13. Rübezahl.

Vor vielen tausend Jahren hauste ein mächtiger Geist in dem Riesengebirge. Die Gnomen und Kobolde waren seine Unterthanen und diese kleinen Leute waren immer sehr beschäftigt, Gold, Silber und Edelsteine zu suchen und in den schönen unterirdischen Palast des Berggeistes zu tragen.

Eines Tages, nachdem er fünf hundert Jahre in dem Berge geblieben war, ohne ein einziges Mal die Oberfläche der Erde besucht zu haben, fiel ihm ein zu sehen, was auf der Erde vorging.

Der Berggeist bestieg die höchste Kuppe des Gebirges und schaute hinab auf das schöne Land. Während seiner langen Abwesenheit hatte sich die Welt sehr verändert.

Die Wälder waren nicht mehr so dicht, Straßen liefen nach allen Richtungen, nach den Dörfern, die im Thale standen, und nach den prächtigen Schlössern, die man ringsum auf den Höhen erblickte. Statt einer Wüste, wo Wolf und Bär hausten, sah man jetzt wogende Kornfelder und blühende Gärten.

„Die Erde sieht nicht mehr aus wie ehemals!“ rief der Berggeist erstaunt. „Seitdem ich zuletzt hier oben war, hat sich alles sehr verändert! Ich muß doch einmal in das Thal gehen, um das Thun und Treiben der Menschen näher zu betrachten.“

So sprechend, verwandelte sich der Berggeist in die Gestalt eines Jünglings, und ging den Berg hinunter. Er beschaute Dörfer und Felder, und kam endlich in einen prächtigen Garten, wo er das Lachen fröhlicher Mädchen vernahm.

Der Berggeist versteckte sich hinter einen Busch, und bald sah er mehrere muntere Jungfrauen, die auf dem schönen grünen Rasen spielten. Eine dieser Jungfrauen war besonders reizend, und der Geist betrachtete sie mit besonderer Freude.

Endlich seufzte er und flüsterte:

„Ach, wie schön wäre es doch, wenn ich ein so schönes Geschöpf in meinem unterirdischen Schlosse immer unter den Augen haben könnte. Nun, warum sollte ich sie nicht entführen?“ fuhr der Geist leise fort. „Das wäre mir sehr leicht!“

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er sich plötzlich in einen Sturmwind verwandelte, die wunderschöne Jungfrau ergriff und aus dem Kreise ihrer Gespielinnen forttrug.

Im Nu befand er sich wieder in seinem unterirdischen Palaste, wo er das Mädchen sanft auf ein Ruhebett legte.

Dort kniete er demütig zu ihren Füßen nieder und harrte geduldig, bis sie die schönen Augen langsam öffnete, denn sie war ohnmächtig geworden, als der Berggeist sie so plötzlich umfangen hatte.

Endlich erwachte die schöne Prinzessin Emma mit einem Seufzer aus ihrem Schlafe und blickte verwundert umher. Sie sah die glänzenden Wände des Palastes, die mit Diamanten, Perlen, Rubinen, Saphiren und Amethysten geschmückt waren, und zuletzt fiel ihr Blick auf den harrenden Jüngling zu ihren Füßen. Als die blauen Augen endlich auf ihm ruhten, rief der Geist:

„Schöne Jungfrau, fürchte dich nicht, du stehst unter meinem Schutze, und Niemand soll dir jemals ein Leid zufügen.“

„Wer bist du?“ fragte Emma erstaunt.

„Ich bin der Beherrscher des Riesengebirges und du befindest dich in meinem unterirdischen Palaste. Hier sollst du als Königin herrschen.“

Emma hörte diesen Worten schweigend zu, und als sie bemerkte, wie demütig der Berggeist vor ihr kniete, fürchtete sie sich gar nicht mehr, und beschloß, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bis sie Gelegenheit finden würde, sich aus der Gewalt des Geistes zu befreien.

Ihr Schweigen beunruhigte den Berggeist, doch schlug er ihr vor, die Schätze seines Reiches zu beschauen. Das gefiel der Jungfrau, und sie begleitete den Geist durch alle Zimmer und Säle des Schlosses, und bewunderte die aufgehäuften Edelsteine und die glänzenden Metalle, welche die Kobolde und Gnomen eifrig zu schmelzen beschäftigt waren.

Eine Zeitlang fand Emma Vergnügen daran, die Herrlichkeiten dieses unterirdischen Reiches zu bewundern, aber endlich wurde ihr die Zeit lang.

Als der Berggeist einmal in ihr Gemach trat, fand er sie in Thränen. Er blieb einen Augenblick still stehen, dann fiel er auf die Kniee vor der weinenden Schönen, und rief verzweifelnd:

„Schöne Jungfrau, was fehlt dir? Hat dich Jemand beleidigt? Hast du einen Wunsch, so sollst du ihn erfüllt sehen, und koste es mir die Hälfte meines Reiches! Gebiete nur, ich stehe zu deinem Dienste bereit.“

„Dann führe mich wieder nach meines Vaters Schloß,“ erwiderte Emma, „und gieb mich meinen Eltern und Gespielinnen zurück. Ich langweile mich zu Tode hier in deinem unterirdischen Reiche, wo ich außer dir keine menschliche Gesellschaft habe.“

„Ist das der Grund deiner Thränen?“ rief der Berggeist aufspringend. „Ich kann dir deine Eltern und deine Heimat nicht zurückgeben, denn ich kann mich nicht mehr von dir trennen. Aber wenn du dich langweilst, und dich nach der Gesellschaft deiner Gespielinnen sehnst, soll dein Wunsch erfüllt werden. Warte nur, ich bin gleich wieder da.“

Der Geist ging hinaus auf das Feld, zog einen Korb voll Rüben aus, und brachte sie, nebst einem Zauberstäbchen, der schönen Prinzessin.

„Sieh her!“ rief er fröhlich. „In diesem Korbe findest du alles, was du begehrst.“

Zuerst wurde die Jungfrau sehr zornig, aber der Geist erklärte ihr, daß sie die Rüben nur mit dem Zauberstäbchen anzurühren brauche, einen Namen aussprechend, so würden die Gemüse sogleich in Menschen verwandelt werden.

Der Prinzessin gefiel dieser Gedanke sehr, sie nahm das Zauberstäbchen zur Hand, und im Nu verschwanden die Rüben und an ihrer Stelle erblickte Emma ihre geliebte Freundin Brunhilde, alle ihre anderen Gespielinnen und zuletzt sogar ihren Hund und ihre Katze.

Jetzt lachte Emma wieder fröhlich, und das Leben im Berge war ihr viel erträglicher als zuvor. Nach einiger Zeit aber bemerkte die schöne junge Herrin, daß ihre Gefährtinnen ihre frischen Farben allmählig verloren, und daß sie immer magerer und schwächer wurden. Emma fürchtete, daß sie krank seien, aber sie versicherten alle, daß sie sich sehr wohl befänden.

Eines Tages aber, als die Prinzessin aus ihrem Gemache kam, sah sie, daß die Gestalten ihrer Freundinnen so hinfällig waren, daß sie vor Mitleid in Thränen ausbrach.

Sie lief schnell zum Berggeist, dem sie die heftigsten Vorwürfe über seine Betrügerei machte. Der Berggeist hörte schweigend zu, aber als die Prinzessin mit ihren Vorwürfen zu Ende war, sagte er sanft:

„Schöne Prinzessin, ich kann es leider nicht verhindern, daß die Abbilder deiner Gefährtinnen allmählich sterben. Siehst du, es sind nur Abbilder, und so lange noch Saft und Kraft in den Rüben war, konnten sie frisch und lebensvoll bleiben.

„Jetzt aber sind die Säfte vertrocknet und deine Gefährtinnen können nicht mehr lange leben. Doch warum solltest du deine schönen Augen deßhalb ausweinen. Verwandele sie nur mit deinem Zauberstäbchen wieder zu Rüben, und wirf sie weg. Dann werde ich dir frische Rüben bringen, und du kannst sie nach Belieben in Menschen verwandeln.“

Diese Worte ermunterten Emma sehr; sie kehrte in ihr Gemach zurück, und sobald sie die welken Gestalten der Gefährtinnen mit dem Zauberstäbchen berührt, verschwanden sie, und es blieben nichts als vertrocknete Rüben auf dem Boden liegen.

Diese wurden ohne Zögern zum Fenster hinausgeworfen, und Emma wartete nun mit Ungeduld auf den Geist, der ihr versprochen, frische Rüben herbeizuschaffen.

Endlich kam er und sagte verlegen, daß er vergebens frische Rüben gesucht. Es waren keine mehr zu finden, denn der kalte Winter war gekommen, und die Erde starrte in Eis und Schnee.

Als die Prinzessin diese Nachricht vernahm, wurde sie sehr zornig, und machte dem Berggeiste so heftige Vorwürfe, daß er ihr versprechen mußte, so schnell wie möglich frische Rüben wachsen zu machen.

Der arme Berggeist hatte jetzt alle Hände voll zu thun. Er rief die Gnomen und Kobolde, hieß sie Schnee und Eis von einem Felde wegräumen, und große Feuer darunter anzünden, damit der Boden durchwärmt würde.

Während die Kobolde und Gnomen diese Befehle ausführten, ging der Berggeist selbst in der Gestalt eines Bauers in die nächste Stadt, wo er einen großen Sack voll Rübensamen einkaufte.

Der Rübensamen wurde auf das Eis und Schnee befreiten Feld gesät, und da die Gnomen die unterirdischen Feuer Tag und Nacht aufschürten, fingen die Rüben bald an zu wachsen.

Emma wurde jeden Tag ungeduldiger, und als die ersten kleinen Rüben wuchsen, zog der Berggeist einige heraus, um sie der Prinzessin zu zeigen. Emma sah sie etwas verächtlich an und rief:

„Ach! wenn es so langsam geht, werde ich vor Kummer und Einsamkeit sterben müssen, ehe die Rüben groß genug sind, um mir von Nutzen zu sein.“

„Nein,“ versicherte der Berggeist, „es wird nicht lange dauern und du hast Rüben die Fülle. Da sind schon einige Kleine.“

Er eilte wieder hinaus um die unterirdischen Feuer anzuschüren. Unterdessen blieb die Prinzessin in ihrem Gemache und dachte traurig an ihren Verlobten, den Prinzen Ratibor. Sie hätte ihm gar gerne einen Boten geschickt, um ihm zu sagen, daß sie in dem unterirdischen Palaste gefangen sei, und daß er schnell kommen solle, um sie zu befreien.

Als sie so nachsann und ihre Augen auf die winzigen Rüben fielen, kam ihr ein plötzlicher Gedanke. Sie holte den Zauberstab herbei, berührte eine Rübe, verwandelte sie in eine Biene und flüsterte ihr zu:

„Fliege hin, kleine Biene, zu meinem Verlobten, und sage ihm, daß Emma von dem Gnomenkönig gefangen ist. Fliege schnell, und wenn du in drei Tagen nicht zurück bist, so werde ich glauben, daß dich ein Unglück getroffen hat.“

Die Prinzessin öffnete das Fenster, die Biene flog fort, aber auf dem Wege wurde sie von einer Schwalbe gesehen und gefressen.

Drei Tage später nahm die Prinzessin eine andere kleine Rübe, verwandelte sie in eine Grille, und schickte sie mit derselben Botschaft an ihren Verlobten ab.

Die Grille wurde aber von einem langbeinigen Storche gesehen und verschlungen. Als Emma zuletzt eine Rübe in die Gestalt einer geschwätzigen Elster verwandelte, rief sie ihr zu:

„Sage meinem Verlobten, er solle am dritten Tage, von heute an, mit schnellen Pferden meiner harren an der Waldecke am Fuße des Gebirges, wo er mich zum ersten Male erblickte. Dorthin würde ich kommen, um mit ihm zu fliehen.“

Die Elster flog schnell auf und davon, erreichte glücklich das Schloß des Prinzen Ratibor, fand ihn in seinem Garten, und teilte ihm die Botschaft der Prinzessin mit.

Voll Entzücken versprach der Prinz, die Prinzessin am dritten Tage am Fuße des Berges zu erwarten. Die geschwätzige Elster flog pfeilschnell davon, um der Prinzessin diese Botschaft zu bringen.

Unterdessen waren die Rüben mit merkwürdiger Schnelle gewachsen, und der Berggeist kam jetzt, um der Prinzessin zu sagen, daß sie bald Rüben die Fülle haben sollte.

Die Prinzessin schien so freundlich, daß er Mut bekam, in sie zu dringen, ihm ihre schöne Hand zu reichen und seine Gemahlin zu werden.

Die Prinzessin lächelte, errötete und sagte endlich sehr gütig:

„Du hast mir schon so viele Beweise deiner Ergebenheit gegeben, daß ich mir nur noch einen einzigen fordere, ehe ich deine Gemahlin werde.“

Der entzückte Berggeist rief schnell:

„Sprich, schöne Prinzessin! Ich will dir so viele Beweise meiner Liebe geben, als du fordern wirst!“

„Nun, so zähle einmal die Rüben, welche du für mich gesät hast, und wenn du mir ihre Anzahl genau sagen kannst, so will ich deine Frau werden.“

Der Geist eilte fort, um sogleich die Zählung zu beginnen, und während er so beschäftigt war, stieg Emma den Berg hinunter zu ihrem harrenden Verlobten.

Der ahnungslose Geist zählte eifrig, bis er ans Ende kam. Eben wollte er zur Prinzessin eilen, um ihr die Zahl anzugeben, als es ihm plötzlich einfiel, daß er sich wohl um eine oder zwei verzählt haben könnte.

Darum zählte er die Rüben noch einmal, und als er fertig war, fand er drei Rüben mehr als das erste Mal.

„Ich muß mich wirklich geirrt haben,“ sagte er. „Nun will ich sie noch einmal zählen, damit ich die richtige Zahl finde.“

Es war sehr langweilig. Am Ende wurde er aber doch fertig mit dem Zählen, und der Berggeist rannte jetzt in seinen Palast, um der Prinzessin zu melden, daß er Wort gehalten, und nun ihre Hand fordern dürfe.

Die Prinzessin war aber nirgends zu finden. Sie war weder im Garten, noch in der Schatzkammer, noch in ihren Gemächern. Der Geist suchte vergebens überall. Endlich fing er an zu fürchten, daß die Prinzessin entflohen sei.

Er stieg schnell auf die höchste Kuppe des Gebirges, und da sah er mit Entrüstung, wie sie mit ihrem Verlobten auf raschen Pferden davon jagte, und schon über die Grenze seines Reiches geflohen war.

Der Geist war so zornig, daß er in sein unterirdisches Schloß zurückkehrte, und sich lange nicht mehr auf der Oberfläche der Erde blicken ließ. Seit er von der Prinzessin so fein überlistet worden, während er für sie Rüben zählte, nennen ihn die Menschen Rübezahl.

Kleine Gedichte.

1. Der Schütz.

Mit dem Pfeil, dem Bogen,
Durch Gebirg und Thal
Kommt der Schütz gezogen
Früh am Morgenstrahl.
Wie im Reich der Lüfte
König ist der Weih, —
Durch Gebirg und Klüfte
Herrscht der Schütze frei.
Ihm gehört das Weite,
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da kreucht und fleucht.
Schiller.

2. Barbarossa.

Der alte Barbarossa,
Der Kaiser Friederich,
Im unterird’schen Schlosse
Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben,
Er lebt darin noch jetzt!
Er hat im Schloß verborgen
Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen
Des Reiches Herrlichkeit
Und wird einst wiederkommen
Mit ihr zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf der Kaiser sitzt;
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse,
Er ist von Feuersglut,
Ist durch den Tisch gewachsen,
Worauf sein Kinn ausruht.
Er nickt als wie im Traume,
Sein Aug’ halb offen zwinkt;
Und je nach langem Raume
Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben:
„Geh hin vors Schloß, o Zwerg,
Und sieh, ob noch die Raben
Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben
Noch fliegen immerdar,
So muß ich auch noch schlafen
Verzaubert hundert Jahr.“
Rückert.

3. Des Knaben Berglied.

Ich bin vom Berg der Hirtenknab’,
Seh’ auf die Schlösser all’ herab;
Die Sonne strahlt am ersten hier,
Am längsten weilet sie bei mir:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Hier ist des Stromes Mutterhaus,
Ich trink’ ihn frisch vom Stein heraus;
Er braust vom Fels in wildem Lauf,
Ich fang’ ihn mit den Armen auf:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Der Berg, der ist mein Eigentum,
Da ziehn die Stürme rings herum;
Und heulen sie von Nord und Süd,
So überschallt sie doch mein Lied:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Sind Blitz und Donner unter mir,
So steh’ ich hoch im Blauen hier;
Ich kenne sie und rufe zu:
Laßt meines Vaters Haus in Ruh!
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Und wann die Sturmglock’ einst erschallt,
Manch Feuer auf den Bergen wallt,
Dann steig’ ich nieder, tret’ ins Glied
Und schwing’ mein Schwert und sing mein Lied:
Ich bin der Knab’ vom Berge!
Uhland.

4. Morgenlied.

Die Sterne sind erblichen
Mit ihrem güldnen Schein;
Bald ist die Nacht entwichen,
Der Morgen dringt herein.
Noch waltet tiefes Schweigen
Im Thal und überall,
Auf frisch betauten Zweigen
Singt nur die Nachtigall.
Sie singet Lob und Ehre
Dem hohen Herrn der Welt,
Der über Land und Meere
Die Hand des Segens hält.
Er hat die Nacht vertrieben:
Ihr Kindlein fürchtet nichts!
Stets kommt zu seinen Lieben
Der Vater alles Lichts.
Hoffmann v. Fallersleben.

5. Herbstlied.

Bunt sind schon die Wälder,
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.
Wie die volle Traube
Aus dem Rebenlaube
Purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche mit Streifen
Rot und weiß bemalt.
Sieh, wie hier die Dirne
Emsig Pflaum’ und Birne
In ihr Körbchen legt!
Dort mit leichten Schritten
Jene goldne Quitten
In den Landhof trägt!
Flinke Träger springen,
Und die Mädchen singen,
Alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben
Zwischen hohen Reben
Auf dem Hut von Stroh.
Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröte
Und im Mondenglanz;
Junge Winzerinnen
Winken und beginnen
Deutschen Ringeltanz.
von Salis.

6. Sprüche.

Gott grüße dich! — Kein andrer Gruß
Gleicht dem an Innigkeit.
Gott grüße dich! — Kein andrer Gruß
Paßt so zu jeder Zeit.
Gott grüße dich! — Wenn dieser Gruß
So recht von Herzen geht,
Gilt bei dem lieben Gott der Gruß
So viel wie ein Gebet.
J. Sturm.

Wozu ist Geld doch gut?
Wer’s nicht hat, hat nicht Mut,
Wer’s hat, hat Sorglichkeit,
Wer’s hat gehabt, hat Leid.
von Logau.
Der Schneeball und das böse Wort,
Sie wachsen, wie sie rollen fort;
Eine Handvoll wirf zum Thor hinaus:
Ein Berg wird’s vor des Nachbars Haus.
W. Müller.

7. Reiters Morgengesang.

Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen;
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad.
Kaum gedacht,
Wird der Lust ein End’ gemacht;
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Ach, wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt;
Thust du stolz mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen?
Ach die Rosen welken all!
Darum still
Füg’ ich mich, wie Gott es will.
Nun so will ich wacker streiten;
Und sollt’ ich den Tod erleiden,
Stirbt ein braver Reitersmann.
Fr. Hauff.

8. Mein Vaterland.

Treue Liebe bis zum Grabe
Schwör’ ich dir mit Herz und Hand;
Was ich bin und was ich habe,
Dank’ ich dir, mein Vaterland.
Nicht in Worten nur und Liedern
Ist mein Herz zum Dank bereit;
Mit der That will ich’s erwidern
Dir in Not, in Kampf und Streit.
In der Freude wie im Leide
Ruf’ ich’s Freund und Feinden zu:
Ewig sind vereint wir beide,
Und mein Trost, mein Glück bist du.
Treue Liebe bis zum Grabe
Schwör’ ich dir mit Herz und Hand;
Was ich bin und was ich habe,
Dank’ ich dir, mein Vaterland.
Hoffmann v. Fallersleben.

9. Sprüche.

Der Rose süßer Duft genügt,
Man braucht sie nicht zu brechen;
Und wer sich mit dem Duft begnügt,
Den wird der Dorn nicht stechen.
F. Bodenstedt.
Sorgen sind meist von der Nesseln Art:
Sie brennen, rührst du sie zu zart;
Fasse sie nur an herzhaft,
So ist der Griff nicht schmerzhaft.
E. Geibel.
Der ist kein kühner Reiter,
Wer nie den Sand geküßt;
Der ist kein wackrer Streiter,
Wer ohne Wunden ist.
Und hat die Welt dir weh gethan,
So greif sie frisch von neuem an,
Bis du, trotz Sturz und Wunden,
Im Kampf sie überwunden.
J. Sturm.
Am Abend wird man klug
Für den vergangenen Tag,
Doch niemals klug genug
Für den, der kommen mag.
Rückert.

10. Muttersprache.

Muttersprache, Mutterlaut!
Wie so wonnesam, so traut!
Erstes Wort, das mir erschallet,
Süßes, erstes Liebeswort,
Erster Ton, den ich gelallet,
Klingest ewig in mir fort.
Ach, wie trüb ist meinem Sinn,
Wenn ich in der Fremde bin,
Wenn ich fremde Zungen üben,
Fremde Worte brauchen muß,
Die ich nimmermehr kann lieben,
Die nicht klingen als ein Gruß!
Sprache, schön und wunderbar,
Ach, wie klingest du so klar!
Will noch tiefer mich vertiefen
In den Reichtum, in die Pracht;
Ist mir’s doch, als ob mich riefen
Väter aus des Grabes Nacht.
Klinge, klinge fort und fort,
Heldensprache, Liebeswort,
Steig empor aus tiefen Grüften,
Längst verschollnes, altes Lied,
Leb auf’s neu’ in heil’gen Schriften,
Daß dir jedes Herz erglüht!
Überall weht Gotteshauch,
Heilig ist wohl mancher Brauch;
Aber soll ich beten, danken,
Geb’ ich meine Liebe kund,
Meine seligsten Gedanken:
Sprech’ ich wie der Mutter Mund.
von Schenkendorf.

11. Sprüche.

Was verkürzt mir die Zeit?
Thätigkeit.
Was macht sie unerträglich lang?
Müßiggang.
Was bringt in Schulden?
Harren und Dulden.
Was macht gewinnen?
Nicht lange besinnen.
Was bringt zu Ehren?
Sich wehren.
Goethe.
Prahl’ nicht heute: Morgen will
Dieses oder das ich thun.
Schweige doch bis morgen still,
Sage dann: das that ich nun.
Rückert.

12. Meeresstille.

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.
Goethe.

13. Die Teilung der Erde.

„Nehmt hin die Welt!“ rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu; „nehmt, sie soll euer sein.
Euch schenk’ ich sie zum Erb’ und ew’gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein.“
Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten;
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker birschte durch den Wald.
Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edlen Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: „Der Zehente ist mein.“
Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern’;
Ach, da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn!
„Weh mir! So soll denn ich allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?“
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.
„Wenn du im Land der Träume dich verweilet,“
Versetzt der Gott, „so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?“
„Ich war,“ sprach der Poet, „bei dir.
Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr;
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!“
„Was thun?“ spricht Zeus: „die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein;
Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll dir offen sein.“
Schiller.

14. Ein Gleichnis.

Jüngst pflückt’ ich einen Wiesenstrauß,
Trug ihn gedankenvoll nach Haus;
Da hatten, von der warmen Hand,
Die Kronen sich alle zur Erde gewandt.
Ich setzte sie in frisches Glas,
Und welch ein Wunder war mir das!
Die Köpfchen hoben sich empor,
Die Blätterstengel im grünen Flor,
Und allzusammen so gesund,
Als stünden sie noch auf Muttergrund.
So war mir’s, als ich wundersam
Mein Lied in fremder Sprache vernahm.
Goethe.

15. Die zwei Tugendwege.

Zwei sind der Wege, auf welchen der Mensch zur Tugend emporstrebt;
Schließt sich der eine dir zu, thut sich der andre dir auf:
Handelnd erringt der Glückliche sie, der Leidende duldend.
Wohl ihm, den sein Geschick liebend auf beiden geführt!
Schiller.

VOCABULARY.

A

Abbild, n., pl. -er, copy, effigy.

abbrechen, imp. brach ab, p.p. abgebrochen, to break off, to interrupt.

Abend, m. -es, pl. -e, evening, eventide; heut’ —, this evening.

Abendessen, n. supper.

Abendgebet, n. evening prayer.

Abendröte, f. evening red, nightfall.

abends, in the evening, evenings.

Abenteuer, n. -s, pl. -, adventure.

aber, but, though.

abgebrochen, see abbrechen.

abgefertigt, disposed of, finished.

abgenommen, see abnehmen.

abfertigen, to finish, to dispose of.

Abgrund, m. abyss, precipice.

Abhang, m. precipice.

abkürzen, to shorten, to curtail.

ablegen, to lay aside, take off.

ablehnen, imp. lehnte ab, p.p. abgelehnt, to refuse.

abliefern, to deliver.

abnehmen, imp. nahm ab, p.p. abgenommen, to take off.

abreisen, imp. reiste ab, p.p. abgereist, to travel off.

abschicken, to send away.

abstatten, to make, to pay.

Abt, m. abbot.

abtreten, to cede, to give up.

abwarten, to wait for.

abwenden, to turn aside.

abwesend, absent, away.

Abwesenheit, f. absence.

abzeichnen, to copy, to draw.

abzustatten, see abstatten.

ach, ah, oh.

Acht, f. heed; sich in — nehmen, to take care.

acht, eight.

achten, to regard, to heed, to pay attention.

Ackermann, m. farmer.

Adalbert, proper name.

adressieren, to address.

Advokat, m. lawyer; Herr —, Mr. Lawyer.

ähnlich, like, resembling; der du sehr — bist, whom you resemble closely.

ahnungslos, unsuspecting.

All, Aller, Alle, Alles, all, everything; dies alles, all this.

allein, alone, only.

allerliebsten, best of all, dearest.

allerwegen, in all ways, at all times.

allgemein, general.

allmählig, little by little.

allzusammen, all together.

Almosen, n. alms.

als, as, when, while.

alsdann, and then, then too.

alt, old.

Alten, old people.

Alter, n. -s, age.

älter, elder.

älteste, eldest.

Amethyst, m., pl. -e, amethyst.

Amt, n. -es, pl. Ämter, office; zu diesem —, for this office or purpose.

an, by, on, in, at, to, of, with.

andächtig, devoutly.

Andenken, n. -s, remembrance, keepsake.

andere, other, other one.

Anekdote, f., pl. -n, anecdote.

anfangen, imp. fing an, p.p. angefangen, to begin.

angeben, to give, to tell.

angebetete, idolized.

angegriffen, see angreifen.

angehören, imp. gehörte an, p.p. angehört, to belong to.

angekettet, chained.

angekommen, see ankommen.

Angesicht, n. countenance.

angestrengt, hard, sustained.

angethan, see anthun.

angezogen, see anziehen.

angreifen, to attack, to exhaust, to weaken.

Angst, f., pl. Ängste, anxiety, fear.

ängstlich, anxiously, timidly.

anhaben, to wear, to have on.

anhalten, imp. hielt an, p.p. angehalten, to stop, to hold up, to rein in.

ankam, see ankommen.

ankommen, imp. kam an, p.p. angekommen, to arrive.

anlangen, to arrive, to reach.

anmachen, imp. machte an, p.p. angemacht, to make, to light, to kindle.

annahm, see annehmen.

annehmen, imp. nahm an, p.p. angenommen, to accept, to take; 83, 5, I will take charge of her.

anreden, to address, to speak to.

anrühren, to touch.

ans = an das, by the, from the.

ansahen, see ansehen.

anschauen, imp. schaute an, p.p. angeschaut, to gaze at.

anschüren, to poke, to excite.

ansehen, imp. sah an, p.p. angesehen, to look at, to gaze at, to consider, to view.

ansehend, gazing at, viewing.

anspannen, to harness.

ansprechen, to bespeak, to speak to.

Anspruch, m., pl. Ansprüche, claim.

anstatt, instead of.

anstrengen, sich —, to strive.

anstrengend, fatiguing.

anstimmen, to intone, to begin singing.

antragen, imp. trug an, p.p. angetragen, to propose.

anthun, to do, to perpetrate.

Antwort, f., pl. -en, answer, reply.

antworten, to answer, to reply.

anvertrauen, to confide, to entrust.

anvertraut, entrusted.

anwesend, present.

Anzahl, f. number.

anziehen, imp. zog an, p.p. angezogen, to dress, to put on.

Anzug, m. dress, attire.

anzugeben, see angeben.

anzünden, imp. zündete an, p.p. angezündet, to light.

anzunehmen, see annehmen.

anzuschüren, see anschüren.

Arbeit, f., pl. -en, work.

arbeiten, to work.

arbeitend, working.

arbeitsam, industrious.

Arbeitsamkeit, f. industry.

ärgerlich, irritable, -ly, wrathfully.

arm, poor.

Arm, m. -es, pl. -e, arm.

Armee, f., pl. -n, army.

Armen, die —, the poor.

ärmlich, poor, poverty-stricken.

Art, f. kind, species.

artig, good, obedient, nice.

Arzt, m. -es, pl. Ärzte, doctor.

, aßen, see essen.

Ast, m., pl. Äste, branch.

atemlos, breathless.

Atlaskleid, n. satin dress.

auch, also, too.

auf, on, upon, up, in, to; — und davon, up and away, gone; aufs neue, anew.

aufblicken, imp. blickte auf, p.p. aufgeblickt, to glance up.

Aufbrechen, n. departure.

aufbrechen, to depart.

auffangen, imp. fing auf, p.p. aufgefangen, to catch up.

auffliegen, imp. flog auf, p.p. aufgeflogen, to fly open or up.

aufgegangen, see aufgehen.

aufgehäuften, piled up.

aufgehen, imp. ging auf, p.p. aufgegangen, to rise, to go up.

aufgenommen, see aufnehmen.

aufgerissen, see aufreißen.

aufging, see aufgehen.

aufhalten, imp. hielt auf, p.p. aufgehalten, to stop, to tarry, to pause.

aufheben, imp. hob auf, p.p. aufgehoben, to lift up, to keep, to take care of.

aufheitern, imp. heiterte auf, p.p. aufgeheitert, to clear up, to cheer up.

aufhielt, see aufhalten.

aufhören, imp. hörte auf, p.p. aufgehört, to cease.

aufmachen, imp. machte auf, p.p. aufgemacht, to open.

aufmerksam, attentive.

aufnähme, see aufnehmen.

aufnahmen, see aufnehmen.

aufnehmen, imp. nahm auf, p.p. aufgenommen, to take up, to adopt, to receive.

Aufopferung, f. self-sacrifice, devotion.

aufpassen, imp. paßte auf, p.p. aufgepaßt, to pay attention.

aufreißen, to burst open.

aufschüren, imp. schürte auf, p.p. aufgeschürt, to poke up.

Aufsicht, f. inspection, surveillance.

aufspringen, imp. sprang auf, p.p. aufgesprungen, to jump up.

aufspringend, jumping up.

aufstand, see aufstehen.

aufstehen, imp. stand auf, p.p. aufgestanden, to stand up, to rise.

aufsteigen, to climb up.

aufsuchen, imp. suchte auf, p.p. aufgesucht, to hunt up, to look up, to visit.

aufthun, to open.

aufwachen, imp. wachte auf, p.p. aufgewacht, to wake up.

aufwärts, upwards.

aufwecken, imp. weckte auf, p.p. aufgeweckt, to awaken.

aufzunehmen, see aufnehmen.

aufzusuchen, see aufsuchen.

Auge, n. -s, pl. -n, eye; aus den Augen lassen, to lose sight of; unter vier Augen, private conversation.

Augenblick, m., pl. -e, moment, instant; auf —e, for a moment, at a time.

augenblicklich, instantaneously, in a moment.

augenscheinlich, apparently.

August, Augustus.

aus, of, out, from.

ausbessern, imp. besserte aus, p.p. ausgebessert, to mend.

ausbrach, see ausbrechen.

ausbrechen, imp. brach aus, p.p. ausgebrochen, to break out, to burst into.

ausdehnen, imp. dehnte aus, p.p. ausgedehnt, to spread out.

ausführen, imp. führte aus, p.p. ausgeführt, to carry out.

ausführlich, in detail, amply.

ausgedehnt, see ausdehnen.

ausgegangen, see ausgehen.

ausgehen, imp. ging aus, p.p. ausgegangen, to go out.

ausgelacht, see auslachen.

ausgezogen, see ausziehen.

aushalten, imp. hielt aus, p.p. ausgehalten, to endure, to stand, to hold out.

auslachen, imp. lachte aus, p.p. ausgelacht, to make fun of, to mock.

Auslande, im —, abroad.

ausleeren, to empty.

ausliefern, to deliver, to give up.

ausreißen, imp. riß aus, p.p. ausgerissen, to pull out.

ausrief, see ausrufen.

ausrufen, imp. rief aus, p.p. ausgerufen, to exclaim.

ausruhen, imp. ruhte aus, p.p. ausgeruht, to rest.

aussahen, see aussehen.

ausschicken, imp. schickte aus, p.p. ausgeschickt, to send out.

ausschlagen, imp. schlug aus, p.p. ausgeschlagen, to refuse, to reject.

ausschreiben, imp. schrieb aus, p.p. ausgeschrieben, to write out, to draw up; — lassen, to have drawn up.

ausschütteln, to shake out.

aussehen, imp. sah aus, p.p. ausgesehen, to appear, to seem.

aussieht, see aussehen.

aussprechen, imp. sprach aus, p.p. ausgesprochen, to express, to speak out.

aussprechend, expressing.

ausstrecken, imp. streckte aus, p.p. ausgestreckt, to stretch out.

austeilen, to deal out, to give, to apportion.

auswählen, imp. wählte aus, p.p. ausgewählt, to choose.

Ausweg, m. way out, means.

ausweinen, to cry one’s eyes out.

außer, out, besides, except.

äußere, outward, outer.

außerordentlich, extraordinary.

ausziehen, to take off, to set out, to move out, to pull up.

auszuhalten, see aushalten.

auszuliefern, see ausliefern.

auszuruhen, see ausruhen.

B