Fußnoten:
[140] Näheres Clowes, Teil II, Seite 201; Zimmermann, Band II, Seite 136.
[141] Durch die Nähe des Landes in Windstille zu geraten.
[142] Hauptquellen: De Jonge, Teil I; „Vie de Tromp“; „Leben Ruyters“, in beiden letzten genaue Beschreibung der Züge nach Mittelmeer, Portugal und Ostsee.
[143] Genaueres über die Tätigkeit der nordischen Flotten in den auf Seite 44 u. 109 gegebenen Quellen. Über ihre Stärke um 1655 vergl. Seite 148.
[144] Nach dem Tode Tromps in der Schlacht von Scheveningen wurde Jakob van Wassenaer, Heer van Opdam, ein Kavallerieoffizier von hoher Geburt, zum Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland ernannt. Die drei Provinzen von Holland wagten nicht, ihren nächstältesten Vizeadmiral Witte de Witt dazu zu befördern, da er zu unbeliebt bei seinen Untergebenen war. Um alle Unzufriedenheit durch ein Übergehen zu vermeiden, wählten sie diesen Mann von hoher Geburt. Aus denselben Gründen den Admiralen Seelands gegenüber bestätigten die Generalstaaten Wassenaer auch in der Stellung als Oberbefehlshaber der Gesamtstreitkräfte, er trat aber als solcher während des ersten Krieges nicht mehr in Tätigkeit. Die Ernennung erregte böses Blut bei allen Seeoffizieren. W. selbst versuchte den Posten abzulehnen; später wurde ihm, wie wir sehen werden, oft der Vorwurf gemacht, seine Stellung nicht richtig ausgefüllt zu haben.
[145] Sehr genau im „Leben Ruyters“; dort auch die Orders der Generalstaaten, der Verlauf der Friedensverhandlungen usw.
[146] Ich erinnere daran, daß seit der letzten Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine Zeitlang die Kavallerie in den Heeren häufig überwog, daß aber ein Teil davon, die Dragoner, vorzugsweise zu Fuß focht.
[147] Du Sein, Teil II, zählt die Gefechte auf; Chab.-Arnault etwas genauer.
Die politische Lage um 1662. Gründe des Krieges. Die Betrachtung der „Nebenkriege“ hat uns bis in den Anfang der sechziger Jahre geführt und gezeigt, daß um diese Zeit in den europäischen Gewässern überall Frieden war. Aber der zweite englisch-holländische Krieg lag in der Luft, und in diesem trat Frankreich (sowie auch Dänemark) auf die Seite Hollands.
In England war 1660 das Königtum wieder eingesetzt. Karl II. stellte die alte Regierung wieder her, Ober- und Unterhaus sowie die bischöfliche Kirche, und erstrebte den Ausgleich zwischen den Bischöflichen, den Presbyterianern und den Katholiken. Ohne feste Grundsätze jedoch, ließ er sich in seiner inneren wie äußeren Politik vornehmlich durch die Geldbedürfnisse für seine üppige Hofhaltung leiten. So war seine äußere Politik schwankend. Obgleich er von Frankreich, noch unter Mazarin, auf Cromwells Forderung ausgewiesen war, verkaufte er doch 1662 das für England so wichtige Dünkirchen an Frankreich und neigte immer mehr zu Louis XIV. hin, da dieser ihn auch sonst mit Geld unterstützte und dadurch teilweise vom Parlament unabhängig machte.
Wenn Karl II. aber auch in erster Linie mehr auf seinen als auf Englands Vorteil bedacht war, so gab er doch, sobald die Lage bedenklich wurde, der Volkstimmung nach, um nicht dem Schicksal seines Vaters zu verfallen, auch führte ihn sein Haß gegen Holland mit der öffentlichen Meinung zusammen. Ihm war ein Krieg mit Holland erwünscht. Er haßte das Land als Republik, er haßte die augenblickliche Regierung dort, da sie ihn auf Cromwells Forderung ausgewiesen hatte und auch seinen Verwandten, dem Hause Oranien, feindlich gegenüberstand. Es wird ihm aber auch nachgesagt, er habe den Krieg gewünscht, um dafür bewilligte Gelder für sich zu verwenden.
Die Stimmung des Volkes, wenigstens eines wichtigen Teiles, war feindlich gegen Holland. Der erste Krieg hatte den Kampf der beiden Länder nicht zum Austrage gebracht. Besonders auf englischer Seite blieb die Eifersucht auf den immer noch weit größeren und trotz der Navigationsakte weiter zunehmenden holländischen Handel bestehen; die wichtige und erfolgreiche Rolle, die Holland in der Ostsee gespielt hatte, konnte England nicht vergessen. Als sich nach der Thronbesteigung Karls II. im Innern Ruhe eingestellt hatte, trat die Neigung zur Fortführung des Kampfes um die erste Stelle auf den Meeren wieder kräftig hervor; an äußeren Anlässen, diese kriegerische Stimmung zu schüren, fehlte es nicht.
Holland hatte sich von den Folgen des ersten Krieges erholt. Sein Besitz in Indien war weiter gewachsen; der Handel blühte auf allen Meeren wie nie zuvor; seine Finanzen waren geordnet. Letzteres war vornehmlich das Verdienst Jan de Witts, der seit dem Tode Wilhelms II. von Oranien während der sogenannten ersten statthalterlosen Zeit (1650–1672) Ratspensionär (erster Beamter) der Provinz Holland, aber in Wirklichkeit durch den Einfluß seiner bedeutenden Gaben der oberste Leiter der ganzen Republik war. Das erfolgreiche Auftreten in der Ostsee, die neu bewiesene Tüchtigkeit der Flotte, die Geschicklichkeit und Festigkeit seiner Diplomatie — wieder de Witts Verdienst — hatten Holland überall neues Ansehen verschafft.
Dennoch war es in einer mißlichen Lage. Solange Spaniens Macht groß dastand, hatte es im Interesse Englands und Frankreichs gelegen, die Republik stark und unabhängig zu sehen, als aber Spanien nicht mehr zu fürchten war, drohten Holland gerade von diesen Mächten Gefahren. England gelüstete nach Hollands Handels- und Seeherrschaft, Frankreich wollte die spanischen Niederlande haben. Der Verlust der Handels- und Seeherrschaft mußte der Ruin Hollands werden; das erstarkte Frankreich an Stelle des geschwächten Spaniens als unmittelbaren Nachbar zu erhalten, war militärisch und auch für den Handel nicht unbedenklich, selbst wenn die spanischen Niederlande geteilt wurden, wie es Frankreich zunächst vorschlug. Kam Antwerpen in französischen Besitz, so hatte die Schließung der freien Schiffahrt dorthin wohl ein Ende; aber auch in holländischem Besitz mußte Amsterdam, der Hauptsitz der regierenden Partei, den Wettbewerb dieser in früheren Zeiten so bedeutenden Handelsstadt fürchten. Diesen Gefahren gegenüber hatte es der Leiter der Politik nicht leicht. Im Volke bestanden zwei Parteien: die eine war für das Haus Oranien, die andere für die republikanische Verfassung, wie sie augenblicklich bestand; jene neigte zu England und wünschte eine starke Armee, diese war für Frankreich und eine starke Marine; sie bestand aus den Kaufleuten in den Seeprovinzen und hier vornehmlich in Holland mit Amsterdam und Rotterdam, welche Provinz mehr als die Hälfte der Ausgaben des ganzen, lose geknüpften Staatenbundes trug. Da nun diese Partei, also die Handelsaristokratie, die herrschende war, so konnte die Regierung ihr Hauptaugenmerk auf die Flotte richten und die englische Gefahr war ja auch die ernstere und nächste; es wurde ihr jedoch nicht leicht, schon im Frieden genügend Mittel für die Wehrkraft aufzubringen, da selbst ihre Anhänger nur in der Not zu größeren Opfern bereit waren. Wie es bei einem reinen Handelsvolke ganz natürlich ist, war man in Holland überhaupt einem neuen Kampfe abgeneigt, wenn auch gerade die herrschenden Kreise infolge des demütigenden Friedens und der großen Verluste im ersten Kriege England grollten; man wollte doch die Früchte des Verkehrs im Frieden einheimsen. Die Regierung hatte denn auch Karl II. den Hof gemacht, sobald seine Aussichten auf den Thron stiegen, aber vergeblich, sein Haß überwog. Während die Verhältnisse sich zuspitzten, versuchte man immer noch, durch Unterhandlungen dem Kriege vorzubeugen. Man nahm auch die Vermittlung des scheinbar wohlgesinnten Frankreichs in Anspruch; alles blieb fruchtlos, weil England den Krieg durchaus wollte.
So brach infolge der Handelseifersucht ein zweiter blutiger Krieg aus zwischen den beiden Völkern, die als protestantische und parlamentarische Staaten gegen das katholische und absolute Frankreich hätten zusammengehen sollen; erst die allgemeiner werdende Erkenntnis der Pläne Louis' XIV. führte sie nach dem Kriege für kurze Zeit zusammen, dauernd und ernstlich erst nach der Vertreibung Jakobs II. aus England (1688).
In Frankreich hatte Louis XIV. nach dem Tode Mazarins 1661, also bald nach dem Pyrenäischen Frieden, die Regierung allein ergriffen und seinen Ministern erklärt, er werde fortan sein eigener Premierminister sein. Von diesem Zeitpunkte an begann er die Pläne Richelieus und Mazarins mit aller Kraft zu verfolgen: Frankreich an Stelle Österreich-Spaniens zur ersten Macht Europas zu machen und sie auf Kosten dieser Länder auszudehnen. Die absolute königliche Herrschaft besaß er nach Beendigung der letzten inneren Wirren — durch die Unterdrückung der Fronde —; tüchtige Minister (Louvois, Colbert) schmiedeten ihm die Waffen zu seinen nun bald folgenden Eroberungskriegen.
Zunächst faßte er die Erwerbung der spanischen Niederlande ins Auge; seine Ansprüche leitete er von seiner Gemahlin Maria Theresia, der ältesten Tochter des Königs Philipp IV. von Spanien, her. Zwar hatte diese allen Erbansprüchen entsagen müssen, aber diese Entsagung erklärte Louis XIV. aus verschiedenen Gründen für nichtig und hielt den Erbanspruch auf die Niederlande auch aufrecht, als dem König Philipp später noch ein Sohn geboren wurde. Er stützte sich hierbei auf die eigenwillige Auslegung eines alten Lehnsbrauches in diesen Provinzen, wonach die Tochter erster Ehe vor einem Sohne zweiter Ehe erbte, das „jus devolutionis“, und griff später Spanien in seinen Niederlanden an (1667 der Devolutionskrieg). Noch bei Lebzeiten Philipps († Sept. 1665) begann er diesen Eroberungskrieg politisch vorzubereiten. Von England fürchtete er bei dem Charakter seines Königs keinen Widerstand, wichtiger war das Verhalten des geld- und seemächtigen Hollands. Um sich die dort regierende Partei günstig zu stimmen, schloß er 1662 ein Defensivbündnis mit der Republik. Auf einen Offensivvertrag ließ sich de Witt nicht ein, um nicht gezwungen zu sein, zu der sehr unerwünschten Eroberung selbst mitzuwirken. So aber gewann er die Unterstützung Frankreichs gegen England und behielt doch freie Hand, sich der Vereinigung Belgiens mit Frankreich zu widersetzen. Vor Ausbruch des Krieges übernahm nun Louis XIV. die Vermittlung und trat später (1666) sogar offen auf Hollands Seite.
Es ist aber sehr fraglich, ob seine Vermittlung ernstlich gemeint war und so durchgeführt ist. Es konnte ja nur in seinem Vorteil liegen, wenn die beiden Gegner sich schwächten; jedenfalls hat seine Flotte nicht in den Krieg eingegriffen, als er später als Verbündeter auftrat. Louis wollte wohl diese eben von Colbert geschaffene und in der Entwicklung begriffene Waffe noch nicht aufs Spiel setzen, sondern sie für später bewahren. Je geschwächter Holland aus dem Streite hervorging, um so leichter mußte es der von Louis zunächst vorgeschlagenen Teilung Belgiens geneigt werden. Sein zweideutiges Spiel geht nicht nur aus dieser lauen Haltung Holland gegenüber hervor, sondern auch daraus, daß er, wie schon angedeutet und wie wir noch weiter sehen werden, während der ganzen Zeit mit Karl II. in Verbindung stand. Und wie er die Zwietracht zwischen den beiden Gegnern nährte, so schürte er auch den Hader der Parteien in Holland.
Es fehlte nicht an Anlässen, die kriegerische Stimmung zu steigern, besonders in England. Die Handelskompagnien der beiden Länder stießen überall in den außereuropäischen Gewässern zusammen und bei der Überlegenheit der holländischen meistens zum Nachteil der englischen. Diese erhoben denn auch zuerst Klagen und brachten es dahin, daß England in einer Weise auftrat, die wiederum Holland zwang, scharfe Gegenmaßregeln zu ergreifen. Die Schilderung der Ereignisse[148] wird zeigen, daß sich die Völker schon vor der Kriegserklärung im Kriegszustande befanden.
Den englischen Handelskompagnien wurde es in allen Meeren schwer, neben den schon weit mächtigeren holländischen festen Fuß zu fassen; sie wandten sich oft Hilfe heischend an das Parlament. Solche Forderungen traten besonders 1663 auf. — Die englisch-ostindische Kompagnie beschwerte sich, daß die Holländer noch immer die laut Friedensschluß von 1654 abzutretende Bandainsel Polaroon in Besitz hätten, daß sie feindlich gegen die indischen Fürsten und Städte aufträten, die ihr die Anlage von Faktoreien gestattet hätten, daß sie in jeder Hinsicht selbst mit Waffengewalt den englischen Handel hinderten. Großer Schaden sei der Kompagnie, mittelbar und unmittelbar, schon zugefügt; ungeheure Summen wurden dafür vorgerechnet. Man war außerdem in England der Ansicht, daß der berüchtigte Vorfall in Amboina noch nicht genügend gesühnt sei. Ähnliche Klagen liefen gleichzeitig beim Parlament ein von der nach dem Mittelmeer fahrenden türkischen Kompagnie und von der 1662 gegründeten afrikanischen Kompagnie; auch bei dieser handelte es sich um Zurückgabe einiger Plätze, die — früher in englischem Besitz, dann aufgegeben — von Holland eingenommen waren, so z. B. Capecoastcastle.
Unberechtigt sind die Klagen wohl nicht gewesen. Wir haben den Verkehr auf dem Weltmeer genügend kennen gelernt, um zu wissen, wie gewalttätig der schon Mächtigere draußen dem Nachkommenden entgegentrat; jedoch ließ auch England nicht ruhig alles über sich ergehen, sondern antwortete, wo es ging, mit Vergeltungsmaßregeln, zu welchem Zweck z. B. 1661 ein kleines Geschwader an die Westküste Afrikas gesandt wurde. Zur Herbeiführung des Krieges waren diese Zusammenstöße aber nur ein Vorwand. Die öffentliche Meinung in England und damit der wirkliche Kriegsgrund finden deutlich ihren Ausdruck in den Monck zugeschriebenen Worten: „Was kommt es auf diesen oder jenen Kriegsgrund an? Was wir brauchen, ist ein Stück mehr von dem Handel, den die Holländer jetzt haben!“ Dementsprechend begann man in England zu rüsten — außergewöhnlich zahlreiche Indienststellungen, lebhafte Tätigkeit auf den Werften, Füllen der Magazine — und unternahm 1663–1664 eine größere Expedition gegen holländische Kolonien In Westafrika und Nordamerika, durch die die befestigte Insel Gorée am Kapverde, Capecoastcastle sowie einige andere Plätze an der Goldküste und vor allem Neuamsterdam (New York) den Holländern abgenommen wurden.
Die Expedition zählte 22 Segel, teils Schiffe der afrikanischen Kompagnie, teils königliche; letztere hatte der Herzog von York gestellt, der gleichzeitig Protektor der Kompagnie und Lordhighadmiral war. Sie segelte 1663 unter Admiral Holmes, der schon den Zug 1661 befehligt hatte. Holmes machte vom Januar 1664 an die aufgeführten Eroberungen in Afrika und brachte dort viele Schiffe auf. Dann ging er nach Nordamerika und nahm im August mit Hilfe der benachbarten englischen Kolonien Neu-Niederland in Besitz; dem Entsender der Expedition zu Ehren nannte Holmes Neu-Amsterdam jetzt Neu York.
Hollands Vorstellungen wegen der Gewalttat in Afrika fruchteten nichts. Die englische Regierung betrachtete den Zug als eine Privatangelegenheit, versprach Untersuchung, setzte aber ihre Rüstungen fort. Auch in Holland hatte man im Mai 1664 eine größere Flotte als sonst im Frühjahr unter Wassenaer zusammengezogen; wie man sagte, gegen die Barbaresken und spanischen Freibeuter. Sie wurde beständig verstärkt, und bald verlautete, daß sie Befehl habe, an der holländischen Küste zu bleiben, zu üben und durch leichte Schiffe die englische Flotte zu beobachten. Man fürchtete nämlich, diese würde gegen die heimkehrenden Ostindienfahrer vorgehen, die wie stets im Frühjahr von der Biscaya abgeholt wurden; übrigens hatte man die entgegengesandte Bedeckung auch wesentlich verstärkt und befohlen, um Schottland zurückzusegeln. Als nun Holmes' Zug bekannt geworden war, beschloß man zuerst, mit den Frühjahrsschiffen der westindischen Kompagnie eine Verstärkung der Kriegsschiffe nach Afrika zu senden. Da dies aber zu lange gedauert haben würde und auch nicht geheim gehalten werden konnte, gab man gleich darauf Befehl an Ruyter im Mittelmeer, nach Guinea zu gehen, die verlorenen Plätze wiederzunehmen und den englischen Handel „in außereuropäischen Gewässern“ zu schädigen. Dieser Befehl war streng geheim, damit man in England nicht aufmerksam würde und damit das englische Mittelmeergeschwader unter Lawson nicht folge. Die Geheimhaltung ging so weit, daß selbst einige Mitglieder des Rates, die den Befehl unterschrieben, ihn nicht kannten; er war ihnen nach einer sehr arbeitsreichen Sitzung zur Unterschrift mit untergeschoben worden.[149]
Ruyter gelang es, die afrikanischen Besitzungen zurückzuerobern und auch sonst den Engländern in Westindien und im Atlantik großen Schaden zuzufügen.
Ruyters Zug 1664–1665 nach Westafrika und Amerika ist bemerkenswert, weil er die schwierige Aufgabe mit großem Geschick löste.[150] Ruyter war im Mittelmeer gegen die Barbaresken stationiert, englischerseits befand sich Admiral Lawson zu gleichem Zwecke dort. Als Ruyter den Befehl erhalten hatte, nahm er unter allerlei Vorwänden an der spanischen Küste Proviant für ein Jahr. Es gelang ihm, Lawson über seine Bestimmungen zu täuschen, und so erschien er ungehindert und unerwartet Ende Oktober an der westafrikanischen Küste. Hier eroberte er zunächst Gorée zurück, dann, auf die holländische Station Elmina gestützt, die an der Goldküste verlorenen Punkte und auch das englische Cormantyne; Capecoastcastle widerstand mit Erfolg. Im Februar 1665 ging er, 12 Schiffe und 1 Brander stark, nach Westindien. Nach einem vergeblichen Angriff (29. April) auf eine große Zahl englischer Kauffahrer unter dem Schutz der Batterien auf Barbados verproviantierte er sich auf holländischen und französischen Inseln und ging dann nach Neufundland. Vor Guinea, in Westindien und in den nördlichen Gewässern brachte er viele Schiffe auf, die teils verkauft, teils heimgesandt wurden, so daß der Zug reiche Beute eintrug. Ende Juni trat er die Rückreise nach Holland an.
Schon in Westindien hatte er vom Ausbruch des Krieges gehört; er beabsichtigte deshalb, durch die Nordsee zu segeln und gab als Treffpunkt die Faröer Inseln und dann die Küste Norwegens (Stadtland) an. Wohlbehalten hier angekommen, erhielt er die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Lowestoft (14. Juni). Da er nun die Engländer in der Nordsee vermutete, um ihn abzufangen — dies war in der Tat der Fall —, steuerte er mit allen Vorsichtsmaßregeln längs den Küsten der deutschen Bucht und lief am 6. August 1665 in die Westerems ein.
Sobald man in England das Auftreten Ruyters in Afrika erfuhr, ließ man die Maske fallen. Die in den englischen Häfen liegenden holländischen Schiffe wurden mit Beschlag belegt, englische Kriegsschiffe und Freibeuter brachten in kurzer Zeit an 130 feindliche Schiffe auf.
Holland antwortete mit Beschlagnahme von Fahrzeugen, ließ aber den Befehl, feindliche Schiffe auf See aufzubringen, noch nicht in Kraft treten. Immer noch hoffte man, den Frieden erhalten zu können, wobei man besonders auf die Vermittlung Frankreichs rechnete. Die Rüstungen wurden aber ununterbrochen fortgesetzt. Anfangs hatten die Generalstaaten den Provinzen hierfür noch andere Gründe angeben müssen, um sie geneigt zu machen: es würde nötig sein, die Konvois — z. B. den schon erwähnten nach Guinea — mit starken Flotten durch den Kanal zu führen; bald aber wurde doch von allen Stellen der Krieg selbst ins Auge gefaßt — der Konvoi nach Guinea segelte tatsächlich nur mit gewöhnlicher Bedeckung, weil eine Verstärkung der westafrikanischen Station nach Ruyters Erfolg nicht mehr nötig war —, und nun rüsteten alle Admiralitäten mit einer seltenen Einmütigkeit und unter Aufbietung aller Mittel. Es wurde beschlossen, 24 Kriegsschiffe erster Klasse zu bauen, für das kommende Jahr (1665) die Indienststellung aller Schiffe vorzubereiten und dazu die Mannschaften der Flotte von 1664 im Dienst zu behalten. Wassenaers Flotte hatte man auf Wunsch Louis' XIV. während der Verhandlungen wie alljährlich mit Beginn des Winters zurückgezogen, es war jedoch ein größerer Teil der Schiffe als sonst im Winter in Dienst belassen. Am 23. Dezember 1664 wurde ferner sämtlichen Kauffahrern und Fischern das Auslaufen verboten, um sie nicht der Gefahr aufgebracht zu werden, auszusetzen und um die Leute für die Bemannung der Flotte zu haben.
Auch Karl II. zögerte noch mit der Kriegserklärung, wohl der vorgerückten Jahreszeit wegen und um die Rüstungen zu vollenden, zu denen das Parlament noch mehr Mittel bewilligen sollte. Da aber schlug eine letzte Gewalttat Englands dem Faß den Boden aus. Am 29. Dezember 1664 griff der Admiral Allin in der Straße von Gibraltar den heimkehrenden holländischen Smyrna-Convoi an.
Der Konvoi bestand aus 30 Kauffahrern mit nur 3 Kriegsschiffen Bedeckung. Allin überfiel ihn mit 7 Kriegsschiffen. Als der holländische Admiral van Brakel längsseit kam, um zu salutieren, wurde er mit einer scharfen Breitseite empfangen und dann der Konvoi angegriffen. Dank der tapferen Gegenwehr, auch der Handelsfahrzeuge, fielen nur 3 Schiffe in die Hände der Engländer — eines war im Kampf vernichtet; zwei versprengte, die ohne Befehl vorausgesegelt waren, wurden abgeschnitten —, die übrigen retteten sich in spanische Häfen, van Brakel fiel.
Nach diesem Gewaltakt „in europäischen Gewässern“ beschloß Holland den Krieg. Es erließ nun auch den Befehl, alle feindlichen Kriegs- und Handelsschiffe in europäischen Gewässern anzugreifen (24. Januar 1665) und brach die diplomatischen Beziehungen ab; der Krieg war erklärt. Die englische Kriegserklärung erfolgte im Februar; beide Staaten wetteiferten, ihre Schlachtflotten aufzustellen. — Frankreich trat erst im Januar 1666 durch förmliche Kriegserklärung auf die Seite Hollands, ebenso Dänemark. Es ist bereits darauf hingewiesen, daß die französische Flotte keinen tätigen Anteil an den Kriegsoperationen nahm; du Sein erwähnt in der Geschichte der französischen Marine diesen Krieg überhaupt nicht.
Auch Dänemark kam mit England nur zu kleinen Zusammenstößen in der Ostsee.
Holland sandte die englische Kriegserklärung an alle seefahrenden Mächte mit dem Hinweis darauf, daß auch deren Seehandel durch den von England heraufbeschworenen Krieg schwer leiden würde.
In Holland war es dem Wirken des Ratspensionärs de Witt zu danken, daß nach dem Frieden 1654 die Marine nicht wieder wie um 1648 in Verfall geriet. Er verstand es, in allen Provinzen seinen Einfluß geltend zu machen und die Bewilligung der nötigen Mittel zu erreichen. Die Unternehmungen in der Ostsee und im Süden hielten die Flotte in Übung.
Das Schiffsmaterial wurde wesentlich besser. Wir wissen, daß beim Friedensschluß 1654 70 Kriegsschiffe zu über 30 Kanonen vorhanden waren: 1 zu 60, 9 zu 50–58, 27 zu 40–48, 33 zu 30–38 Kanonen. Es wurden nun die während des ersten Krieges begonnenen (30) und zu bauen beschlossenen (30) Schiffe fertiggestellt; unmittelbar vor und dann während des zweiten Krieges ordnete man weitere Neubauten an: 1664 von 24, Juni 1665 von nochmals 24 und 1666 von 12 Schiffen. Anfangs wurden zwar nur wenige Fahrzeuge über 50 Kanonen gebaut, erst 1664 ging man an solche von 60 bis 80 Kanonen; in der 1665 aufgestellten Flotte waren nur 2 zu 70–80 und 5 zu 60–70 Kanonen, so daß man noch Schiffe dieser Größe von der ostindischen Kompagnie einstellen mußte, aber 1666 konnten schon 2 Schiffe über 80, 11 zu 70–78, 21 zu 60–68 Kanonen verwendet werden. Der Bestand war also an Zahl und Stärke der Schiffe wesentlich gewachsen; 1665 brauchte man nur auf etwa 20 Kauffahrer zurückzugreifen, 1666 war man ganz frei von ihnen. Eine Angabe über den Gesamtbestand zu irgend einem Zeitpunkt fehlt in den Quellen; zum Vergleich mit den englischen Streitkräften ist Seite 258 die Zahl der Schiffe aufgeführt, die an den Hauptschlachten der beiden ersten Kriegsjahre teilnahmen. Es hatten beide Gegner ihre Gesamtkraft aufgestellt, nur wenige Schiffe fehlten, die in fernen Gewässern sich aufhielten oder nicht gefechtsfähig waren. Die Angaben bieten also einen Anhalt über die Stärke der beiden Marinen überhaupt.
Die neueren Kriegsschiffe waren besser gebaut als im ersten Kriege; alle Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) waren jetzt auch hier Zweidecker, Dreidecker besaß man jedoch noch nicht. Es ist ferner sehr bemerkenswert, daß man in Holland, wenn auch den Verbesserungen im Schiffbau — so auch in den Schiffsformen — im allgemeinen Rechnung getragen wurde, doch nicht zum „fregattenähnlichen“ Bau in demselben Maße übergegangen war wie in England. Man zog immer noch weniger tiefgehende, breitere und weniger scharfe Schlachtschiffe vor, teils der Hafenverhältnisse wegen, teils weil man annahm, so stabilere Geschützstände zu haben, wenn auch die Fahrzeuge weniger schnell waren. Dagegen baute man jetzt „fregattenähnlich“ eine größere Zahl von Schiffen zu 20–40 Kanonen, meist 26–36 Kanonen. Die Engländer hatten ja ihre größere Segelfähigkeit — fregattenähnlicher Bau selbst bis zu den mittleren Schlachtschiffen — des öfteren benutzt, um Schiffe abzuschneiden. Da man nun in Holland den Bau der Schlachtschiffe nicht dahin ändern wollte, sollten diese „Fregatten“ dem Übelstande bis zu einem gewissen Grade abhelfen. Sie sollten in gefährdeter Lage befindlichen Schiffen zu Hilfe kommen und zum Abfangen von Kauffahrern geeignet sein. Sie hatten (wahrscheinlich?) nur eine gedeckte Batterie, näherten sich also schon dem Begriff der späteren Fregatte. Der Schiffsbestand wurde endlich auch vervollständigt durch den Bau besonderer kleiner Fahrzeuge für Melde- und Aufklärungsdienst (Advijsjagten) und einiger Ruderfahrzeuge zu ähnlichen Zwecken (Roeijagten und Galeijen) sowie von Transportern für Proviant und Munition, Postschiffen für die Flotten und zahlreichen Brandern.
Man baute aber nicht nur Schiffe mit größerer Kanonenzahl, auch die Armierung wurde noch in den Jahren vor und während des zweiten Krieges durch die zunehmende Verwendung schwererer Kaliber verstärkt; die schwere Artillerie (32-Pfünder) und die höheren Kaliber der Mittelartillerie (24- und 18-Pfünder) wurden fast verdoppelt. Auch strebte man dahin, auf gleich großen Schiffen dieselbe Armierung und in den einzelnen Batterien Geschütze gleichen Kalibers einzuführen; besonders seit 1666. 1665 standen auf den Schiffen einzelner Admiralitäten noch 3–4 Kaliber in einer Batterie. Die Admiralität von Amsterdam, die überhaupt den dritten Teil der Gesamtflotte stellte, ging hierin wie in allen Verbesserungen voran; ihre neueren Schlachtschiffe von 48–58 Kanonen waren schon nach englischem Vorbilde in dieser Beziehung armiert. Im allgemeinen ließ alles dies aber noch zu wünschen übrig, vor allem fehlte Gleichheit zwischen den Schiffen der verschiedenen Admiralitäten, und wie sehr die Stärke der Armierung der der englischen Flotte noch immer nachstand, werden die vergleichenden Angaben später zeigen.
Auch in der Bemannungsfrage hatten sich im zweiten Kriege die Verhältnisse für Holland weit günstiger gestaltet. Im Frieden war stets genügend Personal für die Flotte vorhanden gewesen; nach Beendigung der Kriege in der Ostsee fanden sich viele kriegserfahrene Seeleute in Holland ein: Holländer, die dort gedient, und auch Fremde, denn der Dienst in der Marine war im Lande sehr beliebt geworden. Da bei Ausbruch des Krieges Seefahrt und Hochseefischerei untersagt wurden, war reichlich Personal vorhanden. Nach der großen Niederlage im ersten Jahre schwand allerdings die Neigung zum Dienst, diesem Übelstande wurde aber durch höheren Sold, Aussetzung hoher Belohnungen für besondere Auszeichnungen und hoher Pensionen für Invalide usw. abgeholfen. Als endlich durch das Freigeben eines Teiles der Schiffahrt zu Ende des Jahres 1666 wieder die Gefahr des Mannschaftsmangels eintrat, wurde sie durch die Bestimmung abgewendet, daß jedes in See gehende Schiff ein Viertel seiner Besatzung zur Marine abgeben oder daß die Rhederei Mannschaften in dieser Höhe stellen mußte. Ferner wurde 1664 eine Seesoldatentruppe gegründet und bald stark vermehrt. So trat ein Mannschaftsmangel in diesem Kriege nicht ein, nötigenfalls wurden weiter Landsoldaten eingeschifft. Die Schiffe waren auch stärker bemannt als früher; daß aber auch hierin England noch immer besser stand, werden wir sehen, und auch in der Kopfzahl der Besatzungen herrschte keine Gleichmäßigkeit bei den Admiralitäten.
Endlich hatten sich auch die Verhältnisse bei den Kommandanten und Chargen gebessert. Die Maßregel der Admiralität Amsterdam (Seite 149), sich einen Stamm von Kapitänen zu halten, war dadurch erweitert, daß man noch eine zweite Art Kapitäne schuf. Diese wurden zwar nicht im Dienst behalten, durften sich aber nur mit Erlaubnis der Admiralität auf Seereisen begeben und erhielten für diese Verpflichtung ebenfalls ein Jahrgeld. Dieselbe Behörde hatte ferner erlaubt, daß sich nach dem ersten Kriege andere obere Dienstgrade, die nicht verwendet werden konnten, überetatsmäßig auf indienstgestellten Fahrzeugen einschifften. Die Admiralität der Maas übernahm teilweise diese nützlichen Bestimmungen; so trat bei Ausbruch des Krieges kein Mangel an Kommandanten usw. ein, es war sogar eine Reserve vorhanden.
Eine große organisatorische Veränderung vollzog sich bei den Flaggoffizieren. Bis gegen das Ende des ersten Krieges hatten die Niederlande nur einen Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland, der beim Zusammentreten der Gesamtstreitkräfte der Republik den Oberbefehl führte, und je einen Vizeadmiral sowie je einen Kontreadmiral von Holland und von Seeland. Dann setzten die Staaten von Holland, deren Seemacht außerordentlich gewachsen war, durch, daß ein Vize- und ein Kontreadmiral für jede ihrer drei Admiralitäten (Maas, Amsterdam, Norderquartier [Westfriesland]) ernannt wurde; es gab also jetzt 1 Leutnantadmiral, 4 Vize- und 4 Kontreadmirale. Vor Ausbruch des zweiten Krieges (Dezember 1664) nahm Seeland sein altes Recht wieder auf und ernannte einen Leutnantadmiral von Seeland; sofort verlangte und erreichte Holland dasselbe für jede seiner Admiralitäten; Friesland, dessen früher sehr unbedeutende Kräfte auch gewachsen waren, folgte bald. So hatten die Niederlande 1665: 1 Admiralleutnant von Holland und Westfriesland, 5 Leutnantadmirale, 5 Vize-, 5 Kontreadmirale für die 5 Admiralitäten. Bei der Eifersucht der Provinzen sollte dies zu manchen Reibungen führen; auch sonst war die Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere, teilweise vom höchsten Range, bei der Flotte öfters von großem Nachteil.
Die Entwicklung dieser Verhältnisse findet man in de Jonge, Teil I, Seite 527; 687. Für die Generalstaaten war es schwer, die Anciennität festzusetzen; es führte zu scheinbar verwickelten Bestimmungen. Den Oberbefehl über die vereinigten Kontingente führte weiter der Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Die zweite Stimme im Kriegsrat stand dem Leutnantadmiral von Seeland zu, die Vertretung des Oberbefehlshabers im Kommando übernahm aber der Leutnantadmiral der Maas. Seeland war die älteste Admiralität, sein ältester Admiral führte stets die aus Seelandschiffen bestehende Vorhut; er war also der zweitälteste Offizier der Gesamtflotte. Den Höchstkommandierenden stellte aber seit langer Zeit (Seite 149) die Admiralität der Maas; daraus wurde gefolgert, daß sie auch den Stellvertreter stellen müsse.
Der Streit über Anciennität der Flaggoffiziere führte zu Verwirrung in Schlachten; er ging soweit, daß Seeland einmal erklärte, sein Kontingent nicht eher auslaufen zu lassen, bis eine Frage zugunsten seines Chefs entschieden sei.
In England hatte man unter Cromwell auch nach dem ersten Kriege weiter gebaut, zu seiner Zeit wurde mehr als die Hälfte des Staatseinkommens auf die Marine verwendet. Die Republik fand England schwach zur See vor und übertraf es schon als die stärkste Seemacht, was das Material anbetrifft. Auch Karl II. hatte Interesse für die Marine, besonders aber sein Bruder, der Herzog von York, der von Jugend auf für sie bestimmt war. So stand auch die englische Flotte bei Beginn des zweiten Krieges weit mächtiger da als zu Ende des ersten. Leider fehlt auch hier eine Bestandsliste[152] für diese Jahre, und man muß deshalb wie bei Holland als Anhalt die Stärke der zu den Schlachten zusammengezogenen Flotten nehmen; ich führe also die Angaben für Holland zum Vergleich hier mit auf:
1654 hatte England (Holland vergl. S. 255) Schiffe zu
| Kanonen: | 100 | 86–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 | 40–50 | 30–40 | 20–30 | 6–16 |
| Zahl der Schiffe: | 1 | 1 | — | 8 | 16 | 32 | 43 | 16 | 14 |
1665 in der Schlacht am 13. Juni setzten sich die Flotten zusammen:
| Kanonen: | 100 | 86–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 | 40–50 | 30–40 | 20–30 | 6–16 |
| England[153] | — | 4 | 3 | 4 | 23 | 30 | 16 | 15 | 6 |
| Holland[154] | — | — | 6 | 5 | 26 | 36 | 24 | 6 | 7 |
1666 vor der Viertageschlacht:
| Kanonen: | 100 | 86–90 | 70–80 | 60–70 | 50–60 | 40–50 | 30–40 | 20–30 | 6–16 |
| England[155] | 1 | 3 | 7 | 14 | 25 | 22 | 8 | ? | |
| Holland | — | 2 | 11 | 21 | 18 | 19 | 13 | 1 | 8 |
Wir sehen also ein starkes Wachsen in beiden Marinen, was die Zahl der Schiffe über 50 Kanonen und besonders die ganz schweren Schiffe anbetrifft. Namentlich die holländische Marine hat ungeheure Fortschritte gemacht und fährt weiter darin fort: 1667 befinden sich in Ruyters Flotte schon 6 Schiffe zu 80–90 Kanonen. Sie ist 1666 mit Schiffen über 60 Kanonen sogar der englischen überlegen. Die englischen 50–60 Kanonen-Schiffe waren jedoch mit ihren schwereren Kalibern den holländischen Schiffen mit 60–70 Kanonen überlegen; Holland hatte eben in der Verwendung schwererer Geschütze England noch nicht erreicht.
Stellen wir zum Vergleich die Armierung der holländischen Schiffe um 1666 der der englischen um 1677 gegenüber.
Es führten an schwerer und mittlerer Artillerie Schiffe mit Kanonen:
Die Angaben über Holland 1666 aus de Jonge, Teil I, Beilage XXXIII. Bei der Ungleichheit in den verschiedenen Admiralitäten habe ich die stärksten Armierungen ausgezogen.
Die Angaben für England 1677 nach der Tabelle Seite 170 (auch de Jonge, Beilage XXXI). Die Angaben für 1677 sollen auch für den zweiten und dritten englisch-holländischen Krieg schon beinahe zutreffen. Aber wenn wir selbst die Angaben für 1652 der Tabelle nehmen, stellt sich der Vergleich für Holland kaum günstiger. Nur das eine der holländischen 80 Kanonen-Schiffe 1666 führte 36-Pfünder.
Es zeigt sich mithin bei den Schlachtschiffen eine große Überlegenheit auf englischer Seite, nur die Nichtschlachtschiffe zwischen 30 und 40 Kanonen stehen in Holland sehr viel besser da; es sind dies wohl die erwähnten „Fregatten“.
Nach oberflächlicher Berechnung führten die für das Jahr 1666 angeführten Schiffe über 60 Kanonen in Summe:
| 42-Pfdr. | 32-Pfdr. | 24-Pfdr. | 18-Pfdr. | 12-Pfdr. | |
| Auf 25 englischen Schiffen | 26 | 256 | 372 | 48 | 518 |
| Auf 34 holländischen Schiffen | — | 12 (36-Pfdr.) | 276 | 586 | 354 |
Die Hauptkraft lag bei den Engländern also in 42-Pfündern — deren wahrscheinlich noch 56 mehr vorhanden waren, die dann von den 32-Pfündern abgehen —, in 32-Pfündern und 24-Pfündern, bei den Holländern in 18-Pfündern; dem englischen 12-Pfünder steht dann wieder an Zahl der holländische 8-Pfünder etwa gleich. Die holländische Schwäche wird dadurch ein wenig verringert, daß die englischen Kaliberangaben den holländischen gegenüber etwas zu verkleinern sind, weil das englische Pfund leichter war: der 42-Pfünder würde ein 38-Pfünder, der 24- ein 22-Pfünder usw. werden (vgl. de Jonge, Teil I, Seite 626).
Auch die bessere Bedienung der englischen Artillerie wird weiter gerühmt, und es kommt hinzu, daß die englischen Schiffe stärker bemannt waren. 1666 hatten Schiffe genannter Größen eine Besatzung von Köpfen:
| England | 700 | 600 | 520–650 | 450 | 320 | 200–250 | 150 | 130 |
| Holland | — | — | 470 | 330 | 260 | 200–250 | 200 | 120–200 |
Es konnten also die englischen Geschütze, namentlich bei gleichzeitigen Schiffsmanövern, besser bedient werden und die Schiffe waren beim Enterkampf überlegen; nur die holländischen „Fregatten“ stehen in dieser Hinsicht besser da, sie waren ja auch gleichzeitig zum Manövrieren und Fechten gebaut. Wie im ersten Kriege, so scheint auch im zweiten in England im allgemeinen kein Mangel an Personal eingetreten zu sein; auch hier waren jetzt Seesoldaten vorhanden, von einem Auffüllen mit Landsoldaten verlautet nichts mehr.
Die bessere Segel- und Manövrierfähigkeit der englischen Schlachtschiffe infolge schärferer Formen, vielleicht mit Ausnahme der schwersten, ist uns schon bekannt; der nach holländischer Ansicht damit verbundene Nachteil, daß man bei Wind und Seegang die untersten Batterien nicht gebrauchen konnte, tritt allerdings in diesem Kriege mehrfach hervor.
Von sonstigen Einrichtungen in der englischen Marine ist noch hervorzuheben, daß Karl II. die Stelle des Lordhighadmiral wieder besetzte, und zwar mit seinem Bruder, dem Herzog von York. Dieser soll manche Verbesserungen in der Verwaltung bewirkt haben. Er kommandierte 1665; 1666 wurde das Kommando über die mobile Flotte wieder in die Hände zweier Admirale — Prinz Ruprecht von der Pfalz und Herzog von Albemarle (Monck) — gelegt.
In beiden Marinen begann in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kriege (vgl. Seite 181) die Entwicklung eines ständigen Kriegsschiffpersonals. Es fällt in diese Zeit die Vermehrung der Dienstgrade für die verschiedenen Dienstzweige und auch schon die erste Vermehrung der Leutnants sowie der Beginn des besseren Ersatzes dieser eigentlichen Offiziere. Die Anstellung von Offiziersaspiranten wird allgemeiner; gerade in Holland treten Personen aus den höchsten Ständen ein, einige von ihnen tun schon im zweiten Kriege als zweite selbst als erste Leutnants Dienst. Die Bauten — Werften und Magazine — wurden wesentlich verbessert; York verwandte in England Sorgfalt darauf, in Holland wurden — besonders wieder in Amsterdam — die Einrichtungen zum Selbstbau und zum Docken weit größerer Kriegsschiffe als bisher getroffen.
Wichtig vor allem ist das wachsende Verständnis für die Führung der Flotten, die Taktik. In England erließ der Herzog von York 1665 eingehende Instruktionen über das Segeln und das Fechten im Flottenverbande, Verbesserungen der Instruktion von 1655, durch die besonders Aufrechterhaltung der Ordnung im Gefecht — enggeschlossene Kiellinie beim Winde — angestrebt wird. Im allgemeinen wird beabsichtigt, den eignen Angriff stets gleichzeitig auf die ganze Linie des Feindes zu richten, doch ist auch schon ein Fall vorgesehen, die feindliche Linie zu durchbrechen und an einer Stelle dann mit Übermacht aufzutreten.
Colomb, Seite 89–90, gibt wörtlich die Artikel dieser „instructions for the better ordering of the fleet in sailing and in fighting“, die sich auf die verschiedenen Gefechtslagen beim Zusammenstoß beziehen; sie folgen hier im Auszuge:
Ist die eigene Flotte zu Luward und der Feind erwartet den Angriff über denselben Bug liegend, soll die Flotte so an den Feind geführt werden, daß Schiff gegen Schiff steht. Liegt der Feind über den andern Bug, so soll die Flotte (außer Schußweite) bis etwa querab der feindlichen geführt, dann „zugleich“ gewendet und zum Gefecht herangegangen werden, so daß also wieder Schiff gegen Schiff steht. In beiden Fällen soll während des Kampfes die Luvstellung gehalten werden; zu diesem Zwecke müssen etwaige Manöver des Feindes — Wenden im Kontremarsch,[156] Wenden zugleich oder Wenden einzelner Geschwader — in derselben Weise ausgeführt werden.
Steht der Feind zu Luward und greift an, so soll er in guter, enggeschlossener Linie erwartet werden. Greift die eigene Flotte von Lee aus an, was ja bei besseren Segeleigenschaften oder infolge leichter Windänderungen möglich ist, so soll die Vorhut versuchen, die[261] feindliche Linie zu durchbrechen und dann die abgeschnittenen hinteren Schiffe des Feindes von Luward aus angreifen; Mitte und Nachhut sollen das Manöver durch Dublieren der abgeschnittenen Schiffe von Lee her unterstützen, dabei aber die Bewegungen der vorderen Schiffe des Feindes im Auge behalten.
Hervorzuheben ist, daß in der neuen englischen Instruktion im Gefecht stets von der ganzen Flotte die Rede ist, während in der alten von dem Verhalten der Geschwader gesprochen wurde. Es ist ferner bemerkenswert, daß den Schiffen befohlen wird, „Linie“ mit ihrem Geschwaderchef zu halten, falls ein Geschwaderchef ausgefallen ist, mit dem Oberbefehlshaber oder mit dem vorn segelnden Flaggoffizier.
Auch in Holland ist der Fortschritt in der Taktik zu bemerken. Gleich nach der unglücklichen Schlacht 1665 wurden auch hier Bestimmungen über das Segeln in der Flotte, besonders bei Annäherung an den Feind, erlassen.[157]
Vor der genannten Schlacht war die Flotte in 7 Geschwader geteilt, ein jedes mit 3 Flaggoffizieren; der Grund soll die Anwesenheit so vieler Admirale gewesen sein. Es ist wohl möglich, da man Unzufriedenheit bei ihnen vermeiden wollte, sollte es aber nicht auch eine Folge der älteren Gruppentaktik sein? Tromp der Ältere teilte auch in so viele Abteilungen, und damals lag der andere Grund nicht vor. Nach der Schlacht teilte man die Flotten nun stets wie in England in 3 Geschwader (selten 4) und diese wieder bei großer Schiffszahl in 3 Divisionen. Jetzt befanden sich bei jedem Geschwader viele Flaggoffiziere und zwar bis zu je 2 Leutnantadmiralen, Vize- und Kontreadmiralen. Ruyter vervollständigte diese Instruktionen, sie enthielten in der Hauptsache aber eigentlich nur Bestimmungen, die auf die Ordnung beim Marsch und beim Eintritt ins Gefecht hinzielten.
Im „Leben Ruyters“, Seite 305, 315, 361 und auch „Vie de Tromp“, findet man genaue Vorschriften über die Positionen der Geschwader und Divisionen in der Flotte, auch auf dem Marsche strenge innezuhalten; Befehle an die Geschwaderchefs, den Brandern und Fregatten ihre Posten für das Gefecht genau anzuweisen; das strenge Verbot von Manövern oder Angriffen ohne Befehl, dagegen Signale, auf die die einzelnen Geschwader, oder das Ganze, anzugreifen hätten. Es wird ferner befohlen, daß jedes Geschwader täglich einige Fregatten zum Erkunden des Feindes auszusenden hätte; im Gefecht sollten diese Fahrzeuge so postiert werden, daß sie beschädigten oder bedrohten Schiffen Hilfe leisten und die Branderangriffe unterstützen könnten.
Es fehlten jedoch, wie es scheint, eigentliche Dispositionen für die verschiedenen Gefechtslagen. Der Chef will zwar die Teile seiner Flotte in der Hand behalten, die Angriffe scheinen jedoch noch immer vorzugsweise geschwaderweise und mit Einbrechen in den Feind gedacht zu sein. Es ist ferner auffallend, daß in den Instruktionen nie das Wort „Linie“ vorkommt. Die Einzelschiffe werden nur angewiesen, „sich bei ihrem Divisionschef zu halten, sich nicht gegenseitig in den Weg zu kommen oder im Feuer zu hindern.“ Ein Ausrichten auf den Flottenchef wie in England wird nicht erwähnt.[158]
In beiden Ländern führte der Fortschritt in der Taktik begreiflicherweise zur Vervollständigung des Signalsystems.
So hatten sich beide Marinen weiter zu stehenden im modernen Sinne entwickelt, besonders die holländische, die im ersten Kriege darin sehr zurückgestanden hatte. Beide Länder hatten auf das nachdrücklichste für den bevorstehenden Kampf gerüstet, nicht nur durch Aufstellen von Streitmitteln, sondern auch durch Füllen der Magazine usw., denn man war auf beiden Seiten noch sehr abhängig vom Auslande, besonders von Deutschland und Schweden. Daß Holland in vielem England noch nicht erreicht hatte, haben wir gesehen, und hierbei müssen wir noch einer Frage näher treten: der abwägenden Beurteilung des Personals.
In den Geschichtswerken beider Nationen wird behauptet, das eigene Personal sei im zweiten Kriege das in Seemannschaft überlegene gewesen; ich glaube, beide Teile haben in ihrem Sinne recht. Was die rein seemännische Ausbildung anbetrifft, so ist es wohl möglich, daß das holländische Personal überlegen war, daß Holland wenigstens über eine größere Zahl tüchtiger Seeleute — Vorgesetzte wie Mannschaften — verfügte; war doch sein Seehandel noch bei weitem größer. Zwar sagt ein englischer Schriftsteller dieser Zeit, der größere Teil der holländischen Kommandanten seien Söhne angesehener Leute, „Bürgermeistersöhne“ gewesen, die ihre Stellung nur aus politischen Rücksichten erhalten hätten, doch ist nach allen anderen Quellen im Gegenteil anzunehmen, daß die bei weitem größere Zahl aus dem Kauffahrteidienst herstammte und aus solchem eine reiche seemännische Erfahrung hatte; ebenso die übrige Besatzung. Aber diesem Ersatze, besonders den Kommandanten und Dienstgraden, mangelten noch die militärischen Haupttugenden: Subordination und militärische Treue im Beruf, Berufsbildung und Berufsstolz. Der Umstand, daß die niederländische Marine keine einheitliche, sondern ein loser Flottenbund war, daß die republikanischen Verhältnisse überhaupt nicht geeignet waren, diese Übelstände zu beseitigen und außerdem, wie erwähnt, zu Eifersüchteleien zwischen den Führern und den Kontingenten führten, alles dies lähmte das militärische Zusammenwirken. Von einer eigentlichen, Berufsbildung ist zu dieser Zeit in England zwar auch noch nicht die Rede. Hier aber war noch viel von der militärischen Zucht Cromwells erhalten geblieben, viele der höheren Führer, vor allem Monck, stammten noch aus der älteren Zeit; in dem monarchischen Lande entwickelte sich leichter unter den Offizieren der Kastengeist, der das militärische Element hob und die mangelnde Berufsbildung teilweise ersetzte; die Marine war endlich aus einem Guß. So war die englische Flotte militärisch-seemännisch die leistungsfähigere.
Wenn Holland vielleicht die besseren, wenigstens zahlreicheren, Seeleute, „Teerjacken“, hatte — soll doch der Herzog von York 1667 bei Ausführung eines schwierigen Manövers verschiedener holländischer Schiffe ausgerufen haben: „that never was or would have been undertaken by ourselves!“ —, so besaß England die besseren „Seeoffiziere“; ein Vorteil, der im Gefecht, besonders aber im Gefecht größerer Verbände, hervortrat. Was die holländische Marine im zweiten Kriege leistete, ist wohl in erster Linie dem Genie Ruyters zuzuschreiben; im dritten Kriege hatte sich manches zugunsten Hollands und zuungunsten Englands geändert. Wenn auch noch nicht in der Flotte selbst, so trat doch, wie wir sehen werden, an anderen Stellen ein für sie höchst nachteiliges Nachlassen der alten Pflichttreue und Ordnung in England schon während dieses Krieges ein.
Frankreich tritt zwar in diesem Kriege als Verbündeter Hollands auf. Da jedoch seine Flotte erst im dritten Kriege an den Kämpfen teilnimmt, so soll über die Entwicklung und den Stand der französischen Marine erst im nächsten Kapitel gesprochen werden. Um jedoch zu zeigen, von welchem Werte eine wirkliche Unterstützung für Holland gewesen sein würde, ist vor dem Jahre 1666 die Stärke des für den Krieg scheinbar bestimmten Geschwaders angegeben.
Die Schlacht bei Lowestoft, 18. Juni 1665. Nach der Kriegserklärung begannen die Operationen der Flotten nicht sogleich. Es war Winter und demzufolge der größere Teil der Schiffe außer Dienst gestellt; beide Nationen wetteiferten aber in der Ausrüstung aller zur Verfügung stehenden Fahrzeuge, um im Frühjahr gleich zu großen Schlägen bereit zu sein. Wie es in England schon vor der Kriegserklärung geschehen war, so gaben jetzt auch die Holländer Kaperbriefe aus, und bald erschienen ihre Freibeuter im Kanal und in der Nordsee; besonders in Seeland regte sich das alte Wassergeusenblut, es bildeten sich Gesellschaften zu diesem Zweck, deren eine allein 25 Segel stellte, Schiffe von 20–36 Kanonen.
Erst im Mai rührten sich die Kriegsflotten, deren genaue Zusammensetzung schon genannt ist (Seite 258); insgesamt betrugen die Stärken unter dem Lordhighadmiral Herzog von York und Leutnantadmiral Wassenaer:
England: 80 Schlachtschiffe über 30 Kanonen, 29 kleinere, 21 Brander, mit 21000 Mann und 4192 Geschützen.
Holland: 97 Schlachtschiffe und Fregatten über 30 Kanonen, 13 kleinere Segel, 12 Ruderfahrzeuge — mit 21631 Mann und 4869 Geschützen.
Die englische Flotte war in 3 Geschwader geteilt: Vorhut Admiral Prinz Ruprecht, Mitte Herzog von York mit Admiral Sir William Penn als captain of the fleet, Nachhut Admiral Montagu, Earl of Sandwich; hierzu traten die 3 Vizeadmirale, unter ihnen Lawson beim Zentrum, und die 3 Kontreadmirale der Geschwader.
Die holländische Flotte war in 7 Geschwader geteilt, geführt von: Wassenaer, den Leutnantadmiralen Johann Evertsen (Seeland), Cortenaer (Maas), Stellingwerff (Friesland) und den Vizeadmiralen Tromp, Cornelis Evertsen jun., Schram; hierzu traten weitere 10 Flaggoffiziere und 4 als solche diensttuende als Vize- und Kontreadmirale der Geschwader. (Die Leutnantadmirale Ruyter (Amsterdam) und Meppel (Norderquartier) waren zurzeit zusammen abwesend auf dem Zuge nach Afrika und Westindien.) — Es wehten mithin in der ersten Schlacht 9 englische und 21 holländische Admiralsflaggen.