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Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges: Ein Beitrag zur Kenntnis des Volksglaubens und Volkslebens im Königreich Sachsen cover

Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges: Ein Beitrag zur Kenntnis des Volksglaubens und Volkslebens im Königreich Sachsen

Chapter 16: Anhang.
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About This Book

A systematic ethnographic survey of folk beliefs, customs, and rituals in the Saxon Upper Ore Mountains, organized into sections on divination and fate (times, omens, dreams), forms of witchcraft and protective charms, seasonal and religious festivals, community entertainments, and family rites. The author compiles reported practices, explanatory notes, and local attributions, distinguishing spontaneous omens from deliberate fortune-telling and categorizing harmful and protective magic. The work blends descriptive observation with collected anecdotes, practical details about celebrations and domestic life, and appended songs and sayings in dialect.

Anhang.

§ 99. Lieder und Reime im obererzgebirgischen Volksdialekt.

1. Weihnachten.

Folgende zwei Weihnachtsgedichte erläutern vielfach das oben §§ 5 und 6, sowie 49 und 50 Angeführte. Beide sind Volkslieder. Vergl. auch: Simrock, deutsche Weihnachtslieder, Leipzig, 1859.

858. Weihnachts heiliger Ohmd[3].

’n Hammer sei Liedel.
(Aus Marienberg mitgetheilt.)

Schwenze lenz! heut’ bi ig fruh
’s wor mer lange Zeit net suh!
Will heut Döbes[4] machen!
Kinner[5], ig hob Gald, wie Heu.
’s kanne lecht zwee Tholer sei, —
Ja drüm kah ich lachen!
Sah dos heilig Ohmdlicht a,
’s sei fei ruthe Blümle dra.
Unn a klahns[6] Gesprüchel![7]
Hob zwee Grosch’ derfür bezohlt,
Selber su schie ahgemohlt,
Wie a Tahfet[8]-Tüchel.
Fix! ne Krunelechter ro,
Dann ig zammgepitzelt[9] ho,
Unn vergold’t su machtig!
Sahtt die golding Engele,
Zwischen Sträuchla wackeln se,
Ah, dos steht su prachtig!
Su! Nu iß er ahgezünd’t;
Ei wie schi der Lechter brünnt
’s kloppt mers Harz vor Fraden.
Ach, die Schwarzbersträuchla[10] sei
Ahgesah be Licht so fei
Thunna racht schi kladen[11].
Söll de ganze Sach wos tähng[12],
Muß mer ah a Pfeifel rähng![13]
Drüm will ig ahns stoppen.
Do dar Kopp vun Porzelih[14]
Iß dar epper net recht schi?
Muß ’ne ärst auskloppen.
Nogert[15] will ich hutzen[16] gih,
Heut beschärt’s ne Kinnern schi,
’s iß gu heut Bornkinnel.
Kumme ah de Madle nog,
Bi dan Greten[17] gut mei Tog,
’s iß a lus Gesinnel![18]
Bi a löd’ger[19] Poß,[20] unn ho
Nog enn Schatz ball hie, ball do
Schu gestrabbt vun Harzen.
Ober dos iß wunnerlig,[21]
Kane[22] thut, als will se mig;
Nu, ig kah’s verschmarzen.
Gutte Nacht, derweil, ihr Leut’ —
Weckt mig morn’g ze rachter Zeut,
Morn’g[23] giht’s in de Mätten!
Wenn mer su de halbe Nocht
Hod fei lustig zugebrocht,
Kreucht mer in de Betten.

[3] Ohmd, Abend.

[4] Döbes, Töps, Lärm.

[5] Kinner, Kinder.

[6] klahns, kleines.

[7] Gesprüchel, Spruch.

[8] Tahfet, Taffent.

[9] zammgepitzelt, zusammengeschnitzelt.

[10] Schwarzbersträuchla, Schwarzbeerensträuche, Heidelbeerkraut.

[11] kladen, kleiden.

[12] tähng, tauchen, nützen.

[13] rähng, rauchen.

[14] Porzelih, Porzellan.

[15] nogert, hernach.

[16] hutzen, Zu den Nachbarn auf Besuch gehen.

[17] Greten, Kröten, schmeichelndes Schimpfwort.

[18] Gesinnel, Gesindel.

[19] löd’ger, lediger.

[20] Poß, junger Bursch.

[21] wunnerlich, wunderlich, sonderbar.

[22] kane, keine.

[23] morn’g, morgen.

859. Zum heiling Ohmd.

Gedicht von verw. Frau v. Elterlein in Schwarzenberg, geb. Benckert aus Annaberg.

Heut is der heil’ge Ohmd ihr Mäd,
Kummt rei, mer gießen Blei.
Fritz löf geschwind zur Hanne Christ,
Se soll bei Zeiten rei.
Satt[25] nuf, ihr Mäd, die Pracht.
Do drühm bei euch, is a recht fei,
Ihr hot ’ne Sau geschlacht.
Ich hob mer a e Lichtel köft,
Ver zwee un zwanzig Pfäng’.
Gi Hanne hul’ ä Tüppel[26] rei,
Mei Lächter is ze eng.
Kahr,[27] zindt ä Weihrauchkärzel a,
Doß a wie Weihnacht riecht;
Unn stell’s ner of des Scherbel[28] dort,
Dos unnern Ufen liegt.
Lott’[29] dorten of der Hühnersteig[30]
Do liegt men’ Lob[31] sei Blei.
Mähd raffel[32] fei nett sehr dort rüm,
S’ist[33] werd der Krienerts[34] scheu.
Denn’s Mannsvulk hat sei Frehd an wos,
Sei’s a an wos ner will.
Mei Voter hot’s an Vugelstell’n,
Der Kahr, der hot’s an Spiel.
Ich gieß fei erst, wänn krieg’ ich da?
Saht her en Hommerschmied!
De Karlin[35] lacht, die denkt gewiß,
Ich män ihr’n Richter Fried.
Mer ham a sächzähn Butterstoll’n,
Su lang wie ’n Ufenbank.
Ihr Mäd, do werd’ gefrässn wär’n,
Mer wär’n noch Alle krank.
Mer ham a neunerlä gekucht,
A Worscht unn Sauerkraut.
Mei Mutter hot sich o geploocht,[36]
Die ale[37] gute Haut.
Fritz brock de Semmelmillich ei,
Nasch ader[38] net derfu.[39]
Ihr Ghunge[40] wärft kee Räspel[41] nei
In’s heilig Ohm’nd Struh.
Wär gieht den über’n Schwammentupp?!
Nu Lotte ruh’ste nett!
Wart, wenn när weerd der Voter kumm’,
Do mußt dee glei ze Bett.
Nä hurcht ner a mohl in Ufentupp,
Dos Rumpeln und dos Geig’n.
Na wenn es när nett winseln thut,
Denn s’ist bedett’s[42] noch Leich’n.
Den heiling’ Ohmd üm Mitternacht,
Do läft statt Wasser Wei.[43]
Wenn ich mich ner nett färchten thät,
Ich hult ’n Tupp voll rei.
Denn drühm an Nachbar’sch Wassertrug
Do stieht ä grußer Mah.[44]
Und wär nett reichte Tohzen[45] hat,
Dän läßt er gor nett na.
Lob hul derweil den Hanne Lieb[46]
’n Voter ä Kännel Bier.
’noch,[47] wenn de kümmst, do singe mer:[48]
„Ich freue mich in Dir.“
Ihr Kinner, gieht in’s Bett nu nuff,
Der Seeger zeigt schu ens.
Ob mer ä Weihnacht wieder erle’m?[49]
Wie Gutt will, su gescheh’s.

[24] Lächter, Leuchter.

[25] Satt, sehet.

[26] Tüppel, Töpfchen.

[27] Kahr, Karl.

[28] Scherbel, kleine Scherben.

[29] Lott’, Charlotte.

[30] Hühnersteig, Hühnerhorde, worin während des Winters Hühner in der Stube sich mit aufhalten.

[31] Lob, Gottlob.

[32] raffel, raschle.

[33] s’ist, sonst.

[34] Krienerts, Kreuzschnabel.

[35] Karlin, Karoline.

[36] geploocht, geplagt.

[37] ale, alte.

[38] ader, aber.

[39] derfu, davon.

[40] Ghunge, Jungen.

[41] Räspel, Räuspel, Räuber am Licht.

[42] bedett, bedeutet.

[43] Wei, Wein.

[44] Mah. Mann.

[45] Tohzen, Tatzen, starke Hände.

[46] Hanne Lieb, Johannes Gottlieb.

[47] ’noch, hernach.

[48] mer, wir.

[49] erle’m, erleben.

2. Neujahr (vgl. 586).

Ein verbreiteter Scherzreim, namentlich auf dem Lande, ist folgender:

3. Fastnacht.

Wenn die Kinder „Spießeinrecken“ gehen (vgl. 66), singen sie folgende Liedchen:

4. Johannistag.

Beim Umtanzen des Johannisbaumes (vgl. 148) wird folgendes Liedchen gesungen. Simrock, das deutsche Liederbuch, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1857, führt unter Nr. 823 u. 824 ähnliche Lieder an. Auf das angeführte Buch desselben verweisen wir auch bezüglich der bei den Spielen der Kinder im Obererzgebirge gebräuchlichen Auszählverse, sowie anderer Kinderverschen.

5. Heidelbeerlieder.

Bei der Rückkehr vom Sammeln der „Schwarzbeeren“ sind folgende Liedchen gebräuchlich. Vergl. 640 und Simrock, Kinderbuch, Nr. 646.

[50] schlät, schlägt.

[51] volle, voll.

[52] Hinnre, der Hintere, der zuletzt Stehende.

[53] sin’n, seinen.

[54] Wachtelhaus, Käfig einer Wachtel.

6. Hirtenlieder.

Bei dem Hüten des Viehes lassen die „Kühjungen“ lautschallende Lieder ertönen. — Die unter Nr. 874 und 875 ausgeführten Reime sind zu Michaelis gebräuchlich, von wo an der Hirt, wie bereits (642) erwähnt, „über und über“ hüten darf.

[55] verreckt, krepirt, gestorben.

[56] Dieses Lied findet sich fast gleichlautend bei Simrock, das deutsche Kinderbuch, Nr. 492.

[57] Mähren, Möhren.

[58] Geiselstäcken, Peitschenstecken.

[59] fruh, froh.

[60] leed, leid, bange.

[61] Weed, Weide.

7. Kaffeelieder.

Bei der Vorliebe des Obererzgebirgers für den Kaffee ist es begreiflich, daß er denselben auch poetisch verherrlicht hat und diese Lieder bei seinen Kaffeefesten (vgl. 646) anstimmt.

8. Kirmeß.

Zur Kirmeß (vgl. § 88), sowie auch zum Erntefeste und zu Weihnachten, ist es Sitte, daß ärmere Kinder von Haus zu Haus „Kuchensingen“ gehen, wobei sie die Nr. 882886 verzeichneten Liedchen anstimmen; die Kühjungen gehen wohl auch „Kuchenklatschen“, d. h. sie geben durch Peitschenknallen ihre Wünsche zu erkennen. Außerdem ist (879) noch ein Kirmeßliedchen, eine scherzhafte Kirmeßeinladung(880), sowie ein auf dieses Fest bezügliches Sprüchwort (881) mitgetheilt.

[62] Simrock, Kinderbuch, führt Nr. 474 fast dieselben Reime an, fügt aber noch hinzu:

Da tanzt meine Mutter
Da wackelt ihr Rock.

[63] Gälen, gelben Kuchen, d. i. Käse- oder Gießkuchen.

9. Hausbau.

Wenn beim Heben eines Hauses der Baumeister seine Rede vollendet hat, wirft er das Glas (vgl. 836) mit folgenden Worten herunter: