Ausser B. G. Teubner hatten bereits G. H. Maret, Wilh. Haack und namentlich C. L. Hirschfeld in allen Accidenzarbeiten einen sehr guten Geschmack gezeigt. Letzterer, durch einen längeren Aufenthalt in Paris tüchtig ausgebildet, verband Stereotypie und Gravieranstalt mit seiner Buchdruckerei. Im Bunt- und Golddruck leistete er Bedeutendes und das von ihm 1840 herausgegebene Tableau in etwa zwanzig Farbenplatten, Typographia jubilans, ist eins der bedeutendsten Erzeugnisse der Jubelpresse.
Es dürfte hier, ehe wir zur jüngsten Gestaltung des graphischen Geschäfts in Leipzig übergehen, der Ort sein, mit einigen Worten des Jubelfestes 1840 zu gedenken, das sich nicht zu einer Lokalfeier, sondern zu einem grossen nationalen Feste gestaltete, welches in der Geschichte der Buchdruckerkunst einen Platz verdient.
Während im Jahre 1640 fünf Buchdruckereibesitzer mit 14 Gehülfen, im Jahre 1740 achtzehn Offizinen mit 138 Gehülfen dem Feste beiwohnten, zeigt die Liste der Beteiligten im Jahre 1840 24 Buchdruckereien mit 232 Handpressen, 11 Schnellpressen und 672 Gehülfen, dazu noch 7 Schriftgiessereien mit 62 Gehülfen, schliesslich 108 Buchhandlungen mit 121 Gehülfen. Das Kontingent, welches allein das Brockhaussche Geschäft stellte, betrug mehr als die Gesamtzahl der das Fest von 1740 Feiernden.
Die Sammlungen der Buchdrucker zu einem Festfond begannen bereits 1837. Die Buchhändler traten 1839 hinzu und die Stadt bewilligte 3000 Thaler. Das unter den günstigsten Auspizien vorbereitete Fest nahm den würdigsten Verlauf.
Bereits am Nachmittag des 23. Juni hatte die ganze Stadt sich festlich geschmückt. Die Häuser waren mit Guirlanden und Kränzen behängt, Fahnen wehten und Triumphbogen waren errichtet.
Früh am 24. durchzog eine grosse Reveille die Stadt. Um 8 Uhr versammelten sich die anwesenden Kammermitglieder, die königlichen und städtischen Behörden, die Konsuln, das Offiziercorps, die Geistlichkeit, die Schulrektoren, die Spitzen der Universität und die Professoren, die Handlungsabgeordneten, die Obermeister und Beisitzer der Innungen, schliesslich die Festgeber: Buchdrucker, Schriftgiesser und Buchhändler, an verschiedenen Orten. Von Deputierten des Festcomités geleitet begaben sich die einzelnen Züge nach der Thomaskirche zu dem, vom Superintendenten Dr. Grossmann abgehaltenen Festgottesdienste. Als Text war gewählt: „Es ward ein Mann von Gott gesandt, der hiess Johannes; derselbe kam und zeugte von dem Licht“.
Um 10 Uhr begann der grosse Festzug von dem Gewandhause aus nach der Buchhändlerbörse, wo die von den Frauen gestiftete Fahne den Buchdruckern übergeben wurde. Von da ab ging der Zug nach dem Marktplatze, dessen dritten Teil die amphitheatralische Zuschauer- und Musiker-Tribüne einnahm. Nach Absingung der von Felix Mendelssohn-Bartholdy komponierten Festkantate hielt Raymund Härtel eine begeisterte und zündende Festrede, die mit den Worten schloss:
„Du Allmächtiger, der du jedem Volke seine Bestimmung zugeteilt hast, lass unser Jubelfest der Buchdruckerkunst dir ein Dankfest sein für die hohe Gabe und hilf du selber, dass sie forthin durch menschliche Willkür weder gemissbraucht, noch verkümmert werde. Ein Jubelfest ist auch ein Ausruhen von hundertjähriger Arbeit, und das ernste Geschäft des Lebens verklärt sich zum heiteren Festspiele: Darum öffne sich die Werkstatt und der alte Meister erscheine mitten unter seinem Feste!“ Als dann die Hülle sank, welche bis jetzt die im Mittelpunkte des Marktes befindliche Festoffizin mit den arbeitenden Giessern, Setzern und Druckern, weit überragt von dem kolossalen Gipsabguss der Mainzer Gutenberg-Statue Thorwaldsens, den Blicken der Menge entzogen hatte, entstand ein unbeschreiblicher Jubel. Es war ein unvergesslicher Augenblick, der, im jugendlichen Alter erlebt; noch dem Greise in späten Jahren so lebhaft in der Erinnerung vorschwebt, als handle es sich um ein Ereignis von gestern, und den miterlebt zu haben als eine Gunst des Schicksals betrachtet werden muss.
Um 3 Uhr fand in der Halle am Augustusplatze ein Festessen statt, an welchem etwa 3000 Personen teilnahmen. Bei Eintritt der Dunkelheit bekundete eine glänzende Erleuchtung der Stadt die allgemeine Teilnahme aller Behörden und Bürger an dem Feste.
Am 25. vormittags fand eine Versammlung fremder und einheimischer Gelehrter, Künstler und Buchhändler in der Festhalle statt. Gleichzeitig wurde in der Buchhändlerbörse eine interessante Ausstellung älterer und neuerer Druckwerke, Xylographien u. a. eröffnet. Um 3 Uhr füllte die Aufführung des von Mendelssohn für das Fest komponierten Lobgesanges, die unter Leitung des Komponisten und unter Beihülfe von über 500 Sängern und Musikern stattfand, die Thomaskirche. Abends war grosser Ball von über 4000 Personen in der Festhalle. Die Familien der Beamten, Professoren, Prinzipale und Gehülfen verkehrten im fröhlichsten Durcheinander und selbst der eindringende Gewitterregen musste dazu beitragen, die Heiterkeit zu erhöhen.
Am 26. vormittags war eine interessante Festvorstellung im Schauspielhause veranstaltet: Theaterschau von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die neueste Zeit. Um 1 Uhr begannen die Festzüge der Innungen, sich nach dem Exerzierplatz am Rosenthal, wo ein echtes Volksfest abgehalten werden sollte, in Bewegung zu setzen. Der mit Zelten in grosser Zahl, Fahnen, Buden, Caroussels, Tribünen etc. geschmückte, dicht an den Wald sich lehnende Platz bot mit den etwa 60000 Anwesenden ein höchst belebtes und anmutiges Bild. Am Abend ward noch ein glänzendes Feuerwerk abgebrannt. Dann zogen die Innungen nach und nach wieder mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen nach der Stadt. Den Beschluss machte der grosse Zug der Festgeber mit 1000 Fackeln, die unter Gesang und Jubel auf dem Marktplatze zusammengeworfen wurden.
Nicht ein Misston hatte das herrliche Fest gestört, welches Leipzig mit dankbaren und stolzen Gefühlen hatte begehen können, denn es war zugleich ein Huldigungsfest Leipzigs als Führerin auf dem Gebiete der Buchdruckerei und des Buchhandels im Vaterlande Gutenbergs geworden. Dass Leipzig willens ist, seine ehrenvolle Stellung zu behaupten, wird ein Blick auf die jüngste Vergangenheit und auf den Augenblick zeigen.
Eine eigentliche Umgestaltung des Geschmacks für das Accidenzfach, das heutzutage einen so wichtigen Platz einnimmt, ging erst von der Firma Giesecke & Devrient aus. Diese, jung an Jahren, reich an Ehren, zeigte, dass eine Staatsdruckerei nicht notwendig ist, um das zu leisten, was man von Staatsanstalten verlangt und mit Recht verlangen kann, weil diese in erster Reihe zu Ehren der Kunst und nicht um eine Existenz zu begründen arbeiten.
Die Firma wurde von Hermann Giesecke und Alphonse Devrient am 1. Juni 1852 begründet, zu einer Zeit, wo der typographische Geschmack und der Sinn für schöne Accidenzarbeiten namentlich durch Hänel einen wesentlichen Aufschwung genommen hatte (S. 281). Die genannten waren Männer, wie sie die Zeit eben verlangte, um dem Geschmack eine bestimmte Richtung zu geben. Sie haben hierin bedeutende Verdienste und waren stets redlich bemüht, das Halbgute durch das wirklich Gute zu ersetzen.
Nach und nach entstand in ihrem Hause eine Reihe von graphischen Spezialanstalten, die namentlich zur Herstellung der unendlich vielen Wertzeichen nötig waren, mit deren Anfertigung die Firma nicht nur von den verschiedenen Regierungen und Geldinstituten Deutschlands betraut wurde, sondern die ihnen auch aus der Schweiz, Italien, Holland, Schweden, Finnland, Rumänien und Amerika zuflossen. Es war die glänzendste Zeit der Gründungen, des Aktien- und Papiergelddruckes, welcher erst der Krach, dann die Gründung der Reichsbank eine Grenze setzte.
Aber der Ruhm der Firma war nicht allein von diesem höheren Accidenzdruck abhängig, sondern wurde noch durch hervorragende Werkdrucke gesteigert. Unter diesen muss einer erwähnt werden, welcher, wenn auch von kaiserlicher Munifizenz getragen, als eine der hervorragendsten Leistungen intelligenter Typographen dasteht: die Reproduktion des von Const. Tischendorf entdeckten Codex Sinaiticus.Codex Bibliorum Sinaiticus, welche für Rechnung der Besitzerin dieses Schatzes, der russischen Regierung, ausgeführt wurde. Zuerst wurden photographische Facsimiles derjenigen unter den einzelnen Buchstaben, welche dem Herausgeber den Charakter der Handschrift am besten auszudrücken schienen, veranstaltet, und hiervon zwei Gattungen, eine grössere für den Text und eine für die Noten, dazu später noch eine dritte geschnitten. Als es sich jedoch ergab, dass die Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben in dem Original manchmal in einem anderen Verhältnis zu einander standen als in dem Satz, mussten verschiedenartige Güsse gemacht oder durch Unterschneiden der einzelnen Buchstaben nachgeholfen werden. Der Raum der einzelnen Buchstaben wurde durch Tischendorf nach Millimetern ausgerechnet und die Zahl solcher an jeder einzelnen Stelle im Manuskript verzeichnet. Nachdem Tischendorf ferner entdeckt hatte, dass vier verschiedene Kalligraphen bei dem Codex thätig gewesen waren, mussten eine Menge Ergänzungstypen geschaffen werden, um die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Schreiber wiederzugeben. So hatte z. B. das Omega sieben Varianten. Auch die getreue Wiedergabe der Zusätze zwischen den Zeilen des Manuskripts musste statthaben, ja selbst die Abweichungen der alten Kalligraphen von der üblichen Regel waren getreulich nachzuahmen. So entstand ein Werk ohne Rivalen.
Ebenfalls als eine höchst gelungene Facsimile-Ausgabe ist der durch Lithographie im Verein mit der Typographie hergestellte Papyros Ebers (bei Wilh. Engelmann in Leipzig) zu bezeichnen. Die Nachahmung der Färbung der Schrift und der Pflanzentextur des Papyrus ist so vollkommen gelungen, dass man auf Carton aufgezogene Papyrosblätter vor sich zu haben glaubt. Während die lithographische Nachbildung aus der Offizin von Giesecke & Devrient stammt, ist der textliche Teil mit den hieroglyphischen Typen des F. Theinhardt von Breitkopf & Härtel gedruckt.
Alphonse Devrient, der berühmten Künstlerfamilie Devrient angehörend, starb frühzeitig auf einer Erholungsreise nach Berlin am Ostermorgen 1878. Er hatte bei Fr. Nies gelernt und arbeitete vier Jahre in der Imprimerie royale in Paris in der sogenannten Chambre arabe unter der strengen, jedoch wohlwollenden Leitung Lud. Rousseaus und des gelehrten Orientalisten Jul. Mohl und ging dann nach England. Er war einer der tüchtigsten Typographen seiner Zeit. Der überlebende Chef Herm. Giesecke entstammt dem bekannten Hause Schelter & Giesecke, als Sohn des C. F. Giesecke.
Eine aus kleinen Anfängen rasch zu einem Weltgeschäft angewachsene Druck- und Verlagsanstalt ist das Bibliographische Institut.
Im Jahre 1826 gründete Joseph Meyer in seiner Vaterstadt Gotha das Institut, welches 1828 nach Hildburghausen verlegt wurde. Das mit Stahlstichen illustrierte „Universum“ erreichte eine für damalige Zeit ganz enorme Auflage von 80000 Exemplaren. Es folgten verschiedene Klassiker-Bibliotheken, deren Rechtmässigkeit bestritten wurde, die aber durch eine bisher ungekannte Billigkeit die Kauf- und Leselust anregten und eine weite Verbreitung fanden. Dann kam das grosse Konversations-Lexikon in 52 starken Bänden. J. Meyer war ein Mann von ausgebreiteten Kenntnissen mit einer staunenswerten Arbeitskraft, die er jedoch über alles Mass anstrengte, indem er neben der bibliopolisch-typographischen Wirksamkeit noch grossartige industrielle Pläne verfolgte.
Sein Sohn Hermann Julius Meyer zog mit dem Institut 1874 nach Leipzig[215]. Jetzt steht dasselbe als eines der grossartigsten und am besten geleiteten nicht nur in Deutschland da. So imponierend auch schon die äusseren Einrichtungen wirken, so ist es doch namentlich die innere Organisation dieser mit zwei Rotationsmaschinen und 31 Schnellpressen arbeitenden Anstalt, welche Bewunderung erregt. Das Geschäft sucht und findet seine Kraft in der Konzentration und in der Erreichung möglichster Vollkommenheit innerhalb der selbstgesteckten Grenzen für seine Wirksamkeit. Von der dritten Auflage des grossen Konversations-Lexikons wurden über 100000 Exemplare abgesetzt, daneben erlangte das kleine Lexikon in zwei Bänden eine grosse Popularität. Ein Werk von hohem Wert ist A. E. Brehms „Tierleben“ in zehn prachtvoll illustrierten Bänden.
Ein Geschäft, welches ebenfalls in verhältnismässig kurzer Zeit eine grosse Entwickelung und Ausdehnung gewann, ist das bereits (S. 287) erwähnte von J. Klinkhardt, welches mit 21 Schnellpressen, 22 Handpressen und 35 Giessmaschinen über 400 Personen beschäftigt und vortreffliche Arbeiten im modernen Stil liefert.
Dass diese und die sonst genannten Offizinen dem Illustrationsdruck alle erdenkliche Sorgfalt widmen, ist selbstverständlich, ausser denselben besitzt Leipzig jedoch noch eine Reihe von Druckereien, die sich vorzugsweise mit Illustrationsdruck beschäftigen. Des von Ed. Kretzschmar begründeten Geschäfts (jetzt C. Grumbach) wurde bereits (S. 298) gedacht. Vieles zur Bildung einer tüchtigen Schule von Holzschnittdruckern trug Kretzschmars erster Gehülfe Joh. Chr. Benedict bei. A. H. Payne druckt mit Rotationsmaschine und 18 Schnellpressen für den eigenen Verlag eine grosse Anzahl von illustrierten Blättern und Werken. Alex. Edelmann und Otto Dürr wirkten erst zusammen, dann getrennt und lieferten mehrere der grossen Berliner Modezeitungen und viele Prachtwerke für Alf. Dürr, während A. Hundertstund & A. Pries namentlich den Seemannschen Kunstverlag druckten. Alex. Wiede beschäftigt 18 Schnellpressen fast nur mit der Herstellung der „Gartenlaube“. Aus den Pressen der Firma Fischer & Wittig stammen sehr viele der schönsten illustrierten Prachtwerke neuerer Zeit sowohl aus dem Verlag von Leipziger als auswärtigen Buchhändlern.
Mit wissenschaftlichen Werken beschäftigten sich vorzugsweise Metzger & Wittig, A. Th. Engelhardt, C. Hirschfeld, Otto Wigand und Bär & Hermann, welche letztere den Druck russischer Werke als Spezialität pflegen; Ph. Reclam jun. liefert mit 22 Schnellpressen fast ausschliesslich Zwanzigpfennigbände seiner Universalbibliothek; Otto Spamer druckt seine zahlreichen illustrierten Jugendschriften und populären Werke; C. G. Naumann hat seine umfangreiche Offizin nur für Accidenzien eingerichtet; Alex. Waldow verwendet die seinige nur für den Druck des „Archiv der Buchdruckerkunst“ und anderer in seinem Verlage erscheinender, zumteil von ihm verfasster typographischer Fachschriften[216].
An Tagesblättern ist Leipzig geradezu arm und manche Provinzialstädte Deutschlands von 30–50000 Einwohnern haben eine weit reichere Zeitungslitteratur aufzuweisen. Das umfänglichste Journal, namentlich zur Zeit der Messen, ist das „Leipziger Tageblatt“. Der Verleger E. Polz beschäftigt für den Druck desselben und ausserdem hauptsächlich für den des C. F. Winterschen Verlags drei Rotationsmaschinen und elf Schnellpressen.
Nicht alle graphischen Firmen Leipzigs, die tüchtiges liefern, können wir hier aufzählen. Die Zahl der Buchdruckereien Leipzigs (incl. der Vororte) beträgt 92 mit 7 Rotationsmaschinen, 437 Schnellpressen und 292 Tret- und Handpressen. Die 69 lithographischen Anstalten beschäftigen 146 Schnellpressen, 517 Handpressen. In beiden Branchen sind gegen 6200 Personen thätig.
Den enormen Aufschwung, welchen das Musikaliengeschäft in Leipzig nahm, veranlasste ein Institut für Notendruck, das seinesgleichen sucht. C. G. Röder gründete mit kleinsten Mitteln 1846 seine Notendruckanstalt, welche jetzt mit 34 Schnellpressen, 25 Handpressen und einem Personale von 400 Köpfen arbeitet und namentlich die äusserst umfangreiche Édition Peters im Verlage des Bureau de musique druckt. An eigentlichen lithographischen Kunstinstituten hat Leipzig keinen Überfluss, dagegen ist die Anstalt für Phantasieartikel und Luxuspapiere von Meissner & Buch, die mit 15 Schnellpressen, 30 Handpressen und 46 Präg- und anderen Maschinen arbeitet, von grosser Bedeutung; auch die Offizin von Wetzel & Naumann hat einen enormen Aufschwung genommen und arbeitet hauptsächlich für den Export mit 32 Schnellpressen, 27 Handpressen und 450 Arbeitern. H. Wagner & E. Debes beschäftigen sich ausschliesslich mit kartographischen Arbeiten. Als Lichtdrucker leisten A. Naumann & Schröder vorzügliches. Die Zahl der xylographischen und chemigraphischen Anstalten ist eine beträchtliche.
Es würde zu weit führen, alle die Verleger aufzuzählen, die, ohne eigene Druckereien zu besitzen, doch auf die Typographie einen grossen Einfluss übten. Den Buchdruck für wissenschaftliche Zwecke förderten u. a. namentlich J. A. Barth, W. Engelmann, Sal. Hirzel, L. Voss, die J. C. Hinrichssche Buchhandlung, F. C. W. Vogel[217], T. O. Weigel (I, S. 6), Rud. Weigel (I, S. 103), O. Wigand und C. F. Winters Verlag.
Für den illustrierten Verlag waren J. J. Weber und Georg Wigand in den dreissiger Jahren bahnbrechend. J. J. Weber führte 1832 das „Pfennig-Magazin“ und 1843 die „Illustrirte Zeitung“ ein. Die von Ad. Menzel illustrierte Geschichte Friedrichs des Grossen wurde noch während der Zeit der ersten Neuentwickelung des Holzschnittes in Deutschland (S. 297) unternommen, überhaupt wirkte geschmackvolle Ausstattung aller Weberschen Artikel sehr anregend sowohl auf die Buchdruckereien wie auf die Verleger.
Gleichzeitig mit Weber wirkte Georg Wigand, dessen im Verein mit seinem Bruder Otto Wigand 1840 unternommene Ausgabe von dem Nibelungenlied, illustriert von Hübner und Bendemann, eine schöne Jubelerinnerung bildet. Sowohl durch eigene Neigung als namentlich durch seine innige Verbindung mit Loda, Richter und Schnorr von Carolsfeld wurde er auf die mehr ursprüngliche echt deutsche Art des Holzschnitts geführt, von welchem Schnorrs Bibel in Bildern ein monumentales Denkmal bleibt.
In neuerer Zeit waren es namentlich E. A. Seemann und Alf. Dürr, welche den illustrierten Verlag förderten. Seemann lieferte eine grosse Reihe von Werken über die verschiedenen Zweige der Kunst und der Kunstgewerbe, Alf. Dürr pflegte namentlich die strengere Richtung der illustrierenden Kunst in den Werken von J. Führich, Preller u. a., daneben lieferte er eine Reihe von Jugendschriften in höchst anziehender Weise durch Osc. Pletsch illustriert. Auch Fr. Brandstetter, J. A. Baumgärtner, E. Keil, Velhagen & Klasing, K. Bädeker, Schmidt & Günther u. a. leisteten durch ihren Verlag den Illustrationsdruckern grossen Vorschub.
Unter den sonstigen Städten des Königreichs Sachsen hat die Residenzstadt Dresden allein einen bedeutenden Platz und unter den 47 Buchdruckereien und 54 lithographischen Anstalten, die mit 209 Schnellpressen und 251 Tret- und Handpressen arbeiten, nimmt wieder die Firma C. C. Meinhold & Söhne die hervorragendste Familie Meinhold.Stellung ein. Der Begründer derselben, Carl Christian Meinhold, Sohn eines Bergmannes aus Marienberg, erwarb die Hofbuchdruckerei, welche ihren Ursprung dem Herzog Georg dem Bärtigen verdankt, der 1524 den Buchdrucker Wolfg. Stöckel aus Leipzig nach Dresden berief, um reformatorische Schriften zu drucken. Stöckels Geschäft kam 1590 an die Familie Bergen, in welcher es blieb, bis Meinhold es 1778 übernahm und bald zu einer grösseren Blüte brachte. Er druckte die sächsischen und polnischen Kassenbillets und Staatspapiere und machte auch glückliche Verlagsspekulationen. Im Jahre 1816 übergab er die Geschäftsleitung seinen C. I. Meinhold * 1784. † 1861.Söhnen, von welchen Christian Immanuel Meinhold es nach dem Tode des Vaters allein übernahm. Zu der Buchdruckerei fügte er Schrift- und Stereotypengiesserei. Seine Söhne Julius und Theodor wurden 1855 Teilnehmer und von 1875 führte Julius das Geschäft allein fort und feierte am 28. Januar 1878 das hundertjährige Jubiläum der Firma.
Zu erwähnen sind noch namentlich B. G. Teubners Filiale des Leipziger Geschäfts (6 Schp.), E. Blochmann & Sohn (2 Rotm., 5 Schp.), der von Leipzig übersiedelte W. Baensch (8 Schp.), R. H. Dietrich (8 Schp.), Gleissner (Rotm. und 7 Schp.), C. Heinrich (12 Schp.), H. G. Münchmeyer (9 Schp.), Liepsch & Reichhardt (Rotm., 4 Schp.), J. Pässler (7 Schp.), Ad. Wolf (7 Schp.). Von den lithographischen Anstalten waren früher besonders angesehen: H. Hanfstängl und Fürstenau, ersterer auf Grund seines Galeriewerkes, letzterer wegen seiner brillanten Accidenzarbeiten; jetzt sind die grössten Institute W. Brückner & Co. (8 Schp., 6 Hdp.), R. Bürger (6 Schp., 5 Hdp.), R. Friedländer (7 Schp., 7 Hdp.). Als Lichtdrucker haben Römmler & Jonas (7 Schp.) bereits lange einen Namen. W. Hoffmann arbeitet mit 8 Lichtdruckschnellpressen. Als Verlagsort hat Dresden Bedeutung durch seine Kunstverleger, als: E. Arnold, A. Gutbier, Hanfstängl, F. & O. Brockmann Nachfolger, G. Gilbers, H. Krone u. a.
In der Fabrikstadt Chemnitz beschäftigen sich die Buchdruckereien wesentlich nur mit Zeitungs- und Accidenzdruck. Einen ungewöhnlichen Umfang erreichte das Geschäft von Pickenhahn & Sohn (1 Rotm., 20 Schp. und 150 Arb.). Unter den lithographischen Anstalten ist R. Oschatz (8 Schp., 16 Hdp.) die grösste. Bautzen hat eine sehr leistungsfähige Steindruckerei und Luxuspapierfabrik, Gebr. Weigang (23 Schp., 12 Hdp.); in dem Fabrikort Buchholz liefert G. Adler tüchtige Accidenzarbeiten für seine eigene bedeutende Cartonnagenfabrik. In Plauen wirkt ebenfalls für den Bedarf der Fabriken Mor. Wieprecht (6 Schp.), in Meissen C. E. Klinkicht & Sohn (4 Schp.).
Durch die Eisenbahnverbindung kann Altenburg fast als eine Vorstadt des typographischen Leipzig betrachtet werden. Wohlfeilere Lebensverhältnisse setzten in der tariflosen Zeit die dortigen Buchdrucker in den Stand, vorteilhaft mit den Leipzigern konkurrieren zu können. Diese Verhältnisse verstanden erst H. A. Pierer, welcher 1832 das von dem Vater Joh. Pierer erworbene Druckgeschäft übernommen hatte, und dann dessen Söhne Eugen und Alfred mit Geschick zu benutzen, so dass das gut und mit genügenden Mitteln geleitete Geschäft den Leipziger Druckereien öfters eine schwer zu bestehende Konkurrenz bereitete. Das in Pierers Verlag erschienene „Universal-Lexikon“ besass neben dem Brockhausschen Konversations-Lexikon ein grosses Ansehen, wenn auch die Verbreitung sich innerhalb mässiger Grenzen hielt[218].
Am 1. Januar 1872 ging die Druckerei in die Hände eines Leipziger Konsortiums über, unter Leitung des Mitbesitzers Steph. Geibel. Die Offizin wuchs rasch (19 Schp.) und hat sich namentlich einen Ruf durch ihre Accidenzarbeiten erworben (S. 292).
Thüringen hat viele gut eingerichtete aber keine besonders hervorragenden Druckanstalten aufzuweisen. In Gera lieferte Issleib & Rietschels Hofbuchdruckerei (6 Schp.) Beachtenswertes, namentlich im chemigraphischen Landkartendruck. Hildburghausen hatte früher durch das Bibliographische Institut (S. 346) Bedeutung; eine tüchtige Druckanstalt daselbst ist noch die von Gadow & Sohn (5 Schp.). Die Hofbuchdruckerei in Weimar datiert aus dem Jahre 1624, als der an allen Kulturbestrebungen regen Anteil nehmende Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen in seinem Schloss eine Offizin errichten liess, in welcher er selbst und seine Gemahlin an dem Satz Lutherscher Werke arbeiteten. Die Hauptstücke der christlichen Lehre fasste er als Enchiridion für den Unterricht seiner beiden Töchter zusammen.
Nach manchen Wandlungen durch zwei Jahrhunderte kam die Offizin in den Besitz Hermann Böhlhaus[219], in welchem sie sowohl durch Arbeiten für den eigenen Verlag, wie für fremde Rechnung einen raschen Aufschwung genommen hat.
Eine rastlose Thätigkeit entwickelte die Weimarer Druck- und Verlagsfirma B. F. Voigt. Verfolgt sie auch keine idealen Zwecke, so hat sie doch durch ihren grossen technischen Verlag (gegen 1500 Artikel und 20 Zeitschriften), namentlich durch ihren „Schauplatz der Künste und Handwerke“ in etwa 300 Werken, von welchen mehr als die Hälfte neue Auflagen (öfters sechs bis acht) erlebten, vieles zur Verallgemeinerung technischer Kenntnisse beigetragen. Die Natur des Verlages lässt keine Prachtwerke zu, doch sorgt die Firma für gute Ausführung der Werke sowohl als der vielen lithographischen Beilagen.
In Gotha gehört die Engelhard-Rheyersche Hofbuchdruckerei zu den besten Anstalten Deutschlands. Der Besitzer Fr. Engelhard hat sich ausserdem um die Organisation der Krankenkassen der Gehülfen sehr verdient gemacht. Einen Weltruf hat das geographische Institut von Justus Perthes erlangt. Der Gründer war Joh. Georg Justus Perthes aus Rudolstadt; die ausschliesslich geographische Richtung erhielt das Geschäft erst durch den Sohn Wilh. Perthes, der auch den Gothaischen Hofkalender und den Almanach de Gotha erwarb. Stielers Handatlas eröffnete die Reihe des bedeutenden kartographischen Verlags, bei welchem H. Berghaus, Bernh. Perthes * 27. Okt. 1857.v. Stülpnagel, v. Spruner u. a. mitwirkten. Die grösste Blüte erlangte die Anstalt unter der Direktion des Bernhard Perthes, die noch während der Lebenszeit des Vaters begann, leider aber bereits vier Jahre nach des letzteren Tod ihre Endschaft erreichte.
Unter der wissenschaftlichen Leitung des Dr. August Petermann bildete sich das Geschäft, unterstützt durch die seit 1855 monatlich erscheinenden „Mitteilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt“, zu einem Mittel- und Einigungspunkte der Bestrebungen für die gesamte Erdkunde aus.
Perthes' Absichten in technischer Beziehung gingen nicht darauf, alle graphischen Künste in ein äusserlich grosses Etablissement zu vereinigen, sondern er verteilte die Arbeiten auf etwa dreissig selbständige Unternehmer, welche nahe an 400 Arbeitern den Unterhalt brachten.
In Erfurt geben die vielen Gärtnereien und die Eisenbahndirektion zu einem lebhaften Accidenzgeschäft Veranlassung. Die bedeutenderen Offizinen sind die von Ohlenroth (6 Schp.), Fr. Bartholomäus und G. A. König. H. C. Bestehorn in Aschersleben beschäftigt 8 Schnellpressen und viele Arbeiter mit Luxuspapierfabrikation. Th. Müller in Nordhausen liefert mit 8 Schnellpressen Etiquetten, Geschäftspapiere u. dgl.
In Halle befindet sich die altehrwürdige Waisenhausbuchhandlung und Buchdruckerei nebst der damit verbundenen v. Cansteinschen Bibelanstalt. Die erstere wurde 1697 durch den Pfarrer Heinr. Jul. Elers als Teil der Franckeschen philanthropischen Stiftungen begründet[220]. Für eine Buchdruckerei wurde wenige Jahre nachher ein Privilegium erteilt. Die Cansteinsche Bibelanstalt ist durch die Anstrengungen des Barons Carl Hildebrandt von Canstein durch gesammelte Beiträge gegründet. Bereits 1712 konnte das Neue Testament, 1713 die ganze Bibel gedruckt werden. v. Canstein starb am 19. Juli 1719, worauf Francke die Anstalt übernahm, die im Jahre 1713 ebenfalls eine eigene Buchdruckerei erhielt.
Eine neue Epoche für dieselbe begann mit der Gründung der Britischen Bibelanstalt 1804 (S. 99) und der deutschen Hauptbibelgesellschaft. Im Jahre 1830 konnte die erste Schnellpresse aufgestellt und 1839 eine Stereotypie eingerichtet werden. Die Zahl der von 1712–1872 gedruckten Bibeln und Neuen Testamente betrug nahe an sechs Millionen. Seit dem Jahre 1860 sind die beiden Druckereien der Franckeschen Stiftungen im Betrieb vereinigt (12 Schp.) unter der sicheren Leitung des tüchtigen Buchdruckers C. Bobard. Einen besonderen Aufschwung nahm die Buchhandlung O. Bertram † 10. April 1876.seit 1858 unter der umsichtigen Direktion von Osw. Bertram, der sich auch um den Deutschen Buchdrucker-Verein sehr verdient gemacht hat. Sein Nachfolger ist der durch seine höchst verdienstlichen bibliopolischen Schriften bekannte Aug. Schürmann[221].
Ein angesehenes Geschäft ist das Gebauer-Schwetschkesche. Carl August Schwetschke aus Glauchau kam 1783 als Faktor in die Buchhandlung der Witwe Hemmerde, welche ihn 1788 als Mitbesitzer aufnahm. Die Firma wurde nun Hemmerde & Schwetschke und, als des letzteren Sohn Carl Ferdinand im Jahre 1828 eintrat, Dr. Carl Gust. Schwetschke * 5. April 1805, † 5. Okt. 1881.Schwetschke & Sohn. Im Jahre 1820 war ihm die Gebauersche Buchhandlung und Buchdruckerei zugefallen, die er als besonderes Geschäft seit 1828 mit seinem jüngeren Sohne Dr. Carl Gustav Schwetschke fortführte.
Bereits am 30. September 1878 konnte die Familie eine dreifache Jubelfeier begehen, die des hundertjährigen Bestehens des Geschäfts, die fünfzigjährige der geschäftlichen Wirksamkeit Dr. Gustavs und die fünfundzwanzigjährige derjenigen seines Sohnes Carl Ferdinand. Zu den bedeutenden Unternehmungen der Firma gehören: Suidae Lexicon graece et latine und Freytagii Lexicon arabico latinum. Dr. G. Schwetschke erwarb sich einen bekannten und beliebten Namen durch seine litterarischen Arbeiten[222].
Die frühere Bedeutung Magdeburgs als Druckplatz ging bald verloren. Erst durch Ed. Hänel (S. 281), dessen Etablissement noch heute besteht, gewann es wieder einen Namen. Zu nennen sind besonders das Etablissement von E. Baensch jun. (10 Schp.) und die Druckerei der Brüder Alexander und Robert Faber, welche die in ihrem Verlage erscheinende „Magdeburgische Zeitung“, die eine einflussreiche Stellung und eine grosse Verbreitung erreicht hat, mit 3 Rotationsmaschinen und 5 Schnellpressen druckt.
Braunschweig hat, obwohl nicht durch besondere örtliche Verhältnisse begünstigt, eine ziemlich bedeutende Rolle in der deutschen Typographie gespielt. Hier wirkte die Firma Vieweg & Sohn, welche durch ihr Beispiel grossen Einfluss auf die Fortschritte in der deutschen Bücherausstattung geübt hat. Der Begründer des Geschäfts war Fr. Vieweg (1799), den Höhepunkt erreichte dasselbe nach dem Beitritt des Sohnes Hans Heinrich Eduard Vieweg im Jahre 1825. Er war zu Berlin geboren und hatte sich für seinen Beruf in Frankreich ausgebildet. In Paris schloss er eine für das Leben dauernde Freundschaft mit dem berühmten Chemiker Justus v. Liebig, die für Viewegs geschäftliche Wirksamkeit von grösstem Einfluss wurde. Aus England brachte er die erste Columbiapresse nach Deutschland und unternahm es, auf der Zorger Eisenhütte im Harz dergleichen Pressen bauen zu lassen (S. 316).
Vieweg wurde ein Bahnbrecher für den guten typographischen Geschmack. Durch die Verwendung des instruktiven Holzschnittes in einem Maasse, wie früher nicht gekannt war, hat er ganz ausserordentlich zu der wahren Popularisierung der Wissenschaft, welche nicht mit dem oberflächlichen Naschen durch Hülfe zusammengeschriebener, sogenannter populärer Litteratur verwechselt werden darf, beigetragen. Seine Druckwerke, zu denen die eigenen Werkstätten die Schriften, die Holzschnitte und das Papier lieferten, waren ein Spiegelbild seiner eigenen Persönlichkeit. Alles durch und durch gentlemanlike: gediegenes Innere in einfach nobler Hülle. Das ganze Viewegsche Institut erinnert an die besten Werkstätten der früheren Blütezeit der Typographie mit ihren begeisterten, nach einem festen Ziele strebenden Leitern. Für das allgemeine Interesse des Buchgewerbes trat Vieweg stets mit Energie ein. Er unterlag in seinem 73. Jahre langen und schweren Leiden. Das Geschäft blüht fort und beschäftigt 14 Schnellpressen und 10 Handpressen.
In ähnlicher Weise wie Vieweg wirkte George Westermann, welcher mit seiner 1838 gegründeten Buchhandlung 1845 eine Buchdruckerei vereinigte. Beide Geschäftszweige gelangten zur vollen Blüte und die Westermannschen Leistungen sind ebenso vorzüglich wie seine Offizin (15 Schp.) eine schön eingerichtete ist. Unter seinen Verlagsunternehmungen sind am bekanntesten seine nach amerikanischem Muster angelegten illustrierten „Westermanns Monatshefte“ (seit 1856). Durch E. Gäbler errichtete er in Leipzig eine chemitypische Anstalt, in welcher er seine äusserst billigen Kartenwerke herstellte. Von Langes Schulatlas ist bereits mehr als eine Million Exemplare verbreitet.
Unter den Druckanstalten Braunschweigs nimmt auch die von Julius Krampe (1 Rotm., 8 Schp.) einen angesehenen Platz ein. Die lithographische Anstalt der Firma H. Litolff (8 Schp., 5 Hdp.) druckt den bedeutenden Musikalien-Verlag der Firma.
An Braunschweig und die Firma Joh. Heinr. Meyer knüpft sich noch die Erinnerung an einen Mann, der von den deutschen Typographen stets hoch in Ehren gehalten zu werden verdient. Wie Vieweg auf dem praktischen Wege bahnbrechend wirkte, so Dr. Heinrich Meyer auf dem theoretischen durch sein „Journal für Buchdruckerkunst“. Dasselbe wurde 1834 begründet, zu einer Zeit des regsten Schaffens auf allen graphischen Gebieten. Kaum eine Woche verging, welche nicht eine Verbesserung, eine neue Schrift, eine neue Maschine u. dgl. brachte. Das Verdienst, alle diese Neuheiten nicht nur gewissenhaft registriert, beschrieben und abgebildet, sondern auch ihrem wahren Werte nach unparteiisch und nüchtern beurteilt zu haben, gehört Meyer. Fast immer war sein Urteil zutreffend und die Zukunft lehrte gewöhnlich, wie recht er gehabt hatte. In seiner Selbstlosigkeit war ihm die Sache alles; nie liess er sich von persönlichen Sympathien bestechen oder von Antipathien zu Ungerechtigkeiten hinreissen; sein Blatt blieb frei von allem Koteriewesen. In seinem Urteil war er mild, konnte jedoch auch, wenn es sein musste, gegen anmassende Dummheit derb, jedoch nie gehässig werden.
Dr. Meyer starb am 4. November 1863, schwerlich Feinde hinterlassend, wohl aber viele Freunde, die seinen Hingang als einen schweren Verlust für die deutsche Typographie betrauerten.
Nach seinem Tode litt das Blatt unter einem langen Schwanken in den redaktionellen Verhältnissen, bis im Herbst 1872 Theodor Goebel, an Kenntnissen und Sammelfleiss Meyer ebenbürtig, die Redaktion antrat und bis zum Herbst 1879 fortführte. Namentlich seine vielen ausführlichen und sachkundigen Ausstellungsberichte bieten wichtige Beiträge zur Kunde der Fortschritte auf allen graphischen Gebieten. Nach Goebels Rücktritt folgte wieder eine Periode der Unsicherheit, bis das Blatt im Herbst 1881 in den Verlag und in die Redaktion von Ferd. Schlotke in Hamburg überging.
Das „Journal für Buchdruckerkunst“ wird bald sein fünfzigjähriges Bestehen feiern können. Es bleibt die wichtigste Quelle für die Geschichte der typographischen Entwickelung in dem letzten halben Säkulum, in dessen Gewirr es einer späteren Generation schwer werden würde, sich ohne seine Hülfe zurechtzufinden.
Fußnoten:
[205] K. G. Hausius, Biographie J. G. I. Breitkopfs. Leipzig 1794. — Dr. O. Hase, Breitkopf & Härtel, 1883.
[206] Fr. Chrysander, Abriss einer Geschichte des Musikdruckes von XV. bis zum XIX. Jahrhundert. In der Allg. Musik. Ztg., 1879, No. 11 u. ff. — Ant. Schmid, Ottaviano dei Petrucci da Fossombrone. Wien, 1845.
[207] Über diesen sowie über die sonstigen Musikdrucke Breitkopfs vergl. Lorck, „Der Buchhandel und die graphischen Künste auf der Kunstgewerbe-Ausstellung zu Leipzig 1879“. Sep. Abdr. aus dem Börsenbl. f. d. d. B.
[208] Chr. G. Lorenz, Zur Erinnerung an G. J. Göschen. 4. Grimma 1861.
[209] Herm. Francke, Das Konversations-Lexikon und seine Gründer. Börsenbl. f. d. d. B. 1873. No. 23.
[210] H. E. Brockhaus, Friedrich Arnold Brockhaus. Leipzig 1872. II. B. VI. K.
[211] Sein Enkel Dr. Ed. Brockhaus setzte ihm in dem Werke „Friedrich Arnold Brockhaus, sein Leben und Wirken“. 3 Bde. Leipzig 1872–1881 ein würdiges Denkmal. Neben der interessanten und lehrreichen Darstellung hat das Buch das, bei einem so entstandenen Werke gewiss seltene Verdienst der grössten Offenheit und einer fast bis zum Äussersten gehenden Unparteilichkeit, die auch nicht den geringsten Versuch zulässt, die Schwächen und Fehler des bedeutenden Mannes zu bemänteln.
[212] Seine Erlebnisse auf einer grossen Reise in den Jahren 1867–1868 schilderte Brockhaus in der ihn charakterisierenden schlichten Weise in seinem „Reisetagebuch“. 2 Bde. 1873.
[213] Den Satz dieses Werkes von gegen 2200 Seiten in Quart übernahmen, nachdem verschiedenen Setzern die Geduld ausgegangen war, ohne vorher ein orientalisches Wort gesetzt zu haben, zwei Setzerlehrlinge F. Essigke und H. Kauxdorf, deren der Verfasser, ein gewiss seltener Fall, in der Vorrede in der ehrendsten Weise gedenkt.
[214] Als: Die Herstellung der Druckwerke. 4. Aufl. 1883. — Die graphischen Künste auf der Wiener Ausstellung 1873; amtlicher Bericht. — Die Druckkunst und der Buchhandel in Leipzig. 1879. — Geschichte des Vereins der Buchhändler in Leipzig; Jubelschrift. 1883.
[215] Das Etablissement, durch Pläne illustriert, ist im Journ. f. B. 1876, Nr. 27 ausführlich beschrieben.
[216] Darunter: Die Buchdruckerkunst in ihrem technischen und kaufmännischen Betriebe. 2 Bde. 4. 1874–1877. — Illustrierte Encyklopädie der graphischen Künste. 1880–1883.
[217] Früher hatte diese Firma eine 1811 eingerichtete, namentlich mit orientalischen Schriften gut ausgestattete Druckerei, die 1858 auf G. Kreysing überging.
[218] Über Pierers Verhältnis zu Brockhaus und dessen Konversations-Lexikon, sowie über das Entstehen des Universal-Lexikons enthält das bereits erwähnte Werk des Dr. Ed. Brockhaus sehr interessante Details.
[219] H. Böhlau, Zur Geschichte der Hofbuchdruckerei in Weimar. Einleitung zu seinem Verlagskatalog.
[220] Osw. Bertram, Geschichte der Cansteinschen Bibelanstalt in Halle. 1863. — Die Stiftungen A. H. Franckes. Halle 1863. — G. Kramer, A. H. Francke. Halle 1880. — Ann. d. Typ. 1873, Nr. 204 u. 205.
[221] Die Usancen des deutschen Buchhandels. 2. Aufl. Leipzig 1867. — Magazin für den deutschen Buchhandel 1874–1876 u. a.
[222] Vorakademische Buchdruckergeschichte von Halle. 1840. — Codex nundinarius Germaniae literatae bisecularis 1850. — In weiteren Kreisen fanden grossen Beifall seine prosaischen und poetischen Schriften in korrumpiertem Latein, darunter Novae epistolae obscurorum virorum.