Die Ausbreitung der am Schlusse des vorigen Abschnittes erwähnten astrologischen und alchemistischen Gedanken seit 1300 und damit die ferneren Geschicke der Alchemie während des späteren Mittelalters und der Neuzeit in eingehender Weise zu schildern, ist an dieser Stelle nicht beabsichtigt, und zwar aus verschiedenen Gründen.
Zunächst kann von einer Weiterentwicklung, deren Verfolgung chemisches oder wissenschaftliches Interesse böte, nicht mehr die Rede sein, vielmehr ist für diese ganze Periode in noch höherem Maße als für die ihr vorausgehende festzustellen, daß die Autoren so gut wie ausschließlich nur die nämlichen, längst bekannten, der hellenistischen Zeit entstammenden Ideen und Theorien immer wieder aufs neue vorbringen, ausdeuten, umdeuten, erklären und kommentieren; begreiflicherweise wird hierbei das Verständnis allmählich immer unzureichender und die Sachkenntnis immer geringer, dagegen die Verwässerung des Inhaltes immer ausgiebiger und die Dunkelheit des Ausdruckes immer größer. Auf wenigen Gebieten bewähren sich wie auf diesem die GOETHEschen Worte vom „Kochen breiter Bettelsuppen“ und vom „getretenen Quark, der breit wird, nicht stark“. Manche Schriften machen sogar, wie schon KOPP treffend hervorhob, geradezu parodistischen Eindruck und würden dazu auffordern, sie als Träger eines ganz anderen, der scheinbar behandelten Sache völlig fernliegenden Sinnes anzusehen, soferne ein solcher ihnen nur überhaupt irgendwie zu entnehmen wäre.
Sodann erfreuen sich sowohl die Geschichte der eigentlichen Alchemie und ihrer immer bedeutsamer hervortretenden führenden Persönlichkeiten, der Schwärmer und Schwindler, als auch die ihres kulturhistorischen Zusammenhanges mit den verschiedenen Formen des Aberglaubens und Sektenwesens, mit dem Treiben der Rosenkreuzer und Illuminaten usf., für dieses Zeitalter (namentlich für die zweite Hälfte seines Verlaufes) bereits eingehender, nach mancher Richtung sogar erschöpfender Darstellung[5281]. Außer auf die schon oft genannten Hauptschriften CHEVREULS[5282], HOEFERS und KOPPS, vor allem dessen „Alchemie in älterer und neuerer Zeit“[5283], ist der Belehrung Suchende hauptsächlich auf nachstehende Werke zu verweisen, die teils den Wortlaut der frühmittelalterlichen, echten und gefälschten Quellen wiedergeben, teils die Art und Weise ersehen lassen, in der diese zunächst die Schriftsteller der Folgezeit beeinflußten, und sodann bis in die neuere, ja neueste Zeit hinein nach den mannigfaltigsten Seiten hin weiter fortwirkten:
PERNA, „Artis, quam Chemiam vocant, antiquissimi auctores“ = „Älteste Autoren der Chemie genannten Kunst“ (Basel 1572).
ZETZNER, „Theatrum chemicum“ = „Chemischer Schauplatz“ (Straßburg 1613–1622; 2. Aufl. 1659): die umfangreichste Sammlung, 6 enggedruckte Bände, im ganzen etwa 5000 Seiten umfassend.
MANGET, „Bibliotheca chemica curiosa“ = „Bibliothek chemischer Merkwürdigkeiten“ (Genf 1702).
LENGLET DU FRESNOY, „Histoire de la philosophie hermétique“ (Paris 1742).
DEL RIO, „Disquisitiones magicae“ = „Untersuchungen über Magie“ (Venedig 1599 und 1652).
BORRICHIUS, „De ortu et progressu Chemiae“ = „Über Ursprung und Entwicklung der Chemie“ (Kopenhagen 1668); „Hermetis, Aegyptiorum, et Chemicorum sapientia“ = „Weisheit des Hermes, der Ägypter, und der Chemiker“ (ebd. 1674); „Conspectus scriptorum chemicorum illustriorum“ = „Übersicht der Werke berühmter Chemiker“ (ebd. 1696).
CONRING, „De hermetica medicina“ = „Über die hermetische Medizin“ (Helmstaedt 1648 und 1669).
WELLING, „Opus mago-cabbalisticum et theosophicum“ = „Über Magie, Kabbala und Theosophie“ (Frankfurt 1760)[5284].
WIEGLEB, „Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie“ (Weimar 1777): ein kritisches Hauptwerk.
SCHMIEDER, „Geschichte der Alchemie“ (Halle 1832).
MIGNE, „Dictionnaire des sciences occultes“ (Paris 1848): Enthält, außer „Alchemie“ (2, 308), noch zahlreiche einschlägige Artikel des gelehrten, aber fanatisch-ultramontanen Verfassers.
GRAESSE, „Bibliotheca magica et pneumatica“ (Leipzig 1843).
FIGUIER, „L’alchimie et les alchimistes“ (Paris 1854).
SCHINDLER, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Breslau 1858).
MEYER, „Der Aberglaube des Mittelalters“ (Basel 1884), 41.
JACOB, „Curiosités des sciences occultes“ (Paris 1885); besonders 1, 3–155.
POISSON, „Théories et symboles des Alchimistes“ (Paris 1891).
LEHMANN, „Aberglaube und Zauberei“ (Stuttgart 1898), 140, 190.
STEINSCHNEIDER, „Der Aberglaube“ (Hamburg 1900).
SELIGMANN, „Der böse Blick“ (Berlin 1910).
JENNINGS, „Die Rosenkreuzer“ (Berlin 1912), 197: sehr reichhaltiges Material, leider in ganz unkritischer und unübersichtlicher Fassung.
SILBERER, „Probleme der Mystik und ihrer Symbolik“ (Wien und Leipzig 1914): mißt, unter vorwiegender Berücksichtigung der FREUDschen „Psychoanalyse“, in absonderlich-einseitiger, jedoch gerade hierdurch auch wieder lehrreicher Weise, erotischen Problemen eine übertriebene Bedeutung bei.
Endlich stehen zwar, dank den angeführten und vielen anderen Schriften, Richtung und Verlauf der Gesamtentwicklung im allgemeinen genügend fest, was dagegen den besonderen Anteil der einzelnen Zeiten und Länder (namentlich betreffs der ersten Anfänge) anbelangt, so fehlt es immer noch, und meist gerade bezüglich der entscheidenden Fragen, an ausreichenden Vorarbeiten; diese zum Ziele zu führen, oder auch nur mit Aussicht auf einen wesentlichen Fortschritt in die Wege zu leiten, übersteigt aber bei weitem die Kräfte eines einzelnen.
Die nachstehenden Zeilen erheben daher nicht den Anspruch, ein irgend vollständiges Bild zu bieten, sie sollen vielmehr nur einiges hellere Licht auf wenige Punkte geschichtlichen Interesses werfen, die bisher entweder keine, oder doch keine entsprechende Beachtung fanden. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, daß die Kirche gegenüber Alchemie und Astrologie keineswegs stets eine unbedingt ablehnende Haltung einnahm. Der letzteren gegenüber fand sie häufig die Zusicherung für ausreichend, daß die Sterne nicht bewirken, sondern nur anzeigen, während sie sich bezüglich der ersteren (wenigstens zeitweilig) mit dem Hinweise beschwichtigen ließ, daß schon die hl. Schrift „die das Feuer vertragenden sechs Metalle, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei, Zinn, ganz nach gehöriger Ordnung“ im 4. Buche MOSIS, sowie Silber, Erz (Kupfer), Eisen, Blei, Zinn, „die man im Schmelzofen schmilzt“, auch bei EZECHIEL aufzähle[5285], im übrigen aber nichts enthalte, was gegen die Möglichkeit einer Metallverwandlung spräche; zugunsten einer solchen wurde übrigens, neben einigen noch weniger deutlichen Stellen, der evangelische Satz angeführt: „JESUS autem transiens per medium illorum ibat“ („Jesus aber ging hinweg, ihre Mitte durchquerend“), „denn ungesehen und geheimnisvoll wie JESUS durch die Mitte der Pharisäer schritt, wird in der Mitte der Unwissenden auch das Gold hervorgebracht“[5286].
In Spanien, dessen einheimische Litteratur sich erst nach Zurückdrängung der Araber, etwa von 1150 an, kräftiger zu entwickeln begann, scheint die Alchemie, vermutlich gerade infolge der engen Berührungen mit arabischen Kreisen, ziemlich frühzeitig in ihrer Nichtigkeit erkannt und als ausgesprochen heidnische und unchristliche Wissenschaft angesehen worden zu sein, im Gegensatze zur Astrologie, die unter den bekannten Einschränkungen meist als zulässige und zuverlässige Kunst galt. Schon ALFONS X. von Castilien, wegen seiner umfassenden Bildung und seiner Bemühung um Förderung geistiger Bestrebungen aller Art „der Weise“ (richtiger: der Gelehrte) genannt, der 1252 zur Regierung gelangte, glaubte zwar an die Astrologie und schützte deren Ausübung in den 1265 von ihm erlassenen Gesetzen, verbot jedoch in diesen an zwei Stellen ausdrücklich die Alchemie als etwas Unmögliches und Unausführbares[5287]; hiermit stimmt es überein, daß eine 1272 verfaßte Abhandlung „Tesoro“ (= der Schatz), die teils in Prosa, teils in achtzeiligen Stanzen (den ältesten der spanischen Litteratur) den Stein der Weisen behandelt, — jedoch der noch unentzifferten Geheimschrift halber vielfach unverständlich ist —, nicht von ALFONS X. herrührt, wie man früher glaubte, sondern von einem anderen, vorerst nicht sicher ermittelten Autor[5288]. Auch ein Neffe dieses Königs, der Prinz DON JUAN MANUEL (1282–1347), von dessen gerühmten Schriften allein die „Graf Lucanor“ betitelte erhalten blieb, eine Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Gleichnissen zumeist morgenländischer Herkunft[5289], macht sich im 8. Kapitel über die Alchemie lustig, über die Leute, die vorgeben sie auszuüben (facer alqimia)[5290], sowie über die Fürsten, die an sie glauben und dabei abgefeimten Betrügern zum Opfer werden; die sehr unterhaltende Erzählung, die er als Beispiel vorbringt, entstammt ebenfalls einer orientalischen Quelle[5291]. Der Dichter VILLENA (1384–1434), der sich außer mit Geschichte, Philosophie und Astrologie auch noch mit Alchemie befaßt haben soll, galt dieserhalb für einen Zauberer[5292], und mit einem solchen zu verkehren und seine Werke zu besitzen oder auch nur im Munde zu führen, war bedenklich, ja selbst gefahrbringend. Mit derlei Anschauungen ist es vielleicht auch in Verbindung zu bringen, daß z. B. in der umfassenden Sammlung „Altspanischer Sprichwörter“[5293] keine auf Alchemie bezüglichen vorkommen, und daß auch in der schönen Litteratur, die sich seit dem 15. Jahrhundert so herrlich und überreich entfaltet, einschlägige Anspielungen ganz auffällig selten zutage treten, während astrologische aller Art sehr häufig sind.
So z. B. eröffnet GIL VINCENTE (1470–1532?) eines seiner „Auto“ genannten geistlichen Festspiele mit dem Auftreten des MERKUR als Planeten, der in eingehender Rede die Konstruktion des ganzen Weltsystems vorträgt[5294]; bei ENCINA (1468–1534) hilft MERKUR sogar einen Toten auferwecken, was bei der Geistlichkeit großen Anstoß erregte[5295]; bei dem etwas späteren CARAJAVAL äußern sich u. a. HERAKLIT und DEMOKRITOS über die Himmel und ihre Sphären[5296]; bei YANGUAS endlich führt die Himmelfahrt der hl. MARIA diese durch alle sieben Sphären, deren Götter sie willkommen heißen, bis auf VENUS, die sich aus Scham verborgen hält[5297]. Von LOPE DE VEGA (1560–1635) wird berichtet, daß er sich in seiner Jugend den Geheimwissenschaften und „dem Labyrinth des RAYMUND LULL“ ergab[5298], doch der Alchemie gedenkt er nur selten und dann in abweisendem Tone[5299], ganz so wie sein Zeitgenosse BERNARDO (1568–1627) in den „Epischen Fragmenten“[5300]. Schon diesen Dichtern gilt alles, was in Beziehung zur Magie steht, an deren Wirklichkeit keiner von ihnen im geringsten zweifelt, für „arabisch“, rein heidnisch und durchaus verwerflich[5301]; in ganz dem nämlichen Sinne spricht auch POYO, dessen Stücke um 1600 erschienen, von Horoskopie, Zeichendeuterei und Zauberei[5302]; AMESUNA (1578–1635?) läßt die Planeten-Dämonen ihre Sphären und deren Zubehör an Gold, Silber, Edelsteinen usf. regieren und „Nigromancia“ lehren[5303]; ALARCON wieder (1580–1617) erwähnt in dem berühmten Schauspiele „Die Höhle von Salamanca“ den allgemeinen Glauben an die Magie, an ihre Kräfte (die richtig zu gebrauchen man „studiert“) und an die ungeheure Macht der arabischen Zauberer, besonders der afrikanischen[5304]. Bei CALDERON (1601–1681) versteht und lehrt im „Wundertätigen Magier“ (Magico prodigioso) ein gefallener Engel, der die Gestalt eines Dämons angenommen hat, Magie und Zauberei, die Künste der Magier des Orients gelten auch hier als die hervorragendsten, und am Schlusse erscheint der böse Geist auf seinem Zaubertiere, der Schlange, reitend[5305]. Das Horoskopstellen spielt eine Hauptrolle in dem reizenden Lustspiele „El Astrologo fingido“ (Der falsche Astrolog)[5306], das alsbald von italienischen und französischen Autoren nachgebildet wurde, u. a. auch von CORNEILLE, und auf dessen Arbeit hin noch in zweiter Verdünnung von englischen (DRYDEN)[5307]. In den 18 Bänden der „Fronleichnams-Festspiele“ (Autos) begegnet man sehr zahlreichen allegorischen Figuren, — von denen übrigens bei gleichem Anlasse schon GIL VINCENTE Gebrauch machte[5308] —, u. a. den 4 Elementen[5309], den 4 Weltaltern[5310], den 7 Wochentagen, die eine Himmelskugel mit den Tierkreisbildern und Planeten geleiten[5311], sowie dem MERKUR, der „alles Wissens Meister“, zugleich aber als Cherub mit dem feurigen Schwerte auch Paradieses-Hüter ist[5312]; ferner findet wiederholt die Astrologie Erwähnung, bald als etwas Erlaubtes[5313], bald als etwas Teuflisches und Verwerfliches[5314]; nirgends ist jedoch von Alchemie die Rede, auch nicht in dem Auto „Der verborgene Schatz“[5315], das hierzu reichlichen Anlaß böte. — Erst in der Zeit des Verfalles der Litteratur, die etwa mit 1675 einsetzt, treten Alchemie, Magie und Zauberei wieder mehr in den Vordergrund, und zwar auf dem Theater vornehmlich mit Rücksicht auf Effekthaschereien und Dekorationskünste[5316]; aufgeklärtere Geister standen indessen auch damals dieser Vorliebe nur als Satyriker gegenüber, wie z. B. das ausführliche Spottgedicht über die Alchemie in SOLORZANAS Novelle „La garduna de Sevilla“ (um 1680) beweist[5317].
In Frankreich waren Astrologie und Alchemie schon im 12. Jahrhundert vielfach und im 13. sehr allgemein verbreitet, nicht nur in den provençalischen Landesteilen, — deren Litteratur zahlreiche einschlägige Anspielungen enthält und auch allerlei Übersetzungen, sowie einige anscheinend von einheimischen Verfassern herrührende, jedoch ganz unselbständige Werke hervorbrachte[5318] —, sondern auch im Norden, wie dies schon die oben angeführte Äußerung des ALBERTUS MAGNUS (1193 bis 1280) über die Pariser Fälscher bezeugt. LANGLOIS bringt hierfür in dem bereits erwähnten, trefflichen Buche „La connaissance de la nature et du monde au moyen-âge“ eine Anzahl Belege bei: BARTHOLOMAEUS ANGLICUS (der für einen Zögling der Schule von Montpellier gilt) hält in seinem gegen 1240 verfaßten Werke „De proprietatibus rerum“, einer der wichtigsten, vielgelesensten und maßgebendsten Kompilationen des gesamten Mittelalters, die Existenz der Alchemie für etwas ganz Selbstverständliches und zweifelt nicht daran, daß z. B. die Wärme aus Erde und gewissen Zutaten ganz ebenso das Silber und Gold hervorzubringen vermöge, wie aus Kieselsand und Asche das Glas[5319]; der Bearbeiter des Buches „SIDRACH“ (um 1250) schildert die „Salbe der Philosophen“ als eine allgemeine Panacee, die „die Aussätzigen heilt“, die Kranken gesund, die Männer unverwundbar, die Frauen fruchtbar macht, und während der ersten acht Tage des April[5320] durch die Philosophen und Astrologen der in Großindien gelegenen Stadt Stramon hergestellt wird, und zwar aus 372 [= 365 + 7] Kräutern und dem Blute des weißen indischen Drachen[5321]; nach dem Verfasser der Erzählung „PLACIDUS und TIMEO“ (gegen 1300) stehen die Metalle in engster Verbindung mit den die Geschicke lenkenden Planeten, und diese sind nach gewissen Helden benannt, z. B. nach JUPITER und MERKUR, die die Griechen zu Göttern erhoben und als Herren der Gestirne ansahen[5322], usf.
Frühzeitig fanden alchemistische Ideen auch Eingang in die poetische Litteratur, und dies läßt ersehen, wie sehr der allgemeine Zeitgeist sich bereits mit ihnen befreundet hatte und wie vertraut sie, bis zu gewissem Grade, auch jener großen Menge geworden waren, die den Leser- und Hörerkreis volkstümlicher Dichtungen bildete[5323]. Eines der lehrreichsten zugehörigen Beispiele enthält der altfranzösische, fast 24000 Verse umfassende „Roman de la rose“, der um 1237 von GUILLAUME DE LORIS begonnen und um 1277 von JEAN CLOPINEL (genannt DE MEUNG) vollendet wurde und fast fünf Jahrhunderte lang eines der volkstümlichsten, verbreitetesten und einflußreichsten Bücher der französischen Litteratur blieb, — dank dem novellistischen Interesse seiner Fabel, der beispiellos kühnen Satire auf weltliche und geistliche Macht und dem Reize dunkler naturgeschichtlicher Anspielungen. Zu den letzteren zählt auch eine alchemistische Stelle, in der der Verfasser schildert, wie die Natur immer und überall der Kunst überlegen bleibe, worauf er im Hinblicke auf letztere fortfährt[5324]:
Wie eindrucksvoll diese in geschickter und leicht faßlicher Weise vorgebrachten Lehren für die Dauer blieben, bezeugt die Tatsache, daß noch PALISSY (1510–1590?), der hervorragende Technologe und Vorkämpfer der induktiven Methode, neben den Werken des GEBER und des ARNOLD von VILLANOVA den „Roman de la Rose“ als wichtigste der von den Vorfahren hinterlassenen Schriften bezeichnet[5327]. Er selbst verwirft übrigens wie die Astrologie[5328] so auch die Alchemie[5329], deren Theorien und Methoden durchaus unsinnig und betrügerisch sind[5330]; freilich versichern so manche der zahlreichen Alchemisten und Ärzte Frankreichs, an den künstlichen Edelmetallen, sowie an ihrem die größten Wunderkuren verrichtenden „trinkbaren Golde“ viel Geld zu verdienen; aber bis sein Wunsch in Erfüllung gehe, deren Verfahren selbst ausüben zu lernen, ziehe er vor, stillzuschweigen und jenen die Beweise für ihre Behauptungen zu überlassen[5331]. Diesen gemäß müßte übrigens das Gold, um in Lösung gehen zu können, in Schwefel und das giftige Quecksilber zerfallen, aus denen es, gleich sämtlichen anderen Metallen, nach den Lehren aller „Philosophen“ bestehen und entstehen soll, — woran nur insofern etwas Richtiges sein mag, als diese Stoffe vielleicht irgendwie bei der Abscheidung der Metalle und Erze im Innern der Erde mitwirken, dann aber gleich unbrauchbaren Schlacken wieder abgeschieden werden[5332].
Für PALISSYS großen Zeitgenossen RABELAIS (1483–1555) sind Astrologen und Alchemisten ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden Witzes, und in unnachahmlicher Weise trifft die Lauge seines Hohnes bald ihre Voraussetzungen und Deutungen, bald die Erzeugnisse ihrer „Künste“, — zu denen auch die von Hühnern blank verdauten Perlen gehören[5333] —, bald die „chaldäischen“ Wirkungen, ausgeübt von den 7 planetarischen Metallen und Steinen, in Form von Ringen, von Weinkrügen, von Statuen, die in einem verborgenen Zaubertempel aufgestellt sind, usf.[5334]. — Mit gleich scharfem Spotte äußert sich PERIERS in den geistvollen Satiren seines „Cymbalum mundi“ (= „Weltglocke“; 1537) und der „Nouvelles récréations“ (1558)[5335]: die Alchemisten sind und bleiben Schwindler und Betrüger, groß im Versprechen, klein im Halten, verheißen den Gläubigen die Geheimnisse des Königs SALOMON und der Prophetin MARIA, speisen sie aber mit Redensarten ab, stellen ihnen den Stein der Weisen in Aussicht, liefern jedoch statt dessen Sand, lassen die Getäuschten rechtzeitig im Stiche, suchen neue Anhänger, finden sie auch, und werden hierin fortfahren, so lange sie solche finden.
Zu sehr weit zurückliegender Zeit faßte die Alchemie in Italien Boden, woselbst (wie oben erwähnt) nachweislich auch zahlreiche Geistliche des 12. und 13., und vermutlich bereits solche des 11. Jahrhunderts, sie auf das Eifrigste betrieben; damit, daß „Italien diese Krankheit so sehr früh durchmachte“, steht es nach BURCKHARDT[5336] im Zusammenhange, daß es sie auch als erstes aller Länder glücklich überstand, nämlich „dem Wesentlichen nach schon im Verlaufe des 14. Jahrhunderts“, um dessen Mitte die große Kunst in den Augen der Einsichtigen „bereits allen ihren Reiz eingebüßt hatte“ und zum bloßen Werkzeuge der Übervorteilung und des Betruges herabgesunken war. Demgemäß versetzt DANTE schon in der um 1300 vollendeten „Hölle“ den Alchemisten, der auf verbotenen Wegen (vielleicht auch im Bunde mit bösen Geistern) als „Affe der Natur“ die echten Metalle nachzuahmen suchte, in die tiefste, dem Höllenfeuer zunächst liegende der zehn „Bolgen“[5337]; desgleichen spricht PETRARCA (1304–1374) in seiner 1366 verfaßten Abhandlung „De remediis utriusque fortunae“ mit schärfstem Hohn und denkbar größter Verachtung und Erbitterung über das Treiben der Alchemisten, und wählt als Motto des betreffenden Dialoges das Distichon:
Auch der Münzfälschung gelten die Goldmacher wenn nicht für überwiesen so doch für verdächtig, und derlei Vorfälle scheinen Anlaß zu der diesen öffentlichen Schaden ausdrücklich erwähnenden Bulle Papst JOHANNES XXII. (1316–1334) gegeben zu haben, die jede Ausübung der Alchemie grundsätzlich verbot[5339]; eine Wirkung erzielte sie natürlich nicht, es sei denn die, daß man den Papst selbst als geheimen Alchemisten hinzustellen versuchte, der aber bei seinen Bemühungen vom Glück nicht begünstigt gewesen sei[5340].
Zur Zeit der Renaissance, während derer die italienischen (aber auch andere) „Meister“ in den nordischen Ländern und an deren Fürstenhöfen die lohnendsten Erfolge einheimsten und zu niegesehenem Einflusse gelangten, spielte die Alchemie in Italien selbst nur mehr eine ganz untergeordnete Rolle, so daß z. B. der „Große Rat“ zu Venedig die fernere Ausübung dieser Betrügerei schon 1488 ein für allemal untersagte[5341], und am päpstlichen Hofe die wenigen, die ihr noch anhingen, für „ingenia curiosa“, (= nicht recht gescheit) galten[5342]. Als daher 1514 der „große“ AURELIO AUGURELLI (1441–1524) dem Papste LEO X. seine poetische Darstellung und Verherrlichung der Alchemie überreichte[5343], in der er u. a. den kühnen, schon dem RAYMUND LULL zugeschriebenen Satz erneuerte: „Das Meer würde ich in Gold verwandeln, bestünde es aus Quecksilber“, ließ ihm jener aufgeklärte Fürst als Gegengeschenk einen leeren Beutel verabfolgen und tröstete den Betroffenen mit den Worten: „Wer selbst Gold zu machen versteht, bedarf nur einer Börse, um es aufzubewahren.“
LIONARDO DA VINCI (1452–1519), der mit erstaunlichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Erkenntnissen allgemeinen Charakters auch weitgehende besondere Erfahrungen über chemische Operationen mannigfaltiger Art verband[5344], war ein abgesagter Feind „der lügnerischen und verderblichen Kunst der Alchemie und ihrer fälschenden und betrügenden Anhänger“, bestritt, daß Schwefel und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien, und erklärte die künstliche Darstellung des Goldes für ebenso unmöglich wie die Quadratur des Kreises oder die Erfindung des Perpetuum mobile[5345]. Ähnliche Ansichten äußert auch sein Zeitgenosse, der hervorragende Technologe BIRINGUCCI (1480–1539?), — der feststellt[5346], daß noch kein Alchemist jemals die Wahrheit seiner Versicherungen auch nur im geringsten Punkte nachgewiesen habe, daß er selbst an derlei Möglichkeiten nicht glaube und nichts über sie wisse, und daß die Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten[5347] —, sowie der etwas spätere GARZONI, der Verfasser des enzyklopädischen Werkes „Piazza universale“ (1585); nach Wiedergabe der alchemistischen Verheißungen ruft er dem Leser ein „Hüte Dich!“ zu[5348] und empfiehlt dem nach Silber und Gold Begehrenden, sich lieber in irgend ein Münzamt zu begeben, woselbst er die beste „Alchemie“ vorfinden werde, nämlich die wahre Kunst des Goldmachens[5349].
In ENGLAND war die Alchemie im 13. und 14. Jahrhundert nicht minder verbreitet als in Frankreich; während der andauernden Kämpfe zwischen diesen beiden Ländern, die die englischen Finanzen wiederholt in die mißlichste Lage brachten, scheint sie in nahe Beziehungen zur Münzfälschung getreten zu sein, die von englischer Seite zeitweise geradezu von Staats wegen gefördert wurde, angeblich auch, um den feindlichen Wohlstand durch das in Umlauf gesetzte Truggold zu schädigen. Jene äußerst anrüchige Verbindung, die zu mehrmals wiederholten strengen Verboten führte, u. a. durch CARL V. (1380) für Frankreich und HEINRICH VI. (1404) für England[5350], erklärt wohl die Tatsache, daß die Alchemie in England verhältnismäßig frühzeitig in so völligen Verruf kam, wie ihn das 4. Buch der „Confessio amantis“ des Dichters GOWER (vollendet 1390)[5351] und in noch höherem Grade die „Canterbury-Tales“ seines Zeitgenossen CHAUCER (verfaßt 1391?) ersehen lassen: die ganze ausführliche „Erzählung des Canonicus“[5352] ist eine einzige schonungslose Satire auf das unverschämte Auftreten, die frechen Vorspiegelungen und die gemeinen Betrügereien der Alchemisten, dieser würdigen Klienten ihrer Schutzpatrone, des PLATON, HERMES und ARNOLD von VILLANOVA. — Auf die Dauer hielt diese Erkenntnis überlegener Geister freilich auch hier nicht vor, und im 15. und 16. Jahrhundert zeigt sich die gerade in England besonders konservative Denkweise der großen Menge wieder völlig durchsetzt von alchemistischen und astrologischen Vorstellungen und Gedanken. Daß solche jedermann verständlich waren und selbst dem gewöhnlichen Theaterbesucher durchaus vertraut klangen, beweisen die sehr mannigfaltigen Anspielungen auf dramatischem Gebiete: so z. B. erhalten in „Maria Magdalena“, einem der seit 1450 besonders zahlreichen und beliebten „Moralitäten- und Mysterien-Spiele“, die ausziehenden 7 „Fürsten der Hölle“ (= 7 Todsünden) als Geschenke der Planeten deren 7 Metalle, von der Sonne das Gold, vom Monde das Silber, vom Mars das Eisen, vom Merkur das Quecksilber, von der Venus das Kupfer, vom Jupiter das Zinn, vom Saturn das Blei[5353]; die zwischen 1590 und 1612 auf der Bühne erschienenen Werke SHAKESPEARES wimmeln von alchemistischen und astrologischen Hinweisungen[5354]; sehr häufig finden sich solche auch in den Stücken seiner Zeitgenossen, u. a. des LILLY (1554–1602), z. B. in der „Gallathea“[5355], sowie in „The woman in the moon“, worin „Natur“ eine Hirtin PANDORA erschafft und mit allen möglichen Gaben ziert, „geraubt den Göttern der 7 Planeten“, die dann zur Rache „aufgehen“ und PANDORA auch aller ihrer bösen Eigenschaften teilhaftig machen, bis sie zuletzt unter dem Einflusse der Luna „lunatic“ (wahnsinnig) wird[5356]; BEN JONSONS Lustspiel „Der Alchemist“ (1610) setzt sogar eine völlig ins einzelne gehende Kenntnis des alchemistischen Schwindels, mindestens aber ein sehr lebhaftes Interesse für ihn voraus[5357].
Auch in einem bald nach 1500 verfaßten erzählenden Gedichte des HAWES, Hofpoëten König HEINRICH VII., besiegt ein die „Seele“ verkörpernder Ritter das „Ungeheuer der 7 Metalle“, dessen Glieder eine Zauberin unter dem Einflusse der gerade regierenden Planeten schuf, — das Haupt aus Gold, den Nacken aus Silber, die Brust aus Eisen, die Vorderfüße aus Messing [Mischmetall?], den Rücken aus Kupfer, die Hinterfüße aus Zinn, den Schweif aus Blei[5358] —, und noch in den um ein Jahrhundert jüngeren Erzählungen des BARCLAY, „Euphormio“ (1603) und „Argenis“ (1621), diesen (in lateinischer Sprache geschriebenen) Moderomanen der Zeit, die ihren Weg sofort durch alle Länder Europas nahmen, spielen Alchemie und Astrologie eine ausführliche, sichtlich den Bedürfnissen des Leserkreises angepaßte Rolle[5359].
In wissenschaftlicher Hinsicht sei daran erinnert, daß BACON von VERULAM (1551–1626) zwar die eigentliche Alchemie verwirft, dagegen auf Grund seiner eigenen Theorien vom Wesen der Materie die Umwandlung der unedlen Metalle in edle, sowie die künstliche Darstellung des Goldes für sehr wohl möglich erklärt; er gibt hierzu sogar eine ausführliche Anweisung, die darauf hinausläuft, die einzelnen, seiner Ansicht nach selbständig bestehenden „Formen“ des Goldes, also die gelbe Farbe, den Glanz, die Dehnbarkeit und Hämmerbarkeit, das hohe spezifische Gewicht usf., zu vereinigen, um so eine Art Synthese des Goldes zu bewerkstelligen[5360]. — Während der folgenden Jahrhunderte traten in England noch eine ganze Reihe einflußreicher Alchemisten auf, deren Schriften in ASHMOLES „Theatrum chemicum Britannicum“[5361] und zum Teil auch in den „Collectanea chemica“ abgedruckt sind[5362]. Kaum glaublich erscheint es, daß noch 1702 DICKINSON großes Aufsehen mit der Behauptung erregen konnte, der Mensch enthalte infolge astraler Einflüsse wahres Quecksilber im Blute und wahre Metalle in Fleisch, Eingeweiden und Exkrementen, so daß man aus seinem Körper Gold, die Universaltinktur, sowie den Stein der Weisen auszuziehen vermöge[5363]; aber sogar noch 1779 kaufte das Parlament einer alten Jungfer namens JANE STEPHENS ihr Verfahren zur Herstellung des Steines der Weisen für 5000 Pfund ab, „um es zum allgemeinen Nutzen öffentlich bekannt zu machen“, — „jedoch (so sagt WIEGLEB sehr hübsch)[5364], wie gewöhnlich, bekannt gemachte Geheimnisse verlieren ihren Wert!“
Für Deutschland zählen die oben angeführten Berichte bei ADAM von BREMEN (gest. 1076) über das Erscheinen eines byzantinischen Alchemisten namens PAULUS am Hofe des Erzbischofs ADALBERT von BREMEN[5365], — er behauptete, Kupfer in Gold verwandeln zu können —, sowie des ALBERTUS MAGNUS über die Tätigkeit der Kölner Fälscher jedenfalls zu den ältesten Erwähnungen der Alchemie. Irrtümlich ist die Behauptung, daß ihrer auch der sprachgewaltige Kanzelredner Bruder BERTHOLD von REGENSBURG (gest. 1272) gedenke, denn in seinen Predigten erwähnt er zwar oft die 7 Planeten und ihre vielerlei Kräfte[5366], auch die vier Elemente[5367], das Wachsen von Gold und Silber in der Erde[5368], die Legierungen von Zinn mit Gold und Kupfer, deren erstere sich wieder zerlegen lasse, während die letztere „kein Meister und nicht die ganze Welt voneinander bringen kann“[5369], nirgends berührt er aber auch nur mit einem Worte die Goldmacherei.
Außerordentlichen Aufschwung nahmen Alchemie und Astrologie seit Beginn der Renaissance, die zwar den Hang zur Mystik und sog. Geheimwissenschaft allerorten steigerte, nirgendwo aber in höherem Maße als in Deutschland, dessen Zersplitterung und Kleinstaaterei den „Adepten“ ein von der kaiserlichen bis zur bescheidensten reichsunmittelbaren Hofhaltung herabreichendes, ebenso ausgebreitetes wie lohnendes Feld der Tätigkeit eröffnete. Unter den Größen des 15. Jahrhunderts sei an dieser Stelle nur „die Leuchte der Weisheit“, der hochgelehrte Abt TRITHEMIUS von Sponheim bei Kreuznach (1462–1516) erwähnt; er selbst scheint zwar nichts von Goldmacherei gehalten zu haben, sein 1506 zu Passau schon gedruckt erschienenes „Wunderbuch“ ist aber eine wahre Fundgrube abergläubischer Vorstellungen, u. a. derer über die 7 Planeten, ihre Geister und Zeichen[5370]; über die zugehörigen Pflanzen, Steine und Metalle, sowie deren innere Verwandtschaft mit den Wandelsternen[5371]; über die unreifen und reifen Metalle nebst ihren Zwittern und Hermaphroditen (auch einen aus Eisen und metallischem Antimon)[5372]; über das ägyptisch-chaldäische „Elektron magicum“, eine aus allen sieben Metallen zusammengeschmolzene Legierung, deren unbeschreibliche Eigenschaften sie besonders geeignet zur Anfertigung von Zaubervorrichtungen aller Art machen[5373], usf.
Bei TRITHEMIUS erwarb, nach eigener Angabe, einen erheblichen Teil ihrer alchemistischen Kenntnisse die größte Gestalt der deutschen Renaissance, THEOPHRASTUS PARACELSUS (HOHENHEIM; 1483–1541), auf dessen überragende Bedeutung für die Geschichte der Medizin, der Chemie und anderer Wissenschaften nebst ihren Seitenzweigen, aber auch für die des Humanismus und der Mystik, hier nur hingewiesen, nicht eingegangen werden kann. Der Umfang seiner überlieferten einschlägigen Schriften, — sie füllen in der Sonderausgabe von WAITE[5374] etwa 800 Seiten in Großquart —, die Schwierigkeit, sie angesichts des fast völligen Mangels eigenhändiger Manuskripte in echte, entstellte und untergeschobene zu sondern, die Unsicherheit betreffs ihrer zeitlichen Entstehung, nicht zum mindesten auch die Dunkelheit und Zweideutigkeit des Ausdruckes, machen es ungewöhnlich schwer, über die wahren Ansichten des PARACELSUS Klarheit zu gewinnen. An vielen Stellen verwirft er die eigentlichen Lehren der Alchemisten, „dieser Narren, die leeres Stroh dreschen“; an vielen billigt er sie, wenn auch oft nur zum Teil und in abgeänderter Weise, wie er denn Schwefel und Quecksilber als die beiden Grundbestandteile aller Substanzen annimmt, ihnen aber „Salz“ als einen gleich wichtigen dritten hinzufügt; an anderen deutet er sie symbolisch um, und an wieder anderen überträgt er sie aus dem Gebiete der Chemie in das der Medizin und gelangt so zu seinen iatrochemischen Elixiren, Essenzen, Quintessenzen („Tugenden der Dinge“), Tinkturen, Arkanen[5375], Panaceen, Allheilmitteln und Universalpräparaten[5376]. Die durch PARACELSUS und die Paracelsisten entfesselte Bewegung war mächtig und tiefgreifend; nicht nur im deutschen Reiche, sondern in allen Kulturländern löste sie geistige Kämpfe von weitgehender Bedeutung aus, und wie so oft in derlei Fällen trugen die Mißverständnisse und Übertreibungen der Schüler nicht zum wenigsten dazu bei, auch den schwachen Lehren des Meisters unverdiente Beachtung zu verschaffen, hier also der Alchemie zu neuem und gesteigertem Ansehen zu verhelfen.
In der Zeit vor und gegen 1500 war dieses auf einen gewissen Tiefpunkt gesunken, so daß z. B. SEBASTIAN BRAND im „Narrenschiff“ (1494) die Alchemisten und Astrologen nicht nur als Narren hinstellt, sondern als Gauner, Betrüger und gemeingefährliche Fälscher[5377]; als solche sahen sie auch die Behörden an, und es erklären sich hieraus die wiederholten und strengen Verbote der Alchemie, wie sie u. a. 1492 die Reichsstadt Nürnberg erließ, allerdings ohne dauernden Erfolg[5378]. Noch für den in den Naturwissenschaften nicht unbewanderten MELANCHTHON (1497–1560), der übrigens Schwefel und Quecksilber als Universalelemente bestehen ließ, ist die Alchemie nichts weiter als ein „sophistischer Schwindel“[5379], während LUTHER (1483–1546) zwar die Astrologie mit fast gleichlautenden Worten verwirft[5380], die Alchemie aber mit Rücksicht auf die Wiederbelebung der getöteten Metalle milder beurteilt, „besonders um ihrer Allegorie und heimlichen Deutung willen, die überaus schön ist, nämlich die Auferstehung der Toten am jüngsten Tage“[5381]. Irrtümlich ist die Angabe, daß auch sein Zeitgenosse AGRICOLA (1494–1555) zu Chemnitz ein Freund oder gar Förderer der Alchemie gewesen sei; die Schriften, aus denen dies gefolgert wurde, gehören nämlich nicht ihm an, sondern einem Namensvetter, während er selbst sich in seinen ausgezeichneten und geradezu grundlegenden mineralogischen und metallurgischen Werken durchaus zurückhaltend äußert und allenfalls nur die Frage nach der bloßen Möglichkeit einer Metall-Verwandlung als eine vorerst noch offene bestehen läßt.
Etwa von 1550 an schwillt allerorten, zumeist aber in Deutschland, die alchemistische Litteratur zur Hochflut auf, so daß um 1650 die Zahl der zugehörigen Werke von BORELLI auf annähernd 4000, und um 1720 von ROTHSCHOLZ auf über 5000 beziffert wird[5382], — und alles dies, ohne daß auch nur ein einziger wirklich neuer Gedanke befruchtend eingriffe! Der Alchemie huldigen nicht nur die Mystiker, wie etwa KHUNRATH (1560 bis 1605), Verfasser des „Amphitheaters der ewigen Weisheit“ und des „Dreieinigen natürlichen Chaos der Chemiker“, oder JAKOB BÖHME (1575 bis 1624), der sich in der „Signatur der Dinge“, der „Aurora“ usf., an der Macht der Planeten und ihres Zubehörs, an den Kräften des „Marcurius“ und „Sallniter“, an den Wundern des Schwefels, Quecksilbers, Salzes, u. dgl. mehr, gar nicht genug zu tun weiß, sondern auch die bedeutendsten Naturforscher des Zeitalters, u. a. LIBAVIUS (gest. 1616), VAN HELMONT (1577–1644), der den Stein der Weisen selbst in der Hand gehabt und mit größtem Erfolge gebraucht hat, DE LA BOE (1614–1672), KUNCKEL (1630–1702), ja zum Teil sogar BOYLE (1626–1691) und BOERHAAVE (1686–1738); und doch hatte dieser selbst nachgewiesen, daß die Metalle weder Schwefel noch Quecksilber enthielten, daß die Fixation des letzteren unmöglich sei, und daß sich Blei nicht in Quecksilber überführen lasse[5383]. Auch für diese Periode findet sich also bewährt, was KOPP betreffs des Mittelalters ausspricht: „Daran, daß die Alchemie ihr Problem lösen könne, glaubten fast alle, daran, daß sie es bereits gelöst habe, und zwar mit großartigem Erfolge, die meisten, selbst hervorragende geistige Größen[5384].“
Sehr vereinzelt stehen unbedingte Verurteilungen da, wie die durch den berühmten Jenaer Mediziner und Anatomen ROLFINK (1599–1673), der die an Alchemie Glaubenden den Starblinden gleichstellt[5385], oder durch den, trotz aller Absonderlichkeiten, von staunenswertem Wissen erfüllten ATHANASIUS KIRCHER S. J. (1665); dieser will zwar nicht bestreiten, daß vordem, jedoch freilich nur mit Hilfe des Teufels, künstliches Gold gemacht worden sei, im übrigen sind aber für ihn einfach alle Astrologen Beutelschneider und alle Goldmacher Münzfälscher[5386]. Der gesunde Sinn solcher Männer verdient aufrichtige Bewunderung, wenn man liest: wie sich 1629 der Vorsteher der kurfürstlichen Sammlung in Dresden bemühte, die 7 Hauptmetalle den Kräften der 7 Planeten gemäß aufzustellen und „auszuteilen“[5387]; wie 1669 BECHER, in vielem unbedingt einer der offensten Köpfe seiner Zeit, mit weitläufigen Darlegungen die Behauptung verteidigt, König SALOMON habe, trotzdem er genötigt war Gold aus Ophir holen zu lassen und seine Untertanen übermäßig zu besteuern, doch den Stein der Weisen besessen[5388]; wie 1682 der gelehrte Jenaer Professor WEDEL, dessen altes bleiernes Tintenfaß zufällig durch Quecksilber beschädigt worden war, die abenteuerlichsten Hypothesen über die Ursache der plötzlichen Umwandlung des einen Metalles in das andere erörterte[5389]; wie der überaus belesene Polyhistor MORHOF 1719 die Transmutation der Metalle für eine zweifellose Tatsache erklärte[5390]; wie Kaiser FRANZ I. 1746 gegen den vermeintlich im Besitze des Steines der Weisen befindlichen Adepten SEHFELD „peinlich inquirieren“ ließ, und der sonst so mißtrauische FRIEDRICH DER GROSSE 1751 zur Durchführung alchemistischer Versuche seitens einer Frau VON PFUEL 10000 Taler bewilligte[5391]; wie 1764 KOELREUTER zugunsten seiner grundlegenden Beobachtungen über Pflanzenbastarde anführt, daß sie trefflich mit den Theorien der Alchemisten hinsichtlich der Umwandlung der Metalle übereinstimmen[5392]; endlich, wie 1760 der keineswegs ganz ungläubige, aber durchaus ehrliche JUSTI[5393], vor allem aber 1777 der ebenso sachverständige wie unbestechliche WIEGLEB[5394], zwar die völlige Nichtigkeit der Alchemie mit den überzeugendsten Gründen für jedermann nachwiesen, der für solche empfänglich ist, einen dauernden Erfolg aber nicht zu verzeichnen hatten. Schon wenige Jahre später vermochte ein Schwindler wie PRICE, Mitglied der Londoner „Royal Society“, — der sich schließlich vergiftete, als diese Gesellschaft auf ernstliche Untersuchung drang —, das Urteil auch der deutschen Gelehrten derartig irrezuführen, daß 1782 selbst der aufgeklärte und scharfsinnige LICHTENBERG schwarz auf weiß versicherte, ihm vorerst den Glauben nicht versagen zu können[5395]; ebenso wurden erst 1789 die Ankündigungen des redlichen Halleschen Theologieprofessors SEMLER, denen gemäß in seinen vor den Fenstern stehenden Gläsern Goldblätter etwa so wuchsen wie Hyacinthen, als Ausflüsse eines Betruges aufgedeckt, dem der Leichtgläubige selbst zum Opfer gefallen war[5396]. Aber auch diese Enthüllungen, die großes und berechtigtes Aufsehen erregten, fielen rasch der Vergessenheit anheim, und von 1796 an konnte KORTUM[5397] mit Hilfe des damals in Gotha erscheinenden „Reichsanzeigers“ weite ungelehrte und gelehrte Kreise mit dem Glauben an das Bestehen einer vielverzweigten „Deutschen Hermetischen Gesellschaft“ erfüllen und sie über ein Jahrzehnt lang in einer Weise an der Nase herumführen, die dem witzigen Verfasser der „Jobsiade“ insgeheim manche vergnügte Stunde bereitet haben mag.
Einen nochmaligen Aufschwung nahm die Alchemie im Zeitalter der Romantik, das dem Mystizismus, dem Glauben an Wunderwirkungen, Geister, Gespenster usf. ganz außerordentlich ergeben war, — es braucht in dieser Hinsicht nur an den polaren „männlichen und weiblichen Feuerstoff“ des Jenenser Mediziners VOIGT[5398], oder an den „tierischen Magnetismus“ erinnert zu werden, dessen Entdecker, MESMER (1734–1815)[5399], sich schon 1766 durch die abenteuerliche Dissertation „Über den Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper“ hervorgetan hatte. Begünstigend, wenn nicht geradezu fördernd, erwies sich dabei die Haltung der sog. Naturphilosophie. Läßt doch selbst der Begabteste ihrer Vertreter, SCHELLING (1775–1854), in der „Philosophie der Kunst“ (1802)[5400], in seiner „Zeitschrift für spekulative Physik“[5401] und der „Neuen Zeitschrift für spekulative Physik“[5402], in den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“[5403] usw., eine Fülle ebenso wortreicher wie nichtssagender, völlig hohler Redensarten niedergehen, die auf eine noch unfertige Jugend nur verwirrend wirken konnten: Da beweist die Naturphilosophie, daß den verschiedenen Ordnungen der Metalle, dem Silber oder Gold, gleiche Ordnungen am Himmel entsprechen; daß die Gestirne auf die Bildungen der Erde Einflüsse von eigentlich magischer, mit der gewöhnlichen natürlichen ganz unvergleichbarer Art ausüben; daß hierbei die Gesetze der Zahl und des Abstandes der Planeten mitspielen, die zugleich Einsicht in das innere System der Töne eröffnen, wobei sich die Zentripetalkraft als Rhythmus, die Zentrifugalkraft aber als Harmonie erkennen lassen; da ist die Rede von den geheimnisvollen Zusammenhängen zwischen den vier edlen Metallen (hier Gold, Silber, Quecksilber, Platin) und dem Reiche der Planeten; da wird die wahrhafte innere Gleichheit und absolute Identität aller Materien und die Lehre von den Metamorphosen dieser Urmaterie verkündigt usf. Es waren derlei phantastische Träume, wie sie diese Werke, in noch erhöhtem Maße aber das berüchtigte, seit 1810 in wiederholten Auflagen erschienene OKENsche „Lehrbuch der Naturphilosophie“ erfüllten[5404], aus denen LIEBIG, der 1821 in Erlangen SCHELLINGS Hörer gewesen war, „mit Schrecken und Entsetzen“ erwachte[5405]; von ihnen umnebelt sah noch 1824 der Bonner Chemieprofessor WURZER in den von ihm geprüften Mineralwässern „organische Verbindungen von der Physik und Chemie unerreichbaren Imponderabilien und geheimnisvollen Potenzen“[5406], erklärte sich noch 1832 der verdiente Historiker der Alchemie, SCHMIEDER, als durchdrungen von der Erkenntnis, daß das Goldmachen eine Tatsache sei, und daß es einzelne bevorzugte Besitzer des Steines der Weisen allezeit gegeben habe und noch immer gebe[5407].
Der Glauben an die Möglichkeit der Alchemie ist übrigens bis auf den heutigen Tag nicht völlig erloschen, ja die gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als ein unverkennbares Zeichen der Zeit, abermals allerwärts und in überraschender Weise hervortretende Neigung zu Okkultismus, Mystik, Astralkunde, Theosophie, Spiritismus usf., führte ihm neue Nahrung zu. So entstand in Paris 1894 eine „Société hermétique de France“[5408] und bald darauf eine „Société alchimique de France“[5409], in deren Laboratorien JOLLIVET-CASTELOT und seinen Freunden die Darstellung des Goldes gelang oder doch beinahe gelang[5410]; seit 1890 erschien eine „Bibliothèque rosicrucienne“, seit 1894 eine „Collection hermétique“ in zwei Serien, seit 1896 eine Monatsschrift „Hyperchimie et Rosa alchemica“, seit 1904 eine „Revue d’Astrologie“[5411], und alle diese Unternehmungen scheinen bis in die jüngste Zeit fortgesetzt worden zu sein. Aber auch in Deutschland begann, etwa mit der Herausgabe des (sehr oberflächlichen) „Handbuches der Astrologie“ von E. MAYER (1891)[5412], die einer ganzen Anzahl ähnlicher Schriften, und die gesamte geistesverwandte Litteratur nahm alsbald derartig an Umfang zu, daß sich 1907 „die Notwendigkeit ergab“, in Leipzig ein „Zentralblatt für Okkultismus“ und 1912 eine „Astrologische Bibliothek“ zu begründen. Daß das „Wöchentliche Verzeichnis des Börsenvereines der Deutschen Buchhändler“ eine ständige Abteilung „Philosophie und Geheimwissenschaft“ führt, daß ferner Anzeigen betreffs Astrologie, Nativitäts-Stellen, Wahrsagerei u. dgl. alltäglich in vielen großen Zeitungen erscheinen, sich also sichtlich gut bezahlt machen, beweist ebenfalls, daß es an einem ausgebreiteten Leserkreise auch gegenwärtig keineswegs fehlt[5413]. Was aber insbesondere die Hoffnungen der Goldmacher anbelangt, so werden sie zur Zeit wesentlich mit Hinweis auf das Radium und die radioaktiven Stoffe wachgehalten[5414], „von deren völlig wunderbaren und für die Wissenschaft gänzlich unerklärlichen Eigenschaften sich alles erwarten läßt“ und denen man, je ungenügender sie noch bekannt sind, desto kühner die außerordentlichsten Wirkungen zuschreiben darf, ohne eine unmittelbare Widerlegung durch den Versuch befürchten zu müssen.