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Eine Gemsjagd in Tyrol cover

Eine Gemsjagd in Tyrol

Chapter 17: 15. Schluß.
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About This Book

A narrator recounts a chamois hunt in the Tyrolean Alps, describing ascent into high mountains, landscape, village scenes, and the social and technical aspects of the pursuit. Episodes present preparations, drives, stalks, fog hunts, tracking of wounded animals, and tales exchanged among companions. Rich natural description evokes altitude, weather, and wildlife while seasonal movement of shepherds and flocks provides context. The account blends action, local sketches, and short anecdotes to portray a single hunting campaign and the surrounding mountain life.

Unser Jagdherr hatte in dem nichtswürdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nächsten Tag ergab trotz hie und da gefundenem Schweiß kein Resultat.

Glücklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter kamen, fanden wir Michel emsig damit beschäftigt einen prachtvollen Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer zusammengebrochen war, zu zerwirken.

Merkwürdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und Umrissen, besonders flüchtig gehenden Wildes täuscht, während die stete Aufregung, Gemsen überall, vielleicht in Schußnähe, um sich zu wissen und zu hören, und doch Nichts sehn zu können, dem Schützen auch die letzte Ruhe nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so übermäßig hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen Aufregung – ein Anderer soll ruhig dabei bleiben.

Während wir wohl noch eine halbe Stunde mit der vergeblichen Nachsuche verloren, war es fast dunkel geworden. Ein frischer Wind der sich zugleich erhob trieb jetzt die oberen Nebelschichten vor sich her, und als wir dicht unter der senkrecht niederfallenden Carwendelwand hingingen, zeigte sich über uns der blaue reine Himmel, an dem einzelne lichte, von der Sonne erhellte Wolken rasch nach Süden zu vorüber zogen. Zu gleicher Zeit wurde die ganze dunkle zackige Wand sichtbar, und wir Alle blieben fast erschreckt vor dem Anblick stehn, der sich hier uns bot.

Die Wolken zogen von uns weg, über die Wand hinüber, und wie es bei halbklarem Himmel, wenn der Mond oben steht, gerade so aussieht, als ob jene ihren Platz behaupteten, und nur der Mond in wilder Flucht hindurchjage, so war es jetzt in wirklich Herz beklemmender Täuschung, als ob die ganze furchtbare düstere Steinmasse, die ihre scharfen Zacken in die klare Luft hineinreckte, langsam nach uns herüber schwankte, und Alle im nächsten Augenblick mit ihrer riesigen Wucht zerschmettern müßte.

Ich wußte, es war nur Augentäuschung, und doch mußte ich den Kopf wegwenden. Wie schön der Anblick war, so über alle Maßen furchtbar und bewältigend war er auch.

Wieder schloß sich da der Nebel, und des zurückkehrenden Martin Bericht brachte uns bald auf andere Gedanken.

Als er nämlich, wie er erzählte, vorher war abgeschickt worden dem Rudel, das wir poltern gehört, den Weg abzuschneiden, glückte ihm dies so vollkommen, daß er, vom Wind und ihrem eigenen Steingerassel dabei begünstigt, dicht an sie hinankam. Im ersten unbedachten Schreck flohen sie auch, wie sie den Menschen gewahr wurden, soweit es ihnen der starre Fels erlaubte, grad' an der Wand hinauf. Dorten aber kamen sie bald zu einem gezwungenen Halt, während ihnen der jetzt aufspringende Martin den Rückweg abschnitt oder doch wenigstens verstellte. Ein paar Minuten blieben sie so – und das muß wundervoll ausgesehen haben – an der steilen Felswand, eine hinter der anderen kleben, bis der Jäger endlich, um sie dort herunter zu bringen, einen Schreckschuß abfeuerte. Aber jetzt kamen sie, und zwar so rasch daß Martin versicherte: »Jetzt mußt' ich aber gemach daß ich fortkam,« denn kollernde und springende Steine und Gemsen, Alles durcheinander, brachen und prasselten plötzlich zusammen und hintereinander her den schroffen Hang nieder. Im Nu waren sie aber auch im Nebel verschwunden und nur ihr Geklapper auf den lockeren Reißen verrieth die Richtung die sie genommen.

Die Nebeljagd.

In der Flucht.

14.
Die Nachsuche.

Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel anlocke, banne und – verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an solchen Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen verlangen.

Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger dadurch forthelfen sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch einen Riß in die Sohlen beraubte – seiner gesunden Füße – so hätten die Gemsen wahrlich gute Zeit.

Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern »schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er schwindlig ist und einen festen Schritt hat.

Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der Nachsuche dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger, der ihm auf dem Schweiß folgen muß, und daß sich die kranke Gems nicht die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren« nachzusuchen.

Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war, versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge, als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf eine kleine spitze Felskuppe.

Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden, und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen, und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend, hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß.

Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden – die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit Erfolg gekrönt zu sehn.

»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute kündete – »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die Wand hinunter.«

Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt nämlich die Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,« sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das Leder ist mehr »elektrisch« – das hält!«


Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem, die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort festzuhalten.

Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen, keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen, neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm, während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere Steine von den Wänden reißt – Morgen ein stiller Pirschgang in früher Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad' Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne bis zum Rand zu füllen.

Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu schießen. Es ist wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn.

So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft, selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht zu jagen aufgehört weil man müde – sondern einfach weil es dunkel wurde, und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten zeigt – bis der Schnee kommt.


Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren, so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er erst einmal beginnt.

Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land. Das geht aber ein- oder zweimal so – nachher wird's Ernst, und hat er sich erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der Jagd vorbei, – wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren.

Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt, öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze.

Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth- und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.

Das Niedersteigen.

15.
Schluß.

Und muß es denn geschieden sein? – Die Hörner und Joche sind bis zum Fuß hinab in ihre weißen, wallenden, grün beränderten Mäntel gehüllt; der Frost hat diese Decke mit einem glänzenden, spiegelglatten Panzer umzogen, und wäre es jetzt selbst möglich in den Bergen fortzukommen, die Gemsen hörten doch schon halbe Stunden weit den lauten Schritt. – Und wie so furchtbar wild und öde jene weiten Klüfte jetzt aussehn, nun der Winter sie mit tiefem Schnee gefüllt, und Felsenspalten und Bergesschlucht mit seinem Athem glatt geebnet hat. Wie bläulich die Schatten sich darüber legen, und der Sturm den weißen Staub hochwirbelnd in die Lüfte führt. Die Laatschen biegen unter der gewaltigen Last, und sind schon lange zu festen untrennbaren Massen zusammen gegossen worden. Nur die obersten Joche hat die Windsbraut sich rein gefegt zum tollen heulenden Tanz, wirbelt da oben den Schnee lustig im Kreise herum, und jauchzt ihr wildes Jubelgeschrei in die Schluchten nieder, daß es wie gäher Donner durch die Thäler braust.

Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Plätzchen für ihre Lieblinge. An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie sich selber gegen den Schnee geschützt gehalten, und was vielleicht der Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das Gras unter diesen Bäumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob es ihm, wo überall genug der süßen Aesung steht, zu unbequem ist unter die niederhängenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bäumen freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der größte Schutz gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird, wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschöpfe vielleicht gar an solchen Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten können, dann freilich gehn sie ein, und Füchse und Raubvögel haben reiche Atzung.

Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flüchtige Gemse wieder auf den Füßen, und dann geht es mit frohen Sprüngen in die Berge hinauf, dort süßere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den schroffen Wänden giebt es auch überall Schneestürze, die hie und da einen Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Händen den grün und reich besetzten Tisch für sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht mehr des Jägers Rohr zu fürchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben Wacht halten lassen – nach unten sind sie sicher.


Vor dem Schloß stehn die Jäger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst, ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die fröhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anlaß zu den sonst häufigen Scherzen und Neckereien geben könnte.

Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du paßtest vergebens auf einen Deiner Kameraden, den Du für den Fischdieb hieltest, und während Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmüthigen Herzen auf einen spitzen Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mühsam gefangenen und so treu bewachten Forellen.

Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmüthigen aber immer etwas verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus als gewöhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich die Hand zum Abschied.

»Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nächsten Jahr.«

»Danke schön; gleichfalls – kommen Sie hübsch gesund wieder her,« nickt Jackel gutmüthig, und schüttelt die gebotene Rechte aus Leibeskräften.

»Aber Jackel,« sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prüfenden Blick an der vierschrötigen Gestalt auf und nieder gleiten läßt, mit freundlich verweisender Stimme, »wie siehst Du wieder aus. Reine Wäsche hätt'st Du Dir doch wenigstens heute anziehen können. Was sollen denn die Herren von Dir denken?«

»Ach Herr Kammerdiener,« sagt Jackel gutmüthig lächelnd, aber doch ein wenig dabei erröthend, – »die sind's halt schon an mir gewöhnt.«

Die Wagen fahren vor – die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. – Noch einen freundlich grüßenden Blick wirft der scheidende Herr über die Gestalten der Jäger, die ihm mit rasch heruntergezogenen Hüten den herzlichen Abschiedsgruß zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied nimmt – und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte Straße entlang, dem flachen Lande zu.


Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden gesperrt gesetzte Schrift sowie Textanteile in Antiqua-Schrift hervorgehoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.

Die 12 ganzseitigen Lithographien (nicht: "Das Jagdschloss.") sind im Original mit dem Hinweis "Lith. Inst. v. L. Sachse & Cº Berlin." versehen, der in der Transkription entfernt wurde. Die ganzseitigen Illustrationen wurden an das jeweilige Kapitelende verschoben.

Zwei textumgreifende Illustrationen auf den Seiten 61 und 68 werden in der Transkription beschnitten dargestellt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

im Inhaltsverzeichnis:
"Seite 121" geändert in "Seite 120"
"Seite 128" geändert in "Seite 127"
"Seite 138" geändert in "Seite 137"
"Seite 149" geändert in "Seite 148"

Seite 3:
"," hinter "Heerden" entfernt
(ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit)

Seite 10:
"-" eingefügt
(erst durch prächtige Buchen- und Ahornwälder)

Seite 15:
"Jäger-rath" geändert in "Jägerrath"
(Der Jägerrath, der Bericht der Leute)

Seite 17:
"«" eingefügt
(weil sie in den Dickichten drin stecken.«)

Seite 18:
"." eingefügt
(vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen.)

Seite 21:
"." eingefügt
(mit unbeschreiblichem Entzücken. – Was ist Nachtigallenschlag)

Seite 61:
"." eingefügt
(oben ein Stein. – Etwa hundert Schritt höher)

Seite 69:
"»" eingefügt
(»ich hab' genug an dem Schuß.«)

Seite 69:
"»" vor "Der" entfernt
(Der Wastel erwiederte Nichts)

Seite 87:
"aufloderte" geändert in "aufloderten"
(schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.)

Seite 97:
"«" eingefügt
(es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«)

Seite 97:
"«" eingefügt
(hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«)

Seite 100:
"»" eingefügt
(»er mußte drei Stunden gehn)

Seite 115:
"Schnebahn" geändert in "Schneebahn"
(als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe)

Seite 131:
"," eingefügt
(die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste)

Seite 134:
"," eingefügt
(flogen sie auf mich zu, kreisten mir)

Seite 137:
"ihn" geändert in "ihr"
(und die Jäger ihr »Ich meinet halt)

Seite 139:
"konte" geändert in "konnte"
(deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen)

Seite 140:
"." eingefügt
(sich das als ein alter Bock auswies.)

Seite 143/144:
"," eingefügt
(Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben)

Seite 150:
"gelieben" geändert in "geblieben"
(Wastel war ein Stück zurück geblieben)

Seite 151:
"»" vor "das" entfernt
(– das hält!«)

Seite 157:
"Banday" geändert in "Bandey"
(Armer Bandey, Du paßtest vergebens)