Dieser Krieg unterscheidet sich aber wesentlich von dem ersten. Die Holländer hatten eingesehen, daß sie nicht gleichzeitig ihren Handel schützen und um die Herrschaft auf dem Meere kämpfen konnten. Bei einem Kampf um Durchführung des Handels waren sie im Nachteil, da der ihrige immer noch weit größer und wegen seiner Straßen leichter anzugreifen war. Sie verboten deshalb Handel und Fischerei (bis gegen Ende 1666) und trugen den dadurch hervorgerufenen Schaden freiwillig, um einem größeren Verlust und der damit noch verbundenen Bereicherung des Gegners vorzubeugen; außerdem stand nun das ganze seemännische Personal des Landes der Kriegsflotte zur Verfügung. So wurde im zweiten Kriege von beiden Seiten um die Seeherrschaft gekämpft, bis England im dritten Jahre zu seinem Verderben davon abging. Während im ersten Kriege vier große Schlachten um Konvois geschlagen wurden, finden wir im zweiten den Kampf um den Handel nur als kleinen Krieg nebenherlaufend; die Schlachtflotten beteiligten sich daran nur, wenn sich eine besonders günstige Gelegenheit bot, den feindlichen Handel empfindlich zu schädigen. Von Anfang an werden von beiden Seiten mächtige Stöße auf die feindlichen Seestreitkräfte geführt. Erst wenn eine der Parteien die Seeherrschaft errungen hat, geht sie zu größeren Unternehmungen gegen den feindlichen Handel oder gegen das feindliche Land vor; Holland versucht das letztere mit Erfolg, als England freiwillig auf die Seeherrschaft verzichtet hat.
In beiden Staaten ist das Bestreben, dem Feinde mit dem ersten Schlage zuvorzukommen, so groß, daß ihre Flotten, ohne genügend schlagfertig zu sein, zum Angriff vorgehen. Die Engländer gehen 1665 zuerst in See, um, wie in dem letzten Abschnitte des ersten Krieges, den jetzt beginnenden gleich an die feindliche Küste zu tragen und schon die Vereinigung der feindlichen Flotte zu hindern. Die noch unvollständig ausgerüsteten Schiffe sind aber unter ungünstigen Wetterverhältnissen nicht imstande, eine längere Blockade durchzuführen, und müssen, bald durch Sturm beschädigt, zur Ausbesserung nach einem Heimathafen zurückkehren. Wohl wäre dies ein günstiger Zeitpunkt zum Vorgehen der nun vereinigten holländischen Streitkräfte gewesen, aber der Chef der Flotte hielt auch diese für noch nicht genügend bereit. Trotzdem wird er von seiner Regierung gedrängt und geht in See. Zwar wirft ihm der Zufall eine reiche Beute — den für den Gegner wertvollen Hamburger Konvoi mit Kriegsmaterial — in den Weg, als er aber, durch das ihm ausgesprochene Mißtrauensvotum gekränkt, unter ungünstigen Verhältnissen die erste Schlacht annimmt, um unter allen Umständen zu fechten, erleidet er die schwere Niederlage (Lowestoft, 13. Juni), die die See den Engländern völlig preisgab.
Mahan (Teil I, Seite 101) sagt hierzu: „Es scheint, daß Wassenaer sehr bestimmten Befehl hatte, zu fechten; die einem Höchstkommandierenden zustehende Vollmacht, nach eigenem Ermessen zu handeln, war ihm nicht erteilt. Diese Art, sich in die Befugnisse des Kommandierenden im Felde oder zur See einzumischen, ist eine der gewöhnlichsten Versuchungen, denen Regierungen unterliegen; sie ist immer verhängnisvoll.“ Mahan führt noch zwei bedeutsame Beispiele dieser Art aus der späteren Seekriegsgeschichte an.
Die Engländer versuchen nun, ihren Erfolg strategisch auszunutzen, aber nicht in der richtigen Weise. Abgesehen von dem Nutzen einer Blockade überhaupt war es möglich, das zurückkehrende Geschwader Ruyters und den großen Konvoi abzufangen. Anstatt hierzu die Gesamtkräfte an der feindlichen Küste zu halten, werden sie zersplittert. Die feindliche Flotte vereinigt sich wieder, und beide Objekte entgehen den Engländern; durch Zufall aber erbeuten sie trotzdem einige Schiffe. Im weiteren Verlauf muß England sogar infolge der Pest dem Gegner das Meer überlassen, aber auch dieser wird durch Krankheit auf der Flotte verhindert, größeren Nutzen daraus zu ziehen. Bemerkenswert ist, daß Ruyter (d. h. wohl auf Anregung des Staatsmannes de Witt) schon jetzt ein großes Unternehmen gegen die Themse ins Auge gefaßt zu haben scheint. Der Winter bringt die übliche Pause im Kriege, doch rüsten beide Staaten für das nächste Jahr; England namentlich, nachdem ihm auch von Frankreich und Dänemark der Krieg erklärt ist.
Im Jahre 1666 sind es die Holländer, die zuerst den Feind suchen; England macht vor dem Zusammenstoß den großen Fehler der Detachierung Ruprechts. Die englische Flotte war der holländischen etwa gleich, sie befand sich ihr und dem auch nicht zu unterschätzenden französischen Geschwader gegenüber in einer inneren Stellung. Es wäre also das einzig Richtige gewesen, sich auf die Holländer zu werfen, ehe deren Verbündete eintreffen konnten; unter Umständen auch mit der ganzen Macht den Franzosen entgegenzugehen. Es ist aber nicht zu entschuldigen, die an sich schon schwächere Kraft zu teilen und so zu teilen, daß man dem nächsten und stärksten Feinde bedeutend unterlegen gegenüberstand. Es ist dies immer falsch, besonders zur See, wo höhere Gewalten — wie Nebel oder Sturm — leichter als zu Lande das Herankommen des zweiten Feindes aufhalten können.
Mahan (Teil I, Seite 110) sagt hierzu: „Eine Lage wie die der englischen Flotte, in der sie von zwei Seiten bedroht war, bietet eine große Versuchung für den Befehlshaber. Man ist sehr leicht geneigt, seine Kräfte zu teilen und beiden Feinden entgegenzugehen, wie Karl es tat. Wenn man jedoch nicht eine erdrückende Übermacht hat, ist dies stets ein Fehler, da man beide Teile der Gefahr aussetzt, getrennt geschlagen, zu werden. Dies trifft auch hier zu. Die beiden ersten Tage der Viertageschlacht waren verhängnisvoll für die größere englische Division unter Monck, die gezwungen wurde, sich auf Ruprecht zurückzuziehen; wahrscheinlich rettete nur seine sehr gelegen kommende Rückkehr die englische Flotte vor schweren Verlusten oder zum mindesten vor der Einschließung in ihre Häfen. Einen ähnlichen Fehler des englischen Admirals Cornwallis vor Trafalgar bezeichnete Napoleon als ein hervorragendes Beispiel von Dummheit! Die Lehre bleibt zu allen Zeiten gleich richtig.“
Die Folge dieses Fehlers war denn auch die Niederlage in der Viertageschlacht. Monck mußte sich dann auf Ruprecht zurückziehen, und daß die Verluste nicht noch weit größer wurden, ist wohl nur dem rechtzeitigen Wiedererscheinen Ruprechts und der überlegenen Taktik der Engländer zu verdanken. Was wäre aber geschehen, wenn Ruprecht gleichzeitig in ähnlicher Weise durch die Franzosen auf Monck zurückgeworfen wäre?
Holland beeilt sich, seinen Sieg zu verfolgen, und plant wieder einen Stoß in das Herz des Feindes, ein Eindringen in die Themse. Aber man hat Hilfsquellen und Energie des Gegners unterschätzt; als die holländische Flotte bereit ist und zunächst noch durch ungünstige Winde etwas aufgehalten, vor der Themse erscheint, tritt ihr auch die englische wieder schlagfertig entgegen. Die Schlacht von Northforeland wird infolge der alten Schwächen der Holländer eine völlige Niederlage dieser. Die Engländer benützen jetzt die augenblickliche Seeherrschaft dazu, dem Feinde in dem Vlie großen Schaden zuzufügen. Es ist nicht klar, weshalb sich die Engländer hiermit begnügten; Andeutungen in alten Quellen lassen annehmen, daß die immer weiter zunehmende Nachlässigkeit im Verwaltungsbetriebe die nach jeder Schlacht notwendige Instandsetzung der Flotte und ihre Erhaltung in gutem Zustande hinderte.
Die Kriegführung wird jetzt überhaupt auf beiden Seiten lau. Als Ruyter am 5. September wieder ausläuft und die englische Flotte ihm folgt, kommt es zu keinem Zusammenstoß. Jeder der Gegner behauptet, der andere Teil habe ein Gefecht vermieden und Wetterverhältnisse seien hindernd gewesen, aber keiner hat einen Kampf ernstlich gesucht. Der Wunsch, sich vor einer Schlacht erst mit den Franzosen zu vereinigen, auf der einen Seite und das Gefühl der Schwäche (Mangel an Brandern und „other deficiencies“[173] auf der anderen sind mutmaßlich die wahren Gründe gewesen; vielleicht haben auch schon Friedensaussichten sowie der auf beiden Flotten herrschende schlechte Gesundheitszustand dazu beigetragen. Die Franzosen hielt Zaghaftigkeit oder böser Wille zurück. Die Engländer gingen zuerst in ihre Gewässer, die Holländer hielten noch einige Zeit die See, um Druck auf den Fortgang der Friedensverhandlungen auszuüben, aber schon Anfang Oktober trat die Winterruhe ein.
Das Jahr 1667 bietet ein ganz neues Bild. Wir haben gehört, daß und weshalb Karl II. den Kampf mit Flotten völlig aufgab. Die damit verbundene Freigabe der See ermöglicht nun de Witt und Ruyter, ihren Lieblingsplan, einen Stoß in das Herz des Feindes, auszuführen; die Unvollkommenheit der Maßnahmen zur Abwehr ist ihnen bekannt, das Fahrwasser ist nach Möglichkeit genau erforscht. Das mit Tatkraft durchgeführte Unternehmen in Themse und Medway und gegen die ganze Küste überhaupt hätte bei Verwendung stärkerer Mittel noch weit verhängnisvoller für England werden können. Immerhin war der dem Feinde zugefügte Schaden groß und vor allem bewirkte der moralische Eindruck der Waffentat, daß England nun ernstlich den Frieden suchte; die weitere Blockade der Themse, die beständige Bedrohung der Küsten beschleunigten die Verhandlungen. Auch diese späteren Unternehmungen waren für Holland nur möglich, weil keine große schlagfertige englische Flotte vorhanden war. Sie wurden wohl nicht schärfer durchgeführt, um nicht zu viel mehr aufs Spiel zu setzen; man hatte seinen Zweck erreicht.
Der Besitz der Seeherrschaft hat den Krieg entschieden. Der Kampf um diese ist nicht bis zu Ende geführt worden; so lange darum gefochten wurde, standen die Aussichten ziemlich gleich, der Erfolg war bis dahin bald auf der einen, bald auf der andern Seite. Entscheidend zuungunsten Englands war der falsche Gedanke Karls II., die Niederwerfung des Gegners allein im Kreuzerkriege erreichen zu können.
Mahan läßt sich (Teil I, Seite 126–132) über den militärischen Wert des Kreuzerkrieges folgendermaßen aus (im Auszuge wiedergegeben): „Der Kreuzerkrieg — commerce[305] destroying; guerre de course“ — hat stets Verlockendes, wenn Sparsamkeit beobachtet werden soll. Er braucht nur schnelle Kreuzer und man kann auch darin noch durch Ausgabe von Kaperbriefen dem Staate weitere Erleichterung schaffen. Trotzdem kann man durch ihn dem Gegner großen Schaden zufügen, der fremden Regierung bedeutende Verlegenheiten bereiten, ihre Bevölkerung ins Elend bringen.
Aber der Kreuzerkrieg bedarf Stützpunkte: Heimatshäfen, Häfen in entfernten Besitzungen oder eine mächtige Kriegsflotte. Besitzt er nur Stützpunkte in Häfen, so kann er sich nur auf kurze Entfernungen herauswagen. Auch so kann diese Kriegführung zwar vielen Schaden tun, aber sie verwundet nur, sie tötet nicht; ja man darf wohl sagen, sie veranlaßt nur unnütze Leiden. Es leiden nur gewisse Klassen der Bevölkerung: Nicht die Wegnahme einzelner Schiffe oder Convois, seien es wenige oder viele, bringt die Zahlungsfähigkeit einer Nation in Gefahr, sondern der Besitz der Macht, die die feindliche Flotte (besser wohl „Flagge«) von der See verjagt und dem feindlichen Handel die Küsten schließt; dann erst leiden die Regierung und die Nation im ganzen. Führt der eine Gegner den Kreuzerkrieg ohne, der andere aber mit Unterstützung einer starken Flotte, so kann dieser weit mehr erreichen, selbst wenn er genötigt ist, auf den Schutz seines Handels zu verzichten“.
Zur Bekräftigung dieser Sätze führt Mahan kurz die Kriege an, in denen der Kreuzerkrieg eine hervorragende Rolle gespielt hat. Über die Kriege unseres Abschnittes sagt er in dieser Hinsicht: „Nicht die englische Politik von 1667, sondern die mächtigen Flotten Cromwells im ersten Kriege, durch die die Holländer in ihre Häfen eingeschlossen wurden, ließen Gras in den Straßen Amsterdams wachsen und führten den Frieden herbei. Wenn auch sein Handel durch Unterbrechung und Preisgabe schwer litt, so war Holland im zweiten Kriege doch imstande, mächtige Flotten zu halten, und zwang mit ihnen endlich den Gegner zum Frieden, als dieser nur Kreuzerkrieg führte. Auch den dritten Krieg konnte Holland trotz Verlust im Handel gegen England und Frankreich ausfechten. In dem Kriege 1689–1697 litt England unter dem Kreuzerkriege ganz ungemein, weil Frankreich auch große Kriegsflotten in See hatte. Als 1702–1712 Louis XIV. sich wegen Geldmangels auf den Kreuzerkrieg beschränken mußte, wurden zwar ungeheuer viele englische Schiffe genommen, aber das Land und auch besonders die handeltreibenden Kreise gediehen trotzdem weiter; die englischen Flotten hatten zwar den Handel preisgegeben, nahmen aber Gibraltar und Minorca und wirkten auch sonst weit wesentlicher auf den Verlauf des Krieges ein.“ — Die Beispiele werden bis in die neueste Zeit (Sezessionskrieg) fortgesetzt.
Blicken wir nun nochmals auf die Angriffe gegen das feindliche Land zurück. Sie werden strategisch richtig nur ins Werk gesetzt, wenn man die Seeherrschaft besitzt. Sie werden taktisch wohl überlegt ausgeführt: das Gros der Flotte liegt in freierem Wasser als Stützpunkt und um den Rücken freizuhalten, ein Geschwader aus leichteren Schiffen wird mit Brandern vorgeschickt. Der erste Angriff gilt der Zerstörung feindlicher Schiffe, dann folgt die Landung. Das erste wird also für das Wichtigere und auch das zweite nur als ein Mittel zu weiterer Zerstörung feindlichen Eigentums betrachtet; ein Festsetzen in Feindesland für größere Unternehmungen scheint nie beabsichtigt zu sein.
Genau wie oben angedeutet, verläuft die einzige derartige englische Expedition im Vlie, zu der Landung stehen nur ganz geringe Kräfte zur Verfügung; nahezu so spielt sich die Holländische in Themse und Medway ab. Hier mißlingt der erste Angriff auf die Schiffe in der Themse, dann wird Sheerness genommen, da man sonst an die Fahrzeuge im Medway nicht herankommen konnte. Zu einem dauernden Festsetzen würden die Truppen auch hier nicht genügt haben, selbst wenn alle dafür bestimmten zur Stelle gewesen wären; höchstens hätte man dann wahrscheinlich Chatham und die dort liegenden Schiffe auch vom Lande her angreifen und so einen größeren Erfolg erzielen können. Die früheren und späteren Versuche gegen die Themse waren nicht zu einer größeren Invasion ausgerüstet, und endlich wurde auch, wie die geringe Zahl der Landungstruppen zeigt, der Landangriff auf Harwich nur unternommen, um leichter und sicherer die Schiffe im Hafen zu vernichten. Wie gesagt, handelte es sich in diesem Kriege bei derartigen Unternehmungen nur darum, den Feind durch einen kurzen Schlag zu schädigen, nicht den Krieg in sein Land zu tragen; wollte man eine Invasion größeren Umfanges ausführen, so hätte dazu ein starkes Heer vorher eingeschifft oder zur Einschiffung bereit sein müssen, um nach der Besetzung eines festen Stützpunktes auf dem Lande sofort folgen zu können. Den Holländern wäre dies bei der Schwäche ihres Landheeres nur mit einer starken Unterstützung von seiten Frankreichs möglich gewesen. Es ist kaum anzunehmen, daß man darauf gehofft hat, wenn auch gerade Ludwig XIV. scheinbar für das Eindringen in die Themse sprach. Nur im Juli 1666 hat man möglicherweise eine größere Landung mit Unterstützung der Franzosen im Auge gehabt. Im nächsten Kriege werden wir aber auf englischer Seite die Absicht finden, durch eine Landung in den Landkrieg einzugreifen.
Zum Schluß möchte ich noch einen Vergleich zwischen dem ersten und dem zweiten Kriege ziehen. Beim ersten ist hervorgehoben, mit welcher Energie er durchgeführt wurde: die sechs großen Schlachten folgen schnell aufeinander; im letzten Abschnitt versuchen beide Gegner, zum ersten Male in jenen Zeiten, den Krieg sogar im Winter fortzuführen. Im zweiten Kriege wird zwar in den Schlachten selbst mit gleicher Hartnäckigkeit gefochten, aber wir finden nur drei große Schlachten und die Winterpausen dauern sehr lange, wohl eine Folge der veränderten inneren Verhältnisse beider Länder. Durchweg volkstümlich war der Krieg weder hier noch dort: In England waren nur gewisse Kreise, die großen Kompagnien besonders, interessiert und das Verhältnis zwischen König und Volk war nicht das beste; in Holland waren ebenfalls die Landprovinzen überdrüssig, die Lasten eines Krieges zu tragen, der scheinbar nur den Seeprovinzen — und hier besonders Holland — von Nutzen war. In beiden Nationen gelangte man zur Erkenntnis, daß Frankreich bei dem Streite im trüben fische und am meisten gewinne.
Französische Schriftsteller versuchten es stets und versuchen es noch, nachzuweisen, daß von einem absichtlichen Zurückhalten der französischen Flotte keine Rede gewesen sein könne; ein Unparteiischer muß dies jedoch nach allen Quellen annehmen, es paßte ja auch ganz in Ludwigs XIV. Politik, wenn die beiden Gegner sich schwächten und er unberührt blieb.
Fußnoten:
[148] „Leben Ruyters“ (besonders die Ereignisse), „Vie de Tromp“ (besonders die Verhandlungen der Staaten), kürzer: de Jonge, Teil I, und Clowes, Teil II, Seite 254 und 422.
[149] „Leben Ruyters“, Seite 222.
[150] Näheres „Leben Ruyters“ und in „Vie de Tromp“.
[151] Anschließend an Seite 195 (Holland) und Seite 197 (England) gibt die Betrachtung gleichzeitig ein Bild der Fortentwicklung der Marinen. Quellen: de Jonge, Teil I, und Clowes, Teil II, Kapitel XXII; erstere gibt für diese Zeit genauere Angaben über die englische Marine als letztere.
[152] Auch de Jonge z. B. klagt über den Mangel. Clowes gibt die nächste erst für 1688, und da sind es fast nur Schiffe, die nach dem dritten Kriege gebaut sind. Die hier gemachten Angaben sind entnommen: de Jonge, Teil I, Beilagen XXVIII, XXX, XXXII, XXXIV; in XXXa. Namen der holländischen Schiffe und Kommandanten, Kanonenzahl, genaue Einteilung in Geschwader für 1665.
[153] Dazu 8 Kauffahrer unbekannter Armierung, scheinbar größere, denn 1 zu 60 und 1 zu 44 Kanonen werden erwähnt.
[154] Darin enthalten 10 Kauffahrer der ostindischen Kompagnie: 4 zu 70–80, 5 zu 50–60, 1 zu 41 Kanonen. — 9 Kriegsschiffe und 7 Ostindienfahrer waren außerdem noch in der Ausrüstung.
[155] In der Schlacht fehlte etwa ein Drittel dieser Zahl, als unter Prinz Ruprecht detachiert; als er am dritten Tage wieder zur Flotte stieß, brachte er noch 10 weitere Schiffe mittlerer Größe mit.
[156] Das heißt: Wenden der Schiffe einer Kiellinie nacheinander auf derselben Stelle, auf der das erste Schiff gewendet hat.
[157] Durch Bevollmächtigte der Generalstaaten, wie denn überhaupt, bis Ruyter 1665 den Oberbefehl übernahm, dem Flottenchef die genauesten Vorschriften selbst über den inneren Dienstbetrieb gemacht wurden.
[158] Bemerkenswert ist es, daß Ruyter Gelegenheit nahm, seine Flotte zu exerzieren; er ließ taktische Bewegungen machen („Leben Ruyters“, Seite 325: rechts um, links um, öffnen, Schließen „wie bei Landsoldaten!“) und ordnete Gefechtsübungen an.
[159] Hauptquellen: Clowes, Teil II; „Leben Ruyters“; „Vie de Tromp“; de Jonge, Teil II; Mahan. Teil I. Über Mängel der Quellen vgl. Seite 199.
[160] „Leben Ruyters“, Seite 309, Namentliche Aufführung der Schiffe mit Angaben über ihre Stärke.
[161] Vermooren heißt: Ein Schiff mit Bug- und Heckanker verankern, um ein Drehen bei Wind- oder Stromwechsel zu verhindern.
[162] Clowes, Teil II, Seite 286, gibt ein Verzeichnis der Schiffe mit Namen, Kanonen- und Mannschaftszahl, als „bemerkenswert“, da es die erste größere Flotte Frankreichs in den nördlichen Gewässern sei; andere Quellen weichen unbedeutend davon ab.
[163] Siehe Chabaud-Arnault im Quellenverzeichnis.
[164] Clowes, Teil II, Seite 276, führt die Hauptwerke über die Schlacht auf, etwa 20. Mir haben von diesen vorgelegen: de Jonge, Teil II, darin eine neuere Schilderung; „Leben Ruyters“, genaue Beschreibung einzelner Episoden; „Vie de Tromp“ mit Berichten Tromps und Ruyters, einigen Briefen sowie einer amtlichen holländischen „Relation“, etwa 14 Tage nach der Schlacht geschrieben. Nach jedem Schlachttage werde ich etwaige wichtigere Abweichungen dieser Werke gegen Mahan kurz anführen.
[165] Als bemerkenswert für uns Deutsche sei erwähnt, daß das Kontingent Amsterdam vor dem Auslaufen am 16. Mai vom Großen Kurfürsten und dem Prinzen von Oranien besucht wurde. Die Schiffe lagen in Flaggengala, der hohe Besuch speiste bei Ruyter, besichtigte verschiedene Schiffe sowie eine Gefechtsübung zweier Fregatten u. a. „Leben Ruyters“, Seite 359.
[166] Mahan, Teil I., Seite 118, dagegen „Leben Ruyters“ Seite 362 und 374.
[167] „Leben Ruyters“, Seite 383: Samuel Raven in Rotterdam „glaubte dort Freunde zu finden, mit deren Hilfe er einen Aufstand erregen könnte“.
[168] Quellen wie bei der „Viertage-Schlacht“, nur Mahan beschreibt sie nicht. Die in England auch gebräuchliche Bezeichnung „St. James' fight“ rührt daher, daß sie am St. James-Tage geschlagen wurde.
[169] Näheres in den angezogenen Quellen, insbesondere den holländischen.
[170] Nähere Angaben de Jonge, Teil I, Beilage XXXVI und „Leben Ruyters“ Seite 423.
[171] Wir besitzen zahlreiche Beschreibungen dieses Unternehmens in den älteren Quellen und neueren Werken, die in Clowes, Teil II, Seite 293, aufgeführt sind. Ich habe von diesen bei meiner Schilderung dieselben wie zu den vorhergehenden Schlachten benutzt. Man findet wieder in Clowes, de Jonge und „Ruyters Leben“ eine genaue Schilderung, im „Vie de Tromp“ die Berichte usw.
[172] Colombs Disposition für Kapitel III, in dem dieser Krieg besprochen wird: Der schwächere Gegner hat die Unmöglichkeit erkannt, gleichzeitig den Handel zu schützen und um die Seeherrschaft zu kämpfen; er verbietet das Auslaufen der Handelsschiffe. Von beiden Seiten richtet man den Angriff auf die Seestreitkräfte. Wenn die Seeherrschaft errungen ist, erfolgen Angriffe auf die Schiffe in den Häfen, auch Landungstruppen werden eingeschifft. — Wir folgen wieder dieser Disposition.
[173] Colomb, Seite 58.
Wie wir sahen, trug zur Beendigung des zweiten englisch-holländischen Krieges der Umstand wesentlich bei, daß beide Nationen die zunehmende Macht Frankreichs mit Mißtrauen betrachteten; die Erfolge Ludwigs XIV. im Devolutionskriege führten bald (1668) nach dem Friedensschluß sogar zu einem Zusammengehen Hollands und Englands, aber nur für kurze Zeit. Schon 1672 standen sich die alten Gegner aufs neue in einem Seekriege gegenüber, in dem Frankreich jetzt auf Englands Seite erschien. Es war Ludwig gelungen, Karl II. gegen die Neigung des englischen Volkes zur Durchführung seiner Politik zu gewinnen, Holland zu isolieren und ihm außer England auch noch andere Gegner zu schaffen. Um diese politische Strategie Ludwigs XIV. zu veranschaulichen, ist es nötig, die Entwicklung der politischen Verhältnisse bis zum Kriege kurz zu betrachten.
Der Devolutionskrieg (vgl. Seite 289) — der erste Eroberungskrieg Ludwigs XIV. —, der Einfall in die spanischen Niederlande Ende Mai 1667, verlief ungemein schnell zugunsten Frankreichs. Turenne — der König führte zwar scheinbar selbst den Oberbefehl — nahm bis Ende Oktober ohne großen Widerstand eine Reihe der wichtigsten Städte: z. B. Charleroi, Tournay, Douay, Oudenaarde, Lille; Brüssel und Dendermonde hielten sich. Die Staatsschrift, in der Ludwig seine Ansprüche auf die fraglichen Landstriche darlegte, zeigte unverhüllt den ehrgeizigen Charakter des jungen Königs und versetzte ganz Europa in Besorgnis. Besonders Holland mußte sich arg bedroht fühlen; aus Gründen, die wir schon erwähnt haben (Seite 249), war Frankreich wohl gut als Freund, aber nicht als Nachbar. Auch in England fürchtete man, daß Frankreich nach Erlangung des Übergewichtes auf dem Kontinente, nach Eroberung der spanischen Niederlande oder gar Hollands ein gefährlicherer Nebenbuhler um die Seeherrschaft werden könnte als Holland. Zwei große Staatsmänner der bisher feindlichen Nationen verbanden sich deshalb im geheimen, um den französischen Eroberungen Schranken zu setzen. Der Ratspensionär de Witt und der englische Gesandte in Holland, Sir William Temple. De Witt überwand dabei seinen alten Haß gegen England, die französische Gefahr war ja auch jetzt die größere; er wagte viel bei den geheimen Unterhandlungen, da nach den Gesetzen ein jedes Bündnis von den Magistraten aller Städte beraten werden mußte. Temple, ein Mann voll inniger Vaterlandsliebe, aber auch auf das Wohl aller Staaten bedacht, beachtete nicht die Hinneigung seines Königs zu Frankreich. In kurzer Zeit brachten diese beiden Männer einen Vertrag zustande (23. Januar 1668), dem dann der Gesandte Schwedens beitrat. Diese Tripelallianz forderte von Ludwig, daß er von weiteren Eroberungen absähe, und von Spanien die Abtretung der bereits genommenen Gebiete an Frankreich. Die Bundesgenossen verpflichteten sich, den König zu Wasser und zu Lande zu bekriegen, falls er auf die Forderung nicht einginge, und dann Frankreich auf den Stand des Pyrenäischen Friedens zurückzubringen.
Das schwache Spanien stellte sich zwar empört, daß man so über sein Eigentum verfüge, sah aber die Unmöglichkeit ein, dieses selbst zu schützen. Auch Ludwig wagte nicht, der Allianz zu trotzen, ging auf die Verhandlungen ein und bot auf Verlangen der Verbündeten dem spanischen Gouverneur der Niederlande einen Waffenstillstand an, aber zunächst nur bis Ende März. Dieser lehnte ihn jedoch ab mit dem Bemerken, es sei ein Hohn, eine Waffenruhe anzubieten, die der Winter den Franzosen von selbst auferlege. Um zu zeigen, daß er trotz der ungünstigen Jahreszeit seine Eroberungen fortsetzen könne, ließ nun Ludwig die Grafschaft Burgund (Franche-Comté?), die, wenn auch nur dem Namen nach, noch zu Spanien gehörte, im Februar durch den Prinzen Condé besetzen; es geschah fast ohne Schwertstreich. Nach diesem so leichten Erfolge machte der König Miene, die Verhandlungen wieder abzubrechen, aber das energische Auftreten der Allianz und ihre Drohung, alle Staaten Europas seien bereit, sich gegen Frankreich zu waffnen, bewogen ihn doch zum Nachgeben; noch hatte er sich nicht an den Gedanken gewöhnt, ganz Europa zu trotzen. Im Frieden zu Aachen, 2. Mai 1668, gab Frankreich die Franche-Comté zurück und behielt die zwölf genommenen Städte Belgiens. Diese wurden sofort durch Vauban zu wichtigen Stützpunkten für weitere Eroberungen ausgebaut; besonders galt Lille als eine Musterfestung nach dem System des berühmten Ingenieurs.
Ludwig XIV. war erbittert über die Störung seines Planes. Sein Haß richtete sich besonders gegen Holland, in dem er mit Recht die Seele des Dreibundes und wegen dessen geographischer Lage das Haupthindernis seiner Absichten sah; auch erschien es ihm als ein unerträglicher Schimpf, daß eine „Republik von Krämern und Schiffern, die ihm und seinen Vorfahren so viel zu verdanken habe“, den „größten König Europas“ in seinem Siegeszuge hemme; Arger über in Holland erschienene Spottbilder und -schriften usw. trat hinzu.
Er beschloß, vorerst Holland zu züchtigen und zu unterwerfen, und dann Belgien; mit allen Mitteln zielte seine politische Strategie darauf hin, Holland nicht nur zu isolieren, sondern ihm auch Feinde zu schaffen; dazu brauchte er vor allem die Auflösung des Dreibundes. Er versuchte, die alte Verbindung Frankreichs mit Schweden zu erneuern. Zwar war hier im Reichsrate, der für den minderjährigen Karl XI. regierte, anfangs wenig Neigung vorhanden, sich dem unruhigen und kriegslustigen Ludwig anzuschließen, aber nach und nach gewann eine andere Stimmung die Oberhand, wohl infolge Bestechung gewisser Kreise; im April 1672, als auch Ludwigs sonstige Ränke zum Ziel geführt hatten, schloß Schweden mit ihm den Vertrag, gegen Zahlung von Subsidien das Deutsche Reich an einer Unterstützung Hollands zu hindern und hierzu 16000 Mann in Schweden und Pommern bereit zu halten. Ebenso leichtes Spiel hatte Ludwig in England. Karl II. hatte hier 1669 die Minister entlassen und neue genommen, die seinen Plänen gegen Verfassung und Religion des Landes willfährig waren — deshalb das Kabalministerium genannt —: das Parlament sollte abgeschafft, das Königtum absolut gemacht und die Nation zur katholischen Religion gezwungen werden. Zu diesem Plane paßte die Vernichtung des republikanischen und evangelischen Hollands, infolgedessen gelang es Ludwig XIV., den englischen König am 11. Juni 1670 zu einem Vertrage für die Ausführung der beiderseitigen Absichten zu gewinnen: Gemeinschaftlich erst Holland zu erobern, dann England politisch und kirchlich zu knechten. Auch wurde Karl überzeugt, daß diese beiden Aufgaben gerade in dieser Reihenfolge leichter und sicherer auszuführen seien, da dann das englische Volk keine Unterstützung an dem holländischen finden könne. Von den Niederlanden sollte Seeland, also insbesondere die wichtigen Flußmündungen der Schelde und Maas, an England fallen, die Provinz Holland wollte man dem Prinzen von Oranien als souveränes Fürstentum geben; alle übrigen Provinzen sollten französisch werden. Für den Krieg wollte Frankreich an England 200000 Lstrl. zu Rüstungen und jährlich 350000 Lstrl. Subsidien zahlen, gegen Holland seine Flotte mit der englischen — unter englischem Oberbefehl — vereinigen und zur Unterdrückung Englands später Truppen stellen.
Der Abschluß der schon länger laufenden Verhandlungen und besonders die Abmachung, Holland zuerst anzugreifen, war das Werk der Herzogin von Orleans, Schwägerin Ludwigs und Schwester Karls. Wesentlich unterstützt soll diese sein durch das ihr zu diesem Zweck mitgegebene schöne Fräulein de Kerhouent, das die Lieblingsmaitresse Karls wurde.
Der französische Geschichtschreiber Martin (Histoire de France) sagt zu dem Vertrage: „Diese Verhandlungen sind falsch beurteilt. Man hat gesagt, Karl habe England an Frankreich verkauft. Dies ist nur für die innere Politik richtig, er plante mit Hilfe Frankreichs England zu knechten. Die Interessen des Landes nach außen verkaufte er indessen durchaus nicht (d. h. dieses Mal nicht, beim Verkauf Dünkirchens tat er es), da der größere Gewinn bei Niederwerfung Hollands von England eingeheimst sein würde.“ Man darf wohl sagen, daß der Vertrag ein größerer politischer Fehler Frankreichs als Englands war. England bekämpfte doch immer seinen derzeit bedeutendsten Nebenbuhler zur See, der ihm sogar im Handel noch überlegen war, wenn ihm dadurch auch ein neuer in Frankreich zu erwachsen drohte. Frankreich aber hatte, durch seine Festlandpolitik in Anspruch genommen, wenig Aussicht, ohne einen Verbündeten dem vom Festland unabhängigen England gegenüber eine Seemacht zu werden, wonach Colbert gerade jetzt strebte. Ein solcher Verbündeter war in Holland gegeben, mit ihm hätte man das Wachstum der englischen Seemacht vielleicht unterbinden können, und dieser Verbündete sollte jetzt vernichtet und sogar seine für die Seemacht wichtigste Provinz an England abgetreten werden. Richelieu hatte aus diesem Grunde Freundschaft mit Holland gesucht, auch, um dort technische Unterstützung zur Schaffung einer Marine zu finden.
Dieser englisch-französische Vertrag wurde streng geheim gehalten. Als de Witt, der doch von Verhandlungen gehört hatte, in London um Auskunft ersuchte, äußerte sich Karl dem holländischen Gesandten gegenüber: Er halte fest an der Tripelallianz; diese sei so heilsam, daß sie geschlossen werden müsse, wenn es nicht schon geschehen wäre. Ähnliche Versicherungen wurden auch in der Folge noch gegeben, und ihre Aufrichtigkeit schien dadurch Bestätigung zu finden, daß Karl Ende 1670 vom Parlament bedeutende Mittel für die Flotte in diesem Sinne forderte. Er sagte: da die französische Flotte in den letzten Jahren verdreifacht sei, verlangten die Verpflichtungen, die die Tripelallianz England auferlege, auch eine große Schlagfertigkeit seiner Flotte für das nächste Jahr. In England hatten die Zunahme des Seehandels und die Kolonialbestrebungen Frankreichs Eifersucht erregt, die Tripelallianz besaß die allgemeine Sympathie, und so bewilligte das Parlament die geforderten Gelder. Das englische Volk und de Witt waren getäuscht.
Wenn nun de Witt noch längere Zeit auf den Bestand des Dreibundes und besonders auf Unterstützung durch England rechnete, so versuchte er doch rechtzeitig, sich daneben in Deutschland Bundesgenossen gegen Frankreich zu sichern; aber auch hier trat ihm Ludwig entgegen. Der Herzog von Lothringen, die Kurfürsten von Mainz und Trier fanden sich anfangs bereit, Truppen für Holland aufzustellen. Ehe jedoch die Werbungen begannen, fiel Ludwig (August 1670) in Lothringen ein und besetzte das Land; trotz Einspruch des Kaisers blieb es damals schon 27 Jahre in französischem Besitz. Die Kurfürsten wagten jetzt nicht, zu rüsten und auch nicht auf dem Reichstage für die bedrohten Niederlande aufzutreten; sie würden fast allein dagestanden haben. Die übrigen Fürsten im Westen Deutschlands fürchteten Ludwig oder waren ihm verpflichtet. Auch am kaiserlichen Hofe legte der französische Gesandte „goldene Ketten“ (Ausdruck Ludwigs) an; die Minister, vor allen der Premier Fürst Lobkowitz, überredeten den Kaiser zu einem Vertrage mit Frankreich (November 1671), wonach keine der beiden Mächte einen Gegner der anderen unterstützen sollte; der Kaiser wollte sich besonders nicht in einen Krieg mischen, der über den Frieden von Aachen etwa entstehe.
Endlich gewann Ludwig XIV. sogar offene Verbündete in Deutschland in dem Erzbischof von Köln und dem Bischof von Münster. Da er beim Angriff auf Holland die spanischen Niederlande nicht betreten wollte, um sich selbst in dem schwachen Spanien keinen Gegner zu schaffen, sollte sein Heer den Weg durch das Kölner Land nehmen. Die beiden Prälaten verpflichteten sich aber auch (Anfang 1672), 30000 Mann zu stellen, wofür ihnen bedeutende Gelder und Teile Hollands zugesagt wurden. — Nur an der Einsicht und der deutschen Gesinnung des Großen Kurfürsten scheiterten Ludwigs Künste. Dieser wies den Antrag eines Bündnisses, für das man ihm das Herzogtum Geldern bot, mit Verachtung zurück; er warnte Holland und war entschlossen, für die Rettung der Republik und zur Sicherung Deutschlands zu tun, was in seinen Kräften stand.
So hatte Ludwig XIV. im Frühjahr 1672 Holland völlig isoliert und ihm außer England noch zwei festländische Gegner geschaffen; das der Republik wohlgesinnte Brandenburg hoffte er durch Schweden in Schach zu halten.
Als bemerkenswert vom Standpunkt der Seekriegsgeschichte sei hier eines von Leibniz dem König von Frankreich unterbreiteten Planes gedacht. Dieser deutsche Gelehrte weilte 1672 in Paris, als sich schon erkennen ließ, daß die Pläne Ludwigs auch Deutschland bedrohen würden. Er wollte deshalb den Ehrgeiz des Königs in andere Bahnen leiten, von einer Ausdehnung seiner Macht in Europa zu Lande ablenken und auf Erweiterung der überseeischen und des Seehandels, kurz auf die Erringung der Seeherrschaft, hinführen. Zur Erreichung dieses Zieles sollte Frankreich Ägypten nehmen und mit diesem Lande als Basis die Vormacht im Mittelmeer, in der Levante sowie im fernen Osten gewinnen; Holland würde damit auch am leichtesten und sichersten vernichtet. Der Plan weist also auf eine ähnliche Entwicklung Frankreichs hin, wie sie bald England nahm. Nach Eroberung Ägyptens wäre Frankreich zur Schaffung einer großen Seemacht und zur Besitzergreifung vieler überseeischer strategischer Punkte gezwungen worden, wie es England durch den Besitz Indiens wurde.
(Einen genaueren Auszug aus dieser Denkschrift — Concilium Aegyptiacum —, insbesondere auf die Gründe mehr eingehend, durch die Leibniz vor 200 Jahren den ehrgeizigen König für den Gedanken gewinnen wollte, gibt Mahan, Teil I, Seite 135.)
Nachdem der Krieg so vorbereitet war, wurden Gründe zur Kriegserklärung seitens der beiden Könige leicht gefunden; man kann wohl sagen, an den Haaren herbeigezogen. Ludwig XIV. hatte schon vor der Tripelallianz 1667 den Einfuhrzoll für holländische Waren erhöht. Als nun Holland 1671 eine Zollerhöhung seinerseits vornahm, verlangte der König im Tone des Zorns Zurücknahme und Genugtuung. Obgleich Holland um diese Zeit noch auf England rechnete, war man doch zu billigem Ausgleich bereit, aber Ludwig, der gerade damals sein politisches Werk bei den deutschen Fürsten zu Ende gebracht, antwortete: „Im nächsten Frühjahr werde ich tun, was mir für meinen Ruhm und für den Vorteil meines Staates angemessen erscheint.“ (Januar 1672.)
Am 7. April 1672 erklärte er den Krieg nur mit dem Bemerken: das Betragen der Republik sei den großen Wohltaten nicht angemessen, mit denen er und seine Vorfahren diese überhäuft hätten. Der Bischof von Münster kündigte Krieg an, weil sich vier holländische Staatsbeamte gegen sein Leben verschworen hätten. Karl II. hatte schon im August 1671 einen Streit wegen des Flaggenrechts herbeigeführt. Eine kleine königliche Jacht, die die Gemahlin des englischen Gesandten Temple vom Haag abholte, erhielt den Befehl, in offenkundiger Absicht durch die holländische Flotte zu fahren und zu feuern, wenn die Flagge nicht vor ihr gedippt würde. Die Jacht lief durch die vor der Maasmündung liegende Flotte und salutierte die Flagge Ruyters. Der Admiral konnte nicht gleich danken, da sein Schiff gekrängt[174] war, doch Leutnantadmiral Ghent beantwortete den Salut und auch Ruyter folgte hierin, sobald sein Schiff wieder auf ebenem Kiel lag. Dennoch schoß der Engländer scharf auf Ghent. Dieser sandte seinen Flaggkapitän ab, um Aufklärung zu fordern, ging sogar dann selbst, da er gleichzeitig die ihm bekannte Dame begrüßen wollte. Der englische Kommandant erklärte, er habe scharf geschossen, weil Ghent die Flagge nicht gestrichen, worauf dieser antwortete, das könne doch von einem großen Geschwader einer einzigen kleinen Jacht gegenüber nicht verlangt werden. Diesen, noch durch die Erdichtung dabei gefallener unehrerbietiger Äußerungen Ghents aufgebauschten Vorfall nahm Karl wahr, um Genugtuung zu verlangen, obwohl weder der bisherige Brauch noch der Wortlaut des Vertrages eine so demütigende Auslegung des Flaggenrechtes rechtfertigten; der Vorfall hatte sich ja außerdem in holländischen Küstengewässern abgespielt. Einige andere nichtige Beschwerden Karls traten hinzu, z. B. Klagen über Medaillen, Bilder, Gedichte, die in Holland zu Ehren des letzten Krieges angefertigt waren.
Holland war bereit, in allem nachzugeben; so sollten in Zukunft auch Flotten die Flagge streichen „als Zeichen der Ehre für einen Bundesgenossen und großen Monarchen“. Als aber die Regierung ihre Vorschläge dem englischen Gesandten unterbreitete, erklärte dieser, es sei zu spät, und reiste ab (Januar 1672). Weitere demütige Schritte in London nützten nichts; im März 1672 griff England einen holländischen Convoi an und erklärte am 29. desselben Monats den Krieg für den 7. April, denselben Tag, an dem die französische Kriegserklärung erging. Der Vorfall mit der englischen Jacht im August 1671 hatte Holland schon veranlaßt, die englische Freundschaft mit Argwohn zu betrachten; in den Januar-Verhandlungen war die Maske Karls gefallen.
Bei der Betrachtung der Streitmittel Englands und Hollands in diesem Kriege können wir uns kürzer fassen als bisher (Seite 254 ff.), weil die wenigen Friedensjahre keine wesentlichen Veränderungen in beiden Marinen gebracht haben, wenn diese sich auch in der allgemein besprochenen Weise (Seite 161 ff.) fortentwickelten.
Was das Material anbetrifft, so wurden in Holland größere Schlachtschiffe nicht neu erbaut. Man glaubte, an den während des letzten Krieges so zahlreich gebauten genug zu haben. Es mangelte auch an Geld, obgleich der Handel bald wieder in vollster Blüte stand; die Staaten hatten noch Schulden abzuzahlen, einige Admiralitäten waren gar mit Rechnungen, Arbeitslöhnen und Gehältern im Rückstande. In England aber sorgte man hauptsächlich für den Ersatz der vielen verlorenen großen Schlachtschiffe. Angaben über den Gesamtbestand fehlen wieder für beide Marinen; nach der Stärke der im dritten Kriege aufgestellten Flotten dürfte die Gesamtzahl auf beiden Seiten annähernd gleich geblieben sein. Zum Beweise hierfür und zum Vergleich sei eine ähnliche Zusammenstellung[175] wie früher gegeben.
Vor der Viertageschlacht 1666 setzte sich zusammen: |
|||||
| Schiffe von Kanonen | über 90 | 80–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 |
| Die englische Flotte | 2 | 2 | 7 | 14 | 25 |
| Die holländische Flotte | — | 2 | 11 | 21 | 18 |
| Schiffe von Kanonen | 40–50 | 30–40 | 20–30 | kleinere | Brander |
| Die englische Flotte | 22 | 8 | ? | ? | ? |
| Die holländische Flotte | 19 | 13 | 1 | 8 | 9 |
In der Schlacht bei Solebay 1672: |
|||||
| Schiffe von Kanonen | über 90 | 80–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 |
| England | 6 | 2 | 3 | 8 | 21 |
| Holland | — | 3 | 14 | 26 | 12 |
| Schiffe von Kanonen | 40–50 | 30–40 | 20–30 | kleinere | Brander |
| England | 5 | 8 | 4 | 30 | 16 |
| Holland | 6 | 6 | 8 | 22 | 36 |
Schlachtschiffe müssen wir von jetzt ab allgemein über 40 Kanonen stark rechnen, dann zählte die holländische Flotte bei Solebay an solchen „Linienschiffen“ 61, die englische 45. — Die Holländer hatten beabsichtigt, noch 18 Linienschiffe (meist kleinere?) in Dienst zu stellen, damit kommen wir als Gesamtbestand auf etwa 80, was der Stärke im zweiten Kriege entspricht; auch die Größe der Schiffe ist ziemlich dieselbe. Bei den Engländern sind mehrere ganz neue Schiffe der schwersten Klasse hinzugetreten, dagegen fehlt gegen 1666 eine große Zahl mittlerer und kleiner Schlachtschiffe, die jedoch sicher vorhanden waren.
Vermutlich war man infolge der schlechter gewordenen Verwaltung nicht imstande, seine ganze Kraft zu entfalten; man rechnete auf die Franzosen, die gerade Schiffe dieser Größen stellten. Einige solcher Fahrzeuge waren auch in den Häfen, besonders der Themse, stationiert. Daß die Zahl der 40–50 Kanonenschiffe so heruntergegangen, hatte wohl auch seinen Grund darin, daß man sie nicht mehr als vollwertige Schlachtschiffe ansah; wir finden dasselbe bei Holland.
Ungefähr dieselbe Stärke zeigen die Flotten bei den späteren Aktionen dieses Krieges, doch erscheinen dann die Holländer mit 5–7 Schiffen zu 80–90 Kanonen. Bemerkenswert ist die große Zunahme an „kleinen Fahrzeugen“ in den Flotten für den Melde- und Sicherheitsdienst.
Über die Armierung ist schon gesagt, daß die Angaben und Auslassungen für die Zeit des zweiten Krieges auch jetzt noch zutreffen; zu beachten ist aber, daß mit der Vermehrung der Schiffe über 90 Kanonen das Übergewicht der Engländer an „schwerstem“ Kaliber noch gewachsen ist. Auf beiden Seiten sehen wir in noch größerem Maße als zu Ende des zweiten Krieges eine Zunahme der Brander.
Das Personal. Der Verlauf des Krieges wird zeigen, wie schwierig es dieses Mal infolge des gleichzeitigen Landkrieges den Holländern wurde, große Flotten aufzustellen und sie zu bemannen. Um so bewundernswerter ist es, daß die Republik dem vereinigten England und Frankreich doch zur See mit Erfolg gegenüberstand. Es ist ferner fraglos, daß die holländische Marine in militärischer Beziehung große Fortschritte gemacht hatte. Alle Quellen bezeugen die größere Disziplin in ihren Flotten im dritten Kriege. Wenn auch Reibungen zwischen den höheren Befehlshabern vorkommen, so hört man doch nichts mehr von groben Verstößen gegen Disziplin und Taktik von den Kommandanten und von Unzuverlässigkeit der Mannschaften; die Leistung ihrer Artillerie ist besser als die der Engländer. Dies alles und die Fortschritte in der Taktik sind zweifellos das Verdienst Ruyters, der dabei von hervorragenden Flaggoffizieren, wie z. B. Ghent, den beiden van Nes, Bankers, Liefde u. a. m., unterstützt wurde. Auch eine wichtige Organisationsänderung trug dazu bei. Im Jahre 1672 übernahm der Prinz von Oranien durch seine Einsetzung als Statthalter auch wieder die Würde des Generaladmirals mit den alten Befugnissen (Seite 149), er entfernte mit Ruyters Hilfe ungeeignete Kapitäne und hob die Stellung des tatsächlichen Oberbefehlshabers, durch Ernennung Ruyters zum Leutnantadmiralgeneral, den anderen Leutnantadmiralen gegenüber.
Auch in England vollzog sich während des Krieges eine wichtige organisatorische Änderung. Als 1673 die „Testakte“ im Parlament durchging — wonach kein Katholik ein Staatsamt bekleiden durfte —, mußte der Herzog von York seine Stellung als Lordhighadmiral niederlegen. Karl II. besetzte die Stellung nicht wieder. Er ernannte den Prinzen Rupert zum Oberbefehlshaber der Flotte, gab ihm zwar manche der Befugnisse, die später dem ersten Lord der Admiralität zufielen, behielt sich aber selbst den größten Einfluß im Marinedepartement vor. Diese Teilung soll nach englischen Quellen ungünstig für den Dienst, besonders für die Verwaltung (Ausrüstung der Flotten!) gewesen sein. Das Personal hatte hier an Güte eingebüßt. Die geringere Sorgfalt und Zuverlässigkeit in der Verwaltung haben wir schon im zweiten Kriege kennen gelernt. Jetzt zeigte sich der verderbliche Einfluß eines ausschweifenden Hofes mit Günstlingswirtschaft und des Parteiwesens im Lande auch beim Offizierkorps. Die Cromwellsche Zucht läßt immer mehr nach; die sonst tüchtigen Führer, die Kavaliere York und Rupert, ersetzen doch nicht den alten Soldaten Monck († 1670) in der Aufrechterhaltung der Disziplin. Alles wird schlimmer, je mehr sich das Verhältnis zwischen Volk und König zuspitzt. Als Rupert den Befehl übernahm, erhielt der tüchtige Admiral Holmes, obgleich Rupert selbst es wünschte, keine Stelle in der Flotte, weil er ein Liebling Yorks gewesen war. Anderseits machten jetzt Offiziere der Hofpartei dem protestantischen Prinzen Opposition, und es ereignen sich ähnliche Fälle von Eigenmächtigkeit wie früher bei den Holländern. Die Mannschaft endlich war nicht mehr so gut wie ehemals. Bei der Unpopularität des Krieges mußte der Bedarf größtenteils durch Pressen gedeckt werden. Diese Maßnahme lieferte aber weder genügend noch gutes Material; Auffüllen mit Soldaten war nötig, denn gute kriegserfahrene Seeleute fehlten sehr.
Zum ersten Male müssen wir die französische Marine, ihre Entwicklung und Bestand[176] um diese Zeit in den Kreis unserer Betrachtungen ziehen.
Wir haben gesehen (Seite 152), daß in Frankreich verschiedene Versuche, eine Marine zu gründen, ohne dauernden Erfolg blieben. Die letzte und größte Schöpfung dieser Art, die Richelieus, verfiel schon unter Mazarin wegen Geldmangels, besonders während der Fronde; Colbert belebte sie wieder nach dem Pyrenäischen Frieden (1659). Wenn Richelieu, als eigentlicher Regent Frankreichs, die Marine mehr als Werkzeug der äußeren Politik begünstigt hatte, wandte Colbert ihr seine Sorgfalt besonders als Handelsminister zu. Es ist bekannt, daß Colbert an der Spitze der Verwaltung dahin strebte, Frankreich aus finanzieller Zerrüttung herauszubringen und seine Wirtschaft auf der festen Grundlage nationalen Wohlstandes sicherzustellen. Zu diesem Zweck wollte er sein Vaterland auch zu einer Seehandelsmacht ersten Ranges machen und hierzu bedurfte er einer starken Marine.
Es liegt natürlich außerhalb unserer Aufgabe, auf die Tätigkeit Colberts näher einzugehen, es seien aber doch einige Worte über seine Maßnahmen zur Förderung des arbeitenden Volkes, zur Durchführung seiner Wohlfahrtspolitik gesagt:
Eine gleichmäßigere Besteuerung und eine gerechtere Erhebung der Steuern wurde eingeführt; das Heer der Beamten und Pensionäre beschränkt. Um die Produktion des so reichen Landes zu heben, wurden Landwirtschaft und besonders Industrie unterstützt, zu letzterem Zweck wurden Manufakturen unter staatlicher Aufsicht gegründet und durch Schutzzölle gesichert.
Zugleich wurden Handels- und Verkehrswesen nach allen Seiten, im Innern und nach außen, gefördert durch: Handelsgesetze, Assekuranzkammern, Schiffahrts- und Zollordnungen, die das Speditionsgeschäft in französische Hände bringen und so den Schiffbau heben sollten, durch den dann wieder die einheimischen und die Kolonialerzeugnisse befördert werden sollten, denn den Kolonien wurde gleiche Pflege zuteil; günstige Handels- und Zollverträge; Gründung großer Handelskompagnien nach Ost- und Westindien, Levante; Prämien für im Lande erbaute Schiffe; Gründung von Freihafengebieten, um Frankreich an Hollands Platz als großes Lagerhaus Europas zu setzen, wozu es durch seine geographische Lage hervorragend geeignet erschien; Verordnungen für die Kolonien, die den französischen Schiffen den Alleinhandel von und nach ihnen sicherten; endlich Gründung einer starken Kriegsmarine zur Beherrschung der Meere.
Colbert verfolgte sein Ziel in durchaus französischem Geiste; alles war organisiert, alles ging von dem Kabinett des Ministers aus. „Eine mächtige Armee von Kaufleuten und Fabrikanten zu organisieren, die einer tätigen und einsichtigen Leitung unterstellt war, um so durch Ordnung und Vereinigung der Kräfte einen industriellen Sieg zu gewährleisten und die besten Erzeugnisse dadurch zu erhalten, daß alle Arbeiter zu dem Verfahren angehalten wurden, welches von den erfahrensten Männern als das beste anerkannt war...“ und „Seebevölkerung und Seehandel ebenso wie Industrie und Binnenhandel zu organisieren, sowie der Handelsmacht Frankreichs als Stütze eine Marine auf fester und bisher ungeahnt breiter Grundlage zu geben, waren Colberts Ziele.“ (Mahan, Teil I, Seite 65/66.)
Da alles von einem Manne, gewissermaßen als Ausführung eines logischen Gedankenganges, ausging, und dieser Mann eine absolute Macht hinter sich hatte, entwickelte es sich sehr schnell. Bald trug es Früchte, der allgemeine Wohlstand wuchs; insbesondere blühte[316] die Handelsschiffahrt schnell auf, Frankreich begann ein gefährlicher Konkurrent Hollands und Englands als Seehandels- und Seekriegsmacht zu werden.
Aber das Wachstum war auch künstlich und hing von der absoluten Macht ab, die es bewachte. Colbert war nicht König und seine Macht zu Ende, als ihm der König seinen Rückhalt entzog; hiermit wurde auch sein Werk erschüttert und brach mit seinem Tode (1683) zusammen.
Bei der Gründung der Marine hatte Colbert die bereits vorgeschrittene Entwicklung der holländischen und englischen als Beispiel; wie bei allen seinen Organisationen ging er folgerichtig, geschickt und sorgfältig vor, eine absolute Regierung stand ihm mit ihrer ungehemmten Kraft zur Verfügung; so erreichte er in kurzer Zeit kaum Glaubliches. Anfangs wurden seine Reformpläne vielfach durch den Admiral von Frankreich, derzeit Herzog von Beaufort, (uns bekannt als Herzog von Vendôme, Seite 208) behindert. Nach dessen Tode 1669 wurde dieser Posten auf Colberts Veranlassung mit einem vierjährigen Kinde — Graf von Vermandois, Sohn der Lavallière — besetzt, während Colbert selbst Marineminister wurde. Von nun an hatte er, wie einst Richelieu, freie Hand für seine Pläne und baute auf dem Grunde, den dieser gelegt, weiter.
Zunächst wandte er seine Sorgfalt den alten Kriegshäfen zu, wo alles gewissermaßen in Ruinen lag. Befestigungen, Hafenanlagen, Werften und Arsenale wurden ausgebaut: in Brest und Toulon als den Hauptkriegshäfen im Norden und Süden, daneben in Havre und Dünkirchen — diese beiden waren leider für schwere Schiffe nicht zugänglich, so daß sich in den kommenden Kriegen öfters der Mangel eines Rückzugshafens am Kanal fühlbar machte; für das versandete Brouage wurde La Rochelle an der Biskaya gegründet; die Station der Galerenflotte verlegte man von Toulon nach Marseille, um Reibungen mit der Hochseeflotte zu vermeiden. Ebenso wichtig war die Neueinrichtung der Verwaltung der Anlagen der Marine, wo Trägheit, Schlendrian, selbst Untreue eingerissen waren. Hierbei wich Colbert von Richelieu ab: Bislang stand die Verwaltung unter der militärischen Behörde, dem Chef d'Escadre der Provinz; jetzt wurden alle technischen und Verwaltungsgeschäfte einem Intendanten in jedem Kriegshafen übertragen, die Stationschefs behielten nur die rein militärischen Angelegenheiten. Dies führte zwar oft zu Verdrießlichkeiten und Streit zwischen beiden Behörden, war aber bei der damaligen Beschaffenheit des Offizierskorps nötig; die Leistungen der französischen Werften sollen infolge der herrschenden neuen Ordnung bald die der englischen übertroffen haben.
Bei der schnellen Vermehrung des Schiffsbestandes war es anfangs notwendig, die Fahrzeuge wie früher im Auslande, besonders in Holland, bauen zu lassen, aber bald waren die eigenen Werften dazu imstande und die Vermehrung ging nun noch schneller vor sich. Zur Zeit Richelieus, etwa 1640, besaß man 30 größere und 27 kleinere Kriegsschiffe; 1661 waren nur 30 Fahrzeuge überhaupt, darunter nur 3 über 60 Kanonen, vorhanden. Aber nun begann der Bau, und der Bestand an Schiffen war:
| Kanonenzahl | über 100 | 80–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 |
| 1666 | — | 4 | — | 6 | 3 |
| 1669 | 5 | 5 | 2 | 23 | 13 |
| Kanonenzahl | 30–40 | 20–30 | kleinere | Brander | |
| 1666 | 17 | 3 | ? | ? | |
| 1669 | 44 | 20 | |||
Da sich Ludwig XIV. die Schaffung einer Marine ersten Ranges als Ziel gesetzt hatte, ging der Bau in derselben Weise fort. Das Ziel war etwa 1681 erreicht, man zählte in diesem Jahre 170 Segel, darunter 70 Linienschiffe über 50 Kanonen.
Das Jahr 1669 zeigt also schon einen dem englischen und dem holländischen Bestande völlig ebenbürtigen. Die Schiffe waren neu und gut; es ist schon darauf hingewiesen, daß sich die Engländer diese neuen Schiffe als Muster zu Verbesserungen nahmen, was See- und Segeleigenschaften sowie Höhe der Pforten über Wasser anbetraf; die französischen Schiffe waren von größerem Deplacement im Verhältnis zur Kanonenzahl. Ein Vergleich der früher (Seite 168 ff., Seite 259) über die Armierung gemachten Angaben ergibt, daß die Franzosen in Verwendung schwererer Kaliber zwischen den Holländern und Engländern standen. Die Bemannung war bei den Franzosen stärker als bei den beiden anderen Nationen, besonders auf den ganz schweren Schiffen, obgleich auch die Engländer bei diesen den Etat erhöht hatten. Es waren eingeschifft auf:
| Schiffen | über 90 | über 70 | über 50 Kanonen | |
| Holland | — | 400–500 | 200–400 | Mann |
| England | 600– 850 | 500–600 | 280–400 | „ |
| Frankreich | 700–1200 | 600–700 | 300–500 | „ |
Dieselbe Sorgfalt wie dem Material wandte Colbert der Organisation des Personals zu. Es ist schon angedeutet, daß unter ihm versucht wurde, eine regelrechte Rekrutierung für die Marine aus der Bevölkerung der Küstenbezirke sicherzustellen (mit Vorteilen: Halbsold, Witwen- und Waisenpensionen u. dgl.); Colbert strebte sogar an, daß die Eingeschriebenen stets auf demselben Schiffe dienen sollten. Aber obgleich in den Listen 1672 schon 60000 Mann geführt wurden, war die Sache doch noch so wenig durchgebildet, daß bei der Mobilmachung zum Pressen zurückgegriffen werden mußte. Colbert gründete auch Seesoldatenkompagnien, doch mußte er diese bald wieder dem eifersüchtigen Kriegsminister (Louvois) abtreten, und die Soldaten an Bord — etwa ein Drittel der Besatzung — wurden wieder vom Kommandanten angeworben. Der Minister sorgte auch, wie schon Richelieu es getan, für Ausbildung tüchtiger Schiffskanoniere auf Schulen mit mehrmonatigen Unterrichtskursen. Endlich stellte er eine regelmäßige Löhnungszahlung sowie eine bessere Verpflegung sicher und erließ mehr zeitgemäße Kriegsartikel.
Die Bildung eines Unteroffizier-, Deckoffizier- und Seeoffizierkorps vollzog sich hier in Frankreich jetzt leichter als in den beiden anderen großen Marinen, da die Organisation sich nicht wie dort langsam aus sich entwickelte, sondern eben die Erfahrungen dieser Marinen schon vorlagen. 1660 bestand das höhere Offizierkorps aus 1 Admiral von Frankreich, 2 Vizeadmiralen — alle drei, namentlich aber der erste, Herren von hoher Geburt, selten seeerfahren —, 3 Generalleutnants und den 4 Chefs d'Escadre, d. h. Stationschefs der Seedistrikte. Diesen unterstanden die Hauptkriegshäfen und die Unterhaltung sowie Mobilisierung der Streitkräfte ihres Distriktes, sie führten dann auch das betreffende Geschwader; zur Unterstützung hatten sie einen Kapitän und einige Leutnants des Hafens. Das Offizierkorps für die mobilen Schiffe: Kapitäne, Leutnants, Enseignes (Unterleutnants) und Aspiranten (auch schon von Richelieu eingeführt) war nur spärlich. Colbert trennte also die Administration vom Offizierkorps und vermehrte dieses sehr,[177] wozu er namentlich auch Elemente der höheren Stände heranzog. Er gründete ein Aspirantenkorps, gardes de marine, von 200 Köpfen, davon drei Viertel Edelleute, auch zog er Offiziere der Armee in die Marine. Eine Marineschule mit Prüfungen wurde geschaffen; Schulschiffe zur Ausbildung der Offiziere wurden in Dienst gestellt und genaue Bestimmung über den Dienst an Bord erlassen: Alles mit dem ausgesprochenen Zweck, in den Offizieren Seeleute und Soldaten, also „Seeoffiziere“ zu erziehen.
Natürlich ließ sich ein größeres Korps nicht so schnell schaffen. 1672 war man genötigt, viele Offizierstellen mit Personal aus der Handelsmarine zu besetzen, obgleich nur ein Teil der Schiffe zum Kriege in Dienst gestellt wurde. Auch ließen sich die guten Grundsätze für einen strengen Dienstbetrieb nicht immer durchführen. Gerade mit dem Adel traten auch Elemente ein, die, gestützt auf ihre hohen Verbindungen, den Dienst leicht nahmen; die Bevorzugung des Adels erregte anderseits Unzufriedenheit bei den andern Offizieren. So stand die französische Marine 1672 im Material wohl stark da, aber der Personalmangel — vorzüglich an Offizieren und Chargen — verbot noch die volle Verwendung. Das für den Krieg gestellte Kontingent betrug bei Solebay 1672[178] nur:
| Schiffen zu Kanonen | 78 | 70 | 60–68 | 54–58 | 50 | 38–46 | 12–14 | Brander |
| Anzahl | 1 | 7 | 3 | 2 | 10 | 7 | 5 | 8 |
von den schon vorhandenen 10 ganz schweren Schiffen ist keines vertreten.
Ferner mangelte der französischen Flotte die Kriegserfahrung; ihre Führer, auch die tüchtigen älteren Seeleute, hatten keine Übung in der anderen Flottentaktik; die französischen Quellen heben diesen Umstand ganz besonders hervor, die Flotte hatte nur gegen die Barbaresken gefochten. Es ist dies wohl mit ein Grund der auffallenden Führung der französischen Seestreitkräfte: der ängstlichen Vorsicht im zweiten englisch-holländischen Kriege; der Lauheit und der Fehler im dritten, in dem sogar ein erst kürzlich zur Marine übergetretener Landoffizier das Geschwader führte. Wie beim zweiten, so drängt sich aber auch beim dritten Kriege der Verdacht auf, daß Ludwig XIV. seine neue, noch unsichere Waffe schonen wollte; vielleicht stellte er auch deshalb kein stärkeres Kontingent, um so weniger, da er doch die ganze Last des Landkrieges allein trug.
Es ist beachtenswert, daß sich in der französischen Marine das eigentliche Seeoffizierkorps — die Verschmelzung von Soldat und Seemann — frühzeitig stärker ausbildet als anderswo. Schon zu Richelieus Zeiten hatten die Schiffe 1 Kapitän, 1 Leutnant, 1 Unterleutnant, und 1672 findet man auf einem 60-Kanonenschiff schon 1 Kapitän, 1 zweiten Kapitän, 2 Leutnants, 2 Unterleutnants; die Offiziere scheinen um diese Zeit den Dienst der Maîtres, die seemännische Führung des Schiffes, schon völlig übernommen zu haben. Diesem frühzeitig erstarkten Seeoffizierkorps gab nun die Art seines Ersatzes — hauptsächlich aus dem Adel, einer damals gerade in Frankreich hervorragend militärischen Kaste stammend —, die hier sorgfältigere Erziehung für den Seekriegsdienst und auch wohl die Eigentümlichkeiten des Volkes den Charakter, den es stets beibehalten hat. Es überwiegt beim französischen Seeoffizier der Soldat gegenüber dem Seemann. In England gewann bei der Verschmelzung der Seemann die Überhand; der englische Seeoffizier des nächsten Jahrhunderts suchte seinen Stolz mehr in geschickten Segelmanövern als in der Entwicklung der militärischen Leistungsfähigkeit seines Schiffes. Dieser Umstand sollte besonders die Leistungen der französischen Flotten in taktischen Beziehungen eine Zeitlang — in den Kriegen des nächsten Abschnittes — sehr begünstigen.
Die Verwendung der drei Marinen von 1867–1672. Die Seestreitkräfte Hollands und Englands fanden in den wenigen Friedensjahren zwischen dem zweiten und dem dritten Kriege im wesentlichen nur Verwendung im Mittelmeer gegen die Seeräubereien der Raubstaaten. In derselben Weise, wie wir es früher gesehen, besonders nach dem ersten Kriege, hielten beide Nationen ständige Geschwader an der nordafrikanischen Küste. Man war zeitweise gezwungen, diese bis zu einer Stärke von 18 Schiffen zu 30–60 Kanonen aufzustellen, da auch die Afrikaner mit Geschwadern von Schiffen gleicher Größe auftraten; es kam zu richtigen Seegefechten, zu gemeinsamen größeren Operationen, die dann für einige Zeit wenigstens dem Unwesen ein Ende machten.[179]
Auch die aufstrebende französische Marine[180] fand ihre erste Verwendung im Kampf mit den Barbaresken. Eine erste größere Expedition brachte das Jahr 1669. Ludwig XIV. sandte unter dem Herzog von Beaufort eine Flotte von 20 Schiffen — 1 zu 94, 3 zu 72, 12 zu 36–60, 4 zu 20 Kanonen — und 12 Galeren mit einer Armee von 7000 Mann — gute Regimenter — nach Kreta zur Unterstützung der Venetianer. Die Flotte als solche fand hierbei keine Gelegenheit zur Aktion; auch die Landung wurde, zwar anfangs glücklich, schließlich zu einem Fehlschlage; der Herzog von Beaufort fiel (vgl. „Nebenkriege“, Kapitel X, unter „Venedig“).
Der dritte englisch-holländische Krieg war nicht wie die beiden vorhergegangenen ein reiner Seekrieg, sondern für Holland auch ein Landkrieg; wir müssen deshalb bei der Beschreibung auch die Ereignisse am Lande fortlaufend kurz berühren. Nach den Kriegsplänen der Verbündeten sollte die Republik von drei Seiten angegriffen werden: Durch Frankreich im Südosten, durch Münster und Köln im Osten und durch eine Landung der englisch-französischen Flotte im Norden.