Der Musiknotendruck.

Einen ganz wesentlichen Anteil an dem Weltruhm Breitkopfs haben seine Verbesserungen des typographischen Musiknotendrucks. Der Umstand, dass die Buchdruckerkunst gleich bei ihren ersten Erzeugnissen auf die Bedürfnisse der Kirche geführt wurde, musste die Gedanken auf den Notendruck richten; doch war die Technik damals nicht so weit vorgeschritten, dass man an die Überwindung der durch die Verbindung des Druckes der horizontalen Linien und der vertikalen Notenzeichen entstehenden Schwierigkeiten denken konnte. Man musste deshalb beim Drucken des Textes Raum lassen, für die nachträglich einzuschreibenden Noten. Später wurden Linien und Text rot gedruckt, die Choralnotenköpfe eingezeichnet, teilweise auch mit der Hand durch Stempel einzeln aufgedruckt oder das Ganze in Holz geschnitten. Das erste mit Holzschnitt-Choralnoten gedruckte Buch ist das bei Hans Froschauer in Augsburg erschienene Lilium Musicae planae des Michael Kiensbeck aus dem Jahre 1473. Die ersten Proben von Figuralmusik in Holzschnitt kommen in einem Werke des Nic. Burtius vor, gedruckt von Hugo de Rugeriis in Bologna 1487.

Noten in Holzschnitt.

Solche in Holz geschnittene Noten wurden noch benutzt, nachdem das Verfahren mittels beweglicher Choralnotentypen zu drucken erfunden war, z. B. in den Liederbüchern Luthers. Wann und wo der Versuch mit letzteren zuerst geschah ist nicht zu ermitteln, denn das Verfahren wurde ziemlich gleichzeitig an vielen voneinander sehr entfernten Orten, z. B. um das Jahr 1488 in Basel, geübt.

Oct. dei Petrucci.

Hat es nun auch Choralnotentypen vor der Erfindung des typographischen Druckes der Figuralmusik gegeben, so ist es doch unzweifelhaft, dass letzterer eine Erfindung des Octaviano dei Petrucci aus Fossombrone war[206]. Dieser, von edlen jedoch armen Eltern geboren, kam als Buchdrucker nach Venedig. Im Jahre 1498 erhielt er seitens des Senates ein Patent auf Druck von mehrstimmiger Musik für „Gesang und Laute“, dem später ein ähnliches des Papstes Leo X., datiert 1513, folgte. Sein erster Notendruck war harmonice musices Odhecaton 1501. Er entwickelte eine so grosse Thätigkeit, dass er bereits in den Jahren 1501–1507 zwanzig verschiedene Werke gedruckt hatte. Unvermögenheit veranlasste ihn den Betrieb seiner Druckerei den thätigen Buchhändlern Amad. Scotti und Nic. da Raphael zu überlassen.

Petruccis System.

Petruccis System war auf Doppeldruck gegründet. Die Linien bestanden aus Stücken in der Grösse der Formatbreite. Die Noten wurden für sich gesetzt und auf die Linien gedruckt. Die Genauigkeit der Typen ist eine grosse und der Druck, besonders der Linien, ein vorzüglicher. In allen Ausgaben Petruccis sowie seiner Nachfolger für lange Zeit wurden die einzelnen Stimmen für sich meist nebeneinander gedruckt, für den Druck von Partitur-Ausgaben war man damals technisch noch nicht weit genug fortgeschritten.

Andere Notendrucker.

Den Druck mit Typen, in welchen jedes der Notenzeichen zugleich mit einem Stück des Liniensystems verbunden war, so dass nur ein Druck notwendig und die Schwierigkeit des Passens der Formen umgangen ward, führte Erhard Oeglin in Augsburg zum erstenmale vor in: Melopoiae sive Harmoniae tetracenticae 1507. Peter Schöffer in Mainz übte das Verfahren 1511.

Pierre Hutin.

In Frankreich schnitt der Graveur und Drucker Pierre Hutin 1527 die ersten derartigen Noten, mit welchen Pierre Attaignant in Paris und Tylman Susato in Antwerpen druckten. Bei allen diesen Versuchen waren die Notenköpfe noch eckig. Von diesen wurde zum erstenmale in den Werken des päpstlichen Kapellmeisters Eleazar Genet genannt Carpentras abgewichen. Als der genannte in seinen alten Tagen in Avignon seine Kompositionen drucken lassen wollte, veranlasste er Stephan Briard aus Bar-le-duc, Typen, welche die Handschrift nachahmte, zu schneiden. Jean de Channay in Avignon druckte damit 1532 das erste Liber primus Missarum Carpentras. Die Neuerung fand jedoch keine Folge.

Venedig blieb lange Zeit das Zentrum für den Musiknotendruck und den Musikalienverlag. Die bedeutendste Firma war die der Familie Gardano, die von 1536 ab bis tief in das XVIII. Jahrhundert blühte und die Werke Palästrinas verlegte.

Notendruck in Deutschland.

In Deutschland wurden nicht nur Originale gedruckt, sondern auch alles „Gangbare“ des Auslandes nachgedruckt. Hieronymus Formschneider schnitt gute Notentypen. Der bedeutendste Notendrucker des XVI. Jahrh. war Adam Berg in München, Verleger der Werke Orlando Lassos. Fast alle seine Drucke, bei denen er die Unterstützung des musikliebenden Herzogs von Bayern genoss, sind Prachtausgaben in Folio. Sein Hauptwerk ist das: Patrocinium musices aus 1573. Als das bedeutendste Werk aus dem XVI. Jahrhundert muss das von Nic. Heinrich in München gedruckte Magnum opus musicum genannt werden. In dem XVII. Jahrhundert war namentlich Gimel Bergen in Dresden thätig.

Frankreich.

In Frankreich lieferte Guillaume le Bée um 1550 vollkommenere Noten als die Hutins, deren sich Rob. Ballard und dessen Schwager Adrian le Roy bedienten. Die Familie Ballard, welche die Noten le Bées für die hohe Summe von 50000 Livres erwarb, war die bedeutendste Musikfirma nicht nur in Frankreich und erwarb sich namentlich durch die Herausgabe der Werke Lullys Weltruf. Sie druckte die Partituren fast aller französischen Opern und hielt sich beinahe 200 Jahre in Ansehen.

Englands Anteil an dem Musiktypendruck war kein bedeutender. John Day wandte um 1560 die verbesserte Methode an. Thomas Este (um 1600) brachte sehr elegante Drucke.

Verfall des Notendruckes.

Um 1725 war der musikalische Typendruck, dessen Wesen überhaupt seit Petrucci wenig fortgeschritten war, ganz in Verfall geraten und der Kupferdruck hatte dessen Platz eingenommen. Als letzte bedeutende Erscheinung können die in Venedig bei Domenico Lovisa in acht, mit allem, damals zugebote stehenden Luxus ausgeführten Foliobänden gedruckten Fünfzig Psalmen von Benedetto Marcello bezeichnet werden. —

Aus dem Gesagten geht hervor, dass es unrichtig ist, wenn Breitkopf, wie es gewöhnlich geschieht, als Erfinder des typographischen Notendruckes genannt wird, dagegen bleibt ihm, was ihm wieder von verschiedenen Seiten streitig gemacht worden ist, die Ehre, dem typographischen Notendruck eine solche Gestaltung gegeben zu haben, wie er sie noch heute hat. Die Bedeutung dieser That würde eine noch grössere Tragweite haben, wenn nicht die Erfindung der Lithographie und der lithographischen Schnellpresse in dem Notendruck und dem Musikalienverlag eine gewaltige Umwälzung zur Folge gehabt hätte.

Am allertiefsten fast stand vor Breitkopf der Notendruck in Leipzig; selbst die Arbeiten sonst verdienter Männer als Wolfg. Stöckel und Abr. Lamberg sind äusserst mangelhaft. Die Kolumnen sahen mit ihren unendlich vielen, jämmerlich zusammengesetzten Linienstücken vollständig gequirlt aus.

Breitkopfs Noten.

Da erschien im Jahre 1755 bei Breitkopf „Sonnet auf das Pastorell Il trionfo della fedelta“, ein Versuch, der bereits wenig zu wünschen übrig liess, doch ist die umfangreiche (283 S. in qu. fol. umfassende) Tondichtung der Kurfürstin Marie Antonie von Sachsen Il trionfo della fedelta selbst noch geeigneter, die Vorzüge von Breitkopfs Leistungen ins helle Licht zu setzen. In der Schlussschrift heisst es: „Stampato in Lipsia; nella stamperia di Giov. Gottlob Immanuel Breitkopf, Inventore di questa nuova maniera di stampar la Musica con Carratteri separabili e mutabili. E questo Dramma Pastorale la prima opera stampata di questa nuova guisa; comminciata nel Mese di Luglio 1755, e terminata nel mese d'Aprile 1756[207]“.

Der bewegliche Geist Breitkopfs liess ihn jedoch nicht bei solchem Siege Beruhigung fassen, sondern trieb ihn ein Feld zu bebauen, wobei man zwar volle Gelegenheit hat, seine Fähigkeiten zu bewundern, jedoch nicht ohne eine Beimischung des Bedauerns, dass dieselbe so unfruchtbaren Arbeiten zugewendet wurden.

Landkartensatz.

Zuerst wollte er die Herstellung der Landkarten der Buchdruckerei zuweisen. Die Berechnung aller der wellenförmigen Linien der verschiedensten Art für Terrainzeichnung; die Notwendigkeit, die Schrift kreuz und quer nach allen Richtungen hin zu setzen; kurz, alle die Schwierigkeiten, die eine Kartenzeichnung darbietet, machen die typographische Ausführung, wennauch nicht geradezu unmöglich, doch so schwer, dass die Kosten sich nicht in der Praxis erschwingen lassen. Dies fühlte wohl Breitkopf bald selbst, wie aus seiner 1777 herausgegebenen Broschüre: „Über den Druck der geographischen Karten“ hervorgeht, und die darin enthaltenen Proben würden überhaupt kaum an das Tageslicht getreten sein, wenn er sich nicht von dem sein Ehrgefühl verletzenden Verdacht hätte reinigen wollen, dass er mit seiner Erfindung später als Haas in Basel mit der seinigen gekommen sei.

Satz figürlicher Gegenstände.

Diesem Verdacht tritt er mit Entrüstung entgegen und kritisiert streng den Haasschen Versuch, den er „mehr ein opus musivum als typographicum“ nennt, „mit Thon und gekautem Papier nachgeholfen, wie man dergleichen schon längst in der Druckerei kennt“ (vgl. Kap. XIV). In demselben Jahre folgte noch „Die Beschreibung des Reichs der Liebe“ mit einer Karte; 1799 „Der Quell der Wünsche“ ebenfalls mit einer Karte, die beide als eine glückliche Lösung seiner Aufgabe nicht betrachtet werden können. Immerhin ist Breitkopfs typographischer Scharfsinn doch sehr zu bewundern, und seine kartographischen Versuche bleiben typographische Reliquien von hohem Wert. Der Satz, der noch heute erhalten ist, beseitigt jeden Verdacht, als sei durch Feile, Messer, unregelmässigen Ausschluss oder in anderer Weise nachgeholfen; alle Stücke sind streng systematisch und einfach, wie in jedem anderen Satz, an einander gereiht.

Chinesische Schrift.

Obgleich Breitkopfs klarer Verstand ihm sagte, dass er auf diesem Wege keine grossen praktischen Erfolge erzielen würde, so veranlasste ihn doch sein etwas hartnäckiger Charakter, sogar noch weiter zu gehen: er wollte es noch möglich machen, Porträts mit Typen herzustellen. Die Strichlagen des Kupferstechers liessen ihn glauben, durch parallel laufende Linienstücke das Ziel erreichen zu können. Seine Proben hat er nicht veröffentlicht, wer aber die neuesten Arbeiten Moulinets und anderer Meister in diesem Genre kennt, kann sich leicht von dem, was erreicht werden konnte, ein ungefähres Bild machen. Zwar gehören alle solche Versuche den Gebieten des an und für sich Unpraktischen an, wir können sie dennoch so wenig wie die späteren Stigmatypien Fasols als wertlos für die Fortbildung der Typographie bezeichnen.

Die Beschaffung des chinesischen Satzes mit beweglichen Lettern war eine der Aufgaben, die sich die Typographie gestellt hatte. Sowohl die französische als die päpstliche Regierung hatten darauf viel Geld unnütz verwendet. Die grosse Anzahl der Schriftzeichen machte die Anfertigung der Typen kostspielig und die Ähnlichkeit der Charaktere unter einander den Satz zu einem äusserst schwierigen. Indes, Breitkopf löste seine Aufgabe und sandte sofort eine allerdings nicht sehr ansprechende, im J. 1789 der Öffentlichkeit übergebene Probe an den Papst, der ihm durch den Kardinal Borgia in sehr schmeichelhaften Ausdrücken danken liess. Aber auch bei dieser Erfindung unterblieb die praktische Ausbeutung. Ein holländischer Verleger unterhandelte zwar mit Breitkopf über das Setzen eines chinesischen Textes in Leipzig, die Verhandlungen führten aber nicht zu einem Resultate.

Typographische Ornamentik.

Nun wollte Breitkopf auch mathematische Figuren mit beweglichen Typen setzen, ein Gedanke, der bei der Billigkeit des einfachen Holzschnittes keine grossen Erfolge in Aussicht stellen konnte und auch nicht zur Verwendung kam.

Schriftgiesserei.

Schliesslich wendete er seine Aufmerksamkeit darauf, die Verzierungen, die nach und nach den höchsten Grad von Ungeschmack erreicht hatten, durch geschmackvollere zu ersetzen. Zu diesem Zweck liess er gute ältere Vorbilder nachahmen und in Holz schneiden.

Auch das Giessen und das Drucken haben ihm Verbesserungen zu verdanken. Seine Giesserei war wegen der Vortrefflichkeit der Metall-Legierung berühmt. Einen Beweis für die Güte liefert die Reinheit der Abdrücke, die nach Verlauf von hundert Jahren von dem vorhandenen Landkartensatze gemacht wurden. Die Giesserei arbeitete mit vierzig Leuten und zwölf Öfen und sandte ihre Schriften nach allen Ländern der Welt. Dagegen misslangen eine von ihm angefangene Spielkartenfabrik und eine Tapetenfabrik, obwohl die Muster von dem besten Geschmack zeugen. Breitkopf war eben ein Erfinder, nicht aber in gleichem Masse für die pekuniäre Ausbeutung der Erfindungen geschaffen.

Sittliche Reformen.

Einem so feingebildeten Mann wie Breitkopf konnten die handwerksmässigen Roheiten, die mit der Lossprechung eines Lehrlings verbunden waren (I, 165), selbstverständlich nicht zusagen. Er schaffte deshalb die bei solchen Gelegenheiten üblichen scenischen Aufführungen ab und beschränkte sich darauf, den symbolischen Sinn der Marterwerkzeuge erklären zu lassen und in einer sinnigen Rede den Losgesprochenen über seine Rechte und Pflichten zu belehren. Solche Änderungen und Neuerungen, die auf das Beschränken der Völlerei und des Feierabendmachens abgesehen waren, fanden jedoch begreiflicherweise keine Gnade bei den Gehülfen, und man ging anfänglich so weit, die bei Breitkopf Ausgelernten nicht für voll anerkennen zu wollen, doch bahnten sich Vernunft und Sitte schliesslich ihren Weg.

Schriftstellerische Arbeiten.

Wie viele seiner technischen Pläne und Experimente, so blieben auch manche seiner schriftstellerischen Arbeiten nur Entwürfe. Um seinen Hauptplan, eine grossartig angelegte Geschichte der Buchdruckerei gründlich durchführen zu können, hatte er mit vieler Sorgfalt und mit grossen Kosten eine Bibliothek von Werken über Buchdruckerkunst und Proben von den Leistungen derselben gesammelt. Durch eine Reihe von Jahren legte er Kollektaneen an, hatte auch einige Partien des Werkes ausführlicher ausgearbeitet. 1779 erschien seine Broschüre „Über die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst“, welche den breit angelegten Plan seines Werkes entwickelte. Es folgte dann 1784 einer der durchgearbeiteten Abschnitte: „Versuch über den Ursprung der Spielkarten“. Erster Teil. Der zweite Teil wurde nach Breitkopfs Tode von J. C. F. Roch 1801 herausgegeben, welcher in der Vorrede darüber klagt, dass die hinterlassenen Notizen Breitkopfs nicht derart beschaffen seien, dass eine grössere Ausbeute daraus erwachse. Breitkopfs reger Geist führte ihn während der Arbeit immer weiter; die Noten überwuchern den Text. Er wollte alles, was ihn interessierte, auch ausführlicher bearbeiten, und so haben wir zu bedauern, dass wir nur einige, wenn auch sehr wertvolle Bruchstücke erhielten, statt einer vollständigen, noch heute nicht vorhandenen Geschichte der Buchdruckerkunst, die zu schreiben er, wie kaum ein zweiter, fähig gewesen wäre, wenn er nur die Kunst, sich zu beschränken, besser verstanden hätte.

Breitkopfs Tod.

Breitkopf starb am 28. Jan. 1794 und hinterliess seine Buchdruckerei als eine der am reichsten ausgestatteten wenn nicht gar als die reichste der Welt. Sie besass gegen 400 verschiedene Schriftgattungen, 16 Sorten Noten, einen grossen Vorrat von Vignetten und beschäftigte 120 Arbeiter. Das Geschäft wurde von dem Sohne Christoph Gottlob fortgeführt, der sich im Jahre 1796 mit Gottfried Christoph Härtel assoziierte. Die jetzige Firma Breitkopf & Härtel.Breitkopf & Härtel datiert aus dem Jahre 1798. Härtel war zwar kein gelernter Buchdrucker, stand jedoch dem Geschäft in vortrefflichster Weise vor. Er liess durch Schelter griechische Typen nach R. Härtel
Dr. H. Härtel † 5. Aug. 1875.
Bodoni und Antiquaschriften nach Levrault schneiden und gründete auch eine Steindruckerei (1805). Nach dem Tode Härtels (am 25. Juli 1827) trat zuerst der jüngere Sohn Raymund Härtel, später (1835) der ältere Dr. jur. Hermann Härtel in das Geschäft. Sie brachten dasselbe, das während ihrer Minderjährigkeit etwas zurückgegangen war, bald wieder zur alten Blüte.

Der etwas altersgrau gewordene „goldene Bär“ wurde 1867 verlassen und ein neues immenses Geschäftshaus bezogen, wo es jedoch auch bald zu eng geworden wäre, hätte die Firma nicht ihre Pianofortefabrikation aufgegeben. Am 27. Januar 1869 beging das verjüngte Geschäft die Feier seines 150jährigen ruhmvollen Bestehens. Es arbeitet mit 30 typographischen und lithographischen Schnellpressen, 18 Handpressen und gegen 400 Arbeitern.

Als Musikverleger hält das Haus den alten Ruhm aufrecht. Das bis Ende 1878 ergänzte Musikverzeichnis umfasst in mehr als 15000 Werken das gesamte Gebiet der Musik, wie auch deren Litteratur und Pädagogik nach allen Seiten hin vertreten ist. Nach dem Ausscheiden Raymund Härtels im Jahre 1879 sind seine Neffen W. Volkmann und Dr. O. Hase die Chefs des Hauses.

G. J. Göschen * 1752.

Auf der Grenze des XVIII. und XIX. Jahrhunderts wirkte Georg Joachim Göschen[208], aus Bremen gebürtig. Seine Jugend verbrachte er in ärmlichen Verhältnissen. Drei Jahre lebte er in einer Pension bei einem Schullehrer in Arbergen, einem Dorfe bei Bremen, wo der Vater des bekannten Gelehrten Heinr. Ludw. Heeren Pastor war und Göschen zugleich mit seinem eigenen Sohne Unterricht erteilte. Nach überstandener Lehre erhielt er eine Stelle in Leipzig in der Crusiusschen Buchhandlung, die er 13 Jahre mit Erfolg bekleidete. Dann ging er nach Dessau, wo in ihm der Entschluss reifte, sich in Leipzig zu etablieren. Das Glück war dem strebsamen Manne hold, er trat nach und nach in Verbindung mit den besten Autoren und verschaffte sich rasch einen angesehenen Namen.

Um eine Prachtausgabe von Wielands Werken mit lateinischen Lettern zu drucken, fasste Göschen den Plan, selbst eine Buchdruckerei zu errichten, da die vorhandenen Druckereien seine Forderungen nicht erfüllen konnten. Das war aber in der damaligen Blüte des Innungswesens keine leichte Sache, da Göschen nicht gelernter Buchdrucker war. Er musste in seinem Konzessionsgesuche, welches am 4. Mai 1793 bewilligt wurde, geltend machen, dass er nur „mit lateinischen Lettern nach Didot“ drucken wolle, dass jedoch diese in Leipzig nicht vorhanden wären, und dass seine Typen noch schöner seien als die von Unger in Berlin, wodurch Leipzigs Buchdruckerruhm steigen würde; ausserdem wolle er nur für sich drucken und sogar nur solche Artikel seines Verlages, die Andere nicht ausführen könnten. Nichtsdestoweniger wurde von seiten der Innung mit allen Kräften gegen ihn gearbeitet; man hatte wohl das Gefühl, dass ein Mann von Göschens Geist, wenn er einmal sich der Typographie gewidmet hatte, nicht bei den „lateinischen Typen nach Didot“ stehen bleiben würde.

Prachtausgaben.

Er schritt nun an sein grosses Vorhaben, eine Gesamtausgabe von Wielands Werken zu liefern, die etwas noch nicht dagewesenes sein und in vier Gestalten erscheinen sollte. Von der Prachtausgabe in 42 Bänden in 4°, mit Antiqua gedruckt und mit 36 Kupfern geschmückt, kostete ein Exemplar 250 Thlr. Den 1794 in Leipzig anwesenden Wieland liess Göschen unter festlichem Gepränge den ersten Band von jungen, Genien vorstellenden Damen überreichen, während die Muse Wielands Haupt mit einem Lorbeerkranze schmückte. Auch von Klopstocks Werken wollte Göschen eine ähnliche Ausgabe veranstalten; sie blieb jedoch unvollendet. Bedeutende Leistungen seiner Buchdruckerei sind die, ebenfalls nicht vollständig gewordenen Prachtausgaben des Wolfschen Homer, sowie die Griesbachsche Ausgabe des Neuen Testamentes. Die Ausstattung aller dieser Werke ist die prachtvollste und sorgfältigste, ohne jedoch einen recht befriedigenden Eindruck zu machen. Die Antiquaschriften trafen den Geschmack des Publikums nicht und auch die griechischen Schriften sind charakterlos, der Satz des Homer ausserdem unschön weitläufig.

Um den erwähnten Beschränkungen in seinem Geschäftsbetrieb zu entgehen, hatte Göschen seine Buchdruckerei nach Grimma verlegt, in dessen Nähe er das Gut Hohnstädt besass, auf welchem er, 75 Jahre alt, am 5. April 1828 starb. Er hatte bis in sein hohes Alter seine volle Geistesfrische erhalten und sie durch seine grosse Wirksamkeit als Verleger bethätigt.

Fr. A. Brockhaus * 4. Mai 1772, † 20. Aug. 1823.

Von hervorragender Bedeutung für das Buchgewerbe im allgemeinen, wenn auch weniger für die Typographie war Friedrich Arnold Brockhaus.

Etablissement in Amsterdam.

Sohn eines Kaufmanns in Dortmund, lernte er die Handlung in dem väterlichen Geschäfte und lag später den Studien ein Jahr lang in Leipzig ob. Im Jahre 1798 eröffnete er in Verbindung mit zwei Genossen ein englisches Manufakturwarengeschäft in Dortmund, welches er nach Trennung von seinen Teilhabern, von welchen der eine einen traurigen Einfluss auf die ganze Zukunft Brockhaus' üben sollte, 1802 nach Amsterdam verlegte und 1805 aufgab, um sich einem buchhändlerischen Geschäft unter der Firma Rohloff & Co. zu widmen, welche Firma 1810 in Kunst- und Industrie-Comptoir geändert wurde und erst 1814 in F. A. Brockhaus überging.

Bei einem Besuche der Leipziger Michaelismesse im Jahre 1808 erwarb er das begonnene aber ins Stocken geratene Konversations-Lexikon, ein Unternehmen, welches bestimmend für seine ganze geschäftliche Zukunft werden sollte.

Altenburg und Leipzig.

Veranlasst durch den Tod seiner geliebten Frau und durch die Franzosenherrschaft in Holland siedelte Brockhaus im Jahre 1810 nach Altenburg über und verkaufte 1811 das Amsterdamer Geschäft an Johannes Müller. In Altenburg weilte er bis 1817, um dann, nachdem er zwischen Dresden und Leipzig geschwankt hatte, am letzteren Orte sich bleibend niederzulassen und das in Altenburg bereits nach grossen Dimensionen betriebene Verlagsgeschäft in noch grössere Bahnen zu lenken.

Das Konversations-Lexikon.

Seinen Scharfblick für die Bedürfnisse der Zeit, verbunden mit einer thatkräftigen patriotischen Gesinnung bekundete er durch viele Unternehmungen. Der Eckstein des ganzen grossen Gebäudes blieb jedoch das Konversations-Lexikon. Der Anfang hierzu war bereits um das Jahr 1793 von Dr. Renatus Gotthelf Löbel gemacht. Dieser verband sich mit einem Advokaten Chr. Wilh. Franke zu der Herausgabe; für die buchhändlerische Durchführung wurde Aug. Leupold ausersehen. Das Werk hatte jedoch keinen grossen Erfolg und die Unternehmer verkauften es an Leupold. Nach vielen Schicksalen kam es noch vor dem Erscheinen des sechsten (Schluss-) Bandes an Brockhaus, der nun mit seiner gewohnten Energie an die Vollendung und Umarbeitung ging[209].

Druckerei.

Mehr und mehr fühlte Brockhaus das Bedürfnis über eine eigene Druckerei disponieren zu können und hatte zuerst den Gedanken, diese in Altenburg zu errichten, wovon er jedoch zurückkam. Anfang des Jahres 1818 eröffnete er nun eine Offizin mit drei hölzernen Pressen, zu welchen bald noch weitere vier kamen. Die Innung legte Protest ein, weil Brockhaus kein gelernter Buchdrucker sei. Da musste sein Freund Teubner aushelfen und durch Verkauf, Rückkaufsvertrag etc. etc. wurde es Brockhaus möglich, faktisch seinen Willen durch die Errichtung einer „zweiten Teubnerschen Buchdruckerei“ durchzusetzen, bis der Sohn Friedrich, der bei Vieweg in Braunschweig gelernt hatte, am 21. Okt. 1820 die Konzession als Buchdrucker erhielt.

Die Schnellpresse.

Merkwürdig genug, dass ein Mann, begabt mit dem weiten Blick Brockhaus' und so gewohnt, pekuniäre Schwierigkeiten zu überwinden, sich die Ehre nehmen liess, als erster die Schnellpresse in Deutschland zur Anwendung zu bringen; dies um so mehr, als er die Sache scharf ins Auge genommen hatte und die Wichtigkeit der Schnellpresse vollständig erfasst hatte, wie aus einer Korrespondenz zwischen ihm und König & Bauer, die auch ein interessantes Streiflicht auf Königs weiten Geschäftsblick wirft, hervorgeht[210]. Bereits am 7. November 1818 wandte er sich an König & Bauer, um Näheres über die Leistungsfähigkeit der Schnellpresse zu erfahren, indem er betonte, dass 25 Handpressen nicht imstande gewesen, die Hälfte des Lexikons, fünf Bände in 12000 Auflage, innerhalb fast eines Jahres zu liefern, und dass die Arbeiter bei der Einförmigkeit der Arbeit ermüdeten und zuletzthin nur schlechte Arbeit lieferten. König & Bauer beleuchten in ihrer Antwort, dass 2–3 Schnellpressen genügen würden, um 25 Handpressen zu ersetzen, und dass trotz des Anlagekapitals von 15000 Gulden für jede Schnellpresse grosse Ersparnisse eintreten müssten. Sie machten dabei Brockhaus einen eigentümlichen Vorschlag, dass er seine Druckerei nach Oberzell verlegen sollte. Sie hätten noch Raum genug für eine Druckerei von 70 bis 80 Setzern und die nötigen Maschinen, welche durch Wasser betrieben werden könnten, auch enorme Trockenböden ständen zur Disposition. Da das Papier aus Bayern und Franken bezogen werden würde, könnten die Transportkosten demnach zum grossen Teil gespart werden, ja, sie selbst gingen mit der Idee um, eine englische Papiermaschine zu bauen, um gutes Papier zu liefern, „das deutsche Papier“, heisst es, „ist doch ein Schandartikel, womit kein englischer Buchhändler vor das Publikum zu kommen sich unterstehen dürfte“. Der Brief schliesst: „Was sagen Sie zu dieser seltenen Vereinigung von Mitteln für grosse litterarische Unternehmungen, in einen kleinen Raum zusammengedrängt? Vielleicht liesse sich zwischen unseren und Ihren Plänen, unseren und Ihren Mitteln eine Verbindung ausmitteln, die beiden Parteien vorteilhaft wäre“.

Hätte dieser Vorschlag einige Jahre früher gemacht werden können, wer weiss wozu das geführt haben würde. Jetzt antwortete Brockhaus und zwar erst nach einem halben Jahre, ablehnend, er wollte die Ausführung seiner Gedanken die Schnellpresse anzuschaffen seinem Sohne überlassen.

König liess trotzdem die Sache nicht fallen und machte im Juni 1819 den Vorschlag, „zu dessen Annehmen offenbar viel weniger Mut gehört, als Sie Ihren übrigen Unternehmungen nach zu urteilen besitzen“, auf ihre Kosten zwei Schnellpressen in Leipzig zu Brockhaus' ausschliesslichem Gebrauch aufzustellen, in Betrieb zu halten und nach 10 Jahren an Brockhaus unentgeltlich zu überlassen, wenn er auf 10 Jahre hinlängliche Beschäftigung garantieren wollte und zwar gegen um 25% wohlfeilere Druckpreise, als sie ihm in seiner eigenen Druckerei zu stehen kämen. Aber auch diesen Antrag lehnte Brockhaus ab, obwohl er nach seiner Angabe über fünfzig eigene und fremde Pressen beschäftigte. So kam es denn, dass Brockhaus' Offizin und Leipzig überhaupt erst 1826, drei Jahre nach Friedrich Arnolds Tod, in Besitz einer Schnellpresse kam, welche von den Arbeitern mit Demolierung bedroht wurde, die in Leipzig, wie anderswo, noch nicht einsehen gelernt hatten, dass sie hiermit nur gegen ihr eigenes Fleisch und Blut wüteten.

Der Verlag.

Neben dem Konversations-Lexikon pflegte Brockhaus mit besonderer Vorliebe den journalistischen Verlag, repräsentiert durch Okens „Isis“, „Zeitgenossen“, „Leipziger Kunstblatt“, „Hermes“ und „Litterarisches Wochenblatt“, die alle, mit Ausnahme des letzteren, welches noch als „Blätter für litterarische Unterhaltung“ besteht, kein langes Leben hatten. Auf seinen reichhaltigen sonstigen Verlag kann hier nicht näher eingegangen werden.

Tod Fr. Arn. Brockhaus'.

Die angestrengteste Geschäftsthätigkeit, die damit verbundenen Sorgen, zu welchen sich der bereits angedeutete ärgerliche, immer wieder auftauchende Streit von Dortmund her kam; seine fortwährenden Zensurkämpfe namentlich mit der preussischen Regierung; verdriessliche litterarische Händel, die durch sein heftiges Temperament genährt wurden; die Not, welche ihm Konkurrenz und Nachdruck des Lexikons verursachten, rieben seine Kräfte vor der Zeit auf, und brachten ihn um den ruhigen Genuss seines unermüdlichen Schaffens. Seine Gesundheit war untergraben. Obwohl im November 1822 dem Tode nahe und bereits allgemein totgesagt, erholte er sich wieder, unterlag jedoch einem neuen Anfall am 20. Aug. 1823[211].

Fr. Brockhaus † 15. Aug. 1865.

Das umfangreiche verwickelte Geschäft wurde von den jungen Söhnen Friedrich und Heinrich Brockhaus fortgesetzt. Friedrich hatte, wie schon erwähnt, die Leitung der Buchdruckerei übernommen, welche 1823 10 Holzpressen beschäftigte. Im Jahre 1833 wurde eine Stereotypie eingerichtet, 1836 die Walbaumsche Schriftgiesserei erworben (S. 283). Friedrich war eifrig bemüht, der Buchdruckerei die Superiorität in dem in den vierziger Jahren aufblühenden Illustrationsdruck zu sichern, und scheute keine Opfer, um den Vergleich mit dem Auslande aushalten zu können. Die ersten epochemachenden illustrierten Werke: Vernets „Napoleon“, Menzels „Friedrich der Grosse“, die „Illustrirte Zeitung“ wurden unter der Leitung Friedr. Brockhaus' gedruckt, der sich am 1. Januar 1850 von dem Geschäft zurückzog.

H. Brockhaus * 4. Febr. 1804, † 15. Novbr. 1874.

Heinrich Brockhaus leitete die Buchhandlung. Er war ein mit einer ausserordentlichen Arbeitskraft und grossem Organisationstalent begabter Mann von unabhängiger Gesinnung. Am 4. Mai 1872 konnte er mit Genugthuung den hundertjährigen Geburtstag des Gründers begehen, denn das Etablissement war in seiner Art eines der vielseitigsten der Welt und in Wahrheit ein Universalgeschäft geworden, das mehr als 600 Personen beschäftigte. Der mit grösster Sorgfalt von Heinrich Brockhaus herausgegebene, 1148 Seiten starke Verlagskatalog verzeichnete damals bereits 2552 Artikel in 5851 Bänden. Als Teilnehmer waren die Söhne Heinrichs, Dr. Eduard und Rudolf Brockhaus, eingetreten. Heinrich Brockhaus, von der Universität Jena zum Ehrendoktor, von der Stadt Leipzig zum Ehrenbürger ernannt, starb am 15. November 1874[212].

Das Konversations-Lexikon bildet immer noch den Mittelpunkt des grossen Verlags und der Einfluss, welchen dieses jetzt in der 13. Auflage erschienene Werk auf die allgemeine Bildung geübt hat, ist ein grosser. Der Bilderatlas zum Konversations-Lexikon, 2. Aufl., ist ein Werk, wie es nur in einem Universalgeschäft, das über alle Arten der technischen Herstellungsmethoden gebietet, in solcher Weise durchgeführt werden konnte.

B. G. Teubner * 16. Juni 1784, † 21. Jan. 1856.

Benedictus Gotthelf Teubner, zu Grosskraussnigk in der Niederlausitz geboren, hatte noch vor Brockhaus sein später so bedeutendes Etablissement 1811 mit zwei Holzpressen angefangen. Bereits 1823 verband er mit seiner Buchdruckerei eine Buchhandlung, die sich durch ihren philologischen Verlag und korrekte Klassiker-Ausgaben einen grossen Ruf erwarb. Teubner war eifrigst für einen sorgsamen Druck bemüht, und hat in dieser Hinsicht wesentliche Verdienste um die Kunst, auch richtete er sein Streben auf eine, für damalige Zeit nicht gerade übliche, Eleganz in allen Accidenzarbeiten unter Verwendung des Guilloche- und Farbendruckes. Die von ihm herausgegebene Jubelschrift des Dr. K. Falkenstein zeigt, was das Geschäft auf den verschiedenen Feldern des graphischen Gebietes zu leisten vermochte. Sind diese Leistungen auch durch die der jüngeren Zeit überflügelt, so waren sie doch damals bedeutend und die Buchdruckerei Teubners gehörte mit zu den in der neuern Richtung tonangebenden. Bei seinem Tode waren sieben Schnellpressen in Gang, auch hatte er in Dresden eine Filiale gegründet. Die Nachfolger, seine Schwiegersöhne Ad. Rossbach und Albin Ackermann, verliessen die früher eingeschlagene Kultivierung des Accidenzdruckes und zeichneten sich durch ihren vortrefflichen Werk- und namentlich durch ihren Zeitungs-Illustrationsdruck aus. Der grossartige philologische Verlag, aus gegen 2000 Werken in über 3000 Bänden bestehend, wurde unter besonderer Leitung des jetzigen Geschäftsteilhabers Dr. Aug. Schmitt in kräftigster Weise fortgeführt. Ohne irgend eine typographische Prätension zu erheben sind unter diesen Werken unübertroffene und unübertreffliche Drucke, um einen unter vielen als Beispiel zu nennen Herodiani reliquiae in geradstehender griechischer Schrift. Die Offizin ist eine der am besten eingerichteten und grössten Deutschlands, sie arbeitet mit 35 Schnellpressen und gegen 400 Arbeitern, und druckt 18 Zeitschriften.

Karl Tauchnitz * 29. Okt. 1761, † 14. Jan. 1836.

In die Reihe derjenigen verdienten Männer, die als Bahnbrecher der deutschen Typographie zu bezeichnen sind, gehört als einer der ersten Karl Christoph Traugott Tauchnitz.

Tauchnitz war in Grossbardau bei Grimma geboren. Da er seiner Armut wegen nicht studieren konnte, ward er 1777 Buchdruckerlehrling und arbeitete später bei Unger in Berlin. 1792 kehrte er nach Leipzig zurück. Im Jahre 1797 gelang ihm der Ankauf einer kleinen Buchdruckerei. Das Geschäft gewann durch Tauchnitz' Fleiss und Akkuratesse an Ausdehnung. Bereits 1800 konnte er eine Schriftgiesserei und eine Buchhandlung mit der Buchdruckerei vereinigen. Seine Wirksamkeit muss namentlich von dem Standpunkte der Verbindung dieser Geschäfte zu einem ganz bestimmten Ziel beurteilt werden. Dies Ziel war die Herausgabe der griechischen und römischen Klassiker in guter Ausstattung, grösster Korrektheit und zu den billigsten Preisen.

Die Klassiker.

Im Jahre 1808 machte er damit den Anfang. Jedoch ohne das von Lord Stanhope eingeführte Stereotypverfahren, welches er durch den Engländer Watts gelernt hatte, wären die oben erwähnten Erfordernisse der Kollektion schwer zu erreichen gewesen.

In seinen Bemühungen um die Verbesserung der Antiqua, der griechischen und der orientalischen Schriften wurde er durch die Schriftgiesser J. G. Schelter und Matthes unterstützt.

Prachtwerke.

Seine Leistungen beschränkten sich jedoch nicht auf brauchbare billige Ausgaben; er lieferte auch Prachtdrucke ersten Ranges und wissenschaftliche Werke bedeutenden Umfanges. Zu den ersteren gehören sein Theokrit in Folio (1821); das Carmen Arabicum Szanicddini Helensis (1816), dessen Originaltext im orientalischen Stil in Gold und bunten Farben gedruckt ist; die Kuhnsche Hymne an König Friedr. August von Sachsen. Zu seinen bedeutendsten typographischen Leistungen zählen noch die arabische Ausgabe des Korans durch Flügel; die Fürstsche Bearbeitung der Buxtorffschen „Concordanz“, die stereotypierten hebräischen Bibeln von Hahn u. a.

K. Ch. Tauchnitz.

Mitten unter Plänen zu neuen wichtigen Unternehmungen rief ihn der Tod plötzlich ab. Sein Sohn Karl Christian Philipp, der eine ausgezeichnete Bildung genossen hatte, setzte das Geschäft, ohne demselben mit der vollen Neigung des Vaters zugethan zu sein, doch ganz im Sinne des Verstorbenen fort. Auf Veranlassung der Amerikanischen Mission in Syrien wurde eine neue arabische Schrift geschnitten, die sich dem Geschmack der Orientalen gut anpasst, jedoch im Satz grössere Schwierigkeiten bietet, als die ältere, mit welcher der Koran gedruckt wurde. Die Firma erlosch durch Verkauf der verschiedenen Geschäftsbranchen.

Fr. Nies * 6. Aug. 1804, † 16. Juni 1870.

In dem Streben für die Herstellung orientalischer Werke war Fr. Nies aus Offenbach mit Karl Tauchnitz verwandt, wenn auch der letztere von wissenschaftlichem sowohl als typographischem Standpunkte aus Idealeres anstrebte. Angeregt namentlich durch den genialen Verleger W. A. Barth, den Professor M. G. Schwartze und den Paläographen E. F. F. Beer, später auch durch Professor Seyfarth unterstützt, unternahm Nies das Wagnis, hieroglyphische Typen in seiner, 1831 angelegten Schriftgiesserei herzustellen. Die hieroglyphische Schrift bestand aus etwa 1500 Stücken. Diese in verschiedenen Grössenabstufungen sowohl nach links als nach rechts gewendet ausgeführten, oft einander sehr ähnlichen Figuren in ein richtiges Typensystem zu bringen war für damals wirklich eine That; sie gelang und viele Werke, darunter das Riesenwerk des Dr. M. G. Schwartze „Das alte Ägypten“[213], zeigen, dass die Offizin nach damaligen Verhältnissen Bedeutendes leistete. Nies konnte mit seinen selbstgegossenen Schriften in gegen 300 Sprachen drucken, vermochte jedoch nicht, sich mit dem Gedanken zu befreunden, heute das rückhaltlos zu verwerfen, was gestern gut gewesen war, und ermüdete deshalb unter den erhöhten Ansprüchen der fortschreitenden Wissenschaft und Technik in seinen Anstrengungen. Das sonst so blühende Geschäft verödete nach und nach. Im Jahre 1856 übernahm es Carl B. Lorck, der erst sich mit J. J. Weber zur Ausführung der unter dieser Firma in den Jahren 1837–1845 erschienenen grösstenteils illustrierten Werke und Zeitschriften vereinigt hatte. Die Druckerei und Schriftgiesserei wurde zeitgemäss reorganisiert und vervollständigt. Eine bedeutende Zahl von orientalischen Werken, besonders für das Ausland gedruckt, verliess in den Jahren 1856 bis 1868 die Pressen der Offizin. In letzterem Jahre übernahm sie W. Drugulin * 20. Aug. 1821, † 20. April 1879.W. Drugulin, welcher die bis dahin fortgeführte Firma Fr. Niessche Buchdruckerei in W. Drugulin änderte. Lorck gab die „Annalen der Typographie“ (1869–1877) und mehrere Fachschriften heraus[214]. Drugulin setzte das begonnene Werk im bisherigen Sinne fort. Hatte die Jury der Pariser Weltausstellung von 1867 bereits erklärt, dass in Frankreich nur die kaiserliche Druckerei ähnliches prästieren könne, wie diese Privatoffizin in Leipzig, so wurde nun in der That durch Drugulins Erwerbungen, unter welchen sämtliche Stempel und Matern der früheren Karl Tauchnitzschen orientalischen, älteren Renaissance- und holländisch gothischen Schriften sich befanden, ein Komplex geschaffen, wie er ausser in den Staatsanstalten zu Wien und Paris sich nicht wieder vorfindet. Drugulins aussergewöhnlichen Kunst- und antiquarischen Kenntnisse kamen ihm bei seinen vielen Reproduktionen und Imitationen von Drucken älteren Stils vortrefflich zu statten. Namentlich ist das grossartige Werk: „Die Chronik des Sächsischen Königshauses und seiner Residenzstadt“, ein Geschenk der Stadt Dresden zur Feier der silbernen Hochzeit des Königs Albert und der Königin Carola, ein Meisterstück dieser Gattung. Es war jedoch Drugulin nicht beschieden, den Schluss des Werkes zu erleben.

Hieroglyphendruck.

Die von Nies eingeführten hieroglyphischen Typen wurden zumteil durch die früher erwähnten eleganteren und kleineren Typen in Umrissen verdrängt (S. 285), teils hat es in jüngster Zeit den Anschein, als wollte die Lithographie und speziell die Autographie der Typographie das Terrain der Ägyptologie streitig machen. Der bedeutende Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig auf diesem Felde ist fast durchweg in Autographie hergestellt, z. B. das hieroglyphisch-demotische Wörterbuch von H. Brugsch-Bey, das 1728 Seiten in kl. Folio umfasst. Vorausgesetzt, dass der Verfasser es versteht, hieroglyphische Umrisse korrekt wiederzugeben und sonst leicht leserlich schreibt, ist die autographische Wiedergabe eine ganz zweckmässige. Wenn mit Typen gesetzt, würden die Kosten für ein Werk wie das genannte, dessen Absatz begreiflicherweise nur ein beschränkter sein kann, allerdings kaum erschwinglich sein; im Interesse der Wissenschaft muss man deshalb die Besiegung der Typographie durch die Lithographie auf diesem Gebiete mit Ruhe hinnehmen.

B. Tauchnitz.

Die Offizin des Neffen des K. Tauchnitz, Bernhard Tauchnitz, erneute den Weltruf des Namens ebenfalls hauptsächlich durch die konsequente und grossartige Durchführung eines einzigen Unternehmens, bei welchem jedoch weniger die typographische als die bibliopolische Bedeutung hervortritt. Wer kennt nicht die Tauchnitz Collection, die Sammlung von Werken englischer und amerikanischer Autoren, deren Bändezahl jetzt 2000 übersteigt, die in über 600000 Stereotypplatten vorhanden sind? Wie die Karl Tauchnitzsche Kollektion auf die altklassische Bildung, so hat das B. Tauchnitzsche Unternehmen ganz ausserordentlich zur Verbreitung der englischen Litteratur und Sprache auf dem Kontinent, daneben auch zur Mehrung des Ansehens des deutschen Buchhandels in England beigetragen. Der Umstand, dass der Unternehmer den Autoren resp. den Verlegern zu einer Zeit Honorar zahlte, wo dies noch nicht durch gesetzliche Bestimmungen geboten war, erwarb ihm sofort die Gunst der genannten, die er sich zu erhalten verstanden hat.

Ausser der Sammlung lieferte die Offizin für den Verlag des Besitzers — für Andere arbeitet sie nicht — eine Reihe von ebenso gut ausgestatteten wie durch ihre Korrektheit bekannten bedeutenden Werke, besonders in juristischer und linguistischer Richtung, unter welchen beispielsweise die fehlerfreien Logarithmen von Köhler genannt sein mögen.