Ruinen von Tati.

Am Nachmittage gelangten wir zu dem aus etwa fünfzehn Hütten bestehenden Makalaka-Dorfe Kambusa genannt. Es gehörte Jantschi an, den Westbeech wohl kannte und von dem wir keine Belästigung zu fürchten hatten. Sein Gehöft hatte eine doppelte Umzäunung. Eine aus Pfählen erbaute Umfriedung der Wohnungen und eine aus Dornengebüsch für die das Gehöfte in einem Kreise umgebenden Felder. Mit Kambusa schieden wir von den Makalaka-Dörfern und hatten nur noch eine kurze Strecke durch die gegenwärtige Makalaka-Provinz des Matabele-Landes zu reisen, während sich noch vor fünfundvierzig Jahren das Makalakagebiet um hundert englische Meilen südlicher erstreckte. Gegen Abend überschritten wir die gegenwärtige Grenze. Diamond machte mich auf ein etwa sechshundert Schritte vom Wege, am Ufer des Flüßchens Aschangana stehendes Gebüsch aufmerksam, unter welchem ein Weißer begraben lag. Es war Mr. Oats, ein Engländer, welcher der Jagd halber in diese Gegend gekommen war, am Fieber erkrankte und starb. Bradshaw und Diamond reisten mit ihm zu gleicher Zeit nach dem Süden; da er jedoch im Makalaka-Lande starb, so durfte er hier nicht beerdigt werden, sondern erst an der Grenze. Im Jahre 1874 errichtete des Verstorbenen Bruder hier einen Grabstein.

Bevor wir Jantsche verließen, versorgte ich mich auf einige Tage mit Wassermelonen, die ich für Glasperlen erstand. Zu den Feldfrüchten, welche die Makalaka’s bauen, gehören zwei Species der Wassermelonen, welche sehr zuckerhältig sind.

Am 26. März überschritten wir zwei Flüßchen, bevor wir den ebenfalls quer unsere Richtung schneidenden Matloutsi kreuzten. Während der Fahrt der letzten Tage durch das Makalaka-Land hatten wir siebzehn Regenflüßchen überschritten, welche Zuflüsse des Majtenque waren und nach meiner Meinung kaum den zehnten Theil der Zuflüsse desselben darstellten. Die durchreiste Strecke bot die schönsten Scenerien, die ich auf meiner eiligen Reise durch das Makalaka-Land beobachten konnte. Die Formation des Bodens bestand meist aus Granit mit starken Quarzadern durchschossen, an vielen Stellen von einem dunkelschieferblauen Glimmerschiefer in verticalen, horizontalen und schiefen Lagen bedeckt. An der Spitze der Höhen waren diese Schichten meist in schiefen Lagen in einem Winkel von siebzig Grad und südwestlich streichend gelagert. Das Interessanteste jedoch, was ich auf der durchreisten Strecke beobachten konnte, waren die steil sich aus hochbegrasten stellenweise bebuschten Auen erhebenden, oder kegelförmige Höhen krönenden pittoresken Granitmassen. Den Formen entsprechend, erlaubte ich mir, einzelne mit folgenden Namen zu belegen: Eine am Matloutsi »die Mütze«, an dem nächsten Spruit (nach Süden zu) »die beiden Spatzen«, eine jenseits des folgenden Spruit »die Keule« und zwei zur Rechten vom Geleise »den Schweber« und »die Pyramide«, wobei der letzteren die Palme gebührt. Diese Scenerie im Vorlande gaben mir eine annähernde Vorstellung der landschaftlichen Reize des eigentlichen Berglandes vom Oberlaufe der Limpopo-Zuflüsse Matloutsi, Schascha, Tati und Rhamakoban. Da ich die beiden Schaschaflüsse erst am folgenden Tag überschritt, war es mir klar geworden, daß der Tschaneng in den Matloutsi oder einen seiner Nebenflüsse münden müsse. Die Gegend schien sehr wildreich zu sein, doch bei weitem nicht mehr in dem Grade als vor wenigen Jahren. Das häufigste Wild waren Pallah, Zuluhartebeeste, Harris-Antilopen und Tigerpferde.

Als wir Abends am rechten Ufer des wegen seines Bettes von den Eingebornen die felsige Schascha genannten Flusses ausspannten, und ich einen freien Augenblick benützend, einen Ausflug gegen Osten unternahm, fand ich an einem der vielen kuppenförmig aufsteigenden Granithügel eine Ruine, einen jener Anhaltspunkte für die Geschichte der früheren Bewohner des centralen Süd-Afrika. Der befestigte Felsenhügel war isolirt und einer der niedrigsten ringsum, die Befestigung bestand aus Granitziegeln, welche ohne jedes Bindemittel auf einander ruhten. Die Ruine stellte eine etwa die Mitte der kleinen Felsenkuppe einschließende Mauer dar, welche jedoch theilweise von schroff aufsteigenden Felsenblöcken gebildet wurde, so zwar, daß die künstliche Mauer an manchen Stellen zwanzig Centimeter, an anderen bis zwei Meter hoch und dreißig bis fünfzig Centimeter stark war. Der Eingang befand sich gegen Norden, die Mauer trat hier beiderseits vor und bildete einen förmlichen Gang. Die Granitziegel waren flach, zehn bis fünfundzwanzig Centimeter lang, acht bis fünfzehn hoch und sechs bis fünfundzwanzig breit, ihre obere und untere Fläche trapezförmig. Doch glaube ich sicher zu sein, daß von den früheren periodischen oder stabilen Bewohnern dieser Miniaturfeste (der Umfang mochte etwa hundertdreißig Meter sein) auf der Mauer eine Umwallung aus Holz oder Dornenästen errichtet worden war. Da ich mich gezwungen sah, schon nach zweieinhalbstündigem Aufenthalte wieder aufzubrechen, konnte ich keine Nachgrabungen anstellen, welche mir die nöthigen Aufschlüsse darüber gegeben hätten. Wir überschritten noch an diesem Tage den felsigen Schascha, mußten jedoch der eingetretenen Dämmerung halber sehr bald am jenseitigen (linken) Ufer unser Nachtlager aufschlagen.

Am 27. zogen wir, nachdem wir den sandigen Schascha überschritten, der sich mit dem felsigen verbindet und nachdem wir zwölf Zuflüsse des ersteren gekreuzt, bis zu dem Punkte, wo wir den sandigen in seinem Oberlaufe zum letzten Male berührten. Namentlich an dieser Stelle bot sich uns eine der schönsten Scenerien des Westmatabele-Landes dar. Der Reichthum der Pflanzenformen in dieser Gegend war in jeder Beziehung überraschend; da hier auch zahllose kleinere und größere, verschiedenen Arten angehörende Euphorbiaceen-Stämme im vermoderten Zustande den Boden der bewaldeten Höhenabhänge bedeckten, so fanden sich in ihren Höhlungen zahlreiche Scolopender und zwei Scorpion-Arten, auch Eidechsen und zahlreiche Insecten. Glücklicherweise hatte sich während meiner Reise durch das Makalaka-Land kein Fieberrückfall einstellt, und obwohl immer kränklich, konnte ich doch die meinen Sammeleifer anregenden Gelegenheiten benützen. Die kurzen flußauf- und abwärts unternommenen Ausflüge waren sehr lohnend. Hier war das Felsenbett sandig, dort wieder eine einzige Ebene oder gewölbte Granitplatte, welche stellenweise ein natürliches, tiefes oder seichtes Becken oder Rinnen einschloß, durch welche sich ein dünner Strahl seinen Weg nach dem Süden bahnte, um sich nach und nach in sumpfigen und sandigen Partien des Flußbettes zu verlieren. Wir überschritten nun den Tatifluß, dessen tiefsandiges breites Bett und sehr steile Ufer uns nicht geringe Schwierigkeiten bereitete.

Am 29. kamen wir in das Thal des Rhamakoban-Flusses, an dessen rechtem Ufer wir dahinzogen, wir überschritten weiterhin drei Regenzuflüsse des Tatiflusses, sowie vierzehn, die nach heftigem Regen dem Rhamakoban zueilten. Das Land am Rhamakoban-River ist seines Wildreichthums wegen unter den Elephantenjägern wohl bekannt; Giraffen, Tigerpferde, Roen-Antilopen, graue Pallah’s, Harris-Antilopen, Gnu’s, Löwen, Hyänen und Trappen gehören zu den häufigsten Wildorten und unter den größeren sind Nashorne und Strauße keine Seltenheit. Auch am 30. reisten wir so eilig wie am vorhergehenden Tage, da Bradshaw, der nach dem Abgange Westbeech’s die Leitung aller Wägen übernommen, über Mangel an Korn, Mehl, Thee, Zucker und Salz klagte und sich beeilte, die Handelsstation am Tatiflusse so bald als möglich zu erreichen. Nach Ueberschreitung von acht rechtsseitigen Zuflüssen des Rhamakoban, verfolgten wir das Thal desselben und verließen es erst am Nachmittage, um das zwischen demselben und dem Tatiflusse gelegene Hochland zu durchziehen. Auch auf dieser Strecke konnte ich anziehende Felsenformationen beobachten, welche ich der Reihe nach (von Norden nach Süden) »den Altar«, »die Gedenktafeln« und die »weißen Marksteine« nannte. In den letzten Tagen war der Mapanibaum wieder häufiger aufgetreten, und die am Nachmittage durchreiste Strecke bestand eigentlich aus einem einzigen, durch größere und kleinere Lichtungen unterbrochenen Mapaniwalde. Nahe an den weißen Marksteinen mündete der nach dem centralen Matabele-Land führende Weg in unser Geleise.

Am 31. langten wir an den Ufern des Tati an und erblickten am Abhange der niederen Tatihöhen einige im europäischen Style ausgeführte Gebäude, von welchen indeß nur zwei bewohnt waren. Das eine hatte der Elephantenjäger Pit Jacobs, das zweite der schottische Elfenbeinhändler Brown inne. Noch vor wenigen Jahren ging es hier sehr lebendig zu. Goldsucher aus allen Welttheilen waren zusammengeströmt, um des edelsten der Metalle habhaft zu werden, doch sie fanden statt Alluvial-, Quarzgold, was ihre Erwartungen bedeutend herabstimmte und schon nach kurzer Zeit ihre Reihen beträchtlich lichtete. Compagnien übernahmen nun die Arbeit, doch auch sie ließen nach und nach vom Betriebe ab, als sich ihre Maschinerien unzulänglich erwiesen. Die Hauptschuld am Mißerfolge war wohl die bedeutende Entfernung von der Küste, da selbst die einfachste Maschine nur mit dem fünf- und sechsfachen Kostenaufwande ihres Werthes hierhergebracht werden konnte.

Man fand sieben Unzen Gold auf eine Tonne Quarz, doch man theilte mir auch mit, daß stellenweise bis zu vierundzwanzig Unzen aus einer Tonne gewonnen wurden. Herr Brown, der ein Tauschgeschäft hatte, fungirte zugleich als Agent der aufgelösten Kompagnie, da noch einiges von dem Eigenthume derselben zurückgeblieben war. Im Thale des Tatiflusses, eine kurze Strecke unterhalb der Besitzung, fand ich noch die Ueberreste der Dampfmaschine, mit der man den Quarz zerkleinert hatte. Das goldhaltige Gestein wurde von einer eine Gehstunde weit landeinwärts am linken Ufer liegenden Stelle geholt, und als eben die seichten Goldgruben sich mit Wasser zu füllen begannen, fehlte es an einer zweiten Dampfmaschine, um sie zu entleeren, weshalb die Arbeit aufgegeben wurde. Bei unserer Ankunft war Herr Brown nicht anwesend, sondern auf einem Besuch in Gubuluwajo, um daselbst durch den Missionär Herrn Thompson mit Fräulein Jacobs getraut zu werden. Wir fanden jedoch bei seinem Geschäftsführer eine freundliche Aufnahme und hatten hier die Rückkehr Westbeech’s zu erwarten.

Außer den genannten Personen war ich nicht wenig erstaunt, die bei der Reise nach Norden am Henryspan angetroffenen Lotriet-Familien in einigen Grashütten wohnend, wiederzufinden. Alle aus dem Bamangwato-Lande im Allgemeinen von Süden nach dem Matabele-Lande fahrenden Wägen haben in Tati zu halten und sich mit einem neuen Gespann zu versehen. Die Matabele-Händler halten sich schon immer eines bereit, um nicht unnütz aufgehalten zu werden. Diese Maßregel war von dem Könige erlassen worden, um das Einschleppen der Roiwatter-Krankheit zu verhüten. Die Matabele besaßen einst eine große Anzahl von Viehheerden, welche größtenteils den umwohnenden Völkern geraubt waren, doch die vom Süden eingeschleppte Lungenseuche hatte unter den Thieren schrecklich aufgeräumt.

In Tati liegt immer eine Truppe Matabele-Männer, welche das Land nach Südosten zu bewachen haben; zur Zeit meiner Ankunft waren die Leute darauf erpicht, zufällig eintreffende Weiße nach Möglichkeit zu quälen und den von den Diamantenfeldern mit Gewehren heimkehrenden Makalaka’s, nachdem sie die Ankommenden aufgefangen und durchgeprügelt hatten, die Gewehre und den Schießbedarf in des Königs Namen abzunehmen.

Das Matabele-Königreich war zur Zeit meines ersten Besuches das zweitmächtigste Eingebornenreich südlich vom Zambesi, gegenwärtig nach der Niederwerfung der südlichen Zulu’s ist das Reich der nördlichen, d. h. der Matabele als das mächtigste anzusehen. Es hat eine Längenausdehnung von etwa achtzig bis neunzig, eine Breite von fünfzig bis sechzig geographische Meilen. Nach Mackenzie war der Gründer dieses weitläufigen Reiches ein Sohn Matschobane’s, eines Zulu-Häuptlings in Natal. Als Tschaka, der mächtigste der Zulu-Häuptlinge, seine Nachbarn unterjochte, wurde auch Moselikatze gefangen. Auf einem Raubzuge begriffen, den er im Auftrage Tschaka’s unternahm, welcher seinen Muth kennen gelernt hatte, wandte er sich mit den geraubten Heerden nach dem Herzen der jetzigen Transvaal-Colonie, unterjochte die Bakhatla-, Baharutse- und andere Betschuana-Stämme und ließ sich in dem am Marico und seinen Zuflüssen liegenden Höhenlande nieder. Hier wurde er von dem Griquachef Berend-Berend angegriffen, der nicht nur abgewiesen, sondern auf’s Haupt geschlagen wurde. Damit war aber nur der Reigen der gegen ihn gerichteten Angriffe eröffnet, es tauchten immer wieder neue Feinde auf. Zuerst waren es zwei Zulu-Heerhaufen, welche von Tschaka und einer von dessen Nachfolger Dingan dem Flüchtigen, doch erfolglos, nachgesendet wurden. Dann waren es die dem Transvaal-Gebiete sich nähernden Boers, welche, den gefährlichen Nachbar wohl erkennend, seiner los werden und das schöne Land am Marico erobern wollten. Sie griffen im Jahre 1836 unter Gert Maric Moselikatze am Fuße einer Höhe in dem genannten Territorium an; der Kampf endete mit einer vollständigen Niederlage des Zulu-Häuptlings, worauf Moselikatze mit dem Reste seiner Leute, unter denen sich nur vierzig Ringköpfe (eigentliche Krieger) befanden, das Land verließ und die Länder verwüstend, gegen den Zambesi zog, um jenseits dieses Stromes ein neues Reich zu gründen. Doch was Menschenhand nicht vermocht hatte, that die kleine Tsetsefliege, sie warf den Zuluwolf zurück. Dieser fiel nun erst über ein, dann über ein zweites Makalaka-Dorf und nach und nach über die einzelnen Makalaka-Königreiche, dann über jene der Manansa etc. her. In der Stille der Nacht überfiel er die Dörfer der Ackerbauer, steckte sie in Brand, tödtete die herausstürzenden Männer und raubte die Frauen, Kinder und Viehheerden; in dieser Weise wuchs seine Macht, und so schuf er ein neues Zulu-Reich in Süd-Afrika. Die geraubten Knaben wurden den Kriegern zum Unterrichte im Kriegsdienste anvertraut, jene, die schon Waffen zu tragen vermochten, sofort eingereiht. Die Frauen wurden den Kriegern geliehen, die Heerden wurden königliches Eigenthum und diente zur Erhaltung der anfangs in Rotten, später in Regimenter eingereihten Krieger. Als jedoch Moselikatze bemerkte, daß seine Krieger die ihnen zugewiesenen Makalaka-Frauen nicht als Beute behandelten, sondern milde gegen sie auftraten, fürchtete er ihre Verweichlichung und ordnete eine Schlächterei der seinem Zwecke gefährlich scheinenden Frauen an. Die Krieger folgten auch den Befehlen und schlugen ohne Ausnahme ihre neuen Frauen todt. Jährlich unternahm der König Raubzüge in die benachbarten Länder und Tausende von Unschuldigen wurden auf diese Weise geschlachtet. Denn außer den Männern wurden auch die arbeitsunfähigen Greise und die Frauen, Säuglinge und überhaupt kleine Kinder getödtet.

Ich will es versuchen, im Folgenden das Regiment der Matabele-Zulu in kurzen Zügen zu schildern; außer meinen eigenen Beobachtungen stütze ich mich auf die eingehenden Forschungen meines Freundes Mackenzie, sowie auf die mir von den beiden Elfenbeinhändlern Westbeech und Philipps mitgeteilten Berichte. Das Regiment der Zulu-Matabele ist in jeder Beziehung militärischer Despotismus, demselben unterliegt Alles, Mensch, Thier und jedes Atom des Landes. Ueber die einzelnen Heeres-Abtheilungen sind Häuptlinge gestellt und diesen unterstehen abermals Unterhäuptlinge, welche Officiersrang einnehmen, während jener des Induna etwa einem Regiments-Inhaber gleichkommt. Die Krieger führen blindlings die ihnen gegebenen Befehle aus, dagegen buhlen die Unterhäuptlinge und Häuptlinge um die Gunst des Königs und wenn dies nicht durch hervorragende Thaten im Kampfe möglich ist, so suchen sie sich durch Verleumdung gegenseitig beim Könige zu verschwärzen. Der König hat mehrere Scharfrichter, welche im Dunkel der Nacht ihre blutige Arbeit zu verrichten haben. Da die Matabele-Krieger allabendlich nebst Fleisch auch Kafirkornbier erhalten und darauf in der Regel in einen festen Schlummer fallen, wird es dem Scharfrichter oder dem sogenannten Messer des Königs leicht, an die Arbeit zu gehen.

Begegnung mit einem Löwen am Tatifluße.

Ich will nur eines Beispiels aus Mackenzie’s Erfahrung hier erwähnen. Der Tapferste der Tapferen in Moselikatze’s Heer war Monjebe, einer seiner ersten Häuptlinge, doch weil er seiner Tugenden halber oft vom König mit Geschenken ausgezeichnet war, blickten die übrigen Induna’s neiderfüllt auf den Günstling und ließen nicht ab, ihn fortwährend beim Könige der Zauberei und Verschwörung anzuklagen. Anstatt Monjebe zur Verantwortung zu ziehen, hielt Moselikatze das Ganze geheim, lieh leider endlich sein Ohr den Verleumdern und gab ihnen auch das Recht, Monjebe zu tödten. Am folgenden Morgen waren von dem Gehöfte des letzteren nichts mehr als einige rauchende Pfähle zu erblicken. Als mein Freund Mackenzie im Jahre 1863 das Matabele-Land besuchte, traf er nur einige Zulukrieger. Die Männer in der »Blüthe« waren Betschuana, welche Moselikatze als Knaben während seines Aufenthaltes im Transvaal-Territorium und auf seinen Zügen geraubt oder als Abgabe erpreßt hatte. Die jungen Regimenter bestanden meist aus Makalaka- und Maschona-Jünglingen.

Im Frieden haben die Knaben die Heerden zu hüten, kommen sie heim, so müssen sie sich im Gebrauche der Waffen üben. Diese Leibesbewegung stählt und kräftigt ihren Körper derart, daß man einen Masarwa aus dem Kalahari-Bushveldt und einen der unter den Matabele aufwuchs, nicht als Männer eines Stammes ansehen würde. Die Matabele-Krieger leben in Baraken, ein Bild der Häuslichkeit ist nirgends zu sehen. Nur den Häuptlingen, und in Ausnahmsfällen einem Krieger ist es gestattet, das ihm als Beute übergebene geraubte Mädchen als seine Frau, nicht als seine Sklavin zu betrachten, obgleich beide wohl das gleiche Los tragen. Der König hinderte die einzelnen Stämme nicht, den ihnen zukommenden abergläubischen Gebräuchen getreu zu bleiben, erlaubte aber auch nicht, daß einer seiner Leute Christ werde. Das Matabele-Land wurde zuerst von Missionären aufgesucht, dann folgten Elfenbeinhändler; sie kauften von diesen wohl Gewehre und Schießbedarf, aber keine Kleidung.

Jahr für Jahr begehen die Matabele, bevor sie auf ihre Raubzüge ausziehen, den der Gottheit geweihten Tanz Pina ea Morimo. Zu diesem finden sich die Krieger in voller Kleidung auf dem Paradeplatze ein, Kopf, Brust und Hüften mit einem aus schwarzen Straußfedern verfertigten Gewande geschmückt. Den versammelten Kriegern wird ein schwarzer Stier vorgeführt und dieser so lange gejagt und gehetzt, bis er von Schweiß und Schaum bedeckt, wie gelähmt, niederstürzt. Nun wird dem Thiere das Schulterblatt mit einigen künstlich geführten Schnitten sammt der Muskulatur ausgeschält und an einem kleinen Feuerchen zwei bis drei Minuten lang geröstet, das Fleisch in kleine Stückchen geschnitten und in diesem halbrohen Zustande von den heranstürzenden Kriegern verschlungen. Der Genuß desselben soll sie besonders stark und tapfer machen.

Rings um die Niederlassung der Weißen am Tatiflusse erheben sich kleine Hügel, welche theils aus Eisenglimmerschiefer, Quarz und Granit bestehen und theils einzelne Höhenkuppen, theils den Abfall des Rhamakoban-Tatiflusses bilden. Ich unternahm Ausflüge nach allen Richtungen hin, doch hieß man mich die größte Vorsicht gebrauchen, da es in der Umgebung von Löwen wimmeln sollte.

Am 30. besuchte ich zuerst die beiden von den Weißen bewohnten Wohnungen. Pit Jacobs, der holländische Jäger, war, von seinem Sohne begleitet, auf Elephantenjagd ausgezogen. Gegen Abend suchte ich das rechte Flußufer aus und erbeutete dabei einige Virivas colius. Am folgenden Tage besuchte ich die umliegenden Höhen und fand, daß man überall bis zu fünfzig Fuß tief Minen gegraben hatte, um Goldadern auf die Spur zu kommen. Auf dem nördlichen Hügel, der mit dem Tati-Abhang in Verbindung stand, fand ich Ruinen in Form einer Mauer, auf der höheren Kuppe eine kleinere Umwallung, auf der niedrigeren eine dreimal umfangreichere. Die erstere war 1 bis 1½, die letztere 1½ bis 2 Meter hoch und beiderseits 1 bis 1¼ Meter breit und ohne jeglichen Cement aus Eisenglimmerschieferziegeln errichtet. Während die Innenseite der Mauer immer gleichförmig aus drei bis zehn Centimeter starken, zehn bis fünfzig Centimeter langen und zehn bis zwanzig Centimeter breiten viereckigen Platten errichtet war, fand ich an der Außenseite der Mauer, daß hier wohl der Verzierung halber zwei Reihen kleinerer schief und dachziegelförmig gegen einander gelegte Platten einander unter einem rechten Winkel deckten (siehe das vorstehende Bild). Beide Umwallungen haben einen Eingang von Norden, bei der größeren war dieser Eingang dadurch geschützt, daß der rechte Mauerflügel nach außen vortrat und daß vom linken eine gerade Mauer nach Innen zu gegen die Mitte der Umwallung lief. Im Allgemeinen waren diese Ruinen den am Schascha-River vorgefundenen ähnlich geformt und mochten wohl von einem Stamme der Goldgewinnung halber errichtet worden sein. Auch hier hoffe ich auf der nächsten Reise Nachgrabungen anzustellen und zu entscheiden, ob sie von den im Osten lebenden Maschona’s oder von den Bewohnern Monopotapa’s errichtet wurden. Abends besuchte ich den zurückgekehrten, zweitgrößten Elephantenjäger Süd-Afrika´s Pit Jacobs und hörte gespannt seinen Mittheilungen aus seiner fünfundzwanzigjährigen Jägerlaufbahn zu.

Am Vormittag des 2. April besuchte ich auch den Verweser des Herrn Brown, um den Ankauf einiger Utensilien zu besorgen. Wir waren eben mit den letzteren beschäftigt, als ein Schwarzer mit dem Rufe hereinstürzte: »Löwen, Löwen unter der Heerde!« Obgleich an mehreren Stellen im Innern Löwen sehr zahlreich sind, so ist mir doch keine bekannt, an welcher dieses gewaltige Raubthier so kühn und verwegen auftreten würde, als in der Umgebung der Tati-Station. Als noch die Goldgräber hier arbeiteten, hatten sie von den Thieren sehr viel zu leiden. Hier geschah es damals, daß die Löwen über einen zwei Meter hohen und an seiner Basis ebenso breiten aus Dornästen erbauten Kraalzaun setzten, um die Zugthiere darin zu erwürgen. Sehr oft fanden Jacobs und Brown, daß Löwen in der Nacht zwischen ihren Wohnungen sich herumgetummelt hatten. Als der Minenbetrieb hier noch im Gange war, wurde eines Morgens einer der schwarzen Arbeiter, als er eben aus seiner Hütte treten wollte, um Brennholz für die Dampfmaschine zu sammeln, von einem Löwen angegriffen, und des Mannes Leben nur durch den Umstand gerettet, daß der Angreifer ein altes Thier mit stumpfen Zähnen war.

Während meines Aufenthaltes in der Tati-Station wurde eine Löwin in meiner Gegenwart erlegt. Am Tage als wir abreisten, wurden sieben Löwen am Wege vor uns gesehen. Acht Tage nach meiner Abreise schoß Pit Jacobs einen männlichen Löwen und wenige Tage darauf holte sich ein Löwe in der Nacht Herrn Brown’s Pferd aus dem Stalle, der, weil in einer Pfahlumzäunung erbaut, nach dem Wohngebäude zu offen war. Diese Vorfälle mögen dem Leser eine Idee von der Dreistigkeit und Keckheit der Löwen in Tati geben.

Nach der von dem Schwarzen erhaltenen Nachricht waren wir sofort bereit, das in die Heerde eingebrochene Raubthier zu züchtigen. Ich lief zu unserem etwa vierhundert Schritte vom Flusse abseits liegenden Lager, um mich mit meinem Snyder und Patronen zu versorgen. Als Bradshaw von dem Vorfalle hörte, schloß er sich mir mit seinem Vorderlader (einem Doppelgewehre) an, mit dem er wahre Wunder wirkte. Den mit Ruinen gekrönten Hügel zur Linken lassend, bewegten wir uns, das linke Ufer entlang, thalaufwärts. Dieses war nur etwa zwei- bis dreihundert Schritte breit, von bebuschten Höhen zur Rechten umsäumt, stellenweise bebuscht, dagegen unmittelbar am Flusse in einer Breite von etwa hundert Meter ziemlich dicht mit Mimosen bestanden. Außer mir und Bradshaw und einigen zwanzig mittelmäßig bewaffneten Schwarzen betheiligten sich noch ein Sohn Pit Jacobs’ und der ausgezeichnete Halbkastjäger Africa, die beiden letzteren zu Pferde, an der Verfolgung. Während des Marsches berichtete uns der Diener, daß der Angriff des Raubthieres auf die Heerde an einem erst gestern im sandigen Bette des Flusses gegrabenen Tränkloche geschah. Das Flußbett war hier etwa hundert Schritte breit, etwa dreißig Schritte von unserem Ufer erhob sich in demselben eine kleine dichtbebuschte Insel, zwischen ihr und unserem Ufer die genannte Lache. Als sich nun die Heerde zur Tränke versammelt hatte, stürzte plötzlich von jener Insel eine Löwin auf dieselbe, die Thiere flohen an’s Ufer und die Löwin zerbiß, einer Kuh nachsetzend (ganz gegen die sonstige Gewohnheit der Löwen), dieser die Fußgelenke, so daß sie ihr Opfer zum Falle brachte. Dies geschah unter einem Mimosenbaume, auf welchem bei dem ersten Erscheinen des Löwen der eine der beiden unbewaffneten Hirten Zuflucht genommen hatte; sein Hund aber blieb in der Nähe des Baumes und umkreiste laut bellend das Raubthier. Dem Hundegebelle folgend, kamen wir auf eine kleine, unmittelbar am Flusse gelegene Lichtung, und sahen den Kopf eines Rindes über das Gras herausragen. Africa hatte jedoch schon vom Pferde aus das Raubthier erblickt, und bevor wir uns dessen versahen, donnerte seine Elephantenbüchse. Nun erst sah ich wie eben der Kopf der hinter der Kuh in dem Grase hockenden Löwin in dasselbe zurücksank. Der Schütze hatte dem Raubthiere die Wirbelsäule am Epistropheus zerschmettert. Unmittelbar nach dem Schusse war der die Löwin in ihrem Fraße so beunruhigende und schon durch andere Vorfälle den Weißen von Tati so wohl bekannte Hund auf die Löwin losgesprungen und hatte ihr, sie an dem einen Ohre fassend, den Kopf zurückgerissen. Dann stürzten die Matabele auf die Löwin und hieben auf das todte Thier los. Ohne die Kuh getötet zu haben, hatte die Löwin derselben oben neben dem Kreuze ein Loch in den Leib gebissen und verzehrte die mit ihren Klauen herausgerissenen Eingeweide. Wir befreiten sofort das arme Thier von seinen Leiden und Africa verehrte mir das Fell des Raubthieres.[17]

Seitdem ich Africa am Tschobe begegnet, war er seiner Straußen- und Elephantenjagden halber von Khama des Landes verwiesen worden und nun nach Tati gekommen, um gegen Bezahlung von La Bengula die Erlaubniß zur Straußenjagd zu erhalten. Meine Zeit bis zum 7. benützte ich hauptsächlich zur geologischen Untersuchung der nächsten Umgebung, sowie zur Aufzeichnung der interessantesten Jagderlebnisse von Pit Jacobs und Bradshaws und eines dritten zugereisten Boerjägers. Am 6. besuchte der Sohn Africa’s seine Eltern, er brachte das Fleisch eines Kudu für dieselben mit, und hieß uns alle sehr vorsichtig sein, da er an seinem zwei Stunden entfernten Lager allnächtlich von Löwen beunruhigt wurde. Am folgenden Tage kam von Süden her über Schoschong ein Elfenbeinhändler, der, in seinem Geschäfte äußerst tüchtig, alles andere nicht zu beachten schien. Er klagte über Wassermangel zwischen Schoschong und Tati und über die Häufigkeit der Löwen auf dieser Strecke.

Westbeech und sein Compagnon Philipp, sowie ein anderer Elfenbeinhändler F. und Herr Brown mit seiner jungen Frau kamen am nächsten Tage von Gubulowajo zurück. Der erstere brachte eine von La Bengula mit einem † unterzeichnete Vollmacht, Elephantenjäger gegen Begleichung eines gesalzenen Pferdes in seinem westlichen Territorium jagen lassen zu dürfen. Herr Brown sowie der zugereiste Elfenbeinhändler theilten mir sehr interessante Einzelheiten über die Grausamkeiten der Matabele mit. La Bengula besitzt eine Schwester, eine sehr wohlbeleibte Person, welche einigen Einfluß auf den König ausübt. Als ihr einst W. vorwarf, warum sie sich keinen Gemahl wähle, gab sie ihm den Bescheid, sie sei zu corpulent, um gehen zu können, und da außer dem Könige Niemand im Lande einen Wagen besitze, müsse sie auf einen Ehegemahl verzichten. So oft ich an diesen Händler denke, muß ich stets bedauern, daß er seine Gunst, deren er sich von Seite La Bengula’s erfreute, nicht zu allgemeinem Nutzen geltend machte, daß er sich Sepopo gegenüber zu nachgiebig zeigte und so dessen Gunst, und durch mancherlei andere Umstände jene Khama’s verscherzte.

Sein zwölfjähriger Aufenthalt unter jenen Stämmen hatte ihn zum Meister ihrer Sprachen gemacht. Während seines letzten Besuches besuchte er den König La Bengula, als diesem eben sein Mahl auf einer Schüssel, die selten oder nie gescheuert wird, vorgelegt wurde. Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, half sich W. sofort und reichte einige Stücke seinen Genossen, die mit ihm gekommen waren (mit Ausnahme zweier Missionäre wohnten stets einige Elfenbeinhändler im Umkreise der königlichen Stadt), worauf die umsitzenden Induna’s zu murren begannen. »Georg,« hieß es, »behandelt den König wie sein Kind.« »Wie kannst Du ihm das Fleisch nehmen?« W.’s Antwort. »Habe ich nicht Moselikatzes Wagen getrieben und so den König herumgeführt? War er da nicht mir anvertraut? War er nicht mein Kind? Ist nicht da La Bengula sein Sohn auch mein Kind?« schien die Murrenden sehr zu befriedigen, denn sie klatschten in die Hände. — Ich fragte den Masupia-Diener, den Westbeech mit nach Gubuluwajo genommen, ob die Matabele-Frauen schön seien. »Nein, Herr, sie haben kein hinteres Schurzfell, noch sind sie tätowirt.« Auf die wohlgeformten Gestalten und die angenehm sein sollenden Züge nahm der seiner Heimat ungetreue Sohn keine Rücksicht.

Bevor ich von Tati scheide, will ich noch eines eigentümlichen Abenteuers gedenken, welches sich im Februar des Jahres 1876 im Hause des Jägers Pit Jacobs zutrug. Um diese Zeit war der alte Jäger mit seinen Söhnen und einer seiner beiden Töchter auf der Elephantenjagd im südlichen Matabele-Lande beschäftigt. Die Frau war nur mit der zweiten an Herrn Brown verlobten Tochter, zwei kleinen Söhnchen und einem Masarwa-Diener zurückgeblieben.

Ueber die Höhen am Tatiflusse hatte sich bereits das Dunkel der Nacht ausgebreitet, und die Bewohner der Station schliefen bereits, nur aus der halboffenen Thür (aus einer unteren und oberen Hälfte bestehend) und der dieser entgegenliegenden Fensteröffnung der Wohnung Jacobs schimmerte ein schwacher Lichtschein. Das Haus des holländischen Jägers bestand aus einem sogenannten Hartebeest-Bau, d. h. aus vier, aus dünnen Baumpfählen errichteten, mit rother Ziegelerde überschmierten, mit einem aus Pfählen und Gras gebildeten Giebeldache überdeckten, dünnen Wänden. Eine aus dem ersteren Material verfertigte Scheidewand theilte den inneren beschränkten Raum in einen größeren, das Wohn-, Empfangs-, Eß-, Wasch- und Arbeitszimmer, und in einen kleineren, das Familien-Schlafzimmer. In dem ersteren lief eine Holzbank der Mauer entlang und nur an der südlichen Wand nahe der Thüre stand ein einfacher Holztisch, und unter der Fensteröffnung, welche man mit einem Brette zu schließen pflegte, eine Nähmaschine, ein Geschenk des Herrn Brown an seine Braut. Da wo die Bänke nicht hinreichten, einen ganzen Wandsitz zu bilden, füllten Kleiderkisten diese Lücke aus. Der zweite Raum hatte nur zwei nennenswerthe Objecte, zwei rohgezimmerte Bettstätten, eine der Eingangsöffnung gegenüber, welche die Scheidewand an der Fensteröffnung durchbrach und eine unmittelbar an der letzteren anliegend.

Um die Zeit des zu berichtenden Vorfalls war Herr B. bei seiner Verlobten noch zu Besuch. Der Diener war längst in seiner Hütte entschlummert, welche dem Hausthore gegenüber stand, die Mutter war mit den Kindern zur Ruhe gegangen. Sie lag mit dem kleineren, dreijährigen Knäblein auf dem Lager dem Eingange gegenüber, der zweite Knabe schlief auf dem anderen Bettgestelle. Während die Kinder schliefen, mischte sich die Mutter zeitweilig in das Gespräch ihrer in der vorderen Kammer sitzenden, verlobten Tochter. Um das Bild noch zu vervollständigen, muß ich noch hinzufügen, daß sich das Hauskätzchen am offenen Fenster einen außergewöhnlichen Sitz gewählt hatte. — Zur selben Zeit wurde die Niederlassung durch den Besuch eines hungrigen Leoparden beehrt, welcher nach mehrtägiger erfolgloser Jagd in den Büschen die Niederlassung aufgesucht hatte. Hier wurde Viehkraal nach Viehkraal umgangen, doch die Dornzäune schienen zu hoch für seinen Muth und so wagte er sich an die menschlichen Wohnungen heran, um doch wenigstens einige Hühner zu erbeuten. Auf diesem stillen Umzuge hatte er auch die Stätte von Pit Jacobs häuslichem Glücke umkreist. Der Leopard erblickte die Katze und den etwas mageren Bissen in der Noth immerhin des Angriffs werth haltend, wagte er, sich näher schleichend, den Sprung. Kätzchen sind jedoch kluge Thiere, und jenes hatte seinen Feind noch rechtzeitig erspäht, denn im selben Augenblicke als er aufsprang, setzte es herunter und verbarg sich unter der Nähmaschine, das Raubthier jedoch war mit einem Satze in der Mitte des Zimmers, zum nicht geringen Entsetzen der beiden Verlobten, sowie zu seinem eigenen Schrecken. Von dem lauten Aufschrei der beiden begrüßt, sowie von dem flackernden Lichte der in einer Wagenlaterne ihr ephemeres Dasein fristenden Kerze geblendet, geräth das Thier außer Fassung und sinnt auf Flucht und ein Versteck. Der Leopard erhebt sich brummend, blickt sich um und wirft sich dann in den dunklen Abgrund, der ihm als Eingang zu dem Schlafzimmer entgegengähnt, worüber die beiden so unangenehm Ueberraschten neuerdings aufschrieen, denn da drinnen lag ja die wehrlose Mutter mit den beiden Kindern. Frau Jacobs sah ein Thier in ihre Schlafkammer setzen und sich unter ihr Bett verstecken; sie fragt, was es wäre, jene wollen sie beruhigen und sagen es sei blos ein Hund. »Ja, wenn es nur ein Hund ist, warum schreit Ihr denn so fürchterlich.« In der Meinung, daß es vielleicht eine Hyäne sei, springt die Frau auf, ergreift das neben ihr liegende Kind und eilt, das zweite vollkommen vergessend, in die vordere Kammer. Als die Beiden sie ohne das zweite Kind in der Kammer erscheinen sehen und die Mutter in sie dringt, den Namen des Thieres zu nennen, gestehen diese ein, daß es kein Hund oder Pantherkatze sondern ein Leopard sei. Nun brach die Mutter in Wehklagen aus, sie wollte hineinstürzen und ihr Kind holen. Mit aller Macht mußte sie zurückgehalten werden aber um so mehr drang sie hierauf auf die Tödtung des Raubthieres.

Der Leopard im Hause Pit Jacobs.

Nachdem die Aufregung Aller sich etwas gelegt hatte, sann man auf die Mittel, das Thier zu bekämpfen. Auf der Schlafzimmerseite der Scheidewand hingen einige geladene Elephantengewehre, doch in der allgemeinen Angst und Bestürzung hatte man diese vollkommen außer Acht gelassen. Ein großes Küchenmesser war die einzige Waffe, welche zur Hand war, da fiel jedoch der Frau Jacobs der in der Hütte schlafende Masarwa ein, dessen, wenn auch höchst primitiver Assagai bessere Dienste leisten konnte. Bald war auch der Gewünschte mit seiner Waffe zur Stelle und so bewaffnet nahm Brown den Kampf mit dem Leoparden auf. B. sollte im gebeugten Zustande mit der Waffe in der Hand und gefolgt von seiner Braut dem Thiere den Garaus machen; um jedoch auch in der That dieses Heldenstück auszuführen, war Licht nöthig; hier half Miß Jacobs, indem sie die Laterne hochhielt. Sowie der erste Lichtschimmer auf den Leoparden gefallen war, fauchte dieser vernehmbar und sprang mit einem Satze aus seinem Verstecke auf das gegenüber stehende unbeleuchtete Lager, auf welchem der fünfjährige Jacobs trotz des Geschreies der Frauen ruhig weiterschlief. Dies war die Ursache eines neuen Geschreies von Seite der Frauen, denn alle wähnten das Kind, wenn nicht schon todt, so doch dem sicheren Verderben preisgegeben. Doch keines von beiden war der Fall. Das Raubthier mußte unmittelbar vor oder hinter den Knaben gesprungen sein, ohne die geringste Notiz von ihm zu nehmen, denn der Knabe schlief weiter und war erstaunt, am nächsten Morgen die aufregende Scene erzählen zu hören.

Der Leopard saß auf seinen Hinterfüßen und fauchte zähnefletschend die Eindringlinge an. Abermals stellten sich die Angreifer in eine Schlachtlinie und vorwärts ging es in die Schlafkammer. Um mit ihrem Rathe nötigenfalls beizustehen und ihrem Verlobten den Schauplatz besser zu beleuchten, lehnte sich Fräulein Jacobs, die Laterne vor ihn hinhaltend, über Herrn Brown, und damit ihre Kinder im wichtigen Momente nicht verzagen und sie das Ganze sehen könne, lehnte sich auch Frau Jacobs an ihre Tochter, so daß Brown unter der Last förmlich zusammenbrach. Wie vermochte er unter diesen Verhältnissen mit Sicherheit einen tödtlichen Stoß gegen das Thier zu führen. Es darf uns daher nicht wundern, daß er kaum die Haut des Thieres durchbohrt hatte. Allein kaum war dies geschehen, als der Leopard auf seine Gegner lossprang. Im nächsten Momente als sein Assagai abglitt, fühlte Herr B. die Tatzen des Thieres auf seinem Kopfe und Nacken. Die nächste Wirkung dieses Sprunges war, daß Herr Brown von Tochter und Mutter und dem neugierigen, sich gleichfalls an Frau Jacobs anlehnenden schwarzen Diener beschwert, dem auf ihm lastenden Gesammtgewichte nachgeben mußte und mit dem Leoparden zu Boden stürzte. Der Stütze beraubt, folgten auch in der Gefahr getreu, Fräulein und Frau Jacobs, sowie der Masarwa ihm nach. Dies war wohl die glücklichste, wenn auch für die Betheiligten in jenem Momente unangenehme Lösung der Situation. Es wäre nun vielleicht Einem oder dem Andern schlecht ergangen, wenn das Raubthier nicht selbst durch den Wechsel seines Standpunktes erschreckt worden wäre. Der Leopard fühlte sich plötzlich auf einem zuckenden, in holländischer, englischer sowie in der Sesarwa-Sprache schreienden Knäuel und da mit dem Falle des Herrn Brown auch die Laterne ausgelöscht war, kam es selbst dem Leoparden in der Dunkelheit unheimlich vor und anstatt zu beißen und zu kratzen, machte er einen Satz durch die Thüre in das Wohnzimmer und von da durch die Ausgangsthüre, deren obere Hälfte nicht geschlossen war, ins Freie. Nach und nach entwirrte sich auch der Menschenknäuel und nachdem Licht herbeigeschafft war, rief das ganze an komischen Momenten reiche Erlebniß, das unter Umständen tragisch enden konnte, allgemeine Heiterkeit hervor.

Am 10. April verließen wir die Tati-Station und fuhren durch ein bewaldetes Hügelland bis zum Schaschaflusse, einem Sand-River, der unter anderen zahlreichen Nebenflüssen gleichen Charakters auch den Tatifluß aufnimmt. Nahe an der Stelle wo wir hielten, fand ich an der Mündung eines trockenen Regenspruits in den trockenen Schaschafluß, eine kleine aber tiefe Lache, welche Krokodile beherbergte.

Am Morgen des 12. überschritten wir den Matloutsi- und den Seribe-Fluß, sowie seit dem wir Tati verlassen, zehn Zuflüsse des Schascha, Matloutsi und Seribe, am folgenden Tage vier weitere Spruits. Der Weg war abermals äußerst beschwerlich und voller Felsblöcke. Wir blieben den Tag über am Matloutsi-Flusse, welcher theilweise die östliche Grenze zwischen dem Matabele- und Bamangwato-Reiche bildet. (Früher war es der Tatifluß.) Großes Interesse bot eine doppelte Reihe von Hügeln, deren Form bald kegelförmig war, bald wieder förmlichen Hexaëdern glich. Wir überschritten am nächsten, einem sehr heißen Tage Morgens den Kutse-Khani und den Lothlakhane-Fluß und lagerten am Ufer eines dritten mit Namen Goque. Da wir vor uns eine weite, wasserlose Strecke hatten, wurden hier die Zugthiere mehrmals getränkt. Der Weg führte nunmehr an der Kette der Serule-Höhen vorüber und über drei Regenspruits und späterhin an den Serule-River, den wir gegen Mittag überschritten, gegen Süden und Südosten erhob sich der Höhenzug der Tschopoberge, deren höchste Kuppen am Nord- und Südende liegen.

Am 16. erreichten wir das Thal des Palatschwe-Flusses und überschritten am selben Tage auch das Thal des Lotsaneflusses. Ich glaube, daß sich beide Flüsse am Fuße der Tschopo-Höhen vereinigen und am nördlichen Abhange derselben ihren Lauf gemeinsam fortsetzen. Die Lotsane Furth, eine der schwierigsten auf dem Wege von oder nach dem Matabele-Lande, war einige Jahre zuvor bei den Elfenbeinhändlern und Elephantenjägern durch zahlreiche und äußerst kecke Löwen berüchtigt.

Am 17. betraten wir ein Hochland, in welches zahlreiche Regenlachen eingebettet waren, von denen jedoch nur drei im Winter wasserhaltig sind und deren zweite Lemones-Pfanne genannt wurde. An den beiden letzteren fanden wir Bamangwato-Viehposten. Ich muß noch erwähnen, daß wir von Tati ab eine Matabele-Begleitung erhalten hatten, welche Z. nicht geringen Kummer und Sorgen einflößte. An der letzten Lache, Tschakani genannt, schlugen wir unser Nachtlager auf; hier erfuhren wir, daß Setschele die in seinem Lande wohnenden Bakhatla bekriege. Da wir kein Wild erlegen konnten und unsere von Tati mitgenommenen Lebensmittel zur Neige gegangen waren, wurde eines der Reserve-Zugthiere geschlachtet. Wir überschritten hierauf den Tawani und kamen in der Nacht bis an das Ufer des sandigen Mahalapsi-Flusses.

Am frühen Morgen hatten wir den östlichen Fuß der Bamangwato-Höhen erreicht und zogen nun nach Schoschong. Ein Theil des Trupps blieb zurück, da es hieß, daß in Schoschong das Gras durch die anhaltende Dürre förmlich abgebrannt sei und die Quellen des Schoschon so wenig Wasser lieferten, daß sie kaum den Bedarf der Bewohner deckten. Nachdem uns Z. verlassen, welcher aus Furcht vor Khama die Richtung nach dem Limpopo zu den Damara-Emigranten einschlug, zogen wir das Franz Josefsthal aufwärts und erreichten nach einigen Stunden Schoschong.


[16] Siehe Anhang 5.

[17] Siehe Anhang 6.

XV.
Rückreise nach den Diamantenfeldern.

Ankunft in Schoschong. — Khama läßt Z. verfolgen und verurtheilt ihn. — Aufregende Nachrichten aus der Colonie. — Aufbruch nach Süden. — Mochuri. — Der Krieg der Bakhatla’s gegen die Bakwena. — Ich erstehe zwei junge Löwen. — Ein Löwen-Abenteuer Van Viljoens. — Eberwald besucht mich. — Jouberts See. — Houmans Vley. — Ankunft in Kimberley.

Rückreise nach den Diamantenfeldern.

Von meinem guten Freunde Mackenzie auf das Herzlichste aufgenommen, mußte ich abermals sein Gast sein; um meine Erholung zu beschleunigen, lud er mich ein, so lange bei ihm zu verweilen, als er selbst noch in Schoschong verblieb. Seiner Gastfreundschaft, sowie der bei Herrn Jensen in Linokana genossenen danke ich zum größten Theile meine Genesung. Als ich wieder zum ersten Male ein Stück ordentlich zubereitetes Brod genießen konnte, kam ich mir wie ein mächtiger Herrscher vor, der jede seiner Launen zu befriedigen vermag.

Als ich am Tage meiner Ankunft mit Westbeech Khama besuchte, überraschte er den letzteren mit der Frage nach Z. Khama war davon genau unterrichtet, daß er mit uns gereist war und da half Westbeech keine Widerrede, er mußte gestehen, daß Z. Früh Morgens den Wagen verlassen habe. Am selben Nachmittage noch sandte der König bewaffnete Mannschaft aus, um Z. einzubringen, doch diese kehrten spät am Abend unverrichteter Dinge zurück, worauf der König Berittene aussandte, um die Gegend bis gegen den Khama-Salzsee durchforschen zu lassen.

Am Morgen des 22. kehrten sie mit dem Flüchtigen zurück, beim Durchstreifen des Bushveldts waren sie von dem Scheine eines kleinen Feuers angezogen worden, sie ließen ihre Pferde zurück und näherten sich so leise, daß Z. ohne von seinem Revolver Gebrauch machen zu können überwältigt wurde. Zum Könige gebracht, zeigte sich Z. über seine Gefangennehmung sehr aufgebracht. Der König aber hielt ihm sein Vergehen vor und verurtheilte ihn zu einer Geldbuße von 100 £ St. und als sich der Verurtheilte entschuldigte, daß er diese Summe nicht besäße, antwortete Khama, »ich weiß wohl, daß Du Dein Gespann sammt Wagen an W. verkauft hast, er muß für Dich bezahlen, da er noch das Geld schuldet.«

Die mitgekommenen Matabele brachten einen Brief La Bengula’s an Khama, welcher diesen einlud, gemeinschaftlich an den Präsidenten der Transvaal-Republik und Sir Henry Bartle, den Gouverneur der Cap-Colonie, die Bitte zu richten dem Vordringen der Damara-Emigranten Einhalt zu gebieten. Am 22. wurden zwei Händlergehilfen von dem Könige in öffentlicher Sitzung zu je 10 £ St. Strafe verurtheilt, weil sie vor ihren außerhalb der Stadt liegenden Gehöften in betrunkenem Zustande aufgefunden wurden. »Wenn Ihr Euch schon nicht enthalten könnt,« sagte Khama, »so thut es innerhalb Euerer Wohnungen oder Wägen, um nicht meinen Leuten ein böses Beispiel zu geben.«

Am 24. reisten meine Gefährten nach dem Süden ab, während ich mit Westbeech’s Wagen, den er vor der Hand nicht benöthigte, nachdem er das Elfenbein daraus entnommen, in Schoschong im Hause meines Freundes Mackenzie zurückblieb. Am 25. und 26. fühlte ich mich leidlich wohl und hielt im Hofraume Revue über meine Sammlungen, von welcher der von einem Jagdzuge am Limpopo zurückkehrende Kapitän G. ganz entzückt zu sein schien. Es freute mich, mit dem Könige bereits ohne Dolmetscher in der Setschuana plaudern zu können. In den Abendstunden verzeichnete ich meine Erlebnisse, während mir Rev. Mackenzie wieder Interessantes über die Gebräuche der Bamangwato’s mittheilte.

Koranna-Gehöfte bei Mamusa.

Am 4. kam der Elfenbeinhändler Shelten vom N’gami-See an und berichtete von der Gefangennahme des Damara-Emigrantenführers Van Zyl durch die Damara’s, sowie daß eine Horde der Makololo, die sich aus der früheren Niedermetzelung des Stammes gerettet und heimlich am Tschobe aufhielt, von den westlichen Bamangwato’s vernichtet worden sei. Da ich mich am 10. etwas wohler fühlte, bestieg ich das Plateau auf welchem der entscheidende Kampf zwischen Sekhomo und seinen Verbündeten, den Makalaka’s einerseits und Khama andererseits stattfand. Ich fand nur ein einziges der vorgefundenen Skelete der Makalaka’s für meine Sammlungen brauchbar.

Am 13. kam durch die eingebornen Postboten die Nachricht, daß in der Transvaal-Provinz zwischen den Boers und dem Eingebornen-Häuptling Sekokuni Krieg ausgebrochen sei. Von Khama aufgefordert, übernahm ich bis zum Ende meines Aufenthaltes in Schoschong die Behandlung der sich meldenden kranken Eingebornen, wobei mir die beiden Herrn Missionäre getreulich beistanden und auch die nöthigen Medicamente lieferten.[18] Am 15. sandte ich einen Bericht an Lord Derby, dem Minister für auswärtige Angelegenheiten Großbritanniens, über die Sklaverei im Marutse-Reiche. In den folgenden Tagen kamen häufige Nachrichten von den Grausamkeiten, welche von den beiden im Lande Seschele’s kriegführenden Theilen, den Bakwena’s und Bakhatla’s, ausgeübt worden waren. Anfangs waren die Bakwena’s, dann die Bakhatla’s zum Angriff übergegangen.

Am 24. wurde in Schoschong die Boguera an den Mädchen vorgenommen, wie Khama mir versicherte, zum letzten Male. In den ersten Tagen des Juni begann Freund Mackenzie Vorbereitungen zu seiner Uebersiedlung nach Kuruman, wohin er berufen worden war, um ein größeres Seminar zu gründen. So weit meine schwachen Kräfte hinreichten, suchte ich ihm bei seinen Arbeiten zu helfen. Doch die Krankenbesuche während der heißen Zeit verschlechterten meinen Zustand und ich sah mich gezwungen, Khama zu ersuchen, mir ein Pferd zur Verfügung zu stellen, was er auch that. Während dieses Aufenthaltes in Schoschong erfuhr ich, daß Matscheng und andere Betschuana-Häuptlinge am rechten Limpopo-Ufer wohnten, ohne die Oberhoheit der Transvaal-Republik anzuerkennen und der Limpopo deshalb nicht als Nordgrenze dieses Landes angesehen werden könne. Am 13. kam die Nachricht, daß die Bakhatla bei ihrem Angriffe auf Molopolole, die Hauptstadt der Bakwena’s, geschlagen worden waren. Im Kampfe hatten die Hinterlader der letzteren den Ausschlag gegeben.

Am 21. verließen wir Schoschong; unsere Karawane bestand aus sieben Wägen. Außer mir und Herrn Makenzie reisten auch Herr Hephrun und die beiden Missionäre Thompson und Helm aus dem Matabele-Lande mit, denn die Herren hatten in Molopolole eine Conferenz abzuhalten. An Khama’s Salzsee wurden wir noch durch einen Abschiedsbesuch des Königs Khama beehrt, er konnte nicht umhin, noch einmal meinem Freunde Mackenzie, dem Manne, dem er so viel zu verdanken hatte, die Hand zu drücken. Bei dieser Gelegenheit fand er mehrere Wägen eines Händlers vor, der durch sein Land nach dem Matabele-Lande ziehen wollte. Khama gestattete dies jedoch nicht und zwang den Mann zur Rückkehr nach dem Süden, weil derselbe ein Jahr zuvor gegen des Königs Willen im Lande Branntwein verkauft hatte.

Wegen Wassermangel war unser weiterer Zug bis an den Limpopo recht beschwerlich, statt ihn wie gewöhnlich zu kreuzen, umfuhren wir den Sirorume, um dem erwähnten tiefsandigen Wald an diesem Flusse auszuweichen. Kurze Zeit zuvor hatte im Flußthal ein Löwe in der Nacht das Pferd des Jägers Dracke getödtet, wobei einer der schwarzen Diener einen Ochsen für das Raubthier ansah und diesen auch glücklich erlegte. Abends am 23. kamen wir an der Notuany-Mündung an und blieben bis zum 26.; ich lernte hier auch den Afrikareisenden, Kapitän Grandy kennen, der nach dem Matabele-Lande reiste und später dem Fieber erlag.

Wir zogen nun das Limpopo-Thal aufwärts, die Geleise, welche nur einige Male, das letzte Mal wohl vor Jahren, befahren worden sein mochten, waren äußerst schlecht, theilweise tiefsandig, meistens felsig. Am 1. und 2. lagerten wir an einer jener Lachen, welche, wie schon erwähnt, am Ufer des Notuany gelegen, von Quellen sowohl wie von dem ausgetretenen Flusse gespeist werden und selbst dann noch wasserhaltig bleiben, nachdem der Fluß schon längst ausgetrocknet ist. Die angetroffene Lache war zwanzig Meter breit, hundertfünfzig lang und enthielt zahlreiche Fische. Da an einem der Wägen des Herrn Mackenzie ein Rad gebrochen war, begab sich Rev. Hephrun nach der nahen Stadt der westlichen Bakhatla, Mochuri, um von zwei daselbst wohnenden Händlern ein Rad zu entlehnen. Als wir am 3. Mochuri erreichten, hörten wir, daß die Bakhatla Tags zuvor von ihrem Kriegszuge gegen die Bakwena’s heimgekehrt waren. Sie hatten sich unbemerkt der Hauptstadt Molopolole genähert und nachdem sie sechzehn Makalahari-Hirten getödtet, sich der Heerden bemächtigt und alle Angriffe der Bakwena’s, die Heerden wieder zu gewinnen, zurückgeschlagen. Da erst erstand der König der Bakwena’s von den Händlern einige Hinterlader und mit Hilfe derselben war es endlich den Bakwena’s gelungen, so viele Bakhatla niederzuschießen, daß diese die geraubten Heerden aufgeben mußten. Von den gefallenen Bakhatla’s waren nur zehn todt, die übrigen verwundet, allein von den Verwundeten nur vier heimgekehrt, die übrigen waren nach Bakwena-Sitte, trotzdem sie einen christlichen König hatten (Seschele), niedergemetzelt worden. Die Bakhatla’s klagten, daß die Bakwena’s einige ihrer Viehposten überfallen, die Hirten getödtet und ihren Frauen Hände und Füße abgeschlagen hatten.

Die Stadt der Bakhatla’s schien mir die reinlichste Betschuana-Stadt, die ich bisher besucht hatte. Der Stamm der Bakhatla’s war früher im Transvaal-Gebiete ansässig, verließ jedoch das Land nach der Besitznahme desselben durch die Boers zum großen Theile und siedelte sich nun unter zwei Häuptlingen als östliche und westliche Bakhatla im Lande Seschele’s an. Dieser forderte nun von ihnen wie von den Makhosi und den Batloka Tribut, den sie verweigerten. Mochuri breitet sich an einer Sattelhöhe aus, der Ort ist von einem hohen Dornzaune umgeben, die Gehöfte sind äußerst rein gehalten und gut cementirt. Bis zum Jahre 1876 waren die Bakhatla unter den centralen Betschuana’s der einzige Stamm, welcher sich mit Tabakbau beschäftigte und dessen Erträgnisse in den Handel brachte. Eine ihrer Hauptbeschäftigungen außer dem Ackerbau ist die Gerberei und Bearbeitung des Leders zu verschiedenen Artikeln. Die Mehrzahl des Stammes spricht holländisch.

Ich erstand hier von den Häuptlingen durch Vermittlung Rev. Mackenzie’s zwei junge Löwen und verließ hierauf Mochuri, um weiter nach dem Süden, gegen Tschuni-Tschuni, zu ziehen, während sich meine Freunde, die Missionäre, nach Molopolole wandten. Ich schied schweren Herzens von ihnen, denn beide waren mir stets wahre Freunde gewesen. Von Mochuri gelangt man nach einer zwölfstündigen Fahrt nach Molopolole (etwa dreißig englische Meilen). Nachdem ich das bewaldete Thal des Notuany verlassen, durchfuhr ich in südöstlicher Richtung eine große Ebene, welche in Folge ihres Salzgrundes nur spärlich mit Gras bewachsen war. Am 4. meine Reise fortsetzend, langte ich Nachmittags in Tschuni-Tschuni an. Hier herrschte solche Trockenheit, daß man über dreißig Fuß tiefe Löcher im Felsengrunde der Spruits graben mußte, um auf Wasser zu stoßen. Ich hielt mich deshalb nicht lange auf und zog weiter. Während einer Rast am nördlichen Abhange der Dwarsberge entsprangen mir meine jungen Löwen. Es währte mehr als zwei Stunden, bis ich und meine Diener, zerkratzt und mit zerbissenen Händen die Thiere eingefangen hatten.

Am 6. erreichte ich das dem Leser schon bekannte Brackfontein und schlug von hier statt der südwestlichen über Buysport eine südliche Richtung ein um nach Linokana zu gelangen, wobei ich auf die Farm Leuvfontein zusteuernd, das Bushveldt von Norden nach Süden durchzog. Auf diesem Marsche bemerkte ich, daß das Morupa-Flüßchen von Buysport sich in einigen seichten Einsenkungen verlor und nur nach sehr heftigen Regengüssen über die Grasflächen strömend den großen Marico erreicht. In diesem Thale nahe an der Farm Leuvfontein am Nordabhange des östlichen Höhenzuges, über welche der Buysport-Paß führt, trug sich vor einigen Jahren ein Löwenabenteuer zu, welches ich noch wegen seiner Originalität und weil es dem schon mehrmals erwähnten Van Viljoen, einem der berühmtesten Löwenjäger zustieß, im Folgenden wiedergeben will.

Im Jahre 1858 unternahm Mynheer Jan van Viljoen mit seinem ältesten Sohne und einem Holländer mit Namen Engelbrecht eine Reise in das Bushveldt. Man hatte die Stelle, an der gegenwärtig Leuvfontein liegt, verlassen, und war eben daran, das untere Morupa-Thal zu kreuzen. Die drei Jäger ritten voraus, denn die Wägen bewegten sich äußerst langsam vorwärts. Eine unmittelbar vor ihnen den Weg kreuzende Pallahheerde verleitete Viljoen sein Jagdglück zu erproben und so verließ er seine Gefährten und wandte sich rechts in die Büsche. Sich auf hundertfünfzig Schritte den Thieren behutsam nähernd, ersieht der Jäger eine gute Gelegenheit, einen tüchtigen Pallahbock aufs Korn zu nehmen; während er eben anlegt, scheint es ihm, als ob er von links her einen auftauchenden Schatten wahrnehmen würde. In dem Momente als er sich umsieht, fühlt er sich von einem Löwen erfaßt und sein Gesicht in des Löwen Rachen. Tiefe Narben im Gesichte zeugen noch heute für das starke Gebiß des Räubers. Er war durch den Sprung des mächtigen Raubthieres vom Pferde herabgerissen worden, allein kaum lag er auf dem Boden, als ihn der Löwe losließ und bald den vor sich daliegenden und ihn anstierenden Menschen, bald das ruhig stehende und an die vierfüßigen Räuber ziemlich gewöhnte Pferd betrachtete. In Folge des Falles Viljoen’s, war der Sattelgurt gerissen und der Sattel hing nun an den Hinterfüßen des Pferdes, das vom gestürzten Reiter etwa vier Meter entfernt war. Nachdem sich der Löwe eine Zeit lang Roß und Reiter betrachtet, schnappte er plötzlich nach der Brust desselben, um ihn davonzutragen, doch Viljoen war eben so rasch und versuchte mir seinem rechten Arme die Brust zu decken, während er mit seiner linken Hand den Löwen an seinem linken Ohre festhielt. Das Raubthier erfaßte nun mit seiner unteren Kinnlade den Arm, mit der oberen die Brust. In diesem für Viljoen so verhängnisvollen Momente wurde das Pferd sein Lebensretter. Den Sattel an seinen Hinterfüßen als unnütze Last fühlend, schlug dasselbe aus, so daß der Sattel aufflog und die Bügel klingend aneinanderschlugen. Da läßt der Löwe den Jäger fahren und stiert das Pferd an, das nun zum zweiten Male ausschlägt, wodurch der Schwanzriemen reißt und der Sattel gegen den Löwen und Jäger herabkollert. Dies schien selbst dem verwegenen Räuber zu viel. Mit einigen Sätzen sprang er zur Seite und stellte sich etwa zehn Meter weit beobachtend auf. Viljoen erhebt sich sofort und ergreift sein nebenan liegendes Gewehr. Doch beim Anlegen fühlt er einen heftigen Schmerz im Munde. Der Jäger denkt, der Löwe hätte seine Kinnlade zerbissen, und da er fürchtet, daß ihm in diesem Zustande das Abfeuern des geladenen Vierpfünders eine nicht geringere Verwundung als des Löwen Biß eintragen würde, entschloß er sich, nur im äußersten Nothfalle davon Gebrauch zu machen. Von einer nahen Höhe herabkommende Baharutse, welche die gefährliche Situation leicht begriffen, zwangen indessen den Löwen durch lautes Geschrei zur Flucht. Verwundert sahen Viljoen’s Gefährten diesen über und über mit Blut besudelt sich ihnen nähern.

Sechsundzwanzig Tage lang lag der Jäger in Folge seiner Brust- und Armwunden darnieder, bevor er sein Lager verlassen konnte. In derselben Nacht tödtete der Löwe einen von Moilo’s Hirten, der in einem nahen Gehölze wohnte. In Folge der letzteren Unthat wurde er am folgenden Morgen von einem großen Haufen der Baharutse verfolgt, aufgesucht und erschossen. Es war ein ausgewachsener Krachmanetje.

Am 8. erreichte ich Linokana und wurde hier von Herrn Jensen auf das Freundlichste angenommen. Viel Freude bereitete mir der Besuch meines werten Freundes Eberwald, der meinethalben von den fernen Leydenburger Goldfeldern hierhergekommen war, um mich zu begrüßen. Während meines Aufenthaltes in Moilo, wo er Herrn Jensens freundliche Aufnahme mit der Pflege, die er dessen Gärten angedeihen ließ, entgalt, war er mir sehr behilflich, und reiste auch später mit mir nach dem Süden. Der Häuptling Moilo war gestorben und sein Neffe Kopani von Moschaneng, der der Transvaal-Regierung unterstehende Häuptling der Baharutse, Chef von Moilo geworden. Den Tag nach meiner Ankunft, als eben ein geräumiger Käfig für mein Löwenpärchen fertigstellt war, verendete die Löwin.

Im Osten der Republik wüthete der Kampf, wobei sich die Weißen im Nachtheile befanden. Allenthalben im Marico-District wie in der ganzen Republik wurden Leute, Vieh und Wägen conscribirt, wogegen die Ackerbauer sehr murrten.

Am 5. August langte Herr Mackenzie auf seinem Marsche nach Kuruman hier an, auch Herr Williams kam von Molopolole, um mich wegen seiner Gesundheit zu consultiren. Am 6. entlohnte ich meine vier Zambesi-Diener To, Narri, Burilli und Tschukuru, damit sie nach dem Zambesi zurückkehren konnten und um mich ihrer Hilfe auch auf dem nächsten Zuge zu versichern, gab ich mehr als ihnen gebührte. Durch Herrn Wehrmann, einen unter den östlichen Bakhatla’s wohnenden Missionär, erfuhr ich, daß ihre Stadt zwei Stunden westlich vom großen Marico am nördlichen Abhange gelegen, Melorane, und der Häuptling der westlichen Bakhatla’s Linsch heiße und ein Sohn Khamanani’s sei. Bevor noch meine Diener nach dem Norden abgingen, benützte ich meine geringe Kenntniß der Senansa und der Sesuto-Serotse-Sprache, um einiges über die Setonga (zwei meiner Diener waren Matonga’s) zu erfahren.

Um mir zur Rückreise nach den Diamantenfeldern einiges Geld zu erwerben, übernahm ich die Behandlung von Kranken. Unter meinen Patienten befand sich auch ein Händler K., der durch Westbeech’s eminente Rosselenkerkunst aus dem Wagen geworfen worden war und sich arg beschädigt hatte. Auch der holländische, allgemein beliebte Prediger de Vries befand sich unter meinen Kranken, dessen Heilung mir unter der holländischen Bevölkerung des Districtes viele Freunde erwarb. Am 19. September erhielt ich von Lord Derby eine freundliche Antwort auf den ihm von Schoschong aus gesendeten Bericht über die Sklaverei im Marutse-Reiche. Am 24. verließ ich Linokana, schlug von hier nach Mamusa den kürzesten Weg ein und berührte Ooisthuizens erzreiche Farm sowie den südlichen Theil der westlichen Grenze des Marico-Districtes; der Weg auf dieser Strecke bereitete uns ob seiner felsigen Beschaffenheit ungemeine Schwierigkeiten.