Die Papierfabrikation.

Die Papierfabrikation Deutschlands ist eine sehr bedeutende und beträgt nahe an 250 Millionen Kilogramm. Zur Herstellung sind 785 Papiermaschinen und 185 Bütten und die Arbeit von etwa 80000 Menschen notwendig. Ausserdem wirkten noch 260 Holzschleifereien, 45 Rohstofffabriken und 20 Cellulosefabriken, zusammen mit etwa 7500 Arbeitern. Rechnet man hinzu etwa 40000 Menschen, die mit Hadernsammeln und Nebenarbeiten beschäftigt sind, so giebt das ein Arbeiterkontingent von rund 128000 Köpfen. Um den Umfang dieser einen Branche richtig zu beurteilen, wären noch alle diejenigen mitzuzählen, die sich mit dem Papierhandel und der Fabrikation von Brief- und Luxuspapieren, Pergamentpapier, Couverts, Tapeten, Handlungsbüchern, Papierwäsche etc. etc. beschäftigen[165].


Die Buchbinderkunst[166] stand, als nach der Mitte unseres Jahrhunderts die Buchdruckerkunst auf ihrem Höhepunkt angelangt war, noch beträchtlich zurück und es dauerte auch noch eine zeitlang, ehe sie einen frischen Anlauf nahm.

Der Leinwandband.

Der Leinwand-„Einband“ dominierte vollständig. Man begnügte sich nicht wie in England mit diesem als einer provisorischen Hülle, sondern die Leinwanddecke war in Deutschland das definitive Kleid des Buches für Jahrhunderte (?). In der Verzierung solcher Bände ging man noch weiter als in England und verwendete neben den Goldverzierungen oft die Hochprägung, bei welcher Medaillon-Porträts, Büsten, allegorische Figuren, Lyras, Palmenzweige, sogar Landkarten zur Verwendung kamen. Die Hautreliefs wurden bald flach gedrückt. Man gewöhnte sich, den Einbanddeckel als etwas zu betrachten, was er nicht ist und nicht sein soll: ein illustrierter Titel oder ein Frontispice, um den Inhalt des Buches zu erläutern.

Die Massenbände.

Der Betrieb des deutschen Buchhandels und die deutschen Verhältnisse waren dieser Verwendung des Leinwandbandes günstig. Die Verleger liessen ganze Auflagen in Leinwand binden und unter dem Publikum verbreiten. Ausser den Verlegern waren es noch die „Grosssortimenter“, welche dem Leinwandband Vorschub leisteten. Die Genannten kaufen von den Verlegern grosse Partien gangbarer Bücher, lassen dazu „stilvolle“ Platten anfertigen und verkaufen nun die gebundenen Bücher an die eigentlichen Sortimentshändler zu Bedingungen, die es den letzteren noch möglich machen, dem Publikum so wohlfeile Preise zu stellen, wie sie ein einzelner Privatbesteller beim Buchbinder auch nicht annähernd erzielen kann.

Im Prinzip ist diese Einrichtung gewiss eine höchst praktische, aber die Preise werden der Konkurrenz halber dem Buchbinder gegenüber so heruntergedrückt, dass Pfennige den Ausschlag geben, wodurch es dem Buchbinder fast unmöglich wird, auf Falzen, Heften und auf die Zuthaten an Pappe, Vorsetzblättern u. dgl. die nötige Sorgfalt und Ausgabe zu wenden.

Fortschritte im Geschmack.

Hinsichtlich der Dekoration des Leinwandbandes sind in jüngster Zeit ganz wesentliche Fortschritte gemacht worden. Die schreienden Farben der Leinwand haben den zarteren Modefarben und der Pergament-Imitation Platz machen müssen[167]. Das „Bemalen“ oder „Ausmeisseln“ der Bände durch Figurales, Landschaftliches etc. hat mehr und mehr aufgehört und wird durch Flachornamente ersetzt, für welche man die vielen trefflichen Vorbilder früherer Zeit benutzt oder tüchtige Künstler gewinnt. Ein Fehler ist noch ziemlich verbreitet: der übergrosse Reichtum der Ornamentierung und Überladung mit Silber, Gold und Mosaik imitierenden Farben. Je mehr man sich gewöhnen wird, die körnige Chagrin-Imitation und einfache Ornamentierung zu verwenden, um so mehr wird das Leder-Surrogat, welches wir nun einmal nicht werden entbehren können, seinen Platz in zweckmässiger Weise ausfüllen.

Die Handarbeit.

Die Handarbeit, namentlich den Halbfranz, lernt man in der letzten Zeit in Deutschland wieder schätzen und es sind hierin tüchtige Fortschritte gemacht worden. Von Lederbänden wird nicht viel die Rede sein können, solange die Kreise der wohlhabenden Kaufleute und Fabrikanten, sogar Magnaten keine gewählte Bibliothek besitzen. Die Sammler sind meist unter den Gelehrten, Beamten, selbst unter den weniger gut dotierten Landgeistlichen zu suchen. Deshalb haben die Buchbinder, falls es ihnen wirklich um die Förderung ihrer Kunst Ernst ist, sich vor der Klippe zu hüten, als Revanche für den Druck, den sie durch die Verleger und Grosssortimenter zu erleiden hatten, das Publikum zu überteuern und zu glauben, dass jeder, der gern ein Buch hübsch binden lassen will, ein reicher Büchernarr sei, dem man jeden Preis abverlangen könne. Begnügt sich der Buchbinder bei reeller Bedienung mit einem mässigen Vorteil, so wird er immer noch in Deutschland ein kaufendes Publikum finden.

Die Buchbinderkunst in Österreich.

In Bezug auf ein solches ist der Buchbinder in Österreich schon besser situiert und die Buchbindung hat demzufolge auch schon beträchtliche Fortschritte gemacht. Doch betreffen diese im allgemeinen noch mehr die Album- und Portefeuille-Fabrikation als die eigentliche Buchbinderei. Eine mächtige Einwirkung auf den Geschmack hat das Kunstgewerbe-Museum in Wien geübt. Man schliesst sich mehr der Art der Franzosen an und übertrifft diese in der Ledermosaik, die eine wirklich eingelegte Arbeit ist.

Die Vorteile der Maschinen.

Was den Betrieb der Buchbinderei betrifft, so hat dieser einen sehr wichtigen Anteil an den Vorteilen gehabt, welche das Maschinenwesen jedem Geschäft gebracht hat (vgl. Kap. XI). Die Maschinen besorgen das Falzen der Bogen, das Walzen des gefalzten Bogens, das Heften desselben mit Faden oder Draht, das Beschneiden und Pressen des Buches, das Abrunden des Rückens, das Einfassen, die Anbringung der Kapitäle, das Schneiden und Abschrägen der Pappen, das Pressen und Vergolden der Deckel. Für die sonstigen Arbeiten der Buchbinder sind die Couvert- und Klebemaschinen, Liniier- und noch viele andere Maschinen da.

Fußnoten:

[150] Zwei wertvolle neuere Einlagen in der Streitfrage „Antiqua oder Fraktur“ sind: F. Soennecken, Das deutsche Schriftwesen und die Notwendigkeit seiner Reform, Bonn 1881, und Dr. Johann Kelle, Die deutsche und die lateinische Schrift, Separatabdruck aus der Rundschau 1882.

[151] Um zu einiger Klarheit über das Verhältnis der Antiqua zu der Fraktur in der deutschen Typographie zu kommen, hat der Verfasser dieses Buches eine Zählung der litterarischen Erzeugnisse des Jahres 1881 nach dem Hinrichsschen Katalog unternommen. Von 14320 Nummern sind 8894 mit Fraktur, 5426 mit Antiqua gedruckt (gleich 62 zu 38 Proz.). In zwei grosse Gruppen nach den obigen Andeutungen der praktischen Verwendung geteilt, giebt die „wissenschaftliche Gruppe“ 7142 Werke, davon 2896 mit Fraktur, 4246 mit Antiqua (gleich 40 zu 60 Proz.); die zweite Gruppe, die „populäre Litteratur“, weist 7178 Werke auf, davon 5998 mit Fraktur, 1180 mit Antiqua (gleich 83½ zu 16½ Proz.). Zeitungen sind hierbei nicht mitgezählt, wohl aber Wochen- und Monatsschriften. Wie überwiegend die Antiqua in dem Accidenzfache verwendet wird, zeigt z. B. eine genaue Aufstellung der C. G. Naumannschen Accidenzdruckerei in Leipzig, nach welcher von 9447 Aufträgen in dem Jahre 1878 nur 161 in Frakturschrift bestellt waren.

[152] Lud. Hoffmann, Geschichte der Bücherzensur. Berlin 1879. — Die Preussische Pressgesetzgebung unter Friedr. Wilhelm III. Leipzig 1881. — Fr. Kapp, Aktenstücke zur Gesch. der Preuss. Zensur etc. (Archiv d. B.-B.-V. IV). Leipzig 1879. — R. E. Prutz, Zur Geschichte d. Presse in Preussen (Deutsch. Mus. 1857, 11).

[153] K. Biedermann, Deutschland im XVIII. Jahrhundert. 1. Bd. 2. Aufl. Leipzig 1880. — Friedr. Perthes' Leben. 6. Aufl. Gotha 1872.

[154] C. B. Lorck, Geschichte des Vereins der Buchhändler zu Leipzig. Leipzig 1883.

[155] H. E. Brockhaus, Friedrich Arnold Brockhaus. Sein Leben und Wirken. 3 Bde. Leipzig 1872.

[156] Fr. Frommann, Geschichte des Börsenvereins. — Der Börsenbau (Kap. II in Lorcks Gesch. d. Vereins d. Buchh. zu Leipzig). — Statut des Börsenvereins vom 25. April 1880.

[157] Katalog der Bibl. des Börsen-Vereins. Leipzig 1869. Nachtrag 1870.

[158] Ein Jahrgang des Börsenblattes bildet jetzt vier Quartbände, zusammen in einem Umfange von gegen 6000 Seiten. Seit 1856 wurde es von Jul. Krauss redigiert.

[159] E. Berger, Die Anfänge der period. Litteratur des Buchhandels (Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875.

[160] O. A. Schulz, Der Buchhandel (Schiebes Handelslexikon). — A. Schürmann, Der Buchhandel (Pierers Universallexikon). — K. Buchner, Schriftsteller und Verleger vor 100 Jahren. — Dr. A. Kirchhoff, Litteratur und Buchhandel am Schluss des XVIII. Jahrh. — J. H. Meyer, Die genossenschaftlichen Buchhandlungen des XVIII. Jahrh. (Archiv d. D. B.-B.-V. 11). Leipzig 1879. — A. Prinz, Der Buchhandel von 1815 bis zum Jahre 1863. 7 Teile. Altona 1855–1863. — E. Berger, Aus dem Buchhandel vor 50 Jahren (Publ. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1875. — Derselbe, Der deutsche Buchhandel in d. J. 1815–1867 (Arch. d. B.-B.-V. 11). Leipzig 1879. — K. Buchner, Beiträge zur Gesch. d. Buchhandels.

[161] R. E. Prutz, Geschichte des deutschen Journalismus. Hannover 1845. — Derselbe, Fortschritte der Zeitungspresse (Deutsch. Museum 1858 Nvbr.). — J. Kuranda, Deutsche Zeitungen und Zeitschriften. — H. Wuttke, Die deutschen Zeitschriften. 2. Aufl. Leipzig 1875. — Einen Einblick in die Herstellung einer Zeitung gewährt: J. H. Wehle, Die Zeitung. 2. Aufl. Wien 1883.

[162] Die Geschichte des Deutschen Buchdrucker-Vereins von 1869–1876 ist in den Annalen der Typographie 1870, Nr. 341–390 im Zusammenhang ausführlich behandelt. Die „Annalen“ waren von der Begründung des Vereins bis 1876 Organ desselben und wurden von dessen Sekretär Carl B. Lorck herausgegeben. Jetzt giebt der Verein selbst in unregelmässigen Zwischenräumen die „Mitteilungen aus dem Deutschen Buchdrucker-Verein“ heraus.

[163] Die etwa 700 Offizinen, welche Buchdruckerei und Steindruckerei vereinigen, sind doppelt angeführt.

Das Deutsche Reich, Österreich und die Schweiz als graphische Einheit betrachtet ergiebt die Zahl von 6993 graphischen Anstalten mit 9378 Schnellpressen und etwa 13500 Tret- und Handpressen. Die Details über Österreich und die Schweiz finden sich S. 406 und S. 436.

[164] Die Angaben hier können zwar keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit erheben, kommen jedoch der Wahrheit so nahe, dass sie genügen, um sich ein richtiges Bild zu machen. Für die Angaben der Bevölkerung wurde Neumanns „Geographisches Lexikon“, Leipzig 1883, mit Abrundung der Einwohnerzahl auf 500 benutzt; für die der Buchdruckereien und der lithographischen Anstalten „Klimsch' Adressbuch der Buch- und Steindruckereien“, Frankfurt a. M. 1880; für die Buchhandlungen „Schulz' Adressbuch für den deutschen Buchhandel“, Leipzig 1882, für die Zeitschriften R. Mosses „Zeitungskatalog“, 1882; die in diesem fehlenden Zeitschriften sind ohne Einfluss auf das Gewerbe.

[165] J. Chr. Schäfer, Sämtliche Papierversuche. Regensburg 1772. — L. Müller, Die Fabrikation des Papiers. 4. Aufl. Berlin 1877. — Lenormand, Handbuch der gesamten Papierfabrikationen. 3. Aufl. Weimar 1881.

[166] R. Steche, Zur Geschichte des Bucheinbandes (Archiv d. D. B.-B.-V. Bd. I). Leipzig 1878. — G. Fritzsche, Moderne Bucheinbände. Leipzig 1878. — C. Bauer, Handbuch der Buchbinderei. Weimar 1881. — L. Brade, Illustriertes Buchbinderbuch. Halle 1881.

[167] Im Deutschen Reiche giebt es nur eine Fabrik „englischer Leinen“, die von Schultze & Niemann in Eutritzsch bei Leipzig.

see pic


see pic

X. KAPITEL.

DIE SCHRIFT UND DIE ILLUSTRATION
IN DEUTSCHLAND-ÖSTERREICH.

Aufschwung der Schriftgiesserei. Ed. Hänel. Die deutsche Druckschrift. Walbaum Vater und Sohn. Hamburg, Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M. Österreich. G. Haase, C. Faulmann. Die Stereotypie, die Galvanoplastik, die Dynamo-Elektrik. Die Giessmaschine. Die Illustration: Verfall im XVIII. Jahrhundert, Wiedererwachen des Holzschnitts. Die Unger, Gubitz, Unzelmann, Kretzschmar u. a. Österreich: Prestel, Höfel, Knöfler u. a. Die Planotypie. Die Stigmatypie: Carl Fasol.

Aufschwung der Schriftgiesserei.
Ed. Hänel
L

ANGSAMER als in England und Frankreich entwickelte sich die Schriftgiesserei in Deutschland. Erst aus den dreissiger Jahren datiert der eigentliche Aufschwung des reineren Geschmacks in den Produktionen derselben und an Einfluss in dieser Richtung kam niemand Eduard Hänel gleich. Er führte die neuesten und schönsten französischen und englischen Antiquaschriften ein, liess die geradestehende griechische, Kanzlei, fette und halbfette, gothische und andere Zier- und Auszeichnungsschriften schneiden oder erwarb aus dem Auslande die besten Matern zu denselben.

Im Accidenzdruck brachte Hänel eine vollständige Umwälzung hervor und aus seiner Magdeburger Offizin, und nach dem Brande derselben im Jahre 1838 aus seinem Berliner Institut gingen vorzügliche Druckarbeiten hervor. Er war der erste, der den Compound-Druck (S. 80), den er Congreve-Druck nannte, nach Deutschland brachte. Mit seinen Guillochen- und Unterdruckplatten, namentlich seinen Spitzenmustern enthusiasmierte er das deutsche Publikum. Fast kein Umschlag, ja kaum ein Rechnungsformular konnte damals ohne Guillochen und Buntdruck hergestellt werden. Bereits 1837 hatten seine Zierstücke die Zahl von 2813 erreicht.

Der Kampf mit der Lithographie ward damals mutig von den Buchdruckern aufgenommen. Viele der letzteren warfen sich mit Eifer auf das Accidenzfach und andere Schriftgiesser folgten dem Beispiel Hänels. Es war eine Zeit des regsten, lustigsten Schaffens, vom Guten, Halbguten und Geschmacklosen, vom Praktischen und Unpraktischen unter einander.

F. W. Gubitz.
W. Pfnorr.

Noch vor Hänel hatten F. W. Gubitz in Berlin und der Kammergerichtsassessor W. Pfnorr in Darmstadt manche Beiträge im Ornamentfache geliefert, unter welchen die Einfassungen mit Säulen, umwunden von Epheu- und Blumenguirlanden oder mit vollständigen schweren architektonischen Aufbauten einen wichtigen Platz einnehmen. Auch viele Polytypen stammen von Gubitz, der im Jahre 1836 bereits 1668 solcher geschnitten hatte. Nach Hänels Vorangehen trat nun auch ein besserer Geschmack in den Einfassungen und eine grössere Leichtigkeit in der Ausführung ein. Vielen Beifall fanden die sogenannten Kaleidoskop-Einfassungen, aus sehr kleinen systematischen Stückchen bestehend, die sich in die mannigfaltigsten Formen zusammenfügen liessen und congreveartig in verschiedenen Farben gedruckt manchmal eine recht hübsche Wirkung hervorbringen konnten. Auch zu Kapitel-Anfangs- und -Schlussvignetten wurden sie zusammengesetzt, in Gestalt von Schmetterlingen, Vasen, Kronen etc. Man näherte sich jedoch damit den zeitraubenden, wenig wahre Befriedigung erzielenden Arbeiten der Stigmatypie (S. 304) und sie verschwanden bald von der typographischen Bühne.

Die deutsche Druckschrift.

Die deutsche Druckschrift, die sogenannte Fraktur, nahm um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts eine sehr niedrige Stufe ein. Die männliche Kraft und das Urwüchsige der gothischen Schrift, Eigenschaften, welche die Schwabacher Schrift wenigstens noch teilweise besass, waren ganz verloren gegangen, ohne dass die Fraktur durch Eleganz das ersetzte, was ihr an Kraft gebrach. Nachdem J. G. J. Breitkopf, wie es scheint, lange geschwankt hatte, ob er nicht seine reformatorischen Absichten der Verbesserung der Antiqua zuwenden sollte, folgte er schliesslich doch der Tradition und versuchte der Fraktur eine kunstgerechtere Haltung zu geben (S. 365). Etwas Mustergültiges vermochte jedoch auch Breitkopf nicht zu schaffen, noch weniger J. F. Unger in Berlin.

Erich Walbaum.
Th. Walbaum † 12. Juli 1830.

Erst Erich Walbaum in Weimar und namentlich seinem Sohne Theodor Walbaum gelang es, eine Frakturschrift herzustellen, die auf längere Zeit und allgemein sich Geltung erwarb. Der Vater war anfänglich Konditor, zeigte jedoch einen solchen Geschmack im Ornamentieren, dass er von Sachverständigen veranlasst wurde, sich der Stempelschneiderei zu widmen. Der Sohn Theodor arbeitete erst als Gewehrgraveur wie der berühmte englische Schriftgiesser Caslon (I, S. 268), wurde jedoch später von seinem Vater als Stempelschneider ausgebildet.

Die Vorzüge der Walbaumschen Frakturschriften liegen namentlich in dem Ebenmass aller Buchstaben durch alle Grade hindurch von dem kleinsten bis zu dem grössten. Form und Zurichtung sind gleich gut; die Stärke ist gerade die rechte; Leserlichkeit geht mit Dauerhaftigkeit Hand in Hand. In der Fraktur nimmt die Walbaumsche Schrift fast die Stelle ein, wie in der Antiqua die Didotsche, und würde noch heute, neu mit den Hülfsmitteln der neuesten Technik zweckmässig durchgeführt, immer eine klassische Fraktur bleiben, wenn wir diese Bezeichnung überhaupt für eine Schrift modernen Ursprungs und, man sage für ihre nationale Berechtigung und ihre Zweckmässigkeit für das Volk was man will, nicht in dem Besitz derjenigen Schönheit, welche wir von dem, was wir klassisch nennen, verlangen, gebrauchen dürften.

Theodor Walbaum starb, als Künstler und Mensch gleich geachtet, in dem Bade Berka bei Weimar und wurde von seinem Vater überlebt. Das Walbaumsche Geschäft erwarb F. A. Brockhaus in Leipzig, welcher es im Jahre 1843 nach dort verlegte.

Die neueren Frakturschriften.

Seit Walbaum hat Deutschland eine grosse Zahl von Frakturschriften aufzuweisen, bald magerere, bald fettere; bald eckigere, bald rundere; vielen derselben ist die Korrektheit nachzurühmen. Oft sind sie sich selbstverständlich so ähnlich, dass nur ein sehr geübtes Auge einen Unterschied bemerkt. Leider haben sehr viele Druckereien die üble Gewohnheit, einzelne Grade aus den Garnituren verschiedener Giessereien untereinander anzuschaffen, indem sie bald den Launen der Besteller nachgeben, bald nur dem eigenen Antrieb folgen, nicht berechnend, dass selbst die weniger schönen Schriften konsequent durch alle Grade durchgeführt ein weit gelungeneres Ganzes hervorbringen, als Schriften sogar des schönsten Schnittes, wenn sie unter einander gemengt sind.

Im Jahre 1838 hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz bereits gegen 100 Giessereien, die beständigen Zuwachs erhielten.

J. D. Trennert.
Genzsch & Heyse.
J. A. Genzsch * 14. Sept. 1800, † 29. Juni 1869.

Im Norden Deutschlands waren die bedeutendsten derselben J. D. Trennert in Altona und Genzsch & Heyse in Hamburg, welche hauptsächlich die Bedürfnisse des skandinavischen Nordens und Russlands deckten. Der Gründer der letztgenannten Firma, J. A. Genzsch aus Audigast in Sachsen, ward 1827 erster Faktor bei Fr. Dresler & Rost-Fingerlin, als diese in Frankfurt a. M. eine Schriftgiesserei etablierten. Im Jahre 1833 assoziierten sich Genzsch und J. G. Heyse aus Bremen und führten die Thorowgoodschen Schreibschriften in Deutschland ein. Die Firma, seit 1866 im Besitz von Emil Julius Genzsch, dem Sohne des Gründers, erwarb sich besondere Verdienste um die Einführung der Renaissance-Antiqua mit entsprechenden Kopfleisten, Vignetten und Initialen, sowie um die Umgestaltung der Schwabacher Schriften. Da man für letztere nicht so wie für die Antiqua ältere mustergültige Vorbilder hatte, weil die Stempelschneiderei Deutschlands zur Zeit der Einführung der Schwabacher (I, S. 41) auf keiner hohen Stufe stand, so musste der Versuch gemacht werden, etwas Neues zu schaffen, und es ist in der That Genzsch & Heyse gelungen, sehr ansprechende moderne Schwabacher Schriften in allen Grössen herzustellen. In jüngster Zeit etablierten Genzsch & Heyse eine Schriftgiesserei in München durch Ankauf zweier dortigen Firmen[168].

Fr. Vieweg & Sohn.

In Braunschweig wirkten als Schriftgiesser namentlich Fr. Vieweg & Sohn, allerdings nur für den eigenen Bedarf schaffend, aber sehr für Verbreitung des guten Geschmacks wirkend.

Berlin.
Hänel-Gronau.

Die Hänelsche Offizin in Berlin ging nach verschiedenem Wechsel in die Hände W. Gronaus über und behauptete sich unter dessen kräftiger und einsichtsvoller Leitung als eine der vorzüglichsten Anstalten Deutschlands. Im Hänelschen Geiste wurden Ornamente, Zier- und Brotschriften in reicher Fülle geschaffen, zugleich der Schnitt griechischer und russischer Schriften gepflegt. Auch als Druckerei behielt die Offizin einen ehrenvollen Platz. J. H. F. Bachmann * 8. Juli 1821, † 27. Juli 1876.Hier wirkte als Faktor J. H. F. Bachmann aus Stralsund. Acht Jahre verbrachte dieser in Kiew als Leiter erst der Universitätsbuchdruckerei, später der Regierungsdruckerei. Nach Deutschland zurückgekehrt, weilte er 1850–1860 bei J. H. Meyer in Braunschweig, wo er den Grund zu seiner ziemlich umfangreichen fachschriftstellerischen Thätigkeit legte. Sein letztes Werk war das 1875 in Weimar erschienene ausführliche „Handbuch der Buchdruckerkunst“.

Trowitzsch & Sohn.
v. Decker.

Eine bedeutende Thätigkeit entwickelten Trowitzsch & Sohn, auch als Kalenderverleger bekannt. Die von Deckersche Giesserei schaffte in erster Richtung hauptsächlich für den eigenen Bedarf. Ihre Frakturschriften von einer etwas eigentümlichen Form sind korrekt und tüchtig durchgeführt, konnten jedoch nicht allgemein gefallen. Es hat fast den Anschein, als wäre die Absicht vorhanden gewesen, nach dem Beispiel der Nationaldruckerei in Paris etwas Absonderliches für sich allein zu haben, ohne Rücksicht darauf, ob es zugleich etwas Schönes sei. Im Jahre 1873 zur Zeit der Wiener Ausstellung betrug die Zahl der Stempel und Matrizen über 100000. Deckers lieferten auch orientalische Schriften, die unter der Aufsicht der Akademie der Wissenschaften geschnitten wurden, welche letztere sich überhaupt um diesen Zweig der Schriftgiesserei verdient machte. Beyerhauss.Als Stempelschneider in dieser Richtung erwarb sich Beyerhauss einen Ruf. Unter anderem lieferte er für die amerikanische Mission in New-York 4000 chinesische Stempel, mit welchen 22000 der am häufigsten vorkommenden Kombinationen herzustellen waren. F. Theinhardt.F. Theinhardt lieferte Hieroglyphen nach der Anleitung des Professors C. R. Lepsius, die sich von den Niesschen dadurch unterscheiden, dass sie kein schwarzes Typenbild, sondern nur wie mit der Feder gezeichnete Umrisse bilden. Die Zahl der geschnittenen Charaktere beläuft sich auf über 1300. Auch Theinhardts sonstige fremdländische Schriften und andere Leistungen sind vorzüglich[169].

H. Ehlert.
W. Woellmer.

Treffliche Einfassungen und Ornamente lieferte Heinr. Ehlert. Rastlos schaffte im Accidenzfach Wilh. Woellmer, und namentlich erwarben sich seine Züge, Einfassungen und Schreibschriften, besonders die Rundschriften[170], grosse Beliebtheit, wozu seine von W. Büxenstein in Berlin genial arrangierten und meisterhaft gedruckten Proben das ihrige beitrugen.

Je grössere Dimensionen das Geschäft im allgemeinen annahm, um so vorteilhafter war es, wenn sich Spezialitäten vom Stamm abzweigten und besondere Geschäfte bildeten. Als eine solche Spezialität, welche eine ganz besondere Pflege nötig hatte, ist die Fabrikation von Messinglinien, galvanoplastischen Arbeiten u. dgl. H. Berthold.zu bezeichnen. In der Fabrikation der ersteren hat es H. Berthold in Berlin zu einer grossen Virtuosität gebracht. Besonderen Dank seitens seiner Berufsgenossen erwarb er sich durch seine Bemühungen für die Einheitlichkeit des Schriftkegels und die Herstellung eines Normaltypometers. Unter Beihülfe wissenschaftlicher Kräfte ersten Ranges, darunter des Direktors des Observatoriums in Berlin, Professor Dr. Forster, stellte er nach achtzehnmonatlicher Arbeit ein solches Typometer in einer Länge von 30 cm = 133 Nonpareil = 798 Punkte her[171]. Leider ist auch bei diesem neuen verdienstlichen Versuche nicht das Metermass nach seinen Einheiten genau zugrundegelegt. Man sieht hier, wie bei den orthographischen Verbesserungsplänen, wie schwer es ist, eine wissenschaftliche Reform durchzusetzen, wenn nicht ein Gebot des Staates dahintersteht. Bei dem enormen vorhandenen Setzmaterial und den übergrossen Schwierigkeiten, dieses schrittweise nach einem neuen System zu vervollständigen oder umzumodeln, ist auch nicht abzusehen, wann eine Einheitlichkeit durchgeführt sein kann, denn solche Radikalkuren anzuwenden, wie die Reichsdruckerei es that, indem sie ihre gesamten Schriftenvorräte ins Zeug warf und umgoss, sind nicht jedermanns Sache.

C. Hanemann.

In Jena schnitt C. Hanemann nach Angaben des Professors W. Lagus eine arabische Schrift für die Frenckellsche Offizin in Helsingfors.

Leipziger Schriftgiesser.

Leipzig nahm in der Schriftgiesserei nicht eine so bedeutende Stelle ein, wie man es hätte vermuten sollen. F. A. Brockhaus, Breitkopf & Härtel, Karl Tauchnitz, F. Nies und dessen Nachfolger C. B. Lorck und W. Drugulin u. a., welche hauptsächlich nur im Interesse der eigenen Druckoffizinen arbeiteten, finden Erwähnung bei der Besprechung der Wirksamkeit dieser (Kap. XII). Gustav Schelter zeichnete sich namentlich durch seine Musiknoten aus. Der talentvolle, leider zu früh aus dem Leben geschiedene Ernst Otto war ganz besonders um die Verbesserung des Schriftmetalls bemüht. Die einzige bedeutende Schriftgiesserei war langezeit J. G. Schelter & Giesecke.hindurch die von J. G. Schelter & Giesecke, die einen ganz besonders regen Verkehr mit dem Norden unterhielt und eine Filiale in Wien (jetzt Meyer & Schleicher) errichtete. Die Leipziger Anstalt ist in jüngster Zeit ganz nach amerikanischen Grundsätzen umgebildet und gehört durch ihren Umfang und die ausgedehnteste Anwendung von Hülfsmaschinen, welche sie selbst baut, zu den bedeutendsten Schriftgiessereien der Jetztzeit, liefert zugleich kleine Druckmaschinen und alles, was zum Arbeitsmaterial gehört. In jüngster Zeit haben Schelter & Giesecke sich besonders um das Schaffen schöner Ornamente und Einfassungen verdient gemacht[172].

J. Klinkhardt.

Die als Schriftgiesserei noch junge Firma Julius Klinkhardt, früher schon als Verlagshandlung und Buchdruckerei bekannt, entwickelt eine grosse Thätigkeit. Der Gründer der Firma, Julius Klinkhardt, kaufte 1864 die gut eingerichtete Buchdruckerei von Lüders & Umlauf, 1871 die bekannte lithographische Anstalt von J. G. Bach und die Schriftgiesserei von Gust. Schelter. Unter der Beteiligung der Söhne Robert und Bruno Klinkhardt nahm das Geschäft einen ungemein raschen Aufschwung; in Wien wurde 1877 eine Filiale errichtet. Die Anstalt machte namentlich in betreff der Musiknoten und der dekorativen Typographie bedeutende Anstrengungen[173].

Galvanoplastiker und Graveure.

Als Galvanoplastiker erwarb sich in Leipzig C. A. Kloberg, als Graveur R. Gerhold Ruf. In Magdeburg zeichnete sich in diesem Fache Feodor Schmitt (früher Falckenberg & Co.) aus, dessen Spezialitäten Numerierwerke und alle Messingarbeiten für Buchbinder sind.

Frankfurt a. M.

Frankfurt A. M. behielt, mit dem benachbarten Offenbach, selbst nachdem der Hauptsitz der Typographie und des Buchhandels nach Leipzig verlegt war, die Superiorität als Sitz der Schriftgiesserei. Ein verdientes Ansehen genoss dort schon lange die J. Andreae.Schriftgiesserei von J. Andreae (I, S. 131), die einen wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung des guten Geschmacks geübt hat. Sie verbesserte das Konkordanzsystem und war eifrig für die Einführung des einheitlichen Kegel- und Höhesystems (I, S. 160) thätig. Im Jahre 1838 ging das Geschäft auf Benj. Krebs über, der auch die ersten guten deutschen Schreibschriften lieferte, deren Zeichen zwar, wie die der Anglaise, auf schrägem Kegel geschnitten, jedoch nicht wie die letztere aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt werden mussten. Jedes Typenstück ist zugleich ein vollständiger Buchstabe, nur existieren, wie in der Ronde, von manchen Buchstaben Varianten (bis zu fünf) unter Berücksichtigung der Anschlüsse an die Nachbarbuchstaben. Krebs hat auch durch sein für die damalige Zeit (1827) vortreffliches und heute noch nicht übertroffenes „Handbuch der Buchdruckerkunst“ sehr wohlthätig gewirkt. Die Firma lieferte auch vorzügliche hebräische, und in jüngerer Zeit auch Frakturschriften, die zu den besten gehören; seit 1870 ist H. Poppelbaum alleiniger Besitzer der Firma.

F. Dresler.

Im Jahre 1827 gründete Friedr. Dresler mit Rost-Fingerlin in Frankfurt eine Schriftgiesserei, die bald einen weiten Ruf erlangte. Die Dreslerschen gothischen Schriften wurden allgemein nachgeahmt und seine Fraktur fand sogar Eingang in die Nationaldruckerei in Paris. Dresler schnitt auch Musiknoten ohne Linienansätze, welche für sich gesetzt und dann einer, die Linien enthaltende Druckform aufgedruckt wurden. Doch hat dieses Verfahren trotz des durch die Zweifarbenmaschine erleichterten Doppeldruckes sich nie einbürgern können. Die Verwendung von zweierlei Metall, Messing für die Linien und Schriftzeug für die Noten, bietet schon wesentliche Nachteile, da die Abnutzung eine verschiedene ist, der C. Meyer.H. Flinsch.Druck demnach nie ein recht gleichmässiger sein wird. Dreslers tüchtiger Nachfolger Carl Meyer verfolgte, unterstützt von Ferd. Michael, die begonnenen Pläne weiter und H. Flinsch, in dessen Besitz das Geschäft 1859 überging, vollendete sie.

Unter Flinsch ist die Anstalt zu der grössten Deutschlands, zu einer der grössten der Welt herangewachsen. Im Jahre 1882 waren vorhanden: 92 Giessmaschinen, welche täglich ca. 2 Millionen Typen liefern können, ausserdem 26 Schleif- und viele Hülfsmaschinen. Die Zahl der Arbeiter betrug über 200. An Stempeln besass die Offizin 106000, an Matrizen 198200. Flinsch war der erste in Deutschland, der die Johnson-Atkinsonsche Giessmaschine einführte und Matrizen von Stahl und Neusilber verwendete, auch für die Güte und Härte des Zeugs wurden grosse Anstrengungen gemacht.

J. C. Bauer * 1802, † 1867.

Als Schriftschneider erwarb sich Joh. Chr. Bauer aus Hanau ein grosses Ansehen. Nachdem er sich in England ausgebildet hatte, begann er 1828 seine schönen Frakturschriften auszuführen, von welchen die ersten 1852 erschienen. Nach und nach folgten andere und Bauer schnitt über 10000 Stempel. Seine Nachfolger wirken in gleicher Richtung. Sie haben das Patent auf die Hepburnsche Giessmaschine erworben (S. 295), deren Erfinder seine Thätigkeit dem Frankfurter Hause widmet.

C. D. May.

Cosman Damian May gehört halb Frankfurt, halb London an. Geboren in ersterer Stadt, ging er 1828 nach England und war bis 1845 Teilnehmer der Schriftgiesserei Miller & Richard. 1852 kam er wieder nach Frankfurt; kehrte jedoch 1865 abermals nach London zurück. Er schnitt Frakturschriften sowohl in einer abgerundeteren Form (Midoline), als auch in der üblichen eckigen. Bekannter sind seine Antiquaschriften geworden, deren treffliche Ausführung alles Lob verdient.

J. Ch. D. Nies.
J. H. Rust.
C. J. Ludwig.

Die Firma J. Ch. D. Nies wurde 1834 gegründet. C. J. Ludwig, aus der Flinschschen Schule hervorgegangen, hat sich seit 1876 für seine junge Firma bereits einen guten Ruf erworben. In dem benachbarten Offenbach zeichnete sich J. M. Huck & Co. und J. H. Rust, letzterer namentlich durch seine eleganten Ornamente und Einfassungen, aus.

Stuttgart hat in der Schriftgiesserei keine grosse Bedeutung gehabt. In neuester Zeit machte sich Otto Weisert durch seine Zierstücke, Stoffler & Backé durch Holzschriften bemerkbar. Solche fabrizierten namentlich Sachs & Schumacher in Mannheim, Nachtigall & Dohle in Aachen.

Österreich.
Andr. Haase * 30. Aug. 1804, † 25. Juni 1864.

In Österreich stand die Schriftgiesserei lange auf einem ziemlich untergeordneten Standpunkte. Eine Änderung hat man erst Gottlieb Haase in Prag zu verdanken, der in Österreich ungefähr dieselbe Stellung einnahm, wie Hänel in Deutschland.

Der Begründer der Firma war 1798 nach Prag eingewandert. Sein rasch aufgeblühtes Geschäft arbeitete mit 18 Pressen und war mit einer Schriftgiesserei verbunden. Der Sohn Andreas widmete sich nach einer sorgfältigen Erziehung der Buchdruckerkunst und übernahm, kaum zwanzig Jahre alt, nach dem Tode des Vaters im Verein mit seinen beiden jüngeren Brüdern Gottlieb und Rudolph das Geschäft, das bald eins der bedeutendsten in Österreich wurde. Im Jahre 1836 disponierte es bereits über eine Doppelmaschine, drei einfache Schnellpressen, zwölf Stanhope- und vierzehn ältere Handpressen, nebst zwei hydraulischen Glättpressen. Die Schriftgiesserei zählte 45 Arbeiter und versah ganz Österreich und die Donauländer. Eine Maschinenfabrik wurde in Wran angelegt. Nach dem Tode Andreas' übernahm Gottlieb als Chef die Leitung der Buchdruckerei. Ihm zur Seite stand als Dirigent der Schriftgiesserei sein Neffe Guido; Rudolph leitete die Buchhandlung. Im Jahre 1871 ging das Geschäft in die Aktiengesellschaft Bohemia auf, bis es Andreas Haase später wieder übernahm.

Schriftgiesserei in Wien.

Der sehr bedeutende Aufschwung, welchen die Wiener Schriftgiesserei in neuester Zeit genommen hat, entstammt zumteil den Bestrebungen Auers, zumteil den bei der günstigen Wendung der Pressverhältnisse nach Wien eingewanderten deutschen Geschäften. Die jetzt bedeutendste Schriftgiesserei Meyer & Schleicher, welche ihre Verbindungen selbst bis Japan ausdehnt, wurde, wie bereits erwähnt, als Filiale von Schelter & Giesecke in Leipzig gegründet. Sie führte die Atkinsonsche Giessmaschine in Wien ein. J. H. Rust aus Offenbach etablierte 1856 ein Geschäft. Aus einer Filiale von Krebs in Frankfurt a. M. ward die Firma Poppelbaum & Bossow, jetzt Poppelbaum. In jüngster Zeit folgte Jul. Klinkhardt aus Leipzig.

Ausser der Staatsdruckerei verbanden auch andere Druckanstalten mit ihren Druckoffizinen Schriftgiessereien, so v. Waldheim, Zamarski, Fromme. Letzterer verkaufte jedoch die Giesserei an Brendler & G. Harler. Carl Brendler schnitt vortreffliche orientalische Schriften und die stenographischen Typen für Faulmann.

C. Faulmann und die Stenographie.

Carl Faulmann, erst Setzer, dann Stenograph und Linguist, Verfasser mehrerer Werke über Schrifttum und Typographie[174], hat sich ganz besondere Verdienste in betreff der Lösung der schwierigen Aufgabe, die Stenographie in die Typographie einzuordnen, erworben. Die ersten Versuche hatte bereits 1854 Gustav Schelter mit Typen nach Gabelsbergers System gemacht, sie fielen jedoch nicht genügend aus. Die Staatsdruckerei liess von Joseph Leipold und Christian Plesse Typen nach Stolzes System herstellen, die 1854 in München ausgestellt, für den praktischen Gebrauch jedoch zu gross befunden wurden. 1859 zeichnete Faulmann für die Staatsdruckerei neue Typen nach Gabelsbergers System, die, von Leipold geschnitten, sich als zweckmässig bewährten. 1864 erschienen wieder neue Typen von Faulmann, die er auf seine Rechnung von Brendler schneiden liess und die später von der Staatsdruckerei angekauft wurden. Diese neuesten Typen reihen sich ohne Verbindungsstücke an einander an, wie gewöhnliche Typen. Allerdings ist die Zahl derselben, trotz einer grossen Reduktion der früheren 1300 Stücke, noch eine bedeutende, 800, so dass ein Kasten sie nicht alle fassen kann, auch laufen die überhängenden Buchstaben beim Drucken leicht Gefahr, beschädigt zu werden. Liegt es nun auch in der Natur der Sache, dass die Geschwindschrift nie Gegenstand eines Geschwindsatzes werden kann, so ist doch das Problem des stenographischen Satzes als glücklich durch Faulmann gelöst zu betrachten[175].