Die Sträucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie begrüßten ihn mit ihrem Lied:
über schwindelnde Abgründe hin,
du, unser lebendiges Glück,
unserer Stimmen seliger Sinn.
wenn du, auf den Schwingen die Nacht,
unsichtbar, himmlisch, leise
die Dunkelheit zu uns gebracht.
Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkränzt die Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine, Vergängliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurück, was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang ungehindert in ihre Seelen.
Als die Vögel fort und die letzten Blumen welk waren, kamen die Nebel. Die gelben Blätter der Linde lösten sich und sanken mit den Tropfen durch die kühle, graue Luft nieder auf die Ruhestätten der Pflanzen, Beeren und Gräser. Nach Tagen sahen Sonne und Wind ein buntes, freies Bild.
»War es einst anders?« fragten sich mit unbeschreiblichem Lächeln die Pflanzen. »Ist nicht nun alles gut? Wir blühten und trugen Frucht, so sind unsere Tage vergangen.« Es klang wie Wahrsagungen durch den Sinn ihrer letzten Worte: »Wir taten, was die Natur wollte, nun nimmt sie sich unserer an, in ihr kehren wir heim, und wieder zugleich.« Und eine nach der anderen sank zur Erde nieder, der Mutter. Sie spürten unter dem feuchten Teppich des Lindenlaubs den kalten Nebel nicht mehr. Die Geschöpfe dienten einander im Sterben mit ihrem Vergänglichen, wie sie zu Lebzeiten einander dienstbar und hilfreich gewesen waren. Sie ahnten noch die kalte, weiße Decke, die der Himmel eines Nachts über ihnen ausbreitete, es war wie ein schlummernder Glaube, daß eine reine Einfalt der beste Teil aller Wesen sein sollte und ihre Einigung.
**
*
Und nun lebt wohl von Herzen, ihr, die ihr mir gelauscht habt, und gedenkt meiner. Habe ich euch kleine Dinge groß gezeigt und große einfach, so glaubt mir, daß alles, was wir erleben, uns nicht größer erscheinen kann, als unser Herz groß ist, und alle Dinge, die uns begegnen, sind uns so viel wert, als unsere Liebe zu ihnen uns Glück bedeutet. Glaubt mir, denn ich weiß es zuversichtlich!
Wir müssen alle das Lächeln wieder lernen, das unseren kurzen Lebenstagen und ihrem vergänglichen Werk und Schmerz gilt, denn wir erfahren in unserer Lebenszeit von der Erde und ihrem und unserem Wesen so wenig, daß wir nicht glauben dürfen, unser irdischer Aufenthalt sei der Sinn unseres Daseins. Wir sind alle aus der Freude geboren und kehren zu ihr zurück.
Ende
Die Bücher von Waldemar Bonsels
aus dem Verlage von Schuster & Loeffler in Berlin W
Die Biene Maja und ihre Abenteuer. 150. Auflage. M. 3.– brosch., M. 4.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 25.–
Himmelsvolk. Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott. 90. Auflage. M. 3.50 brosch., M. 5.– geb.
Das Anjekind. Eine Erzählung. 25. Auflage. M. 3.– brosch., M. 4.50 geb.
Der tiefste Traum. Eine Erzählung. 17. Auflage. M. 3.– brosch., M. 4.50 geb.
Blut. Eine Erzählung. 15. Auflage. M. 3.50 brosch., M. 5.– geb.
Wartalun. Eine Schloßgeschichte. 37. Auflage. M. 5.– brosch., M. 7.50 geb., Luxus-Ausgabe M. 28.–
Don Juan. Eine epische Dichtung. 3. Tausend. M. 7.– geb., Luxus-Ausgabe M. 20.–
Norby. Eine dramatische Dichtung. 3. Tausend. M. 7.– geb., Luxus-Ausgabe M. 20.–
Bei Rütten & Loening in Frankfurt
Indienfahrt. 68. Tausend. M. 5.– brosch., M. 7.50 geb.
Menschenwege. Notizen eines Vagabunden. 35. Tausend. M. 5.– brosch., M. 7.50 geb.
Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischen Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
- S. 004: ist in gleichem Verlag → im gleichen
- S. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl → irdisches
- S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] vom Irdischen abgewandt hat.«
- S. 086: das Angesicht der Muttter → Mutter
- S. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf → Bachstelze
- S. 114: sagte der Graeshüpfer → Grashüpfer
- S. 117: auf der Oberfläsche schwamm → Oberfläche
- S. 118: [Punkt ergänzt] um ihn abzutrocknen.
- S. 131: bis sie eine Entgeguung darauf → Entgegnung
- S. 151: die letzen Sommerblumen → letzten
- S. 178: [Punkt ergänzt] Kopf fortschleudern wollte.
- S. 209: [Anführungszeichen ergänzt] »Goldene Sonne, ein Elfenkind
- S. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür → himmlisches
- S. 221: [Anführungszeichen korrigiert] ›Es wird alles, alles gut,‹ etc.
- S. 242: die Schatten des Totes → Todes
Transcriber’s Notes: The table below lists all corrections applied to the original text.
- p. 004: ist in gleichem Verlag → im gleichen
- p. 059: Da wußte ich, daß mein irdischer Gefühl → irdisches
- p. 065: [added closing quotes] vom Irdischen abgewandt hat.«
- p. 086: das Angesicht der Muttter → Mutter
- p. 095: Onna, die Bach stelze, war schon auf → Bachstelze
- p. 114: sagte der Graeshüpfer → Grashüpfer
- p. 117: auf der Oberfläsche schwamm → Oberfläche
- p. 118: [missing period] um ihn abzutrocknen.
- p. 131: bis sie eine Entgeguung darauf → Entgegnung
- p. 151: die letzen Sommerblumen → letzten
- p. 178: [missing period] Kopf fortschleudern wollte.
- p. 209: [added opening quotes] »Goldene Sonne, ein Elfenkind
- p. 209: gib mir dein himmliches Gold dafür → himmlisches
- p. 221: [use of single quotes] ›Es wird alles, alles gut,‹ etc.
- p. 242: die Schatten des Totes → Todes