Platberg bei Rietfontein.

Bei meinen kleinen Ausflügen in der Umgegend der Farm Dornplace am Molapo fand ich auch den vom Eigentümer desselben erwähnten Felsensee (Joubert-See), wohl der kleinste in Süd-Afrika, der in einem tiefen, etwa hundert Meter langen und etwa über fünfzig Meter breiten Felsenloche liegt; fünf Meter vom Ufer betrug die Wassertiefe circa zweiundvierzig Meter. Laut Angabe des Farm-Eigenthümers stand das Wasser in der Regenzeit bis zu 1½ Meter höher; derselbe glaubte auch, daß der See mit dem nahe vorbeifließenden, doch tiefer liegenden Molapo communicire. Ich denke, daß die unteren Felsen aus dem harten grauen Kalkstein bestehen und der kleine Felsensee am Grunde zahlreiche Grotten und Höhlen besitze und auch aus diesen gespeist wird. Die steilen Felsenwände waren von hellrostbraunen großen Klippschliefern, Felsentauben, Staaren und zahlreichen Bienen bevölkert. Herr Joubert bereicherte meine Jagdnotizen mit mehreren sehr interessanten Jagdbegebenheiten, darunter drei Löwenjagden. In früheren Zeiten schienen Löwen, namentlich die mähnenlose Art sich äußerst zahlreich am Molapo aufgehalten zu haben. Herr Joubert sowie andere Farmer des Molapo-Thales klagten über die Krebsschäden der Transvaal-Republik und gaben mir mit Joubert, dem Feldcornet an der Spitze, die Vollmacht, bei der englischen Regierung die Annexion des Molapo-Thales zu beantragen. Sie klagten namentlich über die willkürliche Handhabung der Gesetze, sowie, daß die Republik sie gegen die Barolongen nicht zu schützen vermöge, nachdem sie zuvor Concessionen zum Farmankauf und zum Ankauf von Landgebieten ertheile, welche nicht ihr, sondern den Barolongen angehören.

Am 30. aufbrechend, gelangte ich nach einer kurzen Fahrt zu der von mehreren Familien bewohnten Farm Rietvley, spät Nachmittags nach Poolfontein. Früher eine Farm, ist es jetzt eine Niederlassung von Barolongen unter dem Häuptling Matlabe; der Stamm wurde aus der Umgegend von Potschefstroom hieher angesiedelt. Hier war auch Herr Hansen als Mitglied der Hermannsburger Mission thätig, doch gehörte der größte Theil der Bevölkerung dem wesleyanischen Bekenntniß an. Eine in dieser Gegend zu Tage kommende Quelle entspringt aus einem der tiefen Löcher des harten grauen Kalksteines, in der Umgegend stieß ich auch auf einen tiefen kleinen Felsenweiher, der sich durch eine schwimmende Grasinsel auszeichnete.

Noch am selben Abend verließ ich die Barolongen (Stamm der Ba-Rapulanen), welche fleißig den Ackerbau betreiben. Die Reise in den folgenden Tagen bis an den Harts-River, den wir eine Tagreise oberhalb Mamusa überschritten, führte durch die wildreichen Quagga-Ebenen. Das Gras war niedrig, die Gegend ziemlich trocken und in Folge dessen das Wild, das sich in wasser- und grasreichere Gegenden zurückgezogen, seltener. Die Quellen des Maretsane-Flusses berührend, fand ich die seichte Thalvertiefung ziemlich reich an Niederwald. Am 1. langte ich bei einem großen Salzsee an, der ähnlich wie der Moffat-See von Wassergeflügel reichlich belebt war. Leider erkrankte ich hier abermals am Fieber und so war ich hier sowohl am Kalverts- wie an einem nahen zweiten, dem Helmor-Salzsee in der Jagd nicht besonders glücklich.

Am 4. November weiterziehend, besuchte ich den Harm-Salzsee, an dessen Ufer einige Boers in äußerst ärmlichen Verhältnissen von der Jagd und vom Salzgewinne lebten; an den folgenden Tagten passirte ich den Mackenzie- und Livingstone-Salzsee und langte nach einer mehrstündigen Fahrt über sumpfartig aufgeweichtem Boden bei einem von hohen Binsen umsäumten Weiher an, in dessen Mitte ein tiefes Felsenloch zu liegen schien. Als wir uns der Stelle näherten, wurden wir förmlich von dem Geschrei betäubt, das uns von seinen befiederten Bewohnern tausendstimmig entgegenschallte. Ich glaube, es ist der einzige seiner Art auf den Ebenen des Harts-River und Molapo. Wir schlugen in zwei verlassenen holländischen Jagdhütten, um welche ringsum ein wahres Golgatha von Antilopen- und Gnu-Knochen errichtet war, unser Nachtlager auf. Ich bedauerte, daß mir zur gründlichen Untersuchung des Sumpfes ein Kahn fehlte. Außer den mannigfachsten Sumpf- und Wasservögeln waren es namentlich Finken, welche im Uferschilfe hausten; ein seltenes Schauspiel brachte der Abend tausende und tausende von Schwalben kamen von ihrer Tagesjagd von den unabsehbaren Ebenen herangeschwärmt, um daselbst zu übernachten.

Am 9. überschritten wir zum ersten Mal den Harts-River, der durch Regen angeschwollen, die Durchfahrt nicht wenig gefährdete. Den Harts-River entlang ziehend, erreichten wir am 10. Mamusa und am folgenden Tage Houmans-Vley. Während des Marsches fing ich einen mächtigen Landleguan. Ich wurde von dem Farmer S. F. Houman freundlich aufgenommen; derselbe machte mich auf einige Pavian-Skelete aufmerksam, welche auf dem Abhange zum Harts-River lagen und erzählte mir folgende Jagdbegebenheit. Er war vor einigen Wochen von vier Hunden gefolgt, ausgeritten, um einige vermißte Schafe aufzusuchen. Als er heimkehrend sich etwa auf zwei Meilen seinem Hause genähert hatte, traf er eine dreißig Stück zählende Pavianheerde an. Trotz der Müdigkeit jagten die Hunde sofort auf dieselben los, doch wurden sie von diesen übel zugerichtet. Während sich die meisten Affen auf Bäume flüchteten und so die Hunde zerstreuten, warfen sich einige der größeren Thiere zu gleicher Zeit auf je einen Hund. Der unbewaffnete Farmer sprengte nun mit dem Pferde auf die Affen ein und trennte das stärkste Männchen von der Truppe. Auf dieses hetzte er seine muthigen vier Hunde, doch der Affe warf sich dem vordersten so geschickt entgegen, daß er ihm mit seinem furchtbaren Gebiß die Kehle ausriß. Im nächsten Momente hatte der zweite Angreifer ein gleiches Schicksal erlitten und beide Hunde waren wenige Augenblicke später verendet, die beiden anderen, noch jungen Hunde suchten unter dem Pferde Schutz. Aufgebracht über den Verlust der Hunde eilte der Farmer heim, bewaffnete sich und erlegte sechs Paviane.

Bevor ich noch von meinem Gastfreunde schied, theilte er mir noch etwas über seine Abstammung mit. Sein Vater stammte aus Mecklenburg, wo er durch Unvorsichtigkeit den Tod zweier seinem Vater angehörenden Rennpferde verschuldete. Aus Furcht vor der Strafe verließ er mit einem Kaufmannsschiffe die Heimat, kam in Capstadt an und siedelte sich später hier an.

Am 14. verließ ich die Farm und zog weiter südlich und südwestlich nach der Hallwater-Farm, welche ich von zahlreichen Koranna’s bevölkert fand. Je näher ich den Diamantenfeldern kam, desto trüber wurde meine Stimmung. Ich hatte kaum 2 £ St. im Vermögen, dagegen eine Schuld von 120 £ St. an Herrn Jensen zu bezahlen, ohne daß ich je hoffen konnte aus dem Verkaufe von Wagen und Ochsen diesen Betrag herauszuschlagen, da solche in Diamantenfeldern billiger als in der Transvaal-Republik erstanden werden können.

Am 20. langte ich in Christiana an und machte hier die interessante Bekanntschaft eines Händlers mit Namen Sanders, der an der tropischen Westküste Afrika’s gereist war. Das Vaal-Riverthal nach abwärts ziehend, stellte sich am 23. bei mir ein neuer heftiger Fieberanfall ein und krank erreichte ich am 26. Kimberley.


[18] Von den achtzig Kranken waren mehr als siebzig mit Lues behaftet.

XVI.
Mein letzter Aufenthalt in den Diamantenfeldern.

Wiederaufnahme der ärztlichen Praxis. — Mein neues Heim und kleiner Thiergarten in Bultfontein. — Ausstellung meiner Sammlung im Varieties-Theater zu Kimberley. — Ausflug nach der Farm Wessels. — Die Gravirungen der Buschmänner. — Hyänen- und Erdferkeljagden. — Meine Broschüre über die Eingebornenfrage. — Irrige Auffassung derselben in England. — Ernste Zeiten für die Colonie und Griqualand-West. — Major Lanyon und Colonel Warren. — Aufbruch nach der Küste.

Fingoknabe.

Von allen Mitteln entblößt, traf ich zum vierten Male in den Diamantenfeldern ein. Nach einundzwanzigmonatlicher Abwesenheit von denselben konnte ich mir die Schwierigkeiten nicht verhehlen, welche sich mir bei der Wiederaufnahme meiner ärztlichen Praxis entgegenstellten, ich war neuerdings fast fremd geworden und doch bot mir die Praxis die einzige Gelegenheit, meinen Verpflichtungen nachzukommen. Unwillkürlich regte sich in mir der Wunsch zur Herstellung meiner erschütterten Gesundheit in die Heimat zurückzukehren. Der Gedanke, das mir selbst gestellte Problem nicht gelöst zu haben, verbannte jedoch denselben vorläufig aus meiner Seele. In dieser drückenden Lage entschloß ich mich schon einige Tage nach meiner Ankunft eine Ausstellung der gesammelten naturhistorischen und ethnographischen Objecte zu veranstalten, um mit dem Ertrage derselben später die Heimreise antreten zu können. Da ich Herrn Werner von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzt hatte, fand sich dieser schon am ersten Tage außerhalb Kimberley bei mir ein und lieh mir unaufgefordert eine Geldsumme, welche es mir gestattete, die geplante Ausstellung in’s Werk zu setzen. Ich zog deshalb mit meinem Wagen nach Bultfontein, wo ich einfacher und zurückgezogener leben konnte. Zudem fand sich gerade ein einsames Häuschen in der Nachbarschaft meines Freundes, der, obwohl jetzt verarmt, mir doch in meiner Krankheit treue Pflege angedeihen ließ. Die gemiethete Wohnung bestand in einem aus Lehm ausgeführten viereckigen Zimmer, hatte einen einfachen Lehmboden und war mit Zinkblech gedeckt, welche Bedachung den Aufenthalt namentlich im Sommer recht unerträglich machte.

Hier hatte ich nun meine Sammlungen untergebracht und wohnte mit meinem Freunde Eberwald, welcher mir die ganze Zeit treu zur Seite stand und unter meiner Aufsicht die Medicamente für meine Patienten bereitete. Das Geschick war mir hold, schneller als ich es je zu hoffen gewagt, vermehrte sich meine Praxis und hob meinen Muth; mit einiger Beruhigung konnte ich in die nächste Zukunft blicken. Vor meinem Häuschen standen die Ruinen einer dachlosen Küche, in dieselbe stellte ich den mit Herrn Eberwald zu Anfang des Jahres 1877 gearbeiteten großen Löwenbehälter, während ich im Umkreise derselben die Höfchen, Behälter und Käfige für meine vierfüßigen Thiere und Vögel errichtete. Leute, die aus der Colonie, aus dem Oranje-Freistaate aus dem Transvaal-Gebiete etc. nach den Diamantenfeldern kamen, verfehlten nicht, meine zahmen Thiere (die meisten waren vollkommen gezähmt) anzusehen und brachten mir bei späteren Besuchen andere seltene Thiere mit.

Mein Haus in Bultfontein.

Als sich im Jahre 1878 meine Praxis bedeutend vermehrt und Freund Eberwald, mein Apotheker, alle Hände vollauf zu thun hatte, wurde die Pflege der Thiere zwei Schwarzen übergeben, welche es leider an Sorge und Nahrung fehlen ließen. Durch die Einflüsse der Witterung kamen manche der Behälter, welche ich so groß wie möglich und der Lebensweise der Thiere angemessen, construirt hatte, zu Schaden. Einzelne Thiere entwichen und wurden von der umwohnenden, freien schwarzen Bevölkerung erschlagen und verzehrt, andere wieder nicht richtig gepflegt und so hatte ich, bevor ich die Diamantenfelder verlassen konnte, mehr als zwei Drittel meiner Pfleglinge verloren. Um die großen, bald pyramiden-, bald thurmähnlich geformten Käfige für kleinere Vögel hatte ich Epheu und Lianen gepflanzt, so daß die armen Gefangenen im natürlichen Laubschatten gegen die senkrechten Strahlen der afrikanischen Sonne geschützt, munter umhersprangen und sangen. Der beschränkte Raum gestattet es mir nicht, meine zweijährigen Beobachtungen an meinen Gefangenen hier mitzutheilen, ich muß mich mit der Specification derselben begnügen. Vor Allem muß ich meines Löwen erwähnen, der mir ungewöhnlich anhänglich war, obwohl ich ihn der Besuche halber im Käfige halten mußte. Oft steckte er seine Vorderpfoten aus dem Käfige, um mich zu umarmen und gab mir seine Anhänglichkeit durch Liebkosungen zu erkennen. Ich refusirte ein Offert von 100 £. St., als er fünf Monate alt war und verlor ihn später, nachdem er mich das Doppelte gekostet. Als ich vierzehn Tage behufs Gewinnung der Felsgravuren der Buschmänner im Oranje-Freistaate weilte, wurde sein Käfig nicht gut gereinigt und ich erkannte leider seine Todesursache zu spät. Er erlag einer Amoniämie. Wenn er während seiner Krankheit mich zufällig auf meinem Mosco vom Krankenbesuche heimkehrend, erblickte, sprang er so plötzlich und unerwartet auf, daß die Besucher meines kleinen Thiergartens auseinander stoben, während er sich schon an die weit von einander abgehenden Gitterstäbe schmiegte, um sich von mir streicheln zu lassen.

Felsen-Gravirungen der Buschmänner.

Ich hatte Schakale, die wiederholt wegliefen und wiederum zurückkehrten, Springhasen, die sich wie Säuglinge hätscheln ließen, doch sie alle konnten mir nicht den Verlust meines jungen Löwen »Prinz« ersetzen. Als es mit ihm schon stark bergab ging und er nicht mehr aufrecht stehen konnte, schleppte er sich, sowie er nur meine Stimme hörte, gegen das Gitter hin. Ich hatte in meinem Thiergarten weiters Meerkatzen und Paviane, Igel, Rohrrüßler, einen Caracal, Mangusten, das schwarz-weiß gestreifte Wiesel, Schabrakenschakale, Wolfshyänen, Springhasen, Berghasen und Erdeichhörnchen, gestreifte und Blindmäuse, Schuppenthiere, Steenbock-, Deuker- und Springbockgazellen und einen Klippschliefer etc., von Vögeln nenne ich drei braune südafrikanische Adler, einen Schopfadler, zwei Arten von Gabelweihen, Rothfalken, sowie Sperberarten, ferner Schlangenadler, braune und schwarze Aasgeier (Gyps socialis), zwei Arten Uhu’s, Ohreulen, Papageien, Mandelkrähen, schwarze und weißgescheckte Krähen, Kernbeißer und insectenfressende Singvögel, einen Tukan, Fischreiher, verschiedene Wildgänse, einen Pelikan, einen Schlangenhalsvogel u. a. m.

Im Jänner des Jahres 1877 war ich, wie schon erwähnt, im Stande, im Varieties-Theater in Kimberley eine Ausstellung meiner Sammlungen zu veranstalten. Ich muß gestehen, daß mir diese Ausstellung, so viele Freunde sie mir auch schuf, materiell keinen Nutzen brachte, im Gegentheile mich in Schulden stürzte und ich gezwungen war, um mir die Mittel zur Rückkehr nach Europa zu verschaffen, neuerdings meine ärztliche Praxis aufzunehmen und die Gesammtersparnisse des Jahres 1877 auf Tilgung meiner Verpflichtungen zu verwenden.

Obgleich die Diamanten wieder im Preise gesunken, waren doch der anhaltenden Dürre halber Cerealien theurer wie je; daher war es mir willkommen, ein tüchtiges Roß als Reitthier zu erwerben, welches mir dieselben Dienste leistete, als drei oder vier Pferde im Jahre 1873. Die zunehmende Praxis im Jahre 1878 hatte meine Gesundheit — denn ich bin bis jetzt noch immer kränklich gewesen — nicht gebessert, so daß ich in der Zeit, zu welcher sich alle meine Patienten bis auf zwei Kinder bedeutend wohler fühlten, die Diamantenfelder verließ, und mich für kurze Zeit auf eine der Farmen in dem nahen Freistaate begab, wo ich von dem Besitzer, Herrn Wessels, freundlich aufgenommen und mir ein Haus zur Verfügung gestellt wurde. Auf dem Gebiete dieser Farm fand ich die schon vor mir von dem Geologen Georg Stow und Kapitän Warren besichtigten Gravirungen der Buschmänner, welche diese auf Bergeshöhen anbrachten.

Im Aussterben begriffen, bewohnen die Reste dieses Stammes einzelne Theile der Cap-Colonie und haben bis heutigen Tages den Einflüssen der Civilisation sich zu entziehen gewußt. Einst bewohnten sie felsige Höhen und die Höhlen an den schroffen Abhängen derselben in der Cap-Colonie und im Oranje-Freistaat. Sie scheinen die ältesten Bewohner Süd-Afrika’s zu sein und ein Theil derselben sich mit den vom Norden andrängenden Banthu-Familien zu den Masarwa’s, ein anderer Theil mit den noch früher aus Nordnordosten einwandernden Hottentoten verschmolzen zu haben.

Von ihren Felsenhöhlen erspähen sie das Wild auf den Ebenen und jagen es mit Bogen und Pfeil. Auf so tiefer intellectueller Stufe sie auch standen, vermochten sie es, die Felswände der von ihnen bewohnten Höhen mit Ockermalereien — Thiere, Schildkröten, Leguane, Schlangen und Thierkämpfe, sowie Kämpfe mit den sie bedrängenden Banthu’s, die Gestirne und andere in die Augen fallende Objecte darstellend — zu verzieren. Als das Wild nach und nach von den eingewanderten Europäern erlegt worden war, stiegen die Buschmänner von ihren Höhen herab, um die Heerden der Weißen zu erbeuten, welches Vorgehen einen gegen sie eröffneten Vernichtungskampf zur Folge hatte. Der wahre Buschmann (es gibt zu viele Mischlinge) liebt seine Felsenhöhen leidenschaftlich, und hat er sich auch als Diener vermiethet, oder ist er, wie in früheren Zeiten, dazu gezwungen worden, so entflieht er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, stiehlt ein Schaf und eilt seinen Höhen zu. Fälle treuen Ausharrens bei ihren Dienstherren sind selten. War man bisher gewohnt, dem Buschmann eine der tiefsten Stufen im Menschengeschlechte einzuräumen, so wird man diese Meinung aufgeben, sobald man seine Arbeiten näher kennen gelernt hat.

Kein Stamm in Süd-Afrika bis tief nach Central-Afrika hat so viel und wahre Kunstfertigkeit in der Bearbeitung des Gesteins entwickelt, als der Buschmann. Seine Geräthe sind sowohl aus Holz, Bein und der Schale des Straußenei’s als auch aus Stein gearbeitet. Seine Langweile hat er sich mit Steinausmeißelungen vertrieben, die abermals mit Steininstrumenten ausgeführt wurden und mit diesen seine ureinfachsten Wohnsitze verherrlicht, seinen Kunstsinn bewiesen und sich Denkmäler gesetzt, die Alles überdauern werden, was die übrigen hier lebenden Stämme der beiden anderen südafrikanischen Völkerfamilien, der Hottentoten und Banthu, geleistet haben.

Grabstichel.

Die Zeichnungen in ihren Höhlenwohnungen sind mit verschiedenfärbigem Ocker, meist auf Sandstein ausgeführt. Der Geologe Stow hat diesen Arbeiten besondere Aufmerksamkeit gewidmet und zahlreiche Copien derselben verfertigt. Ich hoffe auf meiner nächsten Forschungsreise nach Afrika die größten Exemplare derselben zu erlangen, die von den Höhen herabzubefördern mir diesmal aus Mangel an nöthigem Werkzeuge und Arbeitskräften unmöglich war.

Die gesammten Buschmann-Curiositäten zerfallen in zwei Classen, und zwar in Utensilien und Steinausmeißelungen. Zu den ersteren gehören: Dreieckige, pfeilspitzartige Kieselschiefer etc., mit denen die Contourlinien der Zeichnungen eingravirt und sonstige Hausarbeiten verfertigt wurden, ferner Beschwersteine, welche an das obere Ende eines unten angekohlten, zugespitzten 1½ bis 3 Fuß langen Stockes angeheftet, mit dessen Hilfe eßbare Wurzeln ausgegraben oder wasserhaltige Stellen aufgescharrt wurden. Oft findet man Steine mit nur theilweise ausgeführter Höhlung, welche mit Hilfe eines Sandschmirgels und eines anderen Gesteinstückes herzustellen versucht wurde. Was die Steingravirungen anbetrifft, so sind diese an vielen Höhen blos in geradlinigen oder in unzusammenhängenden schiefen Strichen ////// dargestellte Objecte, an anderen jedoch vollkommen ausgemeißelt. Solche Stücke gehören zu den Besten ihrer Art und ich glaube, daß die von mir mitgebrachten achtzehn Gravirungen bis zum heutigen Tage Unica in Europa sind.

Von den aus Herrn Wessel’s Farm mitgebrachten Stücken sind namentlich folgende als gute Arbeiten hervorzuheben: Oberkörper eines Buschmann’s; Buschmannsfrau eine Last tragend; Linke Sohle eines erwachsenen Buschmann’s; Strauß mit Reiter; Strauß von einem Nashorn gestoßen; Roibock-Gazellen; Eland-Antilopen; Buntbock-Antilope; Kopf einer Gemsbock-Antilope; ein Gnu; ein Rind; ein Schakal eine Gazelle jagend.

Während meines Aufenthaltes auf dieser Farm im westlichen Gebirge des Oranje-Freistaates gelang es mir, eine große Anzahl von Insecten, Vogelbälgen und Pflanzen, zu erwerben und bevor ich noch die gastliche Stätte verließ, nahm ich, von den umwohnenden Farmern dazu eingeladen, an zwei interessanten Jagdausflügen Theil. Beide wurden von einer größeren Anzahl von Berittenen und Eingebornen zu Fuß mit einer Meute unternommen, und galten der Verfolgung der gestreiften Hyänen und Erdhöhlen-Thiere. Mein Hauptzweck dabei war, womöglich lebende Stachelschweine, Springhasen und Erdferkel zu erjagen. Die erste dieser Jagden wurde bei Tage unternommen; wir umstellten zu Pferde eine Felsenhöhe und sandten die Treiber mit den Hunden hinauf, leider vergeblich, denn die Hyänen hatten sich schon geflüchtet.

Die Gegend, in welcher die zweite Jagd abgehalten werden sollte, wurde von großen bebuschten und mit zahllosen brodlaibförmigen Termitenhügeln bedeckten Grasebenen gebildet, welche ringsum, namentlich aber von Osten, von mit Gebüsch bestandenen Felsenhöhen umsäumt waren. Jeder der an der Jagd theilnehmenden Farmer hatte einige Hunde mitgebracht, welche die Spur der ihre Höhlen verlassenden Nachtthiere aufnehmen sollten. Die von meinen Freunden für unseren Ausflug gewählte Nacht war unstreitig eine der reinsten und schönsten Mondscheinnächte, die ich in Afrika erlebte. Da ich den Tag über entferntere Höhen der Gravirungen der Buschmänner halber besichtigt hatte und auch am folgenden Tage einen längeren Ausflug unternehmen wollte, ließ ich meinen Rappen daheim und ritt ein mir von meinem Gastfreunde geliehenes Pferd, das an die Gegend gewöhnt, mir bessere Dienste zu leisten versprach. Endlich wurde das Zeichen zum Aufbruch gegeben und die Hundemeute zur Aufnahme der Spur angefeuert. Wir mochten etwa sieben Minuten hingaloppirt haben, als zu unserer Rechten am Fuße der Höhe das Hundegeheul vernehmbar wurde. Mit einem lauten »Hurrah!« spornten wir die Pferde an und aufwärts ging es durch das niedere Gestrüpp, wobei wir unseren Rennern die Zügel schlaff anliegen ließen, da wir die vor uns im Grase zerstreut liegenden Felsenblöcke nicht sehen konnten und das Ausweichen ihnen überlassen mußten. Wir sahen vor uns einen sich wälzenden Hundeknäuel, in dessen Mitte zeitweilig etwas Weißliches aufglitzerte. Es war ein Stachelschwein, das die Hunde förmlich zerrissen hatten. Unter den Säugethieren hat die Natur, abgesehen von dem Stachelkleide, diese Thierspecies mit einer so gebrechlichen Haut versehen, daß ein Raubthier beim Gebrauche seiner Fänge das Thier zu zerfleischen im Stande ist. Kaum zur Stelle, waren wir herabgesprungen und hieben auf die Hunde los, doch es war zu spät, und so fiel das Stachelschwein den eiligen Basuto’s als Beute zu. Ein ähnliches Schicksal hatten zwei andere Stachelschweine, ein Springhase und ein schwarzweiß gestreifter Mäusehund (das südafrikanische Stinkthier).

Einer frischen Spur folgend, waren die Hunde nach der Attaque auf den Mäusehund in einem Bogen nach der Höhe zurückgegangen und stießen auf ein Erdferkel (Orycteropus capensis). Von den Hunden gehetzt, trachtete sich dieses in ein Erdloch einzugraben und hatte dies schon theilweise ausgeführt, als wir zur Stelle gelangten. Trotz der vereinten Anstrengungen unserer schwarzen Diener entkam das Erdferkel nach seinem Baue, nachdem es die bei der Ausgrabung beschäftigten Männer wie Bälle bei Seite geworfen hatte. Unter den Zahnarmen ist unstreitig das Erdferkel das stärkste Thier. Seiner Gestalt nach länglich, walzenförmig, besitzt es lange, mächtige Nägel an seinen Scharrhänden, deren Muskulatur einzig in ihrer Art genannt werden darf. Dem länglichen, walzenförmigen Körper ist der fleischige, keilförmige Schwanz eine besondere Stütze. Im Nothfalle gebraucht ihn das Thier zur Vertheidigung, sonst meist auf der Flucht, wenn es in weiten Sätzen enteilt. Auch bedient es sich seiner, wenn es in hockender Stellung die Termitenhaufen ausgräbt, denn es ist einer der größten südafrikanischen Termitenfresser. Es besitzt eine sehr dicke, beborstete Haut, welcher Schakalfänge wenig anhaben können; außerdem ein Paar lange Lauscher, welche ihm sehr zu statten kommen. In der Colonie bedient man sich der Haut, um daraus die kurzen, gedrehten Doppelriemen (Strappen) zu verfertigen, die man den Zugthieren anlegt. Außer ihm stellen unter den Vierfüßlern den Termiten namentlich das kurzschwänzige Schuppenthier, die Wolfshyäne, die Mangusten und unter den Vögeln besonders die Kiebitze nach.

Nachdem wir so den eigentlichen Zweck unserer Jagd nicht erreicht hatten, gaben wir jeden anderen Versuch auf und ritten langsam heim. Auf diesen Mißerfolg hin trachteten ich, sowie meine Freunde, einiger lebender Thiere habhaft zu werden. Es gelang mir auch, zahlreiche Vögel zu gewinnen, von denen jedoch die meisten, und darunter namentlich die Siedelsperlinge, zu Grunde gingen. Auf einem von dieser Farm aus unternommenen Ausfluge erspähte ich in einem Neste der letztgenannten eine an fünf Fuß lange Cobra. Es gelang mir jedoch nicht eher das Thier zu erlegen, als bis es viele der auffliegenden alten Vögel getödtet, und eine Menge der Jungen und Eier verschlungen hatte.

Die Zeit meines letzten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern in den Jahren 1877—78 war, namentlich aber das letztere, für Süd-Afrika von großer Bedeutung. Ich erinnere den Leser an den Krieg, den die Colonie mit den an ihrer östlichen Grenze, sowie Griqualand-West mit den westlich wohnenden Stämmen zu führen hatten, Kriege, welche das Vorspiel zu dem Kampfe mit den Zulu’s bildeten. Auch erwähne ich der Einverleibung der Transvaal-Republik in den Verband englischer Colonien. Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß diese Ereignisse für den ganzen südlichen Theil Afrika’s von größter Bedeutung waren, namentlich rücksichtlich der Lösung der Eingebornenfrage.

Jagd auf Erdferkel.

Ich erlaubte mir im April des Jahres 1877 meine Ansicht über diesen Gegenstand in einer kleinen, sechzehn Seiten zählenden Broschüre: »A few words on the Native Question« niederzulegen, und da so manches, was ich in derselben besprach, seither in Erfüllung ging, will ich hier einiges daraus dem Leser vorführen. Die Behandlung und Lösung der Eingebornen-Frage, welche einen Vergleich mit den Verhältnissen in Süd-Afrika anzustellen mich angeregt, anderseits die ehrenvolle Aufforderung hervorragender Männer in Süd-Afrika gaben mir Veranlassung, meine Ansichten in jener Broschüre darzulegen. Die Ereignisse der letzten Jahre bis zum Zulukriege zeigen uns wohl, daß England in Südafrika, wenn auch in anderer Weise als in Nordamerika, größere Erfolge als andere Colonisatoren auf dem Festlande Afrika’s errungen hat. Im Allgemeinen war die Behandlungsweise eine ähnliche; allein das Eingebornen-Element ist in seinem Charakter von jenem Nordamerika’s verschieden, weshalb eine gleiche Behandlung desselben unmöglich Erfolg versprechen konnte, umsomehr, da es namentlich zwei Vorurtheile gab, welche die europäischen Colonisten beherrschten. Das erste derselben sah in den Eingebornen trotz ihrer angewohnten Laster die unschuldig Bedrückten; das zweite im Gegensatze hiezu erblickte in den Schwarzen den Weißen inferiore, kaum menschlich zu nennende Creaturen. Jene, welche eine gemäßigtere Ansicht hatten, waren sowohl der Zahl als ihrem Einflusse nach die Schwächsten und meist praktisch denkende Menschen, welche als jahrelange Nachbarn in das Leben der Eingebornen leicht Einblick nehmen konnten.

Als ich im Jahre 1875 jene Broschüre schrieb, war mir das Letztere nicht bekannt, ich fand erst später, daß meine Idee mit jener vieler erfahrener Colonisten übereinstimmte; sie gewann auch später die Oberhand und wurde zur Staatsraison. Es gibt in Süd-Afrika Eingebornenstämme, welche gegenwärtig in ihrer geistigen Beziehung, in ihrer Auffassung etc. einem gewöhnlich entwickelten Kinde aus unserer Mitte von etwa fünf bis sechs Jahren nicht unähnlich sind. Spezielle Charakter-Eigenthümlichkeiten einzelner Eingebornenstämme erklären uns ihre mindere oder höhere Culturstufe ähnlich wie Geistes- und Gemüthsanlagen die Kinder einer europäischen civilisirten Familie untereinander unterscheiden. Gutmütigkeit als Charakterzug bei dem einen, Sinn für Industrie bei einem zweiten, Hang zum Diebstahle oder Raubsucht bei anderen Stämmen finden wohl theilweise in der größeren oder geringeren Gehirnmasse ihre Erklärung. Die Hottentotten, Griqua’s und Koranna’s können wir füglich mit Kindern vergleichen, welche sich willenlos von ihren Gespielen leiten lassen und namentlich nach allem Glitzernden haschen. Eben deshalb wäre es verfehlt, den südafrikanischen Eingebornen ohneweiters die Rechte eines Gebildeten einzuräumen, selbst dann, wenn diese auf mechanischem Wege sich Lese- und Schreibkenntnisse erworben haben. Von größtem Werthe scheint es mir, ihnen in einer leicht verständlichen, leicht ausführbaren Weise die richtigen Begriffe der Arbeit, den Bau der Wohnung, die Pflege und Ernährung des Körpers, den Feldbau, die Viehzucht, beizubringen und sie dabei zu unterweisen, wie sie ihren Nebenmenschen, ihren ungebildeten Stammesbrüdern, andererseits dem Weißen gegenüber sich betragen sollen.

Einer der furchtbarsten Feinde der Civilisation war bis jetzt noch der Aberglaube. Ich bin der Ansicht, daß wir denselben auf keine andere Weise erfolgreich bekämpfen können, als indem wir die Eingebornen Süd-Afrika’s sich ihre Lebensbedürfnisse ohne Inanspruchnahme des vermeintlichen Einflusses der Zauberer, Fetische und Regenbeschwörer gewinnen lehren.

Ich erlaubte mir, die Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß den südafrikanischen Schwarzen eine andere Zukunft bevorstehe, als den Indianern Nordamerikas und daß man aus diesem Grunde gewisse Krebsschäden, welche jene decimirten, von ihnen fernhalten müsse. Zu solchen Maßregeln gehört die Beschränkung oder die vollkommene Sistirung des Branntwein-Verkaufes an die Schwarzen in den Kolonien, sowie das strenge Verbot, das Feuerwasser nach den nachbarlichen, unabhängigen Eingebornenländern einzuführen. Einige der Stämme kamen uns schon jetzt hilfreich entgegen, indem bei ihnen die Einfuhr sowie der Verkauf des Feuerwassers nicht gestattet ist, und ich fühle mich glücklich, sagen zu können, daß gegenwärtig dieses Verbot wenigstens in einem Theile Afrikas gewiß zum Vortheile der dunklen Bevölkerung wie des weißen Mannes selbst zur Geltung gekommen ist. Ferner erlaubte ich mir, darauf hinzuweisen, daß sowohl die Regierung, als auch der einzelne Weiße im Umgange mit den verschiedenen Stämmen den Charakter derselben, sowie jenen der Häuptlinge wohl berücksichtigen müsse, ferner, daß die Ansuchen gewisser Eingebornenherrscher um Einverleibung ihres Gebietes in den Verband englischer Colonien äußerst vorsichtig aufzunehmen sind.

Was ich darüber in meiner Broschüre erwähnte, hat sich später in Bezug auf den Batlapinen-Fürsten Mankuruan, den Bakwena-König Seschele, ferner an den Damara’s und an Khama, dem Bamangwato-Fürsten, als richtig erwiesen; ich glaube auch daß meine Schilderung des Zulu-Charakters eine getreue war. Ich bin längst von der Ansicht abgekommen, daß, nachdem die Zulu-Macht gebrochen worden, Großbritannien seinen Colonialbesitz in Süd-Afrika weiter ausdehnen solle. Ich glaube, daß der stabile Aufenthalt eines oder mehrerer Vertreter (Commissaire) an den Höfen, sowie Handels- und Colonisations-Verträge mit den einzelnen und mächtigeren Eingebornenkönigen des centralen Süd-Afrika und des südlichen Central-Afrika für die endliche Erschließung des Erdtheils die besten Erfolge versprechen, jedoch unter der Voraussetzung, daß Gewehre und Munition als Handelsartikel ausgeschlossen bleiben.

In Europa war bisher die irrige Ansicht verbreitet, daß die Engländer in Süd-Afrika alles Land gierig verschlingen, dessen sie nur habhaft werden können. Die Gegner und Kritiker der englischen Colonialpolitik in Süd-Afrika scheinen jedoch nicht zu wissen, daß in den meisten Fällen die betreffenden Landstriche den Engländern formell von den verschiedenen Eingebornenherrschern angeboten wurden. Vor meiner dritten Reise schwärmte ich sehr für die rasche Eröffnung einer Handelsstraße nach Central-Afrika und dachte damals, es sei dies nicht anders erreichbar, als indem das Gesammtgebiet zwischen dem Vaal und dem Zambesi dem englischen Scepter unterworfen würde. Seither haben sich meine Ansichten über diese englische Machtvergrößerung geändert und ich weiß nun genau, daß Großbritannien die Annexion mehrerer spontan angebotener Eingebornengebiete ausschlug. Meine Broschüre war damals, eben am Vorabende mehrerer solcher Landabtretungs-Anbote von Seite mehrerer Eingebornenfürsten, geschrieben worden, und darum glaubte ich die Regierung darauf aufmerksam machen zu müssen, die größtmögliche Vorsicht dabei zu beobachten.

So heißt es in derselben: »Da sehen wir Mankuruan, den Batlapinen-König und einen der Batlapinen-Stämme, da den Barolongen-König Montsua u. A. vor uns. Sie gestehen, daß sie uns angehören wollen, bevor wir sie jedoch in den Verband unserer Unterthanen aufnehmen, stellen wir einige Fragen. »Ist es Euer eigener Wille, Ihr Könige, oder seid Ihr die Abgesandten Eures Volkes? Oder ist es die Ueberzeugung, zu der Ihr beide gekommen seid? Warum wollt Ihr Unterthanen der Königin werden? Beruht dies auf innigen Freundschaftsgefühlen den Makoa’s gegenüber, die Ihr Englishmans nennt? Oder ist dies weniger oder gar nicht der Fall und geschieht es, weil Ihr Euch vor dem anderen Stamme der Weißen, den Boers, zurückgesetzt fühlt, oder sie hasset oder fürchtet? Ihr sucht vielleicht unsere Freundschaft, weil Ihr von einem Nachbarstamme angefeindet werdet? Es mag jedoch auch sein, daß es zwei Herrscher in Eurem Reiche gibt und einer dadurch, daß er der englischen Regierung seinen Antheil, in Wirklichkeit jedoch das ganze Land anbietet, in dieser Weise die Oberherrschaft über seinen Nebenbuhler zu erringen sucht?

Haben wir auf diese Weise die Wahrheit über das Ebengesagte erfahren, so ist es nöthig, sich den Charakter des anbietenden Eingebornenfürsten und die Kulturstufe seines Stammes in allen Details klar zu machen und darnach zu handeln. So gestanden die vorerwähnten Damara zwei Jahre nach der Annexion ihres Gebietes ein, daß sie der letztgenannte der erwähnten Gründe bewogen hätte, die Oberherrschaft Großbritanniens anzusuchen.«[19]

Ich erwähnte, daß zur Zeit meines letzten Aufenthaltes in den Diamantenfeldern der Krieg mit den Colonial-Kaffern ausbrach, daß Griqualand-West, unsere Colonie, von ähnlichen Unglücksfällen heimgesucht wurde, daß jedoch in beiden Kriegen das Recht bald den Sieg davontrug. Wenn der Krieg in Griqualand-West, einem kleinen Ländchen mit wenigen Weißen, so rasch und mit so geringen Menschenverlusten und Unkosten glorreich zu Ende geführt wurde, so ist dies den beiden Umständen zu verdanken, daß der Colonie ein erprobter Militär als Gouverneur vorstand und die Diamantenfelder von beherzten unerschrockenen Männern bewohnt wurden. Ja, dies zeigte sich namentlich in der Geschichte dieser Provinz. Die Ereignisse und ihr Verlauf in den letzten drei Jahren mögen schlagende Beweise für diese Behauptung sein. Ich meine hier namentlich den Krieg, welchen diese Colonie mit den Griqua’s, Masarwa’s und Batlapinen und ihren Häuptlingen Mora, Donker-Maglas etc. zu bestehen hatte. Diese Eingebornen-Elemente, die zu denen gehören, welche gegen die Tugenden des weißen Mannes taub geblieben sind, waren durch andere unreine Elemente, aus dem Colonialkriege entwichene Rebellen, weggelaufene farbige Diener etc. verstärkt, von Westen her, von Kuruman und den Langbergen über die ihnen zunächst wohnenden Ansiedler plötzlich hergefallen, hatten sie getödtet und ihre Häuser geplündert, Unthaten, die eben zum Kriege führten. Die schwarzen Räuber rechneten namentlich darauf, daß Griqualand-West von der in einen Kaffernkrieg verwickelten Colonie keine Hilfskräfte erlangen und von Schutzmannschaft entblößt sei, sowie daß sich die Tausende der in den Diamantenfeldern arbeitenden Eingebornen im geeigneten Augenblicke erheben und so die Hauptader der Provinz in Schach haltend, diese durch das Niederbrennen der Gebäude und Ermordung der Bewohner auf lange hin vernichten, sich selbst jedoch und die Anstifter des Krieges mit der daselbst gewonnenen Beute widerstandsfähiger machen könnten, während sie selbst, die wahren Urheber, nach Gutdünken die Road-side hotels und stores (an den Feldwegen liegende Einkehrhäuser und Gehöfte), sowie die Farmen plündern würden.

Die Lage von Griqualand-West war damals gewiß eine kritische, ich selbst Zeuge der höchst gefährlichen Situation, in der sich damals die Weißen befanden. Zum Glück für Alle waren es beherzte Männer, welche nach dem Säuberungsprocesse in den Diamantenfeldern zurückgeblieben waren, glücklicherweise stand an der Spitze der Regierung ein Mann, der rasch die Situation überblickend, sich zurechtfand (der frühere Gouverneur Major Lanyon) und der in Colonel Warren, seinem Nachfolger im Commando und den gegenwärtigen Gouverneur der Provinz den richtigen Mann fand, der sich von keiner Gefahr einschüchtern ließ und rasch die besten Verfügungen traf. So hatten sie Alle, wahrhaft Uebermenschliches leistend, Griqualand-West befestigt, hatten ihre Frauen und Kinder vor einem schmählichen Untergange bewahrt und dem Weißen Achtung verschafft, ohne welche es diesen unmöglich wäre, mit den Farbigen im Frieden und Einklang zu leben.

Major Lanyon erließ einen Aufruf, in welchem er die Bewohner der Central-Diggings zur Verteidigung ihres neuen Heimatlandes anspornte und in wenigen Tagen waren über sechshundert wehrfähige Männer beisammen, welche sich bereit erklärten, ihr Blut für ihre Freunde und ihr neues Heim zu opfern. Von diesen waren etwa zweihundert Volontärs, die übrigen junge Leute, die sich unter sie aufnehmen ließen, oder Diamantengräber, die zu einem bürgerlichen Freiwilligen-Corps zusammentraten. Rasch wurden Pferde eingekauft und die Leute, ich möchte sagen Tag und Nacht gedrillt (einexercirt), wobei meist von früheren, als Diamantengräber, Diamantenkäufer oder in anderer Lebensstellung situirten Offizieren die nöthige Unterweisung ertheilt wurde. Durch etwa vierhundert Basuto’s (Betschuana’s vom Calcedon, reiche, Ackerbau treibende Eingeborne) verstärkt, zogen sie gegen den gemeinschaftlichen Feind, der bei einem Raubversuche überrascht, in seine Berge (Langberge und ihre Ausläufer) zurückgeworfen wurde. Es entspann sich nun ein Guerillakrieg. Hatte man einen felsigen, schon von Natur aus befestigten, mit Steinwällen durch die Eingebornen noch unzugänglicher gemachten Felsenberg erstürmt, so zog sich der Feind auf einen zweiten, und so weiter — Hügel auf Hügel mußte gestürmt und erobert werden und Colonel Warren bewies, daß er Feldherrntalent besitze und die Männer der Diggings, daß sie es verstehen »how to do their duty!«

Mit dem Ertrage meiner zunehmenden Praxis glaubte ich, etwa im December desselben Jahres, die Diamantenfelder mit Europa vertauschen zu können, doch konnte ich diesen meinen Vorsatz meines umfangreichen Gepäckes und der noch zahlreicheren lebenden Thiere halber nicht sobald ausführen. Die Fracht für die ersten beiden Sendungen, d. h. die während der ersten und zweiten Reise gesammelten naturhistorischen und ethnographischen Objecte hatte großmüthiger Weise Herr Naprstek in Prag beglichen. Auf meiner Rückreise hatte mir derselbe gütige Freund 20, die geographische Gesellschaft zu Wien 40 £ St. gesendet, welche Beträge jedoch kaum hinreichten, um mir einen Wagen, dessen ich zum Transport meiner lebenden Thiere nach der Seeküste bedurfte, anzuschaffen. Es war meine Absicht, nicht vor December die Rückreise durch die Kolonie anzutreten. Ich hoffte mir bis dahin nicht allein den noch fehlenden Betrag, sondern auch eine eventuell nöthige Reservesumme zu verdienen, um den Oranje-Freistaat und die Ostprovinz der Cap-Colonie zu einer Zeit zu durchreisen, zu welcher ich mit Sicherheit auf gute Weide für meine Zugthiere rechnen durfte. Ich hatte einundzwanzig Kisten mit den Sammlungen durch einen Transportrider (Miethswagen) nach Port Elizabeth vorausgesendet, wo sie von dem österreichischen Viceconsul, Herrn Allenberg, in seinem Waarenhause bis zu meiner Ankunft in Port Elizabeth aufbewahrt wurden. Ich selbst sträubte mich aber, mit einem Miethwagen zu reisen, weil ich die Rückreise durch den Oranje-Freistaat und die Colonie womöglich zu geognostischen und paläontologischen Studien benützen und nicht ein Sklave des Kutschers sein wollte.

Colonel Warren.

Ich gab meinen Vorsatz, im Dezember 1878 abzureisen, auf, da mich die Zusendung von 220 Pfund St. — 1000 fl. als hochherziges Geschenk Seiner Majestät des Kaisers, 60 Pfund St. vom böhmischen Landesausschusse und 200 fl. vom Vereine »Svatobor«, sowie ein Darlehen von 1000 fl. welches mir eine Gönnerin gewährte, — in den Stand setzten, sechs Monate früher die Diamantenfelder zu verlassen. Leider trafen mich auf der Rückreise von den Diamantenfeldern nach Port Elizabeth eine Reihe von Unfällen, welche einen großen Theil meiner zur Reise bestimmten Mittel verschlangen, so daß ich mich genöthigt sah, mich in Cradock niederzulassen und von Neuem als Arzt zu prakticiren. Im Monate August 1878 verließ ich endlich die Diamantenfelder und miethete als Wagenlenker einen früheren Diener eines mir bekannten Kaufmannes in Kimberley, außerdem nahm ich noch drei Kinder auf die Reise nach dem Süden mit mir.

Unter meinen Bekannten und Patienten in den Diamantenfeldern hatte sich namentlich ein Freund, mein unmittelbarer Nachbar in Bultfontein, durch seine Zuvorkommenheit hervorgethan. Ich dachte ihm nun meine Erkenntlichkeit dadurch am besten zu beweisen, daß ich einen seiner Knaben mit mir nahm und ihm die Oberaufsicht über die lebenden Thiere überließ, wobei ihn anfangs der braune Wagenlenker, später in der Colonie ein Fingo, in der Verrichtung der gröberen Arbeiten unterstützen sollte. Dafür versprach ich seinen Eltern, wenn er sich gefügig und brav verhalten würde, ihn in meiner Heimat erziehen zu lassen. Damit er mir jedoch während der Reise nicht zur Last falle und ich ungehindert meinen Forschungen nachgehen könne, gaben ihm seine Eltern eine kleine Betschuana-Dienerin, Bella, mit, welche ihm in seinen Arbeiten an die Hand gehen sollte.

Das dritte Kind war der dreizehnjährige Sohn eines Holländers mit Namen Schneemann, dessen Familie ich mehrere Wochen hindurch behandelt hatte und welcher mir aus Dankbarkeit öfter bei meinen Arbeiten half und mir sein ältestes Kind unter der Bedingung, ihn zum gebildeten Menschen zu erziehen, als Bedienten mitgab. Der arme Schneemann, ein biederer Charakter, war einer jener vom Mißgeschick Heimgesuchten, welche statt des erhofften Glückes und Reichthumes in den Diamantenfeldern Elend, Kummer und Sorgen einheimsten. Philipp, so hieß der Knabe, nahm es auf sich, das Gespann zu führen. Bevor ich noch die Meeresküste erreichte, sah ich mich in Cradock genöthigt, den erstgenannten Knaben seiner Nachlässigkeit halber heim zu senden. Auch Philipp Schneemann konnte dem Heimweh nicht widerstehen und so wurde er in Cradock seinem inzwischen in den Bürgersdorfer District übersiedelten Vater übergeben.

Von den Diamantenfeldern scheidend, kann ich nicht umhin, mit dankbarem Herzen meinen einstigen Patienten für ihr stets freundliches Entgegenkommen und ihre mir so vielfach erwiesenen Gefälligkeiten zu danken, sowie meinen besonderen Dank für die rege Teilnahme, den aufrichtigen Rath und die mir so oft erwiesenen Freundschaftsdienste den Herren: J. Wernherr, Alfonse Loewy, Ch. Hartley, R. Murray, Anthony Davison, Gebrüder Peizer, Stransky und Durack, Wessels und Söhne, R. M. Scholz, McKay, Burkner, Rothschild, Vries, den Familien der Herren A. Kerr, Pinkney, Proksch, Fuchs, Scholtz, Stow, Bult, Ch. Sonnenberg, Ch. Roberts; den Redactionen des »Independent«, der »Diamond News«, des »Diamondfield Advertisers«, sowie der nicht mehr bestehenden »Mining Gazette« und des »Diamondfield« auszusprechen. Desgleichen fühle ich mich veranlaßt, Fräulein Mathilde Proksch, gegenwärtig Vorsteherin eines »Young Ladies Institute« in Leydenburg, für ihre uneigennützige Fürsorge bei Durchsicht der in den englischen südafrikanischen Zeitungen veröffentlichten Artikel auf das Herzlichste zu danken.


[19] Vgl. den englischen Originaltext Anhang 7.

XVII.
Durch die Colonie zur Küste.

Abreise von Bultfontein. — Straußenzucht auf der Farm Ottersport. — Straußenzucht im Allgemeinen. — Meine erste Vorlesung in Colesberg. — Cradock. — Ein Unfall bei diesem Orte. — Der Zulu-Krieg. — Die Ursachen der Mißerfolge in der Behandlung der südafrikanischen Eingeborenen. — Meine Artikel über den Zulukrieg. — Kampfweise der Zulu. — Grahamstown. — Reiche paläontologische Funde. — Ankunft in Port Elizabeth. — Eine Löwenjagd. — Ausflüge in die Umgebung. — Meine marinen Sammlungen. — Meine Sammlungen in Gefahr. — Die letzten Tage auf afrikanischem Boden. — Heimfahrt nach Europa, Projecte für die Zukunft.

Bella.

Meine Rückreise von den Diamantenfeldern nach der Meeresküste erlitt eine längere Unterbrechung in Cradock, auch in Port Elizabeth und in der Capstadt war ich zu längerem Aufenthalt veranlaßt.

Mich nach Süden wendend, überschritt ich den Modder-River, dessen tiefes Bett uns während der Durchfahrt viele Schwierigkeiten entgegensetzte. Der Modder-River bildet tiefe, äußerst fischreiche Lachen. Sein Thal ist eigentlich eine tiefe, in den Laterit ausgewühlte Regenschlucht. Die steilen, mit dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsenen Abhänge bieten zahlreichen Vögeln Schutz und Aufenthalt. Eine der wenigen anziehenden Scenerien an diesem Flusse ist jene an seiner Vereinigung mit dem Rietflusse. Stellenweise sind auch seine Uferwände, wie die des ebengenannten Zuflusses, schlammig (daher der Name Modder- oder Schlammfluß), Stellen wo so manch’ ermüdetes Zugthier der von den Colonialhäfen mit langen Gespannen nach den Diamantenfeldern ziehenden Fuhrleute einsinkend, sein Ende fand.

Ich berührte auf dieser Reise Jacobsdaal, welches seit meinem ersten Besuche im Jahre 1872 ansehnlich zugenommen hatte, und wandte mich dann gegen das Städtchen Philippolis. Auf dem Wege dahin passirte ich auch das Riet-River-Hotel. Die frühere Canwaß- und Eisenblechconstruction war nun zu einem massiven Steinhaus umgebaut worden und ich staunte nicht wenig, als mich der Hotelier mit den Worten begrüßte: »Waren Sie nicht vor sechs Jahren mit den Herren Michaelis und Rabinowitz in einem Karren hier eingekehrt?«