Erster Abschnitt.
Die Überreste der alchemistischen Litteratur.

1. Zur Vorgeschichte der Alchemie: Der Leidener und Stockholmer Papyrus.

Beim Absuchen eines nächst Theben in Ägypten aufgedeckten Gräberfeldes wurden um 1828 eine größere Anzahl griechischer Papyrus-Urkunden gefunden, deren ganz ausgezeichnete Erhaltung vermutlich ihrer Aufbewahrung in dicht verschlossenen Mumiensärgen, vielleicht aber auch in Steingefäßen oder Töpfen, zu danken war. Sie gelangten in Besitz des damaligen schwedisch-norwegischen Vizekonsuls in Alexandrien, JOHANN D’ANASTASY, der die Mehrzahl der Papyri an die holländische Regierung verkaufte und sie in deren Auftrag 1829 der Bibliothek zu Leiden übersandte, einige Stücke aber der „Kgl. Schwedischen Akademie der Altertümer“ in Stockholm zum Geschenk machte, bei der sie im Jahre 1832 eintrafen.

Schon 1830 wurde durch REUVENS bekannt, daß ein als Nr. X bezeichneter Teil der Leidener Papyri die älteste bisher an das Licht gelangte Sammlung „chemischer Rezepte“ enthalte, doch ließ die ausführliche Veröffentlichung durch LEEMANS bis 1885 auf sich warten; aus den bis dahin allein vorliegenden Bruchstücken in der REUVENSschen Ankündigung erschloß bereits 1869 KOPP[12], daß die „Rezepte“ zumeist kurze, anscheinend rein technische, oft nur auszugsweise Vorschriften über Metallbehandlung, Färberei u. dgl. enthielten, deren bedeutsame Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit jüngeren, aber zweifellos bereits alchemistischen, unverkennbar sei. BERTHELOT, der den vollständigen, von LEEMANS herausgegebenen Text abdruckte und übersetzte⁠[13], fand diese Ansichten KOPPS (dessen Namen er aber nicht erwähnt) durchaus bestätigt und betonte namentlich auch, daß die „Rezepte“ die den ägyptischen Metall-Arbeitern und -Fälschern geläufigen praktischen Verfahren und technischen Kniffe noch in jener ursprünglichen Gestalt vorführen, die erst späterhin, unter dem Einflusse magischer und mystischer Ideen, in alchemistischem Sinne umgedeutet und umgeformt wurde. Von solchen erweist sich der Text des Papyrus X noch als völlig frei⁠[14], und dies ist um so bemerkenswerter, als andere Teile des Gesamt-Papyrus⁠[15] bereits den Einfluß derartiger Anschauungen erkennen lassen, die zum Teil jenen gewisser religiöser Sekten des 2. und 3. Jahrhunderts nahestehen, wie der gnostischen Markosier und Karpokratianer.

Während der „Leidener Papyrus“, wie er der Kürze wegen genannt sei, auf diese Weise, freilich erst ein gutes halbes Jahrhundert nach seiner Auffindung, zur öffentlichen Kenntnis gelangte, blieb der „Stockholmer Papyrus“, dessen Vorhandensein völlig in Vergessenheit geraten war, noch fast weitere 25 Jahre unbeachtet stehen; erst 1906 führte ein Zufall zu seiner zweiten Entdeckung, und 1913 endlich erfolgte die Herausgabe des griechischen Textes nebst Übersetzung und Kommentar durch LAGERCRANTZ in Upsala⁠[16].

Anscheinend sind beide Papyri Teile eines einzigen Grabfundes⁠[17], jedenfalls aber dürfen sie als „Zwillingsbrüder“ angesehen werden, da sie äußerlich wie innerlich vollständig, und oft bis in die kleinsten Einzelheiten, übereinstimmen⁠[18]. Sie zeigen die nämliche, sehr schöne und deutliche Schrift, die nach REUVENS und LEEMANS dem 3. Jahrhunderte n. Chr. entstammt⁠[19], sie liegen nicht in Gestalt von Rollen (τόμος, tómos) vor, sondern als tadellos erhaltene und laut Nummerierung vollständige Codices, — welche Form für Papyrus vielleicht im 1. Jahrhundert aufzutreten beginnt, sicher aber erst vom 3. an nachweisbar ist⁠[20] —, und besitzen endlich auch ein Format, das als charakteristisch für die nämliche Zeit gilt⁠[21].

Ihr Inhalt spiegelt die Erfahrungen zahlreicher Generationen wieder, und zwar auf Grund mannigfach verzweigter, in fast allem Wesentlichen jedenfalls unübersehbar weit hinter die Anfänge unserer Zeitrechnung zurückreichender Überlieferungen; der Redaktor hat aus verschiedenen Vorlagen geschöpft, und Fehler, Versehen und Wiederholungen, die teils ihm, teils aber auch dem Abschreiber unterlaufen sind, bezeugen die Art der bei der Zusammenstellung (meist recht geschickt) ausgeübten Tätigkeit⁠[22]. Auch die nachträglich⁠[23] beigefügten Überschriften und die oft wiederkehrende Bezeichnung „ἄλλο“ (anders) weisen auf einen Ordner hin, der die mannigfaltigen Angaben der Quellen zu vereinigen sucht⁠[24]; einer solchen entstammen z. B. sämtliche das Silber nebst Zubehör betreffenden Vorschriften, die zwar beide Papyri, jedoch nicht in der gleichen Reihenfolge, enthalten⁠[25]. Die erwähnten Vorlagen waren wohl Rollen⁠[26], die dem praktischen Gebrauche dienten; die beiden Papyrus-Codices sind dagegen offenbar Luxusabschriften, deren Ausstattung ihrem Zwecke, nämlich der Benutzung als Totenbeigaben, entsprach.

Die Rezepte, die oft nur wenige Zeilen, oft aber auch längere Absätze umfassen, sind teils ausführliche, teils nur abgekürzte; die ersteren enthalten entweder eine Beschreibung (γραφή, Graphé) oder eine befehlende Anweisung (τάξις, Táxis), die letzteren hingegen beschränken sich auf Angabe der zu benutzenden Stoffe, während die Art der Anwendung dem Ausübenden entweder schon bekannt sein muß, oder ihm nur mündlich mitgeteilt wird⁠[27], — denn die ehemalige Annahme, derlei Überlieferungen seien auf Säulen und Stelen der Tempel aufgezeichnet worden, ist unbestätigt geblieben und unhaltbar. Die Niederschriften tragen daher in mancher Hinsicht, wie BERTHELOT sagt, den Charakter eines „Aide-Mémoire“, also eines Notizenheftes, das nur einzelne, dem Schreiber besonders wichtig erscheinende Punkte der Verfahren genauer angibt, andere aber, als minder belangreiche oder ohnehin geläufige, teils nur streift, teils völlig übergeht. Die ägyptischen Goldschmiede und Kunsthandwerker, deren geschmackvoll entworfene und herrlich ausgeführte Arbeiten noch heute die Bewunderung aller Museumsbesucher erregen, hatten offenbar derlei „Praktiken“ im Laufe langer Jahrhunderte allmählich zu hoher Vollendung ausgebildet und in Form ganz bestimmter Vorschriften festgelegt, die sie, wie das zu ihren und auch zu späteren Zeiten allgemeiner Brauch war, als Zunftgeheimnisse hüteten. Wie frühzeitig man mit Machenschaften nahe verwandter Art auch schon außerhalb Ägyptens vertraut war, beweisen einige bezeichnende Stellen der antiken Litteratur; so z. B. sagt bereits ARISTOTELES, daß so Manches wie Silber oder Gold aussehe, was nur aus Zinn oder Lithargyrina (wohl einer silberfarbigen Legierung) bestehe, oder bloß mittels „Gallenfarbe“ (χολοβαφίνη, Cholobaphíne) gelb gefärbt sei, und daß, wer es wirklich für Silber oder Gold halte, dem Manne gleiche, dem ein Trugschluß als Wahrheit erscheint⁠[28]. In der Tat lassen sich, wie u. a. schon SALMASIUS (SAUMAISE, 1588–1653), der ausgezeichnete Kenner der antiken Literatur und der handschriftlichen Schätze der Pariser Bibliothek, richtig bemerkte, die Handgriffe fast aller älteren und neueren „Gold- oder Silber-Macher“ im wesentlichen auf dreierlei Arten von „Künsten“ zurückführen, nämlich 1. auf Veränderung der oberflächlichen Färbung unedler Metalle durch passende Chemikalien, oder Überziehen solcher Metalle mit dünnen Schichten edler, zwecks Vortäuschung massiven Goldes und Silbers durch schwache Vergoldung oder Versilberung, 2. auf Ersatz dieser letzteren durch Firnisse und Anstriche von entsprechendem Metallglanze, 3. auf Herstellung von Legierungen gold- oder silberähnlichen Aussehens; alle diese Arten finden sich auch im Leidener und Stockholmer Papyrus vertreten.

Was den näheren Inhalt der Rezepte betrifft, so beschäftigen sich die des Leidener Papyrus (etwas über hundert an der Zahl) ganz vorwiegend mit der Behandlung der Edelmetalle, vor allem aber mit deren Nachahmung und Verfälschung; von den 152 Rezepten des Stockholmer Papyrus beziehen sich hingegen auf Metalle nur 9, während 73 über Edelsteine und Perlen⁠[29] berichten, und 70 über Färberei, namentlich Purpurfärberei⁠[30]. Die beiden Papyri ergänzen sich daher in außerordentlich willkommener Weise.

I. Leidener Papyrus.

Legierungen verschiedenster Art, deren Herstellung durch ποίησις (Poíesis, Zubereitung) oder κρᾶσις (Krásis, Vermischung) geschieht, und die demgemäß κρᾶμμα (Krámma, Gemischtes) oder σκεύασμα (Skeúasma, Zurechtgemachtes) heißen⁠[31], erteilt der Leidener Papyrus sehr allgemein auch den Namen ἄσημον (Asemon). Asem ist, wie zuerst LEPSIUS in seiner grundlegenden Abhandlung „Die Metalle in den ägyptischen Inschriften“ nachwies⁠[32], bei den alten Ägyptern als „Asemu“ der einheimische Name eines den Griechen (z. B. schon HOMER) als Elektron bekannten Metalles, richtiger metallischen Gemisches, nämlich einer Silber-Gold-Legierung; sie findet sich als solche in der Natur vor, wurde aber lange Zeiten hindurch auch künstlich dargestellt, erstens weil sie weniger weich und daher leichter zu bearbeiten ist als reines Gold, und zweitens weil ihr Silbergehalt dem Golde einen eigentümlich schönen, weißlichen Glanz verleiht, der außerordentlich geschätzt und beliebt war⁠[33]. BERTHELOT glaubt, das ägyptische Wort Asem sei schon frühzeitig mit dem zufällig gleichklingenden griechischen ἄσημον (Asemon) identifiziert worden, das, auf Edelmetalle angewandt, sie als „Unbezeichnete“ (der Angabe ihres Feingehaltes Ermangelnde?) einer minderwertigen Klasse zugewiesen haben soll; hieraus erkläre es sich, daß die neugriechische Bedeutung von ἄσημον, d. i. Silber, zuweilen schon in älteren Schriften auftauche, und so auch, besonders im Sinne silberähnlicher Legierungen, in der vorliegenden⁠[34]. Da aber in dieser „Asem“ außer den silbergleichen auch eine große Anzahl ganz anderer und völlig verschiedener Gemische benennt und sich demnach als sehr vieldeutiger Ausdruck erweist, muß die Richtigkeit der BERTHELOTschen Vermutung schon aus diesem Grunde dahingestellt bleiben.

Von den etwa hundert Rezepten des Leidener Papyrus behandelt nicht weniger als etwa der vierte Teil allein die Darstellung von Asem, die ποίησις oder κρᾶσις ἀσήμου⁠[35], die also offenbar praktisch besonders wichtig und daher (nach BERTHELOTS Meinung) auch für die spätere Anknüpfung theoretischer Vorstellungen sehr bedeutsam war. Mischungen, die zur Bereitung des Asems dienen, enthalten [neben allerlei sonstigen als Reduktions- oder Fluß-Mittel wirksamen Zusätzen] u. a. folgende Hauptbestandteile: 1. Zinn und Quecksilber⁠[36]; 2. Zinn und galatisches Kupfer (γαλατικός), d. i. Kupfer aus der Landschaft Galatia in Kleinasien, und nicht (wie BERTHELOT glaubt) gallisches⁠[37]; 3. Zinn, Kupfer, und Silber; als Flußmittel benützt man nach Bedarf κουφόλιθος [Kuphólithos = leichter oder lockerer Stein, an dieser Stelle ein nicht näher angebbares Mineral, sonst oft Talk, Selenit, Gips⁠[38], oder dgl.], und erhält so ein Produkt, „das besser ist als das natürliche“⁠[39]; 4. Zinn, Blei, λιθάργυρος [Lithárgyros, hier nicht, wie sonst oft, Bleiglätte, sondern ein Erz oder Präparat von Silberglanz], und καθμεία [Kadmía, unreines Zinkoxyd⁠[40] oder ein zinkhaltiges Gestein, — denn metallisches Zink blieb dem Altertum und Mittelalter unbekannt]⁠[41]; 5. Orichálcum [ὠρείχαλκον, eine kupferhaltige Masse, vielleicht Messing] und σανδαράκη λευκοθιζούση, weißgemachtes Sandarach [d. i. das als Mineral Realgar vorkommende rote Schwefelarsen, durch Rösten zum Teil übergeführt in weiße Arsenigsäure, die Kupfer unter Entstehung einer silberglänzenden Kupfer-Arsen-Legierung weiß färbt]⁠[42]; sie werden vorsichtig mit Salz und Alaun zusammengeschmolzen⁠[43].

Die so erhaltenen, weißlichen, gelblichen, oder rötlichen Amalgame und Legierungen müssen für viele Zwecke noch zu hochwertig gewesen sein; man suchte daher ihre Masse durch reichliche weitere Beimischung der billigeren Bestandteile zu vermehren und bezeichnete derlei Kunstgriffe mit den harmlos klingenden Namen δίπλωσις (Díplosis, Verdopplung) und τρίπλωσις (Tríplosis, Verdreifachung). Als solche „anreichernde“ Zusätze zum fertigen Asem werden u. a. empfohlen: 1. Viel Kupfer, entweder gewöhnliches cyprisches⁠[44], oder vorgereinigtes (προκεκαθαρμένον, z. B. mit Essig, Alaun, und Salz affiniertes), das eine besonders schöne Goldfarbe ergibt⁠[45]; 2. Kupfer und Zinn, die man nebst Pech (πίσση) und Asphalt (ἄσφαλτος) verschmilzt⁠[46]; fügt man dann, je nach Befund, noch einiges weitere Asem hinzu, so erhält man πρῶτον ἄσημον, „Prima-Asem“, dessen Beschaffenheit selbst den τεχνῖτης (Techniker, Werkmeister) täuscht⁠[47]; 3. Cyprisches Kupfer, Zinn, und Quecksilber; man kann auch noch μαγνησία oder μαγνήσις beifügen⁠[48], d. i. Magnesia, — unter welchem vieldeutigen Worte hier eine Legierung von hellweißer Farbe zu verstehen sein dürfte —, und nachher mit Kupholith glänzend putzen⁠[49]; 4. Vorgereinigtes cyprisches Kupfer, goldgelbe Bleiglätte, und Bleiweiß; beim vorsichtigen Schmelzen ergibt dieses Gemisch, dessen Rezept von PHIMENES aus Saïs herrührt, „ächt ägyptisches“ Asem⁠[50]. Hat man seinen Vorrat an Asem zum Teil aufgearbeitet, so kann man ihn stets wieder ergänzen, indem man dem Überreste neue Mengen der Bestandteile beifügt, oder auch nur immer mehr des billigsten hinzurührt, nämlich des Kupfers⁠[51]; ein solches Gemenge heißt μάζα (Máza) ἀνέκλειπτος, „unerschöpfliche Masse“. — Es sei schon an dieser Stelle hervorgehoben, daß, entgegen BERTHELOT[52] und RIESS[53], der Wortlaut dieser Vorschrift keinerlei mystischen Sinn oder Nebensinn erkennen läßt, vielmehr rein technischen Inhaltes ist: die Masse wird eben durch entsprechende Zusätze immer aufs neue ergänzt, selbstverständlich auf Kosten ihrer Beschaffenheit, und zwar so oft und so lange, als sie sich noch halbwegs verwertbar erweist. Erst eine viel spätere Zeit verknüpfte das für „Masse“ gebrauchte Wort Máza (μάζα, μᾶζα), das u. a. den Brotteig bezeichnet, auch den in Gärung versetzten, sich durch Aufschwellen anscheinend immerfort vermehrenden, mit einer schon bei ARISTOTELES zu findenden Andeutung⁠[54], und setzte hiernach die Einwirkung einer kleinen Menge Hefe auf eine große Masse von Teig in Parallele mit jener einer kleinen Menge eigentlichen Asems auf eine große Masse von Beimengungen; das Asem glich dann einem Ferment, und mit dieser Anschauungsweise schien es in Einklang, daß die (meist spärlichen und unklaren) quantitativen Angaben der erwähnten Vorschriften die in Frage kommenden Zusätze fertigen Asems nur recht gering bemessen, oft nur auf ein Achtel der Gesamtmenge⁠[55].

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß „Asem“ auch ganz andere Gemische bezeichnen kann als die den Edelmetallen ähnlichen; ein solches gewann man z. B. durch vorsichtiges Erhitzen von Asem, Blei, und reinem Schwefel (θεῖον ἄπυρον, natürlichem, noch nicht umgeschmolzenem Schwefel), und es bildete nach dem Erkalten und Zerkleinern eine „nicht rostende“ Masse, schwarz wie ὀψειανόν (Obsidian), die zu eingelegten Arbeiten nach Art des Niello diente [nigellum = das Schwarze], und jedenfalls aus den Sulfiden der verschiedenen Metalle bestand⁠[56]; der Färbung nach glich ihr die ἀσήμου γράφη, Asem-Schreib- oder Zeichen-Masse, die u. a. χάλκανθος [Chálkanthos, unreinen kupfer- und eisenhaltigen Vitriol], Schwefel und Essig enthielt⁠[57].

Auch über einige einzelne Metalle, ihre Prüfung, Verarbeitung und Verwertung macht der Leidener Papyrus wichtige Angaben:

Zinn wird untersucht, indem man es schmilzt und auf χάρτη (Kárte aus Papyrus, ein Stück Papyrus) ausgießt; zeigt sich diese verkohlt oder angebrannt, so war das Zinn mit Blei verfälscht⁠[58].

Kupfer wird glänzend geputzt mittels einer Poliermasse (σμῆξις), die aus dem ausgekochten Safte von Rüben (σευτλία) besteht⁠[59]. Seine „Weißung“ (λεύκωσις, Leúkosis), die es „gleich Silber macht“, erfolgt entweder durch vorsichtiges Verschmelzen mit etwas Sandarach [rotem Schwefelarsen, Realgar], das eine hellglänzende, als Zusatz zu feinem Asem sehr brauchbare Masse ergibt⁠[60], oder mit Hilfe eines Amalgams, das man aus Zinn und Quecksilber bereitet, allenfalls unter Zugabe von Bleiweiß (ψημιθεῖον, ψημίθιον) und χρυσόκολλα (Chrysokolla)⁠[61]. Chrysokolla, wörtlich „Goldloth“, bezeichnete ursprünglich wirklich ein zum Löten des Goldes dienliches Präparat, z. B. Kupferkarbonat, — das in Form des Malachits sowie verwandter Minerale in der Natur vorkommt und beim Erhitzen mit etwas Kohle in Kohlensäure und (die Lötung bewirkendes) Kupfer zerfällt —, später aber auch eine große Anzahl oft kaum bestimmt zu kennzeichnender Gesteine oder Gemische, im Leidener Papyrus u. a. auch ein solches aus ⅐ Gold, ²⁄₇ Asem, und ⁴⁄₇ cyprischen Kupfers⁠[62]. Zur „Gilbung“ des Kupfers, die es „gleich Gold macht“, so daß es „wie Gold aussieht“ (χρυσοφανής), „die Phantasie (τὴν φαντασίαν) und den Anschein des Goldes erregt“, und auch „den Probierstein einigermaßen aushält“, bedient man sich verschiedener Überzüge oder Firnisse⁠[63]. Man bestreicht z. B. kupferne Ringe mit Gummi, bestreut sie mit feinem Pulver aus Gold- und Blei-Staub, glüht sie gelinde, wobei das Blei verschwindet [durch Oxydation], das Gold aber zurückbleibt, und wiederholt dies einige Male⁠[64]. Auf kaltem Wege erzielt man ein ähnliches Ergebnis mittels feiner Pulver aus der Legierung Chrysokolla (s. oben)⁠[65], aus blättrigem goldfarbigen Arsen ἀρσενικὸν χρυσίζον σχιστόν, d. i. das als Mineral Auripigment vorkommende gelbe Schwefelarsen)⁠[66], aus Misy [hier wohl goldglänzender Schwefelkies] oder Chelidonion [ein, an Farbe dem gelben Safte der Pflanze Chelidonion oder Elydrion, d. i. Schöllkraut, gleichendes Präparat] usf.⁠[67]; unter Umständen setzte man auch gelbe Ziegengalle zu, ferner Quecksilber, χαλκῖτις (Chalkítis, unreinen Vitriol) und Alaun, und gebraucht zum Verdünnen den Harn kleiner Kinder, als Klebemittel aber arabischen Gummi, Traganthgummi, oder die eingedickten Auszüge gewisser Pflanzen-Marke und -Samen, z. B. derer von Arum und Kümmel⁠[68].

Silber prüft man durch Besichtigung der Schmelze, die rein weiß und ziemlich weich sein muß; Zusatz von Blei verrät sich durch schwärzliche Färbung, Zusatz von Kupfer durch gelbliche, sowie durch zu große Härte; eine genauere Probe läßt sich durch Erhitzen mit Blei im κάμινος (Kamin, Kapelle) vornehmen [d. i. eine unvollkommene Kuppelation]⁠[69]. — Zwecks Diplosis (Verdopplung) schmilzt man 4 Teile Silber mit 3 Teilen Zinn zusammen, wobei die Legierung (κρᾶσις) „zu Silber wird“⁠[70]; um ihren Glanz zu entfalten, putzt man mit Rübensaft, oder mit etwas feuchter στυπτηρία (Styptería, Alaun)⁠[71]. — Zur Herstellung von Silberschrift ἀργυρογραφία, Argyrographie) dient ein Gemisch aus dem silberglänzenden Lithargyros (s. oben), Taubenkot [?, jedenfalls ein Deckname] und Essig⁠[72].

Um Gold zu erproben, schmilzt man es, wobei es rein gelb und von richtiger Härte erscheinen muß; ein Gehalt an Silber bewirkt weißliche Farbe, einer an Blei schwärzliche und zu große Weichheit, einer an Kupfer oder Zink rötliche und zu große Härte⁠[73]. Die Darstellung (ποίησις Poíesis) von Gold geschieht durch Zusammenschmelzen von Asem und cyprischem Kupfer mit Gold⁠[74]. Zur Diplosis vermischt oder verschmilzt man das Gold, je nach dem Zwecke der nachherigen Verwendung, mit verschiedenen Zusätzen⁠[75], die es schwerer und oft auch härter machen, und seine Vermehrung (πλεονασμός, Pleonasmós, Multiplicatio) bewirken⁠[76]; zu diesen gehören: Kadmia aus Galatien oder Thracien (s. oben); Misy [d. i. meist, ebenso wie das verwandte Sory, ein Gemenge von Schwefelkies oder Pyrit mit den Produkten seiner allmählichen Oxydation, u. a. Kupfersulfat, basischen Eisensulfaten, u. dgl.]⁠[77]; Sinopis [ursprünglich Rötel aus Sinope, oft aber auch anderes „Rotes“, z. B. Roteisenstein, Zinnober, Minium d. i. Mennige], usf. Diplosis erfolgt auch beim Behandeln einer Mischung aus Gold, Silber, Asem, Quecksilber, gelbem Arsen [Auripigment], Kyanos [blaues Mineral, vielleicht Kupferlasur], Chalkitis, sowie Salz mit θείον ὔδωρ (theíon Hýdor)⁠[78]. Letzteres Präparat, das hier einfach „schwefliges Wasser“, d. h. eine aus Schwefel oder mittels Schwefel dargestellte Lösung oder Schmelze bedeutet, und dessen Namen man erst in viel späterer Zeit, gemäß dem Doppelsinne von θεῖον (theion = Schwefel, und auch = göttlich), als Anspielung auf ein „göttliches Wasser“ ansah, wurde, ganz so wie das schon dem PLINIUS bekannte Schwefelalkali [sog. Schwefelleber], durch Erhitzen von Schwefel mit Kalk dargestellt, wobei eine feste, gelbliche bis dunkelrote Schmelze, oder, in Gegenwart von Harn, starkem Essig, u. dgl., eine blutrote Lösung entstand; da deren wesentlicher Bestandteil, ein Gemenge von Kalzium-Polysulfiden, gelöst viele Metalle ausfällt und verschiedentlich färbt, trocken sie aber sämtlich stark angreift, bis zu gewissem Grade selbst das Gold⁠[79], so war dieses so äußerst kräftige „schweflige Wasser“ ein höchst wichtiges, auf das Vielfältigste angewandtes Reagens, über dessen Wirksamkeit im Einzelfalle die Beschreibungen allerdings nur selten genügende Klarheit verbreiten. — Zur Vergoldung (χρύσωσις, Chrýsosis) bestreicht man, falls sie „Probe-haltend“ sein soll⁠[80], das Metall, z. B. Silber oder Kupfer, mit einer wachsdicken Lösung von Gold in Quecksilber, erhitzt gelinde, bis das Amalgam befestigt (fixiert) ist, πάγηται, wiederholt dies vier- bis fünfmal, und poliert schließlich sorgfältig mit einem feinen Leinen, wozu u. a. ein Mittel (φάρμακον, Phármakon) aus Misy, Alaun, Salz, und Essig sehr dienlich ist⁠[81]. Für weniger haltbare Vergoldungen genügt wiederholtes Auftragen dünnerer bis wachsdicker Firnisse, die feine Pulver von Zinnober, Sandarach, kimolischem Rötel, Misy, Chelidonium, u. dgl., sowie nach Bedarf Essig, Alaun, Kinderharn, usf. enthalten⁠[82]. Zahlreiche Rezepte über Goldschrift (χρυσογραφία, Chrysographie) lassen ersehen, daß diese in sehr allgemeinem und mannigfaltigem Gebrauche stand. Soll sie „echt“ sein, so schwemmt man Gold-Flitter und -Blättchen (πέταλα) oder Goldamalgam mit Gummilösung auf⁠[83]; weniger echt sind dicke Massen, bestehend aus dem feinen Pulver einer Gold-Blei-Legierung, Nitron [unreiner natürlicher Soda], Alaun, und stärkstem Essig, ὄξος δριμύ⁠[84], aus goldfarbiger Bleiglätte und Alaun⁠[85], aus Chrysokolla und Essig⁠[86], oder gar nur aus gelbem Schwefel, Alaun und Gummi⁠[87]; noch unbeständiger erweisen sich Gemenge von gelbem κνήκου [nach einigen Safran, nach anderen eine Art Carthamus, Safflor], gelber Galle der Kälber oder Schildkröten, weißem Gummi und Eiweiß⁠[88]. Mischungen sehr verwickelter Art, mit denen sich aber gleich gut auf Papyrus (ἐπὶ χάρτου, Karte), auf Pergament (ἐπὶ διφθέρας, Diphthéra = Haut) und auf Marmor schreiben läßt, enthalten goldfarbiges Asem (χρυσίζον), Glaspulver (gelbes?), Safran, Chelidonium, Schildkrötengalle, Harz (ῥητίνη), Gummi und Eiweiß⁠[89]; nach dem Antrocknen glättet und poliert man sie mittels eines passenden Tierzahnes (ὀδοντίζειν)⁠[90].

Sehr bemerkenswert ist es, daß der Leidener Papyrus Vorschriften, die denen betreff der Edelmetalle ganz analog sind, auch hinsichtlich der kostbaren und seit altersher hochgeschätzten Luxus-Farbstoffe enthält, z. B. über „Machen“ (ποίησις, Poíesis) des Purpurs, — unter welchem Namen aber weit zahlreichere und verschiedenere Farbentöne zusammengefaßt werden als heutzutage —, über Nachahmung der purpurroten Farbbrühe oder Tinktur (πορφύρου βαφή, Baphé)⁠[91] und über Vortäuschen der Purpurfarbe aus Schnecken (χρῶμα κογχυλίων, Farbstoff der Conchylien) mittels eines „Purpurs“; erhalten wird dieser bald aus ἄγχουσα [Anchusa, d. i. sog. Alkanna aus der Wurzel der Anchusa tinctoria, verschieden von der echten orientalischen Alkanna oder Hennah aus den Blättern und Wurzeln der Lawsonia inermis], bald aus φῦκος [Phykos, Fucus, z. B. Orseille u. dgl., aus Algen und Flechten], bald aus anderen nicht näher bestimmbaren Pflanzenstoffen (πεδερώτινον, λεοντική)⁠[92], und in gröberer Weise selbst aus eisenhaltigen Substanzen und Essig [d. i. aus roten Eisenacetaten]⁠[93]. Ferner gibt es, sowie bei Gold und Silber, auch bei Purpur eine ἄνεσις (Anesis = Verdünnung, Verlängerung), zu der passende rote Pflanzensäfte dienen, u. a. neben den oben angeführten auch Saft gewisser Obstfrüchte oder roter Rüben⁠[94]. — Die Rezepte zur Anwendung der Farbstoffe sind zumeist leider so unvollständig und entstellt, daß sie nur wenigen Anhalt zur Beurteilung der Färberei (βαφή) geben, die bekanntlich in Ägypten seit jeher auf sehr hoher Stufe stand. Als Bestandteile der (zumeist roten) Farbbrühen⁠[95], — oft αἷμα (Haíma, Blut) genannt —, und der φάρμακα στυπτικά (styptische Pharmaka, Beizen)⁠[96] werden u. a. angeführt: Galläpfel, gerbstoffhaltige Samen und Rinden (z. B. Granatrinde)⁠[97], Harn von Schafen und Kamelen⁠[98], Seifenwurzel⁠[99], ἄσβεστος (Asbestos = Kalk)⁠[100], Weinstein⁠[101], Alaun⁠[102], μελαντηρία (Melantería, ein unreiner dunkelfarbiger Vitriol)⁠[103], und Chálkanthos (Vitriol), dieser auch κεκαυμένος, d. i. gebrannt, calciniert⁠[104]. Neben Salz aus Kappadocien in Kleinasien und aus der Oase Ammon⁠[105], sowie Nitron, Nitron von Berenike (in Ägypten) und Aphronitron (Schaumnitron)⁠[106], sind dies die Chemikalien, die der Leidener Papyrus mit am häufigsten nennt; ihr Zusatz wird gewöhnlich mit dem (auch bei Arzneibereitungen üblichen) Worte anbefohlen, ἐπίβαλε, oder ἐπίβαλλε, d. h. „wirf sie hinein“, „projiziere sie“⁠[107].

Außer den bisher besprochenen rund hundert Absätzen enthält der Leidener Papyrus noch zehn weitere, die der gegen 75 n. Chr. verfaßten Heilmittellehre des DIOSKURIDES entnommen sind⁠[108], was nach KOPP[109] schon um 1830 REUVENS in Leiden feststellte. Sie betreffen die Substanzen Alaun, Auripigment, Chrysokolla, Kadmia, Misy, Nitron, Quecksilber, Realgar, Sinopis und Zinnober, und zeigen, daß der benützte DIOSKURIDES-Text frei von manchen, anscheinend erst später erfolgten Einschiebungen war; im Artikel über Quecksilber, das durch Kondensation seiner αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch, Ruß) am ἄμβιξ (Ambix), dem Deckel des sehr unvollkommenen Destillations- oder richtiger Sublimations-Apparates, gewonnen wurde, fehlt z. B. der sinnwidrige Zusatz, daß dieser Körper, außer in Gefäßen aus Glas, auch in solchen aus Blei, Zinn, oder Silber aufbewahrt werden könne, und ebenso die (fälschlich oft in alchemistischem Sinne gedeutete) Bemerkung, er werde ἐν μετάλλοις (in den Bergwerken, nicht in den Metallen!) gefunden⁠[110].

In einem der Rezepte⁠[111], das die Herstellung von Asem behandelt, sind die Namen für Gold und Silber nicht ausgeschrieben, sondern durch die Zeichen Sonnensymbol und Mondsichel der Sonne und des Mondes ersetzt, was nach BERTHELOT das älteste bisher bekannte Beispiel solcher Art ist⁠[112]. — Für andere, in der nämlichen Vorschrift genannte Metalle, z. B. Quecksilber, sind keine Symbole gebraucht; auch bleibt es natürlich dahingestellt, ob sich deren schon die älteren Vorlagen des Leidener Papyrus bedienten, oder ob sie erst der letzte, im 3. Jahrhundert tätige Abschreiber, einer zu seiner Zeit bereits herrschenden Gewohnheit gemäß, gelegentlich einfügte.

II. Stockholmer Papyrus.

Nach DIELS[113] ist die Ausgabe dieser „Inkunabel der Chemie“ durch LAGERCRANTZ als eine ganz ausgezeichnete anzuerkennen; indessen bemerkt dieser selbst⁠[114], seine Bearbeitung sei „eine rein philologische, .... da technische Kenntnisse ihm fehlten“. Dies ist nun freilich keineswegs wörtlich zu nehmen, vielmehr hat LAGERCRANTZ mit größtem Eifer sehr mannigfaltige, dem Philologen sonst recht fernliegende Hilfsmittel herangezogen und daher bei den Übersetzungen und Erklärungen zumeist das Richtige getroffen; da er aber wohl keine Gelegenheit hatte, sich mit einem in der alchemistischen Litteratur etwas belesenen Chemiker zu beraten, so sind doch mancherlei Irrtümer und Mißverständnisse untergelaufen⁠[115]. Namentlich scheint es, wenn man aus dem Fehlen jeglicher Andeutung schließen darf, LAGERCRANTZ entgangen zu sein, daß die Namen der vorgeschriebenen Präparate und verlangten Zusätze in vielen Fällen nicht buchstäblich zu nehmen sind, sondern sog. Decknamen vorstellen oder doch vorstellen können: in dieser Hinsicht ist daran zu erinnern, daß bis in sehr späte Zeiten hinein die größte und oft einzige Einnahme der Ärzte und Kurpfuscher darin bestand, daß sie die vorgeschriebenen Arzneien selbst bereiteten und verkauften, und daß sie daher alle Ursache hatten, die benutzten Zutaten vor ihren Abnehmern und Konkurrenten verborgen zu halten. So entstanden schon frühzeitig zahlreiche Schein- und Decknamen (bereits aus den Anfängen der ptolemäischen Zeit sind genaue Listen erhalten), und solcher bedienten sich auch die Chemiker, die anfänglich mit den Ärzten und Priesterärzten identisch, späterhin deren Nachfolger waren. Geben daher die Vorschriften der Rezepte ihrem Wortlaute nach keinerlei chemischen Sinn, und liegt ihnen auch kein bloßer Aberglaube zugrunde, so wird man in der Regel an einen Decknamen zu denken haben, dessen Enträtselung allerdings oft gar nicht, oft nur durch Zufall gelingt: gäbe z. B. nicht der Papyrus selbst an, daß man mit ἄνθραξ (Anthrax) auch den Indigo aus Waid (Isatis tinctoria) benenne⁠[116], und mit „Knoblauch“ die (dessen Zwiebeln oder sog. „Zehen“ gleichenden) Bällchen menschlicher Faeces⁠[117], und wüßte man nicht aus medizinischen Quellen, daß z. B. „Blut der Taube“ in der Regel Mennige (Minium), zuweilen auch Zinnober bedeutet, so könnte man dies wohl schwerlich ohne weiteres erraten. Benennungen dieser Art sind in Parallele zu stellen mit den zahlreichen, in nicht geringem Umfange bis auf den heutigen Tag erhaltenen, und zum Teil volkstümlichen der Botanik, Mineralogie und Pharmazie; wie sehr in die Irre geriete ein später Nachkomme, der z. B., derlei Vorlagen nach, für vorgeschrieben erachtete „Rauch der Erde“, „Tau des Mehles“, „Milch des Wolfes“, „Schaum des Meeres“, „Auge der Katze“, „Blut des Drachens“, „Manna der Metalle“ usw., während tatsächlich Erdrauch (Fumaria officinalis), Mehltau, Wolfsmilch (Tithymallos), Meerschaum (das Magnesiumsilicat), Katzenauge (der Edelstein), Drachenblut (das Harz), Calomel („süßes“ Quecksilberchlorür) gemeint sind.

Im folgenden⁠[118] sollen zunächst die Angaben des Stockholmer Papyrus über die Metalle erörtert werden, sodann die über Edelsteine und Perlen (die schon THEOPHRAST, der Schüler und Nachfolger des ARISTOTELES, in seiner Abhandlung über die Mineralien zu den Edelsteinen zählt), und schließlich die über Farbstoffe und Färberei; angesichts der völligen Neuheit dieses Papyrus ist hierbei eine etwas größere Ausführlichkeit gerechtfertigt.

a) Metalle. Die wenigen auf Metalle bezüglichen Vorschriften, die (gleich allen anderen) zumeist, jedoch nicht immer, auch die Mengen der Bestandteile und Zusätze angeben, betreffen fast allein das Silber, für das aber die Bezeichnung „Asem“ in diesem Papyrus nicht vorkommt⁠[119].

Zur „Herstellung“ von Silber (ἀργύρου ποίησις) reinigt man in Bleche oder Platten geformtes cyprisches Kupfer durch mehrtägiges Beizen mit Essig der Färber (ὄξει βαφικῷ) und Alaun (στυπτηρία)⁠[120] sowie durch Putzen mit Erde von Chios, Salz aus Kappadocien, und schieferigem Alaun (σχιστή), und gießt es dann unter Beigabe einer gewissen Menge echten probehaltigen (δόκιμον) Silbers, das die Legierung „unvergänglich“ (ἀνεξάλειπτον) macht⁠[121]. Statt dessen kann man auch ἅνθραξ (Anthrax) der Kupferschmiede [d. i. hier offenbar Glanzkupfer] erst in Essig und sodann in Alaunlösung beizen, hiervon 1 Teil mit 1 Teil Silber und 8 Teilen Quecksilber „in eins (εἰς ἑν) machen“ [d. h. legieren] und die Schmelze (βῶλος, wörtlich Klumpen) in einem kupfernen Gefäß mit Harn einer Schwangeren und Eisenfeile behandeln; diese Vereinigung gleicher Gewichtsmengen (Kupfer und Silber) ergibt eine, das natürliche wahre Silber vortäuschende ἀμαύρωσις (Amaúrosis) = Scheinbildung, Blende⁠[122]. Endlich kann man auch von jenem reinen Zinn ausgehen, das die westlichen Iberer [Keltiberer?], die es gewinnen, und auch die Römer „Bulla“ benennen⁠[123], und das man zunächst noch 4–5mal umschmilzt, und zwar unter Zugabe von „Öl“ und Asphalt, [die beim Schmelzen obenauf schwimmen und die Oxydation verhindern sollen]; aus 6 Teilen des sauber gereinigten Metalles nebst 1 Teil blanken (λευκοῦ) Kupfers aus Galatien [in Kleinasien], oder aus 6 Teilen dieses Zinns nebst 7 Teilen galatischen Kupfers und 4 Teilen Silbers erhält man ein zur Verarbeitung trefflich geeignetes ἀργύρωμα = „Arbeitssilber“, ein ἄργυρος ὁ πρῶτος = „Prima Silber“, das selbst die τεχνῖται [Technítai, Techniker, Werkmeister] täuscht⁠[124].

Zur Diplosis (πλασιασμός = Vermehrung) des Silbers bedient man sich verschiedener Verfahren⁠[125]. Das eine besteht im Vermischen mit sechsmal umgeschmolzenem cyprischem Kupfer, das man mit ἁλοσάχνη = Salzschaum⁠[126] blank putzt und einwirft (ἐπίβαλε). Bei einem anderen verschmilzt man das Silber mit Kupfer, dessen πέταλα (Pétala, Blätter, Platten) mit ἅλμη (Salzwasser) behandelt wurden, sowie mit in süßem Wasser gelöster στυπτηρίᾳ στιλβάδι, „glänzendem Alaun“ [d. h. reinem, schön krystallisiertem⁠[127]]. Ein drittes schreibt vor, die weiße Schmelze aus 1 Teil galatischem Kupfer, ½ (?) Teil Silber und ½ (?) Teil Zinn wiederholt mit einer Lösung von glänzendem Alaun in Quellwasser zu behandeln, die Masse (μᾶζα, Máza) mehrmals abwechselnd zu erhitzen und wieder abzukühlen, und sie schließlich, wenn sie ganz reines Silber geworden ist, mit Kupholith [leichter, lockerer Stein; hier ein feines Putzpulver] zu polieren.

Die Triplosis erfolgt auf ganz ähnliche Weise, wobei jedoch auf 1 Teil Silber 1 Teil Kupfer und 1 Teil Zinn kommen⁠[128]; nimmt man von dem durch Diplosis oder Triplosis erhaltenen „Silber“ einen gewissen Teil weg und setzt statt dessen einen gleichen Teil anderen Silbers zu [nämlich schon selbst durch Diplosis oder Triplosis gewonnenen!], so entsteht die μᾶζα ἀνέκλειπτος, die „unerschöpfliche Masse“; sie läßt sich gut umschmelzen und schön polieren⁠[129].

b) Perlen und Edelsteine. Um echten (ἀληθινόν) Perlen den verloren gegangenen Glanz wieder zu verschaffen, bedienen sich die Indier gewisser Verfahren der „Weißung und Glättung“ (μαργαρίτου λεύκωσις, σμῆξις)⁠[130]. Sie verfüttern z. B. die Perlen abends an ein Huhn, schlachten dieses am nächsten Morgen, oder durchstöbern seinen Kot, und finden dabei die Perlen durch den Aufenthalt im Kropfe, im Magen und im Darm völlig gereinigt und in ursprünglichem Glanze wieder vor. Ein anderer Weg besteht darin, Kalk, der das beim Brennen im Ofen allmählich aufgenommene Feuer noch in sich enthält [d. h. frisch gebrannten Kalk], in der Milch einer weißen Hündin zu löschen, die Perlen ringsum mit der hierbei entstehenden, dicken Masse zu überziehen und erst nach einem Tage wieder von dieser zu befreien. In einem ähnlichen Rezepte⁠[131] ist von bloßem längeren Liegen in der Milch der Hündin die Rede, ohne daß der Kalkzusatz nochmals erwähnt wird; doch deutet auf ihn der Nachsatz hin, daß die gebrauchte Masse infolge ihrer großen „Kraft“ auf der menschlichen Haut Flecke hervorruft, d. h. sie verbrennt⁠[132]. Statt mit der scharfen Paste aus Kalk kann man Perlen und Perlmutter (πινάρια) auch mit einer milderen behandeln, die aus νίτρωμα [Nítroma, Lösung von Aphronitron d. i. Schaumnitron in Wasser = Sodalauge], Kuhmilch, Mastixöl (σχίνου χυλοῦ) und kimolischer Tonerde besteht und sich u. a. auch gut zum Entfernen der Schrift von Papyrus eignet⁠[133]. Zuweilen genügt auch eine Paste, die man durch Einkochen einer Lösung von Honig in Zisternenwasser mit Feigenbaumwurzeln erhält, und die bei wiederholtem Bestreichen, Trocknen und Abputzen die bräunliche oder rauchähnliche Färbung der Oberflächen vollkommen beseitigt⁠[134]. Endlich kann man die Perlen auch mit dem Harn eines kleinen⁠[135] (ἀφθόρου) Knaben nebst Alaun beizen und dann mit der frischen Milch einer Hündin und mit Quecksilber [Deckname für ein silberglänzendes Präparat, vielleicht Fischschuppen oder dgl.?] erwärmen, jedoch auf gelindem Feuer, unter Benutzung von „fremden“ Kohlen [ξενικοῖς = auswärtigen, importierten, vermutlich den öfters erwähnten aus dem Holze des Ölbaums, der in dem regenlosen und holzarmen Ägypten nicht vorkommt]⁠[136].

Das „Machen“ (ποίησις, Poíesis) von Perlen erfolgt, indem man fein geriebenen Glimmer (λίθον σπεκλάριον, Marienglas) mit tyrrhenischem Wachs und „Quecksilber“ (s. oben) zu einem Teig verschmilzt, diesen mit einer Lösung von Tragantgummi und Eiweiß in Kuhmilch durchknetet, aus der Masse Kügelchen formt, sie durchbohrt solange sie noch feucht sind, hierauf allmählich trocknet und schließlich schön poliert (ὀδοντίζειν); sie sind dann „besser als die echten“ (ὑπὲρ τὸν φυσικόν)⁠[137]. Ebenso kann man auch „Krystalle“ [d. h. aus dem oben genannten Mineral entsprechend geformte Stückchen] mit dem Harn eines kleinen Knaben und mit rundlichem (στρογγύλη) Alaun beizen, und dann entweder in ein Gemenge von Frauenmilch und „Quecksilber“ tauchen, oder mit dem bläulichen Safte der Pflanzen ἀναγαλλἰς (Anagallís, Gauchheil), ἀείζωος (Aeízoos, Sempervivum, Hauswurz) und τιθύμαλλος (Tithýmallos, Wolfsmilch) nebst „Quecksilber“ auf gelindem Feuer erwärmen⁠[138] und so die βαφή (Baphé, Färbung) bewirken.

Zum „Machen“ von Edelsteinen durch βαφή (Färbung), die in einem geschützt liegenden, keinen störenden Winden ausgesetzten Häuschen vorzunehmen ist⁠[139], waren offenbar nur Mineralien geeignet, deren blätterige poröse Struktur, oder deren leichte Spaltbarkeit sie befähigt, beizende und färbende Lösungen aufzusaugen und festzuhalten [etwa so wie die Achate und ähnlichen Silicate, die man noch gegenwärtig künstlich zu färben pflegt]. Als solche nennt der Papyrus⁠[140]: den πυρίτης (Pyrit), welchem vieldeutigen Namen nichts Näheres zu entnehmen ist, da die kurze Bemerkung „er werde leicht allmählich rot“, keinen bestimmten Schluß gestattet⁠[141]; den κρύσταλλος („Krystall“), auch λίθος διοπτηρίτης (durchsichtiger Stein)⁠[142], d. i. der schon bei Anfertigung der Perlen erwähnte Glimmer, oder Marienglas; den ταβάσιος, auch ταβάσις oder ταβάσι (Tabasis, Tabasi) geheißen, der aus (oder über) Ägypten (nach Alexandria) gebracht wird⁠[143]. Diesen Stein hält LAGERCRANTZ für Topas⁠[144], dessen Kostbarkeit und große Härte die Verwendbarkeit zum „Färben“ jedoch ausschließt; er berichtet⁠[145], daß man im Altertum als seine Fundorte u. a. eine indische Insel und einige arabische Küstenorte angesehen habe⁠[146], und hält den Namen für einen ausländischen; hiernach kann wohl kein Zweifel darüber walten, daß es sich um „Tabaschir“ handelt, die merkwürdigen, aus reiner Kieselsäure bestehenden Konkretionen, die sich in den Zwischenhalmknoten des indischen Bambu abscheiden und in Indien seit altersher die weitgehendste Verwendung zu medizinischen, abergläubischen u. dgl. Zwecken fanden⁠[147]. Dieses (schon um 300 v. Chr. dem THEOPHRAST bekannte) Material ist infolge seiner hohen Porosität und Aufsaugekraft zum „Färben“ ungewöhnlich geeignet; auch seiner charakteristischen Eigenschaft, des lebhaften Irisierens, gedenkt der Papyrus sichtlich an einer Stelle, indem er κρύσταλλον τὴν ἰρίζουσαν erwähnt, „den irisierenden Krystall“⁠[148].

Unter den vorbereitenden Maßregeln der Edelstein-Macher spielen die nachfolgenden eine Hauptrolle: 1. Die κάθαρσις (Kátharsis, Reinigung) und λεύκωσις (Leúkosis, Blankmachung)⁠[149], durch Einhängen der in einem Körbchen aus Weidenruten befindlichen „Krystalle“ oder „Steinchen“ in heißes Wasser und in eine Lösung von Ätzkalk⁠[150] in Essig, oder durch Kochen mit Reiswasser. 2. Die ἀραἰωσις (Araíosis, Auflockerung)⁠[151], oft auch als λίωσις⁠[152] oder στῦψις⁠[153] bezeichnet, durch Einlegen in eine weiche Feige und langsames Rösten (samt dieser) über Kohle, wodurch dem Zerspringen [infolge zu plötzlichen Erhitzens] vorgebeugt wird; oder auch durch längeres Behandeln mit (geschmolzenem?) Wachs, einer Masse (μᾶζα) von σκόρδον, d. i. Knoblauch, „von dem es in der dritten Rolle (τόμῳ) heißt: der sogenannte Knoblauch ist menschlicher Kot“⁠[154], und dreitägiges Kochen in dessen „Saft“ nebst Öl⁠[155]. 3. Die μάλαξις (Málaxis, Erweichung)⁠[156] durch Eintauchen oder Kochen in Bocksblut, τράγειον αἶμα, das ebenso auch auf Glas (ὕελον) einwirkt [nach einem schon im Altertume weitverbreiteten Aberglauben]. 4. Die τήρησις (Téresis, Bewahrung, Zurechtmachung)⁠[157], durch Beschmieren der Steinchen mit einem Kleister aus Kupholith (Talk?) und Gänseeiweiß, Einwickeln in Leinen (εἰς ὀθόνιον θῆσας) und dreitägiges Setzen εἰς δρόσον καὶ ἥλιον; dies heißt offenbar nicht wörtlich „in Tau und Sonne“⁠[158], sondern stellt einen Kunstausdruck vor, der etwa auf abwechselnde Einwirkung feuchter und trockener Wärme hinauslaufen mag.

Nunmehr folgt, sofern sie nicht schon mit der ἀρέωσις (auch ἀραίωσις) (Auflockerung) verbunden wurde, die eigentliche Beizung (στῦψις), entweder eine καθολική (katholische = allgemeine), oder eine besondere. Zur ersteren, auch als πρόστυψις (Vorbeizung) bezeichneten⁠[159], dient der Saft des σφαιρία, d. h. Blütenbüschel⁠[160] habenden (also in Blüte stehenden) Krautes ἡλιοτρόπιον [Heliotrop, Croton tinctorius]⁠[161], und anscheinend auch der mit Essig eingekochte Saft des Seidelbastsamens, κνίδιος κόκκος⁠[162], während die letztere hauptsächlich mit Salzwasser, Nitron [Rohsoda], Alaun, Ätzkalk und Schwefel erfolgt⁠[163]. Meistens löst oder suspendiert man diese in kaltem und heißem Wasser, kaltem und heißem Essig, usw., legt die Steinchen (stets nur einige wenige) drei- bis viermal je einige Tage ein, bis sie sich vollgesaugt haben, trocknet sie vorsichtig an dem Abzuge des Kamins, um das Zerspringen zu verhüten⁠[164], und wiederholt dies so oft, bis der Krystall ἀεροειδής geworden ist, d. h. luftähnlich, durchscheinend⁠[165]. Zuweilen ist es auch vorteilhaft, die Steinchen mit Alaun und Essig aufzukochen und über Nacht stehen zu lassen, oder sie zwischen zwei aufeinandergelegten und mit Lehm verschmierten Tonschalen vorsichtig ein wenig zu rösten und dann erst den Essig nebst dem Alaun aufzugießen⁠[166]; endlich läßt man die Steinchen auch 30 Tage in faulem Harn nebst Alaun liegen, legt sie in weiche Feigen oder Datteln ein, röstet sie vorsichtig samt diesen und wirft sie schließlich noch warm mit der Zange in die kleisterdicke Farbbrühe, βάμμα⁠[167].

Was die einzelnen Edelsteine anbelangt, so steht in erster Reihe der Smaragd, dessen ποίησις (Machung) und βαφή (Färbung) etwa zwanzig Vorschriften gewidmet sind. Zur Herstellung dieses χλωρὸς λίθος (grünen Steines)⁠[168] hat man eine „Veränderung“ vorzunehmen (ἀλλοιοῦν)⁠[169], indem man einige kleine „Stückchen“ oder „Steinchen“, bestehend aus „Pyrit“⁠[170], dem irisierenden Tabasi⁠[171], oder dem „rauchähnlichen“ Glimmer⁠[172], entsprechend vorbehandelt und dann grün färbt. Als φάρμακον (Pharmakon, Mittel)⁠[173] hierzu dient hauptsächlich: Grünspan (ἰὸς χαλκοῦ = Rost des Kupfers) [der aus cyprischem Kupferblech und Essig genau nach den bei DIOSKURIDES und schon bei THEOPHRAST gegebenen Vorschriften dargestellt wird]⁠[174]; Chrysokolla, d. i. das natürliche Kupfergrün oder Berggrün, vielleicht u. a. eine Art Malachit⁠[175]; ferner aber auch die grüne Mischung, die beim Vermengen eines gelben und eines blauen Farbstoffes entsteht, z. B. der gelben Galle von Schildkröten, Stieren oder Kälbern⁠[176] mit ἀρμένιον⁠[177], d. i. „armenischem“ Bergblau (Kupferlasur), oder des gelben Saftes von Schöllkraut (ἐλύδριον, Chelidonium) mit ἰνδικόν, d. i. Indigo⁠[178], oder „skythischem μέλαν“, d. i. vermutlich Waid⁠[179].

Die Vorbehandlung geschieht durch Einlegen der Steinchen in eine wäßrige oder essighaltige Lösung von Alaun⁠[180], meistens „rundem“ [d. h. krystallisiertem, kleinstückigem]⁠[181]; oder durch Einweichen⁠[182] in einem „Kleister“ aus feingeriebenem schieferigem (σχίστη) Alaun, scharfem Essig, und σκόρδα („Knoblauch“)⁠[183]; oder endlich durch mehrtägiges Liegenlassen in Sodalösung, „geriebenem Knoblauch“, und schließliches „Kochen“ [sehr oft nur = „Erwärmen“] mit dessen Saft nebst Öl⁠[184]; sie wird fortgesetzt, bis die Steinchen ἀεροειδεῖς] sind⁠[185], d. h. luftähnlich, durchscheinend.

Die einfachsten weiteren Verfahren sind nun: „Einsalben“ (= Bestreichen, χρίειν) mit fein gepulvertem Grünspan, Berggrün, oder Indigo mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz (ῥητίνη)⁠[186]; Erwärmen (oder „Kochen“) mit gepulvertem Grünspan, oder skythischem „Schwarz“ (Waid?) mit Schöllkrautsaft, nebst geschmolzenem Harz⁠[187]; Erwärmen mit feingeriebener macedonischer Chrysokolla (Berggrün), Essig und den Blättern von ἁλικάκαβον [sog. Judenkirsche, eine Solanacee], „so lange, bis die grüne Farbe erreicht ist“⁠[188]; Erwärmen mit Grünspan und Essig, Öl oder Kalbsgalle⁠[189]; Erwärmen mit echtem Grünspan, Chrysokolla, κεκαυμένον [= „gebranntem“, nämlich Kupfer; also Kupferoxyd] und Stier- oder Schildkrötengalle, durch einstündiges Einhängen in pontischen Honig⁠[190].

Bei anderen, schon verwickelteren Verfahren überzieht man die Steinchen zunächst mit Wachs oder feiner Tonerde⁠[191]; dann bestreut man sie mit Grünspan, erwärmt (oder „kocht“) in Öl, und wiederholt dies erforderlichenfalles mehrmals⁠[192]; oder man hängt sie an Pferdehaaren in eine Mischung von feingeriebenem Grünspan, Chrysokolla, Kalbsgalle, Olivenöl, zuweilen auch Ricinusöl (κῖκι), erwärmt sechs Stunden, und läßt über Nacht stehen, „wodurch sie zu Smaragd werden“⁠[193]; oder man hängt sie, nach dem Erwärmen mit Öl, in Honig ein, behandelt mit Chrysokolla, „überzieht“ sie nochmals, „damit nichts verloren gehen (wörtlich: sich verflüchtigen) kann“, bestreicht (χρῖσον) abermals mit den φάρμακα (Phármaka, Mitteln), und fährt so fort, „bis sie zu Smaragd geworden sind“⁠[194].

Noch umständlicher und schwieriger zu handhaben sind die Methoden, die die Erwärmung unter einem gewissen Drucke voraussetzen⁠[195]. Zu diesem Zwecke hängt man die Steinchen in ein „fremdes“ [ξενικήν, importiertes, jedenfalls besonders haltbares] Tongefäß oder in ein kupfernes Töpfchen ein, fügt Chrysokolla, armenisches Blau nebst Stier- oder Kalbsgalle, Harn eines kleinen Knaben, und starken Essig hinzu, setzt den Deckel auf, und verschmiert ihn ringsum völlig dicht mit Kitt oder Lehm (περιπηλόω)⁠[196]; nun feuert man mit Olivenholz vorsichtig an, erwärmt (kocht) 2–6 Stunden lang bei mäßiger, durch Gebrauch eines Blasebalges zu regelnder Hitze, bis sich der Deckel χλωρόν (grünlich) zeigt⁠[197], und läßt bei Eintritt dieser Erscheinung (σημεῖον) sogleich abkühlen⁠[198], und zwar recht langsam, damit die Steinchen nicht zerspringen⁠[199]. Diese zeigen einen grünen ἀτμίς (Anflug, Belag)⁠[200], und wenn man sie in Olivenöl einlegt oder damit erwärmt, erhalten sie genau das Aussehen der natürlichen⁠[201]; in Ricinusöl (κίκι, Kíki) dagegen sollen sie eine dunklere, weniger schöne Färbung annehmen⁠[202].