„Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel. Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den Sphärenwohnungen.“
Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische. Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen Totengenien.
Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte, daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch begegnen.
Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das Zwischenreich zieht, um anderen Tages als Morgensonne, Horus, im Osten wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti, gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris, sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.
Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen, welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.
Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte. Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den „Weg, der unter der Erde ist“. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner, die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen „die armen Seelen des Fegfeuers“. Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu verrichten, „zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt“. Alles Arbeiten, welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur „vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten“, wie es auf den Texten der Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner Mutter, fast stets darin bemerkt ist, „Licht ausgestrahlt“, das heißt, daß er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die Uschabti noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, – Abenteuer, die zwar recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.
Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti, wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren, Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne Darstellung des Amenti.
An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein, gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die Barke, um auf dem „Wasser des Friedens“ zu fahren, vorbei an Städten und Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen, die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit, ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt er in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber, verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.
Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand. Maspero sagt:
„Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft“ (richtiger: Dämon = chu), „sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.“
Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. – Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:
„Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte, mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war, um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen, als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.“
Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf Holzsärgen der 11. Dynastie. – Das Totenbuch wurde von den Priestern sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:
„Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch von der verborgenen Wohnung.“ (Ferner Kapitel 133:) „Laß dieses Buch keines Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten, wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.“
Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.
Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei Paracelsus ausgeprägt.
Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen Priesterlehre. Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des Menschen nennen.
Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch chat, hebräisch guf, bei Paracelsus „Elementarleib“ ausgehend, finden wir als das zweite, das Leibesleben, ägyptisch anch, hebräisch coach ha guf, bei Paracelsus „der Archäus“ oder die „Mumia“. Dieses anch, Leben, wurde als Hauch und Lebenswärme (nifu und bas) gedacht, und da es durch den Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der Verstorbene nicht ein anch, ein körperlich Lebender, sondern ein sahu, ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: „Es macht ihn zum sahu der Gott Anubis selbst.“ Bei einer ähnlichen Abbildung lautet die Beischrift: „Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich zu ihrem göttlichen sahu.“
Der dritte Grundteil, in der Kabbala Nephesch, bei Paracelsus „der siderische Mensch“, „Astralleib“ oder Evestrum wird durch die Hieroglyphe ka bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über den ka ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des Menschen nach dem Tode, le double de l'homme, erklärt. Pierret widerspricht dem und findet in ka gerade im Gegenteil die körperliche Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. Ka ist die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten Grundteil, dem cheybi, kennen lernen. Ka ist auch die körperliche Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht somit vollständig dem obersten Gliede im Zelem des Nephesch.
Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der Habal de garmin der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende Zelem des Nephesch, bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die, wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette, welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es im Texte heißt, daß er sich „in den Leib versenkt“. Einige Zeilen weiter heißt es: „(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.“ Dieses Leben also, das Resultat des durch den Tod vernichteten anch, kann daher wohl für übereinstimmend mit dem Habal de garmin angesehen werden.
Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala Ruach, bei Paracelsus „der tierische Geist“. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz dar, mit der Lautung hati und ab. Als der Sitz des Gemütes, des Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele, sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen. Auch als Wille oder tierische Seele finden wir hati im Totenbuch aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben, wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar geschieht dies, wie es dort heißt, „zum Besten seines ka“, seines Astralleibes. Dieses „zum Besten seines ka“ ist insofern wichtig, als daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der ka, der Astralleib, als die körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.
Der fünfte Grundteil ist die Seele, Neschamah, bei Paracelsus die „verständige Seele“, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit Menschenkopf, bai oder ba. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele, ägyptisch bai heißt. Da nun aber das griechische Wort ψυχὴ verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (ratio), Gemüt (mens) und Leidenschaft (appetitus), dann Lebenskraft (spiritus vitalis), wir aber die letzteren bereits in hati, ab und anch kennen gelernt haben, da ferner ba im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für bai nur die Bedeutung Verstand (ratio) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem Neschamah der Kabbala paßt.
Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den Zelem des Ruach ausmachen, und zugleich das unterste Glied im Zelem der Neschamah. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt die unbewußte, die transscendentale Person.
Der sechste Grundteil, in der Kabbala chaijah, bei Paracelsus „Geistesseele“, ist hieroglyphisch cheybi, der Schatten, geschrieben durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt (ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den σκιαὶ und umbrae der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden kann. Der cheybi wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die Dualform cheybti vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib ka, der ja als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.
Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen der cheybi umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen cheybi bekrönt abwechselnd mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.
Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren jeschida und „der göttliche Gedanke“ der deutschen Mystik, oder bei Paracelsus „der Mensch des neuen Olymps“, ägyptisch geschrieben durch die Hieroglyphe chu, deren Bedeutung: „Der Leuchtende, Strahlende“ ist. Es ist der „Geist“ im höchsten Sinne des Begriffs. Mit cheybi und bai vereint bildet er die Wesenheit des verstorbenen Gerechten oder Verdammten (für welche beide der Ausdruck chu gebraucht wird, bei letzteren jedoch mit dem Zusatz moti, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die δαίμονες, ήρωες und ψυχαὶ ἄρχοντοι in dem Jamblichus zugeschriebenen de mysteriis liber zu sein.
Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92. Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend, zum oberen fortschreitend. So heißt es: „Nicht werde meine Seele gefangen, nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem ba, meinem cheybi und meinem chu“. Dieses also sind die drei obersten Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: „Der Weg der Bösen sei abgelenkt von meinem ka, meinem ba und meinem chu.“ Hier sind also der 3., 5. und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade, außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf, welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath überreicht dem Verstorbenen seinen ka, Hapi sein ab, Tiaumutef seinen ba und Kebsonuf seinen cheybi.
Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen, daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze, Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien. Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte, was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl vertraut wurde.
In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet wurde.
Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um 1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen haben dürfte: darüber läßt sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse war, die Worte geschrieben:
„Keiner lüftet jemals meinen Schleier“.
Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren, und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.
Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist. Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.
Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert, um sich mit den Kräften und Individualitäten der Natur in Verbindung zu setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand versetzen muß.
Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette, in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den Menschen oft geflissentlich belügen. – Die Kabbala kennt also bereits die bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge tragenden esprits menteurs unverkennbar geschildert sind.
Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell verkommen lassen und alle „Schrecken des Mediumismus“ über ihn heraufbeschwören.
Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht über das zu geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern, Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim, das Werk der Elementarwesen, nennt.
Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen Geheimlehre ausdrückt, „nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]“. Demgemäß läßt sie die Elemente durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. – Die ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur und helfen den Menschen gern. – Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. – Die dritte Klasse steht noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch (Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem mineralischen Nephesch bekleidet ist. – Diese beiden letzten Klassen können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen. Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung unterworfen.[308]
Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] – Die Kabbala unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein Gedanke, welchem wir bei den Sylvestres, Vulcanales usw. des Paracelsus wieder begegnen.
Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind, weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt, weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. – Ganz besonders sind es widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim anziehen, weshalb manche Zauberer – Bileam[312] gilt hier κατ' ἐξοχὶν als Beispiel – solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn „das Wesen der Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen Gange, das ist der Wille Gottes[313]“. – Ich habe wohl kaum nötig, hierzu auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.
Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine Art dämonischer Schemen bilden. – Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus und Jung-Stilling wiederholt.[314] – Doch nicht allein durch die Claim werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden erzeugten Wesen gesprochen, damit diese dem Leichnam nicht nahen und ihn nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]
Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt – wie erwähnt – Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim – entgegengesetzt den wirklichen Dämonen – die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. – Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und von Ort zu Ort bewegen können.[317] – Die Bringungen, Bewegungsphänomene usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.
Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen Menschen Sehergabe und magische Kraft – wenn auch in verschiedenen Graden – vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung, Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft möglich ist.
Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr inneres Objekt gerichtet sein. Endlich aber muß die Imagination klar, stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre Imagination zu steigern.
Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat, und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist, weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und des Neides gilt. – Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]
Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala – in Hinsicht der Stärke – Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und Balak.[325]
Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht, durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine eigene Kraft nicht ausreicht.
Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr Gebiet hineinimaginieren.
Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]
Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist. Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die Offenbarungen – namentlich die unglücklicher Ereignisse – „die Vollzieher der Strenge“ (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung stehen, den Menschen im Traume.[328] Deshalb ist nach kabbalistischer Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.
Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere Nichusch genannt.
Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit bedingter Gewißheit verkünden.[329]
Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.
Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur, aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen der Bäume, aus dem Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen Wahrsagekünste.
Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt. Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] – Die Kleromantie oder Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] – Bei dem magischen Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins befindet.[334]
Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen herbeizuführen.[335] – Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem Äußeren und die Anwendung heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen „Sarim“ (Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die „hohen Geister“ der Spiritisten nicht fehlen.
Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche, welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen, nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]
Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen, um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und Räucherungen bestanden.
Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch sagt: „Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch geordnet sein.“[339]
Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der Beschwörung der „Satanim“ oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]
Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim angeblich von den „Jidonim“ genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus ihnen heraussprechen.[341] – Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]
Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, „durch dessen Kraft der Auferstehungsleib gebaut wird[343]“, hat die Gestalt des Körpers, schwebt über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet sind.[344] – Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der finstern Welt fällt, so ist die von den „Ob“ genannten Nekromanten gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. – Eine andere Art Nekromantie besteht darin, daß der Zauberer den Schädel eines Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme antwortet.[347]
Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft (schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große Rolle spielen.[348]
Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste Daseinsstufe, die heilige Manie.
Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe, sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen, welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft – wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend – keine anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren – ungeachtet einer gewissen trennenden Verschiedenheit – in dem ersteren aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir nur, daß sie – ohne Sonderbezeichnung – in jener Periode überhaupt existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung „Thannaïm“ auf, welches Wort „Organe der Tradition“ bezeichnet, kraft deren man alles lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim (אמוראים) führt, weil sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden endlich unter dem Namen der Gemara (גמרא) d. h. „Tradition“ gesammelt. In diesen beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit heilig aufbewahrt und unter dem Namen „Talmud“ (Studium, Wissenschaft) vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der Kabbala gaben.
Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.
„Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur einer einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.“
Der Talmud überliefert (Hagiga 13a) eine Bereita, welche nicht in die Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya hinzusetzt: „Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.“
Ein Talmudist, Rabbi Zera (a. a. O.) zeigt sich noch strenger, denn er sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte des Originals zu gebrauchen: „welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.“
Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand, und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken, daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir Maimonides Glauben schenken dürfen, der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel: „Geschichte der Genesis oder der Schöpfung“ (מעשה בראשית) die Wissenschaft der Natur, während der zweite, „die Geschichte des Wagens“ (מעשה מרכבה) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.
Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht weniger evidente Weise hervorgeht:
„Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und einige Zeit später sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich dazu würdig gehalten hätte, so würde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem Lehrer, gelernt haben.“[351]
Man sieht aus diesen Worten, daß, um in die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine hervorragende Stellung genügte, sondern daß auch dazu ein gewisses fortgeschrittenes Alter nötig war, und selbst wenn man diese auch von den modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfüllte[352], so hielt man sich weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft für sicher genug, um die Last dieser gefürchteten Geheimnisse auf sich zu nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr für den positiven Glauben und für die äußere Beobachtung der religiösen Vorschriften waren. Es möge hier ein merkwürdiges im Talmud erzähltes Beispiel folgen, welches uns in allegorischer Sprache folgende Erläuterung giebt:
„Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne ein, nämlich Ben Azaï, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Azaï warf einen neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift anwenden: Der Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353] Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet: Findest du Honig, so iß seiner genug, daß du nicht zu satt werdest und speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an. Nur Akiba ging davon in Frieden.“[355]
Es ist kaum nötig, diesen Text buchstäblich zu verstehen und anzunehmen, es handle sich hier um eine wirkliche Vision des künftigen Lebens, denn erstens ist es ohne Beispiel, daß der Talmud, wenn er vom Paradies spricht, solche mystische Ausdrücke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung finden. Und wie würde sich zweitens damit vereinigen lassen, daß zwei lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwählten blicken, den Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzählung angiebt? Dagegen ist zu bemerken, daß nach den angesehensten Autoritäten der Synagoge der Garten der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die mysteriöse Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich für schwache Gemüter ist, daß sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere will die Gemara andeuten, wenn sie bezüglich Achers sagt, daß er Verwirrung unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzählt uns, daß der in den talmudistischen Erzählungen so berühmte Acher ursprünglich einer der Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in Acher[356] umgewandelt wurde, um die Änderung zu kennzeichnen, die sich in ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verließ, in welchen ihn eine verhängnisvolle Neugierde geführt hatte, ward er ein ausgesprochener Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bösen, lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines ersten Irrtums? Wohin führten ihn seine Forschungen über die wichtigsten Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, daß er die beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud, nach welchem wir die obige Erzählung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er sagt, daß Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: „Wenn es möglich ist, so sei mir erlaubt, zwei Mächte anzunehmen.“ Wir wollen uns nicht zu lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere anzuführen, nur sei bemerkt, daß der Engel oder die Metatron[357] genannte Hypostase eine große Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er herrscht über alle himmlischen Sphären, die Planeten und Fixsterne sowie über die Engel, welche denselben vorstehen, denn die über ihm stehenden intelligibeln Formen der göttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so immateriell, daß sie keine unmittelbare Wirkung auf körperliche Dinge ausüben können. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des Allmächtigen. – Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum hervorzurufen.
Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des wichtigen Punktes abschließen, daß eine Art Philosophie oder religiöser Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannaïm oder den ältesten hebräischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, daß man früher drei Namen besaß, um die göttliche Wesenheit zu bezeichnen und auszudrücken: nämlich das berühmte Tetragrammaton oder den aus vier Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte Namen, von denen der eine aus zwölf und der zweite aus zweiundvierzig Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, dessen Gebrauch der großen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der Schule. „Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wöchentlich ihren Söhnen und ihren Schülern.“ Der aus zwölf Buchstaben bestehende Namen war anfänglich noch bekannter und verbreiteter. „Man lehrte ihn aller Welt. Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese ließen ihn mit leiser Stimme von ihren Brüdern während der Segnung des Volkes wiederholen.“ Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das heiligste Geheimnis betrachtet. „Man lehrte ihn nur einem Mann von anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der Unmäßigkeit und Eitelkeit unzugänglich und in angenehmem Verkehr mit seines Gleichen lebte.“ „Wer, sagt der Talmud, in dieses göttliche Geheimniß eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zählen; sein Name flößt Achtung ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht fürchten und er wird der Erbe beider Welten, der gegenwärtigen und der künftigen.“[358]