Anhang.
§ 99. Lieder und Reime im
obererzgebirgischen Volksdialekt.
1. Weihnachten.
Folgende zwei Weihnachtsgedichte erläutern vielfach das oben §§ 5 und
6, sowie 49 und 50 Angeführte. Beide sind Volkslieder. Vergl. auch:
Simrock, deutsche Weihnachtslieder, Leipzig, 1859.
858. Weihnachts heiliger Ohmd[3].
’n Hammer sei Liedel.
(Aus Marienberg mitgetheilt.)
Schwenze lenz! heut’ bi ig fruh
’s wor mer lange Zeit net suh!
Will heut Döbes
[4] machen!
Kinner
[5], ig hob Gald, wie Heu.
’s kanne lecht zwee Tholer sei, —
Ja drüm kah ich lachen!
Sah dos heilig Ohmdlicht a,
’s sei fei ruthe Blümle dra.
Unn a klahns
[6] Gesprüchel!
[7]
Hob zwee Grosch’ derfür bezohlt,
Selber su schie ahgemohlt,
Fix! ne Krunelechter ro,
Dann ig zammgepitzelt
[9] ho,
Unn vergold’t su machtig!
Sahtt die golding Engele,
Zwischen Sträuchla wackeln se,
Ah, dos steht su prachtig!
Su! Nu iß er ahgezünd’t;
Ei wie schi der Lechter brünnt
’s kloppt mers Harz vor Fraden.
Ach, die Schwarzbersträuchla
[10] sei
Ahgesah be Licht so fei
Thunna racht schi kladen
[11].
Söll de ganze Sach wos tähng
[12],
Muß mer ah a Pfeifel rähng!
[13]
Drüm will ig ahns stoppen.
Do dar Kopp vun Porzelih
[14]
Iß dar epper net recht schi?
Muß ’ne ärst auskloppen.
Heut beschärt’s ne Kinnern schi,
’s iß gu heut Bornkinnel.
Kumme ah de Madle nog,
Bi dan Greten
[17] gut mei Tog,
’s iß a lus Gesinnel!
[18]
Nog enn Schatz ball hie, ball do
Schu gestrabbt vun Harzen.
Ober dos iß wunnerlig,
[21]
Kane
[22] thut, als will se mig;
Nu, ig kah’s verschmarzen.
Gutte Nacht, derweil, ihr Leut’ —
Weckt mig morn’g ze rachter Zeut,
Morn’g
[23] giht’s in de Mätten!
Wenn mer su de halbe Nocht
Hod fei lustig zugebrocht,
Kreucht mer in de Betten.
859. Zum heiling Ohmd.
Gedicht von verw. Frau v. Elterlein in Schwarzenberg, geb.
Benckert aus Annaberg.
Heut is der heil’ge Ohmd ihr Mäd,
Kummt rei, mer gießen Blei.
Fritz löf geschwind zur Hanne Christ,
Se soll bei Zeiten rei.
Mer hahm d’n Lächter
[24] a’gebrannt;
Satt
[25] nuf, ihr Mäd, die Pracht.
Do drühm bei euch, is a recht fei,
Ihr hot ’ne Sau geschlacht.
Ich hob mer a e Lichtel köft,
Ver zwee un zwanzig Pfäng’.
Gi Hanne hul’ ä Tüppel
[26] rei,
Mei Lächter is ze eng.
Kahr,
[27] zindt ä Weihrauchkärzel a,
Doß a wie Weihnacht riecht;
Unn stell’s ner of des Scherbel
[28] dort,
Dos unnern Ufen liegt.
Do liegt men’ Lob
[31] sei Blei.
Mähd raffel
[32] fei nett sehr dort rüm,
Denn’s Mannsvulk hat sei Frehd an wos,
Sei’s a an wos ner will.
Mei Voter hot’s an Vugelstell’n,
Der Kahr, der hot’s an Spiel.
Ich gieß fei erst, wänn krieg’ ich da?
Saht her en Hommerschmied!
De Karlin
[35] lacht, die denkt gewiß,
Ich män ihr’n Richter Fried.
Mer ham a sächzähn Butterstoll’n,
Su lang wie ’n Ufenbank.
Ihr Mäd, do werd’ gefrässn wär’n,
Mer wär’n noch Alle krank.
Mer ham a neunerlä gekucht,
A Worscht unn Sauerkraut.
Mei Mutter hot sich o geploocht,
[36]
Fritz brock de Semmelmillich ei,
In’s heilig Ohm’nd Struh.
Wär gieht den über’n Schwammentupp?!
Nu Lotte ruh’ste nett!
Wart, wenn när weerd der Voter kumm’,
Do mußt dee glei ze Bett.
Nä hurcht ner a mohl in Ufentupp,
Dos Rumpeln und dos Geig’n.
Na wenn es när nett winseln thut,
Denn s’ist bedett’s
[42] noch Leich’n.
Den heiling’ Ohmd üm Mitternacht,
Do läft statt Wasser Wei.
[43]
Wenn ich mich ner nett färchten thät,
Ich hult ’n Tupp voll rei.
Denn drühm an Nachbar’sch Wassertrug
Do stieht ä grußer Mah.
[44]
Und wär nett reichte Tohzen
[45] hat,
Dän läßt er gor nett na.
Lob hul derweil den Hanne Lieb
[46]
’n Voter ä Kännel Bier.
’noch,
[47] wenn de kümmst, do singe mer:
[48]
„Ich freue mich in Dir.“
Ihr Kinner, gieht in’s Bett nu nuff,
Der Seeger zeigt schu ens.
Ob mer ä Weihnacht wieder erle’m?
[49]
Wie Gutt will, su gescheh’s.
2. Neujahr (vgl. 586).
Ein verbreiteter Scherzreim, namentlich auf dem Lande, ist
folgender:
860. Ich gratelir euch a zum neuen Kahr
’ne Kop vuller Haar,
’ne Stohl vuller Hüner,
’ne Buden vuller Kerner.
3. Fastnacht.
Wenn die Kinder „Spießeinrecken“ gehen (vgl. 66), singen
sie folgende Liedchen:
861. Do reck ich män Spieß ei
Ueber’n Herrn sän Tisch nei.
Steckt er mir a Kräppel nah,
Is er oh a feiner Ma.
Is er ader a gorst’ger Ma,
Steckt er mir ä Dreckel na.
862. Ich renne dreimal um’s Haus.
Ach du gute Frä im Haus,
Lange mir ä Kräppel raus.
863. Sie, Madame, Sie mein Leben,
Könnten mir ä Kräppel geben.
Nicht zu gruß und nicht zu klein,
Daß ich könnt’ zufrieden sein.
4. Johannistag.
Beim Umtanzen des Johannisbaumes (vgl. 148) wird folgendes Liedchen
gesungen. Simrock, das deutsche Liederbuch, 2. Aufl., Frankfurt
a. M. 1857, führt unter Nr. 823 u. 824 ähnliche Lieder an. Auf das
angeführte Buch desselben verweisen wir auch bezüglich der bei den
Spielen der Kinder im Obererzgebirge gebräuchlichen Auszählverse, sowie
anderer Kinderverschen.
864. A. Wer steht denn draußen vor der Thür
Und thut so leise klopfen?
B. „Es ist der Förster, steht dafür
Und hat sich was zu suchen.“
C. Ich hab verloren meinen Schatz
Allhier, allhier auf diesem Platz.
Macht auf, macht auf den Garten.
Sieh da, sieh da, hier ist mein Schatz,
Mit dem ich mich verlobet.
Hier hast du meine rechte Hand
Und einen Kuß zum Unterpfand,
Auf daß du bleibst mein eigen.
5. Heidelbeerlieder.
Bei der Rückkehr vom Sammeln der „Schwarzbeeren“ sind
folgende Liedchen gebräuchlich. Vergl. 640 und Simrock,
Kinderbuch, Nr. 646.
Ich hatt men Topp vull Bäre;
Ich hob’n wieder ausgefrass’n,
Ho men Voter und Mutter vergass’n.
Mei Voter nimmt dee Ufengobel
Und schlät[50] mich uff’n Freßschnobel.
Au weh, Auh weh, mei Bärschnobel!
866. Men Topp ho’ ich zerbrochen,
Aus wos soll mer kochen?
„Aus den Ufentupp, aus den Ufentupp.“
Der Ufentupp hot a ee Loch.
Hoho!
867. Rolle, rolle, rolle!
Mer hob’n Olle volle,
[51]
Hot Moos in Topp,
Hot Werg in Kopp.
Aho!
Mei Topp is voller Beere,
Wer sin’n
[53] Topp nicht volle hat
Is ene faule Mähre.
Kommt Alle ’raus,
Macht Haufen drauf,
Mei Topp is voll,
Mei Bauch is leer,
Mei Kopf is schwer,
Heuer sein viel schwarze Beer.
Zie’hn die faulen Beerleute ei.
Hab’n Alle voll
Bis der Letzte net;
Macht Alle nei,
Daß’s voller werd.
Ein’ Haufen d’rauf,
Wie’s G’loserhaus, kischki!
6. Hirtenlieder.
Bei dem Hüten des Viehes lassen die „Kühjungen“
lautschallende Lieder ertönen. — Die unter Nr. 874 und 875 ausgeführten
Reime sind zu Michaelis gebräuchlich, von wo an der Hirt, wie bereits (642)
erwähnt, „über und über“ hüten darf.
871. Horaus! jetzt treibt der faule Kuhhirt aus.
Meine Küh sind lange ’raus.
Wenn ich austreib, liegst Du noch im Bett.
Du fauler Hirt hast ausgeheckt
Drei Mandeln junge Ziegenbock
O he ho, o he ho!
872. Treib ei, treib ei, du fauler Hert,
Wenn ich austreib, liegst du noch lang im Bett.
Meine Küh sei olle saat.
Deine ha’n net viel gefressen,
Weil d’ bist uff der Ufenbank gesessen.
Meine Küh sind alle ’rei
’s fehlt mer nur e Ziegenbuck:
Wo muß der sei hingehuppt?
’nuner in dos Niederland,
Wo die reichen Bauern sitzen
Mit den langen Zippelmützen,
Die den Quark mit Löffeln fressen
und das Geld mit Scheffeln messen.[56]
Nu hüt ich über und über.
Hüt ich nei in Kraut und Mähren,[57]
Ka mer der Bauer nischt verwehren.
Un wen der Bauer ’raus kimmt,
Setz ich mich auf den Geiselstäcken[58]
Un thu d’n Bauer den Buckel zu räcken.
Dee Herten sind fruh,[59]
Um schlecht’s Bissel Weed.[61]
7. Kaffeelieder.
Bei der Vorliebe des Obererzgebirgers für den Kaffee ist
es begreiflich, daß er denselben auch poetisch verherrlicht hat und diese
Lieder bei seinen Kaffeefesten (vgl. 646) anstimmt.
876. Der Kaffee schmeckt gut
Ich schaff’ mer noch keen Ruk.
Den alten thu ich flicken,
’n neuen thu ich sticken,
Der Kaffee schmeckt gut.
877. Kaffee thu ich gerne trinken,
Uhne Kaffee bi ich krank.
Kaffee trink ich, wo ich geh’ und steh’,
Am liebsten auf’n Kanapee.
878. O Kaffee, du edles Kraut,
Wer dich gepflanzt, hat wohlgebaut.
8. Kirmeß.
Zur Kirmeß (vgl. § 88), sowie auch zum Erntefeste und zu
Weihnachten, ist es Sitte, daß ärmere Kinder von Haus zu Haus „Kuchensingen“
gehen, wobei sie die Nr. 882–886 verzeichneten Liedchen anstimmen; die
Kühjungen gehen wohl auch „Kuchenklatschen“, d. h. sie geben durch
Peitschenknallen ihre Wünsche zu erkennen. Außerdem ist (879) noch ein
Kirmeßliedchen, eine scherzhafte Kirmeßeinladung(880), sowie ein auf
dieses Fest bezügliches Sprüchwort (881) mitgetheilt.
879. Zur Kirmeß, zur Kirmeß,
Da schlachtt mei Vater ’n Buck,
880. Seid zur Kirmeß eingeladen,
Unser Kuchen ist gerathen,
Unsre Würstchen rund und nett,
Unser Braten braun und fett.
881. Edelleuten muß man ihre Bälle,
Den Bauern ihre Kirmeß lassen (Marienberg).
882. Wir armen Kühjungen,
Wir kommen gesungen,
Um euch zu ersuchen,
Gebt uns ein Stück Kuchen.
883. Ich bin der kleine König,
Gebt mir nur nicht zu wenig.
Laßt mich nicht zu lange steh’n,
Muß noch ein Häuschen weiter gehn.
884. Wir woll’n heute Kuchen singen,
Müssen noch heut weiter springen.
Gebt uns ä Bissel weißen,
Da woll’n wir uns drum beißen;
Gäbtt uns ä Bissel mitteln,
Da woll’n wir uns d’rum knitteln;
Gäbtt uns ä Bissel schwarzen,
Da woll’n wir uns d’rum kratzen.
885. Dreimal, dreimal um das Haus,
Bringt mer e Stückel Kuchen ’raus.
Ist der Kuchen nett gerothen,
Bringt mer e Stückel Schweinebroten.
Schweinebroten schmeckt nett gut,
Brengt mer e Stückel Haberbrud.
(Oder:) Schweinebroten is’ vorbei,
Bringt mer e Gläsel Branntewei’.
886. Wir wollen Kuchen singen,
Die junge Frau is’ hurtig und geschwinde.
Gebt uns ooch en’ Gälen,[63]
An Fressen sull’s nich fählen.
Grün is’ die Linde,
Die junge Frau is’ hurtig und geschwinde.
9. Hausbau.
Wenn beim Heben eines Hauses der Baumeister seine Rede
vollendet hat, wirft er das Glas (vgl. 836) mit folgenden Worten herunter: