Die Kriegführung der Holländer zeigt sich in einem ganz anderen Lichte; sie ist weit tatkräftiger und dabei planmäßig während des ganzen Krieges. Durch alle Verhältnisse zur Defensive gezwungen, verlieren doch die Leiter — de Witt und Ruyter; Oranien und Ruyter — nicht aus dem Auge, welche Vorteile zuvorkommende Offensivstöße haben können.

Im Jahre 1672 wird versucht, die Ausrüstung der Engländer in ihren Häfen zu stören oder sie wenigstens vor ihrer Vereinigung mit den Franzosen zu schlagen, später beabsichtigt man, ähnlich wie im letzten Kriege gegen die Themse vorzugehen; 1673 will man die Themse durch versenkte Schiffe sperren. Alle diese, strategisch so richtigen Pläne konnten leider nicht durchgeführt werden, da die Flotte nicht rechtzeitig fertig wurde; auch den größten Bemühungen der leitenden Personen war es nicht gelungen, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich infolge des Mangels an Zentralisation in der Marineverwaltung und des Streites der Parteien im Lande einer schnelleren Ausrüstung entgegenstellten.

Ein glücklicher Schlag 1672 gegen die englische Flotte in ihren Gewässern vor Ankunft der Franzosen würde wahrscheinlich den Verlauf des ganzen Krieges wesentlich beeinflußt haben, wenn man nach seiner späteren Geschichte urteilen darf: England wäre wohl frühzeitig zum Frieden geneigt gewesen; Frankreich hätte dann allein zur See kaum etwas unternommen, wie wir es nach 1674 sehen werden; Holland hätte alle Mittel für den Landkrieg frei, die Küsten und damit seine Lebenskraftquelle offen gehabt.

Aber der Wachsamkeit, der Umsicht und der Tatkraft Ruyters gelingt es doch, im Jahre 1672 den Feind bei Solebay zu überraschen und dadurch Holland zur Zeit der höchsten Not von der Gefahr einer Landung zu befreien.

Nach den Offensivstößen führt dann in beiden Jahren Ruyter meisterhaft eine offensive Küstenverteidigung durch. Den Feind scharf beobachtend, liegt er an seiner Küste auf Wassertiefen, in denen dieser ihn nicht anzugreifen wagt; er läßt sich nicht herauslocken, bricht aber hervor, sobald die Umstände günstig sind. Im Jahre 1672 genügt seine Anwesenheit, den Feind von ernsten Unternehmungen gegen die Küste abzuhalten, obgleich Holland genötigt war, seine Flotte zu vermindern, um Mannschaften und Kriegsmaterial für den Landkrieg freizumachen. Frühzeitig gehen die Verbündeten in englische Häfen zurück und Ruyter gelingt es, einen Convoi Ostindienfahrer aus der Nordsee heimzuholen. Im Jahre 1673 vertreibt er, rechtzeitig von seinem Stützpunkte aus vorbrechend, durch die Schlachten bei Schooneveld den Feind von den Küsten; er folgt aber nie weiter, als sein Plan, die flacheren Gewässer taktisch und strategisch auszunutzen, erlaubt.

Daß er diesen Plan für den einzig richtigen hielt, zeigt sich auch sonst bei verschiedenen Gelegenheiten: Nur auf Drängen de Witts unternimmt er 1672 noch nach der Vereinigung der feindlichen Flotten den Vorstoß in die Themse; er setzt dabei aber nicht die ganze Flotte, sondern nur ein kleines Geschwader unter Ghent ein. Ebenso fanden auch die Vorschläge — November 1672 und Ende Juni 1673; wahrscheinlich von Befehlshabern der Armee ausgegangen —, gegen einen französischen Hafen zu operieren, nicht seine Zustimmung.

Stets geht Ruyters Bestreben dahin, die Flotte zum unmittelbaren Schutz der Küste unversehrt zu halten. Selbst als im Juli 1673 die Gefahr einer Landung sehr ernst wird — eine „Armee“ steht in England bereit — will er nur schlagen, wenn diese wirklich ausgeführt werden sollte; sein schlagfertiges Bereitliegen läßt Zeit gewinnen, die Küsten in Verteidigungszustand zu setzen. Erst als es sich gleichzeitig darum handelt, die Küste für das Einlaufen des großen Convois — wichtig für die Weiterführung des Krieges — freizumachen, ist er bereit, die Flotte einzusetzen. Er führt diese nun mit größter Vorsicht heran, benutzt meisterhaft die taktischen Vorteile, die ihm seine Stellung unter der Küste bietet, und vertreibt durch die Schlacht bei Texel den Feind endgültig von der See.

Einen weiteren Fortschritt in der Kriegführung der Holländer, der wesentlich zur erfolgreichen Durchführung ihrer Strategie beitrug, zeigt der vervollkommnete Aufklärungsdienst (übrigens auch von den Engländern mehr als bisher gepflegt). Durch Agenten und Erkundungen ist man über den Stand der feindlichen Rüstungen unterrichtet; während des ganzen Krieges, besonders auch gleich nach jeder Schlacht, sind Aufklärungsschiffe oder kleinere Geschwader am Feinde, um seine Bewegungen zu beobachten. Die Holländer waren so vor Überraschungen sicher, konnten selbst überraschend auftreten (Schooneveld II; Solebay) und waren imstande, Demonstrationen an der feindlichen Küste zu unternehmen, wenn der Gegner die See geräumt hatte. Diese Beunruhigungen sowie der Beschluß zur Ausrüstung einer sehr starken Flotte für 1674, obgleich schon Friedensunterhandlungen mit England schwebten, zeigen auch die energischere Kriegführung des schwächeren Hollands und haben zur Beschleunigung des Friedensschlusses beigetragen.

Auch im kleinen Kriege war Holland im Vorteil. Sein Handel war in Gewässern, in denen er gefährdet war, eingestellt; seine Kaper machten reiche Beute. Daß in beiden Jahren die wertvollen Ostindienconvois nach siegreichen Schlachten glücklich einkamen, ist ein lehrreicher Beitrag zur Beurteilung des Kreuzerkrieges (vgl. Seite 305).

Eine Zusammenstellung der Hauptereignisse möge vorstehende Betrachtungen belegen und nochmals veranschaulichen, in welcher ruhmreichen und wirkungsvollen Weise die holländische Marine unter schwierigen Verhältnissen in den Krieg eingegriffen hat:

Frühjahr 1672 Krieg mit Frankreich und England unvermeidlich, dennoch nur die Indienststellung von 40 Schiffen beschlossen. 23. März greifen die Engländer den Smyrnaconvoi an; nun Ausrüstung von 96 Schiffen angeordnet, aber die Ausführung, außer in der Provinz Holland, saumselig; 7. April Kriegserklärung.

15. Mai Ruyter an der englischen Küste; zurück, da die feindlichen Flotten schon vereinigt; 23. Mai Ruyter vor der Themse; nach Ghents Vorstoß, auf Wunsch de Witts unternommen, zurück. 29.–31. Mai vergebliche Versuche der Verbündeten, die holländische Flotte von ihren Küsten abzuziehen.

7. Juni überrascht Ruyter (75 Schiffe) den Feind (87 Schiffe) bei Solebay und geht unverfolgt zurück: hierdurch die Gefahr einer Landung in Holland zur Zeit der höchsten Not abgewehrt. Die Flotte, auf 59 Segel herabgesetzt, wird an der Küste gehalten; die Verbündeten, 13.–20. Juli in Sicht, wagen keine Landung, werden durch Sturm zerstreut und räumen für dieses Jahr die See. Ruyter holt den Indienconvoi ein; Kaper in Tätigkeit.

Zu Lande im Juli die Deiche durchstochen, um die Provinz Holland zu halten. Brandenburg und Österreich schreiten ein und die Niederlande erhalten Luft; Luxembourgs Einfall im Dezember schlägt fehl.

1673 Brandenburg und Österreich treten zurück, die Niederlande aufs neue arg bedrängt; wiederum droht eine Landung. 10. Mai versucht Ruyter, die Themse zu sperren; durch Prinz Ruperts Tatkraft vereitelt. 29. Mai verbündete Flotten vereinigt, haben Truppen an Bord und weitere stehen bereit; sie erscheinen 1. Juli an der holländischen Küste (91 Schiffe). Am 7. Juli ihr Angriff mit Brandern bei Schooneveld (erste Schlacht) durch Ruyter (64 Schiffe) abgeschlagen; 14. Juni greift Ruyter überraschend an (zweite Schlacht), die Verbündeten laufen in die Themse ein.

3.–13. Juli Ruyter vor der Themse, dann in seiner Defensivstellung. Die Verbündeten erscheinen Ende Juli: Truppen an Bord, eine „Armee“ zur Überführung bereit; sie versuchen am 31. August und 1. September vergeblich, die holländische Flotte in den Kanal zu ziehen und bedrohen dann die Küsten (90 Schiffe). Ruyter (75 Schiffe) geht zum Angriff vor, um dem Indienconvoi die Einfahrt frei zu machen. 21. August sein Sieg bei Texel: Verbündete zur Themse, Franzosen bald nach Brest; sie geben den Landungsplan endgültig auf. Ruyter zu Demonstrationen in See, der Convoi läuft glücklich ein.

19. Februar 1674 Frieden mit England.

Holland ist zur See frei und kann mit Spanien und Österreich zur Offensive übergehen; der weitere Landkrieg wird außerhalb der Niederlande geführt.

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Fußnoten:

[174] „Krängen“ bedeutet, ein Schiff auf die Seite legen, um den Schiffsboden zu reinigen oder auszubessern.

[175] Die Angaben für 1672 entnommen aus de Jonge, Teil II, Beilage II und IV; die kleineren englischen Schiffe sind aus diesen Angaben nach Schätzung gruppiert. Beilagen V–VII geben die Flotten für die späteren Schlachten 1672–1674.

[176] Quellen: Chab.-Arnault, besonders Colberts Wirken; de Jonge, Teil II, Schiffsbestände, Seite 290 ff.; Mahan, Teil I, über Offizierkorps, siehe dort Sachregister „Marine“; Troude, Teil I, und sonst im „Quellenverzeichnis“ die französischen.

[177] Die beiden Vizeadmirale — der des Ponant (Atlantische Küsten) und der der Levante (Mittelmeer) — waren Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte in ihren Gewässern; sie führten auch die großen Flotten dort. Doch war dies nicht immer der Fall; wie in England waren die „Funktionen in den Flotten“ durchaus nicht an die Dienstgrade gebunden. Generalleutnants führten oft als „Admiral“ die Flotte, meist als „Vizeadmiral“ die Vorhut, aber auch als „Kontreadmiral“ die Nachhut. Die Chefs d'Escadre — wohl dem jetzigen Dienstgrade des Kontreadmirals entsprechend — nahmen in den Flotten oft die Geschäfte des Kontreadmirals wahr, meist die Stellungen der Divisionschefs.

[178] Jal: „du Quesne“, Teil II, Seite 64 bringt die Schiffsnamen dieses Kontingents mit Kanonenzahl und Namen der Kommandanten der Schiffe; Seite 98 für das Jahr 1673.

[179] Näheres darüber. De Jonge, Teil II; Clowes, Teil II: minor operations 1660–1714.

[180] Quellen wie Seite 246 angeführt. — Bonfils, Teil I, genaue Angaben über die Flotte usw. der Kreta-Expedition.

[181] Hauptquellen wie Seite 263. Hierzu Jal: „du Quesne“; Bonfils.

[182] Ein Schiff ist auf Legerwall, wenn es durch die Nähe der Küste in Lee in seinen Bewegungen behindert, bei Sturm sehr gefährdet ist.

[183] Über d'Estrées und du Quesne finden sich Angaben gelegentlich der Schlachten von Texel und Stromboli, Seite 349, 367.

[184] Hauptquellen für die nachstehende Schilderung: „Leben Ruyters“; de Jonge, Teil II; Jal: „du Quesne“; Bonfils, Teil I; Mahan, Teil I; Clowes, Teil II.

[185] Mahan, Teil I, Seite 142, verweist auf einen gleichartigen Versuch der Spanier bei St. Vincent 1797, der verhängnisvoll wurde.

[186] Weitere lesenswerte Schilderungen im „Leben Ruyters“.

[187] Die Bewegungen Ruyters von nun an und auch schon früher in seiner Defensivstellung fast tageweise im „Leben Ruyters“.

[188] Nach Jal: „du Quesne“, Teil II, Seite 91, nur ein Vorwand.

[189] Nach de Jonge, Teil II, Beilage V, übereinstimmend mit anderen Quellen.

[190] Einteilung nach „Leben Ruyters“ und „Vie de Tromp“. In ersterem auch die Instruktion Ruyters über die Segelordnung bei verschiedener Lage zum Feinde: in Luv oder Lee, über St. B. oder B. B. Bug. — De Jonge und (danach?) englische Quellen geben Tromp die Vorhut; nach genannter Order war dies aber nur in gewissen Lagen der Fall, wie denn stets der Leutnantadmiral von Seeland, also hier Bankers, den rechten Flügel oder die eigentliche Vorhut führte.

[191] Nach de Jonge, Teil II, Beilage V, und Clowes, Teil II, Seite 310. Genaue Angaben über England sind nicht vorhanden; die französischen Schiffe mit Namen, Kommandanten und Kanonen in Jal: „du Quesne“, Teil II, Seite 48, dort auch die „Namen“ der englischen Schiffe.

[192] Angaben über Prinz Rupert Seite 264.

[193] Die Ankerkette so weit einwinden, daß der Anker nur eben noch hält.

[194] Die beste ältere Beschreibung im „Leben Ruyters“, die beste neuere bei de Jonge, Teil II.

[195] Schilderung nach Vergleich von: „Leben Ruyters“; de Jonge, Teil I; Clowes, Teil II; Jal: „du Quesne“.

[196] Nach holländischen Angaben betrug in beiden Schlachten der Verlust der Engländer 3000 Tote und Verwundete, bei den Holländern kaum die Hälfte, bei den Franzosen (französische Angabe) 500 Mann.

[197] Nach de Jonge, Teil II, Beilage VII.

[198] Die schriftlichen und mündlichen Verhandlungen, Erlasse und Ansprachen an die Flotte sowie die Bewegungen dieser bis zur Schlacht genau im „Leben Ruyters“.

[199] Schilderung nach Vergleich der Quellen Seite 339; besonders Jal: „du Quesne“, hinzu tritt Mahan, Teil I.

[200] Sehr genau in Jal: „du Quesne“, Teil II, Seite 115.

[201] Jurien de la Gravière sagt in einem seiner Werke: in den holländisch-englischen Kriegen werden die stehenden Marinen geboren; Colomb führt aus, daß erst in diesen Kriegen eine Kriegführung um die Beherrschung der See auftritt. In unseren Betrachtungen über die Entwicklung der Seestreitkräfte und in den Schlußbetrachtungen zu den ersten beiden Kriegen haben wir gesehen, wie zutreffend diese Aussprüche sind; der dritte und letzte englisch-holländische Krieg zeigt gleichfalls große Fortschritte im Seekriegswesen.

[202] Anschließend an Seite 231 und Seite 300. Plan des Kriegsschauplatzes Seite 301. — Colomb bespricht (Kapitel IV) den Krieg nach folgender Disposition: die Erfahrung hat gelehrt, daß der größere Handel von einer dem Gegner nur gleichen Flotte nicht geschützt werden kann; Holland verbietet wieder den Handel, bis eine größere Stärke erreicht ist. Der unmittelbare Kampf um die Seeherrschaft wird bei Solebay wieder aufgenommen. Es ist unnütz, Landungen vorzubereiten, ehe die feindliche Flotte vertrieben ist; das Einschiffen von Truppen seitens der Verbündeten war nutzlos.


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Siebentes Kapitel.
Nebenkriege 1674–1688.

Der französisch-holländische Krieg 1674–1678. Der schwedisch-dänische Krieg 1675–1679. Kämpfe gegen die Barbaresken. Die Franzosen vor Genua 1684.

Nach dem Frieden von Westminster setzte Holland mit Spanien und Österreich verbündet den Kampf mit Frankreich fort. Durch die Parteinahme anderer Mächte — das Reich, Brandenburg, Schweden, Dänemark — wird der Krieg fast zu einem europäischen und bringt uns, wenn auch die Kriegführung zur See nicht mehr die Rolle wie bisher spielt, zwei wichtige Nebenkriege.

Der weitere Verlauf dieses Krieges — der zweite Eroberungskrieg Ludwigs XIV. 1672–1678 —, von uns bis Ende 1673 (zuletzt Seite 351) verfolgt, sei hier zusammengefaßt. Zunächst schloß sich (1674) der Große Kurfürst wieder dem Kaiser an, als Österreich wirklich Ernst machte, und auch das Reich erklärte den Krieg, nachdem Ludwig XIV. das Bistum Trier überfallen hatte; die Bischöfe von Münster und Köln, vom Reiche und Österreich bedroht, schlossen Frieden mit Holland und traten zu den Gegnern Frankreichs.

Nun stellte Ludwig 4 Armeen auf: die erste unter Condé gegen Holland und die spanischen Niederlande; die zweite unter Turenne gegen Österreich und Brandenburg am Oberrhein; mit der dritten bemächtigte er selbst sich der Franche-Comté; die vierte unter Schomberg schützte die Provinz Roussillon gegen Spanien. Auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen wurde mit wechselndem Glück gefochten. Im allgemeinen lag der Erfolg auf seiten Frankreichs — jetzt schon unter schrecklicher Verwüstung der deutschen Lande —, besonders als der Große Kurfürst (1675) durch den Einfall der Schweden gezwungen wurde, vom Rhein nach der Mark zurückzukehren (Fehrbellin).

Schweden hatte sich mit Frankreich verbündet, in der Hoffnung, so den verlorenen Einfluß in Deutschland wieder zu gewinnen; nun aber trat Dänemark auf die Seite Brandenburgs, um womöglich seine an Schweden verlorenen Provinzen (Seite 240) zurückzuerhalten. Der Krieg zwischen Schweden und Dänemark — dieses durch eine holländische Flotte unterstützt — wurde auch wesentlich zur See ausgefochten.

Wenn nun auch Dänemark und Brandenburg Erfolge Schweden gegenüber erzielten (Eroberung Pommerns; Einfall in Schonen; Niederbruch der schwedischen Flotte), so blieben doch Österreich und das Reich am Rhein im Nachteil, Oranien konnte nur[363] eben Holland verteidigen und Spanien war zu schwach, Frankreich ernstlich anzugreifen oder selbst nur seine Niederlande zu schützen. Spanien mußte gleichzeitig gegen einen Aufstand in Sicilien kämpfen, der von Frankreich durch die Flotte und Landtruppen unterstützt wurde, hier traten holländische Seestreitkräfte für Spanien ein; dem Kaiser hatte Ludwig einen neuen Feind in den Türken geschaffen, die in Ungarn angriffen. Schließlich kam hinzu, daß der Kaiser eifersüchtig und argwöhnisch auf den Erfolg Brandenburgs sah. Anstatt im engsten Bunde mit ihm ganz Deutschland in den Kampf zu rufen, um Franzosen, Schweden und Türken zurückzuschlagen, schloß er den Frieden von Nymwegen (1678). Holland trat diesem bei, da ihm Frankreich günstige Bedingungen stellte; es war durch den langen Krieg erschöpft. Ludwig XIV. war ebenfalls zum Frieden geneigt; auch sein Land hatte schwer gelitten, und seit Anfang 1678 drohte England, sich zu den Gegnern zu gesellen. Karl II. hatte auf Drängen des Parlaments ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis mit Holland schließen und seine Regimenter vom französischen Heere zurückziehen müssen; er rüstete nun sogar gegen Frankreich. Die englische Nation sah, neben anderen Eifersuchtsgründen, daß die französische Marine der eigenen überlegen geworden war. Ludwig fürchtete nun zwar die Engländer zu Lande nicht, aber zur See fühlte er sich doch den vereinigten Seemächten nicht gewachsen. Er räumte deshalb Sicilien, verdoppelte aber seine Angriffe gegen die spanischen Niederlande. Bisher hatte er diese wegen der englischen Empfindlichkeit in Hinsicht auf die belgische Küste geschont; jetzt brauchte er hierauf keine Rücksicht mehr zu nehmen und bedrohte nun Holland dort, wo es ihn am meisten fürchtete; auch dies bestärkte Hollands Neigung zum Frieden.

Der Frieden von Nymwegen (11. August 1678) bezeichnet die Höhe von Ludwigs Macht. Die Hauptzeche mußten Spanien und das Reich zahlen. Spanien verlor die Franche-Comté und weitere zwölf Städte seiner Niederlande; der Kaiser gab die elsässischen Reichsstädte (Straßburg ausgenommen) auf und trat Freiburg ab, welcher strategische Punkt sofort durch Vauban stark befestigt wurde, ebenso blieb Lothringen tatsächlich in Frankreichs Hand. Auch Brandenburg und Dänemark büßten in dem von Ludwig diktierten Frieden (St. Germain und Fontainebleau 1679) mit Schweden die Früchte ihrer Erfolge wieder ein. Holland verlor nur einige unwichtigere Kolonien, aber auf dem Festlande nichts; daß jedoch dieser weitere Krieg nach 1674 ihm mittelbar großen Schaden brachte, werden wir später sehen. Ludwig XIV. nutzte nun noch in den nächsten Jahren die Schwäche des Reiches und Spaniens aus, indem er — auf Grund der Rechtssprüche der berüchtigten Reunionskammern — seinen Besitz im Elsaß, der Pfalz und den spanischen Niederlanden erweiterte und befestigte, er nahm sogar mitten im Frieden Straßburg weg.

Der französisch-holländische (-spanische) Krieg 1674–1678.

Nach dem Rücktritte Englands zog Frankreich seine Flotte vom Ozean zurück; Ludwig hielt sie mit Recht noch nicht für leistungsfähig genug, allein den Holländern gegenüberzutreten, und er faßte den Entschluß, diesen die Herrschaft im Kanal und Atlantik zu überlassen. Hier wurde nur ein geringer Teil der Seestreitkräfte zur Unterstützung der Verteidigung wichtiger Küstenplätze bestimmt, die Hauptmacht zog man im Mittelmeer zusammen, um den Landkrieg gegen Spanien zu unterstützen. Auch während der folgenden Kriegsjahre stellten die Häfen am Atlantik weiter Verstärkungen für das Mittelmeer, sonst nur kleinere Geschwader für Westindien. Holland verminderte seine Rüstungen zur See, als man sich jetzt dort nicht mehr unmittelbar bedroht sah. Wie wir wissen, war vor dem Frieden mit England beschlossen, für 1674 eine besonders starke Flotte — 84 Linienschiffe — in Dienst zu stellen; dieser Etat wurde im April auf 54 Linienschiffe, 12 Fregatten und 18 Brander herabgesetzt. Die dadurch gemachten Ersparnisse sollten verwendet werden, 10 Regimenter (10700 Mann) zur Einschiffung für Expeditionen aufzustellen.

Nach de Jonge, Teil II, Beilage IX, sind tatsächlich ausgelaufen: 3 Schiffe zu 80 Kanonen; 6 zu 70; 14 zu 60–70; 26 zu 40–56, 10 Fregatten zu 28–36 Kanonen; 15 Brander; 12 Bombenfahrzeuge und 66 kleinere Fahrzeuge, Jachten und Transporter. Frieslands Kontingent fehlte wieder wegen Geldmangels, auch waren in der Eile nur 6000–7000 Soldaten zu beschaffen.

Man beabsichtigte nämlich, gleichzeitig unter Ruyter — mit oder ohne die hierzu zugesagte Unterstützung Spaniens —, Frankreich in seinen aufblühenden Besitzungen Westindiens und seinem zunehmenden Handel dort anzugreifen und unter Tromp gegen die französischen Küsten vorzugehen, sich hier festzusetzen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diese Pläne wurden sorgsam geheim gehalten; sie kamen aber dennoch zur Kenntnis Ludwigs, da dieser für Spione und Verräter nie Geld sparte. Die Gesamtflotte sammelte sich schon nach vier Wochen in den Wielingen, ging am 24. Mai in See und ankerte am 8. Juni vor Torbay. Hier nahm Ruyter die Teilung für die beiden Expeditionen vor und trat dann selbst mit dem kleineren Teile schon an dem gleichen Tage die Reise nach Westindien an. Da diese Expedition mit anderen Ereignissen in den Kolonien zusammen besprochen werden soll, wenden wir uns zuerst Tromp zu.

Tromp an der französischen Küste und im Mittelmeer[203] 1674. Tromps Flotte setzte sich zusammen aus: 36 Linienschiffen und Fregatten (es traten später noch einige hinzu), 9 Brandern, 12 Mörserbooten (hier für Holland zum ersten Male erwähnt), zahlreichen kleinen Segeln und Transportern; unter ihm kommandierten 3 Leutnant-, 3 Vize-, 3 Kontreadmirale; die Vorhut führte Leutnantadmiral Bankers, die Nachhut Leutnantadmiral van Nes; 3000–4000 Soldaten unter dem Artilleriegeneral Graf van Hoorn waren eingeschifft. Die Franzosen hatten für den Atlantik nur 14 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der Vizeadmiral des Atlantik d'Estrées führte den Oberbefehl, er befand sich in Brest, die Schiffe lagen aber getrennt in Brest, La Rochelle und Rochefort; sie haben sich auch nicht vereinigt, sie hatten eben den Befehl, im Verein mit den Landstreitkräften die Küste ihres Bezirkes zu verteidigen; später wurden sie zu Angriffen auf den holländischen Handel verwendet.

Tromp verließ erst am 18. Juni Torbay; 10 Tage hatte er auf Transporter warten müssen, die Feldgeschütze und Kriegsmaterial brachten; ein übler Vorgang für überraschendes Auftreten. Der Admiral hielt deshalb auch Brest für in zu guten Verteidigungszustand gesetzt, um etwas gegen die Stadt oder auch nur gegen die im Hafen liegenden Schiffe zu unternehmen. So erschien er am 23. vor der Insel Belle-Isle; es wurde auf Vorschlag Hoorns hier eine Landung beschlossen und, durch steife östliche Winde verzögert, am 27. ins Werk gesetzt. Unter dem Feuer von 4 Fregatten gegen einige Schanzen, die der Feind am günstigsten Landungsplatze aufgeworfen hatte, wurde gelandet, der Gegner aus den Befestigungen vertrieben und auf ein festes Schloß zurückgeworfen. Dieses aber war gut armiert (200 Kanonen?), hoch und so gelegen, daß die Schiffe es nicht unter Feuer nehmen konnten, sowie durch reguläre Truppen nebst dem Aufgebot von Adel- und Bauernmiliz der Küste stark besetzt. Die Stellung erwies sich als zu fest; die Holländer schifften sich nach zwei Tagen wieder ein, nachdem sie die ganze Insel durchstreift und viel Vieh für die Flotte weggetrieben hatten.

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Cornelis Tromp.

Am 30. Juni ging Tromp wieder unter Segel, um die Küste zu beunruhigen und einen geeigneteren Landungsplatz zu suchen. Als solcher wurde Noiremoutiers ausersehen, eine Insel vor dem Loir, nur durch einen bei Ebbe trockenfallenden Meeresarm vom Festlande getrennt. Auch hier wurde die Landung trotz mancherlei Schwierigkeiten — Schanzen am Strande; ein Teil der Boote verfehlte den durch Bankers ausgesuchten Landungsplatz und traf auf beschwerlichen steinigen Grund, Gewehre und Munition wurden dabei naß — und tapferer Gegenwehr ausgeführt; die schwache feindliche Streitmacht räumte das Kastell (nur 17 Kanonen) und die Insel. Die Holländer schufen sich hier eine Stellung, fest genug, um einem Angriff vom Festlande her zu widerstehen; Abteilungen der Flotte erkundeten und beunruhigten von hier aus die Küste, sie brachten auch manche Kauffahrer und Fischer auf. Das war aber auch alles. Französischerseits war hier gleichfalls überall die Bevölkerung unter Führung ihrer Edelleute zu den Waffen gerufen und die Küstenplätze hatte man in guten Verteidigungszustand gesetzt; die Holländer waren weder an Seestreitkräften noch an Truppen stark genug, um etwas gegen die Seestädte zu unternehmen oder um von Noiremoutiers aus den Krieg nach dem Festlande hinüberzutragen. Nach drei Wochen (am 26. Juli) gab man den gewonnenen Stützpunkt als unnütz wieder auf und die Flotte segelte nach St. Sebastian (Spanien).

Hier wurden Tromp und Hoorn von der spanischen Regierung aufgefordert, ins Mittelmeer zu gehen, um den Krieg in den Grenzprovinzen durch Vertreibung der französischen Seestreitkräfte zu unterstützen. Im Mittelmeer standen im August etwa 18 spanische Kriegsschiffe und 22 Galeren — vermutlich nicht in bester Verfassung — 22 Linienschiffen, 24 Galeren und 8 Brandern Frankreichs gegenüber; die französische Flotte war nicht nur dem Landkriege schon von wesentlichem Nutzen gewesen, sie bedrohte auch die spanischen Silberflotten und den Handel Hollands. Da nun die Instruktion den holländischen Führern die Erlaubnis gab, mit ihrer ganzen Flotte oder einem Teile ins Mittelmeer zu gehen, „falls es sehr vorteilhaft erschiene“, so faßten sie einen dementsprechenden Entschluß. Ein Geschwader von 15 Kriegsschiffen, 3 Brandern und 35 anderen Segeln wurde unter van Nes im Atlantik belassen, um weiter den französischen Handel zu schädigen und die Küsten zu beunruhigen; auch die Mörserboote ließ man zurück, sie hielten die Flotte auf und waren nur für etwaige größere Bombardements mitgenommen. Tromp segelte mit 24 Kriegsschiffen, 5 Brandern und 14 der bessern anderen Fahrzeuge, auf denen sich der größere Teil der Landungstruppen befand, am 9. August über Cadiz nach Barcelona.

Van Nes blieb bis Anfang Oktober an der französischen Küste und ging dann heim; besondere Ereignisse fanden in dieser Zeit nicht statt.

Die Franzosen blockierten diese Stadt und hatten Werke zur Belagerung aufgeworfen; bei der Annäherung der Holländer wurden Blockade und Belagerung schleunigst aufgegeben. Tromp segelte weiter nach der Bay von Rosas. Hier hielten die Franzosen (jetzt scheinbar 28 Linienschiffe) die Hauptflotte der Spanier fest, die bestimmt war, 7000 Mann zur Unterdrückung des Aufstandes nach Sicilien überzuführen. Tromp hoffte hier, vereinigt mit den Spaniern dem in Madrid gemeinsam gefaßten Plane gemäß, zum Schlagen zu kommen (Ankunft 2. Oktober), aber auch diese Blockade war von den Franzosen aufgegeben; die Spanier hatten sofort Nutzen daraus gezogen und waren nach Sicilien abgegangen. Dieses Imstichlassen seitens der Spanier empörte Tromp und Hoorn; ihre Entrüstung wuchs, als die spanische Regierung nun das Ansinnen an sie stellte, mit ihrer Flotte nach Sicilien zu gehen und bei der Wiedernahme des empörten Messinas mitzuwirken.

Schon mit der Fahrt nach dem Mittelmeer überhaupt hatten die holländischen Chefs eine große Verantwortung übernommen, und tatsächlich wurde Tromp später von der Admiralität Amsterdam — da der Zug nur so wenig Erfolg gehabt — wegen der dadurch veranlaßten längeren Indienststellung der Schiffe zur Verantwortung (pekuniären) gezogen; Oranien glich die Sache aus.

Trotzdem erklärten sie sich bereit, 1500 Mann zum Entsatz der belagerten Stadt Rosas zu landen und einige Schiffe zu ihrer späteren Rückbeförderung zurückzulassen. Die Flotte selbst ging nach Holland und traf dort am 3. Dezember ein; die zurückgelassenen Schiffe folgten bald, da die Franzosen gleich nach der Landung der Truppen die Belagerung der Stadt abgebrochen hatten.

Die Expedition Tromps hat also wenig Erfolg gehabt; Die französische Küste ist beunruhigt worden, aber nichts deutet darauf hin, daß hierdurch französische Truppen von den östlichen Kriegsschauplätzen abgezogen wurden; das verbündete Spanien ist aus einigen Verlegenheiten befreit; das wichtigste Ergebnis war vielleicht, daß man Europa zeigte, wie trotz des vorhergegangenen schweren Krieges die holländische Marine noch immer der französischen gegenüber überlegen auftreten konnte. Aber entsprach dieser Erfolg den Erwartungen, die man auf dies kostspielige Unternehmen gesetzt hatte? Anstatt wie man geplant und gehofft, einen wichtigen französischen Hafenplatz zu nehmen und zu halten oder doch die Schiffe und Anlagen dort zu zerstören, mußte man sich mit der zeitweisen Besetzung einiger unwichtiger Inseln begnügen. „Warum das eine und nicht das andere geschah, ist dunkel,“ sagt de Jonge. Als wahrscheinliche Gründe führt derselbe Autor an: „Infolge des längeren Winters“ — diesen Grund haben wir nun schon recht oft gehört — „war die Flotte zu spät fertig; trotz aller Geheimhaltung hatte Ludwig Kenntnis erhalten und konnte Gegenmaßregeln treffen; man hatte auf eine Erhebung in der Normandie und Bretagne gerechnet, die die eine oder die andere Stadt den Holländern ausliefern sollte — dies wurde rechtzeitig entdeckt und unterdrückt. Daran endlich, daß nicht wenigstens der französischen Seemacht im Mittelmeer ein schwerer Schlag zugefügt werden konnte, war das Verhalten der Spanier schuld.“ Alles dieses trifft wohl zu, man muß aber doch sagen, daß das Hauptunternehmen gegen die französische Küste mit weit stärkeren Mitteln hätte ins Werk gesetzt werden müssen; so hatte es mehr den Charakter der Brandschatzungseinfälle in Feindesland älterer Zeiten.

Der Krieg in den Kolonien (Ruyter vor Martinique 1674; Kampf um Guayana, Tabago und Westafrika 1676 und 77). Ruyter[204] war von Torbay gleich nach der Teilung der Flotte am 8. Juni 1674 in See gegangen, um keine Zeit zu verlieren. Im Frieden von Westminster hatte Holland Neu-Niederland (New York) an England abtreten müssen. Man betrachtete dies mit Recht als einen großen Verlust für die Ausbreitung des Handels und wünschte, durch Erweiterung der Kolonien in Westindien diesen Schaden wieder wett zu machen. Die Eroberung französischer Besitzungen dort, insbesondere Martiniques, schien dazu sehr geeignet; Ruyter selbst soll gerade auf diese Insel hingewiesen haben.

Das für Westindien bestimmte Geschwader bestand aus 18 Linienschiffen und Fregatten, 6 kleineren Segeln, 6 Brandern und 24 Transportern mit zusammen 1100 Kanonen, 4000 Matrosen, 3380 See- und Landsoldaten. Der Admiral beschleunigte seine Reise in jeder Beziehung; so sandte er einige der schnellsten Schiffe nach Teneriffa voraus, um dort alles zu schneller Proviant- und Wasserergänzung vorzubereiten, auch ließ er durch vier andere gute Segler langsame Fahrzeuge in Schlepp nehmen. In Teneriffa verweilte er nur einen Tag (25. Juni) und traf am 19. Juli vor Martinique ein. Es war einem vorausgesandten Schiffe gelungen, einige Einwohner beim Fischen abzufangen; von ihnen erfuhr man, daß seit etwa vier Wochen auf allen französischen Inseln Ankunft, Stärke und Absicht der Holländer bekannt sei; die Besatzungen seien überall verstärkt, die Schiffe (Kriegs- und Handelsfahrzeuge) unter den Schutz der Batterien gebracht. Man beschloß im Kriegsrat, Fort de France als den wichtigsten der drei Häfen der Insel anzugreifen. Sein Besitz war nötig, wenn man die Insel dauernd halten wollte, seine Eroberung vom Lande her, falls man zuerst einen andern Platz genommen, schwierig; hier lagen ferner die wertvolleren Schiffe und hier waren am leichtesten Wasser und Brennholz für die Flotte zu erhalten, endlich wußte man, daß die Befestigungen dieses Punktes noch nicht ganz fertig waren. Am 20. schritt man zur Landung und hatte anfangs Erfolg.

Ruyter hatte geplant, in den Hafen einzulaufen, doch zeigte sich die Einfahrt für schwere Schiffe zu seicht, durch zwei versenkte Fahrzeuge teilweise gesperrt und durch das Fort (20 Kanonen) sowie durch ein Kriegs- und ein armiertes Kauffahrteischiff zu gut geschützt. Man mußte deshalb in einer benachbarten Bucht, die aber auch durch das Fort und die genannten Schiffe bestrichen werden konnte, landen und das Fort vom Lande her angreifen. Nach einem schon auf der Reise ausgearbeiteten Plane wurde unter dem deckenden Feuer der Schiffe mit allen Booten in breiter Formation eine Brigade von 1000 Soldaten an Land geworfen; es kostete schwere Verluste — der Feind war 5 Kompagnien stark, der Strand war steil, schlüpfrig und schmal — aber es gelang, den Feind in den Busch zu treiben, festen Fuß zu fassen und das Landen zweier gleichstarker Abteilungen zu decken. Verstärkungen von Matrosen wurden sofort nachgesandt und der Feind auch aus dem mit Verhauen gesperrten Busch vertrieben. Die Stellung des Gegners beim Fort war jedoch stark, begünstigt durch eine mit Infanterie besetzte Anhöhe; mehrere Stürme wurden abgeschlagen, eine Umgehung, um das Fort in der Kehle anzugreifen, wurde durch das Feuer der feindlichen Schiffe vereitelt. In den Kämpfen fielen der Chef des Landungskorps, zwei Brigadeführer und mehrere andere höhere Offiziere oder wurden verwundet: ein Teil der Truppen ging fluchtartig nach den Booten zurück. Französische Berichte sagen, viele Holländer hätten sich in Wein- und Branntweinmagazinen am Strande betrunken.

Infolge großer Verluste aber, besonders an höheren Dienstgraden der Soldaten, hielt Ruyter am Abend die Eroberung des Forts für unmöglich, ja sogar das Landungskorps für gefährdet; er befahl deshalb die Wiedereinschiffung, die dann während der Nacht in voller Ordnung vor sich ging.

Nach diesem mißlungenen Versuch segelte der Admiral nach Domingo, um Wasser aufzufüllen. Die Überzeugung, daß auch die andern Inseln zu gut vorbereitet wären, das Vorhandensein der vielen Verwundeten an Bord, der Mangel an Führern für das Landungskorps und endlich das Herannahen der Orkanzeit bestimmten ihn, nach Holland zurückzukehren; er ließ 5 Schiffe in den westindischen Gewässern. Seine Reise nach Holland (Ankunft 30. September) wurde durch Stillen und Stürme verzögert; die Rationen mußten herabgesetzt werden und die Flotte litt sehr unter Ruhr und Skorbut.

Das Mißlingen dieser Expedition wird wiederum der zu späten Seebereitschaft der Schiffe und dem Umstande zugeschrieben, daß der Feind rechtzeitig Kenntnis erhielt. Dies braucht nicht allein eine Folge von Verrat gewesen zu sein, die Ausrüstung der Flotte konnte kein Geheimnis bleiben. Daß sich die Franzosen nicht nur auf einen Vorstoß gegen ihre Küsten, sondern auch gegen ihre auswärtigen Besitzungen gefaßt machten, ist nicht wunderbar, hatte doch gerade Ruyter im Jahre 1664 einen ähnlichen Zug erfolgreich gegen englische Kolonien unternommen und die alten Expeditionen der Engländer sowie eigene der Art gegen Spanien und Portugal, seitdem die Kolonien eine Rolle spielten, waren wohl unvergessen. Wäre es aber für Holland nicht richtiger gewesen, seine Kräfte 1674 nicht zu zersplittern, die Expedition Ruyters stärker zu machen oder die ganze Flotte gegen die französische Küste oder noch besser gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Mittelmeer zu verwenden? Wir kommen darauf zurück.

Das Mißlingen der Unternehmung gegen Martinique im besonderen wird dem Mangel an Kenntnis der Örtlichkeit zugeschrieben. Ein französischer Edelmann, der auf der Insel gewohnt hatte, soll den Zug begleitet haben, um Rat zu geben. Dieser äußerte sich später, man habe nicht auf ihn gehört und einen sehr ungünstigen Landungsplatz gewählt.

Die Pläne, Frankreich in Westindien zu schädigen[205] und die eigene Macht dort zu erweitern, wurden keineswegs aufgegeben; die Provinzen von Holland, besonders Amsterdam, legten großen Wert darauf. 1676 gründete eine von Amsterdam ausgerüstete Expedition in Guyana am Cyapoco eine Niederlassung (Oranje), doch wurde diese bereits nach 9 Monaten eine Beute der Franzosen in Cayenne. In demselben Jahre wurde aber noch ein zweites Unternehmen gegen französische Besitzungen ins Werk gesetzt. Unter Jacob Binckes eroberte ein Geschwader von 3 Linienschiffen, 3 Fregatten und 3 Jachten — ausgerüstet unter dem Vorwande, den Handel im Mittelmeer zu schützen — nebst einem Transporter mit 700 Soldaten das Fort Cayenne (Mai 1676); diese Kolonie wurde mit 200 Soldaten besetzt. Auch die Insel Marie Galante wurde genommen, man brandschatzte sie aber nur und führte alle brauchbaren Sachen, sogar die Sklaven hinweg, um sie zur Besiedlung von Tabago zu verwenden. Ein Anschlag auf Guadeloupe mißlang infolge Herankommens einiger starker Linienschiffe von Martinique — 1675 war ein kleines Geschwader unter de Grancey von La Rochelle nach den Antillen gesandt —, mit denen man ein scharfes Gefecht zu bestehen hatte. Endlich brandschatzte Binckes noch St. Martin und nahm einige bewaffnete Kauffahrer an der Nordküste von Domingo. Dann führte er seine Hauptaufgabe aus, die Inbesitznahme Tabagos. Hier hatte schon 1655 eine aufblühende holländische Kolonie bestanden, sie war aber, im vorletzten Kriege verschiedentlich den Herrn wechselnd, verwüstet und fast ganz wieder verlassen. Binckes brachte nun holländische Pflanzer anderer Inseln dorthin, landete seine Truppen und setzte die alten Befestigungen wieder instand; es sollte auch sofort der Kampf um die Insel beginnen.

Ludwig XIV. sandte schon im Oktober 1676 ein Geschwader aus, um Cayenne zurückzuerobern, Tabago zu nehmen und auch sonst Beute zu machen. Admiral d'Estrées, eifersüchtig auf die von du Quesne im Mittelmeer errungenen Lorbeeren, hatte den Anstoß dazu gegeben und selbst einen Teil der Kosten beigetragen; er führte den Oberbefehl. Ende Dezember nahm er leicht Cayenne und Oranje, er erschien dann am 20. Februar 1677 vor Tabago. Binckes hatte seine Ankunft in Westindien erfahren, war aber zu schwach, ihm auf See entgegenzutreten. D'Estrées' Geschwader bestand aus 7 Linienschiffen, 3 Fregatten, 3 Jachten und 1 Brander, auch waren die französischen Linienschiffe weit mächtiger, alle Schiffe weit stärker bemannt und auf ihnen 450 Soldaten sowie 400 Freiwillige von den französischen Inseln eingeschifft. Als eins der ersten Beispiele derartiger Kämpfe um Kolonien, von dem genauere Angaben vorliegen, sei etwas näher auf diese Aktion eingegangen; sie wird außerdem in der Geschichte der holländischen Marine mit Recht als eine hervorragende Waffentat angesehen.

Binckes hatte wegen Mangels an Material und wegen der vorhergegangenen Regenzeit das Fort noch nicht völlig herstellen können. Die Lage war aber günstig, an Busch und Morast gelehnt; zur Bestreichung der Bucht war noch eine behelfsmäßige Batterie vor dem Fort gebaut. Da die Besatzung ungenügend erschien — die Zahl der Soldaten war durch Abgabe der Cayenne-Garnison sowie durch Verluste und Kranke sehr vermindert —, verstärkte der Admiral sie von den Schiffen. Er hielt die Stellung am Lande für die wichtigere; die Schiffe konnten die Insel nicht halten und waren mit dem Verlust der Befestigungen selbst verloren. Dementsprechend erwartete er auch den Hauptangriff am Lande, um so mehr da für einen Angriff das Segeln auf die Rhede zwar leicht, das Wiederabsegeln aber sehr schwer, oft nur vermittels Warpen[206] möglich war. Binckes übernahm selbst auch das Kommando am Lande. Die Schiffe waren im Grunde der Bucht in Linie verankert: eng geschlossen, mit den Breitseiten nach See zu vermoort, die Flügel der Linie an den Strand und an eine Bank mit Klippen gelehnt.

Am 21. landete d'Estrées etwa 1000 Mann, stellte Geschütze auf einem Hügel auf und beschoß, allerdings ohne großen Erfolg, Fort und Schanze; das Geschwader blockierte die Bucht und lotete das Fahrwasser aus. Nach Ansicht Binckes' würden die Franzosen Erfolg gehabt haben, wenn sie den Hauptwert auf die Eroberung des Forts gelegt, dazu das Landungskorps durch Ausschiffen nach Möglichkeit verstärkt und die holländischen Schiffe nur beschäftigt hätten. So aber ordnete d'Estrées, wieder seemännischem Rate unzugänglich, für den 3. März einen gleichzeitigen Angriff zu Lande und zu Wasser an. Der Angriff wurde mit großem Mute durchgeführt, erreichte aber den Zweck nicht. Am Lande können die Franzosen kaum die nötige Übermacht gehabt haben, um eine feste Stellung zu nehmen. Außerdem griffen sie — gegen den Befehl — zu früh und an einer anstatt an mehreren Stellen an. Ein dreimaliger Sturm wurde mit großen Verlusten (200 Tote, viele Verwundete), darunter der Führer und fast alle Offiziere, abgeschlagen. Das Landungskorps mußte sich während der Nacht zurückziehen und wurde später in einer benachbarten Bucht wieder eingeschifft.

Die französischen Schiffe segelten in zwei Kolonnen auf die Rhede und legten sich längsseit der Holländer, teilweise Bord an Bord. In einem hartnäckigen Kampfe verbrannten sämtliche holländischen Schiffe bis auf 2 Linienschiffe und 1 Fregatte, die sich aber entmastet und leck auf den Strand setzen mußten. Jedoch auch auf französischer Seite flog das Flaggschiff mit seinem Gegner zugleich auf, ein zweites Linienschiff verbrannte, zwei andere und der Brander gerieten auf Strand, die übrigen wurden schwer beschädigt, 3 Kommandanten fielen. Gegen Abend zog d'Estrées die Schiffe aus dem Feuerbereich der Befestigungen; zwei größere Linienschiffe wurden noch 2 Tage durch den Gegenwind in Tragweite der feindlichen Geschütze zurückgehalten und wechselten Schüsse mit diesen. Auch dieser Angriff war mit Bravour ausgeführt, aber es wird darüber geklagt, daß die Offiziere die brennenden Schiffe zuerst verlassen hätten. In den nächsten Tagen zerstörten die Holländer die französischen Schanzen und nahmen die gestrandeten und verlassenen Schiffe in Besitz; ein Versuch d'Estrées', diese Fahrzeuge und den Rest der holländischen durch einen neuhergerichteten Brander zu zerstören, mißlang (11. März); er verließ Tabago.