Der Name HERMES leitet sich nach ED. MEYER ursprünglich von ἕρμα (Hérma) ab, dem an Weg und Weide errichteten Stein-Kegel oder -Haufen, der dem Beschützer der Herden und Straßen gilt, später zur Steintafel, und zuletzt, durch Andeutung von Kopf und Geschlechtsteilen, zur Halbstatue, zur Herme wird. Als Hirt ist HERMES ein Heilkundiger, ein verschlagener und auf Gewinn bedachter Betrüger, ein hurtiger Läufer, gewandt auch im Finsteren und daraufhin ein Herr des Schlafes und der Träume, der auch mit der dunklen Unterwelt in Verbindung steht[2465]. HERMES ist aber ferner, und vielleicht im Zusammenhange mit dem Amte des Herdenschutzes, ein Wind-, Luft- und Wetter-Gott[2466], und aus diesen seinen Eigenschaften erklären sich unschwer die des Boten und Dieners der Götter, des Diebes und Entführers, des Pfeifers und Sängers, des Leiters der Seelen (auch durch Schlaf und Traum)[2467], des Herrn über Glück und Zufall, sowie über Befruchtung und Zeugung[2468], des Behüters der Wege und Wanderer, des Förderers der Kaufleute und Händler usf. Die meisten dieser Wirksamkeiten kennt schon HOMER, was für ihr hohes Alter spricht[2469], während erst eine schon jüngere Zeit den göttlichen Herold in geziemender Weise zum Meister der Rede, Klugheit und Erfindungsgabe stempelt, zum HERMES LOGIOS (λόγιος). Sein eigentümlicher Stab, das Kerýkeion (κηρύκειον), war nach den einen ursprünglich ein Fetisch[2470], worauf noch der Gebrauch als Wünschelrute hindeuten könnte[2471], nach anderen hingegen wandelte sich der Hirten- und Herolds-Stab, die „virga aurea“, mit der noch HORAZ[2472] den Gott die Seelen leiten läßt, nur allmählich zum schlangenumwundenen Abzeichen[2473].
Im Verlaufe der synkretistischen Periode wurde HERMES zum Krystallisationspunkte vielfältiger, u. a. auch durch orientalische und ägyptische Ideen beeinflußter Götter-Vorstellungen[2474]: schon den jüngeren Stoïkern gilt er als Träger des λόγος σπερματικός (Lógos spermatikós), den Neupythagoräern und Orphikern ist er προφήτης λόγου (Prophet des Logos), Verkünder der Lehre oder des „Wortes“, — vielleicht infolge Umwandlung der in Arkadien mythischen Genealogie ZEUS-HERMES-PAN zu ZEUS-HERMES-LOGOS, „weil der Gedanken der Vater des Wortes ist“[2475] —, den Neuplatonikern der „Vernunftgeist“ Logos, der als Vereinigung des λόγος (Logos) und νοῦς (Nûs) von Anbeginn her Materie und Sinnenwelt bildete und sich untertan machte[2476], und weiterhin wird er in pantheistischem Sinne zum Weltherrscher und Allgeist (κοσμοκράτωρ, παντοκράτωρ), zum Gebieter aller Pneumata, daher auch der Seelen und Geister, ferner zum Nekromanten = Totenbeschwörer, Zauberer, Magier, sowie zum Herrn aller diesen Geheimwissenschaften Ergebenen[2477]. Die Fülle dieser Wirksamkeiten macht es erklärlich, daß einige der Synkretistiker verschiedene HERMES annahmen und den Gott schließlich in nicht weniger als 5 Personen gleichen Namens und schwankender Genealogie zerlegten[2478], während Andere wiederum die Einheitlichkeit dadurch zu wahren suchten, daß sie HERMES mit orientalischen oder ägyptischen Göttern verwandten Charakters identifizierten.
Die wichtigste und älteste dieser Gleichsetzungen, deren Anfänge schon in die frühhellenistische Periode zurückreichen[2479], ist die mit dem (PLATON bereits wohlbekannten) ägyptischen THOT oder TEHUTI, welcher Namen eine Dualform ist, anspielend auf den „Doppel-Ibis“, in dessen Gestalt man THOT in den Flecken des Mondes zu erkennen glaubte[2480]. Den Ägyptern gilt THOT als Gott der Sternkunde, Zähler und Berechner alles himmlischen und irdischen, Herr über Maß, Gewicht und Ordnung, Verkörperer von Geist und Intellekt, Erfinder der Musik, Rede und Schrift, Schreiber der Götter, Verfasser sämtlicher ägyptischen Schriftwerke und daher Gott der Bibliotheken, Kenner alles wißbaren, insbesondere auch der Geheimwissenschaften, Meister der magischen und mystischen Besprechungen, Beschwörungen und Formeln nebst ihrer medizinischen Anwendung, Beherrscher der Seelen und Geister und Wiedererwecker der Verstorbenen[2481]. In späterer hellenistischer Zeit und unter Anlehnung an die echt ägyptische Vorstellung einer Schöpfung mittels Emanation durch das bloße Wort, der gemäß der „Urgott“ die jüngeren Götter „spricht“[2482], entstand dann die Lehre, daß der Urgott die Welt durch siebenmaliges Lachen hervorbrachte, und daß beim dritten Lachen der νοῦς (Nûs) zum Vorschein kam, „genannt HERMES“, identisch mit THOT, RÊ dem Sonnengott, MITHRAS dem Sonnengott, AGATHODAIMON, IAO usf.[2483], der Herr des Logos und der Welt[2484], der Beherrscher und Verteiler der Pneumata, der Führer der Seelen und Lenker der Geister, der das All erfüllende Weltgeist, das Bewegungs-Prinzip des gesamten Kosmos (mundi velocior servus)[2485], der „Dreimal-Größte“, HERMES TRISMEGISTOS[2486].
Die vielerörterte Benennung „TRISMEGISTOS“[2487] geht in letzter Linie auf einen alten und stehenden Beinamen des Gottes THOT zurück, der ursprünglich einfach „der Große“ lautete, in jüngerer Zeit aber auch „der Große, der Große“, ägyptisch āa-āa (so noch in dem erst zur Kaiserzeit vollendeten Tempel zu Denderah), was gemäß der üblichen Phraseologie so viel besagt, als „der Wachsende“[2488]; in wörtlicher Anlehnung werden daher auch für HERMES die Bezeichnungen „ὁ μέγας“ sowie „μέγας καὶ μέγας“ überliefert, so z. B. in einer Inschrift zu Rosette und noch bei Zosimos[2489]. Der Name τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος, Trismegistos, findet sich entgegen früheren Annahmen[2490] auch auf ägyptischen Denkmälern und rührt daher, daß man die ägyptischen Worte „der Große, der Große“ noch durch ein sog. determinierendes Zeichen „Wr“ verstärkte, das gleichfalls „groß“ bedeutet, so daß „Trismegistos“ mit „der dreimal Große oder Größte“ zu übersetzen und rein superlativ zu verstehen ist[2491]. Sehr allgemein wird angegeben, „Hermes ille Trismegistus, ... magister omnium physicorum“ (= Herr der ganzen Natur) sei zuerst im 15. Kapitel der Streitschrift des Kirchenvaters TERTULLIANUS (verfaßt um 210) gegen die gnostischen Valentinianer nachweisbar; indessen beendigt schon MARTIAL[2492] sein Spottgedicht auf einen „allvollendeten“ Gladiator namens HERMES mit den satirischen Worten[2493]: „Hermes, omnia solus et ter maximus“, „Hermes, der Du allein Alles (zugleich das Eine und das All) bist und der dreimal Größte“, und sollten diese Verse allgemein verstanden werden, so mußte das Attribut „Trismegistos“ den gebildeten Kreisen Roms schon gegen Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts durchaus geläufig sein[2494], denen Alexandrias also noch weit früher. Tatsächlich heißt denn auch HERMES TRISMEGISTOS schon in einem um 260 abgefaßten Ehrendekret für einen hohen Beamten, das im Papyrus von Hermopolis (in Ägypten) erhalten ist, „der Gott unserer Väter“, was auf eine Verehrung seit Generationen zurückweist[2495]; analoge gleichzeitige Schriftstücke, sowie die Zauberpapyri, die meist aus dem 2. Jahrhundert herrühren und uns in Niederschriften aus dem 3. oder 4. vorliegen, sprechen von HERMES TRISMEGISTOS oder TRISMEGISTOS als etwas wohlbekanntem, ohne weitere Erklärung[2496]. Beinamen ähnlicher Art kommen übrigens in der synkretistischen Litteratur nicht selten vor: bei CLEMENS ROMANUS ist τρισεπάπειρος (ter protendens) „ein die göttliche Natur dreimal ins Endlose Verbreitender“[2497], in der „Pistis Sophia“ (um 250) sind τριπνεύματοι „die dreimal von Pneuma Erfüllten“[2498], und ebenda, sowie in anderen Schriften τριδύναμοι oder τριδυνάμεις die Bewohner des obersten Himmels als die „dreimal Gewaltigen“[2499]; in übertriebener Weise nennt diese der Verfasser der „Pistis“ auch παντοδυνάμεις, sozusagen „x-mal Gewaltige“[2500], ähnlich wie ZOSIMOS, für den PLATON schon der τρίσμεγας (trísmegas) ist, folgerichtig den HERMES als μυριόμεγας (myriómegas, tausendmal-groß) bezeichnen zu müssen glaubt[2501]. ZOSIMOS behauptet, den Beinamen Trismegistos habe HERMES empfangen, weil er dem Weltall die Zustände der Kälte, der Wärme und des Flüssigseins, „diese unteilbare Triade“, als Einheit zugrunde legte[2502]; nach LACTANTIUS (gest. 330), für den HERMES TRISMEGISTOS der würdige Nachkomme des URANOS, SATURN und MERKUR, älter als PYTHAGORAS und die sieben Weisen und der Meister aller Tugenden und Künste ist, erhielt er ihn wegen seiner Vielseitigkeit; nach STEPHANOS von ALEXANDRIA (7. Jahrhundert) „wegen seiner dreifachen Ausübung der Kunst“[2503]; nach ISIDORUS HISPALENSIS (7. Jahrhundert) wegen seiner Kenntnisse in den zahlreichsten Wissenschaften[2504]. Nachdem PHILOSOPHUS ANONYMUS (7. Jahrhundert?), weil er bei dem „großen Werke“ drei Arten Grundsubstanzen (οὐσίαι, usíai) wirken ließ[2505]; endlich nach dem byzantinischen Lexikographen SUIDAS (um 1000), weil bereits er in der Trinität eine Gottheit sah[2506], nämlich die zur Dreifaltigkeit des Pneumas verbundenen drei höchsten Gewalten. Da PLINIUS[2507] angibt, die Magie umfasse drei Teile, nämlich Religion, Medizin und Astronomie, und halte diese mit dreifachem Bande als Dreiheit der Magie zusammen, so hat man auch vermutet, HERMES, als größter Meister in allen drei Teilen, habe mit Recht den Beinamen des „dreifach Größten“ in Anspruch nehmen dürfen, — und zu dieser Auslegung würde sowohl das stimmen, was er am Schlusse der ihm zugeschriebenen „Tabula Smaragdina“ selbst sagt, als auch das, was STEPHANOS über seine dreifache Ausübung der Kunst bemerkt. Da indes, wie angeführt, τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος unbedingt superlativ zu verstehen ist, so werden derlei Auffassungen hinfällig und ebenso auch verwandte, z. B. die des „Dreigestaltigen, der im Himmel, auf Erden und im Hades der nämliche bleibt“, und des „die drei Würden des Königs, Propheten und Philosophen (oder Arztes) in sich Verbindenden“[2508].
Die ursprüngliche Identifikation des HERMES mit THOT war bereits vergessen zur Zeit der Abfassung der sog. „Hermetischen Schriften“, in denen HERMES für den Vater des THOT gilt, zuweilen aber auch (als ein „zweiter Hermes“?) für den des AGATHODAIMON[2509], mit dem zusammen er dann wieder, schon vom 1. Jahrhundert n. Chr. ab, als Lehrer des PYTHAGORAS und PLATON auftritt[2510]. Da das ältere Ägypten jeden „weisen Priester“ als Inkarnation des THOT ansah und nach seinem Hinscheiden als „THOT“ verehrte, die ganze stets anonym verbleibende Priester-Litteratur aber als alleiniges Erzeugnis, des THOT betrachtete[2511], so kann es nicht wundernehmen, daß dem HERMES TRISMEGISTOS „als alleinigen Erben und Besitzer der gesamten uralten Weisheit Ägyptens“[2512] nach IAMBLICHOS 20000 Werke zugeschrieben wurden[2513], ja auf einen angeblichen Bericht MANETHOS (um 280 v. Chr.) hin sogar 36525, — wobei zu bemerken ist, daß diese Zahl (25 × 1461) 25 jener Sothis- (Hundsstern-) Perioden umfaßt, nach deren Ablauf jedesmal eine völlige Erneuerung der Welt erfolgen soll[2514]. In welchem Verhältnisse diese Werke zu einem bei CLEMENS ALEXANDRINUS (gest. 216) erwähnten angeblichen „Auszuge in 42 Büchern“ stehen, (26 engeren philosophischen, 4 astrologischen, 6 medizinischen, 6 sonstigen Inhaltes?), ist nicht bekannt, jedenfalls knüpft aber an sie die „Fabrikation“[2515] der eigentlichen hermetischen Schriften an, von denen mehr als zwanzig bis auf unsere Tage gelangten.
Nach ZELLER waren „Hermetische Schriften“, meist älteren, aus verschiedenen pythagoräischen und platonischen Quellen stammenden Werken nachgebildet, bereits um 100 n. Chr. vorhanden[2516], ihre jetzt noch vorliegende Gestalt empfingen sie jedoch erst gegen 300 in Ägypten[2517], und zwar zur Zeit unglücklicher, ja verzweifelter Zustände des Landes[2518]; daß Einkleidung und Erklärung auf Verteidigung der ägyptischen Religion abzielen und die „für Minoritäten charakteristische strenge Geheimhaltung“ gefordert wird, spricht nach ZELLER für ägyptische Priester als Verfasser[2519]. Auch REITZENSTEIN nimmt an, daß solche im 1. Jahrhundert in vorwiegend theologischem, noch von griechisch-wissenschaftlichen Elementen getragenem Sinne tätig waren, im 2. Jahrhundert aber den orphischen, magischen und mystischen Einflüssen die Oberhand ließen[2520], während christliche fehlen, und neuplatonische nicht für die Entstehung, wohl aber für das Fortleben bis in das 6. Jahrhundert hinein von Bedeutung waren[2521]. OTTO[2522], ZIELINSKI[2523], KROLL[2524] und E. KROLL[2525] vertreten hingegen die Ansicht, daß ägyptische Priester als Verfasser nicht bewiesen sind, wie denn überhaupt der „weise ägyptische Priester“ ein bloßer litterarischer Typus und zu keiner Zeit bezeugt ist, am wenigsten aber zur hellenistischen, während derer das Priestertum auch nicht eine wissenschaftliche Leistung von Bedeutung hervorgebracht hat[2526]. Die hermetische Litteratur ist zwar, zum Teil seit PHILO, zum Teil seit NUMENIOS (um 150 n. Chr.), in Ägypten entstanden, zeigt aber wenige für dieses Land charakteristische Züge. Ägyptisch ist noch am ehesten ihre Form, z. B. wenn HERMES den ASKLEPIOS (der = THOT oder TAT „einer blutlosen Verdoppelung des Thot“ und = IMUTHES oder IMHOTEP sein soll) über die vorgeblichen Offenbarungen des AGATHODAIMON belehrt, also die Geheimwissenschaft in mündlicher Überlieferung „vom Vater zum Sohne“ weitergibt[2527]; da aber griechische profane Kreise eine große theologisch-philosophische Litteratur hervorbrachten, die den Zweck verfolgte, ägyptische und griechische Religion auf dem Boden der Philosophie einander zu nähern, so könnte auch jene Form von Nicht-Ägyptern nachgeahmt sein[2528], um so mehr, als weder die Schilderung der Götter, noch die Art des Vortrages dem eigentlichen ägyptischen Herkommen ausreichend und mehr als ganz äußerlich entspricht[2529]. Der Inhalt der Schriften hingegen, ihr eigentlicher Ideenkreis, ist (von einzelnem abgesehen) weder ägyptisch, noch ägyptisch beeinflußt, schließt sich vielmehr seinem ganzen Wesen nach der großen Gedankenwelt des Hellenismus an, der auch das aus der Fremde Entlehnte unter Anknüpfung an altgriechisches Gut in geeigneter Weise eingegliedert wird[2530]. Soweit dieses Fremde dem Orient entstammt, ist sein wichtigster Vermittler POSEIDONIOS; die bei ihm zusammenfließenden Elemente peripatetischer, platonischer, stoïscher, orphisch-pythagoräischer und syrischer Herkunft bleiben allerdings nur selten rein bewahrt (wie z. B. der berühmte Gedanke einer dauernden Verbindung des Menschen mit der Gottheit durch Betrachtung der Schönheit der Welt und des gestirnten Himmels), erleiden vielmehr zumeist Verzerrungen in magischem, mystischem und allegorischem Sinne[2531]: zu solchen gehören u. a. die Ausführungen über die Rolle der Zahlen, „die noch über den (platonischen) Ideen stehen“, über die Urmonas, „die alles weitere samenhaft in sich enthält“, über die „Eins, als die Oberste“, über gewisse an das Hexen-Einmaleins erinnernde Zahlenrätsel u. dgl. mehr[2532]. Ein weiterer Vermittler, besonders für jüdische Vorstellungen, ist PHILO, ferner machen sich zahlreiche Anklänge an die von den Neupythagoräern wiederbelebte Orphik bemerklich, und einige auch an die Neuplatoniker, aber nicht mehr an PLOTINOS[2533], was für einen Abschluß der betreffenden Schriften um 200 spricht[2534]; die Forderung der „Geheimhaltung“ wäre dann nicht, nach ZELLER, äußeren Umständen zuzuschreiben, sondern erwiese sich als der orphischen (und auch ägyptischen) Mystik entlehnt[2535]. Spuren frühgnostischer Gedanken sind nur spärlich nachweisbar, solche christlich-gnostischer und rein christlicher ursprünglich gar nicht, doch mögen später einige leise Umformungen stattgefunden haben, vielleicht gelegentlich der vielfachen Benützungen der hermetischen Schriften durch christliche Autoren[2536]; die rein ethischen Betrachtungen, die gewisse, angeblich bloß in arabischer Übersetzung erhaltene Abhandlungen gänzlich erfüllen, z. B. die „An die menschliche Seele“[2537], erklären sich daraus, daß deren Verfasser in Wirklichkeit erst im 11. bis 13. Jahrhundert schrieben und die hermetische Art nur mit mehr oder weniger Geschick nachahmten[2538].
Was die eigentliche, wesentlich theologische Lehre der Hermetiker betrifft, so geht sie verschiedentlich zunächst von peripatetischen Vorstellungen aus, z. B. vom νοῦς (Nûs) = HERMES dem Hirtengotte[2539], formt diese in platonischem Sinne um, so daß sie z. B. das „Böse“ (das, einem Stoffe gleich, von selbst entsteht, wie der Grünspan am Kupfer und der Schmutz am Körper)[2540] als durch die Hyle und samt dieser als durch das Planetensystem bedingt ansieht[2541], und sucht endlich den platonischen Dualismus mit dem stoïschen Pantheismus zu vereinigen[2542]: HERMES ist als Demiurgos der die Welt schaffende und als Nûs der sie durchdringende Allgeist[2543], er wird identifiziert mit dem Logos, der sich ihm ursprünglich nur offenbarte, und tritt schließlich an dessen Stelle als Mittler zwischen Gott und Welt, als der Erlöser, der die Menschheit befreit vom Zwange der Heimarméne, der Herrschaft der Planeten (στοιχεῖα, Stoicheía), die mit Ausnahme der Sonne sämtlich verderbliche und bösartige Dämonen sind. Die erlösten Auserwählten sind τέλειοι, (Vollendete), sie trinken ἀμβρόσιον ὕδως (ambrosisches Wasser = Unsterblichkeitstrank der Ägypter und Orphiker), und ihre Seelen sind würdig der παλιγγενεσία (Palingenesía, Wiedergeburt der Orphiker) und der Himmelsreise[2544].
Nach REITZENSTEIN wurden diese Lehren in ihren verschiedenen Entwicklungs-Zuständen unter entsprechenden Kulthandlungen innerhalb eigener Gemeinden gepflegt, zu deren Mitgliedern u. a. auch ZOSIMOS gehörte, und die sich etwa vom 1. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert erhielten[2545]; nach CUMONT und KROLL ist hingegen ein Kult nicht bewiesen und in den „Schriften“ nicht vorausgesetzt, die Hermetik muß vielmehr als eine rein litterarische Bewegung angesehen werden, die die griechische Philosophie in ähnlicher (sehr wechselnder) Weise ebenso mit ägyptischen und orientalischen Traditionen zu vereinigen suchte, wie jene, die in den „Chaldäischen Orakeln“ des 2. oder 3. Jahrhunderts ihren Ausdruck fand, mit chaldäischen[2546]. Erst die gnostisch beeinflußten Gemeinden der Ssabier (s. unten) kennen einen Kult des HERMES, berufen sich auf Offenbarungen durch ihn und AGATHODAIMON und schätzen sich im Besitze der „heiligen Bücher“ beider; von ihnen gingen die einschlägigen Anschauungen auf die Araber über[2547], und durch Übersetzungen arabischer Werke ins Lateinische gelangten sie frühzeitig auch zur Kenntnis des Westens: schon bei ALBERTUS MAGNUS (12. Jahrhundert) ist HERMES TRISMEGISTOS einer der großen „Weisen der Vorzeit“[2548], und in diesem Sinne übergibt er in dem 1488 durch GIOVANNI ausgeführten Fußboden-Mosaik im Hauptschiffe des Domes zu Siena dem Heiden- und Christentume ein Buch mit der Inschrift „Suscipe, o, litteras et leges Aegyptii“ (Empfange hier Weisheit und Gesetzgebung des Ägypters)[2549].
Bruchstücke der ältesten hermetischen Lehren enthält die sog. „Straßburger Kosmogonie“[2550], der gemäß HERMES den Himmel als Halbkugel formt; an ihm bildet er die 7 Zonen (Sphären) mit den die Schicksale bestimmenden Planetengeistern, den 7 ἄρχοντες (Archontes, Gebietern) oder κοσμοκράτορες (Kosmokrátores, Weltherrschern)[2551], die auch mit den 7 Gewändern der Isis im Kult der phrygischen Naassener (vom 1. Jahrhundert vor bis zum 2. nach Chr.) verglichen werden[2552]. Einer schon etwas späteren Zeit scheint der „Poimandres“ anzugehören, der aus 18 sehr verschiedenen und nicht streng zusammengehörigen Abhandlungen besteht. Der Name POIMANDRES, der sich schon bei ZOSIMOS findet und wohl auf neuplatonische Quellen zurückgeht, bedeutet wörtlich einen „Hirten“ und spielt demnach auf das wichtige Bild an, dessen sich schon ägyptisch-demotische Schriften und ausführlicher PHILO bedienen[2553]. Die Eigenschaft, in der POIMANDRES auftritt, ist indessen die einer höchsten Gottheit[2554], eines zweiten demiurgischen Gottes[2555], eines Sohnes Gottes, der entstanden ist aus dem Nûs und dem ewigen Licht, als Inbegriff aller δυνάμεις (Kräfte) Gottes, als Logos. Indessen ist unter diesem Logos nicht der rein geistige des HERAKLIT und der Stoa zu verstehen, sondern der des PHILO, d. h. die vernünftig wirkende Kraft, die Einheit aller einzelnen Vernunftkräfte oder das vollbringende Schöpferwort Gottes, verkörpert durch den Demiurgen, den Mittler zwischen Gott und Menschheit, den Sohn Gottes[2556]; mit der Materie zeugt dieser 7 zweigeschlechtliche Menschen, die erst in der nächsten Weltperiode in je zwei Hälften getrennt werden, und ein Zusatz besagt, daß dies geschah, weil er bei der Herabfahrt durch die 7 Sphären die Naturen der 7 Planeten in sich aufgenommen hatte[2557].
Zumeist jüngere, in einigem aber auch ältere Gedanken als der „Poimandres“ dürfte die, aus verschiedenen, bisher nicht genügend trennbaren Quellen entflossene Abhandlung „Κόρη κόσμου“ bieten[2558], deren Titel nicht mit „Pupille der Welt“, sondern mit „Jungfrau der Welt“ zu übersetzen ist[2559]; u. a. treten in ihr die vier Elemente, die auch mit den Planeten als στοιχεῖα zusammenfließen, in Person auf, um allerlei Anklagen zu erheben[2560], und HERMES bildet „mit den Händen“ wie die „Körper“ aus Erde und Wasser, so auch die „Seelen“ aus göttlichem Pneuma und dem πῦρ νοερόν (hier etwa = dem himmlischen Funken), und diese stellen daher ein bloßes κρᾶμα (Kráma) dar, eine Mischung, die durch den Tod wieder διάλυσις (Diálysis, Trennung) erleidet[2561].
Weitere Bestandteile der „Hermetischen Schriften“ bilden der bei APULEIUS (gegen 200) erhaltene „ASKLEPIOS“, dessen Schlußgebet sich auch im „Papyrus MIMAUT“ des ausgehenden 3. Jahrhunderts findet, ferner der „κλείς“ (Schlüssel), voll dunklen astrologischen Inhaltes, und in seinem Titel, der nicht selten auch den Zauberbüchern vorgesetzt wird, wohl auf den mystischen „Schlüssel des HERMES“ anspielend, sowie endlich das Buch „Die 7 Pflanzen der 7 Planeten“[2562]. Letzteres erklärt die betreffenden Pflanzen für „hervorgebracht durch das eigentümliche Pneuma der 7 Planeten“ und nennt als die der Sonne Heliotrop, als die des Mondes Aglaophotis (= Paeonia, Pfingstrose?), als die des KRONOS Aeïzoos (= Sempervivum, Hauswurz), als die des ZEUS Eupatorium (= Odermennig?), als die des ARES Peucedanum (= Hirschwurz?), als die der APHRODITE Panacea (= Adiantum, Frauenhaar), als die des HERMES Phlomos (= Verbascum, Königskerze)[2563].
Auf die schon weiter oben besprochenen chemischen Pseudepigraphen des HERMES braucht an dieser Stelle nicht nochmals eingegangen zu werden. Nach ZIELINSKI[2564] verehrte man in Böotien HERMES als KADMILOS, KADMOS oder KASMOS und deutete diesen Namen auf den Kosmos um, den der KADMOS-Gattin HARMONIA aber auf die Harmonie der Sphären, die die Schicksale bestimmen; ihr goldenes Halsband, ein Geschenk des HERMES, wurde, gleich dem goldenen Vließ und dem goldenen Lamm des ATREUS (die ebenfalls Gaben des HERMES waren) als „Fluchgold“ betrachtet, und an diesen Zug soll die sog. „niedere Hermetik“ angeknüpft und ihre weitere Ausbildung hauptsächlich in Ägypten erfahren haben. DIETERICH erklärt indessen eine solche Trennung der Hermetik in höhere und niedere für unberechtigt und unmöglich, auch hält er es für aussichtslos, nur der letzteren den durch REITZENSTEINS Untersuchungen festgestellten „ägyptischen Bestandteil der synkretistischen Mischung“ zugestehen oder diesen gar völlig ausscheiden zu wollen[2565]; der nämlichen Ansicht ist auch KROLL.
Was endlich die sog. „Kyraniden des HERMES“ anbelangt, die nach ZIELINSKI über Kyrene (zusammenhängend mit κύρη = κόρη?) nach Ägypten gelangt wären, so ist diese sehr späte und völlig formlose Schrift, deren Original angeblich im Orient auf eisernen Säulen in syrischer Sprache eingegraben gefunden wurde, ein „Denkmal des krassesten Aberglaubens“, insbesondere was den botanischen, mineralogischen und pharmakologischen Inhalt betrifft[2566]. Sie bildet eine Hauptquelle der bis an die Schwelle der Neuzeit fortwirkenden „astrologischen Medizin“ und „medizinischen Mantik“, mit ihrer Zuordnung der körperlichen Teile und Krankheiten an die Planeten[2567] und mit ihrer „magischen Pharmakopöe“, als deren Musterbeispiel die „Iatromathematika“ dienen können, die HERMES TRISMEGISTOS dem „Könige KYRANOS von Persien“ offenbarte[2568]. Sie wimmeln von den abenteuerlichsten Rezepten, die in den späteren hermetischen Texten auch kurzweg στῆλαι (Säulen)[2569] heißen, — woraus sich wohl das „Eingegrabensein auf Säulen“ erklärt —, und halten den göttlichen Ursprung selbst für Heilmittel profansten Zweckes aufrecht: so überliefert denn auch z. B. ALEXANDER von TRALLES[2570] (um 550) „Ἑερμοῦ κλίμαξ“ (Klimax des HERMES) als Bezeichnung eines ganz besonders wirksamen Abführmittels!
Der Name des mit HERMES so enge verbundenen AGATHODAIMON ist, als ἀγαθὸς δαίμων (= der gute Gott), ursprünglich der einer arkadischen und böotischen Gottheit ländlichen Natursegens, die in den uralten Tempeln zu Megalopolis und Epidauros verehrt wurde; erst später wandelte sich, wie ἀγαθὸς ἄγγελος zu AGATHANGELOS, so ἀγαθὸς δαίμων zu AGATHODAIMON[2571]. Dieser galt als Schutzgeist für Gemeinwesen und Einzelne, als ein glückbringender und das Heim behütender Hausgeist, der nach dem Ende der Mahlzeit eine Spende ungemischten Weines erhielt; doch besaß er als Hervorbringer der Feld- und Baumfrüchte auch chthonische Bedeutung. In Hinsicht auf sie wurde er als Schlange dargestellt, denn diese ist die Verkörperung der Götter der Erdtiefe, der in ihr hausenden Heroen, aber auch der einfachen Toten und daher namentlich der Ahnen[2572]. AGATHODAIMON nannten die alten Griechen insbesondere die (als „heilige Schlange“ angesehene und als „Hausschlange“ verehrte) Natter, während in der Neuzeit die Bezeichnung auf die Eidechse übergegangen ist, „die an und in der Erde lebt und daher mantische Natur besitzt“[2573]. In der synkretistischen Zeit verband sich die griechische Anschauung mit der orientalischen, der gemäß die Schlange, die sich stets in der Nähe der Allmutter Erde bewegt, eine Trägerin der Weisheit, ein Symbol des Wissens und ein prophetisches Tier ist[2574], sowie mit der ägyptischen, nach der Verstorbene, vor allem aber Götter, tiergestaltig in Schlangen weiterleben[2575]; so wurde AGATHODAIMON mit dem chthonischen Gotte ANUBIS (= chthonischer HERMES, HERMANUBIS) identifiziert[2576], vor allem aber mit dem zuweilen Schlangengestalt annehmenden Gotte THOT der Stadt Chnumum (Hermopolis magna)[2577]. Dieser, auch CHNUM, CHNUBIS, CHNUPHIS, KNUPHIS, KAMEPHIS und KAMEPH genannte Gott[2578] herrschte anfänglich in Syene als „Herr der schwarzen Töpfererde“ zugleich mit ISIS, der „Herrin der schwarzen Fruchterde“, mit der er „sich vereint hat“ (chnum, äg. = vereinigen, gesellen), und die ihm daher später als Besitzerin dieses Gebietes nachfolgt[2579]. Schon weiter oben wurde der Rolle gedacht, die er in der hellenistischen Periode spielte, die CHNUM = THOT = PTAH = ZEUS = AION = AGATHODAIMON setzte und diese synkretistische Gestalt als Demiurgen, Allerweltskünstler, Herr des Pneumas, Lebenshauches und Geistes, als Schutzgott Ägyptens, Stadtgott Alexandrias usw. verehrte. Hier sei daher nur erwähnt, daß AGATHODAIMON auch = Nûs und Logos, sowie als Verfasser von als λόγια (Lógia) eingeschätzten Lehren galt[2580], daß man ihn als PAN in stoïschem Sinne, d. h. als Allgott, betrachtete[2581] und auch als den syrischen Glücksgott GAD = „männliche ἀγαθὴ τύχη“ = bonus eventus = guten Genius feierte, worauf anspielend schon NERO sich als „AGATHODAIMON des Erdkreises“ bezeichnete[2582]. Auch die Astrologen stellen AGATHODAIMON = JUPITER = bonus eventus in Gegensatz zu KAKODAIMON = SATURN = malus eventus[2583] und benennen ersteren zuweilen als „venerandus felix“, den zu verehrenden Glücksbringer[2584].
Dargestellt wurde AGATHODAIMON meist in Gestalt des CHNUM, als Schlange, die sich in den Schwanz beißt oder sich in einen Ring zusammengeschlungen hat, als Schlange mit Sperberkopf, oder als auf dem Schweif aufrecht stehende Schlange mit breitem Menschen- oder Löwen-Antlitz und teilweise langem, gesträubtem Haar[2585]; in solcher Form gebildete oder mit dergleichen Zeichnungen versehene Amulette, die namentlich die gnostische Sekte der Ophiten (Schlangen-Anbeter) mit Vorliebe gebrauchte und schon im 1. Jahrhundert n. Chr. nach Kleinasien brachte, sind in großer Zahl auf unsere Zeit gekommen. Wie der ausgezeichneten Satire des LUKIAN (um 180) über den berüchtigten Schwindelpriester ALEXANDROS von ABONOTEICHOS zu entnehmen ist[2586], bediente sich schon dieser abgefeimte Betrüger einer derartigen kunstvoll vorgerichteten Schlangenfigur, die beim Ziehen an einer verborgenen Schnur den „reichlich Zahlenden“ die ihnen erwünschten Orakelsprüche „auf autophonem Wege“ erteilte[2587].