The Project Gutenberg eBook of Kreuz und Quer, Dritter Band

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Title: Kreuz und Quer, Dritter Band

Author: Friedrich Gerstäcker

Release date: July 21, 2017 [eBook #55163]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, DRITTER BAND ***

Kreuz und Quer.

Neue gesammelte Erzählungen
von
Friedrich Gerstäcker.

Dritter Band.

Leipzig,
Arnoldische Buchhandlung.
1869.

Inhaltsverzeichniß.

Seite
1. Jay-hawkers 1
2. König Zambiri 198
3. Der Mexikaner 284
4. Ein prize-fight oder Boxerkampf in Cincinnati  358

Jay-hawkers.

Erstes Kapitel.
In Perryville.

Das kleine Städtchen Perryville in Arkansas, das, während der Krieg in den östlichen Staaten der Union wüthete, nun über zwei Jahre fast wie todt und verlassen gelegen hatte, schien heute, am ersten October des Jahres 1862, seinen friedlichen Charakter abgelegt und sich in einen militärischen Tummelplatz verwandelt zu haben.

Daß von allen Seiten Reiter, die lange Büchse auf der Schulter, die schweren Messer an der Seite, heransprengten, würde weniger aufgefallen sein, denn ohne diese Waffen ging überhaupt kein Backwoodsman nur von Farm zu Farm, aber dazwischen sah man auch eine Anzahl von Männern in grauen uniformartigen Röcken und doch auch wieder nicht uniform, denn Mancher von ihnen trug einen alten Filzhut, Mancher einen Strohhut auf dem Kopfe, aber alle auch einen Gurt um den Leib und neben dem Messer einen, manchmal sogar zwei Revolver.

Perryville ist keine regelmäßige Stadt, wenn auch schon seit langen Jahren regelmäßig ausgelegt. Arkansas selber hatte aber die in den schönen Staat gesetzte Hoffnung, daß er sich rasch und entschieden bevölkern würde, nicht bewährt. Viele seiner Bewohner, unstätes Volk alle zusammen, waren nach Californien gezogen, als der erste Ruf des Goldes von dort herübertönte, Andere nach Texas, weil sich vielleicht ein Fremder in ein oder zwei Miles Entfernung von ihnen angesiedelt hatte und die »zu nahe« Nachbarschaft ihnen unbequem wurde, und wenn sich dann auch mancher neue Einwanderer von den östlichen Staaten her in das Land zog, hielt sich die Bevölkerung trotzdem so ziemlich auf dem alten Stand.

Nur an den kleinen Fluß hinauf, den Fourche-la-Fave, wie er genannt wird, hatten sich die Farmen, aber auch nur mit weiten Unterbrechungen gezogen; das innere Land lag noch in jungfräulicher Wildniß, von keiner Axt, höchstens einmal von dem Beil des Jägers berührt, der sich dort junge Stämme zu Lagerstangen abhieb, und das Städtchen, was so nach und nach am Fourche-la-Fave entstanden, war eigentlich gar nicht nöthig. Die Farmer und Jäger brauchten es nicht, hätten wenigstens recht gut ohne dasselbe bestehen können, und benutzten es nur zu gelegentlichen Zusammenkünften.

Bis hierher war auch der eigentliche Krieg noch nicht gedrungen und drang überhaupt nicht hin. Truppenkörper der verschiedenen Armeen schickten wohl später dann und wann einmal einen Streifzug durch den Wald, aber der mußte die Straße halten und verweilte auch nicht gern lange in den dichten Wäldern, wo er sich nie sicher davor fühlte, von einem anderen, vielleicht stärkeren Corps überfallen zu werden.

Little Rock, die Hauptstadt des Staates, hatte sich allerdings zu Gunsten der Secession erklärt, denn Arkansas war ein echter Sclavenstaat, wenn es auch im Verhältniß nur wenig Negersclaven aufweisen konnte. Die eigentlichen Farmer und Jäger hatten sich aber bis jetzt, wie nach stillschweigendem Uebereinkommen, noch nicht am Kriege betheiligt. Sie waren weder angegriffen, noch belästigt worden und mit der geringen Bevölkerung ihres Staates, warfen sie ja doch kein Gewicht in die Wagschaale des Krieges. Ueberdies verkündeten die seltenen Nachrichten, die wirklich zu ihnen drangen, nur immer neue Siege der Secessionisten, die sogar das Capitol in Washington bedrohen sollten; sie wurden also dort gar nicht gebraucht, während sie hier unumgänglich nöthig blieben, um ihre Familien zu erhalten. Was hätten die einzelnen Frauen und Kinder hier mitten im Walde anfangen wollen, wenn die Männer und jungen Leute weit hinweg in andere Staaten gezogen wären, um sich mit den Yankees herumzuschlagen.

Außerdem standen fast alle alten Leute in dem ganzen District, im Herzen auf Seite der Union. Am ganzen Fourche-la-Fave war auch nicht ein einziger Sclavenhalter, kein einziger Neger zu finden. Am Petite-Jeanne drüben gab es allerdings ein paar, aber ihretwegen wäre es wahrlich nicht der Mühe werth gewesen, einen blutigen Krieg anzufangen und die große und mächtige Union in zwei Hälften zu reißen.

Einzelnen jungen Leuten zuckte es allerdings in den Gliedern, Theil an dem Kampf zu nehmen und einen Tanz mit den »verdammten Abolitionisten« zu haben, wie die Yankees damals genannt wurden und welchen Namen sie auch in der That noch zum großen Theil jetzt führen; die große Mehrzahl war indeß entschieden gegen eine Betheiligung am Krieg, denn die Südstaaten, zu denen sie allerdings ihrer Lage nach gehörten, hatten die Flagge der Union beschimpft, die Constitution gebrochen und den Bürgerkrieg entzündet. Sie wollten keine Hand in solchen Dingen haben.

Nur die Frauen neigten sich sonderbarer Weise der Secession zu, und aus welchem Grunde?

Im Herzen trugen sie alle den Wunsch, es einmal dahin zu bringen, daß sie sich ein Hausmädchen – natürlich eine Sclavin – anschaffen konnten, denn Dienstboten, wie wir solche bei uns gewohnt sind, gab es ja nicht in der Union, und was man a help nannte, eine »Hülfe,« und worunter sich eine Nachbarstochter verstand, die einmal auf kurze Zeit oder weil bei ihnen selber das Brot knapp wurde, herüberkam und eine Weile aushalf – konnte natürlich nicht genügen, da diese jungen »ladies« wie die rohen Eier behandelt sein wollten und bei dem ersten rauhen Wort das Haus augenblicklich und indignirt verließen. Eine junge Negersclavin blieb also ihr heimlicher, aber dafür desto innigerer Wunsch, und daß sie sich – unter solchen Umständen – nicht für Abschaffung der Sclaverei begeistern konnten, versteht sich wohl von selbst.

Vor kaum acht Tagen nun war die Nachricht hier in den stillen Wald gedrungen, daß die »Südlichen« wieder einen neuen und großen Sieg über den Norden davongetragen hätten und dieser jetzt die verzweifeltsten Anstrengungen mache, um den immer mächtiger werdenden Feind zu verhindern, sich selbst in Besitz des Capitols zu setzen. Eine Aushebung von Hunderttausenden sollte unter den Yankees ausgeschrieben sein, und es war deshalb nöthig geworden, auch die Kräfte des Südens zusammenzurufen, um die »Abolitionisten« nicht wieder zu Athem kommen zu lassen, sondern womöglich gleich mit einem Schlage zu vernichten. Derartige Phrasen durchliefen ja fortwährend die weit abgelegnen Territorien sowohl, als auch die einzelnen Rebellenstaaten selber, und fanden in den letzteren vielleicht Wiederklang – in Arkansas aber nicht. Als deshalb auf den heutigen Tag Emissaire vom anderen Ufer des Mississippi eine Versammlung in Perryville ausgeschrieben hatten, um den Stand der Verhältnisse zu besprechen, fanden sich wohl die jungen und auch die älteren Leute dazu ein, weil sie etwas Bestimmtes über den Stand des Krieges zu erfahren hofften, aber begeistert für die Sache selber waren sie nicht, ja die alten Backwoodsmen sogar fest entschlossen, einer möglichen Anwerbung entschieden entgegenzutreten.

Den jungen Burschen aber kam ein solcher »Frolic,« wie sie es nannten, gerade recht. Der Krieg dauerte nun schon Jahre, und eine todte, erdrückende Schwüle hatte indessen auf dem ganzen Land gelegen. Wer sollte auch Lust gehabt haben sich zu vergnügen, während nur immer eine Nachricht nach der anderen kam, wie bald da bald dort Tausende im gegenseitigen Bruderkampf erschlagen waren und ihr Herzblut die zerstörten Felder röthete.

Die Meisten sammelten sich auch bei dem alten Bockenheim, denn obgleich in den letzten fünf Jahren noch zwei andere kleinere groceries oder Kaufläden geöffnet worden, hatte man sich doch an den Deutschen, einen der ältesten Ansiedler der Fourche la Fave, gewöhnt, und außerdem sollte auch die eigentliche Versammlung in der unmittelbaren Nähe seines Hauses stattfinden, zu der sogar ein Major der Secessionisten herüber gekommen.

Man lebte einmal wieder in dem bisher so todten Städtchen und der Whisky floß. Allerdings war es nicht mehr möglich, diesen von Norden herunter zu beziehen, woher sonst der beste Mohongahela kam, denn der Strom war sowohl von den Nord- als Südstaaten blokirt worden und selbst auf jedes kleine Boot wurde geschossen, das den Versuch machen wollte, sich hindurch zu schleichen. Aber in Arkansas wußten sie sich, was wenigstens diesen Gegenstand betraf, zu helfen, denn überall entstanden kleine Brennereien, wobei noch die Heintzesche den besten Stoff lieferte. Von diesem war ein frisches Faß angezapft worden, und die jungen Leute vom Fourche-la-Fave hatten sich schon darum gesammelt, als die County-Straße herunter, von zwei »Sesesch«-Officieren (Secessionisten) begleitet, der Major auf einem prächtigen Rappen angesprengt kam, und vor Bockenheim's Thür sein muthiges Roß einzügelte.

»Hallo Major!« rief ihm Einer der jungen Burschen zu, indem er ihm zugleich den vollen Becher entgegenhielt – »how do you swop horses (wie wollt Ihr Euer Pferd vertauschen) gegen den Grauen dort, der an den Hickory angebunden steht?«

»Mein junger Freund,« sagte der Major, nicht im Geringsten durch die Frage beleidigt, denn sie war etwas zu Allgewöhnliches – »wir brauchen jetzt alle unsere guten Pferde selber, denn die verdammten Abolitionisten laufen so rasch, daß man sie mit alten Kracken gar nicht einholen kann.«

»Oho Major,« lachte Jim Jenkins, ein Farmerssohn, dessen Vaters kleine Ansiedelung unmittelbar am Arkansas lag – »so sehr schnell können sie doch nicht laufen, wenigstens nicht so weit, denn Washington liegt doch dicht bei Virginien, und bis dahin haben sie Euch noch nicht gelassen.«

»Weil wir dort Nichts zu holen hatten, Jim,« rief Hendricks, ein junger Mann vom Petite Jeanne, der aber auch schon die Uniform der Secessionisten trug und – wie er Anderen erzählte – nicht blos ein paar der blutigsten Schlachten mitgemacht, sondern auch ein paar Dutzend Abolitionisten mit eigener Hand erschlagen hatte. »Was sollten wir in Washington? Das leere Weiße Haus besetzen? Das Lumpenvolk hat es ja schon vollständig ausgeräumt, und selbst die Bevölkerung der Stadt ihre beste Habe in Sicherheit gebracht. Wohin wir kommen wollen, dahin kommen wir auch – und wenn wir jetzt Alle richtig zusammenhalten, rücken wir ihnen im nächsten Monat nach New-York hinein, und da giebts nachher Beute, denn Lee hat uns fest versprochen, daß wir dort plündern sollen.«

»Bah, wir sind keine Räuber,« sagte Jim finster, »daß man suchen sollte, uns damit anzulocken. Wer hier her kommt zu uns, um uns zu belästigen, gegen den stehen wir zusammen – was kümmern uns die Kaufläden in New-York?«

»Muß eine verwünscht gemeine Seele sein,« rief da ein anderer, John Wells, der Sohn eines der besten Jäger am Fourche, der sich aber an politischen Dingen nie betheiligte und still und zurückgezogen auf seiner Farm lebte – »der in einem solchen Krieg von Plündern spricht – verdient daß man ihm die Uniform vom Leib risse.«

»Dazu gehört ein Mann!« rief Hendricks, zornig auffahrend.

»Gott verdamm Dich, hier steht er!« schrie John, in dem Augenblick auch sein eigenes Jagdhemd abwerfend, um die Arme frei zu bekommen, indem er Hendricks gegenüber sprang – »stell' Dich bereit, mein Junge, und wahr' Deine Nase –«

»Ich bin nicht hergekommen um mich hier zu prügeln,« rief Hendricks abwehrend –

»Feigling!« höhnte ihn John, und schien nicht übel Lust zu haben, trotz alledem auf ihn einzuspringen; der Major aber, der sich indessen mit einigen der alten Backwoodsmen unterhalten hatte, trat rasch dazwischen und sagte abwehrend:

»Boys, um Gottes Willen, fangt untereinander keinen Streit an. Wir haben da draußen alle Hände voll zu thun, um mit den verwünschten Abolitionisten fertig zu werden, und wenn Ihr denen die Fäuste zeigen wollt, ist's ja recht, aber nicht hier Freund gegen Freund. Das wäre den Yankees gerade recht, wenn sie uns hier im Süden selber gegeneinander hetzen könnten.« –

»Dann muß uns so ein hergelaufener Lump aber auch nicht mit Plündern anlocken wollen!« trotzte John, der noch immer gar nicht übel Lust zu haben schien, den Kampf aufzunehmen.

»Ich habe nur gesagt, daß von Plündern gesprochen ist,« rief Hendricks, »ich denke nicht daran, selber so 'was zu thun.«

»Frieden! haltet Frieden!« riefen jetzt auch Einige der älteren Leute. »Es fließt Blut genug im Lande, Jungens, laßt uns das Elend nicht auch an den Fourche-la-Fave verpflanzen und erst einmal hören, was der Major zu sagen hat. Sprecht Major, Ihr habt uns ja hierhergerufen, was soll's eigentlich.«

»Ja, Gentlemen,« begann der Major, indem er seine Militärmütze abnahm und sich mit der Hand durch die Haare fuhr, »die Sache ist höllisch einfach und nicht viel darüber zu sagen. Ihr habt bis jetzt hier gelebt, als ob Euch der Krieg, der da draußen geführt wird, gar nichts anginge, aber das muß eben ein Ende nehmen. In Missouri sammeln die verdammten Yankees mehr und mehr Truppen an, weil es ihnen unbequem ist, daß wir den Mississippi hier haben und besetzt halten. Die also können jeden Augenblick bei Euch einbrechen und dann sitzt Ihr da, Nichts ist organisirt, kein Commando, keine Ordnung und Alles zerstreut im Busch, wo man Euch nachher einzeln aufsuchen und gefangen in die Yankeestaaten hinaufschleppen kann.«

»Aber, Major,« sagte der alte Klingelhöffer, ein Deutscher, der seit 30 Jahren in diesen Wäldern lebte, »red't keinen Unsinn. Wenn die Unionstruppen wirklich einmal hier durchmarschirten, und Streifcorps sind schon ein paar Mal in der Nähe gewesen, so haben sie genug für sich selber mitzuschleppen, als daß sie sich auch noch Gefangene aufladen sollten. Daß sie uns Rinder schlachten werden, um was zu leben zu haben, ja, das ist möglich, aber weiter geschieht auch Nichts, und wenn wir unsere jungen Leute in den Krieg schicken, können sie nachher erst recht machen, was sie wollen.«

»Daraus wird Nichts,« sagte der alte Jenkins, ebenfalls ein treuer Unionsmann, der finster daneben auf einer Wagendeichsel gesessen und an einem Spahn herumgeschnitzt hatte. »Unsere jungen Leute dürfen nicht fort von hier; nachher ist der Wald leer und unsere Kinder können hungern und verderben. Laßt es die ausfechten, die das Blutvergießen verschuldet haben.«

»Ist auch meine Meinung,« nickte der alte Hogau, der oben vom Fourche-la-Fave heruntergekommen war, »wir oder die Unseren haben Nichts draußen zu thun, wir gehören hier in die Range, und wenn uns dann Jemand belästigen will, ei zum Wetter, dann haben wir auch noch unsere Büchsen und hier zwischen den Bäumen drinn, soll ihnen der Platz bald zu warm werden.«

»Aber Gentlemen!« rief der Major, »es spricht ja kein Mensch davon, daß die jungen Leute hier den Staat verlassen sollen. General Lee selber ist dagegen und stimmt ganz mit Ihrer Ansicht überein, daß es eben gefährlich wäre, die Wälder hier von ihren Vertheidigern zu entblößen. Nur organisiren sollen Sie sich und eine sogenannte Landwehr bilden, um im Fall eines Angriffs im Stand zu sein, sich augenblicklich unter ihren Führern zu sammeln, und ich glaube, das ist doch nur in Ihrem eigenen Interesse und zu Ihrem eigenen Besten gehandelt.«

»Ich sehe den Grund nicht ein,« rief Klingelhöffer; »zum Henker auch, wir haben die Mittel und Wege, unsere jungen Leute auf den Fleck zu bekommen, wenn sie nothwendig gebraucht werden sollten, und in Reih' und Glied können wir hier im Walde doch nicht kämpfen. Uebrigens« – setzte er langsamer hinzu – »weiß ich auch gar noch nicht einmal gegen wen wir fechten und wer von den beiden Partheien unser schlimmster Feind ist.«

»Aber Mister – entschuldigen Sie, ich kann Ihren Namen nicht behalten,« rief der Major, »Sie reden gerade, als ob Sie noch nicht einmal wissen, ob Sie auf Seite der Südstaaten oder der Abolitionisten treten sollten.«

»Weiß ich auch nicht,« brummte der alte Mann störrisch, indem er seinen Hosengürtel in die Höhe zog, »denn einverstanden bin ich mit der ganzen Geschichte nicht, weil sie eben Lügen braucht, um sich fortzuhelfen.«

»Lügen, Mister?«

»Jawohl, Lügen,« brummte der Alte, »denn, wenn die Berichte alle wahr wären, die wir hier hergeschickt kriegen, so könnten die Yankees schon gar keine Soldaten oder überhaupt noch Menschen haben, so viele sind in jeder Schlacht gefallen und so geschwind sind die Anderen gelaufen. Dabei wird aber der ganze Krieg eben nur in den Südstaaten geführt; nicht einmal über dem Ohio drüben haben sich die Südlichen halten können, und uns wollen sie jetzt auch noch mit hineinziehen.«

»Aber das verlangt ja Niemand.«

»Gut, dann überlaßt das Andere auch uns selber, wir wollen die Sache schon hier in Ordnung halten. Hat sich überhaupt Niemand sonst darum zu kümmern.« »Wär' auch etwa meine Meinung,« nickte Jenkins. – »Wir alten Colonisten hier haben jetzt herangewachsene Jungen, die selber schon Männer geworden sind und können es denen ruhig überlassen.«

»Und dann wohnen wir hier auch in keiner Stadt,« fiel Hogan ein, »wo in der Zeit der Noth ein Nachbar dem anderen beispringen kann, und wenn Einen was bedroht, der Andere ebenfalls davon wissen muß, weil er dicht daneben sitzt. Wenn hier in unsere einzelnen Farmen eine Bande einbricht, so können sie thun und lassen, was sie wollen, nicht einmal das Knallen der Gewehre hört man beim Nachbar. Wenn die Südstaaten deshalb etwas für uns thun wollen und überhaupt die Yankees, wo sie sich blicken lassen, vor sich hertreiben, weshalb räumen sie denn da nicht unseren Nachbarstaat Missouri von den Abolitionisten? nachher hätten wir hier gewiß Frieden.«

»Das kann aber nur geschehen, wenn wir selber mit dazu helfen,« rief jetzt Hendricks – »was sagt Ihr Boys – wär' das nicht gerade das Rechte für uns hier, aus dem Wald gen Norden aufzubrechen und die Wälder vor uns, wenn wir mehr hinaufzögen, rein zu fegen von dem Gesindel, das sich darin versteckt hält.«

»Das Gesindel,« lachte der junge Wells, »gehört aber so viel ich weiß, nur zu Eurer Parthei, denn die Unionstruppen klagen genug über die südlichen »Bushhawker«, die einzeln oder in kleinen Banden im Wald liegen und ihren Feind nur feige aus dem Hinterhalt niederschießen.«

»Und wißt Ihr einen Guerilla-Krieg, der anders zu führen wäre?« fragte Hendricks, mit einem finsteren Blick auf den Sprecher. »Hätten sich die wackern Burschen dort nicht in den Wald geworfen und setzten sie nicht jeden Tag noch ihr Leben ein, so wären die verdammten Blauröcke lange schon zu Euch hier herunter marschirt. Freilich ist es bequemer und sicherer, hier auf der Farm zu sitzen und dann und wann einmal nach einem armen Hirsch zu feuern. Der kann nicht wieder schießen.«

»Lump Du – verbrannter!« fuhr der junge Wells empor – aber Klingelhöffer sprang jetzt selber dazwischen und rief:

»Frieden hier! wir wollen keinen Streit, wir wollen aber auch keine südländischen Werber unter uns, die uns die Jungen vom Hause fortlocken. Laßt uns abstimmen darüber. Wir haben hier fast den ganzen Fourche-la-Fave versammelt. Laßt die Leute selber entscheiden, ob sie Soldaten spielen wollen oder nicht. Ich meinestheils bin dagegen; wir sind außerdem schlimm genug daran, denn mit Little Rock haben wir fast gar keinen Verkehr mehr; zu kaufen ist Nichts im Land und was wir nothwendig zur Unterhaltung unserer Familien brauchen, müssen wir uns selber ziehen. Was sagt Ihr, Jenkins?«

»Beim Alten soll's bleiben,« erwiderte der alte Mann mürrisch. »Wir brauchen keine Zwischenträger, die uns hier sagen wollen, was wir zu thun oder zu lassen haben. Ich stimme dagegen.«

»Ich auch – ich ebenfalls,« tönte es von den meisten Seiten, und nur einige der jüngeren Leute versuchten eine kleine Opposition, wurden aber so vollkommen überstimmt, daß sie gar nicht in Betracht kommen konnten. Major Rollok hatte mit finster zusammengezogenen Brauen daneben gestanden und das Resultat beobachtet, aber er war auch klug genug einzusehen, daß hier und in dieser Versammlung, in der überhaupt ein dem Süden nichts weniger als freundlicher Geist zu herrschen schien, kaum etwas würde auszurichten sein. Er mußte deshalb seine Zeit abpassen, und – war auch gerade der richtige Mann dazu.

»Gentlemen,« sagte er, als er flüchtig den Blick umhergeworfen und sich die von den jungen Leuten, die auf seiner Seite standen, rasch gemerkt hatte, »die Frage hier kommt mir nicht mehr zweifelhaft vor. Wie ich sehe, sind Sie fest entschlossen, ihre eigene Heimath zu vertheidigen, und das Land in Betracht gezogen, in dem Sie nun einmal leben, kann ich Sie kaum deshalb tadeln. Lassen wir das also. – Mr. Bockenheim, Ihr Whisky ist ausgezeichnet, ich bitte um eine andere Flasche, denn wir haben vom vielen Reden Durst bekommen.«

»Meiner ist gelöscht,« erwiederte Klingelhöffer, indem er seine Büchse über die Schulter warf und hinüber zu seinem Poney ging – »ich denke Boys, wir sind hier fertig und um eine »Spree«[1] zu halten, ist die Zeit zu ernst. Ich gehe heim.«

[1]: Spree (sprie gespr.) ein lustiges Trinkgelag – ein vergnügter Abend.

»Ich auch – wir Alle,« rief es von verschiedenen Seiten und wenn auch manche der jungen Leute noch gern den Nachmittag dort geblieben wären, folgten doch die Meisten den älteren. Nur zehn oder zwölf etwa, von denen die Meisten in Perryville selber wohnten, blieben noch zurück, um, wie sie sagten, von dem Major Näheres über den Krieg zu hören, und da diese jetzt eine verhältnißmäßig kleine Gruppe bildeten, war die kleine Stadt bald wieder so still und öde als vorher.

Zweites Kapitel.
Der Korb.

Für den Augenblick war die Gefahr, die dem stillen Frieden dieser Gegend drohte, abgewehrt; denn wenn auch der Major noch sein Bestes versuchte, die Zurückgebliebenen wenigstens, von denen noch dazu die Meisten auf seiner Seite standen, zu einem directen Vorgehen in diesem Sinne zu bewegen, so hatte sich doch die Meinung des Fourche-la-Fave kurz vorher zu entschieden ausgesprochen, um auf einen Erfolg hoffen zu können. Der Samen war aber einmal ausgestreut und von diesem Tag an begann eine Art von Unruhe in der ganzen Range, die man bis jetzt und so lange der Krieg währte, noch nicht gekannt hatte.

Allerdings verließ Major Rollock mit den übrigen Sesesch-Soldaten die Ansiedlung, um drüben am Petite Jeanne sein Glück und wie sich später zeigte mit besserem Erfolg zu probiren; Hendricks aber, der eine Menge Bekannte am Fourche-la-Fave hatte, blieb zurück und schien dabei auch nicht besonders durch den Wortstreit eingeschüchtert zu sein, den er mit einigen der jungen Leute gehabt. Er war ihm ungelegen gekommen, ja – noch dazu mit einem der jungen Backwoodsmen, aber er wußte auch recht gut, daß deren Blut rasch aufbrauste, jedoch auch eben so rasch wieder durch ein freundliches Wort beruhigt werden konnte.

Acht Tage waren nach der, im vorigen Kapitel beschriebenen Versammlung etwa verflossen. Der alte Jenkins stand vor seinem Haus und hieb mit seinem kleinen Beil einen Axtstiel zurecht, sein Sohn James oder Jim, wie er kurzweg genannt wurde, war nicht weit davon beschäftigt, eine neue Corncrib oder einen Verschlag, in dem der Mais eingelegt werden sollte, aufzurichten, und Betsy, seine Schwester, ein blühendes junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren, mit frischer Gesichtsfarbe – etwas nicht sehr gewöhnliches am Fourche, und gar so lieben, kastanienbraunen Augen, quälte sich eben in einer benachbarten Umzäunung mit einer etwas störrischen Kuh ab, die sich nicht wollte melken lassen, aber doch zuletzt der ruhigen Entschlossenheit des Mädchens nachgeben mußte. Bill, ihr jüngster Bruder, kam eben mit einem Eimer Wasser vom Fluß herauf.

»Hallo the house!« rief da eine Stimme von außerhalb der Fenz die Männer an und ein Reiter hielt dort, den Niemand der mit ihrer Arbeit Beschäftigten hatte herankommen sehen.

Die Hunde schlugen jetzt an und rannten heulend und bellend gegen die Fenz, an der sie hinaufsprangen, die Gänse schnatterten, die Hühner durch die zwischen ihnen hinfahrenden Hunde erschreckt, gakerten und es war für den Augenblick ein Skandal, in dem man nicht einmal sein eigenes Wort hören konnte.

»Ruhe, Ihr Bestien,« schrie der alte Jenkins, indem er ein Stück Holz aufgriff und zwischen die Köter hin schleuderte; »wollt Ihr Frieden geben! Hallo Hendricks, Ihr seid's? Ich glaube, Ihr wäret schon lange wieder bei der Armee, rücktet mit ihr gegen New-York vor. Kommt herein, Mann, und bleibt nicht da draußen auf Euerem Pferd halten.«

»Dank Euch, Mr. Jenkins,« sagte der junge Mann, indem er von der Einladung ohne Weiteres Gebrauch machte. Die Hunde hatten ja auch gesehen, daß ihr Herr mit dem Fremden sprach, sie also Nichts mehr drein zu reden hatten, und als dieser jetzt sein Thier draußen angebunden hatte und die kleine Pforte öffnete, zogen sie sich, wohl immer noch knurrend, aber doch keine offene Feindseligkeit mehr zeigend, unter das Haus zurück.

Jim Jenkins hatte Hendricks eigentlich erstaunt und mit nicht besonders freundlichen Blicken betrachtet. Nach dem, was neulich zwischen ihnen vorgefallen, mochte er seinen Besuch nicht erwartet haben. Aber was ging er ihn an. Sein Vater hatte ihn aufgefordert, in's Haus zu kommen, er nicht, und ohne sich deshalb weiter um ihn zu kümmern, fuhr er auch ruhig in seiner Arbeit fort. Hendricks schien aber anders zu denken, denn nachdem er dem alten Jenkins die Hand geschüttelt, ging er ohne Weiteres auf Jim zu, so daß sich der junge Mann verlegen aufrichtete, und sagte mit freundlicher, ja fast herzlicher Stimme:

»Komm Jim. Die Politik hat schon manche Freunde entzweit, sie soll es aber hier nicht im Walde thun. Wir waren Beide damals aufgeregt und heftig. Jetzt haben wir kaltes Blut und ich wenigstens habe die Sache vergessen.« Er streckte ihm dabei die Hand entgegen und wenn Jim auch wohl selber schwerlich ein erstes freundliches Wort zu ihm gesagt hätte, war er doch auch wieder viel zu offener, ehrlicher Natur, eine gebotene Hand zurückzuweisen. Er schlug ein und nickte.

»Gut Bob, so soll's sein. Du hast Recht, die Zeit ist danach angethan, daß wir hier Alle zusammenhalten, und ich werd' es wahrhaftig nicht sein, der den ersten Streit in die »Range« würfe. Sei willkommen.«

»So recht Jungens,« nickte der Alte, der schweigend der kleinen Versöhnungsscene zugeschaut. »Wir können hier in der That keine Uneinigkeit gebrauchen, denn wer weiß wie bald wir Einer den Andern nöthig haben, wenn das Unglück auch über uns hereinbrechen sollte. Und nun kommt herein Hendricks; das Frühstück wird gleich fertig sein, die Betsy bettelt sich nur noch da drüben die Milch von der Kuh, die ebenfalls halsstarrig zu sein scheint. Kommt Mann und drin könnt Ihr uns sagen, was Euch zu diesem Winkel von Arkansas hergeführt, denn Besuch bekomme ich verwünscht selten, wenn nicht einmal ab oder zu ein einzelnes Canoe bei mir anlegt.«

Hendricks dankte freundlich, schien aber doch noch keine rechte Lust zu haben der Einladung ohne Weiteres zu folgen, denn Betsy trat eben mit ihrem kleinen Melkkübel aus der Umzäunung und kam auf sie zu.

»Wie geht's Miß Betsy,« sagte Hendricks, ihr ein Paar Schritt entgegengehend und ihr die Hand reichend – »Sie sehen wohl und munter aus, und die Arkansas-Niederung scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen.«

»Danke Sir,« sagte das junge Mädchen, leicht erröthend, »ich habe ja auch, Gott sei Dank, noch kein Fieber hier gehabt; Pa und Ma aber desto mehr.«

»Bah, das richtet sich Alles ein,« brummte der Alte, »wenn man sich nur erst einmal ein Bischen an die warme feuchte Luft gewöhnt hat. Das Land hier ist aber desto besser. Seht einmal die Maiskolben an, Hendricks, ob Ihr je in Euerem Leben größere getroffen habt. So lange ich und mein Junge leben bleiben, hält auch der Boden aus; in dem ist kein Vergang.«

Das Gespräch kam jetzt auf die Fruchtbarkeit der verschiedenen Distrikte, in dem die Farmer unerschöpflich sind, und Betsy war indessen in das Haus gegangen, um den Frühstückstisch zu bestellen, denn die Mutter hatte wieder einen »Anfall« des ewigen kalten Fiebers und saß, sich schüttelnd, am Camin in der Ecke, die offenen zitternden Hände gegen die Flamme ausgebreitet.

Bei dem Frühstück, das übrigens frugal genug aus etwas gebratenem Speck, warmem Weisbrod und einem Becher Kaffee oder Milch bestand, erzählte nun auch der Gast seinen Wirthen, daß er gesonnen sei, den Petite Jeanne zu verlassen, denn man wohne dorten gewissermaßen aus der Welt. Er wollte deshalb herüber an den Fourche ziehen, wo er sich schon, ein Stück weiter oben einen Platz ausgesucht habe, um eine Dampfsägemühle aufzustellen. Er hatte, wie er bemerkte, eine Masse Vieh im Walde herumlaufen, das jetzt einen nie dagewesenen hohen Preis in Little Rock brachte. Dorthin wollte er es nun, ehe er wieder zur Armee ging, treiben und verkaufen und dafür eine auf Speculation nach der Stadt gebrachte Sägemühle erstehen, die in der jetzigen Zeit natürlich kein Mensch haben wollte noch auch gebrauchen konnte, und die er unter solchen Umständen – wie er sich auch schon erkundigt – zu einem Spottpreis bekam.

Der alte Jenkins nickte dazu beistimmend vor sich hin, denn was der junge Mann da vorrechnete, hatte Hand und Fuß, während sie Nichts nothwendiger in der range brauchten, wie gerade eine schon lang ersehnte Sägemühle, die auch wahrscheinlich vortreffliche Geschäfte machen würde. Das nur war ihm dabei etwas Neues, daß Hendricks so viel Vieh haben sollte, denn der alte Hendricks, der eine kleine Farm am Petite Jeanne angelegt hatte und fast gar Nichts selber arbeitete, denn er saß den ganzen geschlagenen Tag im Hause und las in der Bibel, war blutarm – so wenigstens erzählte man sich am Fourche-la-fave. Uebrigens bestand nicht viel Verbindung zwischen den beiden kleinen Flüssen. Nicht einmal ein Weg führte vom unteren Theil der Fourche-la-fave hinüber, und irrige Nachrichten konnten deshalb wohl recht gut verbreitet sein.

Der alte Jenkins dachte auch gar nicht daran, über die Verhältnisse eines Nachbars nachzugrübeln. Das war dessen Sache, und wenn sich der Sohn Geld erworben oder Vieh gezogen hatte, desto besser. Jenkins war wahrlich nicht neidischer Natur, um es ihm zu mißgönnen. Seine eigene Arbeit durfte er aber dabei nicht versäumen, und wie sie nun das Frühstück beendet, ging er wieder hinaus, um seinen Axtstiel fertig zu schnitzen und dann dem eigenen Sohn mit der corncrib zu helfen.

Jim Jenkins und sein Bruder Bill standen ebenfalls auf, aber es war in den Backwoods auch Gebrauch, daß ihnen der Gast nicht zu folgen brauchte, sondern noch eine Zeitlang zurück und bei den Frauen blieb, um sich mit diesen ein wenig zu unterhalten. Besuch kam ja so selten, und hatte dann jedesmal einen so weiten Weg zurückzulegen, daß man ihn doch nicht gut auf eine halbe Stunde beschränken konnte.

Die Mutter war aber kränker geworden und hatte sich auf das Bett in die entfernteste Ecke des Hauses gelegt, wo sie sich im Fieberfrost die Steppdecke über den Kopf zog. Betsy stand am Kamin und wusch das Geschirr auf. Hendricks, den Ellnbogen gegen den Simms gestützt, stand daneben. Die Unterhaltung war aber in's Stocken gerathen und selbst ein paar Fragen, die das junge Mädchen an ihn richtete, wurden so kurz und zerstreut beantwortet, daß sie endlich von ihrer Arbeit auf und ihn ansah.

Hendricks mochte in diesem Augenblick fühlen, daß er sich ungeschickt benommen, denn das Blut schoß ihm in die Schläfe – aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn schon im nächsten sagte er, wenn auch mit nur halblauter und fast unterdrückter Stimme:

»Miß Betsy, entschuldigen Sie mich – meine Gedanken waren mit mir durchgegangen, und ich glaube ich habe mich etwas albern benommen.«

»Sie haben gewiß nicht verstanden, was ich Sie frug,« lächelte das Mädchen.

»Nein – in der That nicht, aber erlauben auch Sie mir eine Frage –«

»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«

»Nun gut,« sagte Hendricks, und wie sich vorher sein Antlitz rasch und wie mit einem Schlag röthete, eben so schnell erbleichte es auch jetzt, so daß ihn Betsy, die sich sein wunderliches Betragen nicht erklären konnte, erstaunt und fast erschreckt ansah. Hendricks ließ ihr aber nicht lange Zeit, und nach einem halb scheuen Blick auf das Bett hinüber, wo er aber keinen Horcher zu fürchten brauchte, fuhr er leidenschaftlich, aber nicht laut fort: »Sie haben vorhin gehört, Betsy, daß ich mir in allernächster Zeit eine Heimath zu gründen gedenke – der Krieg kann kaum sechs Monat mehr dauern, dann kehre ich zurück und baue mir meine Cabin – wollen Sie mein Weib sein? Wollen Sie Ihr künftiges Loos in meine Hände legen? Ich gebe Ihnen die feste Versicherung, daß ich –«

»Halten Sie ein, Mr. Hendricks,« unterbrach ihn aber Betsy, und es war jetzt an ihr, zu erbleichen. Das Mädchen war in den wenigen Secunden so weiß geworden wie Schnee. »Ihr Antrag hat mich allerdings überrascht – ich war nach unserer flüchtigen Bekanntschaft nicht darauf vorbereitet – konnte es nicht sein, aber ich – muß Ihnen auch erklären, daß jedes weitere Wort unnöthig sein würde, denn – ich bin schon Braut.«

»Betsy?« rief Hendricks, und krampfhaft faßte er das Simms, an dem er bis jetzt gestanden, »das ist nicht möglich. – Vor kaum vierzehn Tagen war ich hier und ich weiß, daß Sie da noch frei waren. Sie wollen nur Zeit gewinnen, aber ich dränge Sie ja nicht – nur die Möglichkeit will ich von Ihren Lippen –«

»Und selbst die Möglichkeit kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Betsy leise, aber auch fest und entschlossen. »Ob ich glaube mit Ihnen glücklich leben zu können oder nicht, kommt hier nicht mehr in Betracht. Ich habe dem jungen Wells mein Wort gegeben, und sobald John sein neues Haus fertig hat, wird die Hochzeit sein. Die Zeiten sind so unruhig, daß ich meine Zustimmung zu einer so raschen Verbindung gab.«

Hendricks hatte seine Unterlippe fest mit den oberen Zähnen gefaßt, und sein Blick bohrte sich dabei so scharf in Betsy's Augen, daß diese ihn nicht ertragen konnte. Aber in diesem Blick lag keine Liebe, kein Schmerz, sondern nur Haß, und während sich ein höhnisches Lächeln über seine Züge legte, sagte er ruhig:

»Wenn die Sachen so stehen, Miß, dann möchte ich einer so glänzenden Verbindung allerdings nicht im Wege sein – der Sohn eines Halb-Indianers –«

»Mister Hendricks,« blitzte ihn aber jetzt das wieder voll auf ihn gerichtete Auge des Mädchens an – »Sie würden nicht den Muth haben, das meinem Bräutigam in's Gesicht zu sagen. Entfernen Sie sich jetzt augenblicklich oder ich rufe meinen Vater.«

»Ich werde Sie nicht länger belästigen, Miß,« sagte Hendricks kalt; »vielleicht habe ich einmal später die Freude, dem jungen glücklichen Paar meine Glückwünsche zu bringen. Mr. Wells zieht ja wohl nicht mit aus, um sein Vaterland zu vertheidigen – was ich ihm auch unter solchen Umständen nicht verdenken kann.«

Betsy's Blut kochte – ihre Lippen öffneten sich halb, ihre kleine Faust ballte sich. Hendricks aber dachte nicht daran, sie noch mehr zu reizen, die Nähe der Männer vor dem Haus war ihm auch vielleicht unbequem, und sich nur mit spöttischer Ehrfurcht vor ihr tief verneigend, drehte er sich ab, ging zu seinem Pferd, band es los, schwang sich in den Sattel, und den bei ihrer Arbeit beschäftigten Männern einen kurzen Gruß zurufend, sprengte er gleich darauf den schmalen Pfad entlang, der nach dem Fourche-la-fave hinüberführte.

»Na?« sagte Jim, der ihm erstaunt nachgesehen hatte, »der hat's ja auf einmal verdammt eilig. Was ist denn dem in die Krone gefahren, daß er davonschießt, als ob die Regulatoren hinter ihm her wären.«

Der Alte hatte sich ebenfalls aufgerichtet, und wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, fuhr sein Blick nach der eigenen Hausthür hinüber, ob er dort vielleicht eine Erklärung fände. Die Thür blieb aber leer; Betsy ließ sich nicht blicken und Jenkins, sich den einen Balken zurecht rückend, den er eben behauen wollte, sagte kopfschüttelnd:

»Laß ihn laufen. Es ist mir recht, daß Ihr Euch nicht in den Haaren liegt, denn Nachbarn sollen in Frieden beieinander wohnen. Sonst liegt mir aber an dem Umgang auch nicht gerade besonders viel; denn der alte Hendricks ist ein alter Heuchler, so viel ist sicher, und von dem jungen weiß ich eben Nichts. Komm Jim, faß einmal hier mit an, daß wir den Block da ein wenig mehr bei Seite schieben; komm Du auch her, Bill. Ich weiß nicht, mir ist es in's Kreuz hinein gefahren und die alten Knochen wollen nicht mehr so recht mit! Betsy mag auch eine Hand reichen; das Stück Holz ist mordmäßig schwer und wir wollen uns gerade keinen Schaden damit thun. He Betsy – oh Betsy – komm einmal einen Augenblick her, Schatz, und nimm die Stange hier. – Wenn sie die nur immer unterstemmt, daß er nicht wieder zurückfällt, können wir es schon machen.«

Betsy kam aus dem Haus, dem Ruf Folge leistend, aber das Mädchen sah so merkwürdig blaß aus, daß Jim erschreckt rief:

»Hallo Betsy, was fehlt Dir? Du bist krank, Schatz – siehst ja käseweiß im Gesicht aus. Geh nur wieder hinein, Dich können wir hier nicht gebrauchen.«

»Sagt mir nur, wo ich anfassen soll,« erwiederte das Mädchen ruhig, »mir fehlt Nichts, wenn ich auch vielleicht ein Bischen blaß aussehe.«

»Dir fehlt Nichts?« rief aber auch jetzt der Alte, der sie aufmerksam betrachtete, und dann unwillkürlich nach dem Weg hinübersah, auf dem Hendricks vor wenig Minuten davon geritten. – »Hat Dir der – gentleman etwa was gesagt?«

»Welcher gentleman, Pa?«

»Nun, der Mister Hendricks.«

»Das ist kein Gentleman,« sagte das junge Mädchen finster und fuhr nach einer kurzen Zögerung fort: »Ja – er hat mir seine Hand angeboten.«

»Hm,« brummte der Alte, »merkwürdig geschwind muß es gegangen sein, das ist wahr, aber als eine Beleidigung kann man das doch nicht eigentlich nehmen.«

»Ich hab's aber so genommen Vater, doch – laßt den – Burschen. Sagt mir wo ich mit anfassen kann, denn ich muß wieder zur Mutter hinein. Das Schütteln ist vorüber und sie bekommt jetzt ihr Fieber.«

Die beiden Männer wußten recht gut, daß aus der Betsy – wenn sie nicht reden wollte, Nichts herauszubringen sei. Der Alte betrachtete sie allerdings wohl noch eine Minute lang scharf und forschend, aber sie erwiederte den Blick nicht, und da war es denn das Beste, daß man sie eben ruhig zufrieden ließ. Er zeigte ihr deshalb jetzt, wie sie die Stange einsetzen und halten solle, und Betsy, nicht zum ersten Mal bei der Arbeit verwandt, brauchte auch keine lange Erklärung. In kurzer Zeit war der Stamm auf seinem Platz, und sie schritt dann wieder, ohne weiter ein Wort zu sagen, nach dem Haus zurück.

Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:

»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren könnte.«

»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu pflücken.

Drittes Kapitel.
Der erste Schlag.

Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die Ungewißheit quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.

Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.

Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.

Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten – nur vor der Hand zum Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm abzuschließen.

Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.

Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen der Unionstruppen befand.

Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg – freilich von etwas früherem Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber – das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.

Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer sicher zu sein.

Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.

Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur aufhalten zu können.

In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.

»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen – »ich bin mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«

Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«

»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«

»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger daheim aus – ich will hinauf in den Norden ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn thun will – das thut weh.«

»Und könnt' ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«

»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«

»Ich kann nicht Vater. – Sie gehen Alle.«

»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«

»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«

»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh – an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«

»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem Schmerz – »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den anderen Reihen sehen möchte.«

Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach – aber er sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und schwer in die Asche niedertropften.

»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh – Dein Pferd und Deine Waffen hast Du – was Du an Geld etwa brauchen solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«

»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«

»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.

»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen will.«

Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.

Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt und in Ordnung – und jetzt kam der Abschied – der furchtbare Abschied bei solcher Trennung.

Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne nur die Hand.

»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle, – »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie mit stürzen helfen.«

»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich bei Dir –«

»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde – »bei mir – Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen – so lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher –«

»Ich kehre zurück Vater – bald – Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze Dich.«

»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und sagte leise:

»Du mußt fort – Deine Zeit ist um – mach's kurz.«

Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er hinaus – reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.

Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.

Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach dem Norden oder Süden.

Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.

Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde, um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.

Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.

Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.

Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein? – Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der range gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.

Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet – ebenfalls Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden – eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am nächsten käme.

Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen zurückwiesen.

Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.

Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die regulairen Truppen des Nordens ließen diese – wenn sie einmal einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.

[2]: Das Wort ist jedenfalls von jay-bird – ein kleiner harmloser Waldvogel und hawk Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.

Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.

Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg anzutreten.

Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf Seite des Nordens.

Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot über den Arkansas. – Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich ja doch erfüllen – es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen Sohn anhetzte, – welche Rücksicht konnte da der Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten – wie sie fielen? – Nur Gott wußte es.

Viertes Kapitel.
Jay-hawking.

Wie still das am Fourche-la-Fave geworden war, als das sämmtliche junge Volk den kleinen Fluß verlassen hatte, wie merkwürdig still. Nur die alten Leute saßen noch auf ihren vereinzelten Farmen – nur die Frauen und Kinder, und die getrauten sich jetzt nur in seltenen Fällen hinaus in den Wald und vielleicht nur einmal nach der allernächsten Ansiedlung hinüber, denn der alte Browns, der oben in Missouri gewesen war, um zu sehen, wie es seinen dort wohnenden Kindern ging, hatte die eben nicht erfreuliche Nachricht mit an den Fourche gebracht, daß die Raubbanden dort und schon gar nicht mehr so weit vom Arkansas entfernt, mehr und mehr überhand nähmen, je mehr die nördlichen Truppen nach Süden herunterrückten, und dadurch auch das Gesindel vor sich her trieben.

Uebrigens waren auch hier schon fremde Gesellen gesehen worden, die sich allerdings nicht aufgehalten hatten, aber überall, und nur unter verschiedenen Vorwänden, die genauesten Erkundigungen über den hiesigen Stand der Bevölkerung einzogen. Bald gaben sie vor, sich hier niederlassen zu wollen, weil man hier so wenig von dem Bürgerkrieg spüre, bald forschten sie nach einem verloren gegangenen Verwandten, und wenn es nun auch im Character der Backwoodsmen selber lag, auf irgend einem Ritt die genauesten Fragen über Alles zu stellen, so waren die Leute doch durch den unsichern Zustand ihres ganzen Landes so beunruhigt, daß selbst vielleicht vollkommen unschuldige Nachfragen ihren Verdacht erwecken konnten.

Aber waren die Nachfragen auch wirklich so unschuldig gewesen? Eines Morgens kam der alte Smeiers auf seinem todtmüden abgehetzten Thier nach Perryville hineingeritten und brachte die Meldung, daß sich oben an seiner Farm verdächtiges Gesindel zeige. Drei von seinen besten Pferden fehlten zu gleicher Zeit und nur zwei von seinen sieben Milchkühen seien vorgestern Abend nach Hause gekommen. Es wäre möglich, daß ihnen ein Trupp dieser verdammten Jay-hawker einen Besuch zugedacht und deshalb besser gleich den ganzen Fourche-la-Fave aufzubieten, um den Wald abzusuchen und Feuer hinter die Schufte zu machen.

Er fand aber wenig Aussicht auf Hülfe in dem kleinen Städtchen, wohin eben die Nachricht gelangt war, daß jetzt Vicksburg, das Gibraltar des Südens, wirklich von den Yankees nach vielen furchtbaren Stürmen zwar und mit dem Verlust vieler Menschenleben, aber trotzdem genommen sei und man wußte noch gar nicht welchen Erfolg dieser, jedenfalls entscheidende Sieg des Nordens, auf die Kriegführung des Südens haben würde.

Außerdem fehlte es vollkommen an waffenfähiger Mannschaft um einen wirksamen Zug auszuführen. Wo hätten sie Leute hernehmen wollen, da man ja das ganze junge Volk hinweg und über den Mississippi hinüber gelockt hatte. Zeigten sich aber wirklich Jay-hawkers in der Nachbarschaft, wie konnte man dann das eigene Haus verlassen, um einem ungekannten Feind entgegen zu ziehen, der vielleicht in derselben Zeit den Fourche gekreuzt hatte und, solche Gelegenheit benutzend, die ganz unbeschützten Farmen überfiel?

Smeiers fand bald, daß er hier nicht auf Hülfe rechnen konnte, warf sich wieder auf sein kaum ausgeruhtes Pferd und suchte jetzt seine übrigen Bekannten auf, die ihm aber auch nur wenig Trost geben konnten.

Cooks Haus fand er ganz verödet, die junge Frau war mit dem kleinen Kind fortgezogen und kein Mensch auf dem ganzen Platz zurückgeblieben, der ihm hätte Nachricht geben können. Wells, einer seiner ältesten Freunde, hatte sich mit der Axt in den Fuß geschlagen und konnte nicht von der Stelle. Die Söhne waren fort. Wilson fand er wohl zu Haus aber ohne Munition. Er war gerade von Little Rock zurückgekehrt, wo die Regierung sämmtliche Munition mit Beschlag belegt hatte, so daß er nicht einmal Zündhütchen für seine Büchse bekommen konnte – und weiter hinab sah es genau so aus. Die wenigen alten Backwoodsmen, die noch auf den Farmen lebten, konnten gar nicht daran denken ihren Platz zu verlassen, und Klingelhöffer, auf den er fest gerechnet hatte, lag krank in seinem Bette und konnte nicht einmal gehen, viel weniger reiten.

Der ganze Fourche-la-Fave befand sich in der That in einem vollkommen schutzlosen Zustand, und die Nachricht schon, daß sich die allgemein gefürchteten Gesellen in der Nachbarschaft gezeigt, brachte die Frauen besonders in die furchtbarste Aufregung.

Das waren die Vorläufer der Yankees – so hieß es fast überall unter ihnen – mit Rauben und Brennen fingen die an, und wie sollte es nun erst werden, wenn das wirkliche Heer nachrückte und ihren stillen Wald mit seinen marodirenden Schwärmen überschwemmte.

Die Männer schüttelten freilich dazu mit dem Kopf, denn daß ein paar Pferde gestohlen wurden – nun ja, es wäre nicht das erste Mal in der Range gewesen, und in früherer Zeit hatten sie sich ja auch einmal zu einem Regulatorenbund zusammenthun müssen, um eine Bande übermüthig gewordener Schufte zu züchtigen und unschädlich zu machen. Aber seit sie selber jung gewesen, war das nicht wieder vorgekommen, und dann – was in Gottes Namen gab es denn in ihren ärmlichen Hütten zu stehlen, daß es die Habgier von Dieben hätte reizen können? Das Vieh, nun ja, aber das mußte auch bald seine Grenze haben, denn nach Little Rock durften sie sich nicht wagen es zu treiben, und um die Rinder etwa zu verzehren? lächerlich! mit eben so leichter Mühe konnten sie Hirsche und Truthühner genug im Walde schießen.