertigt erscheint, es seien ihr auch weder Akkader noch Sumerer fremd geblieben; davon aber, daß diese mindestens zu Beginn des 3. Jahrtausends, wenn nicht gar schon um die Mitte des 4., genaue Kenntnis vom Tierkreise besessen hätten, — der allerdings fraglos babylonischen Ursprungs ist⁠[1793] —, daß man damals bereits eine „Siebengottheit“ der Planeten angebetet habe und daß spätestens im 3. Jahrtausend eine wissenschaftliche Sternkunde in voller Blüte gestanden sei⁠[1794], kann nach KUGLER und den anderen oben angeführten Forschern ernstlich gar nicht mehr die Rede sein. Die älteste und wichtigste Trias von Gestirngöttern und Gestirnen, über die wir Kenntnis besitzen, ist die von Sonne, Mond und Venus, und zwar rührt diese Vereinigung daher, daß die Venus im Orient als größter, hellster und lichtstärkster Planet erscheint, allein von allen Wandelsternen häufig auch bei Tage gesehen werden kann und als einziger unter ihnen einen deutlichen Schatten wirft⁠[1795]; auf den „Kudduru“ genannten Grenzsteinen, deren ältestbekannte aus dem 14. Jahrhundert herrühren, sowie auf Felsenreliefs und Stelen der gleichen Zeit findet sich die Zusammenstellung der Gottheiten SAMAS = Herr der Sonne, SIN = Herr des Mondes und ISTAR = Herrin der Venus schon als eine völlig gebräuchliche vor⁠[1796], verdeutlicht durch Embleme, die einzeln möglicherweise schon im 16. Jahrhundert und auch noch früher nachgewiesen werden können⁠[1797].

Sinnbild der Sonne ist auf diesen Darstellungen nicht, wie man früher annahm, die geflügelte Scheibe (obwohl sie nicht erst im 9. Jahrhundert unter ägyptischem Einflusse in Aufnahme kam⁠[1798], vielmehr durch die Chetiter schon im 2. Jahrtausend in Vorderasien bekannt wurde)⁠[1799], sondern stets nur ein Kreis, bald ein leerer, leerer Kreis, darstellend das leuchtende Auge oder Antlitz des SAMAS, bald ein mit vier oder acht Speichen versehener, Kreis mit vier Speichen und Kreis mit acht Speichen[1800]. Als Sinnbild des Mondes dient entweder ein liegender Halbmond, liegender Halbmond, oder der Vollmond mit einem die Scheibe etwa zur Hälfte umziehenden leuchtenden Streifen, Vollmond mit Strahlenkranz, wie er sich öfter zur Zeit des Neulichtes zeigt⁠[1801]. Venus hat als Emblem meistens einen achtstrahligen Stern, achtstrahliger Stern, oft aber auch eine Scheibe, die diesen (oder einen sechzehnstrahligen) eingezeichnet erhält⁠[1802]; sie trägt den Beinamen „sarpanitu“ (bab. = die weißglänzende, silberstrahlende)⁠[1803], doch wird ursprünglich der aufgehende Morgenstern als männlich (zikkarat) vom untergehenden Abendsterne als weiblich (zinnisat) unterschieden⁠[1804]. JEREMIAS ist allerdings der Meinung, den Sumerern, die das Zeichen achtstrahliger Stern schon um 2800 gebraucht hätten, sei auch bereits damals die astronomische Identität des Morgen- und Abend-Sternes (ISTAR und BELIT) bekannt gewesen, so daß die ehemalige Zweigeschlechtlichkeit und spätere Mannweiblichkeit nur als mythologische Erfindung anzusehen sei⁠[1805]; indessen faßt der alte Orient das Zwitterwesen sehr allgemein als Inbegriff der Vollkommenheit auf und schreibt es daher ursprünglich allen Göttern der Urzeit zu (wenngleich im Kult oft das eine Geschlecht vorwiegt)⁠[1806], desgleichen nachmals den Dämonen und Sternbild-Figuren⁠[1807] und so jedenfalls auch schon der ISTAR[1808]. Bei den Assyriern, die gegen 1100 bereits zu höchster politischer Bedeutung gelangten, galt der Morgenstern ebenfalls anfänglich noch als männlich und als verschieden vom weiblichen Abendstern, und daraufhin dann, in jüngerer Zeit, die vereinheitlichte Venus (deren heimischer Name DILBAT war) als androgyn⁠[1809]. Der Zeitpunkt dieser Vereinheitlichung steht zwar genau weder für Venus fest, noch für Merkur, der gleichfalls als Morgenstern auf- und als Abendstern untergeht, dürfte aber nicht vor das 8. Jahrhundert zu verlegen sein, in dessen Verlauf erst die Entwicklung einer eigentlichen und systematischen Astronomie begann⁠[1810].

Kenntnis und Verehrung der Planeten-Siebenheit setzt JEREMIAS schon für die entlegensten Zeiten voraus, jedenfalls für die des Fürsten GUDEA (um 2340) und der Erbauung des Tempels zu Borsippa, der Nachbar- und Schwester-Stadt Babylons⁠[1811]; auch hält er das Pentagramm und Heptagramm für Zeichen der 5 Wandelsterne und 7 Planeten⁠[1812] und gedenkt der uralten Überlieferung, nach der Gott BEL selbst die Sonne, den Mond und die 5 Planeten geschaffen habe⁠[1813]. Indessen ist daran zu erinnern, daß letztere Tradition erst einem geschichtlichen Werke entstammt, das der babylonische Priester BEROSSOS dem Könige ANTIOCHUS I. SOTER (281–263 v. Chr.) widmete⁠[1814]; ferner daß in den babylonischen Sternlisten der Inschriften zu Boghazkiöi in Kleinasien (um 1400 v. Chr.) nur Venus (als Schwurgöttin) nachgewiesen ist⁠[1815]; sodann daß unmittelbare Belege für die Zusammenstellung von Sonne, Mond und den 5 Planeten erst aus spätassyrischer und solche für die planetarischen Vorzeichen und Einzel-Einflüsse allein aus arsakidischer Zeit vorliegen (seit dem 3. Jahrhundert v. Chr.)⁠[1816]; endlich daß jüngere Berichte „dem ersten Könige Babels, dem die göttliche Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen vorgeschlagen wurde, dies als eine Freveltat erscheinen lassen“⁠[1817]. Was den siebenstufigen Tempelturm von Borsippa betrifft, dessen Namen „Turm der 7 Befehls-Überbringer“ die 7 Planeten schon für das alte Babylon als ἑρμηνεῖς (Hermeneís) = „Verkündiger“ (der Gottheit) bezeugen soll, — allerdings nur indirekt⁠[1818] —, so wird auf diesen noch weiter unten zurückzukommen sein.

In Wirklichkeit waren Planeten-Götter und Planeten-Siebenheit, wie schon LENORMANT richtig sah⁠[1819], im ältesten und alten Babylon völlig unbekannt, und alle gegenteiligen Folgerungen, die man namentlich aus keilschriftlichen Texten zog, die in der Bibliothek des Königs ASSURBANIPAL (= SARDANAPAL, 668–626) aufgefunden wurden, sind gänzlich hinfällig; denn diese vielfach abgeänderten und interpolierten Niederschriften beweisen weder etwas für den Inhalt ihrer ursprünglichen Vorlagen, noch gestatten sie, seine Wandlungen während etwa 2000 Jahren zu verfolgen und deren einzelne Stufen bestimmten Zeiten zuzuweisen⁠[1820]. Ebensowenig wie im Verlaufe des 3. Jahrtausends, zur Zeit SARGONS und GUDEAS, finden auch gegen dessen Ende, zur Zeit HAMMURABIS, die Planeten in ihrer Gesamtheit, ihre Bewegungen oder gar deren Bedeutungen irgendwelche Erwähnung; vielmehr ist nur die Rede bald von der Sonne, bald vom Monde, bald von der Venus (die auch mit ISTAR-NANAI als Göttin des Liebeslebens in Beziehung gebracht wird) und vereinzelt von einem Stern als Zeichen für ein göttliches Wesen, von einem „reinen“ oder einem „guten“ Stern⁠[1821]. In Verfolg der sehr langsamen Entwicklung, die sich zwischen 2000 und etwa 850 vollzieht, erscheinen dann in den Inschriften zunächst die vereinten Sinnbilder von Sonne, Mond und Venus, und weiterhin einzelne Planeten im Zusammenhange mit bestimmten Gottheiten⁠[1822], doch ist das Wissen über die Planeten-Bewegungen auch gegen Schluß dieser Periode noch ein äußerst dürftiges⁠[1823]. Erst unter dem Einflusse neuer semitischer Stämme, der KHALDI oder CHALDÄER, die gegen 850 im Süden des Zweistromlandes auftreten⁠[1824], beginnt die allmähliche Entfaltung einer eigentlichen methodischen Astrologie, der Mutter der späteren Astronomie; zu deren früheren Errungenschaften zählen u. a. die Schaffung der Ekliptik, des Tierkeises mit seinen Gestalten, vieler anderer Sternbilder, z. B. des Siebengestirnes der Plejaden, sowie die etwa seit König NABONASSAR (747–734) nachweisbaren Beobachtungen der Planetenbahnen⁠[1825]; zu ihren späteren u. a. die volle Ausbildung der Lehre von den Verbindungen der 5 Planeten mit bestimmten Göttern als ihren „Führern“, sowie von der Einsetzung der 5 Planeten zu „Lenkern der Schicksale“⁠[1826]. Zugeteilt wird hierbei der Jupiter dem MARDUK, der als Stadtgott Babels an die Stelle ELLILS (des alten sumerischen Sturmgottes) tritt, der Saturn dem NINIB, der Merkur dem NEBO (Nabo), der Mars dem NERGAL und die Venus der (androgynen) ISTAR[1827]; alle anderen vorgeblichen Deutungen über Zugehörigkeit und Vertauschung von Namen sind unrichtig⁠[1828] und zum Teil darauf zurückzuführen, daß man (besonders in späterer Zeit) gewisse „Stellvertretungen“ für möglich erachtete, u. a. die des JUPITER durch MERKUR (aber nicht umgekehrt)⁠[1829], oder die der Sonne durch SATURN, der z. B. des Nachts statt ihrer am Himmel scheinen sollte⁠[1830]. JUPITER wurde seines hellen Glanzes halber für „günstig“ angesehen und führte u. a. die Namen „großes Glück“, „königlicher Stern“, „Stern des Königs“⁠[1831]. SATURN galt, vermutlich weil er der „oberste“ Planet ist, auch für den kräftigsten, einflußreichsten, eigentlich „kündenden“⁠[1832], dabei aber wegen seines schwachen Lichtes und langsamen Umlaufes für bleich und unfreundlich, störrisch und unwillig⁠[1833], für Unglück- und Tod-bedeutend, für verstockten und dunklen Charakters, daher auch für einen „Schwarzen“⁠[1834]. MARS betrachtete man auf sein rötliches, „in allerlei Farben funkelndes“ Licht hin für „ungünstig“, böse und feindlich, Unheil- und Krieg-bringend⁠[1835]. MERKUR endlich, der am Morgenhimmel den bevorstehenden Sonnenaufgang anzeigt, verheißt Glück, er bestimmt, wenn er zu Jahresanfang erscheinend den Jupiter vertritt, in dessen Namen und Vollmacht die Ereignisse des neuen Jahres, die er mit dem Schreibstift in die Schicksalstafeln eingräbt⁠[1836], und ist daher Prophet, Lenker und Geleiter der Seelen, Verkünder der Zeiten, Gott der Wissenschaften und besonders der Sternkunde, Schreiber des Weltalls, Herr der Schrift und des Wortes, daraufhin auch Patron der Kaufleute, des Handels- und Erwerbs-Standes, der Diebe usf.⁠[1837].

Den Inschriften nach reichen die ältesten zu astrologischen Zwecken angestellten Beobachtungen von Planetenbahnen, die besonders den Jupiter betreffen, nicht weiter zurück als in das 8. Jahrhundert und sind außerordentlich oberflächlich und unwissenschaftlich⁠[1838], aber auch die aus der Zeit ASSURBANIPALS (SARDANAPALS, 668–626) herrührenden zeugen noch von überraschender Unkenntnis und Unklarheit⁠[1839]. Zureichende Genauigkeit wird erst gegen Ende des 7. und im 6. Jahrhundert erreicht, zum Teil sogar erst in persischer Zeit, also nach der Eroberung Babylons durch KYROS, 539⁠[1840]; soweit die gerade für diese Periode spärlichen keilschriftlichen Quellen ein Urteil gestatten⁠[1841], scheint man sich eingehender erst seit etwa 700 mit Farbe und Glanz, Zu- und Abnahme des Lichtes der Planeten usf. befaßt, die Lehre von den Vorzeichen ausgebildet, sowie die Konjunktionen der Wandelsterne beobachtet und astrologisch gedeutet zu haben⁠[1842]. Die Fortschritte der eigentlichen Astronomie und die durch sie bedingte Entdeckung von der Identität des Morgen- und Abend-Sternes bei Venus und Merkur, — die bei letzterem ganz erheblichen technischen Schwierigkeiten begegnen mußte —, ermöglichten erst die endgültige Feststellung der Fünfzahl der Wandelsterne, sowie deren Zusammenfassung mit Sonne und Mond zur Siebenheit der Planeten. Diese bloß auf die Art des Umlaufes gegründete Vereinigung erscheint, der Natur der Sache nach, nichts weniger als selbstverständlich und naheliegend⁠[1843]; genau läßt sich allerdings derzeit noch nicht festlegen, wann sie erfolgte⁠[1844], keinesfalls kann dies jedoch vor dem 7. Jahrhundert geschehen sein. In dessen Verlaufe benützte die Theologie, ganz im Einklange mit ihrem damals bereits angenommenen Charakter, die magische und geheimnisvolle Siebenzahl, um eine solche „Einheit der 7 Planeten“ zustande zu bringen, diese den höchsten Gottheiten des altbabylonischen Pantheons zuzueignen und so das völlige Übergewicht der Astrologie und des Fatalismus zu sichern⁠[1845]. Allein von dieser spätesten Gestalt der chaldäischen Astrologie wissen und berichten die antiken Schriftsteller, z. B. HERODOT[1846] (485–425), DIODOR[1847] (um 45 v. Chr.), STRABON[1848] (63–20), VITRUV[1849] (um 25 v. Chr.), PLINIUS[1850] (23–79) u. A., wobei es erwähnenswert ist, daß noch BEROSSOS (um 280 v. Chr.) und wohl ihm folgend auch DIODOR nur von 5 Wandelsternen sprechen und nicht von 7⁠[1851]. Aus altbabylonischer Zeit liegen einheitliche Darstellungen der 7 Planetengottheiten überhaupt nicht vor⁠[1852], und die in den Keilinschriften erwähnten 7 Götter sind niemals die der 7 Planeten⁠[1853], bedeuten vielmehr in älterer Zeit die „Siebengottheit“, d. i. „die Gesamtheit der großen Götter“⁠[1854], und in jüngerer die Plejaden, wie sie z. B. in der Gestalt sieben Kreise in zwei Reihen auf der Stele des Königs ASSARHADDON (681–668) abgebildet erscheinen⁠[1855].

Auf die Bedeutung der im vorstehenden so oft erwähnten Siebenzahl, über die eine umfangreiche Litteratur besteht⁠[1856], kann an dieser Stelle nur kurz eingegangen werden. Zahlen wie 3, 5, 7, 9, 13 und andere, spielen bei so vielen Völkern, auch bei solchen ganz entlegener Kulturkreise, wie z. B. des alten Mexikos, eine derart wichtige Rolle⁠[1857], daß dieser wohl eine allgemeine Ursache zugrunde liegt, nämlich die gänzlich mangelnde (oder wie bei 9 nur sehr beschränkte) Teilbarkeit und die hieraus erfließende Schwierigkeit bei der rechnerischen Verwendung⁠[1858]. Im alten Babylon ist indessen unter diesen Zahlen fraglos 7 die obherrschende, die an Einfluß und Bedeutung alle übrigen weit hinter sich läßt und als „vollendete Zahl“, „Zahl der Vollendung“ ἀριθμός τελειός gilt⁠[1859]. Vermutlich ist dies, wie den „Attischen Nächten“ des GELLIUS (113–165 n. Chr.) zufolge schon ARISTARCHOS von SAMOS (um 260 v. Chr.) behauptete⁠[1860], und wie in neuerer Zeit, anscheinend selbständig, wieder KANT hervorhob, aus der Art der Teilungen des Mondmonates zu erklären, als deren natürlichste sich ergeben: für den siderischen und Licht-Monat von 27–28 Tagen die Fristen 4 × 7 und 3 × 9, für den synodischen Monat von 29–30 Tagen aber die von 3 × 10⁠[1861], — wobei nach ARISTARCH noch als besonders maßgebend zu berücksichtigen ist, daß die Summe 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6 + 7 gerade 28 beträgt. Der Kult der Zahl 7 reicht daher in Babylon sehr weit zurück und war längst völlig entwickelt, bevor im 7. Jahrhundert die Verehrung der Planeten aufkam⁠[1862], und die mystische, bereits als „heilig“ angesehene Siebenzahl sowohl auf diese angewandt wurde als auch (in recht willkürlicher Weise) auf die Sterngruppen der Plejaden und Hyaden, des Orion, des großen und kleinen Bären usf.⁠[1863]. So z. B. begegnen wir schon im alten babylonischen „Weltschöpfungs-Epos“⁠[1864] sowie im Gedicht über die „Höllenfahrt der ISTAR“⁠[1865]) den 7 Winden und den 7 Geistern der Stürme⁠[1866], den 7 bösen Dämonen⁠[1867], den 7 durch 7 Tore verschlossenen Abteilungen der Unterwelt, die den 7 Zonen der Oberwelt und des Himmels nachgebildet sein dürften⁠[1868], den 7 Gewändern der ISTAR[1869] usf.; späteren, zum Teil sogar weit späteren Zeiten gehören dagegen, — im Widerspruche zu JEREMIAS[1870] —, u. a. an: die 7 Namen gewisser Sterne, z. B. des Mars⁠[1871], die 7 Zeitalter⁠[1872], die 7 Lebensstufen⁠[1873], die 7 Tage in ihrer Verbindung zur fortrollenden Woche, die Siebenzahl der den 7 Planeten zugehörigen Farben und Metalle, Töne und Saiten, Stufen und Mauern, Himmel und Sphären usf.

Die 7 Himmel sollen nach JEREMIAS allerdings schon für die sumerische Periode bezeugt sein⁠[1874], und zwar durch die sog. Zikkurat, d. s. Tempeltürme von 7 Stockwerken, auf deren oberstem sich noch ein Aufbau erhob, der den eigentlichen achten Himmel vorstellte, den Sitz „der in höherem Sinne einheitlich gedachten Gottheit“⁠[1875]. Als solche Türme, deren Besteigung zu den kultischen Mitteln gezählt haben soll⁠[1876] und deren 7 Absätze den 7 Planeten geweiht waren und in deren Farben strahlten⁠[1877], erwähnt JEREMIAS u. a. den Turm des Fürsten GUDEA (um 2340) in Lagas, den des Gottes NABU in Borsippa, den des Gottes MARDUK in Babel, „dessen Spitze aufreicht bis zum Himmel“, sowie den zu Khorsabad⁠[1878]. Diesen Angaben gegenüber erheben sich indessen berechtigte Bedenken: Nach ED. MEYER waren die Zikkurat (= Berghäuser) ursprünglich künstliche Berge aus Ziegeln, aufgeworfen in Gestalt eines Bergkegels oder „Tempelberges“ mit zur Spitze führender, den Bau schräg umwindender Rampe und bestimmt, den sumerischen Sturmgott ELLIL auch im Flachlande an sein Heiligtum zu fesseln⁠[1879]. Etwa seit der Regierung GUDEAS wurden sie auch für andere Götter errichtet⁠[1880], aber erst in sehr viel späterer Zeit gab man ihnen die Form sog. Terrassen-Türme, die aber keineswegs stets 7 Stockwerke besassen, sondern oft nur 3, 5 oder auch 4⁠[1881]; als z. B. NEBUKADNEZAR II. um 600 den Turm zu Borsippa (nach anderen auch den zu Babel) erneuerte, erhöhte er ihn erst von 3 Stockwerken auf 7 und ersetzte die silberne Täfelung der Wahrsage-Halle durch eine goldene⁠[1882].

Was die Beziehungen zu den Farben der Planeten anbelangt, die JEREMIAS ebenfalls schon als für die Zeit GUDEAS feststehend voraussetzt⁠[1883], so liegen Angaben vor für die Türme von Babel, von Borsippa, von Birs-Nimrud (der aber mit dem Vorgehenden identisch ist!) und von Khorsabad, sowie für die von HERODOT[1884] erwähnten 7 Ringmauern der den Sternen geweihten Stadt Ekbatana⁠[1885]:

   
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
I. Babel: tonfarbig gelbgrün bunt
II. Borsippa: schwarz rot blau blau
III. Borsippa: schwarz hellrot purpur golden weiß blau silbern
IV. Birs-Nimrud: schwarz geschweifte Klammer links über zwei Zeilen orange? rot golden weiß blau geschweifte Klammer links über zwei Zeilen weiß?
grün? grün?
V. Khorsabad: weiß schwarz rot geschweifte Klammer links über zwei Zeilen weiß?
blau?
VI. Ekbatana: weiß schwarz purpur blau geschweifte Klammer links über zwei Zeilen gelb silbern golden
rot

Wie man sieht, gehen diese Bezeichnungen weit auseinander, ganz abgesehen davon, daß sie mehrfach sprachlich unsicher sind und daß die Aufstellungen meist ohne weiteres das Vorhandensein von gerade 7 Stockwerken oder Stufen voraussetzen; überdies gründen sie sich zum Teil auf späte Überlieferungen, zum Teil auf Berichte über neuere Ausgrabungen, aus denen allen, soweit die Angaben (nach PRINZ) nicht überhaupt ganz unzutreffend, ja geradezu aus der Luft gegriffen sind, keinesfalls Schlüsse auf die Zustände zur Zeit der ersten Herstellung gezogen werden können. Den Turm von Borsippa z. B. ließ, wie erwähnt, NEBUKADNEZAR II. erst um 600 erneuern und eine Inschrift anbringen, die nach OPPERT laute⁠[1886]: „Ich habe ... das Wunderwerk zu Borsippa, den Tempel der 7 Sphären⁠[1887] des Himmels und der Erde, wiederhergestellt und neu erbaut, ... in der Mitte Borsippas baute ich den Turm, das ewige Haus, dessen Glanz erhöht ist durch Gold, Silber und andere Metalle und durch glasierte Ziegel; ... ich bin der Wiedererbauer des Turmes, ... des Stufenturmes, des Tempels, der bekleidet ist mit getriebenem Gold, Kupfer, Blei und Steinen“; eine abermalige Erneuerung erfolgte dann unter König ANTIOCHUS I. SOTER (283–263), dem nämlichen, dem BEROSSOS sein Werk über die Geschichte Babels widmete⁠[1888]. Ziegel des Turmes von Birs-Nimrud mit bunter Glasur (in deren Herstellung die Babylonier seit altersher große Meister waren) untersuchten LAYARD und PERCY und ermittelten als Farbstoff der weißen opakes Zinnoxyd, der roten Kupferoxydul, der blauen ein Kupferoxyd (versetzt mit einem bleihaltigen Flußmittel) und der gelben ein zinnhaltiges Bleiantimoniat, ähnlich dem sog. Neapelgelb (mit Natriumsilikat als Flußmittel)⁠[1889]. Zu Khorsabad wurde 1854 unter dem Eckstein des von König SARGON II. 706 errichteten Baues eine Steinkiste mit 7 Barren gefunden, von denen drei verloren gingen, während die vier erhaltenen nach BERTHELOT[1890] aus Gold, Silber, Bronze und weißem Magnesit (Magnesium-Carbonat) bestehen und längere Inschriften tragen, denen zufolge die Materialien aller sieben waren: Hurasu = Gold, Kaspi = Silber, Uruki = Erz (Bronze)⁠[1891], Anaki = Blei, Kasazatiri = Zinn, Abar = Magnesit (determinierender Zusatz: sipri zakur = Marmor?)⁠[1892] und Gissipgal = Alabaster (nach JEREMIAS aber = Lapis Lazuli, Lasurstein)⁠[1893]. Was endlich die 607 erbaute Stadt Ekbatana und das gleichzeitig zerstörte, angeblich ebenso ummauerte Ninive betrifft⁠[1894], so müßte die innerste goldfarbige Mauer der Sonne, die benachbarte silberfarbige dem Mond entsprechen, während die planetarische Zugehörigkeit der übrigen Farben fraglich bleibt; nach JEREMIAS[1895] ist für diese anzunehmen, von außen nach innen: weiß = Venus, schwarz = Saturn, purpur = Mars, blau = Merkur, gelb = Jupiter, silbern = Mond, golden = Sonne, doch finden sich zuweilen für die nämlichen Planeten die Angaben blau (oder bunt), schwarz, rot, grüngelb, weiß, grün, golden (oder grün)⁠[1896] und auch noch verschiedene andere. Die Ordnung bei Borsippa (III) hält BOUCHÉ-LECLERCQ „für die umgekehrte wie am Himmel“⁠[1897]; die bei Birs-Nimrud (IV) endlich soll der „wahren“ Planetenreihe Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond folgen. Sichtlich stimmen die Zuweisungen, die sich überdies nur auf Bauwerke sehr später Zeiten gründen, so wie sie vorliegen, durchaus nicht untereinander überein, während es hinwiederum ganz unstatthaft bleibt, je nach Bedarf „Irrtümer“ vorauszusetzen und willkürliche Umstellungen vorzunehmen⁠[1898], — betreff derer es schon zur größten Vorsicht mahnen muß, daß z. B. NEBUKADNEZAR den silbernen Schmuck einer Halle ohne weiteres durch goldenen ersetzt, oder daß SIN, der Gott des silbernen Mondes, mit einem lasurblauen Bart ausgestattet wird⁠[1899]; ohne Zwang lassen sich auch jene Farbenskalen weder der einen oder anderen älteren und unrichtigen Reihe der Planeten angliedern, noch der spät entdeckten richtigen, noch auch der in der Folge der Wochentage überlieferten.

Die siebentägige „Planeten-Woche“ und die Darstellung ihres Zusammenhanges mit den Planeten durch ein (sehr künstliches) Heptagramm hält JEREMIAS für außerordentlich alt, wenngleich er zugibt, daß sie sich für die babylonische Zeit nicht unmittelbar nachweisen lasse⁠[1900]; wie indessen BOLL, — auch gegenüber BOUCHÉ-LECLERCQ[1901] —, zeigte, fehlen für Babylon sämtliche einschlägige Grundlagen⁠[1902]. Allerdings kommen schon unter dem Fürsten GUDEA die durch Viertelung des Lichtmonates entstehenden siebentägigen Fristen vor⁠[1903], die sich u. a. vortrefflich zur Ausgleichung des Sonnenjahres mit dem Mondmonat eignen⁠[1904], ferner in späterer Zeit auch der 7., 14., 21. und 28. Monatstag als „Siebener-Tage“, betreff derer es jedoch immer noch strittig ist, ob und seit wann sie „Schabattu“ hießen, und was dieser Name bedeutete⁠[1905]. Erstens waren jedoch solche Fristen bloß Unterteile je eines Monates und wurden nicht, wie die wahre „fortrollende“ oder „laufende“ Woche, ohne Rücksicht auf das Monatsende „durchgezählt“, und zweitens gibt es dafür, daß man ihre sieben Tage in irgendeine Verbindung mit den Planeten gebracht habe, auch nicht einen einzigen litterarischen oder bildnerischen Anhaltspunkt⁠[1906]. Nach den Berichten des Historikers CASSIUS DIO (150–235)⁠[1907], des Astrologen VETTIUS VALENS (im 2. Jahrhundert n. Chr.), der gleichzeitigen Papyri, sowie des LAURENTIUS LYDUS (um 560 n. Chr.)⁠[1908] soll die willkürliche, der Folge der Wochentage zugrunde liegende Reihe der Planeten, d. i. Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, aus der wahren des ἑπτάζωνος (Heptázonos, Septizonium), d. i. Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond, dadurch abgeleitet worden sein, daß man, vom Saturn aus beginnend, immer um je vier Stellen weiter schritt, oder, wie eine nachträgliche pythagoräisierende Erklärung besagt, den musikalischen Quartenabstand διὰ τεσσάρων auf die Gestirne übertrug; aber jene willkürliche Reihe läßt sich weder als in Babylon entstanden aufweisen noch als frühzeitig von dort aus weiter verbreitet, und die wahre vollends, die auf Kenntnis der Erdentfernungen und Umlaufszeiten fußt, setzt erhebliche Fortschritte der beobachtenden Astronomie voraus und wurde in Babylon erst gegen Anfang unserer Zeitrechnung bekannt⁠[1909]. Die zutreffende Erklärung erwähnen überdies auch schon CASSIUS DIO und VETTIUS VALENS: zählt man die 24 Stunden des Tages gemäß der wahren Reihe der Planeten immer wieder von 1–7 durch und macht dabei den Anfang mit Saturn, so trifft auf die erste Stunde jedes Wochentages der richtige zugehörige Gott, der zunächst nur sie beherrscht, weiterhin aber den ganzen Tag[1910]. Die Ausbildung dieser wirklichen Planetenwoche und ihre Durchführung als „fortrollende“ sind indessen erst Schöpfungen der hellenistischen Periode; wie auf eine Anzahl anderer Errungenschaften des nämlichen Zeitalters, wird daher auch auf sie weiter unten nochmals zurückzukommen sein.

b) Persien.

Die Kultur der Iranier, die sich, ebenso wie die der Inder, seit dem Ende des dritten Jahrtausends selbständig, namentlich ganz unabhängig und unbeeinflußt von der babylonischen, ausgestaltet hatte⁠[1911], erfuhr tiefgehende Einwirkungen durch das spätestens gegen 1000 v. Chr. erfolgende Auftreten des ZARATHUSTRA (ZOROASTER)⁠[1912], das wesentlich auf Seßhaftmachung der vielfach noch nomadischen und räuberischen östlichen Stämme, Verbesserung ihrer Lebensbedingungen durch Förderung von Ackerbau und Viehzucht, sowie Läuterung ihres Glaubens abzielte⁠[1913]; in letzterer Richtung war aber bei den breiteren Volksschichten ein Erfolg nur sehr langsam und unvollständig erreichbar⁠[1914], so daß erst die nächsten Jahrhunderte, die 678 zur Begründung eines eigentlichen persischen Reiches, Parsua, führten⁠[1915], die Entwicklung zu einem gewissen Abschlusse brachten. Fast völlig im Dunkel liegen noch die frühesten Beziehungen zwischen den Persern und den gleichfalls iranischen Medern, die nach lange andauernden, zum Teil gemeinsam mit anderen Völkerschaften geführten Kämpfen 607 das assyrische Reich stürzten, Ninive zerstörten und Ekbatana begründeten⁠[1916], um die Mitte des 6. Jahrhunderts aber selbst wieder unter persische Botmäßigkeit gerieten, — ohne daß dieser Ersatz eines herrschenden iranischen Stammes durch einen anderen nach außen hin besonderen Eindruck hervorgerufen hätte⁠[1917].

Die reine iranische Religion, nach MOMMSEN ausgezeichnet „durch fast monotheistische Verehrung des ‚Höchsten der Götter‘, Bildlosigkeit und Geistigkeit sowie strengste Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit“⁠[1918], kannte weder Götterbilder noch Gotteshäuser⁠[1919]. Die oberste Stellung in ihr nahm AHURA-MAZDA ein, auch MAZDA-AHURA = „der weise Herr“; die Sonne gilt als sein Auge, Atar (das Feuer) ist sein Sohn, er offenbart sich in Sonne und Mond sowie in Erde, Wasser, Feuer und Wind (nicht Luft)⁠[1920], und man betet zu ihm auf Bergeshöhen unter Entzünden der lauteren Opferflamme⁠[1921]; mit den sechs „Amesa Spenta“ = „Unsterblichen Heiligen“ (einer Art Erzengel) vereint er sich zur „Siebenheit“, die aber nicht im entferntesten Zusammenhange mit jener der chaldäischen Planetengottheiten steht⁠[1922].

Von diesen erhielten die Perser nicht früher Kenntnis, als sie in nähere Berührung mit den Babyloniern kamen, und eine Vermischung iranischer und chaldäischer Vorstellungen eintrat, deren Anfänge zwar sicher weit hinter der Regierung ALEXANDERS DES GROSSEN zurückliegen, die aber ihren Höhepunkt erst zur Zeit der Diadochen erreichte⁠[1923]. Zunächst beharrte die große Volksmenge, wie schon LENORMANT richtig ausführte⁠[1924], auch nach dem Sturze des babylonischen Reiches durch KYROS im gewohnten Aberglauben, teils weil die Perser völlige religiöse Toleranz übten⁠[1925], teils weil sie eine nur äußerst dünne Oberschicht bildeten, die zur Blütezeit der Achämeniden-Dynastie nur etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrug (500000 von 50 Millionen)⁠[1926], in früherer Zeit, bei geringerem Umfange des Reiches, also vielleicht einige Prozente. Während der Herrschaft der Diadochen erhielt dann die persische Religion wenigstens in den Mittelpunkten der Kultur ein erhebliches Übergewicht, aber nicht, ohne auch selbst wieder durch die spätbabylonische weitgehend beeinflußt zu werden⁠[1927], namentlich betreff Astrologie und Magie, die ihrem eigenen Wesen völlig fremd gewesen waren; den „Magiern“, Mitgliedern der für das alte Medien charakteristischen einheimischen Priesterschaft⁠[1928], über deren Namen und Herkunft nichts ganz sicheres bekannt ist⁠[1929], lag nämlich ursprünglich, nach den übereinstimmenden Berichten der besten und ältesten Quellen, gerade alles das völlig fern, was man als Zauberei, Geheimkunst, Geisterbannen usf., kurz als „Magie“ zu bezeichnen gewohnt ist⁠[1930]. Die dürftigen echten Überreste des rein erhaltenen Glaubens in den heiligen Büchern des „Avesta“, das in seiner heutigen Gestalt erst im 3. nachchristlichen Jahrhundert unter Bewahrung frühpersischen, medischen oder baktrischen Sprachgutes aufgezeichnet wurde, verraten keine Spur derartiger Kenntnisse, die vielmehr, wo sie sich im „Avesta“ geltend machen, allemal eines der Kennzeichen später, zum Teil sogar sehr später (bis ins 7. nachchristliche Jahrhundert herabreichender) Einschiebungen darstellen⁠[1931].

Erst als sich die persische Priesterschaft im Laufe des 4. Jahrhunderts immer nachhaltiger seitens der babylonischen beeinflussen ließ, übernahm sie von ihr Astronomie und Astrologie, Sterndienst und Magie⁠[1932]. Für die babylonischen Priester dieser Epoche, die sich ausdrücklich „Chaldäer“ nannten, steht als Grundgedanke ihrer Lehre fest, daß sich die Götter in den Gestirnen verkörpern, vor allem in den 7 Planeten, den „Lenkern der Schicksale“, die durch ihre Bewegungen die Gesamtheit der irdischen Vorgänge und Ereignisse beherrschen und in untrüglicher Weise herbeiführen; alles auf Erden hat daher seine bestimmte und berechenbare Zeit und tritt unabwendbar ein, sobald diese gekommen ist. Die Berechnung anzustellen, die betreffenden Vorzeichen rechtzeitig zu erkennen und richtig zu deuten, die Götter durch Gebet, Sühnung, Opfer, Beschwörung usf. womöglich noch zu beschwichtigen oder umzustimmen u. dgl. mehr, ist Sache der Priester; denn diese allein kennen das erforderliche Ritual und die den Göttern wohlgefälligen Einzelheiten des Kults und der Liturgie, der Worte und Gebärden, der Anrufungen und Intonationen, auch besitzen sie allein Kunde vom „wahren Wesen“ und den „wahren Namen“ der Gottheiten und verstehen es auch, die ungeheuren und geheimnisvollen „Kräfte“, die solches Wissen (nach uralten und bei zahlreichen Völkern weitverbreiteten Vorstellungen) verleiht, mit zauberischer Macht anzuwenden, d. h. die Götter zu zwingen, falls sie sich nicht erbitten lassen⁠[1933]. Wie die Magie, hierin die Zwillingsschwester der Astrologie, erkannt hat, gibt es eben dunkle Beziehungen zwischen Dingen, Worten oder Namen, und Personen, auch göttlichen; wer diese Beziehungen durchschaut, besitzt auch Einblick in die ihnen entsprechenden Zerimonien, bestimmte Zerimonien haben aber auch bestimmte Folgen⁠[1934].

Solche, auf zum Teil uralt babylonischen Aberglauben zurückgehende, für Stellung und Macht des chaldäischen Priestertums äußerst charakteristische Anschauungen konnten sich indes nicht ohne erhebliche Abänderungen mit den iranischen verschmelzen; großes Beharrungsvermögen erwies namentlich deren dualistische Grundlage, der gemäß dem guten Prinzip, AHURA-MAZDA (= ORMUZD), dem Geiste des Lichtes und der Wahrheit, in ANGRA-MAINYU (= AHRIMAN), dem Geiste des Dunkels und der Lüge, ein Böses gegenübersteht, desgleichen der Schar der guten und wohlwollenden Genien eine der bösen und neidischen Dämonen usf., derart, daß sich der ganze Vorgang der Weltentwicklung im Kampfe dieser beiden Prinzipien erschöpft⁠[1935]. So eignete sich die persische Religion u. a. zwar den Planetenkult an und ersetzte die Dreizahl der iranischen Himmel, über denen sich das Paradies befindet, durch die Siebenzahl der Sphären⁠[1936]; ebenso übernahm sie den Gedanken von der Herabkunft und dem Wiederaufstiege der Seelen durch die Sphären der 7 Planeten, wobei ihnen deren „Herrscher“ (Wächter, Hüter; Archonten) die geschlossenen Tore auftun und „Kleider“ (= Anlagen, Leidenschaften, ...) mitgeben oder wieder abnehmen⁠[1937]; die Gottheiten der Planeten aber setzte sie zu Dämonen herab, und wenn nicht alle sieben, weil der Charakter von Sonne und Mond doch allzu gesichert feststand, so mindestens die fünf der eigentlichen Wandelsterne, die entweder sämtlich, oder in ihrer Mehrzahl zu „Widersachern der guten Götter“, „Verstörern des Himmels“ und „bösen Geistern“ werden, als arglistige Neider die Himmelsreise der Seelen zu hindern suchen und sei es durch Anbetung und Opferbringen, sei es durch Drohung und Beschwörung, zu beschwichtigen oder zu gewinnen sind⁠[1938]. Auch der iranische MITHRAS, ursprünglich Genius des Himmelslichtes, wird nunmehr mit dem babylonischen Sonnengott SAMAS identifiziert und erhält so die Oberherrschaft über die Gestirngötter der Planeten, denen man, ebenso wie den Tierkreisbildern, je nach ihrer Beschaffenheit, Helligkeit, Färbung usf., zahlreiche bald nutzbringende, bald verderbliche „Kräfte“, sowie mannigfache „Beziehungen“ zuschreibt, u. a. zu Tieren, Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen und Metallen⁠[1939], — wofür indessen unmittelbare Nachweise erst aus der Anfangszeit der Arsakiden-Dynastie vorliegen, die vom 3. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert regierte⁠[1940]. Die Notwendigkeit, auch für den Kult der bösen Geister zu sorgen, und durch genehme Verehrung entweder ihr Wohlwollen zu erkaufen oder sie durch Zauberhandlungen unschädlich, wenn nicht gar dienstbar zu machen⁠[1941], mußte jedenfalls Bedeutung und Wichtigkeit der Priesterschaft neuerdings steigern und ihren liturgischen Handlungen und Worten sowie ihrer Kenntnis der „wahren Geheimnamen“, — die deshalb nur in „leisem Gebete“ ausgesprochen und in charakteristischer Weise „gemurmelt“ werden durften⁠[1942] —, erhöhtes Ansehen verschaffen⁠[1943]. Götterbilder in menschlicher Gestalt aufzustellen und sie in geschlossenen Räumen anzubeten sollen die Perser, nach BEROSSOS, erst seit der Regierung ARTAXERXES II. (405–359) begonnen haben, also seit Beginn des 4. Jahrhunderts⁠[1944], und die im arabischen „Fihrist“ (gegen 1000 n. Chr.) überlieferte Erzählung, schon der völlig mythische persische König ALDAHHAK habe den 7 Planeten Tempel erbaut⁠[1945], ist daher in das Reich der Fabel zu verweisen; allgemein gebräuchlich scheint jene Sitte aber erst in der Zeit der Diadochen geworden zu sein, in der auch die Verehrung der vier Elemente Feuer (âtar), Wasser, Erde und Wind, über die schon HERODOT erzählt⁠[1946], zum Dienste von Elementen-Gottheiten als „Herren der Elemente“ (στοιχεῖα) ausartet, denen man Kultstätten weiht und Bildsäulen setzt⁠[1947]; dies sind offenbar die „Idole der Planeten“ und „Idole der Elemente“, deren, zusammen mit den „Festen ihrer Verehrung“, den „Festen der Vermählung der Elemente“ usf., noch im 10. Jahrhundert n. Chr. der hochgelehrte arabische Schriftsteller ALBIRUNI in seiner „Chronologie der alten Nationen“ Erwähnung tut⁠[1948], aber auch schon im 2. Jahrhundert n. Chr. der Apologet ARISTIDES, der Tempel wie Kultbilder den „Chaldäern“ zuschreibt⁠[1949]. Für die griechischen Berichterstatter verwischten sich eben schon seit den Tagen ALEXANDERS DES GROSSEN die Grenzen zwischen Babyloniern, Assyriern, Chaldäern und Persern in einer Weise, die zwecks Beurteilung aller späteren Überlieferungen von größter Wichtigkeit bleibt; vor allem aber flossen die Begriffe der babylonischen „Chaldäer“ und der iranischen „Magier“ so völlig ineinander, daß schließlich z. B. ZARATHUSTRA für die nämliche Person gehalten werden konnte wie NIMROD, der sagenhafte Held der babylonischen Urzeit⁠[1950]. War aber auch die Verschmelzung babylonischen und iranischen Wesens in Wirklichkeit nicht so vollständig, wie sie den griechischen Beobachtern aus leicht begreiflichen Gründen erscheinen mußte, so zeitigte sie doch außerordentlich wichtige Folgen; denn wie die babylonische Kultur seit fernen Zeiten unmittelbar oder durch assyrische Vermittlung auf die ganz Vorderasiens eingewirkt hatte, so beeinflußte sie nun jene Persiens und durch sie wieder die der weitesten und entlegensten Kreise der alten Welt, wobei, ebenso wie in Persien, nicht selten an die Stelle der babylonischen Göttergestalten abgeänderte einheimische treten, oder statt ihrer auch fremde, geheimnisvolle und magische Mächte⁠[1951].