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Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen cover

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen

Chapter 5: Einleitung.
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About This Book

A selection of miscellaneous philosophical and literary writings gathers polemical sketches, a programmatic proposal for reorganizing higher education, theoretical essays on language, aesthetics and pedagogy, sermons, reviews, and various poems and translations. The polemical pieces dissect opposing views with methodical irony, while the university plan advocates transforming the institution into a school for the free exercise of scientific reason through dialogical instruction and merit-based advancement. Theoretical essays consider the relation of idea and sensibility, the origin and function of language, and practical means of enlivening interest in truth. Shorter contributions offer critical assessments and metrical translations that reflect the author’s broader intellectual concerns.

The Project Gutenberg eBook of Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze

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Title: Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze

Author: Johann Gottlieb Fichte

Editor: Immanuel Hermann Fichte

Release date: March 5, 2016 [eBook #51359]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Karl Eichwalder, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net This
book was produced from scanned images of public domain
material from the Google Books project.

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: VERMISCHTE SCHRIFTEN UND AUFSÄTZE ***

Johann Gottlieb Fichte’s
sämmtliche Werke.

———

Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.

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Achter Band.


Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.

Johann Gottlieb Fichte’s
sämmtliche Werke.

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Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.

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Dritte Abtheilung.
Populärphilosophische Schriften.

Dritter Band:
Vermischte Schriften und Aufsätze.


Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.

Inhaltsanzeige
des achten Bandes.

    Seite
1) Nicolai’s Leben und sonderbare Meinungen, 1801 3-93
2) Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, 1807 97-204
  Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt):  
  a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an einer deutschen Universität, 1805 207-216
  b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu Berlin, am 16. April 1811 216-219
3) Vermischte Aufsätze:  
  A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks, ein Räsonnement und eine Parabel, 1791 223-244
  B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt) 245-269
  C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794 270-300
  D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache, 1795 301-341
  E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an Wahrheit, 1795 342-352
  F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt) 353-360
  G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt) 361-407
4) Recensionen:  
  A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die Freiheit des Willens, 1793 411-417
  B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793 418-426
  C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796 427-436
5) Poesien und metrische Uebersetzungen:  
  A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt) 439-459
  B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt) 460-471
  C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und Italiänischen (meist ungedruckt) 472-479

Vorrede des Herausgebers.

Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der „Nachgelassenen Werke“ noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in nächster ergänzender Beziehung zueinander.

Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: „Nicolai’s Leben und sonderbare Meinungen“ (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: „Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,“ (Bd. VIII. S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält (S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum mitzutheilen.

Der „Universitätsplan“ gehört in jene Reihe von Entwürfen zur Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben „sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte“ und bei dem Entwurfe selbst ihn davon lossprach, „an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden“ (Worte aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).

So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur „Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches“ sich zu erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei, wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.

Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen, das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten Regierungsgewalten ihr verlieh.

Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!

Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte’s Universitätsplane vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. —

Von den nun folgenden „vermischten Aufsätzen“ schien uns jeder beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den Interessen, welchen sich Fichte’s Geist zu verschiedenen Zeiten zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten Bande der „Nachgelassenen Werke“ (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.

Von den weiteren Abhandlungen müssen wir „die Briefe über Geist und Buchstab in der Philosophie“ (1794, ursprünglich für Schillers Horen bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der Unmittelbarkeit des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen, — eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden ist, wiewohl sie auch in Fichte’s Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das Princip derselben dort also bezeichnet: „dass die schöne Kunst den transscendentalen Gesichtspunct“ (den der Vernunft) „zum gemeinen“ (unmittelbaren) „mache.“ Wir finden in dieser Bestimmung keinen wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der Idee, die Natur, fortwährend blosse Sinnenwelt, ein schematisches, der Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein Naturschönes anerkennen, und deshalb musste er auf die Frage, wo die Welt des schönen Geistes sey, antworten: „Innerlich in der Menschheit, und sonst nirgends“ (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1] Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich harmonische Schönheit darzustellen. —

Die Abhandlung: „über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache“ wird auf den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt, wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im Einzelsubjecte, in keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt hat.

Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen, die sie vielmehr — (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) — nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.

Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend: — was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt; aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte’s Abhandlung geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.

Die erstere macht er zur Ursprache, und fügt hinzu, dass sich diese vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl zu beachtendes Moment.

Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide ursprünglich mit einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit), kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer reicher in sie sich einbildet.

Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste, was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht (Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; — was nicht minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit giebt. Die Sprache ist ebenso „eingeboren,“ — Ursprache, äusserlich bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die Immanenz der Vernunft im Menschengeiste — als sie zu ihrer Ausbildung und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf. Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene „Ursprache“ ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles Sprechens. —

Das philosophische Fragment endlich, „Bericht über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben“ (1806), dessen erster Abschnitt bereits in den „Nachgelassenen Werken“ erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes, in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen es leicht sich aneignen kann.

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Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles Wissens zu bezeichnen. — Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift „zum ewigen Frieden“ (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren Staatslehre zeigen.

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In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre. Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, — ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, — sondern um das Bild von Fichte’s Charakter nach einer Seite hin zu vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte; — wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer „Novelle“ aus dem Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.

Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine „natürliche Tochter,“ könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik, namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks „heilige Genoveva“ erregte bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: „der Tod des heiligen Bonifacius“ vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart untergeht, zu schildern gedachte. — In späteren Jahren endlich, als ihn das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem Purgatorio ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: „Vesta, Königsberg 1807“ abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.

[1] Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte’s ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen Abhandlung: „über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst“ (in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165 ff.). Das Obenangedeutete und Fichte’s hier wiederabgedruckte Abhandlung mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.

Friedrich Nicolai’s
Leben und sonderbare Meinungen.

Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.

Von
Johann Gottlieb Fichte.

Herausgegeben
von
A. W. Schlegel.

Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung. 1801.

Vorrede des Herausgebers.

Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung, welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte’s wäre es vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden, so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben. Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das bisherige vergeben und vergessen.

Einleitung.

Ich habe zu Friedrich Nicolai’s zahllosen Schmähungen und Verdrehungen meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine persönliche Ehre angegriffen; — denn dass er der Verfasser sey von der in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises. Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. — Ich bin es zwar nicht dem Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, — wohl aber dem Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig, mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. —

Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist, als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei Facta und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen werden. — Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter war mir, seitdem ich ihn gekannt habe — ich lernte ihn in dem Streite zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen — Friedrich Nicolai. Sein Bild wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde, welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum warnenden Beispiele hinstellen.

Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt, dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen anstellt.

Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen, welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung, wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne, dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.

Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben. Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft, oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn, oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden, als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.

Wir gehen an unser Vorhaben.

Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch, sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben zum Grunde gelegen habe.

Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je bekannt geworden.

Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.

Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund, warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, — weil nemlich die Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist, dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde — fällt bei Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter. Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will, wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und Handelsweisen abänderte.

Erstes Capitel.
Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind.

Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey, und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte, dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey, gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht gedacht hätte, oder nicht denken würde.

Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel, alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten, sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung; daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt; dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich schämten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch — er sey ein geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete von ihr aus, als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals über sie. Er starb daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich selbst zu Ende gekommen zu seyn.

Zweites Capitel.
Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze gekommen seyn möge.

Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es, so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst — denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte — er selbst hat, nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet, und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner erinnern kann — und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren erinnern — durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde, und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde eben nicht gesagt; — und da man nur um sagen zu können lernte, auch nicht weiter gelernt, — späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer, deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der Einsicht und des Zwecks. — Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und herzlicher meinte, als unser Held? — Der zweite dieser Männer, in deren Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger, rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held, der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte, mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb, hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan; entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern: Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in ihren Fächern sind.

Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit. Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen. Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit ihm zusammenwachsen musste.

Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?

Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war, versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge, liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation. Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt, zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen glaubte?

Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht — diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.

Anmerkungen.

[2] Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so: Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt, dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden verspottet. In dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, — in der Schrift gegen die Xenien, wo ich nicht irre, — es solle nunmehr mit Fichte nicht einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs Gewissen; er fand nun doch, „dass andere Gelehrte wohl etwa glauben möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w. stecke etwas, dass er aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.“ Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte, so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan werden.

[3] Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst, in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: „ihm sey von jeher sehr geschmeichelt worden.“

Drittes Capitel.
Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers Helden sich geäussert habe.

Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden, theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster, wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich; und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.

Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen, und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir verbietet, sie zu nennen: — hat er nicht Schriftsteller allein, sondern durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig ausgegeben wird — hat er dadurch auch junge bildende Künstler herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus, als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.

Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was hätte an ihnen daran seyn können? — Hatten sie sich denn erst in der A. D. B. unter Nicolai’s Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.

Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde, unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer, dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch alles entstand.

Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg einschlagen möchten. Man sah es ihm — sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung — man sah es ihm an, dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu benehmen.

Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er vermuthlich auch Nicolai’s Rath eingezogen; — denn den pflegte dieser keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs, die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen deutschen Bibliothek unter Nicolai’s eigener Redaction bringen könnte.

Anmerkungen.

[4] M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai’schen Reisen. S. 337 ff.

[5] M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz vor derselben die Recension des Krugschen Buches.