Gott grüss Euch, Alter! Schmeckt das Pfeifchen?
und:
Ein andermal von euren Thaten!—
In Gottlob Wilhelm Burmanns (1737-1805) "Kleinen Liedern für kleine Jünglinge" (Berlin und Königsberg 1777) beginnt das Lied "Arbeit" also:
Arbeit macht das Leben süss.—
Von Matthias Claudius (1740-1815) citieren wir:
Ach, sie haben
Einen guten Mann begraben;
Und mir war er mehr
aus seinem Gedichte "Bei dem Grabe meines Vaters" (I. und II. T. d. "Wandsbecker Bothen", Hamburg 1775, S. 96); aus seinem 1775 im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1776 erschienenen, von Joh. André ("Musikal. Blumenstrauss", Offenbach 1776) komponierten "Rheinweinlied":
Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,
und aus seinem im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1786 erschienenen Liede "Urians Reise um die Welt" die Anfangsverse:
Wenn jemand eine Reise thut,
So kann er was verzählen.—
Die Bezeichnung einer unmöglichen Existenz durch:
Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt
gehört Georg Christoph Lichtenberg (1742-99), der im Göttingenschen Taschen-Kalender von 1798 ein "Verzeichnis einer Sammlung von Gerätschaften, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche verauktioniert werden sollen", angeblich "nach dem Englischen" mitteilt, in welchem Verzeichnis unser Wort den ersten Auktionsartikel bildet.—
Joh. Gottfried Herder (1744-1803) nannte (in der 1801 bis 1803 erschienenen "Adrastea", Bd. 3, im Artikel "Kunst-Sammlungen in Dresden", S. 52-56) Dresden wegen seiner Kunstschätze ein "Deutsches Florenz", woraus
Elb-Florenz
entstanden ist.—
Aus seinem Gedichte "Der gerettete Jüngling" (in der Sammlung der Legenden, die Herder in seinen "Zerstreuten Blättern", 6. Sammlung, Gotha 1797, S. 285-289 gab) wird citiert:
Eine schöne Menschenseele finden
Ist Gewinn.—
Aus Herders Gedicht "Der Gastfreund" wird
Nur über meinen Leichnam geht der Weg
nicht nach Schillers Fassung ("Wallenst. Tod" 5, 7):
Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn,
sondern nach Körners ("Hedwig" 3, 10) also citiert:
Nur über meine Leiche geht der Weg.—
Herders Gedicht "Die wiedergefundenen Söhne" ("Adrastea" 2, 200-204, Lpz. 1801) bietet:
Was die Schickung schickt, ertrage!
Wer ausharret wird gekrönt.
Die erste Zeile stammt wohl aus Shakespeares (Heinrich VI., T. 3, 4, 3):
"What fates impose, that men must needs abide".—
Der von Herder bearbeitete "Cid" (1805) beginnt:
Trauernd tief sass Don Diego.—
Im 28. Gesange heisst es:
Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!
- - - -
Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!—
Der 51. Gesang enthält:
"Auf ins Feld! Es geht zum Siege,
Krieger, gen Valencia!"
was wir nach Pius Alex. Wolffs "Preciosa" (1821) 4, 12 in der Form citieren:
Auf (denn)—nach Valencia!
Reinhold Köhler, "Herders Cid und seine französische Quelle", (Lpz. 1867) hat nachgewiesen, dass mit Ausnahme von 14 Romanzen Herders Cid eine bald mehr bald weniger treue metrische Übertragung einer namenlosen französischen Prosabearbeitung der spanischen Cid-Romanzen in der "Bibliothèque universelle des Romans", (1783, Juli) ist. Die 22 ersten Romanzen erschienen in der "Adrastea" 5, 165-239, Leipz. 1803.—
Karl Arnold Kortum[24] (1745-1824) lässt in T. I, Kap. 19 der 1784 in Münster erschienenen "Jobsiade" bei den wunderlichen Antworten des Examinanden stets die Verse wiederkehren:
Über diese Antwort des Kandidaten Jobses
Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.—
[24] Nicht: Kortüm.
In Trapps "Braunschweigischem Journal", 11. Stück, Novemberheft 1790, schlägt der Sprachreiniger Joachim Heinrich Campe (1746-1818) auf S. 280-282:
Zerrbild
oder: "Zerr-gemälde" für "Karikatur" vor und für "Delicatesse" auf S. 282:
Zartgefühl,
was Weigand ohne Begründung auf Lessing zurückführt. In Wielands "Pervonte" (1778) wird das Wort noch wie "Zärtlichkeitsgefühl" gebraucht, wenn (3. Teil) Vastola sagt:
"Wo nimmt es wohl Pervonte her,
Dass unser einer sich von Zartgefühlen nähre?"—
In seiner Schrift "Über die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache" (Dritter Versuch. Verb. u. verm. Ausg., Brnschw. 1794, Ausübender Teil, S. 284) empfahl Campe für "Rendez-vous" das Wort "Stell-dich-ein", welches wir jetzt
Stelldichein
schreiben. Ebenda (S. 14) spricht er von dem "anfangs so laut verworfenen, nachher von vielen guten Schriftstellern angenommenen Wort":
Umwälzung
für "Revolution". Dies Wort hatte er in den "Briefen aus Paris" zum ersten Male versucht, welche im "Braunschweigischen Journal" abgedruckt wurden. Im 3. Bd., 1789, 2. Brief aus Paris, steht S. 303:
Staatsumwälzung.—
Aus Friedrich Justin Bertuchs (1747-1822) Lied "Das Lämmchen" ("Wiegenliederchen", Altenburg 1772, S. 30) wird
Ein junges Lämmchen, weiss wie Schnee,
und:
Die Freuden, die man übertreibt,
Die Freuden werden Schmerzen.
in der Form citiert:
Die Freuden, die man übertreibt,
Verwandeln sich in Schmerzen.—
Gottfr. Aug. Bürgers (1748-94) Gedicht "Die Weiber von Weinsberg" (1774) enthält:
O weh, mir armen Korydon!,
eine Klage, die sich ursprünglich auf den in unerwiderter Liebe zum schönen Alexis hinschmachtenden Schäfer Korydon in Vergils 2. Ecloge[25] bezieht, der den Namen seinem Vorbilde Theokrit entlehnte, in dessen 4. Idylle Korydon handelnd auftritt, während er Idylle 5, 6 nur erwähnt wird. Bürger benutzte ein altes Studentenlied, in dem ein Vers beginnt:
O weh, mir armen Choridon, o weh!
("Studentenlieder des 17. und 18. Jahrh.", herausg. v. Rob. u. Rich. Keil, 1861, S. 171.) Zu erinnern ist hier auch noch an das Gedicht des Adam Olearius:
"Coridons Klage über die jetzige verkehrte Welt".—
[25] Vrgl. Vers 69:
"Ah, Corydon, Corydon! Quae te dementia cepit!"
"Korydon, Korydon, Ach! Welch Wahnsinn hat dich ergriffen!"
Wonach dann bei Iuvenal 9, 102 "O Corydon, Corydon!" so viel heisst, wie "O du Hans Narr!"—
In Bürgers "Lenore" (Göttinger Musenalmanach von 1774, S. 214) Strophe 1, 3 steht:
Bist untreu, Wilhelm, oder todt?—
Strophe 2, 2 bietet:
Des langen Haders müde.—
und Strophe 9, 1 u. 2 enthält das Wort:
Hin ist hin!
Verloren ist Verloren!—
Der 6. Vers der 20. Strophe dieses Gedichtes, der mehrmals darin wiederholt wird:
Die Toten reiten schnell!
ist nicht Bürgers Erfindung, sondern (nach Althof "Leben Bürgers" Göttingen 1798, S. 37) dem Munde eines Bauermädchens entnommen, das er einst im Mondschein singen hörte:
Der Mond, der scheint so helle,
Die Toten reiten so schnelle,
Fein's Liebchen, graut dir nicht?
Diese wenigen Worte hätten ihm nie wieder aus dem Sinne gewollt, und aus ihnen hätte sich nach und nach das gewaltige Lied "Lenore" gestaltet.
Nach Herders erst 1815 nach seinem Tode erschienener Recension (Ausg. Suphan, Bd. 20, S. 377-379) des Althofschen Buches hat Herder in seiner Kindheit in einer Weltecke in Ostpreussen oft ein Zaubermärchen erzählen hören, in dem der Refrain (und zwar mit einer Antwort vermehrt) gerade die Strophe war, die Bürger singen hörte. Der Geliebte nämlich reitet mit der Geliebten in einer kalten, mondhellen Winternacht und spricht sie im Weiterreiten wiederholt an:
Der Mond scheint hell,
Der Tot reit't schnell,
Feinsliebchen, grauet dir?
worauf sie antwortet:
Und warum sollt's mir grauen?
Ist doch Feinslieb bei mir.
"Die Toten reiten schnell", heisst es auch in dem in "Des Knaben Wunderhorn" (B. II, S. 19; 1. Ausg. 1808) mitgeteilten Liede "Lenore", welches die Überschrift hat: "Bürger hörte dieses Lied nachts in einem Nebenzimmer". L. Erk hält es nicht für ein Volkslied. Die Überschrift "Aus dem Odenwald", welche es in der 2. Ausg. v. J. 1846 bekommen hat, enthält wohl nur eine Mutmassung. Erk hat kein solches Lied im Odenwald ausfindig machen können. In der Bearbeitung von Achims von Arnim und Clemens' Brentano "Des Knaben Wunderhorn", die Birlinger und Crecelius 1876 lieferten, steht es T. 2, S. 263 und ist betitelt "Die Toten reiten schnell". In Heines "Französischen Zuständen", Brief XIII vom 25. Juli 1840 heisst es:
"Auf den hiesigen Boulevards-Theatern wird jetzt die Geschichte Bürgers, des deutschen Poeten, tragiert; da sehen wir, wie er, die Leonore dichtend, in Mondschein sitzt und singt: Hurrah! les morts vont vite—mon amour, crains-tu les morts?"
Schon Mme de Staël (1813: "De l'Allemagne" XIII) citierte bei Besprechung Bürgers das "Les morts vont vite".—
Aus der Schlussstrophe der "Lenore" ist:
Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht!—
Aus Bürgers "Der Kaiser und der Abt" ("Gedichte", Götting. 1778) stammt:
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht,
und:
Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
Hätt' sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.—
Bürgers Ballade "Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg" (Januar 1778) beginnt:
Knapp', sattle mir mein Dänenross,
Dass ich mir Ruh erreite.—
Bürgers "Trost" (vermutlich 1786):
Wenn dich die Lästerzunge sticht,
So lass dir dies zum Troste sagen:
Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
Woran die Wespen nagen,
stand zuerst im Göttinger Musenalmanach für 1787, S. 7.—
Ludw. Heinr. Christoph Höltys (1748-76) 1775 verfasstes, im Vossischen Musenalmanach für 1776 zuerst gedrucktes Rheinweinlied beginnt:
Ein Leben wie im Paradies.—
Im Jahrgange 1777 des erwähnten Almanachs erschien auch zuerst ein 1776 gedichtetes Lied:
Wer wollte sich mit Grillen plagen?
aus dem dann noch die Verse bekannt sind:
O, wunderschön ist Gottes Erde
Und wert darauf vergnügt zu sein.—
Im Jahrgang 1778 desselben Almanachs steht Höltys ebenfalls 1776 gedichtetes Lied:
Rosen auf den Weg gestreut
Und des Harms vergessen!
Diese beiden Lieder fanden durch J. F. Reichardts Composition die weiteste Verbreitung.
Endlich finden wir im Vossischen Musenalmanach von 1779 Höltys Lied:
Üb' immer Treu und Redlichkeit,
das nach der Melodie des Liedes "Ein Mädchen oder Weibchen" aus Mozarts "Zauberflöte" (1791) gesungen zu werden pflegt.—
Aus Goethe (1749-1832) sind folgende geflügelte Worte. In "Götz von Berlichingen" (1773) 1. Akt, erwidert Götz den Wunsch Weislingens, er möge Freude an seinem Sohn Karl erleben, mit dem Spruche:
Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.—
Kurz darauf antwortet Weislingen dem ihm mit den Worten: "Ein fröhlich Herz!" zutrinkenden Götz:
In Goethes "Clavigo" 1, 1 (1774) sagt Carlos:
Man lebt nur einmal in der Welt;
und Akt 2 am Ende:
Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich.—
Im 4. Akt gegen Ende sind:
Luft! Luft! Clavigo!
die Worte der sterbenden Marie Beaumarchais.—
In "Dichtung und Wahrheit" (14. Buch) gedenkt Goethe seines am 19. Juli 1774 gedichteten Schwankverses "Diné zu Coblenz". Er schildert sich darin bei Tische zwischen Lavater und Basedow sitzend. Lavater belehrt einen Geistlichen über die Geheimnisse der Offenbarung; Basedow beweist einem Tanzmeister, dass die Taufe ein veralteter Gebrauch sei; Goethe widmet sich unterdessen den Genüssen der Mahlzeit:
Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.—
In den "Leiden des jungen Werthers" (1774) B. II, unterm 24. Dez. 1771 lesen wir: "Und das
Glänzende Elend,
die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier neben einander sieht!"
In Gellerts Fabel "Damokles" (1746) hiess es schon:
"Bei aller Herrlichkeit stört ihn des Todes Schrecken
Und lässt ihn nichts, als teures Elend schmecken".
Dies deutet weiterhin auf Ovid, der ("Met." 11, 133) den Midas in Verzweiflung vor seinen in Gold verwandelten Speisen zum Bacchus beten lässt:
" . . miserere, precor, speciosoque eripe damno".
"Sei barmherzig und mach' mich frei von dem glänzenden Übel!"—
In der "Iris" (Jacobis), Bd. 2, St. 3, März 1775, S. 161-224 erschien Goethes Singspiel "Erwin und Elmire", das im 1. Auftritte des 1. Aufzuges die Worte enthält:
Ein Schauspiel für Götter,
(Zwei Liebende zu sehn!)
Goethe mochte hierzu durch Gellerts Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) angeregt worden sein, worin es (2, 6) heisst: "Kann wohl ein schönerer Anblick sein, als wenn man zwei zärtliche sieht, die es vor Liebe nicht wagen wollen, einander die Liebe zu gestehen?"—
In "Erwin und Elmire" (a. a. O. S. 242) steht auch das Gedicht "Neue Liebe, neues Leben" mit dem Anfangsvers:
Herz! mein Herz? was soll das geben?—
Aus Goethes Ballade "Der Fischer"[26] wird citiert:
Kühl bis ans Herz hinan!
und:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin.—
[26] In "Volks- und anderen Liedern, mit Begleitung des Fortepiano. In Musik gesetzt von Siegm. Frhr. v. Seckendorff", Weimar 1779, S. 5, in demselben Jahre von Herder ("Volkslieder", 2. T., S. 3) als "Das Lied vom Fischer" wieder abgedruckt.
Aus der Ballade "Erlkönig" (1782 im Singspiel "Die Fischerin" erschienen, 1781 gedichtet) wird citiert:
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.—
Aus dem Gedichte "Das Göttliche" (zuerst im Tiefurter Journal, 1782, No. 40) citieren wir:
Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut.—
Das von Goethe am 7. September 1783 an einen Fensterpfosten des Bretterhäuschens auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschriebene Lied:
Über allen Gipfeln ist Ruh
schliesst:
Warte nur, balde
Ruhest du auch!—
Am 16. März 1787 schrieb Goethe in Bezug auf seine "Iphigenie" in Caserta:
So eine Arbeit wird eigentlich nie fertig.—
"Iphigenie", 1787, bietet in 1, 2 die Worte der Titelheldin:
Das Land der Griechen mit der Seele suchend
und:
Ein unnütz Leben ist ein früher Tod
und:
Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,
Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt,
ferner die des Arkas:
Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort
Der Frauen weit geführt.—
In Goethes "Iphigenie" 1, 3 stehen die Worte des Thoas:
Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus
und:
Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
Der andre hört von allem nur das Nein;
in 2, 1 die Worte des Pylades:
Lust und Liebe sind die Fittige
Zu grossen Thaten;
endlich in 3, 1 die Worte des Orest an Iphigenie:
Zwischen uns sei Wahrheit!
die Friedrich Wilhelm IV., der belesene Fürst, am 11. Apr. 1847 dem vereinigten Landtage zurief.—
Das Beste ist gut genug
ist entnommen aus Goethes "Italiänischer Reise", unter "Neapel", am Ende des 2. Briefes vom 3. März 1787, wo es heisst: "In der Kunst ist das Beste gut genug".—
Aristophanes, der Dichter des von Goethe 1787 übersetzten Lustspiels "Die Vögel" wird im Epiloge zu dieser Übersetzung von Goethe
der ungezogene
Liebling der Grazien
genannt, ein Wort, das später gern auf Heinrich Heine angewendet wurde. Vielleicht zuerst 1846 von L. Schücking (s. dessen "Lebenserinnerungen" 1886, Bd. 2, S. 137 und 140).—
Aus Goethes "Egmont" (1788) werden die Worte 3, 2:
Ich versprach dir einmal Spanisch zu kommen
von demjenigen citiert, welcher mit einem Rohrstocke droht.—
Clärchens Lied in "Egmont", Akt 3:
Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und Bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt,
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt,
wurde uns zu einer Kette von "Geflügelten Worten". "Langen" hat hier die Bedeutung von "Verlangen tragen", "sich sehnen" (englisch: to long), und wird oft in "Hangen" verändert.
Geschah dies zuerst durch Beethoven, der 1810 die Musik zum Egmont mit dieser Veränderung drucken liess? In der Handschrift des Egmont auf der Königl. Bibliothek zu Berlin steht von Goethes Hand: "Langen"; "Hangen" wurde wohl durch die 'schwebende Pein' hervorgerufen. Das Volk singt wie der vermeintliche Schneidergeselle in Heines "Harzreise" (1824):
Freudvoll und leidvoll,
Gedanken sind frei.
"Zum Tode betrübt" entlehnte Goethe den Worten Jesu (Matth. 26, 38; Mark. 14, 34):
"Meine Seele ist betrübt bis an den Tod".—
Auch sind die gegen Ende des 5. Aktes von Egmont gesprochenen Worte zu verzeichnen:
Süsses Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden!—
Aus dem Singspiele "Die ungleichen Hausgenossen", woran Goethe 1785-89 arbeitete, ist das zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1796 veröffentlichte Gedicht: "Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel". Daraus führen wir an die Worte eines "Erfahrenen":
Geh' den Weibern zart entgegen,
Du gewinnst sie auf mein Wort.
Und wer rasch ist und verwegen,
Kommt vielleicht noch besser fort.
Doch, wem wenig d'ran gelegen
Scheinet, ob er reizt und rührt,
Der beleidigt, der verführt.—
Aus dem 1789 im 8. Bd. von "Goethes Schriften" (Leipz., Göschen) erschienenen Gedichte "Beherzigung" wird die Schlussstrophe citiert:
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie er's treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle.
Der letzte Vers beruht auf 1. Korinther 10, 12: ". . . wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle", während der erste Vers aus lateinischer Quelle geflossen zu sein scheint. Vrgl. Cicero pro Roscio Amerino 42, 122: "Non in omnes, arbitror, omnia convenire"; Properz 4, 9, 7: "Omnia non pariter rerum sunt omnibus apta"; Tacitus "Ann." 6, 54: "non eadem omnibus decora" und Plinius "Epist." 6, 27: "non omnibus eadem placent, nec conveniunt quidem".—
Unmittelbar hinter diesem Gedichte stand dasjenige, welches jetzt "Erinnerung" heisst:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh', das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen:
Denn das Glück ist immer da.
Das Gedicht: "Frisches Ei, gutes Ei" endigt:
Begeisterung ist keine Heringsware,
Die man einpökelt auf einige Jahre.—
Das Gedicht: "Wie du mir, so ich dir" heisst:
Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir thut niemand was zu lieb;
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gieb!
Aus Goethes "Tasso" (1790) citieren wir:
Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, (1, 1)
(Und siehst dich selber an und lächelst wieder);
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; (1, 1)
Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt; (1, 2)
(Doch—haben alle Götter sich versammelt
Geschenke seiner Wiege darzubringen:)
Die Grazien sind leider ausgeblieben. (2, 1)—
Das 2, 1 vorkommende:
"So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt"
wird in der Form citiert:
Man merkt die Absicht und man wird verstimmt.—
In derselben Scene finden wir das Wort Tassos:
Erlaubt ist, was gefällt,
was dem
libito fè licito
aus Dantes "Hölle" V, 55 nachgeahmt zu sein erscheint, aber von Goethe aus Tassos Schäferspiel "Aminta" entnommen ist, worin die zweite Strophe des Chorliedes am Ende des ersten Aktes mit den Worten schliesst:
"ein goldnes, glückliches Gesetz,
Das die Natur schrieb: Wenn's gefällt, so ziemt's,"
wie überhaupt die begeisterten Worte über die goldene Zeit, die Goethe hier dem Tasso in den Mund legt, eine Umschreibung dieses Chorgesanges sind. Zu Grunde liegt wohl dem Allem das freche "si libet, licet", was Julia zu ihrem Stiefsohn Caracalla sagte, als er sie zum Weibe begehrte (bei Spartian: "Antonin. Caracalla", c. 10).
—Die Prinzessin erhebt dann bei Goethe sofort den Spruch des Dichters zu dem einfach schönen:
"Erlaubt ist, was sich ziemt",
wozu sie ihm den Weg durch die Worte weiset:
Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an.
Die Gegenüberstellung des "Erlaubt ist, was gefällt", und des "Erlaubt ist, was sich ziemt", verdankte Goethe entweder dem Schäferdrama "Il pastor fido" (1585) des Guarini (Mailand. 1807. S. 368ff.), der in bewusstem Gegensatze zu Tassos Worten singt: "Wenn es sich ziemt, gefällt's" ("piaccia, se lice"), oder er entnahm es diesen ihm wohl durch Herder zugänglich gemachten Versen des Jakob Balde (geb. 1603, gest. 1668; "Poemata" Colon. 1660. "Lyric." IV, Od. 14. Str. 12):
"Ardente Roma: QVOD LIBET, HOC LICET
Clament NERONES: QVOD LICET, HOC LIBET;
TRAJANE, dices. At nec omne
Quod licet, hoc libeat regenti."
Herder arbeitete, ehe der "Tasso" erschien, an einer Übersetzung des Balde. In der "Terpsichore" I. T. 1795 lautet bei ihm die obige Strophe (s. "Sämtl. Werke", her. v. B. Suphan, Bd. 27, S. 67):
"Neronen singen, während dem Brande Roms:
'Erlaubt ist, was beliebet'. Mein König singt:
'Nur was erlaubt ist, das beliebt mir'.
Königen auch ist erlaubt nicht Alles".—
Aus Goethes "Faust. Ein Fragment". (Echte Ausgabe. Leipzig, Göschen. 1790) wird citiert:
Nacht.
Faust: Da steh' ich nun, ich armer Thor!
Und bin so klug, als wie zuvor.
Es möchte kein Hund so länger leben!
Urväter Hausrat.
Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Geist: (So schaff ich) am sausenden Webstuhl der Zeit.
Faust: Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.
Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen.
Wenn es euch nicht von Herzen geht.
Wagner: (Allein) der Vortrag macht des Redners Glück.
Faust: Es trägt Verstand und rechter Sinn
Mit wenig Kunst sich selber vor.
Wagner: (Und) wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.—
Faust. Mephistopheles.
(Seit der Ausgabe von 1808: Studierzimmer.)
Mephist.: Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier, auf (einer Heide. Seit 1808:) dürrer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.—
(Schülerscene.)
Mephist.: In spanische Stiefel eingeschnürt.
Mephist.: Irrlichteriere(n)
Schüler: Mir wird von allem dem so dumm,[27]
Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.
Schüler: Denn was man schwarz auf weiss besitzt
Kann man getrost nach Hause tragen.
Mephist.: (Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;)
Weh dir, dass du ein Enkel bist!
(Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider nie die Frage.)
Mephist.: Im Ganzen—haltet euch an Worte!
Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört
Und auf des Meisters Worte schwört.
(vrgl. Horaz "Epist." I, 1, 14, "jurare in verba magistri".)
Mephist.: Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mephist.: Ich bin des trocknen Tons nun satt.
Mephist.: Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen.
Mephist.: Doch der den Augenblick ergreift,
Das ist der rechte Mann.
Mephist.: Besonders lernt die Weiber führen;
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren.
Schüler: Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.
Mephist.: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.
Mephist.: (Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange),
Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!
Mephist.: Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.—
[27] In den späteren Bearbeitungen: von alle dem.
Auerbach's Keller in Leipzig.
Siebel: (Fühlt man erst recht) des Basses Grundgewalt.
Brander: Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!
Brander: Hatte sich ein Ränzlein angemäst't Als wie der Doktor Luther.
Mephist.: (Mit) wenig Witz und viel Behagen.
Frosch: Mein Leipzig lob' ich mir!
Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.
Schon in einer Beschreibung Leipzigs vom Jahre 1768 heisst es "Paris im Kleinen" (Düntzers Faust, 2. Aufl.) und in dem seltenen Buche "Gepriesenes Andencken von Erfindung der Buchdruckerey . . .", Lpzg. 1740, singt der Magister und Rektor in Sangerhausen, Christian Gottlob Kändler (S. 139):
"So schlecht der Fremde von uns spricht,
So untersteht er sich doch nicht,
Was Leipzig drucket zu verschmähen,
Papier und Littern sind zu schön,
Er denkt zum Schluss: Paris zu sehen,
Allein er siehet Leipzig stehn".
Mephist.: Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.
Spanien, das Land des Weins und der Gesänge
entwickelte sich aus den Worten des Mephistopheles: