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II. KAPITEL.

DIE DRUCK- UND HÜLFSMASCHINEN
DER ANGLO-AMERIKANISCHEN GRUPPE.

Die Handpresse. Lord Stanhope und seine Nachfolger: Cogger, Clymer u. a. Die Auftragmaschine. Die Glätt- und Prägmaschine: Bramah. Die Schnellpresse: Friedr. König in England, Bensley, John Walter, der 29. November 1814, Kränkungen Königs, seine Abreise von London, Walters Eintreten für ihn. Die Nachfolger Königs: Napier, Applegath & Cowper, Hoe u. a. Die Endlosen: W. Bullock, die Walter-Maschine u. a. Die Mehrfarbe-Endlose. Die Tretmaschinen. Die Ausleger, die Anleger. Die Satiniermaschine. Die Feuchtapparate. Die Bronciermaschine. Die Falzmaschine. Diverse Hülfsmaschinen. Walzen und Farbe. Die Materialienhandlungen.

Druckpresse.
S

EIT dreihundertundfünfzig Jahren hatte man sich zur Herstellung selbst der vorzüglichsten Druckwerke noch immer der alten hölzernen Presse bedient. Nach den Verbesserungen an dieser in den ersten fünfzig Jahren der Kunst waren im ganzen genommen keine, das eigentliche Wesen der Presse weiter ändernden eingetreten, namentlich blieb der zweimalige Zug, einer für jede Hälfte der Druckform. Erst gegen das Ende des XVIII. Jahrhunderts gelangten ernsthafte Verbesserungsversuche zur Ausführung, um den Druck grösserer Formate mit einmaligem Zuge zu bewerkstelligen. Besonders hierfür thätig waren W. Haas in Basel (Kap. XIV) und F. Didot in Paris (Kap. V).

Lord Stanhopes Presse.

Den eigentlichen Umschwung kennzeichnet erst die eiserne Presse Lord Stanhopes. Nach vielen kostspieligen Versuchen brachte er, mit Hülfe des tüchtigen Mechanikers Walker, diese zustande und das erste Exemplar wurde in der Offizin Will. Bulmers aufgestellt und beim Druck der grossen Prachtausgabe von Shakespeares Werken verwendet[27].

Wände, Krone, Ober- und Unterbalken der hölzernen Presse wurden jetzt durch ein Stück Gusseisen ersetzt. An Stelle der Schraube mit dem Bengel trat ein zusammengesetzter Hebel, der es möglich machte, in dem Augenblick des Druckes eine fast unbegrenzte Kraft zu entwickeln. Die Arbeiter, die früher mit Aufgebot aller Gewalt den Bengel an sich ziehen mussten, indem sie mit zurückgebogenem Körper den Fuss an den Antritt stemmten, konnten gar nicht begreifen, dass ein gelindes Anziehen im letzten Augenblick genügend sei, um einen kräftigen Abdruck zu erzielen. Das Zurückgehen des Tiegels wurde durch ein Gegengewicht bewerkstelligt. Nur der Fuss blieb anfänglich noch Holz, doch auch hiervon kam man bald ab und baute auch diesen Teil aus Eisen[28].

Die Druckwalze.

Die grossen Handpressen erforderten auch eine raschere Art der Einfärbung. Den Gedanken, die Ballen durch Walzen zu ersetzen, hatte schon früher der französische Holzschneider Papillon gehabt. Lord Stanhope liess viele Versuche machen, um einen zweckmässigeren Überzug derselben fertig zu bringen, gelangte aber nicht zum Ziel. Ein geschickter Drucker in Weybridge, Forster, kam, angeregt durch die Verwendung der Leimmasse in einer Töpferei in Staffordshire, auf den Gedanken, eine Masse von Leim und Syrup auf grobes Segeltuch zu giessen und, nach der Erkaltung, die Ballen damit zu überziehen. Erst später wurden hölzerne Walzengestelle mit Masse umgossen. Hiermit war ein wesentlicher Gewinn an Arbeit und Zeit erreicht, der namentlich der Schnellpresse zugutekommen sollte.

Fortwährende Verbesserungen.

Als einmal das Feld für den Pressenbau eröffnet war, entstanden eine Menge von Pressen, von welchen jede besondere Vorzüge haben sollte. Neben manchem Unwesentlichen kamen auch wirkliche Verbesserungen vor. Doch wie die hölzerne Presse schon jetzt ein Gegenstand ist, den mancher tüchtige Buchdrucker der Gegenwart nur von Hörensagen kennt, so wird es einst mit der eisernen Handpresse gehen, die jetzt schon fast der Vergangenheit angehört, so dass manche grosse Druckerei nur noch zum Abziehen der Korrekturen eine invalide Presse, von einem Drucker-Invaliden bedient, besitzt.

J. Cogger.

Die Coggersche Presse entwickelte eine noch grössere Kraft, als die Stanhopesche. Säulen von Schmiedeeisen bildeten die Presswände. Ein querarmiger zusammengesetzter Hebel gab die Kraft, die dicht unter dem Oberbalken in ausgedehnter Weise wirkte. Durch Federn wurde das Zurückgehen des Tiegels bewerkstelligt[29].

J. Clymer.

Einen hohen Ruf durch die ganze Welt erwarb sich die „Columbia-Presse“ John Clymers. Dieser stammte aus einer Schweizerfamilie, die nach Amerika ausgewandert war. Im Alter von sechzehn Jahren erfand der junge Clymer bereits einen neuen Pflug mit so besonderen Vorzügen, dass er die Aufmerksamkeit der Männer der Wissenschaft auf sich zog. Der Zustand der Druckerpresse erweckte seine Erfinderlust und bereits im Jahre 1797 begann er seine Verbesserungen an der Holzpresse, später an der eisernen, bis er seine berühmte „Columbia-Presse“ zustande brachte, die er 1818 in England einführte, wo sie allgemeine Verbreitung fand. In den dreissiger Jahren beherrschte sie fast alle Druckoffizinen, auch die des Kontinents. In dieser Presse wurde durch eine Kombination von Hebeln bei grosser Gleichmässigkeit des Druckes eine ausserordentliche Kraft geübt, und der Abdruck erschien, bei wesentlicher Schonung der Schrift, in grösster Schärfe. Das Zurückgehen des Tiegels geschah durch ein, auf einem langen Hebel angebrachtes, schweres Gewicht, meist in der Gestalt des auffliegenden amerikanischen Adlers. Die Presse hatte etwas Imposantes und konnte für sehr grosses Format gebaut werden[30].

W. Hagar.

Eine weite Verbreitung fanden ebenso diejenigen Pressen, welche bei geringer Kraftanwendung und bei elastischem Zug durch einen Kniehebel einen starken Druck ausübten. Der Tiegel wurde durch Spiralfedern getragen, das Einstellen für die verschiedenen Schrifthöhen geschah sehr leicht. Diese Pressen wurden zuerst von dem Amerikaner Hagar gebaut[31]. Das Prinzip des Kniehebels war bereits, jedoch nicht in glücklicher Weise, in der sehr komplizierten „Strebepresse“ von Hawkin[32] angewendet und wurde später bei mehreren englischen Pressen benutzt. Sehr verbreitet war die „Albionpresse“ von Hopkinson[33] und die „Imperialpresse“ von J. Cope[34].

J. Ruthven.

Alle die Abarten der Handpresse, die keine grosse Rolle gespielt haben, hier zu beschreiben, wäre eine unfruchtbare Arbeit; es seien nur noch einige, die sich durch Originelles in der Konstruktion auszeichneten, kurz erwähnt. Bei der von John Ruthven in Edinburgh 1813 erbauten „Schottischen Presse“ blieb das Fundament, welches mit Deckel, Rähmchen und Punkturen versehen ist, unbeweglich, während der Tiegel in Schienen hin und her ging und das Fundament durch einen unter demselben angebrachten Mechanismus kräftig angezogen wurde[35]. Sehr originell war die Konstruktion der 1820 in D. Treadwell.J. Saxton.England patentierten „Tretpresse“ des Amerikaners Daniel Treadwell. Das Fundament war, wie bei der Ruthven-Presse, fest. Sie arbeitete leicht, nahm aber einen grossen Raum ein und sah sehr hässlich aus, fand auch nicht Eingang[36]. Nicht besser ging es der „Hydrostatischen Presse“ Jos. Saxtons, in welcher der Tiegel an das Fundament gedrückt wurde durch die Kraft des Wassers, das sich in einem hohlen, elastischen, in der Art der Ziehharmonika geformten und mit dem Tiegel zusammenhängenden Behälter befand, während beim Abfluss des Wassers aus demselben der Tiegel sich wieder hob.

Die Auftragmaschine.

Der Gedanke, die Farbe auf mechanischem Wege aufzutragen, lag ziemlich nahe und ist auch verschiedentlich, jedoch nie in ganz befriedigender Weise, bei der Handpresse zur Ausführung gebracht. Die ersten Versuche geschahen 1820 durch Thomas Parkin. Sein Apparat nahm jedoch einen sehr grossen Platz ein und die Drucker leisteten gegen denselben passiven Widerstand, damit nicht der eine der bisher nötigen zwei Drucker ausser Brot kam.

In Amerika erfand 1833 Fairlamb in Boston, der sich mit einem erfahrenen Buchdrucker und Mechaniker Namens Gilpin vereinigte, einen solchen Apparat, von welchem viele hunderte gebaut wurden. Das Farbewerk stand mit der Kurbel in Verbindung und die Walzen gingen zweimal über die Form weg. Nach der Verbreitung der Schnellpresse verlor jedoch diese Erfindung fast ihren ganzen Wert, da Auflagen, wo Schnelligkeit notwendig war, nicht mehr auf der Handpresse gedruckt wurden.

Bramahs Glätte- und Prägpresse.

Dem Bedürfnis nach einer guten Glätte half namentlich Bramahs „Hydraulische Presse“ ab, die im Vergleich mit der Schraubenpresse den grossen Vorteil hat, dass die Reibung nicht mit der Zunahme des Druckes wächst, der in dem letzten Augenblick eine enorme Steigerung erreichen kann.

Weitere Verdienste erwarb sich Bramah durch seine Präg- und Numeriermaschinen, von welchen eine der frühesten 1809 bei dem Druck der Noten der englischen Bank Verwendung fand. Vor dieser Zeit mussten die Nummern und das Datum mit der Hand eingeschrieben werden. Es dauerte nicht lange, so verwendete die englische Bank 40 Bramahsche Maschinen[37].


Die Schnellpresse.

So wichtig nun auch alle die erwähnten Verbesserungen und Erfindungen waren, so verschwanden sie doch gegen die grosse, am 28. November 1814 der Welt als vollzogen angekündigte That, „dass die Times auf einer durch Dampf betriebenen, ohne Beihülfe von Menschenhänden arbeitenden Schnellpresse gedruckt sei“.

Fr. König.

Mit besonderem Stolz blickt Deutschland auf dieses Ereignis, denn der Name des deutschen Erfinders Friedrich König wird neben dem Gutenbergs auf ewige Zeit mit Anerkennung und Dankbarkeit genannt werden. Ganz ohne Bitterkeit bleibt die Freude hierüber allerdings nicht, denn die Verhältnisse lagen damals für Deutschland so schlimm, dass es, wie König selbst sagt, nicht möglich gewesen wäre, ohne die Beihülfe Englands die Erfindung für das praktische Leben nutzbar zu machen. Für uns erwächst hieraus die Notwendigkeit, die Anfänge der Geschichte der deutschen Erfindung der Schnellpresse in Verbindung mit der typographischen Geschichte Englands zu behandeln[38].

Th. Bensley.
Andr. Fr. Bauer.
John Walter.

Nachdem Königs Hoffnungen in Deutschland, Österreich und Russland vollständig gescheitert waren, kam er 1806 nach England und fand in dem folgenden Jahre in dem tüchtigen Buchdrucker Thomas Bensley einen Mann, der die nötigen Geldmittel zur Erlangung eines Patentes und zur gemeinschaftlichen Ausbeutung desselben herzugeben bereit war. Der neue Gutenberg war hierdurch, wie der Urvater der Typographie, ebenfalls an einen klug-berechnenden und eigensüchtigen Fust gefesselt, hatte jedoch das Glück, in seinem Peter Schöffer — Andreas Friedrich Bauer — nicht nur einen technisch tüchtigen Mitarbeiter, sondern auch einen treuen Freund für das Leben zu besitzen, und in seinem Conrad Humery — John Walter — nicht nur den wohlwollenden und vermögenden Beschützer, sondern den mächtigen direkten Förderer seiner Pläne zu finden.

R. Taylor und G. Woodfall.
Das erste Patent.

Zu König und Bensley traten noch Richard Taylor und G. Woodfall, bekannte Buchdrucker und rechtliche Männer. Es wurden nach und nach vier Patente für verschiedene Arten von Druckmaschinen in England genommen. Das erste Patent: „Für eine Methode mittels Maschinen zu drucken“, wurde Fr. König am 10. März 1810 erteilt; die Spezifikation ist am 27. September eingetragen. Alle Verrichtungen waren auf eine wiederkehrende Bewegung zurückgeführt, so dass Betrieb durch Dampf möglich war und die Arbeiter weiter nichts zu thun hatten, als die Bogen auf dem Deckel anzulegen und nach dem Druck abzunehmen. Deckel und Rähmchen waren ungefähr wie bei der Handpresse, nur mit dem Unterschied, dass das Rähmchen am unteren, statt am oberen Ende des Deckels angebracht war. Beide schlossen und öffneten sich durch einen einfachen Mechanismus. Die Druckfarbe wurde aus einem Behälter ausgepresst. Die Zerteilung der Farbe geschah durch rotierende, zugleich in der Längsrichtung sich bewegende Cylinder, das Auftragen durch Walzen, welche mit egalisiertem Ballenleder überzogen waren. 1811 im April war diese erste Tiegeldruck-Schnellpresse fertig und der erste Bogen, der darauf in der Bensleyschen Druckerei gedruckt wurde, war der Bogen H des Annual Register for 1810 in einer Auflage von 3000 Exemplaren.

Zweites Patent.

Das zweite Patent „für weitere Verbesserungen der Methode mit Maschinen zu drucken“ datiert vom 30. Oktober 1811, die Spezifikation vom 29. April 1812. In diesem Patent wird das Prinzip fast aller folgenden Schnellpressen ausgesprochen. Es enthält eine ausführliche Beschreibung und Abbildung der einfachen Cylinder-Druckmaschine, zugleich wird jedoch erwähnt, dass durch eine Kombination einer grösseren Anzahl derselben Teile oder Prinzipien die Wirkung verdoppelt und vervierfacht werden könne und dass überhaupt von einer Form eine grosse Anzahl von Abzügen in kürzester Zeit zu erhalten sei. Dies alles wurde durch Zeichnungen erläutert. Das dritte Patent, vom 23. Juli 1813, mit der Spezifikation vom 22. Juli 1814, bezieht sich „auf additionelle Verbesserungen der Methode mit Maschinen zu drucken, namentlich was den Farbenapparat, die endlose Bänderleitung, die Horn- und Segmenträder und die Verbindung des Druckcylinders mit dem Karren betrifft“.

Drittes Patent.

Die nach dem zweiten Patent zuerst gebaute einfache Cylindermaschine wurde im Dezember 1812 vollendet. Die ersten Leistungen dieser ganz cylindrischen Presse waren die Bogen G und X von Clarkson, Life of W. Penn. Vol. I. Die Maschine druckte 800 in der Stunde. Als der Eigentümer der Times, J. Walter, die Leistung gesehen, war er in wenigen Minuten entschlossen, zwei Doppelmaschinen zu bestellen. Diese Maschinen mit doppeltem, vorwärts und rückwärts wirkendem Druckcylinder lieferten in der Stunde 1100 Abdrücke in einer weit besseren Ausführung, als man bei Zeitungen gewohnt war. Am 29. November 1814 ging die erste Nummer der Times, mit diesen Maschinen gedruckt, aus der Offizin im Printinghouse-Square hervor. John Walter selbst machte dies dem Publikum in einem leitenden Artikel bekannt, an dessen Schluss es heisst:

„Über die Person des Erfinders haben wir wenig hinzuzusetzen. Sir Christophe Wrens[39] edelstes Denkmal ist das Gebäude, welches er errichtete; ebenso ist die beste Lobpreisung, welche wir dem Erfinder der Druckmaschine darbringen können, diese selbst, deren Macht und Nützlichkeit wir in schwachen Worten zu schildern versucht haben. Es mag genügen, zu sagen, dass der Erfinder von Geburt ein Sachse ist, dass er Friedrich König heisst und dass die Erfindung unter der Leitung seines Freundes und Landsmannes Bauer zur Ausführung gebracht wurde.“

Viertes Patent.

Das vierte Patent Königs „für weitere Verbesserungen an der Schnellpresse“ wurde am 24. Dezember 1814, die Spezifikation am 22. Juni 1816 registriert. Aus den Grundsätzen derselben gingen die Schön- und Widerdruckmaschine, die verbesserte einfache Druckmaschine und die verbesserte Doppelmaschine hervor. Die erste Komplettmaschine wurde im Februar 1816 in der Druckerei von Bensley & Son aufgestellt und lieferte stündlich 900–1000 auf beiden Seiten bedruckte Bogen. Die Literary Gazette war das erste Wochenblatt, welches von 1818 ab dort auf der Schnellpresse gedruckt wurde. In den Nummern vom 3. und 10. Januar äusserte sich Bensley selbst auf das günstigste über die Leistungen der Maschine. Eine verbesserte Doppelmaschine, welche 1500–2000 Exemplare pro Stunde lieferte, wurde in der Times-Offizin aufgestellt und der Eigentümer sprach sich am 3. Dezember 1824 in günstigster Weise über sie aus.

Aus den Patent-Akten geht also hervor, dass schon damals alle Hauptklassen von Maschinen nicht allein von König spezifiziert, sondern mit Ausnahme der achtfachen auch ausgeführt wurden: die einfache Maschine mit Tiegeldruck, die einfache Cylindermaschine, die Doppelmaschine mit abwechselnd stillstehendem Cylinder, die vielfache Maschine, die Schön- und Widerdruckmaschine, die verbesserte einfache Cylinderpresse, die verbesserte Doppelmaschine. Zur Ausführung der achtfachen Maschine wurde König und Bauer die Gelegenheit nicht gegeben. So lange sie in England verweilten, war die Notwendigkeit einer solchen noch nicht eingetreten, und als sie das Land verlassen hatten, war es natürlich, dass John Walter lieber mit den dortigen Mechanikern verkehrte, so dass die achtfache Maschine mit vertikalen Cylindern, welche man bis 1860 als ein Wunderwerk in der Times-Druckerei anstaunte, nach Applegaths Konstruktion ausgeführt wurde.

Umtriebe gegen König.

Nach diesen praktischen Resultaten und nach den Zeugnissen Walters und Bensleys wäre wohl zu erwarten gewesen, dass über die Erfindung der Schnellpresse kein Zweifel mehr obwalten konnte, und dass dem Erfinder auch der volle materielle Lohn geworden wäre. Das war jedoch nicht der Fall. Th. Bensley zeigte sich als ein egoistischer Teilhaber, der in der Sozietät das Übergewicht geltend machte. Ihm war es mehr darum zu thun, die Erfindung zur Hebung der eigenen Offizin zu benutzen, als darum, Bestellungen von seinen Konkurrenten zu erzielen. Statt den Vertrieb zu fördern, erschwerte er denselben und leitete, wie es scheint, die Unterhandlungen in einer der Sache wenig förderlichen Weise. Selbst die Ergebnisse der bereits abgeschlossenen Geschäfte suchte er sowohl Fr. König als auch dem anderen Teilhaber Taylor zu verkümmern. Ja sogar die Ehre der Erfindung sollte nicht unangetastet bleiben.

Will. Nicholson.

William Nicholson, ein heller Kopf und redlicher Mann, hatte sich früher mit der Idee einer Druckmaschine umgetragen und bereits am 29. April 1790 ein Patent genommen „auf eine Maschine oder ein Instrument, um auf Papier, Leinwand, Kattun, Wollenzeug und andere Stoffe in einer netteren, wohlfeileren und genaueren Manier zu drucken, als durch die jetzt gebräuchlichen Instrumente möglich ist“[40]. Seine Zeichnungen und Erklärungen sind sehr skizzenhaft. Es wird mehr angegeben, was Nicholson will, als „wie“ er es zu machen gedenkt. Nicholson hat seine Ideen nie ausgeführt; sie waren von ihm selbst längst beiseitegelegt und vergessen, als König und Bensley aus des Genannten eigenem Munde davon hörten, als sie ihn in ihrer Patentangelegenheit konsultierten; denn Nicholson übte die Vermittelung in solchen Geschäften als Erwerb. Bei dieser Gelegenheit äusserte derselbe, „er habe die Sache vor 17 Jahren versucht, sie gehe aber nicht“. Auch hat er, selbst als König öffentlich mit seiner Erfindung auftrat, sich ganz still verhalten.

E. Cowper.

Dagegen tauchten andere auf, die es sich mit dem Fortbauen auf den gemachten Erfahrungen bequem machten. Wäre hierzu nur Nicholsons geistige Hinterlassenschaft benutzt, so hätten König und Bauer keine Veranlassung sich zu beschweren gehabt; es wurden aber ihre Ideen vollständig, z. B. von E. Cowper in seiner Schön- und Widerdruckmaschine, ausgebeutet. Rechtsgelehrte erklärten, dass ein Einschreiten seitens Königs von Erfolg sein würde, aber Bensley stimmte gegen ein solches und die Klage musste demnach unterbleiben. Ja, es scheint sogar, dass Bensley in Übereinstimmung mit Cowper gehandelt habe. „Denn letzterer offerierte“ — so, sagt Savage, sei ihm berichtet worden — „als einen Akt der Gerechtigkeit und in Betracht der grossen Kosten von mindestens 16000 Pfd. Sterl., welche für Bensley bei der Durchführung der Erfindung der Druckmaschine entstanden waren, diesem einen Anteil an seinem Patent[41], was von Bensley angenommen wurde.“ Die Freundschaft der beiden scheint jedoch nicht von langer Dauer gewesen zu sein, denn später liess Bensley König ersuchen, gegen Cowper einzuschreiten, was jetzt jedoch König seinerseits ablehnte. Wie es Cowper machte, so thaten es auch andere; man nahm von Nicholson und König, was passte, und fügte einiges Neue hinzu.

König geht nach Deutschland.

Ermüdet von allen diesen Verdriesslichkeiten beschlossen König und Bauer im Jahre 1817, England zu verlassen und in das Vaterland zurückzukehren, dem sie fortan mit Ruhm und Erfolg angehören sollten. Das Verlassen Englands unter den obwaltenden Umständen war selbstverständlich gleich einem Aufgeben der Patentrechte und der daran geknüpften Aussichten. Die englische Presse vergass schnell den Namen König. Wenn von der Erfindung und Verbesserung der Schnellpresse die Rede war, so wurden Nicholson, Cowper, Applegath und andere genannt; König existierte nicht. Nur die Times fuhr fort, eine rühmliche Ausnahme zu machen, und stellte noch am 3. Dezember 1824 König das ehrendste Zeugnis aus. Es dürfte, wenn auch König keiner Ehrenrettung bedarf, eine Pflicht gegen die deutsche Erfindung sein, die hauptsächlichsten Stellen daraus wiederzugeben:

John Walter über König.

„Bei der ersten Einführung der Druckmaschinen erregte diese Erfindung grosse Teilnahme, und ihre Originalität wurde nicht bestritten, indem niemand einen Beweis für die frühere Anwendung derselben Grundsätze anführen konnte. Schon damals waren wir bemüht, den Ansprüchen des Erfinders, Herrn König, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der einige Jahre später in sein Vaterland Deutschland zurückkehrte, jedoch — fürchten wir — ohne den Lohn empfangen zu haben, der seinem Verdienste für seine wunderbare Erfindung und deren Ausübung in England zukam.“ Es wird nun der ungerechten Versuche von anderer Seite, sich die Erfindung anzueignen und die Verdienste Königs entweder ganz zu ignorieren oder auf ein Minimum zu reduzieren, gedacht und dann fortgefahren: „Es ist ein so seltener Fall, dass ein Ausländer in England eine Erfindung zur Ausführung bringt; es giebt hier so viele eingeborene Talente in den mechanischen Künsten, und England steht in dieser Beziehung so hoch; dass es wohl ausländischem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren lassen kann.“ Dies thut nun das Blatt, indem es die Ansprüche des Herrn Bensley auf null, die des Herrn Nicholson auf eine fallengelassene Idee und die der Nachfolger Königs auf das facile est inventis addere zurückführt. „Wir können zum Schluss nicht umhin, zu bezeugen, dass wir in Herrn König nicht nur einen Mann von hoher Bildung und feurigem Geiste, sondern auch von grösster Ehrenhaftigkeit und lauterster Rechtlichkeit gefunden haben. In dem kritischen und prüfungsreichen Zeitraum, wo seine Erfindung in unserer Offizin zur Ausführung gebracht wurde, standen wir in täglichem Verkehr mit ihm, so dass wir volle Kenntnis von seiner Art und Weise und von seinem Charakter erlangten; die Folge ist gewesen, dass wir für ihn innige Freundschaft und hohe Achtung für immer hegen.“

Ein Zeugnis, ehrend für König, ehrend für Walter!


Verbesserer der Schnellpresse.

Sehen wir von dem gegen König geübten Unrecht ab, so können wir den englischen Erbauern von Schnellpressen unmöglich die Anerkennung versagen, diese so wesentlich verbessert zu haben, dass die Leistungen der ersten Schnellpressen gegen die heutigen Rotationsmaschinen sich fast eben so verhalten, wie die Leistungen der Handpressen zu denen der ersten Schnellpressen. Nur diese Fortschritte haben es der englischen und amerikanischen Journalistik möglich gemacht, ihren hohen Rang zu erkämpfen und zu behaupten.

Napier.
Applegath & Cowper.

Unter den Verbesserern der Schnellpresse sind besonders zu erwähnen: Edw. Cowper, Aug. Applegath, D. Napier, Isaac Adam, R. Hoe & Co. Noch viele andere könnten genannt werden. Napier führte zuerst Greifer ein und baute Maschinen mit einem sehr grossen Druckcylinder, der sich in fortwährender Bewegung befand und von welchem nur etwa der dritte Teil als Druckcylinder benutzt wurde. Bekannt sind die von Applegath & Cowper im Jahre 1827 für die Times-Druckerei erbauten viercylindrischen Maschinen mit einer Leistungsfähigkeit von 4–5000 Exemplaren[42]. Noch renommierter wurde jedoch Applegaths Rotationsmaschine mit vertikalen Satz- und Druckcylindern. Der Satz war auf einem Teil des mittleren grossen Cylinders angebracht, dessen übriger, grösserer Teil als Farbentisch zum Verreiben der Farbe diente. Acht vertikale Druckcylinder von je 40 englischen Zoll Durchmesser waren derart um den Satzcylinder gruppiert, dass alle bei einmaliger Umdrehung des letzteren mit dem Satz in Berührung kamen, so dass also acht Bogen einseitig gedruckt waren. Durch keilförmige Spaltlinien und eben solche Kolumnenstege wurde fester Anschluss der Typen erzielt, die wie Mauersteine beim Bauen eines Bogens zusammenhielten. Jeder der Anleger führte alle vier Sekunden der Maschine einen Bogen zu, während acht Abnehmer die gedruckten Bogen in Empfang nahmen. Die Hauptschwierigkeit in der Konstruktion lag in dem Bändersystem, welches die in horizontaler Lage zugeführten Papierbogen in die für den Druck notwendige vertikale Lage zu bringen hatte. Die allergeringste Zögerung seitens eines Anlegers machte den Bogen zu Makulatur. Ein Vorzug der vertikalen Cylinder war, dass der abgehende Papierstaub nicht auf die Satzform, sondern zur Erde fiel. Die Maschine lieferte über 7000 Exemplare[43]. Applegath erfand auch eine solche, um zu gleicher Zeit mit sechs Farben zu drucken. Für sein System unnachahmlicher Banknoten zahlte ihm die englische Bank 18000 £ Sterl. Er starb in Dartford im Jahre 1871 in einem Alter von 84 Jahren.

C. A. Holm.

Ein Schwede, C. A. HOLM, nahm 1840 in London Patent auf seine, „Skandinavia-Presse“ genannte Tiegeldruckmaschine. Trotz ihres schweren Ganges und ihrer geringen Leistungsfähigkeit von 5–600 Exemplaren war sie doch in England sehr verbreitet und beliebt, namentlich zum Druck illustrierter Werke, die man damals noch nicht in heutiger Vollkommenheit auf der Cylindermaschine lieferte[44].

Rob. Hoe * 1784, † 1833.

Die Wundermaschine Applegaths wurde durch die von Hoe übertroffen, die 1860 in der Times-Offizin Aufstellung fand. Robert HOE war der Begründer der berühmten Anstalt für die Fabrikation aller Arten von typographischen Maschinen in New-York. Er war als Sohn eines Pächters in Leicestershire in England geboren und lernte als Zimmermann. Im Jahre 1803 ging er nach Amerika und heiratete dort, erst zwanzig Jahre alt. Zwei seiner Schwäger, Matthias und Peter Smith, letzterer Erfinder einer renommierten Handpresse, hatten ein Geschäft errichtet, welches nach dem Tode der Inhaber Hoe & Co.von Hoe 1823 übernommen wurde. Es war damals noch klein, hatte aber, als Robert Hoe 1832 aus demselben trat, einen bedeutenden Umfang erreicht. Sein ältester Sohn Richard M. Hoe und dessen Vetter Matthias Smith, welche seit 1823 Teilhaber des Geschäfts gewesen waren, übernahmen es nun ganz für sich. Smith, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, starb 1842 und Robert Hoe Jun. und Peter Smith Hoe nahmen seine Stelle ein.

Die Blitzpresse.

Im Jahre 1846 wurde die epochemachende Maschine mit rotierendem Cylinder: The type revolving printing oder Lightning Press (Blitzmaschine) gebaut. Die Schriftform ist auf einem grossen horizontalen Cylinder angebracht, um den sich 4–10 Druckcylinder bewegen, deren Anordnung je nach der Zahl derselben sich richtet. Bei der zehnfachen Maschine, wie sie in den Offizinen der Times und der Daily News arbeiteten, sassen die Anleger vier Etagen über einander. Die Bänderleitung war weniger kompliziert, als bei den Applegathschen Maschinen, weil die horizontal eingelegten Bogen in dieser Lage verblieben. Der grosse Cylinder hatte einen Durchmesser von 4½ Fuss englisch. Die Länge der Maschine war 35 Fuss, die Breite 12 Fuss und die Höhe 18 Fuss. Die Leistungsfähigkeit betrug gegen 25000 Exemplare. Der Anblick in der Offizin der Daily News, wo zwei solche Maschinen gleichzeitig arbeiteten, war wahrhaft sinnverwirrend, wenn die zwanzig grossen Bogen auf einmal in der Luft herumschwirrten[45].

Isaak Adam.

Der Beifall, welchen diese und andere ihrer Maschinen erhielten, spornte Hoe & Co. zu noch grösseren Anstrengungen an. Nicht zufrieden mit den eigenen Erfindungen kauften sie auch noch von Isaak Adam aus Boston dessen mehr als fünfzig Patente für Hand- und Schnellpressen. Dieser war der älteste Pressenbauer Amerikas, der 1830 die Tiegeldruck-Maschine gebaut hatte, welche in Amerika noch viele Freunde besitzt. 1861 eröffneten Hoe & Co. auch ein Etablissement in London, namentlich um dort bequemer die Reparaturen und Verbesserungen an ihren vielen in England verbreiteten Maschinen ausführen zu können. Ein zweites Etablissement in New-York wurde 1870 eingerichtet und Hoes beschäftigten damals bereits 1000 Arbeiter. Ihr Katalog beweist den enormen Umfang ihrer Fabrikation, unter welchen die Billet- und Nummeriermaschinen für mehrfarbigen Druck einen hohen Rang einnahmen[46].

Die „Endlosen“.

Doch auch die Wundermaschinen Hoes gehören der Vergangenheit an und wurden durch die eigenen späteren Leistungen, zuerst aber durch die Rotationsmaschine für endloses Papier des Amerikaners Bullock in Schatten gestellt. Es wäre zwar anzunehmen gewesen, dass man bei der erreichten Arbeitsschnelligkeit Beruhigung gefasst habe. Jedoch weit gefehlt, denn man betrachtete das Geleistete nur als eine Abschlagszahlung. Die mit der Handhabung der grossen Schriftformen verbundene Gefahr war noch eine bedeutende und es gehörten immer noch zur Bedienung einer grossen Hoeschen Maschine 18 Personen. Die Arbeiterbewegungen hatten aber gezeigt, wie wünschenswert es sei, bei Unternehmungen, wo Viertelstunden entscheiden, von menschlicher Beihülfe oder Missgeschick der Arbeiter unabhängig zu sein. Die Aufmerksamkeit richtete sich deshalb auf möglichste Selbstthätigkeit der Maschine, die schliesslich in der „Endlosen“[47] in Verbindung mit der Segment-Papierstereotypie das Ideal erreichte. Zwanzig Minuten nach Fertigstellung der letzten Satzform einer Zeitung sind die segmentförmigen Stereotypplatten auf dem Satzcylinder befestigt. Mit einer Schnelligkeit, welche die Lieferung von 200 fertigen Nummern in der Minute ermöglicht, wird das endlose Papier von der Rolle abgewickelt, erst durch die Feuchtwalzen, dann zwischen die Satz- und Druckcylinder geführt, durch den Schneideapparat von der Rolle in einzelnen Bogen abgetrennt, dem Falzapparat übergeben und zum Versenden gefalzt; thatsächlich ohne eine weitere menschliche Beihülfe als die der Burschen, welche die zum Versand fertigen Haufen wegzuschaffen haben.

Bedenkt man nun, dass eine Endlose, wie sie in der Times-Offizin gebaut wird, in einer Stunde eine Papierlänge von zwei deutschen Meilen auf zwei Seiten druckt, faktisch also 4 Meilen Gedrucktes in der Stunde liefert, man demnach mit zwei solchen Maschinen und einem doppelten Exemplare von Stereotypen in wenigen Stunden 100000 Exemplare von einer grossen Zeitung beschaffen kann, so sollte man meinen, ein non plus ultra erreicht zu haben; doch selbst diese Schnelligkeit ist bereits übertroffen worden.

Ursprünge der Endlosen.

Wer zuerst eine mehr als allgemeine Idee der Endlosen gefasst hat, ist schwer zu sagen. Den Gedanken deutet schon der Erfinder der Schnellpresse selbst an. In England hat man früher die Priorität der Erfindung für die Firma Nelson & Sons in Edinburgh in Anspruch genommen, ein Modell ihrer projektierten Maschine befand sich auf der Londoner ersten Weltausstellung 1851. Auf der Caxton-Ausstellung 1877 waren jedoch Überreste eines Modells zu sehen, Rowland Hill * 3. Dezbr. 1795, † 27. Aug. 1879.welches der berühmte englische General-Postmeister Sir Rowland Hill 1835 hatte anfertigen lassen. Seine Maschine war darauf eingerichtet, dass keilförmige Typen oder gebogene Clichés auf einem Cylinder angebracht wurden und dass ein endloser Bogen zwischen den Schrift- und den Druckcylinder geführt wurde, wie bei den jetzigen Rotationsmaschinen. Die Maschine ward patentiert, in Chancery-Lane aufgestellt und von kompetenten Richtern sehr günstig beurteilt. Die Regierung gestattete jedoch nicht den Druck des damals noch bestehenden Stempels bei dem Durchgang des Bogens mit vorzunehmen, und die Sache unterblieb; ob allein aus diesem Grunde, wird wohl jetzt schwer zu entscheiden sein. Was die endlosen Pressen Auers betrifft, so verhielten sie sich zu den jetzigen wie chinesischer Tafeldruck zur Typographie Gutenbergs (vgl. Kap. XIV). Die Amerikaner behaupten, dass schon um das Jahr 1840 J. B. Wilkinson eine Endlose erfunden habe.

Will. Bullock * 1813, † 1867.

Auch wenn dies nicht wäre, gebührt jedenfalls doch einem Amerikaner William Bullock die Ehre, dem Gedanken zuerst eine praktische Lösung gegeben zu haben.

Derselbe war zu Greenville geboren. In Philadelphia lernte er als Eisengiesser und Maschinenbauer. 1849 gründete er dort eine Zeitung und baute 1853 für den eigenen Bedarf eine Holzpresse mit einem mechanischen Zubringer des Papiers. Schrittweise wurde er nun zu seiner Erfindung geführt, auf welche er am 14. April 1863 Patent erhielt. Seine Maschine ist in Amerika sehr geschätzt, hat aber in England keinen besonderen Beifall gefunden und ist auf dem Kontinent gar nicht eingeführt. Er verunglückte bei Prüfung einer seiner Maschinen.

Times-Presse.

Die eigentliche Aera der Endlosen datiert von der Erbauung der „Walter-Maschine“. Es war eine Wiederholung der Scene von 1814. Bereits lange zirkulierten mysteriöse Gerüchte von einer neuen Wundermaschine, die in der Times-Offizin gebaut werde. Aber es gelang niemand, durch den dichten Schleier zu dringen, mit welchem die Vorbereitungen bedeckt waren. Nicht einmal die ältesten Maschinenmeister oder die Vertrauensmänner im Geschäft bekamen Erlaubnis, den streng verschlossenen Raum zu betreten, in welchem das neue Wunder zusammengesetzt wurde, bis der Tag anbrach, an welchem es seine Pflicht zum erstenmal erfüllte. Der Constructeur war der erste Ingenieur der Offizin J. C. Macdonald, im Verein mit J. Calverley. Die Presse erhielt, dem Besitzer zu Ehren, den Namen „Walter-Presse“[48].

Prinzip der „Endlosen“.

Wenn auch die Lage der Cylinder und die Reihenfolge der Funktionen bei den verschiedenen Systemen eine verschiedene ist, so bleibt doch das Prinzip dasselbe. Das Papier wird von der Fabrik auf eine Rolle gewickelt geliefert; die Zapfen der Rolle drehen sich leicht in den Lagern, in welche sie eingelegt werden, so dass das Papier, wenn einmal den Cylindern zugeführt, durch den Zug der sich drehenden Cylinder von der Rolle abgewickelt wird. Der Streifen passiert (wenn das Papier nicht durch eine besondere Vorrichtung im voraus gefeuchtet wurde) einen Feuchtapparat, wird erst auf der einen Seite gedruckt und dann durch eine S-förmige Bewegung auf den Widerdruckscylinder geführt. Während des ferneren Passierens des Papiers zwischen den Schneidewalzen hindurch wird es derartig perforiert, dass die Löcher sich dicht an einander reihen, so dass das Stück, welches einen Bogen bildet, durch den Ruck, welchen Leitbänder, die mit ungleicher Schnelligkeit sich bewegen, hervorbringen, von der Rolle abgetrennt wird. Der fächerartige Selbstausleger legt nun die Bogen entweder einzeln oder mehrere zusammen auf einen Haufen, oder sie werden, wenn eine Falzmaschine, wie es gewöhnlich der Fall ist, zugleich mit der Druckmaschine verbunden ist, dieser zugeführt und fallen, wie Stroh aus der Dreschmaschine, fertig zum Versenden in einen Behälter. Dabei nimmt eine solche Maschine sehr wenig Raum ein; eine Walter-Maschine erfordert 14 engl. Fuss Länge, 5 Fuss Breite.

Segmentförmige Clichés.

Selbstverständlich gehören zu dieser Maschine segmentförmige Clichés. Boden und Decke des hierzu erforderlichen Giessinstrumentes liegen wie in den für flache Stereotypen bestimmten, parallel, jedoch nicht in der Ebene, sondern in einer Bogenform. Die biegsamen Papiermatern schmiegen sich an den Boden des gerundeten Giessinstrumentes an, der Deckel wird zugemacht und die Platte in üblicher Weise gegossen, voll, oder, wenn der Deckel des Giessinstrumentes darauf eingerichtet ist, nur auf Rippen ruhend. Um den nötigen Druck beim Eingiessen des flüssigen Schriftmetalls auszuüben, ist ein starker Anguss notwendig, dessen Beseitigung durch eine Kreissäge jedoch nur Sache eines Augenblicks ist. Die Justierung des Clichés geschieht ebenfalls in einer Minute oder weniger durch eine Hobelmaschine und die Platte ist zum Einsetzen in die schwalbenschwanzförmigen Halter des Schriftcylinders fertig. Ein Nachteil bei der Papier-Stereotypie ist, dass die Typen beim Trocknen der Matern heiss werden und zusammenbacken. Ryles & Son in Bradford haben nun eine Methode erfunden, die Mater, welche im feuchten Zustande von der Schrift abgehoben wird, in einem besonders konstruirten Rahmen festzuhalten und für sich ohne die Schrift zu trocknen.

Verschiedene „Endlose“.

Der Walterpresse folgte die „Victoriapresse“[49] von Duncan & Wilson in Liverpool. Diese, namentlich in der Provinz beliebte Maschine war die erste, die mit Falzapparat arbeitete; dann kam die „Prestonian“ der Herren Bond & Forster, welche sowohl für Platten- als für Schriftdruck eingerichtet ist; die „Northumbrian“ von Donnison & Son in Newcastle u. T.; die „Whitefriars“ des Jos. Pardoe, gebaut von A. H. Payne, die sowohl für Papier in Bogen als für endloses sich benutzen lässt und namentlich für illustrierte Blätter bestimmt ist.

In Amerika folgten Hoe & Co. und überboten an Leistungsfähigkeit ihrer Maschinen die Engländer. Die Fabrikate von Andr. Campbell sind neueren Datums und noch nicht recht in die Praxis gedrungen.

„Man möchte glauben, dass die äusserste Grenze erreicht sei, wenn die Erfahrung nicht den Menschen belehrte, nie das Wagnis zu unternehmen, der Vervollkommnung eines Menschenwerkes und den unerforschlichen Absichten der Vorsehung eine Grenze im voraus zu bestimmen“, so schrieb Ambr. Firmin-Didot, als er 1851 die Leistungen der Applegathschen Times-Maschine angesehen hatte. Wie sehr er Recht gehabt, zeigen die enormen Leistungen in der Druckerkunst, die wir seit jener Zeit erlebt haben. Jedoch trotz diesen, wer würde es heute wagen, zu sagen: „Nun ist die Grenze wirklich erreicht“.