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3½ Monate Fabrik-Arbeiterin cover

3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Chapter 4: Einleitung.
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About This Book

The author undertakes an undercover immersion among female factory workers, taking jobs in several workshops and living with colleagues to record daily conditions. She documents material circumstances, food and clothing, work routines, moral and family relations, saving habits, housing and sleep arrangements, religion, political tendencies, leisure, domestic industry, and unemployment. Observations combine direct workplace experience with interviews and social description, noting survival strategies and vulnerabilities. The account concludes with reflections and appeals for practical assistance from better-off women and reformers to alleviate poverty and improve working-class women’s prospects.

The Project Gutenberg eBook of 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

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Title: 3½ Monate Fabrik-Arbeiterin

Author: Minna Wettstein-Adelt

Release date: October 20, 2021 [eBook #66573]
Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 3½ MONATE FABRIK-ARBEITERIN ***


Monate
Fabrik-Arbeiterin.

Von
Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.

Berlin 1893.
Verlag von J. Leiser
N.O. Barnimstraße 20.

Meinem geliebten Mann, Herrn Dr. jur. Oscar Wettstein, gewidmet in herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem Unternehmen.

Die Verfasserin.

Inhaltsverzeichnis.

      Seite
Vorwort 1
Einleitung 5
1.  Kapitel.  Die materielle Lage der Arbeiterinnen 8
2. " Nahrung und Kleidung der Arbeiterin  13
3. " Arbeit, Beruf, Vergangenheit 18
4. " Sittliche Zustände 24
5. " Sparsamkeit und Ehrlichkeit 35
6. " Die Ehe 42
7. " Die Stellung des Mädchens 48
8. " Seßhaftigkeit und Versicherung 52
9. " Wohnungen und Schlafstellen 56
10. " Religion 68
11. " Sozialdemokratie und Frauenfrage 71
12. " Vergnügungen 80
13. " Die Hausindustrie 88
14. " Stellenlos 91
15. " Verschiedenes 102
Betrachtungen 106

Vorwort.

Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein, sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern.

Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen, auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, um die Frauen dort kennen zu lernen. Auch ich will Gleichberechtigung mit dem Mann; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden, ehe man die verhältnißmäßig noch gut dastehenden Oberen unterstützt.

In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich – in Berlin – Spandau die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht denken.

Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir war es um eine typische Arbeiterbevölkerung zu thun.

Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an, weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen brauchte.

Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen.

Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle Vergnügungs- und Tanzlokale besucht.

Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein apodiktisches Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es vielfach, nicht nur hie und da, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier nur von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird, die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich habe jene schweren Monate nur zum Wohle meiner leidenden Geschlechtsgenossinnen durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen, gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen nachzugehen.

Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.

Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch, sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es, daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte.

Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen sei.

An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, wo Hilfe am dringendsten Not thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal wirklich Gutes, das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! Denn:

»Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß!«

Einleitung.

Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.

An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen beschäftigt sind.

Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu benehmen hatte.

Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen – übrigens die Hübscheste aus der ganzen Fabrik – aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen konnte.

Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.

Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten besser und höflicher, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.

Glücklicher Weise erging es mir in der ersten Fabrik so gut, denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.

Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren. Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten.

Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.

Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.

Erstes Kapitel.
Die materielle Lage der Arbeiterinnen.

Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in einer Fabrik und noch weniger in einem Saal gearbeitet habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre erfahren würden.

Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich nicht eine, die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort, daß ich nur von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.

Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem Zustande.

In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.

An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.

Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir – einen Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. –

Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich – glücklicherweise – abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.

Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den Kauf nahmen.

Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.

In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.

Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur Arbeit zurück – und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen vorzugehen.

Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark.

In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.

Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.

Zweites Kapitel.
Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.

Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und weniger erholt als vor der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.

Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.

Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.

Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen. Diejenigen, die den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen vor der Löhnung wurde zur Mittagsnahrung vielfach nur solcher Kaffee mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz streuten.

Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.

Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.

In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich niemals eine Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.

Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern verkehren.

Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.

Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten.

Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht beständig so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.

Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen können und die ganze Familie beisammen ist.

Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser essen könnten, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!

Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.

Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre Dummheit entgegentreten; hier ist allein thatkräftige Aufklärung am Platze.

In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich nur im »Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene Kleidung Witze machend.

Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.

Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich. –

Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und Spangen, ja, viele tragen zur Taille passende Schleifen im Haar.

Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich nicht finden.

Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.

Drittes Kapitel.
Arbeit, Beruf, Vergangenheit.

Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die wenigsten.

Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen. Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die »feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.

Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.

Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.

In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.

Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu singen, und zwar innige Volkslieder.

Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.

Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.

Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung« nicht verdienen – und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!

Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; ich hätte das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche schlechte Essen – und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!

Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.

Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden kann? –

Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft. Bei den komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, sie muß denken und kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden Ritters. –

In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis 6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.

Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, Unfälle bei der Arbeit dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie drei volle Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen lassen.

Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung zurückwiesen, weil er zu viel Tricotstoff enthielt. Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!

Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und Artikeln betonte: wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen – und unterdrücken. Das ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann und Frau vergessen: daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt« wird! –

Viertes Kapitel.
Sittliche Zustände.

Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.

Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast überall – und ich habe genaue Informationen angestellt – bleiben sich Mann und Frau beide in der Ehe treu oder ein jedes geht seiner Wege. Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.

Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber lediglich deswegen, weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben zeigen. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter nach.

Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.

Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht, und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, bezahlen aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken bleiben.

Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen freien Verkehr aus Liebe nicht für unsittlich, sondern für natürlich halten, für Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb herabsinken darf.

Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«

Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants; was dazwischen liegt, wird weniger scheel angesehen, weil die Möglichkeit vorliegt, von einem Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden.

Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie Schreiber und in Bureaux arbeitende Kaufleute nennen.

Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«

Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht wohl begreifen, ja, so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und Chikanen der Sozialdemokratie in die Arme treiben, umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt, als es die anderen thun.

Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.

Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.

Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.

»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«

Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich ihm alles sagen würde.

»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch nichts gesagt!«

»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«

Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.

Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S–straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«

Ich bejahte.

»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch an, wenn möglich eine etwas dekolletierte Taille. Wo wohnen Sie denn?«

Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.

»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, die sind neidisch

Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.

Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er frug nicht einmal, ob ich sein Schatz werden wolle, er beorderte mich einfach zu sich, wie eine Sklavin.

Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn er da drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, wie ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!

Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.

»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«

Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.

»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«

Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm nicht, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen muß, wird sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind? Der Staat sicherlich nicht!

Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei. O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und reich ist, mit einem Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute« Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht hier reformierend eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« –

Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich arbeitete; dort war ein junger Prokurist, der wußte, wer ich war und infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark nicht an.«

Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; und das waren Arbeiterinnen auf dem Lande. –

Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der Unmöglichkeit.

Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff; ist der Schatz beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen anderen.

Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den Beschützer und vor allem – denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.

An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft vorkommt.

So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. –

Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht; es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.

In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen, wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.

Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war, das waren die verheirateten Frauen. Neben mir saß eine etwa 30jährige, kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz unglaubliche Redensarten führte.

Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.

Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere Arbeit.

Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem Vorkommnis machen.

Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende Tag war ein Sonntag gewesen.)

Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht entblödete, als Mädchen, vor allen umstehenden Arbeitern, so etwas zu sagen.

Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!

Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen jedoch immer sanfter, äußerlich wenigstens gesitteter bleiben. –

Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben, ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!« Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. – Schon der Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine zweifelhafte Moral.

Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz besitze.

»Ich hatte einen,« erklärte ich.

»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.

»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines Doctor juris wenigstens in der »Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«

Aber da kam ich gut an.

»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na, da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie sich hier keinen neuen Schatz suchen?«

Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos« war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde, der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß ich ihnen bald so »nahe« treten würde.

Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.

Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein gleich elendes Dasein, wie das Deine! –

Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber; eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. –

An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen zu erregen.

Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. –

Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, je nach ihrem Beruf, trennen. Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu bewunderungswürdig anständig zu nennen ist.