Title: Lingam: Zwölf asiatische Novellen
Author: Max Dauthendey
Release date: November 26, 2014 [eBook #47467]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, poor poet and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Max Dauthendey
Zwölf asiatische Novellen
Albert Langen, München
Copyright 1909 by Albert Langen, Munich
| Seite | |
| Dalar rächt sich | 11 |
| Der Zauberer Walai | 21 |
| Unter den Totentürmen | 35 |
| Der Knabe auf dem Kopf des Elefanten | 55 |
| Eingeschlossene Tiere | 67 |
| Der Kuli Kimgun | 83 |
| Der Garten ohne Jahreszeiten | 107 |
| Im blauen Licht von Penang | 131 |
| Likse und Panulla | 149 |
| Der unbeerdigte Vater | 165 |
| Im Mandarinenklub | 177 |
| Die Auferstehung allen Fleisches | 191 |
Ich drehe in meiner Hand einen kleinen Kupfernapf mit breitem Rand, der im Licht rötlich blitzt. Der kleine Napf ist winziger als ein Eierbecher und darin ist, halb hineingesteckt, ein schwarzes Marmorei. Das Ei ist unscheinbarer als ein Taubenei. Das schwarze Ei in dem kupfernen Eierbecher, beide stellen zusammen ein Lingam dar, das indische Symbol geschlechtlicher Vereinigung, das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens.
Wenn ich das Lingam betrachte, sehe ich vor mir deutlich eine der engsten Tempelgassen in Benares, wo ich in einer Lingambude das kleine schwarze Steinei im Kupferbecher kaufte. Die Pflastersteine der dunkeln schmalen Gasse sind glitschig und fettig von den Füßen der tausend Pilger, die dort jeden Morgen zum Sonnenaufgang, heute noch wie vor tausend Jahren, in langen Zügen mit Trommeln und Pfeifen vom Tempel des heiligen schwarzen Stieres, vorbei am Tempel der weißen heiligen Kühe, hinunter zum heiligen Gangesstrom ziehen. Zu beiden Seiten der höhlenartigen Gasse sind Öffnungen in den Hauswänden. Da stehen auf hölzernen Tischen zu Hunderten die Lingams in allen Größen zum Verkauf. Die Tische scheinen schwarz von den schwarzen Marmoreiern, die in rötlichen kupfernen oder weißen marmornen Näpfen stecken.
Man sagt, der höchste Gott Rama ging eines Abends zum Ganges und traf dort ein schönes fremdes Weib, das Wasser schöpfte. Sein Herz begann sich für das schöne Weib zu erregen, und er näherte sich ihm und liebkoste es. Das Weib, von der Gewalt des obersten Gottes erschüttert, legte sich in den Sand und zog den Gott in seinen Schoß, und beide vereinten sich in süßer Liebesumarmung.
Aber die Gemahlin Ramas, von Unruhe getrieben, folgte den Fußspuren ihres Gemahles im Ganges-Sand, und als sie den ungetreuen Mann mit einem fremden Weibe vereinigt fand, hob sie heimlich das Schwert, das Rama neben sich gelegt hatte, und holte zu einem Hiebe aus, der den Gott von dem Weibe trennte, so daß das göttliche Glied in dem Schoße des Weibes zurückblieb.
Aber das abgehauene Glied Ramas befruchtete noch die Frau, aus deren Schoß neue Götter, ein neues Menschengeschlecht, ein neues Tier- und Pflanzenreich entstanden. Alle die von dem Gott und dem Weib Erzeugten lieben sich jetzt ewig und müssen sich ewig unter dem Symbol des Lingam weiterzeugen.
Damit Mann und Frau nicht vergessen sollen, daß sie zur herzlichen sinnlichen Vereinigung auf die Welt gekommen sind, wird ihnen in allen Tempeln und in allen Häusern, und von klein auf, das Symbol des Lingam in tausend Formen immer wieder vor die Augen gestellt, in Bild und Rede.
Denn die Menschen sind vergeßlich und unwissend, und alles muß ihnen immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe, – das bedenke, o Mensch.
Die Frau des Dalar stand an einer Straßenpumpe in einer der Eingeborenenstraßen von Bombay. Sie drehte den Hahn auf und hielt den Kopf ihres sechsjährigen Knaben darunter und wusch ihn mit den Händen.
Es ist morgens sieben Uhr, und die Straße wimmelt von Indiern, die wie nackte Rudel Rotwild aneinander vorüber eilen. Ziegenherden und Scharen von Truthühnern treiben neben zweiräderigen hohen Lastkarren über das Pflaster. Indier sitzen am Trottoirrand, lassen sich rasieren, ihre Ohren reinigen und ihren Leib massieren. Die Straßenfriseure mit dem Toilettenwerkzeug im Gürtel, und bis auf Gürtel und Turban unbekleidet, hocken neben ihrer Kundschaft am Trottoirrand.
Die Frau des Dalar hatte ihrem Knaben das schwarze Haar blank gestrichen, daß sein Kopf wie der Lackschuh eines Europäers glänzte. Sie öffnete jetzt ihr eigenes Haar und hielt ihren Kopf unter die Straßenpumpe; sie ließ den Wasserstrahl wie einen Glaskolben aufschlagen, und das Wasser zerplatzte weit im Kreise.
Ein Zebukalb, ein wilder Hund und ein paar Truthühner, die sich um die Pumpe tummelten, kamen herbei und schlürften die Wassertropfen auf.
Die zwei indischen Arbeiter in Dalars offener Schneiderbude, welche Turbanbänder und Schleier auf englischen Nähmaschinen säumten, lachten über den spritzenden Wasserstrahl, und Oliman, der eine der Gehilfen, rief der Frau des Dalar den Brahmanenspruch zu: »Elida, nimm dein Haupt in Acht, daß es nicht zu Wasser wird unter der Quelle.«
Elida, die Frau des Dalar, antwortet ihm nicht.
Sie schickte aber, als sie ihr schwarzes Haar ausrang und sich aufrichtete, mit der Wimper zuckend den Knaben zu dem, der gesprochen hatte. Oliman legte seine Hand eine Sekunde auf das frische schwarze Haar des Knaben, murmelte ein Gebet über ihn und ließ ihn wieder gehen. Dann beugte er sich demütig und scheu über seine Nähmaschine, ließ Öl aus der Kanne in die Räder tropfen und nähte weiter.
Jedesmal, wenn die Frau ihr Haar an der Pumpe vor dem Laden ihres Mannes wusch, geschah es, daß sie das Kind zu Oliman schickte und dieser ein Gebet über den Knaben sprach; das geschah jeden Morgen, seitdem der Knabe laufen konnte.
Niemand in der Straße dachte darüber nach, warum Oliman den Knaben jeden Morgen segnete. Aber Dalar, der Besitzer der Nähmaschinen, saß jetzt tagelang drüben beim Silberschmied an der Ecke und dachte nach. Er ließ seine Wasserpfeife oft ausgehen, zündete sie wieder an und dachte weiter. Dalar konnte quer über das Gewühl der Zebukarren und über das Gerenne des Bazarvolkes und heimlich über die Schulter seines Freundes, des Silberschmiedes, hinweg seinen Laden beobachten, seine Nähmaschinen, sein Weib an der Pumpe, den Knaben und Oliman.
An diesem Morgen, als die Frau mit dem Kind ins Haus gegangen war, wischte sich Dalar mit der Handfläche den Schweiß von der Stirne, stand auf, schlüpfte mit den Füßen in seine Pantoffel und ging finster in Gedanken fort in das Straßengewühl. Im Geschäftsgetriebe bemerkte niemand bei dem Silberschmied, daß Dalar verschwand. Dalar ging, bis er in eine Gasse vor eine Zeltbude kam.
Vor dem Zeltvorhang saß die rächende Göttin Kali, die Vielarmige, aus Holz geschnitzt. Drinnen im Zelt sind die rächenden Todesgötter der Indier aufgestellt, die bei Prozessionen an Festtagen durch die Straßen getragen werden. Vor dem Zelteingang neben der Göttin steht ein großer Blechkasten als Opferstock. Dalar warf ein Silberstück hinein und wünschte sich einen rächenden Gedanken. Er starrte dabei finster auf die hölzerne schwarze Gestalt der Göttin Kali, die auf einem zitronengelben Tiger sitzt, welchem statt Menschenblut rote Ölfarbe um das Maul gemalt ist. Die vielen schwarzen Arme der Göttin schwingen vergiftete Dolche, vergiftete Säbel und vergiftete Speere; sie hält ein ganzes Arsenal blitzender Waffen in die Luft. Alles Straßenvolk geht grüßend an ihr vorüber, und aller Indier Augen blitzen für eine Sekunde beim Gruß, wie Raketen in der Nacht. Dalar verbeugte sich dreimal und klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit der schwarzen Göttin zu erwecken. – Daß ihn sein Weib Elida mit Oliman betrogen hatte, wußte er jetzt, denn er sah es deutlich an dem Kind, welches Oliman täglich ähnlicher wurde. Heute hatte er endlich beschlossen, sich an Elida zu rächen.
Dalar trat in die staubige Tempelbude, um sich einen Tod für sein Weib auszusuchen.
Lange Reihen hölzerner, rot, gelb und grün gemalter Puppen standen drinnen unter dem grauen Zelttuch auf langen Tischen. Da waren Menschen an Marterpfähle gebunden, mit brennenden Pfeilen gespickt; englische Soldaten, welche vom wütenden Elefantengott zerstampft wurden; die Göttin Kali auf unzähligen Tigergestalten, auf roten und schwarzen Tigern, Feuer und Pest darstellend; der blaue Affengott, der die Menschenaugen irrsinnig macht mit seinen Grimassen und Verrenkungen. Es wurden Menschen von der Rachegöttin zu Tode gepeitscht, der Tiger hielt Verzweifelte in seinen Tatzen und riß ihnen die Gedärme aus der Bauchhöhle. Der gelbe Tigergott hatte grüne Glaskugeln als Augen und echte, heilige, zornige Tigerkrallen. Jede mögliche Folter und jeder schrecklichste Tod hatte sein Bild hier. Um das vergossene Blut zu schildern, war an den plastischen Figurengruppen nicht mit Scharlachfarbe, Purpur und Rötel gespart.
Dalar grübelte. Seine Augen liebkosten die rotgemalten Folterqualen, als stünde er vor den Blumenbeeten in den Gärten des Paradieses. Aber als er die langen Reihen zweimal auf und ab gegangen war und alle Todesschmerzen am eigenen Leibe nachgefühlt hatte, fand er unter allen grausamen Todesarten keinen Tod grausam genug für sein Weib. Nicht den roten Tod, das Feuer, das den Menschen zernagen konnte; nicht den schwarzen Tod, die Pest, mit ihren schwarzen Beulen; nicht den blauen Tod, den Wahnsinn, mit seinen verrenkten Grimassen; nicht den gelben Tod, den Tigerhunger, mit den eigenen Därmen im Maul; den Tod, den Dalar für Elida suchte, fand er nicht unter den dreihundertsechzig Todesarten.
Wie von der Göttin gekränkt, wollte Dalar schon die graue Tempelbude verlassen. Da – unter dem Zeltausgang, blieb sein Turban an einem rostigen Nagel hängen, das Turbantuch schlitzte auf, und Dalars ganzer Geldvorrat, den er, wie alle ärmeren Orientalen, stets in den Turban gewickelt trug, rollte in hundert Silbermünzen über Schultern, Rücken und Brust an ihm herab, auf die Erde, der vielarmigen Göttin Kali zu Füßen.
Dalar sah und horchte erstaunt auf die klingenden Münzen, als hörte er jedes Silberstück sprechen.
Erleuchtet von einem plötzlichen Gedanken, beugte er sich dreimal tief und ehrfürchtig vor dem Götterbild, verließ dann das Zelt und ließ sein ganzes Geld hinter sich bei der rächenden Göttin liegen.
»Die Göttin Kali hat gesprochen!«
»Den grauen Tod, die Armut wünscht dir die Göttin Kali, Elida!« Und Dalar nickte ernst und zustimmend, dann verschwand er im Straßengewühl. –
Tief in der Nacht, als die grellen Tropensternbilder wie Stachelzäune über den Häusern standen, schlich Dalar an seine Haustür und malte mit ein wenig Indigofarbe einen blauen Kreis an den Türpfosten, zum Zeichen, daß einer im Haus gestorben sei. Dann ging der Mann weiter durch die Nacht. Sein Weib würde am nächsten Morgen glauben, er wäre an der Türschwelle umgefallen und von der englischen Nachtpatrouille als pestverdächtig in die Baracken fortgetragen worden. Der Offizier der Patrouille hätte dann, wie gewöhnlich, das blaue Zeichen lakonisch an die Tür gemalt.
Dalar wanderte unter den Ketten der schweren Sterne durch die Nacht. Morgen war der Monatsanfang, an dem die beiden Nähmaschinen den unerbittlichen englischen Fabrikanten bezahlt werden mußten; morgen war der Monatsanfang, an dem die Hauspacht entrichtet werden mußte. Die armseligen feigen Ladengehilfen konnten Elida nichts nützen. Morgen mußte Oliman sich eine andere Stelle suchen, morgen mußte Elida mit ihrem Knaben betteln gehen.
Dalar schritt unter dem Steingewichte der Sterne durch die Nacht, und ihm war, als hätte er alle Arme der Göttin Kali am Leibe, so glücklich fühlte er sich. Er rächte sich tief mit allen göttlichen Armen der Rache.
Dalar wanderte in dieser Nacht, reich wie die Finsternis, als Pilger zu dem Berg Abu, um ein Jaïn zu werden. Die Jaïns leben dort am Berge nackt und sprechen dem Weibe jede Seele ab.
Walai war Straßenzauberer in Bombay. Er saß nachmittags vor dem Taj-Mahalhotel auf dem Pflaster des Quais, mit seinen Körben, seinem neunjährigen Knaben, einem roten Tuch, einem Stockdegen und einer Handtrommel. Hinter seinem Rücken lag der indische Ozean, die heiße, unendliche Wasserwüste. Über Walais gelbem Turban stand die indische Sonne wie die offene Feuerluke eines Hochglutofens. Vor ihm das Hotel aus weißem Granit, acht Stock hoch, mit offenen Granitloggien, darin Hunderte von englischen Reisenden aus Europa und aus dem indischen Reich, die Hallen und Galerien füllten.
Walai ließ die Trommel bullern. Sein Knabe mußte sich dann in einen Korb legen. Über ihn schlug Walai das rote Tuch, schloß den Korbdeckel und zählte laut auf englisch: One – two – three! Dann stieß der Zauberer den Stockdegen bis ans Heft in den Korb, lachte grinsend und sah mit seinen horngelben Augäpfeln und seinem kaffeebraunen Gesicht über die acht Stockwerke des Hotels hinauf und hinunter. Er blähte die Nasenlöcher, rief: Hee!, hob den Korbdeckel, lüftete das rote Tuch und zeigte dem ganzen Hotel, daß der Korb leer war. Um ein übriges zu tun, sprang er selbst mit beiden nackten Füßen in den Korb hinein und stampfte darinnen herum und rief: Hee, hee! und schwenkte in der einen Hand den Stockdegen, in der andern das rote Tuch in die Luft. Das rote Tuch hatte die Farbe von blutigem Fleisch und flatterte wie bluttriefend vor dem überhitzten, silbergrauen Tropenhimmel.
Die weißgekleideten Ladies und die weißgekleideten Gentlemen, die nach dem Lunch in den Schaukelstühlen auf den prächtigen Steinaltanen lagen und ihren Kaffee und Whiskysoda dort tranken, bogen sich aus dem Schatten der Steingewölbe über die hellen Geländer und zeigten Walai ihre blassen, müden Tropengesichter, die schlaff waren wie ausgepreßte Zitronen. Tausende von Malen im Jahr zeigte der Zauberer Walai dasselbe Kunststück, ein dutzendmal am Nachmittag ließ er unter umständlichem Trommelbullern seinen Knaben verschwinden und erscheinen; auf das weiße Pflaster am Meerquai klingelten dann die großen Kupferstücke und die kleinen Silbermünzen, die der nackte Knabe auflesen durfte.
Walai selbst bückte sich nicht. Niemand sah, daß er unter der Bräune seines Gesichtes immer wieder fahl wurde, wenn er den Stockdegen auch schon zum hunderttausendsten Male in den Korb stieß. Bei jedem neuen Degenstoß erschien auf seinen spitzen Backenknochen eine leichte Blässe; er liebte seinen Knaben sehr und fürchtete, ihn einmal zu verletzen. Denn der schmale, knochenlose Knabenkörper war natürlich nicht aus dem Korbe verschwunden, sondern lag darinnen, schlank wie ein Palmenblatt an die gebauchten Korbwände gepreßt, und wußte der Degenschneide geschickt auszuweichen, indem er blitzschnell seine Lage veränderte. Oft fuhr dem Knaben der Degen wie ein Pfeil zwischen zwei Finger und durch die gespreizten Zehen, oder durch das gekrauste Haar. Er wich der Degenspitze aus wie einer Schlange, die gestreckt auf ihn losstürzte. Er sah durch die Wände des lose geflochtenen Korbes das helle Straßenpflaster, das große Hotel und die tanzende Schattengestalt seines Vaters. Und wenn das Geld draußen klingelte, sprang er vergnügt und unverletzt aus dem Korb.
Heute am Sonntag, wo mehr Europäer als sonst im Hotel auf den Altanen waren, hatte der Zauberer bis zum Abend gezaubert. Er hatte seinen Knaben zum erstenmal an der Lippe geritzt, und das rote Tuch zeigte einige dunkle Flecken. Er hatte dann sein Kind in die leere Lehmhütte heimgebracht; er machte für die Nacht ein kleines Kohlenfeuer an, legte den Knaben auf die Strohmatte und wartete, bis die Atemzüge ihm sagten, daß das Kind schlief. Dann ging er noch einmal aus, um dem Knaben ein neues Turbantuch zu kaufen und sich selbst für den heutigen Schreck zu trösten.
Im Abendgewühl in den Eingeborenenstraßen setzte sich Walai müde auf einen Treppenstein und sah einen Augenblick auf die Millionen Lichter der Stadt, auf die breiten Feuer in den offenen Höfen. Kerzen und Windlichter tanzten in der Nachtluft auf den Holzgalerien, große Menschenschatten fuhren aus den Türen, schossen spukhaft durch die Lichtkegel weit hinaus über die Geländer der Altanen. Oft wurden die Schatten von fünf Fingern größer als ein Haus, große Nasen fuhren über weiße Hofwände, als würden die Menschen mit einem Atemzug zu aufgeblähten Riesen und schrumpften gleich darauf wieder zu Zwergen zusammen. Über den roten und blauen Gläserlampen der Häuser und über den braunen offenen Hoffeuern erschienen und verschwanden in der halbkühlen Märznacht die weißen Raketen der Sternschnuppen und zogen lange Phosphorlinien durch das Dunkel.
Walai der Zauberer sah die Nacht wie einen Kollegen an, der ihm seine überlegenen Kunststücke zeigen wollte. Und Walai nickte in die Wirklichkeit und Unwirklichkeit der spukenden Lichter und Schatten; er fühlte sich wie ein Fremder und Hotelgast vor der nächtlichen Zauberei.
Ganz in seinen Gedanken ging der Zauberer in den nächsten Hof und hielt seine Hände an das offene Feuer und niemand von denen, die um die Flammen hockten, achtete auf ihn. Während Walai sich noch wärmte, hörte er Musik von Gongs, Trommeln und Flöten; er bemerkte jetzt erst, daß er im Vorhof des Kulitheaters war. Seine abwesenden Augen verschafften ihm überall freien Eintritt. Er ging an den armseligen Türwächtern vorüber in den halbzerfallenen Theaterraum. Keiner getraute sich den langen, hagern Indier, der wie eine wandelnde Lanze daherkam, anzureden. Das Theater war voll von Leuten, Kulis, die wie Lumpenbündel hintereinander saßen, mit farblosen Turbanen, in Wolken von Tabakrauch. Das Theater erschien wie mit Lumpen und Knochen gefüllt. Nackt, abgemagert und grau saß das Kulivolk auf dem Parkett und dem einzigen Rang. Das kleine verräucherte Haus war wie ein französisches Theater eingerichtet. Vier Musikanten spielten stehend auf der Bühne oben und warteten auf die Tänzerin, die erscheinen sollte. In der dunkeln Bühnenwelt standen manche Kulissen auf dem Kopf, und man wußte nicht, ob sie Zimmer, Garten oder Straße vorstellten. Walai stieg über kauernde Menschenhaufen hinauf auf den Rang, setzte sich, legte sein Gesicht auf das Balkongeländer und schlief ein, wie viele der andern, die müde vom Lasttragen, von der Straße und von der Hafenarbeit waren.
Die vier Musikanten musizierten einförmig, und Walai wachte erst wieder aus seinem Schlaf auf, als ein Weib einen Schrei ausstieß. Er öffnete seine Augen langsam und sah auf der verstaubten Bretterbühne, unter der einzigen elektrischen Bogenlampe, die Kulitänzerin, umgeben von ihren vier Musikanten. Sie mußte schon eine lange Stunde getanzt haben. Der Tanz war eben bei der Szene der Entschleierung angekommen. Sie tanzte bereits mit nackten Brüsten und trug nur noch den letzten blaugrauen schmutzigen Schleierlappen um die schmalen Schenkel. Nackt bis an das Becken, reckte sie sich im Tanzwirbel, wie ein Zweig im Sturm. Sie sprang mehrmals gleich einem Ball vom Boden auf, und aus ihrer Kehle fuhr dann Schrei um Schrei. Endlich fiel sie am Boden in gekauerter Stellung zusammen und blieb liegen, als hätte ihre Seele den Leib fortgeworfen und sich im Tanz vom Herzen losgerissen.
Der Zauberer Walai sah tief aus dem Schlaf heraus den letzten Tanztakten der rasenden Bajadere zu; dann zwinkerte er mit beiden Augen wie ein Tiger, der blutunruhig durch die Wimpern blinzelt, und stieß den Atem zischend durch die geschlossenen Zähne aus. Neben ihm klatschten ein paar Kulis, andere drehten sich schlafend um.
Walai schlief nicht mehr. Er hatte seine Augen schließen wollen, aber seine Augäpfel öffneten ihm immer wieder die Augenlider, als hätten sie Hände, und seine Blicke holten sich das schlanke Mädchen, und sie tanzte durch sein Blut. Der Zauberer sah, wie ein hellhäutiger Engländer – der einzige Fremde, der sich in das Theater verirrt hatte, – die Hand mit der weißen Manschette hob und der bettelnden Tänzerin während der Pause große Silbermünzen in den hingehaltenen Schleier warf.
Der Walai spuckte rasch zwischen seinen Knieen auf den Fußboden. Wie das Haupt eines Geköpften lag sein Kopf mit aufgestütztem Kinn auf dem Geländer, seine weit offenen Augen hielten das Mädchen auf der Bühne fest, als wären seine Blicke Zügel, als hätte er die fliegende Gestalt auf den Bühnenbrettern mit einem Lasso eingefangen und an sein Herz gebunden. Stundenlang rührte sich sein Kopf nicht und seine Augäpfel starrten rot aufgerissen wie zwei fleischfressende Urwaldorchideen, deren Kelche in der Nacht plötzlich mit einem Knall aufspringen.
Das Mädchen auf der Bühne tanzte ahnungslos und ließ seine nackten Brüste wie zwei kleine Seidenkissen unter der Bogenlampe glänzen. Von Sekunde zu Sekunde wurde jetzt das seufzende Zischen des Zauberers lauter, und als die Tänzerin sich wieder zu dem Fremden bückte und Geld auffing, glitt Walai an der Wand entlang, als wolle er sich unsichtbar machen, und kam zur Tür. Das Türbrett öffnete er lautlos. Da fiel der Schatten der Tänzerin, groß und lang, zugleich mit Walais Schatten hinaus an die weiße Hofwand, und die Schattenhände des Mädchens fuhren einen Augenblick um Walais Halsschatten. –
Ein paar Minuten später stand Walai vor seiner Lehmhütte, bei seinem schlafenden Knaben. Der Hüttenraum war blutrot vom ausgehenden Feuer. Wie von den Augen der rasenden Tänzerin getragen, war Walai mit leichten, großen Sätzen durch die Gassen nach Hause gesprungen; er konnte schwören, daß er keine Fußspuren hinter sich im Sand gelassen hatte. Wie offene Feuer großen Rauch und große Schatten in die Nacht schleudern, so fühlte sich der Zauberer von seinem plötzlich leidenschaftlich verliebten Herzen als ein dunkler Riese in die Welt gestellt. Wenn er die Augen schloß, tanzte in ihm die Bajadere. Es war ihm all sein Blut im Leib verdorrt, und der rasende Tanz des Mädchens war das einzige Leben in seinen Adern.
Er nahm wie ein Irrsinniger den Degen aus der Zimmerecke.
»Süße!« flüsterte er, »Süße!« Er schloß die Augen, als tanzte das Mädchen auf dem roten Lehmboden der Hütte vor ihm, und mit geschlossenen Zähnen seufzte er noch einmal tief: »Der Fremde gibt dir Geld, was gibt dir Walai?« Er schwang plötzlich die rotbeleuchtete Degenklinge wie eine Fahne in der Hand und stieß die Stahlspitze seinem Knaben in das Herz.
Mit roten Augäpfeln lachend, in Ekstase wie ein Tanzender und mit hochgehaltener Degenklinge, deren Spitze schwarz von Blut war, rannte er aus der Hütte, sprang wie ein Gespenst an den Häusern hin. Die Leute unter den Laternen wichen ihm aus, sie meinten, es sei ein irrsinniger heiliger Mann, der aus einem Tempel fort in die Welt stürzte. Mit einem einzigen Satz sprang Walai mitten in den Theaterhof. Da der Weg über das Feuer der kürzere war, sprang er ohne Besinnen über den Holzstoß. In drei Sprüngen war er durch die aufgerissene Tür des Zuschauerraumes oben auf der Bühne.
Die Musikanten warfen sich zwischen ihn und die Tänzerin. »Willst du sie töten?« rief der eine und hielt zum Schutz gegen seinen Degen den bronzenen Gong wie einen Schild hoch. Der Zauberer aber lachte, und über die Köpfe der Musikanten warf er den Degen vor die Füße der Kulitänzerin.
»Laßt mich,« schrie er, »der Fremde gab ihr sein Geld, ich gebe ihr mein liebstes Blut.«
Die Tänzerin floh vor dem hingeworfenen blutigen Degen hinter die Kulissen. Viele packten Walai, hielten ihn fest, riefen die englischen Konstabler von der Straße; die kamen in ihren gelben Kaki-Uniformen auf die Bühne, banden den Mann solid und nüchtern und schleiften ihn fort.
»Der hatte einen roten Gedanken,« sagten die schläfrigen Kulis zueinander, und einer warf Walai den blutigen Degen über den Hof nach. Dann setzten sich die Leute wieder auf ihre Plätze, die Musikanten spielten, die Kulibajadere tanzte wie immer bis zum Morgenrot und verstand nicht einmal, daß sie in dieser Nacht einen Zauberer verzaubert hatte. Sie tanzte, weil es ihr Geschäft war und tanzte heute lebhafter, weil der Fremde im Parkett noch reich an Silbermünzen war.
Auf dem Abendkorso von Bombay kreisten die hohen Räder der Staatskarossen. Die Kutscher klingelten mit silbernen Glocken. Schmal wie Gazellen saßen oft sechs bis acht Indierinnen in den Wagen auf den Polstern und streckten die schlanken, braunen Hälse. Vorortzüge rasselten neben dem Korso am Meere entlang, Automobile und englische Cabs. Die Parsen hatten die reichsten Equipagen, denn sie stellen in Bombay die Finanzwelt dar.
In einem ungeheuren schwarzpolierten Wagen, mit vier Fliegenwedlern in grüner Livree und rotem Turban hintenauf, mit zwei braunen Kutschern auf dem Bock, kam der steinreiche Parse Rama mit seinem Sohne Elifar zum Korso. Die beiden Herren trugen dunkelblaue Kaftanröcke bis an die Hüften, ein weißes Schleierhemd hing unter der dunkelblauen Weste hervor bis an die Kniee, die Waden waren nackt, und die Füße steckten in Goldpantoffeln. Auf dem Haupt jedes Parsen thronte die schwarze, polierte Lacktiara, welche den beiden Bankiers das Aussehen von Hohenpriestern gab. Die englisch geschirrten Pferde griffen scharf aus. Die vielen Fußgänger sahen die Abendsonne tief am Boden unter den Pferdehufen und unter den Rädern der Equipagen, als ließen die Reichen die Sonne zu ihren Füßen zerstampfen. Wie blaugraue Kreisel tanzten die langgezogenen Schatten des Korsos über die abendlichen kupferroten Rasenplätze der englischen Klubhäuser. Weißgekleidete Tennisspieler standen wie helle Gipsfiguren unter den papageienfarbigen Palmen. Das Meer lag neben der Wagenkette wie ein riesiger Silbertisch, und die Sonnenkugel war aus dem grünlichen Abendäther wie eine geschälte Blutorange auf die weiße Meeresplatte hingerollt. Hunderte von Indiern wanderten am Strand. Indische Frauen, sieben und zehn, hielten sich an den Händen und gingen über die gebleichten, kalkigen Muschelwiesen am flachen Meeresrand entlang. Die feinen nackten Mädchen- und Frauenkörper sind in smaragdgrüne, karmoisinrote und azurblaue Schleier gewickelt. Die Abendluft preßt die wasserdünnen Schleier an die Linien jedes nackten Leibes. Die Frauenscharen in ihren glitzernden Schleiern stehen wie aus blauem, rotem und grünem Glas gegossen am Meer. Junge Männer mit riesigen weißen und gelben Turbanpaketen auf dem Kopf wandeln, gleichfalls Hand in Hand, die Wasserlinie entlang. Manche Gruppen spielen Ball, andere liegen neben ihrem blauen Schatten auf dem weißen Muschelboden.
Große Schreie verbreiten sich in der Luft, und mächtige schwarze Aasgeier fegen über die Köpfe des Korsos. Niemand achtet auf sie. Die unheimlichen, fürchterlichen Vögel jagen wie schwarze Tücher durch die Luft, die Erde und das Meer anschreiend. Die finstern Vögel stürzen fort, ihr Flug ist wie ein Umsichhauen großer schwarzer Sensen.
Die Aasgeier kommen und gehen und pflügen die Luft mit ihrer Unruhe über den Palmenspitzen der Prachtgärten des Malabarhügels. Die Rücken dieses Hügels ziehen sich draußen vor Bombay an der Strandbucht ins Meer. Dort oben sind, versteckt im Blaugrün hinter den Villen und den Gärten, die Totentürme der Parsen. Dort werden die Gestorbenen auf die platten Dächer der weißen runden Türme den Aasgeiern hingelegt; ein Leichnam wird in einer Stunde von den wilden Vögeln gefressen. Der Parsentote darf weder Luft, Wasser, Feuer noch Erde verunreinigen und bekommt darum kein anderes Begräbnis als das im Magen eines Geiers.
Dort oben in den Prunkgärten um die Totentürme stehen jetzt im Abendlicht die Palmenschäfte wie rote, verrostete Eisenschrauben in der Luft, und die Schreie der Geier fahren hervor gleich wild ausgestoßenen Flüchen, wie die Sprache des ewig zankenden Hungers. Die feiernden Menschen am Abendmeer sind mit den häßlichen Geierlauten vertraut wie mit ihren eigenen Sorgen. Männer und Frauen schauen friedlich ungestört in den wollüstigen Sonnenuntergang, zu dem jeden Abend die schwarzen Aasvögel gehören, wie die vielen Schatten der Menschen, der Pferde und Equipagen zum Korsoweg.
Am Wegrand stehen einige Equipagen und warten auf die Spaziergänger. Rama ließ gleichfalls seine Pferde halten, und sein Sohn Elifar stieg aus. Sobald die Sonnenscheibe die Meerfläche anrührt und die Meerluft sich dreht, Wasserkühle und Landwärme zu kreisen beginnen und die Schleierenden der spazierenden Damen und Mädchen sich im Luftzug kräuseln, eilen die wandelnden Gruppen auf ihre Wagen zu; Wagen und Spaziergänger kehren zur Stadt zurück.
Der Vater Rama sah seinem Sohne nach, welcher zum Wagenschlag der nächsten leeren Equipage getreten war und auf eine Mädchengruppe wartete, die vom Meere her kam. Ehe noch Elifar und die Mädchen sich begrüßten, hörte der alte Herr, im tiefen Wagenfond verborgen, eine Stimme aus einem Trupp vorübergehender Menschen neben seinem Wagen sprechen: »Nie wird der Sohn des Rama mit Aloi glücklich werden. Sie ist das gelehrteste von allen Parsenmädchen in Bombay und liebt nur Bücher und keine Menschen.«
Der alte Rama seufzte und spielte mit seiner dicken Uhrkette, die war aus goldenen Skarabäen zusammengesetzt, in jedem Käferkopf steckte eine echte schwarze Perle. Durch den offenen Wagenschlag spiegelte sich die Sonne mehr als fünfzigmal in der kostbaren Kette, und mehr als fünfzig kleine blutrote Sonnen rollten durch Ramas Finger. Dann verloschen alle Perlen, und die Kette lag dunkel in Ramas Hand. Er sah in demselben Augenblick, als er die Stimme aus dem Volke gehört hatte und die Sonne im Meer unterging, wie Aloi seinem Sohn Elifar drüben an ihrem Wagen kaum die Fingerspitzen reichte und sich dann mit allen ihren Freundinnen in die Wagenpolster setzte. Der Alte dachte: Aloi ist nicht gekommen den alten Parsen Rama zu begrüßen. Aloi liebt keinen Menschen; ihr Herz ist ernst und farblos wie die schwarzen Perlen, die in die Sonne sehen wie Brillengläser und farblos wie schwarze Brillen sind. Die Stimme im Volk vorhin hatte recht, Aloi liebt nur ihre Bücher; nicht einmal am Abend vor ihrem Hochzeitstag mit Elifar konnte sie herzlich werden.
Rama hörte Alois Wagenschlag zufallen, die Kutscher klingelten mit ihren silbernen Signalglocken, die sie statt der Peitsche neben sich am Bock hatten, und Alois offene Equipage, gefüllt mit den Köpfen von sieben jungen Parsenmädchen, welche fast alle Sieben Brillen trugen, fuhr an Ramas stillstehendem Wagen vorüber. Die Mädchen nickten dem alten vornehmen Parsen Rama zu, aber ihr Gruß war nebensächlich und flüchtig, als wären alle Sieben kluge Ameisen, die nie Zeit haben vor Fleiß und Eile.
Elifar kam in den Wagen seines Vaters zurück; dieser sah, daß sein Sohn die Lippen eitel aufwarf und mit seinen schwarzen hochmütigen Augen selbstgefällig Aloi nachsah.
Rama dachte: Mein Sohn Elifar ist nicht klug, und seine Eitelkeit ist seine ganze Weisheit. Er ist ein schön gewachsener Junge, ist reich, liebenswürdig, wohlgenährt und könnte darum Aloi gefallen. Aber Aloi strotzt von Wissen und Gelehrsamkeit. Sie ist hochmütig wie keine, und ich wundere mich nur, warum sie meinem Sohne das Jawort gab, als wir bei ihrem Vater um sie anhielten. –
Der Alte und Elifar fuhren eine Weile schweigend, und die Fensterreihen der Klubhäuser glänzten wie weiße Zettel, die in der Dämmerung angeklebt waren, und von denen die beiden Herren ungeschriebene Gedanken ablasen.
Das Meer lag jetzt grau und tot unter einem Netz einförmiger Dämmerungswellen, wie ein weißer, gefangener Riesenleib unter einem Drahtgitter.
»Dein Hochzeitstag hat mit dem Sonnenuntergang jetzt begonnen«, sagte der Vater, als der Wagen an der Schranke des Vorortsgeleises auf einen vorübersausenden Zug warten mußte. Rama verstand im Eisenlärm nicht, was Elifar ihm antwortete, aber er sah die Gedanken dem Sohne aus dem Gesicht.
Elifar dachte nur an seine Eitelkeit. Er war überaus stolz darauf, daß er, der reiche, stattliche, junge Mann, gleichsam wie einen unbezahlbaren Schmuck, gleich wie einen hochtrabenden Titel, morgen zu seinem Hochzeitstag vom Schicksal eine Frau bekam, welche die gelehrteste von allen brillentragenden Mädchen war. Aloi hatte ihm nach einiger Bedenkzeit ihr Jawort gegeben, und er war damit zufrieden, daß sie sich lieben lassen wollte, aber nicht wieder lieben konnte.
Elifar wickelte aus einem kleinen gelben Seidentuch einen Ring. Derselbe stellte zwei goldene Pferdchen dar, welche, nebeneinander langgestreckt, scheinbar um die Wette liefen. Steckte man den Ring an die Hand, so schienen die Pferde rings um den Ringfinger zu laufen. Elifar hatte auf den Ring gedeutet und seinem Vater geantwortet, als der Eisenbahnzug vorüberrasselte und die Worte zerstreute. Rama verstand, daß sein Sohn diesen Ring Aloi zum Hochzeitstag schenken wollte, und er begriff, daß die beiden Pferde die Seelen der beiden Menschen vorstellten. Elifars Eitelkeit rannte wie ein Pferd mit dem Verstand von Aloi um die Wette.
Elifars Augen betrachteten wohlgefällig den Ring, und sagten stumm zum Vater: Morgen werden mich viele beneiden um Aloi.
»Man heiratet nicht, um sich beneiden zu lassen, Elifar; laß die Sonne morgen wie heute untergehen, mein Sohn, und gib diese Heirat auf; gib nicht deinen Ring dem Mädchen mit der Brille, ich suche dir eine andere.«
Elifar steckte seinen Ring in die Westentasche und antwortete dem alten Rama. Aber auch diesmal wurden die Worte von der Luft mit fortgerissen, ohne daß sie der Vater hören konnte.
Einer der mächtigsten Aasgeier war von den Gärten der Totentürme herab mit großem und lautem Gekrächze über die beiden Herren geflogen und hatte Elifars Worte überschrieen. Nur Elifars Achselzucken sprach stumm zu Rama: Frauen ohne Brillen sind mir langweilig, weil sie so eitel sind wie ich, Vater.
Der Wagen hielt vor Ramas Villa zwischen den hohen Mauern der Gärten des Malabarhügels. Die beiden Herren wollten aussteigen, im gleichen Augenblick kehrte derselbe große Aasgeier im Fluge um und stob dicht vor dem alten Herrn über die Rücken der Pferde. Rama duckte sich unter dem Luftzug des Flügelschlages.
Die unruhigen Pferde zerrten den Wagen ein paar Schritte vorwärts, Ramas prachtvolle Uhrkette blieb an der Türklinke des Wagenschlages hängen und zerriß.
Der alte Parse erschrak über den Totenvogel und über seine zerrissene Skarabäenkette. Er betrachtete dieses kleine Unglück am Vorabend der Hochzeit als den Vorboten eines größeren. Er hätte gerne seinen Sohn noch einmal gebeten, die Hochzeit aufzuschieben, aber die eiteln Augen Elifars hinderten ihn am Sprechen, und der Alte sagte nur, als er ins Haus trat:
»Menschen, die sich nicht im Blut lieben, lernen sich niemals kennen, nicht einmal der Tod kann ihre kühlen Gedanken einigen.«
Am nächsten Abend um dieselbe Stunde saßen bei dem weitoffenen Gartentor des Hauses Rama die Hochzeitsgäste, die reichsten Parsen von Bombay, alle mit schneeweißen Togas bekleidet, und zeigten sich den Vorübergehenden der Straße. Tiefer im Garten gingen die Mütter und die älteren Frauen, gleichfalls in weiße wohlgeordnete Togas gehüllt.
Auf dem dämmerigen blauen Rasen deckten viele Diener eine lange Abendtafel mit weißen Seidentüchern, die Hochzeit neigte sich ihrem Ende zu.
Aloi, umgeben von fünfzig jungen Freundinnen, saß in einer offenen weißen Pfeilerhalle des Gartens. Braut und Brautmädchen trugen fast alle Brillen und waren alle in weiße silbergestickte Togas gewickelt. Die rosa Orchideen in den schwarz gescheitelten Haaren steckten gedankenvoll wie die Brillen an den jungen Mädchenköpfen. Die jungen Damen saßen im großen Kreis auf Stühlen und spielten Pfänderspiele und waren wie Kinder fröhlich, trotz aller Belesenheit.
Ein Zug von Dienern trat jetzt in den Kreis der Mädchen. Sie stellten einen großen vergoldeten Kuchen in die Mitte auf einen Schemel, und auf silbernen Platten wurden kleine parfümierte Blumensträuße gereicht.
Elifar erschien auf der Hallentreppe, mit ihm eine Schar junger Männer, alle in weiße Togas gehüllt, wie wandelnde Marmorbilder. Der Bräutigam hatte die Braut zu sich hinaus in den Garten bitten lassen, aber sie war nicht gekommen. Nun trat er selbst in den Mädchenkreis und lachte, weil Aloi nicht aufstand und nicht zu ihm kam.
Das Brautpaar sollte sich verabschieden und im Brautzug nach Elifars Wohnung ziehen. Aber Aloi lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, sah Elifar über ihre Brille an, schmollte mit ihrem hübschen Kindermund, und ihr Gesicht war blaß und leuchtete auf ihrem Hals, wie die Kelche der Kallablumen an den Spiegeln der Gartenteiche:
»Laß mich noch eine Stunde junges Mädchen bleiben,« rief sie scherzend, »ich weiß nicht, warum ich mich plötzlich vor dir fürchte, Elifar. Ach, Freundinnen seht mich an, ich fürchte mich, glaube ich, davor, Kinder zu bekommen. Ich hatte ganz vergessen, daß man beim Heiraten nicht bloß eine Freundschaft schließt, sondern, daß man auch Kinder gebären muß. Ich bin keine Frau, die ungestraft gebären kann, das sagt mir mein Verstand; ich glaube, ihr Herren und Damen, ihr müßt mich dann auf die Totentürme tragen. Wenn ich ein Kind bekommen sollte, überlebe ich es nicht.«
Aloi sagte das laut und ohne Scham, sie meinte jedes Wort ernst, wenn sie auch lachte. Ihre Brillengläser liefen an und standen bläulich und gedankenvoll wie große Mondsteine im Gesicht, als ob ihre Augen jedem und Keinem gehörten, und ihre Blicke verschwanden grau in einer Wolke hinter der Brille.
Elifar stand hinter ihrem Stuhl und lächelte; er nahm ihre Hand und steckte ihr den Ring mit den goldenen Pferden an den Finger.
Aloi schüttelte leicht die Hand, und der Ring fiel in ihren Schoß. »An meine Hände paßt kein Schmuck und kein Ring. Meinen Fingern, die nur gerne in Büchern blättern, sind Ringe zu schwer.«
Elifar lächelte, und sein eitles Lächeln meinte: Du wirst dich an den Ring gewöhnen, Aloi. So wie du dich an die Liebe gewöhnen wirst und an das Gebären von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewöhnen.
Aloi schüttelte ihren Kopf, und ihr Kopfschütteln sagte stumm: Nein, nein, nein! Laut sagte sie:
»Elifar Rama, ich werde mich nicht an die Liebe gewöhnen, nicht an das Kindergebären, nicht an dein Gold und an deinen goldenen Ring. Wir heiraten uns, weil wir Menschenkinder sind, die nicht wissen, was das Leben von ihnen will. Ich heirate dich, weil ich den Eltern den Willen tue, weil du eitel auf die Heirat bist, und weil du nicht forderst, daß ich Liebe heucheln soll.«
Alle Parsenmädchen klatschten laut Beifall.
Elifar nickte, steckte den Ring in seine Tasche und sagte, ohne zu sprechen: Eines Tages wirst du dich an alles gewöhnen, Aloi. Ich werde dir den Ring heimlich anstecken, und du wirst es gar nicht merken, daß du meinen Ring trägst.
Aloi schüttelte heftig den Kopf: Niemals, niemals.
Dreiviertel Jahr nach dieser Stunde starb Aloi bei der Geburt eines toten Kindes. Ihre Leiche wurde in weiße Seide gehüllt und in den Garten der Totentürme getragen, in diesen farbigsten und schauerlichsten Garten der Welt. Achtzig weiße Stufen führen darinnen den Hügel hinauf. Oben auf den Terrassen empfangen die weißgekleideten Parsenpriester den Leichenzug und tragen die Toten über den Purpursand der Gartenwege. Blaue, goldgelbe und scharlachblühende Blumentische stehen an den Rändern der Wege. Graue Kakteen und Palmenbestände verdecken halb die kesselartigen, weißen Steintürme. Wie zusammengekauerte Männer in schwarzen Röcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen Hälsen und kahlen Schädeln um den Turmrand. Sie stoßen sich mit den eckigen Schulterblättern und rucken mit den hackigen Schnäbeln und schleudern sich, aufkreischend, durch die Luft und sehen im Flug aus, als ob von Totenbahren große, schwarze Tücher davonfliegen.
Nachdem man Aloi zu den Geiern auf die Totentürme getragen hatte, stand Elifar abends in seinem leeren Hause in der Gartenhalle. Sein Besitztum lag neben vielen andern Gärten am Malabarhügel unterhalb der Totentürme. Die Diener trugen vor ihm auf dem Rasen die von Aloi hinterlassenen Bücher und Schriften auf einen Haufen und warfen sie in ein Reisigfeuer.
Elifar trat in den Garten; der Abendhimmel lag über ihm bleigrau wie eine Panzerplatte. »Warum bedrückt mich keine Trauer?« sagte der eitle Mann zu sich. »Ich fühle nicht mehr Trauer über Alois Tod als über die untergegangene Sonne irgendeines Tages. Sie hat sich nicht an meine Liebe gewöhnt und hat mir auch kein Kind geboren und ist gestorben, um mir zu zeigen, daß sie sich nicht an die Liebe gewöhnte. Aber als Tote gehört sie mir jetzt ganz und trägt jetzt endlich meinen Ring. Ich habe keine Trauer um sie im Herzen, weil sie mir im Tode näher ist als im Leben.« –
Der schon dämmerige Park wurde von einem letzten roten Sonnenblick hell, und rote Streifen schossen, wie rote Goldfische, über die wasserblauen Rasen. Ein paar Riesenschatten vorüberfliegender Aasvögel fuhren über Elifars Kopf und wischten die roten Lichtstreifen aus.
Nach einer Weile kam einer der indischen Gärtner. Sich demütig vor Elifar verbeugend, reichte er ihm auf einem Brotfruchtblatt einen abgerissenen Menschenfinger, daran ein goldener Ring steckte. Der junge Parse fuhr erschrocken zurück und wurde blaß und grau.
Der Gärtner erzählte, einer der Aasgeier hätte diesen Totenfinger in ein Blumenbeet fallen lassen.
Elifar zog den Ring, der zwei goldene Pferdchen vorstellte, von dem toten Fingergliede. Dann ließ er den Finger in Seide wickeln und zurück zu den Totentürmen tragen. Den Ring aber steckte er in seine Tasche. Und seine Hand spielte tagelang mit dem Ring in der Tasche, und seine Eitelkeit weinte.
Der Maharadscha von Jaipur, der heute noch unabhängigste Fürst von Indien, hat einst zu Ehren des Besuchs des Prinzen von Wales alle Häuser, alle Straßen, alle Wände, Treppen und Türmchen seiner kleinen Hauptstadt Jaipur mit rosa Kalkfarbe anstreichen lassen, alle Gesimse und Geländer mit purem Indigoblau, so daß die Stadt jetzt den ganzen Tag über und über in einem ewigen Morgenrot schimmert und die rosarote Stadt genannt ist. Keiner geht durch diese Stadt, der nicht von der unendlichen rosaroten Farbe begeistert gestimmt wird. In alle Straßenfluchten hinein begleitet dich vom Morgen bis zum Abend der zuckersüße Rosenton. Er übertüncht deine Sorgen und deinen Kummer und verzärtelt deine Gedanken. Die helle Stadt scheint aus rosa Zuckerguß und rosa Schlagsahne aufgebaut. Süß und süßlich wird dir vor dem rosa Häuserschaum zumut.
In der Straße der Reitbahn steht ein goldener Minaretturm, der einzige gelbe Fleck in den rosa Mauern. Diese Straße ist sehr breit und führt nach dem Marktplatz und nach den Elefantenställen des Fürsten. In der Mitte über einem Straßenaltar ragt ein Trompetenbaum mit weißen Armen. Zu beiden Seiten der Straße sind in den Erdgeschossen der rosaroten Häuser offene Verkaufsgelasse, wie kleine dunkle Höhlen; darinnen hocken die Indier auf den erhöhten Dielen und arbeiten. Ein starrsinniger blauer Himmel ist immer über der rosaroten Stadt, es hat jetzt seit zwei Jahren nicht geregnet.
Weiße Zebustiere und Zebukälber tummeln sich vor den Läden, Affen purzeln von den Dächern in grauen Scharen über die rosa Straßen. Jeden Morgen um eine bestimmte Stunde kommt der Lieblingselefant des Fürsten von seinem Morgenspaziergang durch das rosa Tor in die Stadt zurück in die Rennbahnstraße, torkelt wie eine Kuh gemütlich und watschelt die breite Straße hin nach dem Elefantenstall. Voraus geht ein Wächter mit weißem Turban, der eine Riesenglocke schwingt, damit Vieh und Menschen dem fürstlichen Tier ausweichen. Auf dem sich wiegenden breiten Elefantenschädel hockt ein indischer Knabe mit einem Stachelstab in der Hand. Der Elefant bewegt die großen, rot und blau tätowierten Ohrlappen, daß sie mit ihren bunten Arabesken wie große Tapetenfetzen in der Luft wehen.
Der Knabe auf dem Kopf ist dreizehn Jahre alt und sehr schmächtig, er sitzt auf dem Schädelknochen des Elefanten wie auf einer wandernden Schaukel. Der nickende Koloßkopf schwingt mit dem leichten Knaben mühelos auf und ab, als trüge das Tier keinen Menschen, sondern nur einen gewichtlosen Straußenfedernschmuck. Des Knaben Vater wurde kürzlich im Stalle des Fürsten von einem wahnsinnigen Elefantenungeheuer zerstampft, und seine Mutter verlor der Knabe vor zwei Tagen. Sie saß tagaus, tagein in einem Mehlladen an der Rennbahnstraße, über einen Mahlstein gebückt, den sie mit der Hand drehen mußte. Neben ihr schwangen noch sechs Frauen sechs Mahlsteine.
Weißglühend zieht heute wie immer die Morgensonne in die rosa Straßen, brennt auf dem goldenen Minaretturm und in dem weißen Trompetenbaum, dessen große Blätter senkrecht schlaff herabhängen, wie aufgereihte grüne Teller.
Der Elefant hebt wie jeden Morgen, wenn er durchs Stadttor tritt, seinen Rüssel in die Luft, und die vergoldeten Kugeln seiner beiden Stoßzähne blitzen. Er stößt einen Fanfarenlaut aus, da er sich dem Stall nähert.
Yawlor, der Knabe auf dem Elefantenkopf, rührt sich nicht. Er zieht heute ernst, wie ein Fürst, in die Morgenstadt ein. Mit seinem schwarzen Blick sieht er nach dem Laden, in dem sonst die Mutter an dem Mühlstein hockte. Dort sang sie mit den Weibern näselnd den Mehlsang, daß der Sohn den Sing-Sang am Morgen schon weithin hörte. In der Nähe des Ladens ließ stets der Glockenträger, der vor dem Elefanten schreitet, die Glocke in seiner Hand schweigen, aus Respekt vor dem Sang, denn das Mahllied ist ein uraltes heiliges Lied.
Aber heute stand die Hälfte der Mühlen leer, nur drei Frauen sangen halblaut einförmig auf der erhöhten Diele des mehlweißen Ladens. Als sie die Elefantenglocke hörten und wußten, daß der junge Yawlor auf dem Kopf des Elefanten vorüberritt, stellten sie zum Zeichen der Trauer für seine Mutter das Lied ein. Statt der sechs Mahlsteine sausen nur drei unter den braunen abgearbeiteten Händen der Weiber; die drei anderen Handmühlen stehen still und verlassen. Wegen anhaltender Dürre und Teuerung hatte der Mehlhändler vor kurzem die Hälfte der Weiber entlassen müssen. Yawlors Mutter war darnach in ihrem Lehmhaus an der Landstraße vor Nahrungssorgen und vor Bekümmernis um den toten Mann, den ihr der wahnsinnige Elefant umgebracht hatte, halb verhungert und halb verdurstet eines Morgens tot umgefallen. Am Abend fand ihr heimkehrender Sohn ihren zusammengeschrumpften kleinen Körper wie einen ausgemergelten Hanfstrick an der Türschwelle der Hütte liegen. Yawlor schichtete mit einigen Kulis aus dem Elefantenstall einen niedrigen Holzstoß, legte die Leiche darauf und verbrannte sie. Seine Hände hatten die tote Mutter in Asche verwandelt, aber nicht sein Herz. Seine Gedanken hielten die Tote immer noch wie ein lebendes Geschöpf umarmt. Wenn er morgens den Elefanten des Fürsten vom Stall hin und zurück ritt, setzte er im Geiste seine kleine tote Mutter neben sich auf den großen Elefantenkopf, und sein Herz redete mit ihr.
Der große Elefant schaukelte jetzt mit Yawlor am Mehlladen vorüber, wo nur die drei Mühlen knirschten, aber kein Lied ertönte. Draußen am Marktplatz saßen die Purpurfärber und Leinwandverkäufer unter ihren Zeltstangen vor ihren roten und blumigen Warenstücken. Alle legten heute die Hand an die Stirn und grüßten den Knaben auf dem Elefantenkopf wie einen Herrn, zum Zeichen des Mitgefühls.
»Sie grüßen die Tote, die neben mir auf dem Elefanten sitzt,« sagte der Knabe zu sich. Als er an der stillstehenden Mühle des Ladens vorübergeritten war, an der seine Mutter sonst immer gearbeitet hatte, redete er in die Luft: »Mutter, ich will dich am Durst und am Hunger, die dich umgebracht haben, rächen. Ich will den Durst und den Hunger in dieser Stadt umbringen.« Des Knaben Auge flog die Straße hinauf und hinunter, wild, als wollten seine Lippen einen Schrei ausstoßen, wilder als der Schrei des Elefanten. Niemand hörte den Knaben auf der Straße laut mit sich sprechen, denn der Glockenläuter, der vorausging, übertönte alle Geräusche. Der Elefant torkelte jetzt behäbig über den Marktplatz. Die Leute sahen nur, daß Yawlor fortgesetzt die Lippen bewegte.
»Ich werde schreien,« rief Yawlor zum Geist seiner Mutter, »daß der Himmel über dem Marktplatz zittert, Mutter. Und der Fürst und alle Leute in der Stadt müssen fragen, wer schreit? >Das ist Yawlor, der den Regen vom Himmel rufen kann<, muß man dann antworten. Hunger und Durst müssen vor Yawlor sterben. Mit beiden Armen werde ich den Himmel wie einen vollen Wasserschlauch an mich pressen, daß der Starrsinnige zerplatzt und die Felder von der Stadt Jaipur bis zum Schloß Amber draußen überschwemmt werden von seinen Regenfluten.« Der Fluß muß wieder im ausgedörrten Kiesbett erscheinen, und sein Spiegel muß wieder auftauchen, der Fluß, der jetzt mit versteintem und verdorrtem Gesicht dalag, wie Yawlors tote Mutter auf dem Scheiterhaufen. Unterm lebenden Regen würde auch die Asche der Mutter wieder zu Fleisch werden und aufstehen. Die Mutter würde wieder an ihrem Mahlstein niedersitzen und jeden Morgen wie sonst singen, wenn Yawlor auf dem nickenden Kopfe des Elefanten Talim am Mehlladen vorüberritt. – Yawlor sah vom Kopfe des Elefanten herab über dem Marktplatz deutlich die Stunde seiner Größe kommen. – Der Fürst würde zu Pferd mit allen Frauen in den Sänften und in den Zebuwagen und mit allen tätowierten und purpurgeschmückten Elefanten auf dem Marktplatz in den Palast der vier Winde ziehen; alle Fenster wären dann voll von Frauengesichtern mit plattgescheiteltem Haar. Die Rubinen in allen Ohrmuscheln und die weißen Ringe in den Nasenflügeln müßten funkeln und glitzern und alle Goldspangen an den Armgelenken klirren, wenn sich die Frauen über die Geländer bögen und mit großer Erregung Yawlors Stimme lauschten. Yawlor stünde dann mitten auf dem Marktpflaster zwischen den tausend heiligen grauen Tauben, die dort picken und die nie ein Arm verscheuchen darf, und Yawlor schriee zum Himmel vor den Reihen der Fenster, den Elefantenreihen, den Wagenreihen, und vor den Reihen der ungeduldigen Pferde. Wie voll von Haufen Käfern und Waldameisen würden alle Dächer und Türmchen voll von Turbanen und Gesichtern sitzen, die auf Yawlor sahen wenn er den Regen aus den Wolken herabschrie, wenn er die Dürre vom Himmel riß und der Sonne ins Gesicht schlug. Dann in der atemlosen Stille mußten die ersten Tropfen, rund und gequollen und wie Gewichte schwer, auf die Köpfe schlagen, tausend Hände sich nach den Tropfen ausstrecken und Tausende mit den nassen Händen jubelnd Beifall klatschen. Alle grauen Tauben auf dem Marktplatz fliegen rauschend dem Regen entgegen, alle Pferdenüstern wiehern, die Elefanten trompeten, und der Fürst und seine Frauen lassen Yawlor durch die Eunuchen vom Markt herauf in den rosigen Windpalast rufen. –
Der Knabe Yawlor mußte sich jetzt unter dem kühlen und dunkeln Tor des Elefantenstalles bücken. Das breite Elefantentier trampelte mit dem Knaben auf dem Kopfe in den Elefantenhof. Hühner, schwarze Böcke, Truthähne, Kulis, Affen, Wasserträger und Elefantenwärter trieben sich hier um die offenen Lehmställe und um die offenen fürstlichen Wagenschuppen herum. Der Dunst des gedörrten Elefantenmistes, der auf den Rändern der Hofmauer in Fladen als Dung getrocknet wurde, und Staubwolken füllten die Luft. Die begeisternden rosaroten Straßen von Jaipur aber waren hinter Yawlor verschwunden.
Zwischen dem Dunst des Viehes, der Taglöhner und des Mistes verwandelte sich die straffe Gesichtshaut des Knaben, sein Ausdruck wurde müde, welk und alltäglich. Sein Geist, der unter dem feierlichen Beileidsgruß der Kaufleute auf dem rosaroten Marktplatz aufgeleuchtet hatte, wurde kleinmütig. Als er vom Kopfe des erhabenen Elefanten zur Erde glitt und im Staub bei den Staubigen stand, hatte er den heldenhaften Blick in die Ferne verloren. Er stellte seinen Stachelstab in die Mauerecke, rieb sich die Gedankenreste wie Staubkörner aus den Augen und war auf seinen abgemagerten Beinen wieder der Sohn eines Kulis und nicht mehr der Herr über Durst und Hunger, wie auf dem Kopf des Elefanten.
Ein schwarzer Widder im Hof, welcher spielen wollte, kam von rückwärts angerannt, hob den Knaben auf seine gedrehten Hörner und kehrte ihn wie eine überflüssige Sache zur Seite, daß er in der Mauerecke bei einem Haufen dörrender Mistfladen hinfiel und liegen blieb. Der ganze Hof voll Kulis lachte lautlos, und alle zeigten dem Gestürzten die gelben Zahnreihen. Und mit dem Hingepurzelten lag auch der Gedanke, den Hunger und Durst zu beschwören, verrunzelt wie ein Mistfladen in der Mauerecke.
Esthe, die Tochter des englischen Botanikers Horseshoe, war in Indien, in Kalkutta, geboren und sollte jetzt in ihrem sechzehnten Lebensjahre für immer mit ihrem Vater nach England zurückkehren. Esthe war an Indien angewachsen, wie eine Koralle am Meeresgrund. Sie versuchte auf alle erdenkliche Weise einen Grund zu finden, um in Indien zurückbleiben zu dürfen. Sie verfiel, wie junge, hartnäckige Mädchen leicht tun, auf das Resoluteste und das in ihren Augen Einfachste: sie wollte sich von einem jungen Indier entführen lassen.
Zu Haus waren bereits alle Zimmer geleert, alle Kisten zugenagelt, alle Koffer zugeschnallt, und Esthe wohnte mit ihrem Vater während der letzten Nächte im Grandhotel von Kalkutta.
Es war Sonntag, und am Montag wollten Vater und Tochter den Schnellzug nach Bombay nehmen, um dort den Dampfer der P.- und O.-Linie zu erreichen und sich nach Southampton einzuschiffen.
Es ist Sonntagnachmittag. Der Frühjahrssturzregen hat aufgehört, die Rasenerde des riesigen Maidanplatzes vor dem Hotel hat alle Pfützen und Wasser schnell verschluckt, die Sonne blitzt wie nagelneu am Himmel, und die Damen im Hotel erscheinen mit den ersten Frühlingsstrohhüten der Londonsaison auf dem Kopfe.
Der Botaniker Horseshoe schrieb auf einer Schreibmaschine im Lesesaal des Hotels seinen letzten botanischen Bericht für die Kalkutta-Times, und Esthe sagte über die Schulter ihrem Vater, daß sie noch eine Radtour um den Maidan machen würde.
Sie fuhr ein paar Minuten später auf dem vernickelten, blitzenden Rad um den mehrere Kilometer großen, freien Rasenplatz, den Kopf geduckt und in die Luft gebohrt wie eine hitzige Hummel. Bei einer großen Allee bog sie scharf und energisch um die Ecke und flog unter den Bäumen hin, zum zoologischen Garten. Dort war soeben das Sonntagnachmittagskonzert beendet, hohe Equipagen kamen Esthe in langen Reihen entgegen. Das junge Mädchen vermied es, aufzusehen, um nicht Bekannte grüßen zu müssen. Sie ließ ihr offenes Haar wie eine Rasende im Winde wehen und jagte wie ein Spuk an der Wagenkette vorüber.
Die weißgekleidete Regimentsmusik verließ soeben mit ihren blitzenden Messinginstrumenten den Garten, als Esthe am großen Gittertore vom Rade sprang. Der Portier des zoologischen Gartens kannte Esthe; sie war täglich hier in dem mächtigen Park, wo die roten Dächer der Tierhäuser unter dem bläulichen Grün der Königspalme und der Kasuarinenbäume wie rote Zelte leuchteten.
Der indische Portier lächelte täglich über die hastige kleine Miß, die sich von einem der jungen Gärtnerburschen durch die Baumreihen und an den Käfigen vorbei oft lange Nachmittage begleiten ließ. Todor, der junge Gärtner, ging dann, zwei Schritt entfernt, wie ein brauner Käfer immer schweigsam neben der jungen plaudernden Dame. Jedermann im Garten, alle Tierwärter und Gärtner wußten, daß der Bursche sich unter den Blicken der kleinen Miß vor Ehrfurcht, Ergebenheit und Schwärmerei wie ein Mimosenkraut zusammenrollte.
»Todor hier?« fragte jeden Tag die kleine Engländerin und schüttelte ihr wachsblondes offenes Haar vor dem uniformierten indischen Portier beim Eintritt in das Gittertor. Dabei schwang sie die kurze Reitpeitsche, die sie als Radfahrerin gegen die Hunde in der Hand hielt. Der Portier legte, lächelnd und sich tief verneigend, schweigend die rechte Hand an die Stirn und deutete mit der linken auf ein hochstämmiges Malvenbeet, dahinter der weißgekleidete sechzehnjährige Bursche wie eine Maus mit schwarzem Gesicht kauerte und die feuerfarbenen Blütenzepter der Malvenstöcke an Bambusrohr festband. Seine Augen waren wie schwarze Papierasche und scheinbar tief versunken in die Blumenarbeit; aber seit Stunden warteten sie auf die blaßhäutige junge Dame.
Eine Stunde vor Sonnenuntergang schloß heute der Portier den Garten, und da das Fahrrad vom Gittertor verschwunden war, blieb er überzeugt, daß die kleine Engländerin schon heimgefahren sei. Aber Esthe war hinter den letzten Häusern des Gartens, bei dem Aquarium, versteckt geblieben.
»Ich soll morgen abreisen, Todor,« hatte sie gesagt, »und du weißt, mein sehnlichster Wunsch war immer, einmal eine Nacht hier im Garten unter den wilden Tieren bleiben zu dürfen. Ihr Gärtner und Wärter seid auch nachts hier. Warum soll ich nicht bleiben können? Ich möchte im Finstern an den Käfiggittern entlang gehen und die Tigeraugen sehen, wenn sie grün und gelb auf mich losstürzen; die großen fliegenden Hunde, die tagsüber schlafen und kopfüber an den Bäumen hängen, möchte ich nachts aufwachen sehen und möchte sehen, wie die Schlangen sich nachts am Glas der Aquarien elektrisch reiben. Und vor allem habe ich Appetit nach dem verruchten Gebrüll der Heulaffen, die im Mondschein klagen sollen, als ob sie sich gegenseitig erdrosselten, und dann muß ich die Signalpfiffe der großen Trompetennachtigallen kennen lernen. Habe ich die Nacht hier angenehm zugebracht und gehe morgen früh nach Hause ins Hotel, so wird es dann für meinen Vater auch zu spät, um mit dem Schnellzug abzureisen. Dann versäumen wir das Schiff in Bombay; ich habe wieder eine Woche gewonnen, und die Abreise wird verschoben bis zum nächsten Schiff.«
Todor der Gärtnerbursche verstand mit seinen Augen, die wie brauner Honig glänzten, alles, wenn auch sein Ohr nicht jedes englische Wort begriff. Er nickte beständig; so wie man im Wasser seinem eigenen Spiegelbild zunickt, so nickte er in die klarblauen Augen des kleinen Fräuleins. Esthe hatte sich bis zur Schließung des Gartentores verstecken wollen, und Todor hatte sie in eine Tuberosenlaube geführt, die hinter dem Aquarium stand. Dort saßen sie unter breitblätterigen Schlingpflanzen wie in einem grünen hohlen Schuppenleib. Esthe lag auf einer Bank, Todor hockte vor ihr auf dem feuchten Tropenboden, der mit grünem Schimmel bedeckt war.
Draußen verschwanden mit einem Male die rotsandigen Gartenwege in der plötzlichen Tropendämmerung. Esthe erzählte von den Pflanzensammlungen ihres Vaters, und Todor bewegte die Lippen in früherer Gewohnheit des Betelkauens. Das Betelkauen hatte sich der Gärtnerbursche abgewöhnen müssen, da Esthe den roten Saft, den er dabei ausspuckte, nicht leiden konnte. Aus dem plötzlich grauen Abendlicht drang jetzt das langausgestoßene Geheul der wilden Tiere gleich Rufen aus gewaltigen Muschelhörnern in die Laube.
»Wie wäre es,« sagte Esthe, »wenn wir jetzt die Schlüssel zu den Häusern der Tiger und Schlangen bekämen?«
»Noch abwarten,« sagte Todor und ging auf den Zehen zum Ausgang der Laube. Die Luft des Gartens begann wütender nach Tierhaut und Tierschweiß zu riechen. Esthe gruselte es angenehm bei dem wilden Geruch. Todor ging um die Laubenecke. Esthe starrte hinaus. Alle Bäume verschwanden jetzt, als gingen sie alle aus dem Garten, und Ströme von Düften wanderten wie fremde lebendige Wesen durch die Dunkelheit. Auch alle Farben begannen zu wandern. Der Scharlach der Kakteenblüten war pechschwarz geworden, die blauen Mandarinenblüten leuchteten weiß, die Yuccapalmen glitzerten wie Fischgräten und Fischgerippe und die Palmyraschäfte wie große weiße Elefantenknochen. Die Dunkelheit gab den Bäumen klumpige Beine und den Büschen gedunsene Leiber, daß sie Molchen glichen; die Nachtfarbe verwandelte die Welt der Pflanzen in eine Tierwelt. Die Erde vor Esthes Füßen dünstete einen bittern Schweiß aus, den das Mädchen wie ein Gift auf der Zunge schmeckte. Das vielgestaltige Echo aus den Tierhäusern vertausendfachte sich in dem Garten, als ob ganze Haufen eingeschlossener Tierherzen Selbstmord begingen und ihrem fliehenden Leben nachklagten.
Esthe stand von der Bank auf und tastete sich durch die Laube. Sie griff nach den weißlichen Tuberosen; die fühlten sich wie glatte, schleimige Augäpfel an, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Sie griff in die Schlingpflanzen, die waren wie das Gekröse und Eingeweide eines frischgeschlachteten Tierleibes, lauwarm und weich. »Todor!« rief das junge Mädchen. Todor aber schien verschwunden.
Esthe bog ihre Reitpeitsche krampfhaft um die Kniee. Es war jetzt ganz finster in der Laube, und wie eine hohle Brandung tobte draußen das Geheul und Gebell aus den Käfigen. Esthe kannte wohl die indischen Nächte voll Zikadengerassel und Affengeschrei; auch die Schreie der Schakale und das Gelächter vieler wilden Nachtvögel hatte sie gehört, aber diese langen, qualvollen Stoßseufzer eingeschlossener Tiere, welche die Luftwellen aufregten, daß die Blätter im Dunkel zischelten, diese inbrünstigen Sehnsuchtsschreie, langgezogen und schneidend, als müßten sie die Käfiggitter zersägen, dieses Blutgeheul der tierischen Frühlingswollust, dazwischen das Klirren der eisernen Gitterstäbe, die geschüttelt wie Ketten unter dem Freiheitsdrang wahnsinnig gewordener Bestien rasselten, das hatte Esthe noch nie gehört.
Esthes Herz schauderte und begann sich wie ein selbständiges Geschöpf zu regen; sie fühlte ihr Herz aufrecht, mit großen stoßenden Schritten durch ihren jungen Leib wandern. Ihr Herz machte Sprünge wie ein kralliger Panther, und es dehnte und rollte sich auf wie eine sich wälzende Riesenschlange, aber blieb doch immer am gleichen Fleck wie eine festgewachsene Seepflanze, die sich mit verwirrenden Fäden aufkräuselt, um sich greift und Nahrung sucht. Und alle die Schreie in dem finstern Garten, die aus den Tierkehlen platzten und der Luft weh taten, wurden in Esthe wie ihre tausend eigenen Stimmen. Alles, was im Garten an Wildheit wucherte, an Inbrunst und Leidenschaft, wurde zu Esthes Herz. Ihr Blut ging alle Tierverwandlungen durch, als wollte es fort aus ihrem Leib, vielgestaltig in die Nacht stürmen; wie die Raubtiere, die ihre Haare an den Gitterstäben reiben und ihre Tatzen durch die Eisen drängen, drängte das Blut des jungen Mädchens nach einer unbekannten Freiheit.
Wo ist Todor? rief es in Esthe. Er hat den Blick der großaugapflichen Tiger; er ist wie die geschmeidigen, knochenlosen Schlangen. Heute nachmittag auf dem Gartenweg hing sein Schatten schwer und schwarz an ihm, wie die großen fliegenden Hunde an den Bäumen hängen, mit dem Kopf nach unten. Todor schweigt immer, aber seine Augäpfel sprechen mehr als Tag und Nacht. Es ist finster draußen vor der Laube, als hätte Todor mit seinen Augen den ganzen Garten verschluckt. – Todor ist jetzt alles, er ist das große Finster draußen, und er ist das Blut in Esthe geworden, das wie eine Elefantenherde ihr Herz zerstampft.
Das junge Mädchen ließ die Reitpeitsche fallen. Sie preßte die Hände an ihren nackten Hals und begann mit einem Male wie eine Krähe laut aufzuschreien. Esthe schrie mit hochgehobenen Händen, sie stand auf den Zehen aufgerichtet und schrie endlos – daß die Heulaffen schwiegen, das Tigergebrüll sich verkroch und alle Tiere hinter den Gittern den Atem anhielten. Der ganze finstere Garten horchte ein paar Augenblicke auf den hohen Fistelton des Hilfegeschreis eines jungen Menschenweibes.
Endlich tauchten Laternen auf, Lichter spiegelten sich in den Teichen, in den Glashäusern, und von neuem warf sich das Tiergebrüll an die bronzenen Gitterstäbe, den Laternen entgegen, und übertönte Esthes Geschrei. Riesige Schatten von vorwärtstastenden Menschen fuhren aus den Baumspalten. Gartenwege und Blumenköpfe erschienen, und es war, als eilten Haufen von Bäumen und fliegende Wesen herbei. Beleuchtet von den Laternen, stand Esthe mit aufgereckten hellen Armen und schrie allen entgegen. Sie rührte sich nicht vom Platz, sie schrie ihren Schreien nach. Dann plötzlich stürzte sie wie ein geblendetes Insekt mitten zwischen die Laternenspiegel.
»Hilfe vor Todor, Hilfe, Hilfe vor Todor!« schrie sie den verblüfften Leuten ins Ohr. Sie klammerte sich an vier Wärter zugleich, die sie wie eine Barrikade zum Schutz um sich stellte.
Man suchte in der Laube, nirgends war Todor zu sehen. Die Wärter trugen das ohnmächtige Mädchen durch den Garten, darinnen die vom Licht aufgescheuchten Tiere jetzt noch lauter, gleich einem wilden Heergetümmel, tobten.
In der Nähe des Straßentores glaubte ein Wärter Todors Gesicht hinter einem Busch zu sehen. Als man von neuem suchte, fand man ein Leinwandpäckchen voll Silbermünzen neben der Tür des Portierhauses hingelegt.
Todor war, als er Esthe entschlossen sah, nicht abzureisen, von des Mädchens kühnen Nachtgedanken gleichfalls kühn gemacht worden. Er hatte Esthes Fahrrad vorsichtig durch das Parkgitter geschoben, hatte es in der Stadt zu einem indischen Bekannten gefahren und es diesem verkauft, und war gleich mit dem Gelde zurückgekommen um Esthe die Silbermünzen einzuhändigen, damit sie immer in Kalkutta bleiben könne. Denn das junge Mädchen hatte in der Abschiedsstimmung an den letzten Nachmittagen öfters wiederholt, wenn sie sich Geld verschaffen könnte, würde sie in Indien bleiben. Sie wollte gern alle ihre Kleider und sogar ihr geliebtes Fahrrad verkaufen, wenn sie nur wüßte, an wen. Als Todor mit dem Geld in der Hand zurückkam, bemerkte er von weitem den Laternenzug und den Wärterhaufen, der Esthe in einen Wagen trug. Todor legte das Geld rasch an die Portierloge und verschwand aus dem Garten.
Esthe ist am nächsten Morgen mit ihrem Vater nach England gereist, und jedermann im zoologischen Garten weiß jetzt, daß Todor sich am Huklayfluß auf einem Frachtschiff heuern ließ, um Esthe in England zu suchen.