[194] S. abgehen.
[195] Als Zus. mit schmol(l)en = lachen (kichern) findet sich noch ausschmol(l)en = auslachen. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schöll 272 (schmollen = scherzen); Pfulld. J.-W.-B. 342 u. Schwäb. Händlerspr. 483 (= lachen). Zur Etymologie: Da wir heute unter schmollen meist soviel wie „mit mürrischem Stillschweigen unfreundlich sein“ verstehen (s. Weigand, W.-B. II, Sp. 751), erscheint die in den Geheimsprachen begegnende — fast entgegengesetzte — Bedeutung zunächst auffällig; jedoch handelt es sich hier nicht etwa um eine sog. Enantiosemie, d. h. Umkehrung des Sinnes in das Gegenteil (s. Behaghel in d. Z. des Allg. Deutsch. Sprachv., Jahrg. 1905, Sp. 158 gegen Günther, Rotwelsch, S. 21, Anm. 14), vielmehr hat schmollen (mhd. smollen) anfangs nur die gleichsam „neutrale“ Bedeutg. „das Gesicht verziehen“ gehabt, aus der sich dann sowohl der Begriff „das Gesicht zum Lächeln verziehen“ od. „lächeln“ (so z. B. noch bei Schiller u. Uhland) entwickeln konnte (vgl. d. engl. to smile) als auch der uns jetzt geläufige des mürrischen Stillschweigens. Vgl. (außer Weigand, a. a. O.) noch v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 472 u. Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1105/6, Nr. 1.
[196] Das Adj. g’want hat in Wittichs W.-B. noch folgende Bedeutungen: anständig, artig, behend, brauchbar, fein, flink, geschickt, geschmeidig, gewandt, nützlich, tauglich, tüchtig; dazu die Verneinung nobis g’want = nichtsnutzig. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 257, 258 (e Gwandter = „ein Handfester“ u. der gwandtste = der Beste); Schwäb. Händlerspr. 481 (gwant = gut [in Pfedelb. (210, 212): quant = geschickt, gut, schön; ebendas. (212) Quantheit = Schönheit, in Eningen (206, Anm. 1): Gwanderpenk = Schultheiß]); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435, 436 (gwant = gut, schön, gwanter Jôle od. Plempel = Wein) u. Metzer Jenisch 216 (gewandt = gut). Über die sonstigen Belege im Rotw. (s. z. B. schon Ndd. Lib. Vaget [77: quant = „vel eft grot“) u. den Geheimspr. sowie über die Etymologie s. Weber-Günther, S. 172 (unter „gewahnd“). Der Ableitung des Wortes vom latein. quantum (s. A.-L. IV, S. 70; Günther, Rotwelsch S. 34; Stumme, S. 22, 23) steht gegenüber die Auffassung, die darin nichts anderes als unser deutsches „gewandt“ erblickt. So u. a. auch Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 607, der jedoch ausdrückl. bemerkt, daß in Schwaben das Wort (das z. B. auch die Tübinger Studenten gebrauchen) aus der Schriftsprache aufgenommen sein müßte, da das Partiz. zu „wenden“ schwäb. g(e)wend(e)t heißt.
[197] S. anfassen.
[198] Das Zeitw. dibere(n) (-ra) = reden, sprechen (erzählen, plaudern, auch spezieller antworten, beantworten) kommt noch vor in den Zus.: nachdiberen = nachsagen, verdiberen = verraten (dazu das subst. Partiz. Verdibert = Verrat) u. vordiberen = vorsagen sowie in d. Verbdgn. dof diberen = loben (vgl. oben S. 111, Anm. 188) u. nobis diberen = stumm sein (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Dazu die Ableitungen: Diberer = Plauderer, Sprecher, Verdiberer = Verräter, Diberei = Erzählung, Gerede, Gespräch, Geschwätz, dann auch spezieller Untersuchung od. Verhör u. das Adj. diberich = gesprächig. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. d. Gaunerspr. 49 97, 99 (tiebern od. madiebern = reden, schwatzen, Madiberei = „Jaunersprache“); Pfulld. J.-W.-B. 337, 340, 343-45 (diberen = aussagen, sprechen, schwatzen, gedibert = abgeredet, Dib(l)erei = Sprache, Geständnis); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 70, 74, 75 diberen = reden, sprechen, Gediwer = Geschwätz); Schwäb. Händlerspr. 486 (diberen = sprechen, in Pfedelb. [210]: Gediewer = Geschwätz); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (debere[n] = schimpfen) u. Pfälz. Händlerspr. 437 (dîbere = sprechen). Über weitere Belege im Rotw. sowie die Etymologie (vom hebr. dibbêr = „reden, sprechen“, Partiz. mĕdabbêr) s. Näh. bes. bei Weber-Günther, S. 162 (unter „dewern“); vgl. auch Wagner bei Herrig, S. 236; Günther, Rotwelsch, S. 27; Seiler, Lehnwort IV, S. 489/90; Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 186.
[199] Das Zeitw. schmusen hat im wes. dieselben Bedeutgn. wie diberen. Von Zus. damit finden sich: aufschmusen = aufsagen, ausschmusen = aussagen, aussprechen, nachschmusen = nachsprechen u. vorschmusen = vorsagen, von Verbindungen: dof schmusen u. nobis schmusen in gleichem Sinne wie dof u. nobis diberen (s. oben Anm. 198) sowie Bremser schmusen = „auslassen“ (d. h. furzen). Ableitungen sind: Schmuser = Plauderer, Schwätzer, Sprecher (vgl. Schmuserfläderling = Papagei [s. oben S. 100, Anm. 165]) u. Schmuserei = Diberei sowie das Adj. schmusich = gesprächig (vgl. dazu Schmusichergiel = Plappermaul). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 97 (schmusen = reden); W.-B. des Konst. Hans 256 (= sagen; vgl. 258: auf Jenisch schmusen); Schöll 272 (= sagen; vgl. 273: Schmusereyen [ohne Übers.]); Pfulld. J.-W.-B. 337, 340, 344-46 (schmusen od. schmußen = aussagen, schwatzen, sprechen, verraten, verschmusen = ausplaudern, abgeschmust = abgeredet, abgeurteilt, Schmuserei = Geständnis); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 74 (schmußen = reden, sprechen; vgl. [68] Glattschmuser = Denunziant); Schwäb. Händlerspr. 486 (schmusen = sprechen, [in Pfedelb. (208): aussagen; vgl. ebendas. (214) zuschmusen = zutragen]). Zu vgl. auch noch Schwäb. Falschmünzerprozeß 1791/92 (261, 263: anschmusen = anreden), ferner Pfälz. Händlerspr. 438 (schmûsen = sprechen) u. Winterfeld. Hausiererspr. 442 (doufe schmusen für a) „beichten“ u. b) „sich verbürgen“). Noch weitere Belege bei Schütze, S. 90. Zur Etymologie (vom hebr. schĕmû’ôth [jüd. schemûoß ausgespr.] = „Erzählungen“, plur. von schĕmû’â = „Nachricht [Geschichte], Gerücht, Gerede“) s. Stumme, S. 14 u. 21 vbd. mit Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1135, Weigand, W.-B. II, Sp. 755 (unter „Schmus“) u. Seiler, Lehnwort IV, S. 494.
[200] Das Zeitw. linzen (od. lenzen) = bedeutet a) blicken, schauen, sehen (auch: beobachten, besehen, besichtigen, betrachten, ersehen, gaffen, gucken, spähen; ferner aber auch b) fragen (erfragen). Zu der Bedeutg. unter a) gehören (außer anlinzen) noch die Zus. auflinzen = aufsehen, auslenzen = aussehen, herablinzen = herabschauen, herumlinzen = herumblicken, nachlinzen = nachsehen, niederlinzen = niederblicken, überlinzen = übersehen, umlinzen = umblicken, -schauen, weglinzen = wegsehen, zulinzen = zuschauen, zurücklinzen = zurücksehen; zu der unter b): auslinzen = (aus)forschen. Ableitgn.: Linzer = Spiegel, Linzere (fem.) = Brille (Zus.: Stradelinzer = Wegweiser) u. (mit dem Stamme des Zeitw.: linz-): Linzgrifling = Zeigefinger. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 100 (Verlenz = Verhör); W.-B. des Konst. Hans 257, 259 (ebenso, ferner lenzen = sehen, anlenzen = ansehen); Schöll 273 (Verlenz = Verhör); Pfulld. J.-W.-B. 343-345 (linzen = schauen, sehen, verlenzen = verhören, Verlinz = Verhör); Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [215]: lensen = sehen). Zur Etymologie des Wortes (das deutsch. Ursprungs ist) s. d. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 60, 61 unter „Linser“ (ebds. Anm. 4 noch weitere rotw. Belege); vgl. auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1258 (unter linzen) vbd. mit Sp. 1175 (unter „lenzen“).
[201] S. abschließen.
[202] S. abbiegen.
[203] S. angenehm.
[204] S. anmutig.
[205] S. anreden.
[206] S. ansagen.
[207] Zu bleisgeren = bezahlen, zahlen (auch als Hauptw.: Bleisgeren = Steuern) s. noch die Zus. ausbleisgeren = auszahlen. In dem verw. Quellenkr. (u. wohl auch sonst im Rotw.) anscheinend unbekannt. Etymologie: aus der Zigeunerspr. (s. „Einltg.“, S. 29). Vgl. Näh. bei Liebich, S. 152 u. 185 (pleisserwāwa = „ich bezahle, vergelte“); Miklosich, Denkschriften, Bd. 27, S. 46, 47 (unter „pleisker“: bei d. deutsch. Zig. pleisservāva = „bezahlen“, vgl. slaw. plati-ti); Finck, S. 78 (plaiserw - [plaiserd -]= „bezahlen, ersetzen, lohnen, vergelten“).
[208] S. abzahlen.
[209] S. ankleiden.
[210] S. abbrennen; vgl. auch anbrennen.
[211] Mit Bommerling sind gebildet die Zus. Bommerlingstöber, -kies, -brandling, -jo(h)le = Apfelbaum, -kern, -kuchen, -wein sowie (ans Ende gesetzt) Scheinlingbommerling = Augapfel. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89 (Bommerlen = Apfel); W.-B. des Konst. Hans 254 (Bommerling); Schöll 271 (Pommerling); Pfulld. J.-W.-B. 337 (ebenso, Bedtg.: = Äpfel; vgl. Pommerlingsteberling = Apfelbaum); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 66 (Bommerling, Nebenbdtg. [71]: Kartoffel); Schwäb. Händlerspr. 479, 484 (Bommerling = Apfel, Obst); dieselbe Form hat auch die Pfälz. Händlerspr. 437 (für Apfel); vgl. noch Metzer Jenisch 216 (Bomeche). Auch sonst im Rotw. seit Anf. des 18. Jahrh. bekannt. Zur Etymologie (vom französ. pomme) s. Pott II, S. 36; A.-L. 585, Günther, Rotwelsch, S. 38; Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1283.
[212] Stöber = Baum (Dimin. Stöberle = Bäumchen) wird auch als Bezeichnung einzelner Baumarten gebraucht, für die keine besonderen jenischen Ausdrücke vorhanden sind (vgl. d. W.-B. unter „Birke“), so für Birke, Buche, Eiche und Fichte. Dagegen sind für andere Bäume (bzw. baumartige Gewächse) besondere Zusammensetzgn. mit Stöber gebildet worden, so (außer Bommerlingstöber) noch: Stielingstöber = Birnbaum, Scharriselestöber = Kirschbaum, Staubertsäftlingstöber = Mehlbeerbaum, Krächer(le)stöber = Nußbaum, Blaulingstöber = Pflaumenbaum, Jahre- oder Kracherstöber = Tanne (vgl. oben S. 108, Anm. 179, lit. a u. b), Kupferstöber (eigtl. etwa „Grasbaum“) = Weidenbaum, Jo(h)lestöber = Weinstock, Blauhanzestöber = Zwetschgenbaum. Andere Zus. mit Stöber (am Anfang stehend) sind noch: Stöberspraus = Baumholz oder Stamm (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.), Stöberschmaler = „Baumkatze“, d. h. Eichhörnchen (s. betr. Übereinstimmg. m. d. Zigeunerspr. schon. „Vorbemerkung“, S. 18 sowie noch unter „Baumkatze“), Stöbersschure oder -sore = Obst. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schöll 271 (Steber = Baum); Pfulld. J.-W.-B. 338 (Stöberling, vgl. [337] Pommerlingsteberling = Apfelbaum); in der schwäb. Händlerspr. (479, 487) ist dagegen nur Stemmerling = Baum, Stock bekannt. Die Etymologie des (auch sonst noch im Rotw. [bes. in d. Form Steber] vorkommenden) Wortes ist unsicher; vielleicht gehört es zu unserem „Stab“ od. damit stammverw. Ausdr. in andern Sprachen (vgl. bei Weigand, W.-B. II, Sp. 940 unter „Stab“: lit. stabarai = „trockene Baumäste“). Miklosich, Beitr. III, S. 19 (unter „Steber“) hat zunächst slaw. Ursprung (vgl. neusl. steber = „Säule“ u. bes. serb. stabar = „Stamm“) vermutet.
[213] Kies, eigentl. a) = Stein (Gestein), bes. auch Kieselstein, dann auch b) = Kern, kommt in beiden Bedeutgn. in zahlreichen Verbindgn. u. Zusammensetzgn. vor, so in der Bdtg. unter a: in den Verbdgn. dofer Kies = Diamant, Edelstein u. grandicher Kies = Felsen (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165) od. Quaderstein sowie in den folgenden Zus.: α) mit K. vorne: Kieslobe = Pflastergeld (eigtl. „Steingeld“) u. Kiesguffer = Steinhauer, Steinmetz; β) mit K. am Ende: Kittlekies = Backstein od. Dachziegel, Funkkies = Feuerstein, Begerkies = Grab-, Leichenstein, Flu(h)tekies (eigtl. „Wasserstein“) = Insel (vgl. schon oben S. 36, Anm. 126); Stradekies = Kilometer-, Meilenstein; ferner in der Bedtg. unter b: (außer Bommerlingkies) noch: Stieling-, Scharrisele-, Kräckerle-, Blauling- u. Blauhanzekies = Birnen-, Kirschen-, Nuß-, Pflaumen- u. Zwetschgenkern. — Eine Ableitg. von Kies = Stein ist das Adj. kiesich = steinig. Zu trennen ist der Etymologie nach: Kies = Geld, worüber das Näh. unter „Bank“. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 344 (Kißel = Stein); Schwäb. Händlerspr. 487 (Kûß od. Kisel [in Lütz. (215): Khis] = Stein; vgl. auch [484]: Kîseler [in Pfedelb. (218): Kieseler], Kî(e)slerspink- od. Kî(e)slerfisl = Maurer). Etymologie: wohl jedenfalls zu unserem gemeinsprachl. „Kies“ bzw. „Kiesel“ (mhd. kis, kisel); vgl. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 9 (unter „Kîseler“), auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 420 (unter „Kis“, Nr. 4, c), 422 (unter „Kisel“, Nr. 3) u. 872 (unter „Kus“).
[214] Brandling (-leng) = Kuchen erscheint noch in d. folgenden Zus. a) am Anfang stehend: Brandlingschei (= eigtl. „Kuchentag“) = Kirchweihe u. Brandlingweisleng (eigtl. „Kuchensonntag“) = Kirchweihsonntag; b) ans Ende gesetzt: (außer Bommerlingbr. noch): Bäzemebrandling = Eierkuchen, Niesichescheibrandling = Fastnachtskuchen, Krachersäftlingbr. = Heidelbeerkuchen, Girall- od. Räslingbr. = Käsekuchen, Scharriselebr. = Kirschkuchen, Süßlingbr. = Lebkuchen, Blauhanzebr. = Zwetschenkuchen, Sorebrandling = Zwiebelkuchen. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 342 (Brandling = Küchlein); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 73 (Form ebenso, Bedtg.: Pfannkuchen); Schwäb. Händlerspr. 483 (Bedtg.: Kuchen, in Pfedelb. [212] = Pfannkuchen). Vielleicht ist auch statt Bundling = Kuchen im Dolm. der Gaunerspr. 35 zu lesen: Brandling. Etymologie: Das Wort, das sonst im Rotwelsch, wenigstens in der Form Brändling (od. Brendling), für „Kaffee“ (s. z. B. auch schon Dolm. der Gaunerspr. 94 [Brendling]) oder „Schnaps“ (vgl. A.-L. 526) u. dergl. m. (s. z. B. schon Körners Zus. zur Rotw.-Gramm. v. 1755 [209: Brandling = „Kofent“]) vorkommt, gehört wohl zu unserem Zeitw. brennen.
[215] Jo(h)le = Wein (Rebensaft) kommt noch vor in der Verbdg. gesicherter Jo(h)le = Glühwein, Punsch, und in den folgenden Zusammensetzgn.: Jo(h)lesore = Weinfaß, Jo(h)leglansert = Weinglas od. -flasche, Jo(h)lekitt, -spraus, -schnall, -stöber = Weinhaus, -rebe, -suppe, -stock. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans (G’finkelterjole = Branntwein [vgl. dazu oben „Einltg.“, S. 28]); Pfulld. J.-W.-B. 346 (Jole = Wein); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 77 (ebenso); Schwäb. Händlerspr. 488 (Jole od. Jôli [in Pfedelb. (214): Jole od. Säftlingsjole] = Wein; vgl. 484]: Stielingsjôle [eigtl. „Birnenwein“] = Most); vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (Jôle od. gwanter Jôle = Wein) u. Metzer Jenisch 217 (Jole = Wein). Die Form Joli hat schon das Basl. Glossar v. 1733 (202). Die Etymologie ist unsicher; nach Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 103/4 (unter „Jole“, Nr. 1) handelt es sich vielleicht um eine der zahlreichen rotw. Verunstaltungen des hebr. jajin = Wein (s. darüber Näh. bei Weber-Günther, S. 156; vgl. auch A.-L. 550 u. Günther, Rotwelsch, S. 81).
[216] Zu Bog(g)elo (od. Bogalo) = Hunger (Appetit) vgl. noch die Verbdg. grandich Bogelo = Heißhunger u. die Ableitung bogelich, das aber im W.-B. nur durch „gierig“ od. „knickerig“ (nicht durch „hungrig“) wiedergegeben ist. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.) nur: Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [215]: Boggelo = Hunger). Etymologie: aus der Zigeunerspr. (s. „Einleitg.“, S. 29); vgl. A.-L. 526 (unter „Bock“ [wo auch bokelo (-kalo) = hungrig, Bokillo = Geiz u. bockelig = geizig od. hungrig als gaunersprachl. angeführt ist]) u. Günther, Rotwelsch, S. 31 vbd. mit Pott II, S. 396 (unter „Bokh“), Liebich, S. 129, 201, 206, 211 (bōk = Hunger, Geiz, Habgier, bōkĕlo [od. -ŏlo] = hungrig, geizig, habgierig), Miklosich, Beitr. I/II, S. 20, 25 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 180/81 (unter „bokh“: bei den deutsch. Zig.: bōk = Hunger), Jühling, S. 220 (Bok = Hunger), Finck, S. 52 (bok = Hunger, Geiz u. bok’elo = hungrig, geizig). Über d. Ursprung aus dem Altind. s. Pott u. Miklosich, a. a. O.
[217] Mit Put(t)lak = Hunger (Appetit, auch Gier) ist gebildet die Verbdg. grandich P. (= gr. Bogelo), also = Heißhunger. Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 340 (Buttlak = Hunger); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 69 (puttlachen = essen). — In der Form Buttlack (nebst d. Adj. buttlakig = hungrig) tritt die Vokabel auch sonst im Rotw. des 19. Jahrh. auf (vgl. z. B. Pfister 1812 [296] u. bei Christensen 1814 [318]; v. Grolman, Aktenmäß. Gesch. 1813 [313] u. W.-B. 12 u. T.-G. 103; Karmayer 24). Etymologie: Der erste Bestandteil des Wortes gehört wohl ohne Zweifel zu butten = essen (worüber das Näh. schon oben S. 38, Anm. 130 unter „Abendessen“). Einige Schwierigkeiten macht dagegen die Endung -lak. Vielleicht dürfte sie in Beziehung gesetzt werden zu dem rotw. bezw. geheimspr. Adj. la(c)k = schlecht, böse, schlimm u. dgl. (s. z. B. aus dem verw. Quellenkr.: Dolm. der Gaunerspr. 100 [lack = übel]; Pfullend. J.-W.-B. 337, 338, 344 [lak = abgemattet, bös, schlimm]; Schwäb. Händlerspr. 480, 486 [lack = dumm, schlecht (in Pfedelb. [209] auch bös, vgl. ebds. lacke Schix = Dirne)]; mit flekt. Endung [laker = liederlich,falsch], bei Schöll 272, womit zu vgl. locker = falsch, schlecht bei Pfister bei Christensen 1814 [325], zu welcher Form dann wieder noch lock = klein, schlecht, arm usw. in dem [freilich nicht mehr verwandten] Hennese Flick von Breyell [456] paßt). Danach wäre dann Put(t)lak od. Buttla(c)k zu deuten etwa als Umschreibung für „(mit dem) Essen (steht es) schlecht“ oder als reine Negation „Essen — nicht“. Fraglich bleibt übrigens auch noch die Herkunft des Adj. la(c)k. Während z. B. Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 910 ff. das zigeun. láko = „leicht, gering“ (Finck, S. 69) herangezogen hat, ist darin vermutl. eher eine mundartl. Nebenform zu lau = „nicht frisch, matt, abgestanden, ohne Salz, ungewürzt“ u. dgl. (vgl. Schmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1432; Grimm, D. W.-B. VI, Sp. 34 vbd. m. Sp. 285/86) zu erblicken (nach gefl. Mitteilungen von Dr. A. Landau).
[218] Ruf = Hunger (Appetit) ist m. Wiss. in dem speziell verw. Quellenkr. nicht bekannt, dagegen die Form Roof u. ähnl. (sowie d. Adj. roofig = hungrig) sonst hier u. da im Rotw. usw. anzutreffen (vgl. z. B. Christensen 1814 [318 u. 324]; v. Grolman 57 u. T.-G. 1 B.; Karmayer G.-D. 215; Thiele 297; A.-L. 592 u. Groß 487 [hier Roëw, Roow u. Raiwon]; Rabben 112; Ostwald 123; in der Pfälz. Händlerspr. [438]: Rôch od. Rauch). Zur Etymologie (vom hebr. râ ’âb = „Hunger“ s. A.-L. 592 u. 457 unter „Roëw“).
[219] Schnurrand od. (besser) Schnurrant hat auch noch die (etwas allgemeinere) Bedeutgn. „Gaukler“ od. „Komödiant“ (Schauspieler). S. dazu die Zus. a) mit Sch. voran: Schnurrantekitt = Komödien-, Schauspielhaus, Schnurrantekritzler = Komödienzettel, Programm; b) mit Sch. am Ende: Randeschnurrant = Taschenspieler. In dem verw. Quellenkr. m. Wiss. unbekannt, dagegen hat d. Kundenspr. II (423): Schnurrant = Bettler. Zur Etymologie s. A.-L. IV, Sp. 293: „Nach dem mhd. snarrence ist Schnurrant der umherziehende Bettelmusikant, wahrscheinlich vom schnarrenden Laute seiner Leier so genannt“. Es handelt sich (nach Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1413) bei dem mundartlich, besonders auch in Schwaben, verbreiteten Ausdruck (s. v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 475), der aber auch noch der Schriftsprache unserer klassischen Literatur (z. B. bei Goethe) — für einen „Possenreißer“ — geläufig gewesen, um eine Ableitung von dem latinisierten Zeitwort schnurrare, gleichbed. mit schnurren (od. schnorren), d. h. eigtl. „(mit der Schnurrpfeife [u. dgl.]) als Bettelmusikant umherziehen“, dann „betteln“ überhaupt (vgl. Grimm, a. a. O., Sp. 1420, Nr. 8), wofür es insbes. bekanntl. auch im Rotwelsch usw. verbreitet erscheint (vgl. A.-L. 293 u. 602 sowie [aus dem verw. Quellenkr.]: Dolm. der Gaunerspr. 90 [schorren (sic) = betteln]; W.-B. des Konst. Hans 255 [Schnurrer = Bettelleute]; Schöll 273 [Form ebenso]; Pfulld. J.-W.-B. 336 bis 338 [schnurren = (ab)betteln, ausschnurren = ausbetteln, Schnurrer = Bettler]; Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67, 68 [schnurren (gehen) = betteln (gehen), auf die Schnurre = auf den Bettel]); Schwäb. Händlerspr. 479 [schnurren]). In Wittichs W.-B. ist es aber nicht angeführt.
[220] S. abschaffen.
[221] Betr. Kitt s. Abort.
[222] Betr. Bich s. Almosen.
[223] Das Adj. lenk (mundartl. = link [so bei Wittich nur in d. Spr. u. vereinzelt in einer Zus.] = arg (Grundbed.: falsch) umfaßt (ähnlich wie sein Gegenstück dof od. duft) noch eine große Zahl mehr od. weniger ähnlicher Begriffe, nämlich: bösartig, böse (vgl. dazu d. Komparat.: lenker = böser), böswillig, buhlerisch, eifersüchtig, elend, erzürnt, frech, garstig, gefährlich, gehässig, gefühllos, gemütlos, gewalttätig, gottlos, grausam, grimmig, grob, hartherzig, haßartig, heftig, nichtswürdig, ruchlos, streng, tückisch, unverschämt, wüst; als Subst. gebr.: = Gefahr od. Schmach. Dazu die Verbdg. lenker Kritzler (eigtl. „böser Brief“) = Steckbrief (s. d. betr. Analogie im Zigeuner., vgl. auch „Vorbemerkung“, S. 18, Anm. 47) u. d. Zus. Linkfi(e)sel = böser Mann (Syn.: lenker Kaffer). Zu vgl. (aus d. verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92, 97 (link = falsch, linke Fleppe = falscher Paß); Pfulld. J.-W.-B. 339 (link = falsch); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 74 (link = falsch, schlecht, Linkmichel = falscher Mensch, linker Schenagel = nicht passende Arbeit); Schwäb. Händlerspr. 486 (lenk = schlecht [in Pfedelb. (209): auch = bös, falsch]; in Degg. [215]: Linkmichel = schlechter Kerl). Über sonstige rotw. Belege (seit d. 17. Jahrh.) s. Schütze 78; betr. Linkmichel s. auch Groß’ Archiv, Bd. 51, S. 152, Anm. 2 u. Bd. 59, S. 266. Zur Etymologie (Erweiterng. des gemeinspr. link als Gegensatz zu recht, nach der Hand genommen [Weigand, W.-B. II, Sp. 70]) s. Pott II, S. 15, 16; A.-L. 567, vgl. auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1254 (betr. lenk).
[224] Das Adj. schofel (auch schoffel) hat im wes. die gleichen Bedeutgn. wie lenk. Es fehlt nur unter „gemütlos“ u. „wüst“ (wohl bloß versehentlich), während anderseits nur schofel (nicht aber lenk) angeführt ist unter den Ausdrücken: arm, entzwei, gemein, kümmerlich, lasterhaft, niederträchtig, schamlos, schlecht (wofür lenk gewiß nur versehentl. fortgelassen), traurig, treulos, unanständig, verrucht; als Subst. gebraucht ist es = Gefahr, Schmach (wie Lenk) u. außerd. noch = Not. Der Komparat. schofler ist durch „böser“ wiedergegeben. Viel häufiger als mit lenk sind mit schofel Verbindgn. od. Zusammensetzgn. für selbständige Begriffe gebildet worden, nämlich: a) Verbindgn. schofle Model = Beischläferin, Dirne (Freudenmädchen, Hure [für letzteren Ausdr. Syn. auch: schofle Schüx]), schofle Moss = Ehebrecherin, Kebsweib (für letzt. auch: schofle Goi), schofler Kaffer (auch — Benk, — Fiesel od. — Freier) = Heuchler (alles [außer sch. Benk] auch unter „Hurenkerl“ angeführt; sch. Benk [Benges] oder Fiesel auch = Krüppel); schofler Begersins = Quacksalber, schofler Kritzler (wie lenker Kr. [s. oben Anm. 223] = Steckbrief; vgl. auch noch die Redensart schofle Falle (-la) pflanzen = „huren“; b) Zusammensetzungen (d. h. in einem Wort geschr.): Schoflelehm = Schwarzbrot (vgl. als Gegenst. Dofelehm = Weißbrot [oben S. 111, Anm. 188]), Schoflergalm = Stiefkind, Schoflemamere = Stiefmutter, Schoflerpatris = Stiefvater, Schofelkitt = Zuchthaus. Ableitungen: Schofelei = Unglück (s. dazu Schofeleifläderling = Rabe [vgl. oben S. 100, Anm. 165]), Schoflerei = Gericht, Amtsgericht (vgl. dazu grandige Schoflerei = Land- [Kreis-, Kriminal-] Gericht u. Schoflereisitzling = Richterstuhl, dagegen Schoffeleischure = Gerichtsvollzieher). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 91, 92, 97, 99, 101 (schofel = falsch, streng, Schofel-fleppe = falscher Paß, schofel Marum, Lehm [od. Lechem] = schwarzes Brot, Schofel Kitt = Zuchthaus); W.-B. des Konst. Hans 256, 257, 259 (schofel = bös, schofler Kaffer = böser Mann, Schofelkitt = Zuchthaus); Schöll 272, 273 (schovel = schlimm, schovel Gasche = schlimme Leute); Pfulld. J.-W.-B. 344, 346 (schofel = schlimm, Schofelkitt = Zuchthaus); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 74 (schofel = schlecht); Schwäb. Händlerspr. 486 (ebenso, abweichend vom sonst. Sprachgebr. in Lütz. [214]: Schofel-Kitt = Abtritt [vgl. oben S. 44, Anm. 147]). Etymologie: Die Vokabel, die etwa seit Mitte des 18. Jahrh. im Rotw. u. dann auch in unserer Schriftsprache auftritt, ist jüdisch-deutscher Herkunft (von „einem nicht gerade üblichen“ schōfēl (statt: schāfāl), dem Partizip des hebr.-rabb. schāfēl = „niedrig gemacht, gedemütigt werden, sinken“). S. Weigand, W.-B. II, Sp. 776 vbd. mit A.-L. 603 u. 475, Günther, Rotwelsch, S. 94, Stumme, S. 19 u. Seiler, Lehnwort IV, S. 495.
[225] Zu Stumpf (auch = Entrüstung, Trotz, Zorn) gehören als Ableitungen: a) das Adj. stumpfich oder (seltener) stämpfich) = ärgerlich, empfindlich, entrüstet, ergrimmt, erzürnt, gereizt, grimmig, trotzig, unwillig, verdrießlich, verstimmt, wütend, zänkisch, zornig; b) das Zeitw. stumpfen (stümpfen) oder (häufiger) stämpfen (erstere Formen für: schmähen, lästern, letztere Form für: bedrohen, beleidigen, beschimpfen, drohen, fluchen, schelten, schimpfen, zanken; dazu die Zus.: ausstämpfen = ausschelten, -schimpfen, -zanken); c) die (zunächst auf das Zeitw. stämpfen zurückgehenden) Substantive: Stämpfer = Schmäher, Zänker und Stämpferei = Wortwechsel, Zank, Zänkerei, Zwist. Zu dem Stamme stämpf- (des Zeitw. stämpfen) gehört auch die Zus. Stämpffläderling (d. h. eigtl. der „schimpfende Vogel“) = Elster (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 338, 340, 343, 346 (stumpf = bös [345: = taub], Stumpf = Haß, Zorn, stimpfen = schelten, zanken); Schwäb. Händlerspr. 485, 488 (stumpf = zornig [in Pfedelb. (214) als Subst. Stumpf = Zorn], stumpfen = schimpfen). Übrigens dürften sich die Vokabeln bis ins 18. Jahrh. hinein verfolgen lassen. So findet sich z. B. im W.-B. von St. Georgen 1750 (219, 220) stumpf = unsicher, im Schwäb. Falschmünzerprozeß von 1791/92 (261 ff.) mehrmals Stumpf oder stumpf machen = „Lärmen“ oder „Angst machen“ (v. S. der Gauner) sowie das Subst. Stumpfmacher = „Lermen- (d. h. Lärm-) Macher“; vgl. noch ebds. (263) sowie in der Uracher Jauner- und Betrügerliste 1792 (268): anstimpfen od. anstempfen (= anschmusen), d. h. etwa Überreden eines leichtgläubigen Opfers v. S. der Betrüger. Bei Schintermicherl 1807 (288) — der auch stumpf = „hart od. böse“ hat — bedeutet das Zeitw. stimpfen = bellen (von Hunden). Etymologie: Bei Stumpf = Ärger, Zorn usw. liegt wohl nur eine Substantivierung vom Adj. stumpf vor, das u. a. in dem Sinne von „böse“ schon im Mhd. bekannt gewesen (s. Weigand, W.-B. II, Sp. 999) und sich noch bis in die neuere Zeit hinein in der bayr.-österreich. Mundart erhalten hat (vgl. bes. Schmeller, Bayer. W.-B. II, Sp. 761 m. Hinweis auf Castelli [Öster. W.-B., 1847], S. 239: stumpf = böse, verdrießlich). Für das Zeitw. stumpfen, stämpfen vgl. noch bes. Schmeller, a. a. O., Sp. 760 (stimpfen, stümpfen = „sticheln, [be]kritteln, schmähen“) u. Sp. 762 (stumpfieren = „kritteln, [be]spotten“); auch v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 518 vbd. m. 515 (stumpfieren = schimpfen, lächerlich machen, stumpflerisch = spöttisch, anzüglich).
[226] S. Aas.
[227] S. arg.
[228] S. abbetteln.
[229] Über Dercher- s. abbetteln. — Ulma (-me) = Leute kommt noch vor: a) in den Zusammensetzungen: Schniffer- od. Schorerulma = Diebesbande, Fehteulme = Herbergsleute (Spr.), Dächlespflanzerulma = Schirmflickerleute (Spr.), Steinhäuflesulme = Städter, Blibelulma (-e) = fromme Leute, „Stundenleute“ (d. h. Methodisten); b) in den Verbindgn.: jenische Ulma = „fahrende Leute“ u. grandich Ulma (d. h. „viele Leute“) = Menge (s. d. betr. Übereinstimme, mit d. Zigeun.). Das Wort ist in dem bes. verw. Quellenkr. m. Wiss. unbekannt u. auch sonst im Rotwelsch (wenigstens in gleicher Form u. Bedeutg.) selten; vgl. aber z. B. schon Lib. Vagat 55 (Wyßulm = „einfaltig volck“), dann öfter wiederholt, ferner Münchner Deskription 1727 (192: die platten Ulm, etwa im Sinne von „Gaunern“ u. dergl.) u. Schintermicherl 1807 (289: Ulm = Leute); dagegen hat Pfister bei Christensen 1814 (327) die Form Ohlem (= Menge), die sich dem jüd. (hebr.) Stammworte mehr annähert. Ihrer Etymologie nach geht die Vokabel nämlich zurück auf das hebr. ’ôlâm = „Ewigkeit, Welt“, jüd. ôlem od. ulen = „Welt, dann Leute, Menschenmenge“ (wie französ. monde = „Welt“ u. „Leute“); vgl. A.-L. 426 (unter „Olam“) u. Wagner bei Herrig, S. 237.
[230] S. abbetteln u. Abort.
[231] S. Aas, vgl. „Vorbemerkung“, S. 15, Anm. 36 (subst. Partiz.).
[232] Dofes ist im W.-B. auch durch „Gefängnis, Gewahrsam, Haft“ u. „Kerker“ wiedergegeben; dazu: im Dofes = gefangen sowie die Zusammensetzg. Dofesbu(t)z = Gefangenwärter. Ableitg.: das Zeitw. ei’dofema = einkerkern (einsperren, einstecken). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 340 (Doves = Gefängnis); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 67 (Doves = Arrest, Ratte-Doves = Dunkelarrest); Schwäb. Händlerspr. 479, 488 (Dôfes [in Pfedelb. (214): Doves] = Arrest, Zuchthaus). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 (Dôfes = Gefängnis). Über sonstige Belege im Rotwelsch sowie die Etymologie des Wortes (wohl vom hebr. tâfaf = „ergreifen, gefangen nehmen“) s. Groß’ Archiv, Bd. 38, S. 288 (mit weiteren Angaben); vgl. auch noch Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 246/47, welcher meint, daß der Ausdruck „vielleicht volkstümlich an tōf (gut) ironisch angelehnt“ sei.
[233] S. Abort.
[234] Lek hat dieselben Bedeutgn. wie Dofes u. außerdem noch insbes. die von „Zuchthaus“ (s. oben i. Text); vgl. dazu: im Lek = gefangen; Zus.: Lekbu(t)z = Gefangenwärter; Ableitg.: ei’leken = ei’dofema. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 92, 100 (Leck = Gefängnis, Leik = Turm); W.-B. des Konst. Hans 254 (Lek, plur. Leke = Gefängnis); Schöll 272 (ebenso, vgl. 273: in der Leke = in der Gefangenschaft); Pfulld. J.-W.-B. 340 (Leke [sing.] = Gefängnis); in der schwäb. Händlerspr. unbekannt. Zur Etymologie bemerkt Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1172 nur, daß sie „unklar“ sei; Stumme, S. 21, hat das hebr. lâqach = „nehmen, ergreifen“ herangezogen; vgl. auch A.-L. 566 unter „Lekach“ vbd. mit 561 unter „Leck“, wo jedoch in erster Linie deutscher Ursprung des Wortes angenommen (mhd. lûchen od. liechen, ahd. lûhhan, liohhan = „schließen, zuschließen“, das auch das Stammwort für unser „Loch“ [schon mhd. loch oder (seltener) luch auch = Gefängnis]) gewesen ist; s. Weigand, W.-B. II, Sp. 75, vbd. mit Grimm, D. W.-B. VI, Sp. 1093, 1094, Nr. 4). Demnach dürfte Lek = Loch zu deuten sein, wofür auch die Form Locke (= Gefängnis) schon im älteren Rotwelsch (s. A. Hempel 1687 [169]; Waldheim. Lex. 1726 [187]; Körners Zus. zur Rotw. Gramm. von 1755 [240]) spricht, ferner der gleiche Gebrauch von Loch in der modernen Gaun.- u. Kundenspr. (s. z. B. Rabben 83 u. Ostwald [Ku.] 96), bei den Studenten (vgl. Kluge, Studentenspr., S. 18 [schon in älterer Zeit]: Hundsloch = Karzer), Schülern (s. Eilenberger, Pennälerspr. S. 15 u. 42: Loch = Karzer) und Soldaten (s. Horn, Soldatenspr., S. 9 u. 121: Loch = Arrestlokal) sowie auch wohl in der allgemeinen Umgangssprache (vgl. dazu u. a. Blumschein in d. Wiss. Beih. zur Zeitschr. des Allg. Deutsch. Sprachv. III, S. 117).
[235] S. angenehm.
[236] S. anmutig.
[237] S. absterben und Amtmann.
[238] S. abgerahmte Milch.
[239] Schottel (plur.: Schottle) = Schüssel, Büchse (Gefäß, „Gelte“, Geschirr, Korb, Kübel, Schale, Tasse, Teller, Wanne) ist beliebt in zahlreichen Zusammensetzungen für allerlei Behältnisse, so (außer Schundschottel) noch: Lehmschottel = Brotbüchse, Soreschottel = Erbsen- od. Linsenschüssel, aber auch Pfefferbüchse u. Porzellantasse, Schmunkschottel = Fettbüchse, Bossertschottel = Fleischbüchse, Flößlingschottel = Heringbüchse, Süßlengschottel = Kaffeetasse, aber auch Zichorienbüchse, Staubschottel = Mehlschüssel, Gleisschottel = Milchgefäß, eigtl. Milchschüssel, Hornikelgielblättlingschottel = Ochsenmaulsalatschüssel, Horbogebossertschottel = Rindfleischbüchse, Spronkertschottel = Salzbüchse, Schwächschottel = Trinkgeschirr, Trinkschale, Pfladerschottel = Waschbecken. Mit Schottel am Anfang ist dagegen nur eine Zus. gebildet worden, nämlich Schottelpflanzer = Korbmacher. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 95, 98 (Schodel = Schüssel, Schottel = Korb, Schottelpflanzer = Korbmacher); Pfulld. J.-W.-B. 342 (Schottel = Kachel); Schwäb. Händlerspr. 481, 483, 488 (Schottele = Korb, Glas [in Pfedelb. (212): Schoppen], Wanne, Schottelepflanzer = Korbmacher). Etymologie: Die Vokabel, die sonst im Rotw. auch in der Form Schuttel vorkommt (s. z. B. Pfister bei Christensen 1814 [330]), ist doch wohl nur eine (dialekt.) Veränderung von uns. gemeinspr. „Schüssel“ (mnd. schottel od. schuttel [Weigand, W.-B. II, Sp. 805]); s. Günther, Rotwelsch, S. 52; vgl. auch Groß’ Archiv, Bd. 46, S. 31.
[240] Sprate hat auch die allgemeinere Bedeutung von „Stecken“ od. „Stock“. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 99 (Sprade = Stock); ebenso: Pfulld. J.-W.-B. 345 u. Schwäb. Händlerspr. 487. Die Etymologie ist unsicher. Da sich jedoch in der Pfälzer Händlerspr. (439) die Form spâte = Stock findet, könnte man vielleicht an unser gemeinsprachl. „Spaten“ denken, das verwandt ist mit dem griech.-lat. spatha = „zweischneidiges Schwert“ u. dergl. (s. Näh. bei Weigand, W.-B. II, Sp. 904), ital. spada, auch rotw. (z. B. bei Pfister bei Christensen 1814 [330]) Spaden = Degen (vgl. dazu Pott II, S. 17; Günther, Rotwelsch, S. 37).
[241] Stenz heißt ebenfalls eigentlich „Stock“ („Stecken“), bedeutet dann aber auch (die damit ausgeteilten) Prügel (auch im plur. Stenze = Schläge). Zus. damit: Dercherstenz = Bettelstab; Ableitgn.: zunächst das Zeitw. stenzen = hauen, prügeln, schlagen (Zus. niederstenzen = niederschlagen, verstenzen = verhauen, zustenzen = zuschlagen) u. davon wieder das Subst. Stenzerei = Schlägerei (Fehde). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 68, 72, 76 (Stenz = Stock, Flatter- od. Flosserstenz = Schirm; stenzen = durchhauen); Schwäb. Händlerspr. 487, 488 (Stenz od. Stanz [in Pfedelb. (213): auch Stenzling] = Stock, Stenz kriegen = Prügel bekommen; Nebenbdtg. [483]: „Louis“; in U. [215]: stenzen = schlagen, in Pfedelb. [213] dagegen = stehlen). Über weitere Belege im Rotw. sowie die (nicht sichere) Etymologie s. das Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 76 u. Anm. 1 u. 2 (unter „Stanzer“) vbd. m. Bd. 56, S. 59, Anm. 1.
[242] Kritzler hat noch die Bedeutgn.: Brief, Dokument, Schreiben oder Schrift, Urkunde, Zettel. Dazu folgende Zusammensetzgn.: a) mit Kr. vorne: Kritzlerbukler = Briefträger, Postbote, Kritzlerrande = Brieftasche, auch Papiersack, Kritzlerbich od. -lobe = Papiergeld, Kritzlerpflanzer = Papiermacher, Kritzlerrädling = Postwagen; b) mit Kr. hinten: Dercherkritzler = Bettelbrief, Schnurrantekritzler = Komödienzettel (Programm), Sprauskritzler = Steckbrief (ein wohl aus der Zigeunersprache übernommenes Wortspiel [vgl. schon „Vorbemerkg.“, S. 18, Anm. 46], worüber das Näh. noch unter „Steckbrief“), Begerkritzler = Totenschein. Als Verbindg. erscheint lenker od. schofler Kritzler = Steckbrief (vgl. Näh. schon oben S. 121, Anm. 223 u. Anm. 224). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. 480 (Kritzler = Brief); auch Pleißlen der Killertaler 435 (Bedtg.: Brief, auch [nach Kapff 213]: Paß, Wandergewerbeschein; kritzle[n] = schreiben). In der Pennälersprache bedeutet Kritzler den Federhalter (s. Eilenberger, S. 38). Der Etymologie nach gehört der Ausdr. jedenfalls zu unserem gemeinspr. Zeitw. kritzeln = „kratzend fein schreiben“, Dim. von d. ält. nhd. u. mhd. kritzen, ahd. krizôn = „einritzen“, vielleicht mit Kreis verw., aber schwerlich zu kratzen (s. Weigand, W.-B. I, Sp. 1155); vgl. auch Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 771.
[243] S. abbiegen.
[244] S. (betr. alle drei Ausdr.) Abendessen.
[245] S. abfallen.
[246] Das einfache schnüren = erhängen, hängen (henken) ist schon dem ältesten Rotwelsch (so z. B. dem Lib. Vagat [55: schnuren]) bekannt gewesen. Aus dem verw. Quellenkr. vgl. Dolm. der Gaunerspr. 93 (schüren [sic] = henken u. geschürt [sic] werden = gehenkt werden); W.-B. des Konst. Hans 257 (g’schürt [sic] = gehängt); Schöll 271 (schmieren [sic] = hängen, aber richtig [273]: die Geschnürten = die Gehängten); Pfulld. J.-W.-B. 337, 340 (schnüren = aufhenken, schniren = henken). Etymologie: Der Ausdr. ist wohl nichts anderes als eine Begriffsverengerung unseres gemeinsprachl. schnüren. Vgl. A.-L. 602, vbd. m. Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 1407, Nr. 1; s. auch Horn, Soldatensprache, Sp. 124 u. Anm. 6.
[247] Die Aufforderung schupf dich (od. schupf dich auf) ist auch wiedergegeben durch „sei ruhig“, „schweig still“ od. „halts Maul“ (für letzteres auch: schupf’ de’ Giel [s. unter „Maul“]). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Schwäb. Händlerspr. 487 (schupf dich auf = still). Etymologie: Die auch schon dem älteren Rotwelsch bekannte Wendung (s. schon A. Hempel 1687 [169: schuff dich = pack dich]) braucht nicht erst mit A.-L. 599 auf hebr. Ursprung zurückgeleitet zu werden, sondern gehört wohl (wie das schles. schupf dich = „setz’ dich nieder“ [s. Grimm, D. W.-B. IX, Sp. 2010, Nr. 4, d] u. das schwäb. verschupfen, ab-, wegschupfen = wegschieben, -stoßen [s. v. Schmid, Schwäb. W.-B., S. 481 u. Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1322]) einfach zu unserem mundartl. Zeitwort schupfen (od. schuppen) = schieben; vgl. dazu auch Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 145, 146. Dort insbes. auch Näh. über schupfen = backen, eine Bedeutung, die ebenfalls in Wittichs Jenisch bekannt ist. Dazu die Ableitungen: Schupfer = Bäcker, jedoch nur in der Zus. Lehmschupfer, fem. -ere (d. h. eigtl. „Brotbäcker[in]“; vgl. dazu die weitere Zus. Lehmschupferhitzling = Backofen) u. Schupferei = Bäckerei. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 254 (Leemschlupfer [sic] = „Beck“); Pfulld. J.-W.-B. 337 (Lächumschupfer); Schwäb. Händlerspr. 479 (schupfen = backen, Schupferei = Bäckerei, Lêmschupfer [in Pfedelb. (208): auch Schupferbink] = Bäcker).
[248] S. abbiegen.
[249] S. abgehen.
[250] S. anbrennen.
[251] Mit stichle(n) = nähen ist ferner noch zusammengesetzt ei’stichle = einnähen. Ableitungen: Stichler = Schneider (vgl. dazu Stichlersmoss = Schneidersfrau) u. Stichlere = a) Schneiderin, b) Nadel. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.); Dolm. der Gaunerspr. 96, 98 (Stichler = Schneider, Stichlerin = Näherin); Pfulld. J.-W.-B. 345 (Stichler = Schneider); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 73 (ebenso); Schwäb. Händlerspr. 484, 486 (ebenso, doch Stichler auch = Metzger [wie nur so im Pleißlen der Killertaler 436]; sticheln = nähen). Zur Etymologie (v. deutsch sticheln, d. h. eigtl. „Stiche machen“ [beim Nähen usw.]) s. Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 42, S. 24 u. 76 (unter „Stichling“ u. „Stich[e]ler“ [= Schneider]). Über das stammverwandte Stichling = Gabel s. unter diesem Worte.
[252] S. angenehm.
[253] S. ansagen.
[254] Weitere Zus. mit guffe(n) (-fa) = schlagen (prügeln, auch fechten) sind noch: einguffen = einhauen, einschlagen, niederguffa = niederschlagen, verguffen = verhauen, zuguffen = zuschlagen. Ableitungen: Guffe = Schläge (wenn nicht bloß subst. Infin.), Guf(f)es = Hieb(e), Prügel; Guf(f)erei = Fehde, Schlägerei, auch Guffer in den Zusammensetzgn. Galmeguffer = Lehrer, Schullehrer (eigtl. „Kinderprügler“) u. Hertling- od. Kiesguffer = Steinhauer, Steinmetz. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 255 (guft = geschlagen); Pfulld. J.-W.-B. 343-345 (gufen = schlagen, prügeln, niedergufen = niederschlagen, Gufes od. Guves = Prügel, Schlag, Streich); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 68, 72, 74 (guffen = schlagen, Guffer = „Bickel“ [d. h. Spitzhacke], Meißel, Gufferei = Schlägerei); Schwäb. Händlerspr. 483, 485-487 (guffen = prügeln, schlagen, Galmeguffer = Lehrer [in U. (214): Galmenguffer, in Pfedelb. (211): Form ebenso, Bedeutg. spezieller: Oberlehrer, während der „Unterlehrer“ Schrazeskneppler (vgl. dazu: Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 140) heißt], Hertlingguffer = Steinhauer; speziell in Pfedelb. [212, 213] ferner noch: Gufes = Schläge, Gufferei = Schlägerei, Galmegufferei = Schule u. Guffertemente = Ohrfeige). Vgl. auch noch Pfälz. Händlerspr. 438 (kuffese = schlagen). Über weitere rotw. Belege sowie die Etymologie des Wortes (vom mundartl. [ält. bayr.] Goffe = „Hinterbacke“) s. das Näh. in Groß’ Archiv, Bd. 47, S. 137 u. Anm. 2; vgl. auch Weber-Günther, S. 178 u. Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 905 (der in der Endung -es bei Guf[f]es das hebr. -ôth erblickt [vgl. „Vorbemerkg.“, S. 13, Anm. 32]).
[255] S. abschreiben.
[256] S. anschauen.
[257] Das einfache nikle(n) (-la) hat die doppelte Bedeutung von a) = tanzen u. b) = „spielen“, d. h. musizieren (daher auch vornikle = a) vortanzen u. b) vorspielen), während nur die erstere (u. wohl jedenfalls ursprünglichere [vgl. die rotw. Belege u. die Etymologie]) festgelegt ist in herum- (od. umher-) nikla (-le) = herum- (od. umher-) tanzen. Ableitungen: Nikler = a) Tänzer, b) Musikant, Spieler (Zus.: Vornikler = Vortänzer); fem.: Niklere = Tänzerin; Niklerei = Tanz, Theater, Nikelei (besser wohl gleichfalls Niklerei[?]) = Musik, Spiel. Mit dem Stamm des Zeitw. (nikel-) sind gebildet die Zus.: Nikelkitt = Komödienhaus u. Nikelschure = Klarinette od. Klavier (vgl. auch Nikleschure = Leierkasten, während für „Harfe“ und „Harmonika“ das vollere Niklengschure angeführt ist). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): W.-B. des Konst. Hans 255 (nikle = tanzen [wohl zugleich der früheste Beleg]); Schöll 272 (niklen = tanzen); Pfulld. J.-W.-B. 345 (nikeln, Bedeutg. ebenso); Schwäb. Händlerspr. (Lütz. [215]: nickle[n] = tanzen). Die Etymologie des Wortes ist zwar nicht ganz sicher, doch liegt es jedenfalls viel näher, es mit Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 2028 (wie d. schwäb. nickle(n) = „Kopf und Nacken hin- und herbewegen“) zu unserem Zeitw. nicken zu stellen, als es mit Stumme, S. 20 mit dem hebr. niggên = „Musik machen“ in Zusammenhang zu bringen, zumal ja die ursprünglichere Bedeutg. doch wohl zweifelsohne „tanzen“ gewesen ist.
[258] S. abbiegen.
[259] Das Zeitw. durme(n) bedeutet: schlafen, (schlummern), dann auch: liegen, ruhen; daher: aufdurme eigtl. wohl = „aufhören zu schlafen“; weitere Zus. sind noch: ausdurme(n) = ausschlafen (vgl. ausdurmt = erwacht), ei’durme = einschlafen, herumdurma = herumliegen, hindurmen = (sich) hinlegen, niederdurmen = (sich) niederlegen. Ableitung: das Adj. durmerich = schläfrig. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Pfulld. J.-W.-B. 344 (Durmklamine = Schlafzimmer [während schlafen hier durch schlaunen wiedergegeben]); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 74, 77 (durmen = schlafen, Durmel = Schlaf, Durmmalfes = Schlafrock); Schwäb. Händlerspr. 485 (durmen [in Pfedelb. (212): dormen] = schlafen, desgl. in Pfedelb. [212]: dormisch = schläfrig, i hab Darming = ich bin schläfrig u. Dormmalfes = Schlafrock). Vgl. auch Pfälz. Händlerspr. 437 (durme = schlafen). Über weitere Belege im Rotw. usw. (seit Anf. des 17. Jahrh.) sowie über die Etymologie (zunächst vielleicht vom deutsch. mundartl. durmeln [turmeln u. ä.]) = taumeln, schlummern, leicht schlafen, Durmel [Turmel u. ä.] = Taumel, Schläfrigkeit, leichter Schlaf [mhd. türmeln, turmeln = taumeln, türmel, turmel = Taumel, Schwindel (vgl. Grimm, D. W.-B. II, Sp. 1733 ff; Schmeller, Bayer. W-B. I, Sp. 621/22 u. a. m.)], das aber auch wohl vom französ. dormir [in letzter Linie also vom lat. dormire] beeinflußt worden [vgl. „Vorbemerkung“, S. 10, Anm. 25 u. 26) s. Näheres bei Weber-Günther, S. 172 u. 174, Anm. 2 vbd. mit Pott II, S. 17, A.-L. 534 u. Günther, Rotwelsch, S. 23, vgl. auch Fischer, Schwab. W.-B. II, Sp. 500 (unter „durme[n]“ vbd. mit Sp. 499 (unter „Durmel“).
[260] S. abwaschen.
[261] Wörtl. Übersetzg. aus dem Deutschen in Übereinstimmg. auch mit der Zigeunerspr. (s. Liebich, S. 140 u. 178). Mit Schei(n)ling = Auge (Blick) sind noch zusammengesetzt auch: Scheinlingstrauberts (d. h. eigtl. „Augenhaare“) = Augenbrauen (s. d. betr. die Zigeunerspr.) u. Scheinlingflu(h)te = Augenwasser. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 89 (Scheinling = Auge); Schöll 271 (ebenso); Pfulld. J.-W.-B. 337, 342 (ebenso, Nebenbdtg. auch: Licht); Schwäb. Händlerspr. 479 (Scheinling[e] = Augen [in Pfedelb. (209) auch = Brille]). Vgl. auch Pleißlen der Killertaler 435 (Schenling = Augen, Fenster). Zur Etymologie des — auch sonst im Rotwelsch (etwa seit Anf. des 18. Jahrh.) öfter begegnenden — Wortes (mit den Nebenbedeutgn. „Fenster“ [so schon bei A. Hempel 1687 (168: Scheindling)], „Laterne“ [s. schon Hermann 1818 (336)], „Spiegel“ [s. Fröhlich 1851 (410); vgl. A.-L. 597 u. Neuere] u. ä. m.) — vom deutsch. Zeitw. scheinen — s. Weber-Günther, S. 186 vbd. mit Pott II, S. 20 u. A.-L. 597.
[262] Mit Strauberts = Haar(e), (Borsten) sind noch folgende Zus. gebildet worden: a) am Anfang stehend: Straubertsschure = Haarnadel, Haaröl u. Kamm, Straubertski(e)bes = Lockenkopf; b) ans Ende gesetzt: Ki(e)besstrauberts = Haupt-, Kopfhaar, Trabertstrauberts = Pferdehaar, Groenikelsstrauberts = Schweinsborsten, Jerusalemfreundsstrauberts (d. h. „Schafhaare“) = Wolle (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). Als Verbindgn. kommen vor: Straubertspflanzen (d. h. etwa „Haare machen“) = kämmen, nobis Strauberts (d. h. „keine Haare“) = kahl sowie das längere nobis Strauberts auf dem Ki(e)bes = Kahlkopf. Eine Ableitg. ist das Adj. straubertsich = haarig. Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 93 (Straupert = Haar); Schöll 271 (Straubert); Schwäb. Händlerspr. 479, 481 (Straubert [in Pfedelb. (210) auch Straub od. Straupert = Haar, letztere Form sowie [in Pfedelb. (208) auch Straub] auch = Bart [womit schon das ältere Rotwelsch übereinstimmt, s. u. a. W. Scherffer 1650 (160)). Vgl. noch Metzer Jenisch 216 (Straubert = Haar). Der Etymologie nach gehört das Wort wohl zu unserem Zeitw. (sich) sträuben, d. h. „sich starr empor richten (vom Haar)“ (s. Weigand, W.-B. II, Sp. 984). Über das -s am Ende s. schon „Vorbemerkung“, S. 12, Anm. 29.
[263] Betr. Flu(h)te s. abbrühen.
[264] S. abbeißen.
[265] S. anbrennen.
[266] S. abgehen.
[267] S. abbrennen, vgl. anzünden.
[268] S. abbiegen.
[269] S. (zu allen drei Ausdr.) Abendessen.
[270] S. abfahren.
[271] S. anfragen.
[272] S. anschauen.
[273] S. abgeben.
[274] S. abgehen.
[275] S. ankleiden.
[276] Stammwort: sicheren = kochen (braten); vgl. dazu: gesichert (= gekocht, gebraten) in den Verbindgn. gesicherter Babingermass od. Strohbutzerbossert = Gänsebraten u. gesicherter Jo(h)le = Glühwein,Punsch; nobis gesichert = ungekocht; ferner (als Zus. mit dem Stamm sicher-): Sicherbenk, -fiesel oder -kaffer = Koch. Ableitung: Sichere = Küche (u. dazu Sichereglitschin = Küchenschlüssel). Zu vgl. (aus dem verw. Quellenkr.): Dolm. der Gaunerspr. 95 (sichern = kochen, Sicherei = Küche); W.-B. des Konst. Hans 254, 257 (Sicherey od. Zicherey = Küche); Pfulld. J.-W.-B. 337, 340, 342, 344 (sichern = aussieden, schmälzen, gesichert = gesotten, versichern = ausschmälzen, Sicherei = Küche); Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr. 69, 72 (sichern = kochen, gesichert = gekocht, Sichere = Küche); Schwäb. Händlerspr. 483 (sichern = kochen, in Pfedelb. [210, 211]: gesichert = gesotten u. Sichere = Küche). Über die unsichere Etymologie (vielleicht vom hebr. sîr = „Topf“) s. Groß’ Archiv, Bd. 43, S. 51.