c) Die Astrologie.

Die Astrologie der synkretistischen Zeit ist der Versuch, auf anscheinend untrügliche und zweifellos feststehende (in Wahrheit freilich unverstandene oder mißdeutete) Naturgesetze hin ein einheitliches Weltbild zu gestalten und dabei die Vorgänge im ganzen Kosmos als abhängig von denen am Sternenhimmel zu erweisen⁠[2223]. Grundlagen dieses Versuches waren der alte griechische Volksglauben an die Göttlichkeit der Gestirne, der ältere babylonische Stern- und der jüngere chaldäische⁠[2224] Planetendienst, sowie die griechische Philosophie und Wissenschaft, besonders die der Stoa mit ihren Lehren von der Heimarméne, der allgemeinen Sympathie im Weltall und der Einwirkung des Makro- auf den Mikrokosmos, die nicht selten lebhaft an die Vergleiche moderner Soziologen zwischen Gesellschaft, Staat oder Menschheit und einem großen Organismus, sowie an die Theorien vom Einflusse des sog. Milieu erinnern⁠[2225]. Die Astrologie als Resultierende dieser Komponenten ist entschieden ein Erzeugnis des Hellenismus⁠[2226], unter dessen Einfluß die Griechen Stern-Dienst und -Verehrung allmählich und „nur nach langem Sträuben“ annahmen, zunächst und vorzugsweise in Ägypten⁠[2227]. Unter den Schriften ihrer hervorragenden Astronomen zeigen z. B. noch jene von PLATONS Schüler EUDOXOS und die in derlei Hinsicht an Gelegenheiten zur Anknüpfung so überreichen „Sternerscheinungen und Wetterzeichen“ des ARATOS (um 250 v. Chr.) keinerlei Spuren astrologischer Vorstellungen, vielmehr treten solche erst bei HIPPARCHOS von Alexandria zutage, also um 150 v. Chr.⁠[2228]; zu dieser Zeit waren aber in Ägypten neben dem u. a. auch dem Fälscher BOLOS von MENDE zugeschriebenen Buche über die „Sternzeichen“ (περὶ σημείων)⁠[2229] schon die weiter oben erwähnten „Hermetischen Untersuchungen“ erschienen, sowie das Hauptwerk des PETOSIRIS und NECHEPSO, das für Ansehen und Auffassung der Astrologie während der folgenden Jahrhunderte nach jeder Richtung hin ausschlaggebend blieb.

Von großer Bedeutung für die Ausbreitung dieser „Wissenschaft“ erwies sich ihre Aufnahme und Förderung durch die jüngeren Stoïker, sowie die Neu-Pythagoräer und -Platoniker, welche letzteren Schulen als eine ihrer Hauptquellen die Schriften des „uralten Dichters und Sehers“ ORPHEUS ausgaben, den die Abbildungen nicht selten beim Spielen der Leier in nächtlicher Stunde zum Sternenhimmel aufblickend darstellen. Die sog. „Orphischen Hymnen“, die als Reste der ihm zugeschriebenen mystisch-philosophischen Lehrgedichte vorliegen, stammen indessen ihrer ursprünglichen Gestalt nach erst aus den beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderten und unterlagen zudem später oft wiederholten und tiefgreifenden Abänderungen, teils durch Einschiebung stoïsch-pantheistischer Gedanken und popular-philosophischer Wendungen, teils durch Umformung zu Zwecken der Magie und Dämonologie, — in welcher Form sie dann in die Zauberpapyri des 3. und 4. Jahrhunderts übergingen⁠[2230]. Sie sind also selbstverständlich nicht beweisend für ein Zurückreichen astrologischer Gedanken bis in das mythische Zeitalter und können die Tatsache nicht erschüttern, daß sich der griechische Geist mit den chaldäischen Lehren, namentlich von den 7 Himmeln und den 7 beherrschenden Planetengöttern, erst seit Beginn der hellenistischen Periode zu befreunden begann. Bezeichnend für die verhältnismäßig rasch fortschreitende Durchdringung chaldäischen und griechischen Geistes ist es, daß bereits im 1. vorchristlichen Jahrhundert ASKLEPIADES von MYRLEIA den HOMER astrologisch kommentierte, und daß Siegelsteine (sog. Zylinder) der griechischen Spätzeit die 5 Planetengötter nebst Sonne und Mond eingeschnitten zeigen⁠[2231]. Nach PHILO von Alexandria, der um Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, gelten die 7 Planeten als Herrscher von unbeschränkter Gewalt, deren Ruhm und Macht gar nicht genügend gepriesen werden kann⁠[2232], die man in ihren Sinnbildern, z. B. 7 Lichtern, einem siebenarmigen Leuchter, den 7 griechischen Vokalen αεηιυοω usf. zu verehren pflegt⁠[2233], und die im engsten Zusammenhange mit den „göttlichen“ vier Elementen stehen, aus denen sich die gesamte Welt (einschließlich des Menschen) aufbaut⁠[2234], und in die sie auch wieder zerfällt, „da kein Wesen zu nichts wird, sondern sich zu dem auflöst, woraus es entstand“⁠[2235].

Die endgültige wissenschaftliche Darstellung der Astrologie auf Grund der pythagoräischen, peripatetischen und stoïschen Lehren liegt in dem gegen 160 n. Chr. verfaßten „Tetrabiblos“ des PTOLEMAIOS vor, welcher Forscher, ebenso wie sein größerer Fachgenosse KEPLER, neben der Astronomie auch die Astrologie zu betreiben geneigt oder genötigt war. Dieses Werk faßt in eingehender, oft fast haarspalterisch eindringlicher Weise die Ansichten sämtlicher Vorgänger zusammen, und zwar so vollständig und in seiner Art so vollendet, daß es fortan das dauernd maßgebende und überhaupt das letzte selbständige der ganzen Gattung blieb, zu dem alle späteren sich nur als Auslegungen und Kommentare verhalten⁠[2236]. Der Umfang dieser erklärenden und ergänzenden Litteratur ist erstaunlich, da zur Zeit allein an griechischen Handschriften mindestens 170 bekannt, wenn auch in dem großen Sammelwerke „Catalogus codicum astrologorum graecorum“⁠[2237] nur zum geringsten Teile und auszugsweise veröffentlicht sind⁠[2238]. Die Planeten spielen bei PTOLEMAIOS eine ganz hervorragende Rolle, doch ist zu bemerken, daß er, abgesehen von dem für apokryph zu erachtenden Schlußkapitel, stets nur von fünfen spricht⁠[2239], neben denen Sonne und Mond stehen; die Gestalt, in der die Sonnengottheit auftritt, ist, wenngleich sie noch nicht mit dem betreffenden Worte bezeichnet wird, schon völlig die des „Königs Helios“ und beeinflußt als solche die gesamte spätere Literatur und die malerische und plastische Darstellung, auch noch die mittelalterliche⁠[2240]. Als trocken und daher männlich sieht PTOLEMAIOS ARES, ZEUS und KRONOS an, als feucht und daher weiblich SELENE, APHRODITE und auch HERMES, der sonst meist für mannweiblich gilt⁠[2241]; die männlichen sind tages- und lichtfroh und freuen sich (χαίρουσιν), zusammen mit der Sonne auf- oder unterzugehen⁠[2242]. KRONOS bezeichnet er als aschgrau, ZEUS als weiß, ARES als rot, APHRODITE als gelb oder blond und HERMES als bunt oder wechselnd, doch stimmen die Handschriften und die Überlieferungen bei den Scholiasten nicht genügend überein, und die näheren Angaben letzterer lauten völlig verwirrt⁠[2243].

Von den Abänderungen der ptolemaeischen Theorien ist nur eine einzige als bedeutsam zu bezeichnen; unter der üblichen Berufung auf PYTHAGORAS und PLATON und in Anlehnung an gewisse Vorstellungen des platonischen „Timaeus“ lehrten nämlich die Neuplatoniker, daß die Sterne, insbesondere die Planeten, die Geschehnisse im Weltall zwar nicht selbst bewirken, sie jedoch anzeigen[2244]: mit Recht beobachteten daher die „Weisen“ des platonischen Staates, die in den Augen der Neuplatoniker Astrologen waren, die Stellungen und Bewegungen der Gestirne, denn diese gestatteten ihnen wichtige Rückschlüsse z. B. betreff der „richtigen“ Zeiten für Ehe, Konzeption, Entwicklung des Fötus usf.⁠[2245]; die Entscheidung über das, was in der Welt zu geschehen hat, geht freilich von der Gottheit aus, aber vermittelt, angezeigt und ausgeführt werden ihre Befehle durch die demiurgischen Wesen, vor allem durch die Dämonen, „die an Zahl den Mikroben gleichen, allerorten gegenwärtig sind und überall ihre Hand im Spiele haben“⁠[2246], — weshalb auch die Dämonologie, die Kunst des Rufens, Erkennens, Unterscheidens, Verehrens und Bannens der Geister eine der umfangreichsten und wichtigsten Seiten des neuplatonischen Systemes bildet⁠[2247]. Indem dieses jedoch das Wirken der Gottheit vorbehielt, die von Dämonen gelenkten Planeten aber für bloße Anzeiger des göttlichen Willens erklärte, machte es die Astrologie vereinbar mit sämtlichen Religionen, auch den streng monotheistischen, und hierin besteht die Wichtigkeit der besprochenen Umdeutung⁠[2248]; allgemein angenommen oder folgerichtig durchgeführt wurde sie übrigens keineswegs, und als im Kampfe des von griechischen, ägyptischen, chaldäischen und jüdischen Einflüssen durchtränkten Neuplatonismus mit Mithrasdienst, Manichäismus und Christentum das letztere Sieger und „Universalerbe“ geblieben war⁠[2249], erhielt der ptolemaeische Gedanke sogar allmählich wieder die Oberhand, trotzdem er in unlösbarem Widerspruche mit christlichen Grundwahrheiten stand.

Wie im Osten, so faßte die Sterndeuterei, gefördert durch die jüngere Stoa und ganz besonders durch POSEIDONIOS, auch im Westen Boden, so daß in Italien schon 139 v. Chr. von einer ersten Austreibung der „Chaldäer“ als gemeingefährlicher Lügner und Betrüger berichtet wird⁠[2250]. Diese blieb aber nicht nur ohne jeden dauernden Erfolg, sondern der „chaldäische Geist“ erwies sich als geradezu unüberwindlich, erfaßte mit staunenswerter Raschheit immer weitere Kreise und hatte schon zur Zeit CICEROS die gesamte prosaische und poetische Litteratur derart durchdrungen, daß er sich bei allen, auch bei den sonst freiesten und aufgeklärtesten Schriftstellern der klassischen Periode, geschweige denn bei ihren späteren Nachfolgern, als etwas völlig selbstverständliches, einer Begründung gar nicht erst bedürftiges geltend macht⁠[2251]. Nicht wenig scheint hierzu die immer engere Berührung mit Ägypten beigetragen zu haben, woselbst zu Beginn unserer Zeitrechnung die Astrologen Alexandrias eine Gewerbesteuer („Narrensteuer“ genannt) zahlten⁠[2252], und der berühmte Zodiakus (Tierkreis) von Denderah JUPITER und MARS sperberköpfig abgebildet zeigt, SATURN stierköpfig, MERKUR menschenköpfig, VENUS aber doppelköpfig, — wohl eine Nachwirkung ihrer beiden Formen als Morgen- und Abendstern, ISTAR und BELIT[2253].

Unter der Regierung des AUGUSTUS war die Astrologie nicht nur zur Mode und zum Bedürfnisse der feinen Gesellschaft geworden, sondern fand geradezu Aufnahme von Staats wegen⁠[2254]: rühmte doch AUGUSTUS selbst sich gewisser Wunderzeichen, die bewiesen, daß das Fatum (= die Heimarméne) ihn zur Herrschaft berufen habe⁠[2255]. Vermutlich höfischen Anregungen folgend verfaßte MANILIUS damals sein Lehrgedicht „Astronomica“, dessen Gesänge, soweit sie vollendet wurden, in schönen Versen und edler Sprache eine Übersicht der gesamten Astrologie bieten, jedoch unter planmäßigem Ausschluß aller rein ägyptischen Gottheiten und rein chaldäischen Lehren, daher auch der meisten die Planeten betreffenden⁠[2256]. Die Schicksale, Lebensberufe usf. des Menschen, der ein Mikrokosmos ist⁠[2257], gehen nach MANILIUS nicht, wie Chaldäer und Ägypter behaupten, von den Planeten aus (die er meist, aber nicht immer, „astra“ oder „stellae“ nennt), sondern, wie der Kyllenier, d. i. HERMES, verkündigte⁠[2258], von den Fixsternen (meist, aber nicht immer, „sidera“ geheißen), und zwar von jenen des Tierkreises, wenngleich die Planeten nicht ganz ohne Belang sind, da sie und die Fixsterne sich gegenseitig beeinflussen können⁠[2259]. Von den 7 Planeten, die mit den 7 Mündungen des Nils zu vergleichen sind⁠[2260], werden Sonne und Mond stets zusammen genannt und den fünf übrigen in der Anordnung des POSEIDONIOS aufgezählten Wandelsternen gegenübergestellt⁠[2261], als deren Anführer der Mond gilt, der zugleich auch (durch Ebbe und Flut) die Tiefe des Meeresgrundes beherrscht⁠[2262]. MERKUR ist nur als Morgen- und Abendstern sichtbar, ebenso VENUS, für die an Stelle der alten Namen ἐωσφόρος (Eosphóros) und ἕσπερος (Hésperos) auch der neue φωσφόρος (Phosphóros = Lucifer = Lichtträger) tritt⁠[2263]; SATURN wird als schätze-sammelnder und -hütender Alter bezeichnet⁠[2264]. Das Geschlecht der Planeten ist verschieden, ebenso wie das der Sterne im Tierkreise⁠[2265], unter denen merkwürdigerweise der Stier (taurus) als weiblich auftritt, weil JO in ein Rind verwandelt wurde⁠[2266].

Im weiteren Verlaufe der Kaiserzeit nahm die Astrologie, die zwar, wie TACITUS hervorhebt⁠[2267], offiziell stets verboten, zugleich aber unter der Hand geduldet, ja gefördert wurde, an Einfluß und Macht immer weiter zu, vor allem am kaiserlichen Hofe selbst⁠[2268]; ihre Vertreter waren meist Asiaten, Griechen und Ägypter, wie z. B. der berüchtigte „in allen chaldäischen Künsten erfahrene“ PAMMENES, von dessen Ausweisung 66 n. Chr. unter der Regierung NEROS TACITUS berichtet⁠[2269]. Einen Begriff davon, wie gänzlich schon im 1. und 2. Jahrhundert alles staatliche und private Wesen von Aberglauben jeglicher Art durchdrungen war, erhält man am besten aus der „Naturgeschichte“ des PLINIUS (um 75 n. Chr.), in der ganze Bücher mit Hunderten von Kapiteln über nichts anderes handeln, ferner aus den „Attischen Nächten“ des AULUS GELLIUS (113–165) mit ihren langatmigen Darlegungen über die 7 Planeten, die Siebenzahl usf.⁠[2270], sowie aus dem „Buche der Traumdeutungen“ des ARTEMIDOROS (135–200), dem Vorbilde einer endlosen Litteratur, deren letztes Glied das auch heute noch weitverbreitete und immer neu aufgelegte „Große ägyptische Traumbuch“ ist. Die Vorbedeutungen und Wirkungen der Sterne, so heißt es bei ARTEMIDOROS, braucht man nur zu erläutern, nicht zu beweisen, „denn für jeden Gebildeten stehen sie ohnehin fest“⁠[2271], — nämlich getreu dem Grundsatze, den noch 1648 SALMASIUS in seinem ebenso gelehrten wie monströs-formlosen Werke über die Astrologie anführt⁠[2272], „aut astra dii sunt, aut nulla est astrologia“, „entweder sind die Sterne Götter, oder es gibt keine Astrologie“!

Weitere Fortschritte machte die abergläubische Bewegung unter den orientalischen oder von Orientalen umgebenen Kaisern des 3. Jahrhunderts, besonders unter den SEVEREN, „deren politische Tat die völlige Orientalisierung der Religion auch im Westen des Reiches war“⁠[2273]. SEPTIMIUS SEVERUS (193–211) z. B. besoldete Astrologen von Staats wegen⁠[2274], stellte zuerst zu Rom Altäre der Planetengötter auf, wie sie später u. a. im Circus maximus erwähnt werden⁠[2275], und erbaute ein „Septizonium mit den sieben Planeten- oder Tages-Göttern“, vermutlich ein Planetenhaus, das die Konstellation des vom Fatum für den Thron bestimmten Kaisers versinnlichte⁠[2276]; SEVERUS ALEXANDER (222–235) befahl, die in Ägypten gesammelten Bücher der geheimen Weisheit in das Grab ALEXANDERS DES GROSSEN zu legen und in diesem zu verschließen⁠[2277], und reihte unter seine Penaten ORPHEUS, ABRAHAM, CHRISTUS und APOLLONIUS von TYANA ein⁠[2278]. Die Neigung der Astrologen zu Lug und Trug war zwar niemals ein Geheimnis geblieben, — nennt doch in diesem Sinne schon bei PETRONIUS (zur Zeit des NERO) der reiche Prasser TRIMALCHIO einen Weinfälscher „im Zeichen des Wassermannes geboren“, welcher Spott ihn freilich nicht hindert, die Wände seines Hauses mit den 7 Planeten- und 12 Tierkreis-Bildern bemalen zu lassen⁠[2279] —, aber man sah über diese Schattenseite hinweg und ließ der „Wissenschaft der Sterne“ immer freiere Bahn⁠[2280]. Stets neue Anhänger gewann ihr einerseits der Verfall der alten heimischen Kulte, das Aufhören der Orakel, das Verbot der Vögel- und Eingeweide-Schau⁠[2281], andererseits die allgemeine Überzeugung, daß die wahre Quelle neuer religiöser und philosophischer Ideen allein im Oriente fließe⁠[2282], dem nun Frömmler und „Geweihte“ zuströmten, um „am Nil, am Euphrat oder angeblich gar am Ganges in die Schule zu gehen“ und sich in der Magie, Theurgie, Dämonologie, Iatromathematik, in der Lehre von der medizinischen Sympathie und den heilbringenden Wundermitteln u. dgl. mehr zu unterrichten oder doch zu vervollkommnen⁠[2283]. Der zum Teil geradezu gemein- und staatsgefährliche Charakter, den die Gesamtheit dieser „Künste“ allmählich anzunehmen schien, erklärt das von DIOKLETIAN nach der Niederwerfung des ägyptischen Aufstandes im Jahre 296 erlassene allgemeine Verbot⁠[2284]; durchgeführt konnte dieses aber nicht werden, vielmehr erreichte die Astrologie im 4. Jahrhundert ihre größte Macht und Verbreitung, wie sie uns vor allem aus dem zusammenfassenden Werke des FIRMICUS MATERNUS (verfaßt 335–337) und den Schriften HEPHAISTIONS (um 340) und seiner Nachfolger sichtlich entgegentritt⁠[2285]. Als seine Hauptquellen in der „Mathesis“⁠[2286] bezeichnet FIRMICUS NECHEPSO, den göttlichen König, und PETOSIRIS, den Oberpriester und weisen Alten⁠[2287], ferner ANUBIS, AESKULAP und MERKUR[2288], endlich ABRAHAM, ACHILLES, KRITODEMOS, ORPHEUS, die Pythagoräer und Platoniker⁠[2289], während er sich über andere Vielbenützte ausschweigt, z. B. über ANUBION, MANETHO, MANILIUS, PTOLEMAIOS, VETTIUS VALENS[2290]. Die Astrologie ist ihm eine göttliche Wissenschaft (divina scientia)⁠[2291] und fordert daher von ihren Vertretern strengste Geheimhaltung, kultische Reinheit der Person und des Lebenswandels, sowie völlige Freiheit von Habsucht, Geldgier und gemeinem Streben⁠[2292]. Die Hauptrolle spielen bei FIRMICUS die Planeten, die, je nach ihren Stellungen, Bewegungen und Beziehungen untereinander und zu den Fixsternen, ganz wie schon in den „Astrologúmena“, die menschlichen Lebensschicksale, Neigungen, Berufe, Kenntnisse usf. bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmen⁠[2293].

CONSTANTIN DER GROSSE (323–337), zu dessen Zeit FIRMICUS schrieb, blieb astrologischem und anderem Aberglauben zeitlebens ergeben; seine Thermen versah er mit 7 Nischen und 12 Portiken zur Aufnahme der Planeten- und Tierkreis-Bilder⁠[2294], seine Kirchen erhielten 7 Stufen, 7 Tore und 7 Bänke für die Priester⁠[2295], und die der Sophia schmückte er „mit hellenischen Statuen der 12 Zeichen des Tierkreises, des Mondes, der APHRODITE und der übrigen Planeten“⁠[2296], ohne sich hierin durch seine christlichen Neigungen und Gesinnungen beeinflussen zu lassen, deren Aufrichtigkeit allerdings überhaupt dahinsteht. Die Kirche bekämpfte anfangs, wie die Planetenwoche (s. weiter oben), so auch alle sonstigen mit der Astrologie zusammenhängenden Anschauungen und Einrichtungen, und zwar unter Hinweis auf ihre Engel, Märtyrer und Asketen, an deren Wundertaten auch die hervorragendsten Kirchenschriftsteller nicht minder fest glaubten, als etwa die schärfsten Denker der neuplatonischen Schule an die des PYTHAGORAS oder anderer ihrer „göttlichen Männer“⁠[2297]. TERTULLIANUS (um 190) verbietet in seiner Abhandlung „De idolatria“ den Christen, das Gewerbe eines Astrologen oder Magiers auszuüben⁠[2298]. Daher finden sich auch die drei Magier, die dem Sterne bei CHRISTI Geburt nachziehen, in den ursprünglichen Berichten als Chaldäer, Perser oder Araber bezeichnet, „die die Kunst (τέχνη, Téchne) verstehen“; sie heißen noch beim hl. HIERONYMUS (331–420) „docti a daemonibus“ (von Dämonen belehrt), während sie erst im 6. Jahrhundert „Könige“ werden (wobei Stall, Krippe, Ochs usf. hinzutreten, um die Richtigkeit alter Prophezeiungen zu erweisen) und schließlich gar „heilige Könige“, deren Namen indes erst BEDA VENERABILIS (672–703) kennt⁠[2299]. Vom 4. Jahrhundert an scheint das Verhalten der Kirche, wenigstens im Westen, zeitweilig ein weniger abweisendes gewesen zu sein, wofür indessen der berühmte „Chronograph von 354“ nicht als Beleg angeführt werden kann, weil dieser römische Kalender, der neben den Abbildungen und astrologischen Charakteristiken der 7 Planetengötter u. a. die älteste Papst-Liste enthält, auch im übrigen keinerlei christliche Einflüsse verrät⁠[2300]. Späterhin wurde aber der alte Standpunkt wieder strenge festgehalten, zum mindesten grundsätzlich; die um 630 verfaßten „Origines“ des hl. ISIDORUS (= Isidorus Hispalensis, Erzbischof von Sevilla), ein Sammelwerk, das trotz der völligen Kritiklosigkeit des Autors und seiner Vorliebe für die albernsten Etymologien kulturgeschichtlich außerordentlich wertvoll ist, sprechen von der Astrologie als einem „von den Chaldäern stammenden, vom Teufel begünstigten, von CHRISTUS verworfenen Aberglauben“⁠[2301], erwähnen daher kein Wort über Vorzeichen und Beziehungen, die sich an die 7 Planeten knüpfen, — auch nicht in dem verlockenden Kapitel „De natis“⁠[2302] —, und führen nur an, daß sich von ihren Namen die der Wochentage ableiten⁠[2303] und daß sich mit ihren Qualitäten auch die der menschlichen Körper verändern⁠[2304]. In seiner kleineren Schrift „De natura rerum“ behauptet ISIDORUS, die Planeten hießen „errantia“ (Irrsterne), „weil sie uns in die Irre leiten“⁠[2305], im übrigen schweigt er aber auch hier über alles abergläubische⁠[2306] und nur vom SATURN sagt er an einer Stelle, er sei, wie VIRGIL bestätige, „von kalter Natur“⁠[2307] und daher auch auf Erden Kälte erzeugend.

Die hier und wiederholt auch schon im Vorhergehenden berührte Idee der Abhängigkeit irdischer Erzeugnisse von den Gestirnen, sowie ihrer Zusammengehörigkeit mit bestimmten Fixsternen und Planeten, zählt zu den eigentümlichsten und wichtigsten auf astrologischem Gebiete und rechtfertigt daher eine nähere Erörterung.

Wie die ganze Lehre von den 7 Himmeln mit den 7 weltbeherrschenden Planeten-Gottheiten, so ist auch deren Ausgestaltung betreff der Einflüsse von Bewegung, Stellung, Auf- und Untergang, Farbe, Glanz und „Natur“ der einzelnen Gestirne eine spätbabylonische, also chaldäische⁠[2308]. Den u. a. bei dem Astrologen VETTIUS VALENS (2. Jahrhundert n. Chr.) ziemlich ausführlich erhaltenen Überlieferungen gemäß, geht sie von der Grundvorstellung aus, daß jeder Stern seine „Natur“ und „Kraft“ nach außen „emaniere“ und daher alles das, was seine Strahlen treffen, auch seinem eigenen Wesen entsprechend beeinflusse und gestalte⁠[2309]. In Ägypten verschmolz diese Vorstellung mit der dort heimischen, daß gute Gaben, Segnungen u. dgl., Ausflüsse (ἀπόρῥοιαι) aus dem Leibe der Götter seien, wonach es einleuchtend erschien, daß solche auch den Sterngöttern zukämen, sowie den Sternen, deren Herren diese sind⁠[2310]; gefördert wurde sie ferner durch die Theorie von der allgemeinen Sympathie, die derartige Beeinflussungen erklärlich machte, ja selbst erwarten ließ. So ruft denn schon bei PHILO jedes Sternbild des Tierkreises die ihm eigene Färbung auch in Luft, Wasser und Erde, bei allen Vorgängen in diesen Elementen, sowie bei allen Arten Gewächsen und Lebewesen hervor⁠[2311]; auf dem Zodiakus (Tierkreis) von Denderah, der aus dem Anfange der Kaiserzeit stammt, sind den Namen der Planeten die von Mineralien und Metallen beigefügt⁠[2312]; PTOLEMAIOS stellt die Planeten nach ihrer Farbe mit den Metallen zusammen⁠[2313]; die Neuplatoniker opfern ihnen die „zugehörigen“ Steine, Kräuter und Tiere⁠[2314] und verbinden sie, auf oft lächerliche Spitzfindigkeiten hin, mit seelischen Eigenschaften, körperlichen Teilen, gesunden und kranken Säften (χυμοί), Tieren, Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen, Metallen, Farbstoffen, Gerüchen, Gewürzen, Tönen, Vokalen usf.⁠[2315]; der „göttliche“ IAMBLICHOS (gest. 330?) bezeichnet in dem, wenn nicht von ihm, so doch von seiner Schule herrührenden „Buche der Mysterien“ die Planeten als „sichtbare Götter“ (θεοὶ φανεροί, ὁρατοί)⁠[2316] und läßt sie auf das Weltall, das „nur ein großes Tier (= Lebewesen) ist“ (ἕν ζῶον ἐστί τὸ πᾶν), vermöge der Sympathie, nach ihren Qualitäten, Farben und Strahlen Wirkungen ausüben⁠[2317]. Ähnlich urteilen auch die gleichzeitigen Papyri, z. B. der Papyrus MIMAUT (3. Jahrhundert)⁠[2318], ferner die bei PROKLOS angeführten Autoren⁠[2319], sowie die späteren Gnostiker und Hermetiker, deren Ansichten schließlich in den sog. „Kyraniden“ eine letzte Ausgestaltung in der Richtung unsinnigsten Aberglaubens erfahren⁠[2320].

Die Ansicht BERTHELOTS, die älteste Anspielung (oder doch eine der ältesten) auf die Zusammengehörigkeit der 7 Planeten mit den Metallen u. dgl. enthalte die zur ptolemaeischen Frühzeit abgefaßte ägyptische Erzählung von dem in 7 Kisten eingeschlossenen Zauberbuche des Gottes THOT[2321], ist gänzlich irrtümlich; erstens stammt nämlich diese Erzählung aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert⁠[2322] und zweitens spricht sie anscheinend nur von sechs Kisten, die aus Eisen, Bronze, Palm- (oder Zimt-) Holz, Ebenholz und Elfenbein (schwarz-weiß), Silber, und Gold bestehen⁠[2323]; auch eine Liste der Malerfarben Schwarz (kême), Dunkelblau, Rot, Hellblau, Grün, Gelb, Weiß hat nichts mit den 7 Planeten zu tun, gibt vielmehr, abgesehen vom Schwarz, diese Farben in der nämlichen Reihenfolge wieder, die für Aufzählung der kostbaren Mineralien und Steine (Lasur, Rubin, Türkis?, Smaragd, Topas, Bergkristall) die althergebrachte war⁠[2324]. Daß Inschriften aus dem alten oder mittleren Reiche den Gott PTAH „Gießer des goldenen Sonnenkäfers“ nennen und die „Sonne mit den goldgelben Strahlen“, die „Sonne, die da goldene Strahlen hat“ preisen⁠[2325], bezeugt nichts weiter, als daß auch die Ägypter, wie die verschiedensten Völker zum Teil ganz fernliegender Kulturkreise, schon frühzeitig den naheliegenden Vergleich zwischen Sonne und Gold, Mond und Silber zogen. Unbegründet ist endlich auch die Vermutung BERTHELOTS[2326], Listen von bloß fünf Metallen und Planeten (ohne Sonne und Mond), wie sie u. a. das Pariser Manuskript 2327 bietet, deuteten auf spezifisch ägyptischen Ursprung hin, — denn eine Sonderstellung von Sonne und Mond ist nicht nur u. a. zur Zeit der Verschmelzung chaldäischer und persischer Religions-Vorstellungen nachweisbar, sondern auch bei späteren hellenistischen Autoren, z. B. bei PTOLEMAIOS.

Über Entstehung und Ausbildung der Lehre von der Verbindung zwischen Planeten, Farben und Metallen bei den Chaldäern selbst⁠[2327] liegen bisher nur äußerst dürftige unmittelbare Nachrichten vor, so daß wir hauptsächlich auf spätere Überlieferungen angewiesen sind, die zum Teil aus weder zuverlässigen, noch lauteren Quellen stammen, in vielen Einzelheiten stark auseinander gehen und Rückschlüsse nur mit aller Vorsicht zu ziehen gestatten.

Fraglos ist es, daß die Babylonier, vor allem die Chaldäer und die von ihnen beeinflußten jüngeren Perser, Götzenbilder aus Holz, Stein und Metall besaßen, u. a. aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze (Erz) und Eisen; daß diese schon bei den alten Babyloniern solche der Planetengötter waren⁠[2328], ist natürlich ausgeschlossen, und die oft angeführten Berichte des späten und stark iranisch beeinflußten Buches DANIEL (verfaßt von 170 v. Chr. an)⁠[2329] und des noch weit späteren Buches BARUCH (verfaßt zwischen 100 und 250 n. Chr.)⁠[2330] lassen Folgerungen hinsichtlich der fernen Vergangenheit nicht zu. Eine annähernde Vorstellung betreff der neueren Periode mag die von dem byzantinischen Chronisten KEDRENOS (um 1050) wiedergegebene Erzählung gewähren, der gemäß Kaiser HERAKLIUS (603–641) im Tempel der armenischen Stadt Gazakos, die er während des persischen Feldzuges eroberte, prächtige, vom Könige CHOSROËS von Persien (532–579) gestiftete Götzenbilder vorfand, „in der Kuppel wie im Himmel sitzend, umgeben von Sonne, Mond und Sternen, denen CHOSROËS als Göttern diente“⁠[2331]. Ob durch Schriftsteller des 11. und 12. Jahrhunderts bewahrte Überlieferungen zutreffen, nach denen die chaldäischen Priester Fingerringe aus den verschiedenen Metallen trugen⁠[2332], bleibe dahingestellt, denn vielleicht handelt es sich hierbei nur um Erneuerung einer Nachricht, die das gegen 215 von PHILOSTRATOS verfaßte Leben des vielberufenen APOLLONIUS von TYANA enthält; dieser Wundermann, „neben MOSES und HERMES TRISMEGISTOS der einzige wahrhaft göttliche“⁠[2333], soll nämlich gelegentlich seiner in Indien betriebenen Studien der „über die menschliche Natur hinausgehenden Kunst Astrologie“ vom Brahmanen JARCHAS 7 Ringe erhalten haben, die die Namen der 7 Planeten trugen (und aus deren Metallen bestanden?), und die er an den entsprechenden Wochentagen abwechselnd ansteckte⁠[2334].

Über die Farben, die die Chaldäer den einzelnen Planeten zuschrieben und daraufhin in Gestalt von Platten aus den „zugehörigen“ Metallen oder aus entsprechend glasierten Steinen auch bei ihren Tempelbauten in Anwendung gebracht zu haben scheinen, herrscht (wie schon weiter oben angeführt) keine ausreichende Gewißheit, und die verschiedenen vorliegenden Angaben lassen sich ohne willkürliche Abänderungen nicht in Übereinstimmung bringen⁠[2335]. Im Abendlande dürfte, — da so naheliegende Zusammenstellungen wie z. B. die von Gold und Sonne bei PINDAR (5. Jahrhundert v. Chr.) nicht wohl in Betracht kommen können —, die erste einschlägige Anspielung, wie schon gegen 1800 der hochgelehrte BECKMANN erkannte⁠[2336], in PLATONS Dialoge „Kritias“ zu finden sein, woselbst (sichtlich nach persischen Vorbildern, die dem Verfasser vor Augen schwebten) über die Hauptstadt der Insel Atlantis berichtet wird, ihre äußere Mauer sei mit Kupfer belegt, ihre innere mit Zinn und die Schloßmauer mit Gold. Im Orient bleiben ähnliche Vorstellungen anscheinend viel länger lebendig, doch liegen sie meist nur in späten Überlieferungen vor, aus denen sich bestimmte Schlüsse nicht ableiten lassen. So z. B. erwähnt der arabische Kosmographe ALDIMESCHQI (1256–1327), der meist aus sehr alten und guten Quellen schöpfte, die Stadt Jerusalem und ebenso die Peterskirche zu Rom seien von 7 Mauern aus Feuer (= feuerfarbigem Metall oder Stein?), Gold, Marmor, ...gestein, Silber, Eisen und Kupfer umgeben gewesen⁠[2337]; der 7 „jenen Ekbatanas gleichenden“ Mauern der Stadt Ganzakh tut der armenische Historiker MOSES von CHORENE (5. Jahrhundert) Erwähnung, derer des Palastes des sassanidischen Königs VAHARAN V. (= BAHRAM GUR) der persische Dichter NIZAMI (gest. 1198)⁠[2338]; ferner schildert sein Landsmann DSCHAMI (1414–1492) in „JUSSUF und SULEIKHA“ den Bau eines Schlosses, das, gleich jenen der Könige CHOSRAU (= CHOSROËS), KEI KAWUS und BAHRAM GUR, aus „7 voneinander umgebenen“ Palästen bestand, für die 7 Tage der Woche bestimmt, in 7 Farben prangend und unter dem Einflusse der 7 Planeten stehend, — wobei jedoch nur vom siebenten bemerkt wird, daß er in Gold erstrahlte⁠[2339]. Auch in den Erzählungen „Tausendundeine Nacht“, die zum Teil bis in das 8. Jahrhundert zurückgehen, ist die Rede von 7 solchen Palästen aus Kristall, Marmor, chinesischem Stahl, Edelstein, Porzellan, Silber und Gold⁠[2340], und von der Kuppel des Pharus zu Alexandria melden die „Arabischen Wundergeschichten“, vermutlich einer hellenistischen Tradition folgend, daß sie an jedem der 7 Wochentage in einer anderen, jedenfalls dem betreffenden Planeten entsprechenden Farbe erglänzte⁠[2341].

Welches diese Farben waren, bleibt zweifelhaft, denn schon die Angaben bei PTOLEMAIOS und seinen Kommentatoren schwanken, und in noch höherem Grade gilt dies von jenen der späteren Schriftsteller und Enzyklopädisten, die oft auch nur die zugehörigen, nicht immer bestimmt zu deutenden Mineralien betreffen. In der nachstehenden Tabelle gibt Reihe 1 die (nicht immer sicher zu benennenden) Farben nach PTOLEMAIOS (um 150) an⁠[2342], 2 nach VETTIUS VALENS (2. Jahrhundert) und einigen Zeitgenossen⁠[2343], 3 nach FIRMICUS (um 335), 4 nach PSEUDO-KALLISTHENES (4. bis 5. Jahrhundert)⁠[2344], 5 nach der arabischen Enzyklopädie der „Treuen (richtiger: lauteren) Brüder“ (10. Jahrhundert)⁠[2345], 6 nach einer in RUSKAS Ausgabe des „Steinbuches des ARISTOTELES“ erwähnten Quelle⁠[2346], 7 nach dem persischen Dichter NIZAMI (12. Jahrhundert)⁠[2347], 8 nach der arabischen Enzyklopädie des ALDIMESCHQI (1256–1337)⁠[2348]:

 
Saturn
φαίνων
Jupiter
φαέθων
Mars
πυρόεις
Sonne
ἥλιος
Venus
φωσφόρος
Merkur
στίλβων
Mond
σελήνη
1.
aschgrau
weiß
rot
golden
gelb
(blond)
verschieden
(bunt)
silbern
2.
schwarz
weiß
rot
(gold)-
glänzend
bunt
gelb
grünlich
3.
schwarz
rot
golden
weiß
4.
Ophit
(schwarz)
Aerit
(grün)
Hämatit
(rot)
Berg-
kristall
Sapphir
(blau)
Smaragd
(grün)
Diamant
5.
schwarz
grün
rot
golden
blau
bunt
silbern
6.
Sabh
(schwarz)
Berg-
kristall
Hämatit
Berg-
kristall ?
Magnet-
stein
Onyx
7.
schwarz
sandarach
(gelbrot)
rot
golden
weiß
azur
grün
8.
schwarz
sandarach
rot
golden
blau
braun ?
grün

Wiederum abweichende Farben führt, nach SALMASIUS[2349], PORPHYRIUS (3. Jahrhundert) an und vergleicht sie mit denen der bunten Gewänder (vermutlich der 7 bunten Gewänder der ISIS bei den Naassenern)⁠[2350], während einige Autoren auf Beziehungen zu gewissen „irdischen Sternen“, d. i. Blumen, verweisen (die aber nicht stets die heute so benannten sind)⁠[2351], z. B. des SATURN zur Hyazinthe (dunkel), des JUPITER zur Lilie (weiß), des MARS zur Viole (rot), der Sonne zur Rose (rot; gelb), der VENUS zur Anagallis (gelbrot; rot; blau), des MERKUR zum Krapp (gelbrot), des Mondes zur Narzisse (grünlich), andere Schriftsteller aber auf solche zu gewissen Tieren, z. B. des SATURN zum Esel (aschgrau)⁠[2352], des JUPITER zum Adler (weiß, gelblich)⁠[2353], des MARS zum Wolf (rot), der Sonne zum Löwen (gelb), der VENUS zur Taube (weiß), des MERKUR zur Schlange (bunt), des Mondes zum Rind (weiß); hierbei mögen indes noch andere, rein mythologische Zusammenhänge obwalten, wenngleich auch bei KELSOS (um 150) die 7 bösen „archontischen“ Engel in Gestalt von Esel, Adler, Hund, Löwe, Bär, Drache (= Schlange) und Stier erscheinen⁠[2354].

Grundlage aller dieser Zusammenstellungen ist eine, jedenfalls schon den Chaldäern geläufige Anschauung, auf die bereits PHILO, PLINIUS[2355] und ARTEMIDOROS (135–200)⁠[2356] hindeuten, und die FIRMICUS, aus hellenistischen Astrologen schöpfend, mit den Worten wiedergibt⁠[2357], Sonne, Mond und Sterne seien Maler, die die ihnen eigenen Farben auch auf jene Dinge und Wesen übertragen, die sie beeinflussen, so daß z. B. SATURN die dunkelfarbigen und schwarzen Menschen hervorbringe, MARS die rötlichen, der Mond die hellfarbigen und weißen usf., — indem die vier Elemente, aus denen Mikro- und Makrokosmos in gleicher Weise bestehen, entsprechende Veränderungen oder Mischungen erfahren⁠[2358]. In völlig gleichem Sinne äußern sich die späteren Überlieferungen: nach des PROKLOS Kommentar zu PLATONS „Timaeus“ (5. Jahrhundert) lassen die Strahlen der Sonne in der Erde das Gold entstehen, die des Mondes das Silber, die des MARS das Eisen, die des SATURN das Blei⁠[2359]; gemäß der arabischen Enzyklopädie der „Lauteren Brüder“ (10. Jahrhundert) erzeugt jeder Planet, seiner Farbe entsprechend und je nach den näheren Verhältnissen seiner Stellung und Bewegung, gewisse gleichfarbige Pflanzen, Mineralien, Metalle usf.⁠[2360]; die Quellen, die dem „Steinbuche des ARISTOTELES“ zugrunde liegen, teilen „laut ARISTOTELES und PTOLEMAIOS“ jedem Planeten „seinen Stein, in sein Metall gefaßt“, zu, bei der richtigen Konstellation mit den richtigen Inschriften und Bildern graviert⁠[2361]; eine unter dem Namen „Causa causarum“ bekannte syrische Enzyklopädie des 11. oder 12. Jahrhunderts meldet, daß sich „den Alten gemäß“ die Natur der Planeten in ihren Strahlen zeige, denen ganz bestimmte Einflüsse zukämen, mit Ausnahme derer des MERKUR, weil dieser bereits selbst „gemischter“ (= androgyner) Art sei und sich daher den wechselnden Wirkungen der benachbarten Wandelsterne anpasse⁠[2362]. Sie berichtet ferner⁠[2363], — und zwar in Übereinstimmung mit anderen Kompilatoren desselben Zeitalters, z. B. MAIMONIDES (1135 bis 1204) und SCHAHRASTANI (gest. 1153)⁠[2364] —, daß man aus bestimmten, den Planeten entsprechenden Materialien von der richtigen Farbe, z. B. aus Gold, Silber oder Erz (Bronze), auch deren Idole, ferner Bilder und Statuen der Sterngötter, sowie noch andere „Teufelswerke“ anfertige, deren Verehrung und Anbetung schwere Sünde und auch insoferne ganz fruchtlos sei, als die Planeten überhaupt nicht „bewirken“, sondern nur „ankündigen“.

Betreff der 7 Metalle selbst, sowie ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Planeten bleiben mannigfache Zweifel bestehen⁠[2365]. Eine der ältesten Aufzählungen scheint die bei PAUSANIAS zu sein⁠[2366], der gegen 200 n. Chr. eine „Beschreibung von Hellas“ verfaßte, die fast nur aus den Schriften weitaus (oft bis um mehrere Jahrhunderte) früherer Vorgänger zusammengestellt ist, jedoch den Anschein erregen soll, als lägen ihr eigene Reisen und Wahrnehmungen zugrunde; bei der Schilderung der Quelle des Styx in Arkadien und ihres unglaublich kalten und scharfen Wassers erwähnt nun PAUSANIAS, daß dieses u. a. auch alle Metalle auflöse, und nennt als solche Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold⁠[2367]. Für das Alter dieses Verzeichnisses spricht namentlich die Erwähnung des Elektrons, das kein einfaches Metall, sondern eine Silber-Gold-Legierung ist und als solche seit langen Jahrhunderten bekannt war, so daß die Einfügung unter die übrigen auf eine Zeit zurückweist, in der sein natürliches Vorkommen noch unvergessen, vielleicht aber auch seine Verwendung (etwa zu kultischen Zwecken?) noch nicht abgekommen war. Der Astrologe VETTIUS VALENS (2. Jahrhundert) reiht den Planeten ebenfalls Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold zu⁠[2368]. Aus diesen nämlichen 7 Metallen (nebst Edelsteinen und Perlen) ließ CONSTANTIN DER GROSSE den herrlichen Prunktisch in der Sophienkirche anfertigen⁠[2369], aus ihnen bestehen nach einer in der syrischen Übersetzung des ZOSIMOS erhaltenen Tradition die Tore im „Tempel der 7 Planeten“, die als Tore der 7 Himmel aufzufassen sind⁠[2370], und ebenso führen sie ein alexandrinischer Scholiast zu PINDAR, ferner OLYMPIODOROS, sowie auch die Quellen des Buches „Causa causarum“ auf (s. unten).

Was die Zuordnung zu den einzelnen Planeten anbelangt, so gibt Reihe 1 der nachstehenden Tafel sie nach KELSOS (um 150 n. Chr.) an, dessen christenfeindliche Schrift „Das wahre Wort“ nur durch die ausführliche Widerlegung des ORIGENES bekannt, aus dieser aber ziemlich vollständig wieder herstellbar ist⁠[2371]; Reihe 2 nach dem Astrologen VETTIUS VALENS (2. Jahrhundert)⁠[2372]; Reihe 3 nach einem bei EUSTATHIOS zitierten alexandrinischen Scholiasten zu PINDARS „Isthmischen Siegesgesängen“ (V, 2)⁠[2373]; Reihe 4 nach OLYMPIODOROS, der dabei des PROKLOS Kommentar zur „Meteorologie“ (Buch III) des ARISTOTELES folgt⁠[2374]; Reihe 5 nach STEPHANOS von ALEXANDRIA (7. Jahrhundert)⁠[2375]; Reihe 6 nach dem „Steinbuche des ARISTOTELES“⁠[2376]; Reihe 7 nach dem syrischen Buche „Causa causarum“⁠[2377]; Reihe 8 nach einer arabischen Aufstellung gegen 900, die Sekte der Ssabier betreffend (s. über diese weiter unten)⁠[2378]; Reihe 9 nach einer späteren, vermutlich arabischen Überlieferung⁠[2379]:

 
Saturn
φαίνων
Jupiter
φαέθων
Mars
πυρόεις
Sonne
ἥλιος
Venus
φωσφόρος
Merkur
στίλβων
Mond
σελήνη
1.
Blei
Bronze
(Kupfer ?)
Mischmetall
(κρᾶμα)
Gold
Zinn
(blond)
Eisen
(bunt)
Silber
2.
Blei
Zinn
Eisen
Gold
Kupfer
Elektron
[Quecksilber]
Silber
3.
Blei
Elektron
Eisen
Gold
Kupfer
Zinn
Silber
4.
Blei
Elektron
Eisen
Gold
Kupfer
Zinn
Silber
5.
Blei
Zinn
Eisen
Gold
Kupfer
Quecksilber
Silber
6.
Blei
Messing
(Bronze ?)
Eisen
Gold
Elektron
Silber
7.
Blei
Zinn
Eisen
Gold
Kupfer
Elektron
[Quecksilber]
Silber
8.
Blei
Zinn
Eisen
Gold
Kupfer
Silber
9.
Blei
Zinn
Eisen
Gold
Kupfer
Quecksilber
Silber