Der germanische Kulturkreis umfaßt die Völkerstämme im Süden der Ost- und Nordsee bis etwa nach den Alpen zu, also, ganz allgemein gesagt, die Bewohner Skandinaviens, Englands, Hollands, teilweise auch Nordfrankreichs, ferner Deutschlands (einschließlich der deutschen Ostseeprovinzen), Deutsch-Österreichs und der deutschen Schweiz. Die Sitten und Gebräuche aller dieser Länder ähneln sich im großen und ganzen, sie hängen zu einem wesentlichen Teile mit altgermanischen heidnischen Anschauungen (Abb. 253 bis 256) zusammen. — Der Quellenkultus sowie die Verehrung vorgeschichtlicher Denkmäler sind unter anderem solche Überreste (Abb. 258 bis 260 und 265). — Leider ist viel von dem Ursprünglichen bereits abgebröckelt, aber es steht zu hoffen, daß die letzten Reste (Abb. 252), die oft genug auch an geschichtliche Ereignisse anknüpfen, erhalten und weiter gepflegt werden dank den Bestrebungen der Vereine und Persönlichkeiten, denen die Erhaltung deutscher Art und Sitte am Herzen liegt. Zunächst gilt dies für die teilweise recht malerischen Volkstrachten (Abb. 261 bis 264 und 266 bis 271), an denen die germanischen Stämme besonders reich sind. Belohnungen sind verschiedentlich ausgesetzt worden für diejenigen, die sich befleißigen, die alte, kleidsame Tracht ihrer Vorfahren wieder zu Ehren zu bringen, anstatt sie in den Truhen vermodern zu lassen. Verschiedentlich sind aus besonderen Anlässen die alten Gewänder der Großeltern wieder hervorgeholt worden und in festlichen Aufzügen von neuem zu Ehren gekommen. Volkstümliche Feste (Abb. 272 bis 275, 277 und 278) bieten dazu die beste Gelegenheit. In engem Zusammenhang mit den Volkstrachten stehen die Volkstänze (Abb. 276, 279 bis 284 und 286), die man ebenfalls der Vergangenheit vielfach entrissen und zu neuem Leben hat erstehen lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch altertümlicher Musikwerkzeuge (Abb. 285 und 289) und mit den Volksspielen (Abb. 290). Ebenso hat man verschiedentlich die volkstümliche Hauskunst und Heimindustrie (Abb. 287) wieder neu belebt. Die alten anheimelnden Haustypen (Abb. 288) sind leider nicht mehr zu ersetzen, jedoch besteht neuerdings auch hier das Bestreben, die neu entstehenden Häuser dem althergebrachten Dorfbild nach Möglichkeit anzupassen. Es steht zu hoffen, daß auf diese Weise noch manche althergebrachte schöne Sitte ihre Wiederauferstehung feiern werde.
Die Namen unserer Wochentage, um mit diesen zu beginnen, sind heidnischen Ursprungs. Der Sonntag war der Sonne gewidmet und galt beim Volke als glückbringend. Wer an ihm geboren wurde, ein sogenanntes Sonntagskind, ist mit dem zweiten Gesicht begabt, das heißt er besitzt die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und Geister zu schauen; seine Handlungen sind stets von günstigem Erfolge begleitet. Im Gegensatz dazu steht der Montag, der Tag des Mondes, vielfach im Rufe eines Unglückstags. Daher wechseln im Hannöverschen und in Schleswig-Holstein die Dienstmädchen an ihm niemals ihre Stelle; wer am Montag etwas unternimmt, wird immer Pech haben. Dem Dienstag, dem Tage des Gottes Tiu oder Tyr (englisch Tuesday, in Schwaben auch Zieseldi genannt), kommt keine besondere Bedeutung zu. Der Mittwoch, der ursprünglich dem Gotte Wodan heilig war (daher noch die englische Bezeichnung Wednesday und die westfälische Gauns- oder Godensdag), wurde im Mittelalter in den Tag der Jungfrau Maria umgewandelt und zu einem Fasttag gemacht. Der Donnerstag verrät wieder recht deutlich seine heidnische Herkunft von Thor oder Donar (englisch daher Thursday, skandinavisch Thorsdag), dem höchsten Gotte der altgermanischen Götterwelt. Mit ihm sind noch verschiedene abergläubische Vorstellungen im Volke verknüpft; solche Überreste des alten Thorkultus erblicken wir noch heutigestags in dem vielfach in Norddeutschland am Donnerstag üblichen Erbsengericht, denn die Erbse war eine dem Thor geheiligte Pflanze. Desgleichen geht der Name Freitag auf eine germanische Gottheit, Freia oder Frigga, die Gemahlin des Wodan, zurück. Auch dieser Tag gilt vielfach in den Augen des Volkes für einen Unglückstag, an dem nichts Neues unternommen, zum Beispiel keine Reise angetreten oder mit dem Schiff in See gestochen werden darf. Anderseits wieder werden gerade am Freitag in Dänemark mit Vorliebe Hochzeiten abgehalten, was damit zusammenhängt, daß bei den alten Römern dieser Tag der Venus, der Göttin der Liebe (daher im Französischen Vendredi, entstanden aus Veneris dies), geweiht war. Die katholische Kirche hat den Freitag zum Fasttag gestempelt. Der Sonnabend endlich, das heißt der Vorabend des Sonntags, soll seinen zweiten Namen Samstag von dem lateinischen Saturni dies erhalten haben; indessen wird diese Ableitung mit Recht angezweifelt. Die skandinavische Bezeichnung Löwerdag und Lördag wird mit dem alten nordischen Laugadagr in Verbindung gebracht und soll Badetag bedeuten, weil am Schlusse der Woche allgemein gebadet wurde, wie es übrigens noch heutigestags Familiensitte in Deutschland ist.
Ebenso wie die Namen der Wochentage gehen auch unsere kirchlichen und weltlichen Feste auf die religiösen Anschauungen unserer Altvordern zurück, und zwar in erster Linie auf ihren Sonnenkultus. Die Sonne spendet der Erde Licht und Wärme und damit die notwendigen Grundbedingungen für alles Leben. Daher feierten auch die alten Germanen, ebenso wie andere Völker des Altertums, den Zeitpunkt der Sonnenwende beziehungsweise des höchsten und tiefsten Standes der Sonne sowie der Tagundnachtgleiche und begingen dementsprechend das eine Fest um die Mitte des Sommers und des Winters, das andere im Frühling. Die altgermanische Vorstellung faßte den Wechsel der Jahreszeiten als einen Kampf des Lichtes mit der Finsternis auf; der Winter als böse Macht hat die Natur in Eis und Kälte erstarren lassen, also anscheinend die den Menschen gutgesinnte Macht, die Sonne, überwunden. Die Wintersonnenwende ist der Zeitpunkt, an dem es der Sonne nun gelingt, wiederum zu neuem Leben zu erwachen und mit der Dunkelheit des Winters den Kampf aufzunehmen. Zwölf Tage lang (die sogenannten Zwölften) währt derselbe, bis es sich deutlich an der zunehmenden Länge des Tages zeigt, daß die Sonne als Siegerin aus ihm hervorgehen wird. Daher sahen die alten Germanen den Tag der Wintersonnenwende mit Recht als den Anfang einer neuen Zeit an und begingen ihn festlich. Um den heidnischen Anschauungen sich anzupassen, verlegte die christliche Kirche auf diesen Tag der Wiedergeburt des Lichtes auch die Geburt des neuen Verkünders des Heils, des Messias. — Der endgültige Ausgang des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, der vollendete Sieg des Lichtes gab unseren Altvordern wiederum Gelegenheit zu einem Feste, der Feier der Frühlings-Tagundnachtgleiche. Dementsprechend wurde von der christlichen Kirche der Sieg Christi über den Tod auf den gleichen Zeitpunkt verlegt und zum Osterfest gemacht. — Der Augenblick, an dem die Natur ihre Höhe erlangt und ihre größte Pracht entfaltet, ist der Mittsommertag, an dem auch die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat. Er war für unsere heidnischen Vorfahren ebenfalls Gegenstand ausgelassener Freude. Die christliche Religion setzte diesen Tag der Erfüllung der Verheißung, der Ausgießung des heiligen Geistes über die Menschheit, gleich und verlegte in ungefähr dieselbe Zeit (allerdings einige Wochen früher) das letzte ihrer drei großen Hauptfeste, Pfingsten. Wir sehen also auf der einen Seite, der heidnischen, das Ringen zwischen Licht und Finsternis, auf der anderen, der christlichen, den Kampf zwischen Sünde und Erlösung, beidemal Anfang, Wachsen und Vollendung.
Das Weihnachtsfest hängt, wie wir soeben sahen, eng mit dem Kultus der Sonne und der Lichtgottheit zusammen. Die christlichen Lehrer verlegten bereits um die Mitte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung auf den 25. Dezember, also den Zeitpunkt der heidnischen Feier der Wintersonnenwende, die Geburt des Heilandes. Im siebenten bis achten Jahrhundert fand diese Feier in Deutschland Aufnahme, wo man von jeher schon das Julfest beging. Wie der altheidnische Glaube es mit sich brachte, spähte man um diese Jahreszeit von hohen Bergen nach dem Wiederaufkommen der Sonne aus und begrüßte die Nachricht von ihrem Erscheinen mit größtem Jubel und festlichen Gelagen.
Das Hauptstück der ältesten christlichen Weihnachtsfeier machte die Weihnachtskrippe aus, eine Art Dramatisierung der Ereignisse bei der Geburt des Jesusknäbleins und vielfach auch geradezu die dramatische Vorführung dieses Vorgangs. Der strahlende Weihnachtsbaum (Abb. 291) ist erst verhältnismäßig spät in Erscheinung getreten — man sagt, vor etwa drei Jahrhunderten — hat sich aber heutigestags so ziemlich die ganze Kulturwelt erobert. Wenigstens ist er zu einem unbedingten Erfordernis der deutschen Weihnachtsfeier geworden; vor allem dort, wo es Kinder gibt, ist eine Feier ohne Baum nicht denkbar. Wo Mangel an Tannen oder verwandten Bäumen bestand, wurde der Weihnachtsbaum früher vielfach durch eine hölzerne, gleichfalls mit Lichtern besteckte Pyramide (Abb. 292) ersetzt, eine Sitte, die sich in manchen Gegenden bis in die Gegenwart herein erhalten hat. Daß gerade die Tanne oder ein ihr verwandtes Nadelgewächs im Lichterglanz des Heiligen Abends erstrahlt, mag wohl damit zusammenhängen, daß dieser Baum in den Augen des Volkes das schlummernde Leben in der Natur versinnbildlicht, denn er behält trotz des nordischen Winters mitten im Schnee allein von allen Bäumen des Waldes sein frisches Grün. Unter den strahlenden Weihnachtsbaum kommen bekanntlich allerlei Geschenke zu liegen; in den skandinavischen Ländern und auch vielfach in Norddeutschland pflegt man diese in zahlreiche, oft genug scherzhafte Umhüllungen mit besonderen Aufschriften einwickeln und durch vermummte Personen mit dem Rufe „Julklapp“ zur Tür hineinwerfen zu lassen.
In England feiert man das Weihnachtsfest nicht nach deutscher Art als ein Familienfest mit Tannenbaum und Geschenken, sondern begibt sich aufs Land und begeht das Fest hier möglichst in freier Luft. Man widmet sich allem möglichen Sport. Der zweite Weihnachtsfeiertag heißt daher im besonderen der Boxing day. An ihm wandert die Bevölkerung von London nach Hampstead Heath und belustigt sich mit Wettlaufen, Eselreiten, Boxen und Werfen nach Kokosnüssen, die auf kurzen in den Boden eingerammten Pfählen reihenweise dastehen, frönt auch reichlichem Wirtshausbesuch und ist in jeder Weise lustig. Der Weihnachtsabend ist kein Feiertag wie bei uns. Früher waren an ihm noch mancherlei Gebräuche im Schwange, die an das altheidnische Fest erinnerten. In vergangenen Jahrhunderten pflegten die Leute auf den Landsitzen der Adligen einen mächtigen Kloben Buchenholz zur Halle hereinzuziehen, anzuzünden und in allerlei Vermummung um das Feuer zu tanzen, während die Herrschaft und ihre Gäste dem lustigen Treiben zuschauten, auch sich gelegentlich selbst an ihm beteiligten. Als letzter Überrest dieses alten Brauchs ist allein noch die Sitte übriggeblieben, am Abend vor Weihnachten anstatt der alltäglichen Steinkohle einen Kloben Buchenholz (den Julblock) in die Glut des Kamins zu schieben, um den sich die ganze Familie setzt. Dieser Klotz muß jetzt die Form eines Kreuzes als Erinnerung an das Kreuz Christi haben. Den ersten Weihnachtstag begeht man in lustiger Gesellschaft bei einem leckeren Mahle. An der Mitte der Zimmerdecke fehlt wohl in keiner englischen Familie der Mistelzweig, jene zierliche, mattgrüne, auf den Bäumen schmarotzende Pflanze mit ihren perlgrauen, runden Beeren. Wer unter ihm steht, der hat das altverbriefte Recht, jedes weibliche Wesen, das sich absichtlich oder zufällig an derselben Stelle einfindet, zu küssen. In der Kirche jedoch ist die heidnische Mistel verpönt; an ihre Stelle ist hier die Stechpalme mit ihren brennendroten Früchten, auch wohl der Efeu oder das Immergrün getreten.
Am Weihnachtsabend und ebenso am ersten Festtage sind wohl überall bestimmte Gerichte zu den Mahlzeiten üblich. Dem Gotte Donar war der Eber heilig, daher wurde dieses Tier bei den gemeinsamen Opfern der alten Germanen gelegentlich des Julfestes mit Vorliebe verspeist. Noch heutigestags ist Eberkopf oder Wildschweinkopf ein beliebtes Weihnachtsgericht, besonders in England. Mit diesem alten Aberglauben hängt auch eine in Oxford in studentischem Kreise noch immer am Heiligen Abend geübte Sitte zusammen, die Wildschweinprozession. Vor den versammelten Professoren und der Studentenschaft bewegt sich zum Saale herein ein Festzug, dessen Erscheinen fröhliche Fanfaren ankündigen. An seiner Spitze schreitet ein in Weiß gekleideter Sänger, ihm folgen zwei Personen mit einer großen Platte, auf der der mit Lorbeer und Rosmarin bekränzte, mit einer goldenen Krone geschmückte und zwischen den Hauern eine Zitrone haltende Kopf eines Ebers ruht. Eine Anzahl Studenten, gleichfalls in Weiß, beschließen den Zug. Der Sänger stimmt beim Eintritt in den Saal ein Lied an, das in humorvoller Weise die kulinarischen Eigenschaften des Wildschweinkopfes preist und dessen Kehrreim vom Chor mitgesungen wird. Unter Absingung noch anderer Weisen, in denen den Festgenossen Gesundheit und langes Leben gewünscht wird, begibt sich der Zug langsam zur Professorentafel und setzt die Platte vor den Rektor hin. Dieser zieht die Zitrone mit feierlicher Gebärde aus dem Maule des Tieres und bietet sie dem Sänger an. Darauf drängen sich alle Anwesenden an den Tisch, um ihren Anteil bei der Verteilung der Lorbeerblätter und des Rosmarins zu erhaschen, denn beide stehen in dem Rufe, Glück zu bringen. Ist alles aufgeteilt, dann begibt sich der Zug zu einem üppigen Mahl, bei dem Truthahn und Plumpudding nicht fehlen dürfen. Der Truthahn, desgleichen der Karpfen waren als Sinnbild der Fruchtbarkeit der germanischen Göttin Freia heilig; man brachte sie in der Vorzeit ihr zum Opfer dar. Daher sind beide ein beliebtes Weihnachtsessen, der Truthahn allerdings nur in England, dagegen der Karpfen auch in ganz Deutschland. In Skandinavien bevorzugt man den Lütgefisk, dessen traniger Geruch die Nase gewaltig belästigt, weswegen man ihn auch meistens in der Küche zu verspeisen pflegt. Unmittelbar hinter den Fischgerichten kommt als Weihnachtsbraten das Geflügel; in England ist es, wie wir hörten, der Truthahn, in wohlhabenden Kreisen auch der Schwan, in Deutschland wie auch in Dänemark die Gans, in anderen Gegenden der Fasan und das Perlhuhn. Unter den Beigaben zur Tafel spielen Grünkohl, Hirse und Mohn allenthalben eine große Rolle. Merkwürdigerweise besteht in einzelnen Gegenden für Weihnachten ein Verbot des Genusses von Erbsen. — Wir dürfen endlich bei der Erwähnung der Weihnachtspeisen nicht des Backwerks vergessen, das wohl in keinem deutschen Hause zu Weihnachten fehlt. Zusammensetzung, Form und Benennung dieses Weihnachtsgebäcks wechseln nach den Provinzen und selbst von Stadt zu Stadt; man spricht in Österreich und in Schlesien von Striezeln, in Sachsen von Christstollen, in Thorn von Kathrinchen, in Königsberg und Lübeck von Marzipan, in Mecklenburg und Holland von Heetwecken, in Aachen von Printen, in Nürnberg von Lebkuchen, in Basel von Leckerli, und so weiter.
Die zahlreichen Gebräuche, die sich an das Weihnachtsfest knüpfen, beginnen bereits vielfach mit dem Erscheinen des Nikolaus (vorzugsweise im südlichen Deutschland) und des Knecht Ruprecht (nördliches Deutschland), beide ein Schreckgespenst für unartige Kinder (Abb. 293). Den Sankt Nikolaus hat die christliche Legende zu einem Heiligen des dritten Jahrhunderts nach Christus gemacht, aber er ist nichts anderes als sein Genosse Ruprecht, gleich Hruodperaht, das heißt der von Ruhm Strotzende, womit wieder Wodan gemeint ist; beide haben somit ein und dieselbe Bedeutung. Sie erscheinen meistens bereits einige Wochen vor Weihnachten oder in einzelnen Gegenden am Heiligen Abend, und zwar entweder unbemerkt in der Nacht oder sichtbar gegen Abend. Im ersteren Fall stellen die Kinder ihre Schuhe oder auch Körbchen und Teller, in die sie Hafer oder Heu, in Belgien auch Rüben für das Pferd des Nikolaus legen — offenbar ist hiermit Sleipner, das Roß des Wodan, gemeint, auf dem er die Lüfte durchreitet — vor ihr Bett, in die Nähe des Schornsteins oder vor die Türe; die guten Kinder finden dann am anderen Morgen an Stelle dieser Gabe Äpfel, Nüsse und Zuckerwerk vor, während die bösen neben dem unberührt gebliebenen Futter noch eine Rute erblicken. Findet sich der Ruprecht in höchsteigener Person ein, dann hat er einen langen Bart, ist mit Pelz und hoher Mütze bekleidet und trägt auf dem Rücken einen Sack, in der Rechten eine Rute. Er fordert die erschreckten Kinder zum Beten auf und verteilt dann an die Kleinen Äpfel, Nüsse und Pfefferkuchen, die Unartigen aber züchtigt er mit der Rute oder droht ihnen wenigstens. In Österreich ist ein sehr beliebtes Geschenk für Kinder der Krampus (Abb. 294). In Pommern befinden sich in Begleitung des Weihnachtsmannes noch verschiedene Gestalten, die offenbar heidnischen Ursprungs sind, so der Schimmelreiter (eine Karikatur des auf seinem weißen Wolkenroß dahinjagenden Wodan), der Bärenführer mit dem Bären (Versinnbildlichung des Winters), der Ziegenbock (Erinnerung an Donar, den man sich mit einem Ziegengespann fahrend dachte) und der Storch (Sinnbild des Frühlingsgottes); alle diese Gestalten werden von verkleideten Burschen dargestellt, die ihre Kurzweil treiben, während der Ruprecht seiner Pflicht nachgeht. Nachdem dieser ein kleines Geldgeschenk erhalten hat, begibt er sich mit seinem Gefolge zum nächsten Haus.
Früher waren solche Umzüge (Abb. 295 und 296) sehr verbreitet, sie sind aber jetzt so ziemlich außer Gebrauch gekommen. Stets treten dabei phantastische oder mythische Gestalten in die Erscheinung, wie der soeben erwähnte Schimmelreiter und der Ziegen- oder Klapperbock in Pommern, Hans Trapp in Westfalen und noch andere Persönlichkeiten, die ihren Zusammenhang mit Wodan und seinen Begleitern bei der wilden Jagd erkennen lassen. In England begegnen wir den Überresten solcher Umzüge in den Carolussängern. In Kaltbrunn, Kanton St. Gallen, wird seit Jahrhunderten schon das „Klausnen“ geübt. Zwölf junge Burschen (Abb. 299), bekleidet mit weißem Hemd und Hosen, bestickten Hosenträgern und hellroter Krawatte, einem breiten Ledergurt, der eine große Kuhglocke trägt, und einer eigenartigen Kopfbedeckung, Inful genannt, deren oberer Teil zierliche Figuren in allen Farben durchsichtig erscheinen läßt, ziehen in der Stadt umher. Einer von ihnen, der Samichlaus, beschenkt die Kinder in den Häusern, die übrigen Kläuse erfreuen draußen die zahlreichen Zuschauer durch ihre reigenartigen Bewegungen, wobei die von innen erleuchteten Infuln und das vielstimmige Glockengeläute den Reiz noch erhöhen. Die Pausen füllen der „Dumme August“ und der Esel durch ihr übermütiges Treiben aus; eine weitere typische Figur ist der „Geißler“, der mit der dicken und langen Peitsche (Geißel) knallt (Abb. 300). Vor jeder Kirche verneigen sich die Kläuse, nachdem der Samichlaus drei Glockenschläge getan hat.
Die Christnacht gilt in den Augen des germanischen Landvolkes für hochheilig, und daher werden an diesem Abend, besonders um die mitternächtliche Stunde, allerlei abergläubische und mystische Handlungen vorgenommen. Besondere Sorgfalt läßt der Bauer seinem Vieh angedeihen. Er füttert es reichlicher als sonst und versieht es wohl auch mit besonderer Leckerspeise. In einzelnen Gegenden behauptet man, daß er dies aus dem Grunde tue, weil um Mitternacht der Teufel im Stalle erscheine und die Tiere ausfrage, ob sie mit ihrem Herrn und dem Gesinde zufrieden seien. Denn das Vieh besitzt nach dem Glauben des Volkes um die Weihnachtsmitternacht die Gabe zu reden, auch zu weissagen. Ebenso können Menschen unter Umständen um diese Stunde in die Zukunft schauen. Wenn ein Mädchen Schlag zwölf Uhr in einen Brunnen sieht, erblickt es darin das Bild seines Zukünftigen; desgleichen kann jemand erfahren, ob im kommenden Jahre eine Hochzeit oder ein Leichenbegängnis im Hause stattfinden wird, wenn er um Mitternacht mit verhülltem Kopfe aus der Haustür tritt, seine Hülle abwirft und nach dem Giebel sieht. In Belgien suchen junge Leute, die verlobt sind, auf eigentümliche Weise zu ergründen, ob ihre Ehe glücklich sein wird: sie werfen zwei Kastanien ins Feuer und achten darauf, ob sie gleichmäßig verbrennen oder nicht; trifft das erstere zu, dann wird die zukünftige Ehe gut ausschlagen; bersten die Kastanien aber oder springen sie aus der Glut, dann steht Unglück in ihr zu befürchten. In bestimmten Gegenden Deutschlands behauptet man, daß zur Geisterstunde der Heiligen Nacht sich die Berge öffnen und dem Mutigen ihre Schätze enthüllen, daß aber derjenige, der es unternimmt, sie zu heben, sich damit beeilen müsse.
In Skandinavien legt man große Bedeutung dem Julstroh bei. Die Mägde hängen am Abend, wenn sie das ganze Haus gereinigt und alles blitzblank gescheuert haben, mit Zierat versehene Strohkränze über dem Eßtisch auf und stecken kleine Bündelchen Roggenähren unter das Dach. Der Landmann legt Stroh in die Ställe, damit es Gänse und Hühner gegen Marder und Hexen schütze und die Kühe vor Krankheit und Fortlaufen bewahre, streut es ferner auf die Äcker, damit die Saat gedeihe, und windet es um die Obstbäume, damit sie reichlich Früchte tragen. Überhaupt ist der Bauer überall eifrig bemüht, auch den Bäumen seines Gartens und den Früchten des Feldes besondere Sorgfalt angedeihen zu lassen. So stellt er in Ungarn das auszusäende Korn unter den Tisch und deckt es mit Stroh oder Heu zu, weil er meint, daß in der Nacht das Jesuskindlein komme und ein wenig darauf ausruhe, was eine reichliche Ernte zur Folge habe. In anderen Gegenden begießt er die Obstbäume mit dem Wasser, in dem die Festspeisen geknetet wurden oder der Mohn angerührt wurde; in Alpach (Tirol) läßt er die Bäume von dem Mädchen, das den Teig zurechtmachte, mit den noch nassen Händen anfassen. Stellenweise begegnet man auch der Sitte, daß in die Rinde der Bäume Geldstücke gesteckt werden, damit sie reichlich tragen, oder, wie in Tirol, daß man die Bäume schlägt oder tüchtig schüttelt, oder, wie in Belgien, daß man sie am Weihnachtstage mit einem Beil anschlägt — alles dies, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern.
Die Furcht vor der Tätigkeit böser Geister und Hexen, die in der Weihnachtsnacht ihr Unwesen treiben sollen, spukt noch allenthalben im Volke. Man sucht sich ihrer auf die verschiedenste Weise zu erwehren. In Tirol schüttet man die Speiseabfälle ins Feuer, damit die Hexen kein Zaubermittel daraus anfertigen können, in Ungarn in den Brunnen. Außerdem stellt man aus ihnen mit Hilfe von Mehl ein Gebäck in Gestalt einer menschlichen Figur her und schiebt dieses mit den Worten „Esset, schöne Frau!“ in den Ofen, um die Hexe dadurch gut zu stimmen. Früher war zur Vertreibung der bösen Geister verschiedentlich auch das Weihnachtschießen üblich. In Schweden und ebenso in Schleswig-Holstein hat sich der Glaube an böse Spukgestalten zu einem bestimmten Hausgeist, dem Niß, verdichtet, den man zu Weihnachten recht gut behandeln zu müssen glaubt, damit er dem Haushalt Segen bringe. Um ihn gut zu stimmen, stellt man auch eine Gabe für ihn hin, nämlich Stücke des Weihnachtsgebäcks, vor allem aber einen Topf mit Buchweizengrütze und Honig. — Auch seine und der Hausgenossen sowie des lieben Viehs Gesundheit kann man fördern, wenn man am Heiligen Abend diese oder jene Vorschriften beobachtet. In der Nahegegend darf die Frau den Flachs nicht zu Ende spinnen, sondern muß etwas stehen lassen, damit die Heilige Jungfrau es in der Nacht benutzen kann, um ihr Kindlein abzutrocknen. Dieser Flachs gilt dann für ein Heilmittel gegen allerlei Gebresten, sowohl bei Menschen wie bei Tieren. In der Mark Brandenburg und in Sachsen darf man während der Weihnachtszeit keine Hülsenfrüchte, im besonderen keine Erbsen, essen, sonst bekommt man Geschwüre und andere Krankheiten. In Tirol darf man im Garten kein Stück Wäsche zum Trocknen hängen lassen, weil man fürchtet, daß sonst das Vieh erkranke.
Die Weihnachtsgebräuche nehmen vielfach ihre Fortsetzung in den Zwölften oder Zwölfnächten, der Zeit zwischen Weihnachten und dem Tage der Drei Könige, während deren die Tage zwar fortlaufend, aber nur sehr langsam an Länge schon etwas zunehmen, also nach der heidnischen Anschauung unserer Vorfahren der Kampf zwischen Licht und Finsternis gleichsam noch unentschieden ist; erst mit dem Dreikönigstage werden sie sichtlich länger, und der Sieg des Lichtes tritt nun deutlich in die Erscheinung. Die Zwölften sind die unheimlichste Zeit im Jahre, während deren nach dem Volksglauben den Geistern und den in Unholde verwandelten Gottheiten der Vorzeit die Macht gelassen ist, ihren Spuk zu treiben. Besonders sind es zwei Persönlichkeiten: Wode (Wodan), der wilde Jäger, und seine Gattin, vom Volke Frau Holle, auch Frau Harke oder Fru Gode genannt, die beide an der Spitze eines wilden Heeres, letztere mit ihren Hunden, die die Seelen der ungetauften Kinder sein sollen, nachts durch die Lüfte brausen und dabei den Menschen, die ihnen begegnen, allerlei Schaden zufügen. Diesen heidnischen Gottheiten zu Ehren wurden in der Vorzeit während der Wintersonnenwende Umzüge veranstaltet, deren Überreste (Abb. 298) sich bis auf unsere Tage forterhalten haben. Allerdings haben wir sie bei uns nur noch in bescheidenem Umfange in Gestalt der Dreikönigsänger, die in den Dörfern von Haus zu Haus ziehen und „Sternlieder“ singen, die vorzugsweise die Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenlande zum Gegenstand haben. In der Hauptsache handelt es sich dabei um drei phantastisch ausgeputzte Männer, von denen zwei mit langen vergoldeten Spießen, der dritte mit einem Stern ausgestattet ist, weswegen man sie auch die Sternsänger nennt. Ferner begegnen wir solchen Umzügen am Dreikönigstag noch im Pinzgau und im Pongau in Österreich in den Berchtentänzen mit ihrem lustigen Treiben. Der Name stammt von der Göttin Berchta oder Perahta (das heißt der Glänzenden, Prächtigen), einer Bezeichnung für Wodans Gemahlin. Es beteiligen sich an diesen Umzügen viele Leute, alle in ebenso phantastischer wie eigenartiger Maskierung. Im Sarntal (Schweiz) ziehen die „Glöckelsinger“ mit dem sogenannten „Weibl“, einem als Strohpuppe verkleideten Manne, durch das Dorf und bitten unter Gesang um eine Gabe (Abb. 297). Nach dem jedesmaligen Vortrag wird das Weibl verprügelt. — In Skandinavien, England und Nordfrankreich finden die Weihnachtsgebräuche ihren Abschluß mit dem Bohnenfest am Dreikönigstage. Die Hausfrau bäckt zu diesem Zwecke einen Kuchen und mischt eine Bohne in den Teig hinein. Wenn die Gäste sich abends versammelt und um den Tisch Platz genommen haben, wird der Kuchen in so viel Stücke, als Teilnehmer vorhanden sind, zerschnitten, worauf eines der Kinder sich unter dem Tisch versteckt und der Reihe nach bestimmt, welches Stück jeder von dem Kuchen erhalten soll; das erste Stück wird dem „guten Gotte“ geweiht. Wem das Stück mit der Bohne zufällt, der wird König (Abb. 302) beziehungsweise Königin und wählt sich seinen Partner aus der Gesellschaft. Beide umgeben sich mit einer Art Hofstaat, dessen Mitglieder bestimmte ihnen zufallende Pflichten diesen Abend über erfüllen müssen. Sobald der König trinken will, ist die ganze Gesellschaft verpflichtet, das gleiche zu tun; wer sich weigert mitzumachen, muß ein Pfand an den Hofnarren zahlen. In England verteilt man jetzt die einzelnen Rollen des Hofstaates durch Lose, die in einigen Gegenden scherzhafte Verse enthalten. Diese Sitte hat in Holland und dem Marschlande die Form angenommen, daß die Bäcker ihre Waren am Dreikönigstage mit solchen, manchmal recht derben, Versen bekleben.
Der Umstand, daß in der heidnischen Vorzeit während der ganzen Dauer des Julfestes, also während der Zeit der Zwölf Nächte jegliche Arbeit ruhte, hat den Volksglauben entstehen lassen, daß man während dieser Zeit bestimmte Beschäftigungen, zum Beispiel Waschen, nicht vornehmen dürfe, weil dies sonst Unglück bringen würde.
In die Zeit der Zwölften fällt auch der Übergang des alten in das neue Jahr, Silvester. Die Zahl der Silvesterbräuche ist sehr groß; in der Hauptsache laufen sie darauf hinaus, beim Scheiden des alten Jahres Fragen an das Schicksal über die im neuen bevorstehenden Ereignisse zu stellen. Fromme Leute stechen mit einer Nadel oder einem Messer aufs Geratewohl in die Bibel oder ins Gesangbuch und schließen aus der dabei getroffenen Stelle auf Freud oder Leid, Glück oder Unglück im kommenden Jahre. Im lustigen Kreise ist das Bleigießen und Lebenslichter-Schwimmenlassen (Abb. 301) beliebt. Wer um Mitternacht über seinen Kopf hinweg rückwärts seine Schuhe wirft, kann aus der Lage derselben feststellen, ob er im nächsten Jahre am Orte bleibt oder fortkommt. Heiratslustige junge Mädchen suchen auf diese und noch auf andere Art zu erfahren, ob sie baldige Anwartschaft auf die Ehe haben, wer und was ihr Liebster sein wird und dergleichen. In der Gegend von Brünn in Mähren versteckt man am Silvesterabend, in Abwesenheit der sich daran Beteiligenden, verschiedene Gegenstände unter Töpfen; darauf wird jeder einzeln hereingerufen, um drei von den Töpfen aufzuheben. Deckt der das Orakel Befragende mehrere Male denselben Gegenstand, zum Beispiel Geld, unter dem Topfe auf, dann wird er das ganze Jahr lang solches besitzen; findet er wiederholt ein Stück Brot, dann wird er niemals an Nahrung Mangel leiden. Wer aber einen Kamm erwischt, dem wird es nicht gut ergehen.
In Belgien besteht in manchen Gegenden der Brauch, daß dasjenige Kind, das am Silvestermorgen als letztes in der Familie aus dem Bette steigt, mit dem Namen des heiligen Silvester angeredet wird und seine besten Spielsachen und Geschenke den Geschwistern überlassen muß. Auch Mädchen, die bis zum Jahresschluß eine Arbeit, mit der sie sich beschäftigen, nicht fertigbringen, setzen sich nach dem Volksglauben in manchen ländlichen Gegenden der Gefahr aus, wegen ihrer Unpünktlichkeit und Faulheit von Geistern verfolgt zu werden.
Das Umherziehen der Schuljugend im Dorfe, oft genug in spaßiger Vermummung, und das Absingen von Liedern unter Musikbegleitung, um sich damit ein kleines Geldgeschenk, Obst, Nüsse oder Zuckerwerk zu verdienen, ist verschiedentlich sowohl in Deutschland wie auch in Österreich und der Schweiz noch gang und gäbe, und zwar nicht nur am Silvester- beziehungsweise Neujahrstage, sondern auch während der ganzen Zeit der Zwölften. In Schleswig-Holstein bedient man sich zum Musikmachen des „Rummelpottes“, eines mit einer Tierblase überspannten Topfes, der wie eine Trommel geschlagen wird. Das Umherziehen und Lärmmachen ist sicherlich als ein Überrest des Vertreibens und Erschreckens der bösen Geister zu deuten, die, wie wir schon hörten, gerade in den zwölf Nächten nach Weihnachten ihr Unwesen treiben. Dahin gehört auch das Neujahrschießen und Neujahrwerfen, worunter man das Zertrümmern von alten Töpfen, Tellern und Scherben vor der Tür des Nachbars, auch das Werfen von Erbsen durch die Fenster versteht, eine über ganz Deutschland bis nach Holland hinein verbreitete Sitte. Vielleicht hängt mit dieser Anschauung auch der in den Dörfern Niederösterreichs verbreitete Brauch des Krönens eines Silvesterkönigs zusammen. Dem ungeschicktesten Knecht wird von einer Person aus dem Hausgesinde ein Strohkranz auf den Kopf gesetzt und ein Strohbüschel in die Hand gegeben, worauf er von den anderen mit einer aus Stroh geflochtenen Peitsche aus dem Hause gejagt wird. Draußen muß er so lange stehen bleiben, bis sich eine Magd, meistens die jüngste, seiner erbarmt und ihn zurückführt. Diejenige, die sich des Hinausgetriebenen erbarmt hat, ist im kommenden Jahre das Haupt des Gesindes und wird den ganzen Abend über beglückwünscht.
Wie an dem Heiligen Abend, so sind auch am Silvester bestimmte Gerichte für die Abendmahlzeit gleichsam vorgeschrieben. Hierunter sind in erster Linie Fische zu nennen, die man auf jeden Fall genießen muß, um im neuen Jahre von Unglück verschont zu bleiben. Besonders beliebt sind Karpfen, aber es müssen Rogner sein, damit man stets Geld im Beutel habe; auch ein paar Fischschuppen in der Börse bewirken dasselbe. Andere Silvesterspeisen sind Heringsalat, Hirsebrei, Linsen, Mohnklöße und die unter den verschiedensten Namen bekannten Gebäcke (Krapfen, Pfannkuchen, Kräppel, Pförtchen und so weiter), die beim Silvesterpunsch in fröhlicher Gemeinschaft verzehrt werden. Geselligkeit ist gerade an diesem Abend wohl überall in Deutschland Hauptbedingung. Meist treffen mehrere befreundete Familien bei einer derselben zusammen; wo solcher Anschluß fehlt, versammelt man sich in großen Wirtschaften und feiert gemeinsam den Abschied des alten und den Einzug des neuen Jahres mit Trinken, Singen und den schon angedeuteten Gebräuchen. Punkt zwölf Uhr in der Nacht beglückwünscht man sich, während in den kleineren Städten zur gleichen Zeit eine Musikkapelle vom Turm herab das neue Jahr begrüßt.
Das Neujahrsfest, das unter ähnlichen Veranstaltungen wie heutzutage schon von den ältesten Völkern gefeiert wurde, ist allenthalben Gegenstand der Freude und der Wünsche. Man besucht sich gegenseitig und spricht sich seine Glückwünsche aus oder tut dies auch schriftlich. Vielfach sind auch noch Neujahrsgeschenke üblich, die sich aber in Deutschland wohl zumeist auf Geldspenden der Herrschaft an Untergebene und Bedienstete oder kleinere Geschenke der Kaufleute an ihre Kunden beschränken. Diese kleinen Aufmerksamkeiten gehen auf die strenae der alten Römer zurück, deren Überreste sich außerhalb Deutschlands noch in wirklichen Neujahrsgeschenken unter Freunden und Familienangehörigen erhalten haben. In Holland zum Beispiel beschenkt man sich mit vergoldeten Kräuterkuchen oder kandierten Früchten, in England und Frankreich mit Orangen, früher jenseits des Kanales auch mit Handschuhen. — In Friesland findet am Neujahrsmorgen ein Wettlaufen mit Schlittschuhen auf dem Eise statt, in Schleswig-Holstein ein Wettschieben mit hölzernen, innen mit Blei beschwerten faustgroßen Kugeln (das sogenannte Eisbosseln), wobei nicht nur einzelne Gruppen von Menschen, sondern auch wohl ganze Dörfer gegeneinander kämpfen.
In der Schweiz feiert man in den ersten Tagen des neuen Jahres den Berchtelitag, der seinen Namen von der schon oben erwähnten Gattin Wodans erhalten hat. In Zürich ist diese Feier, die sich hier zu einem wirklichen Volksfest gestaltet, auf den 2. Januar verlegt worden. Die Kinder nehmen an verschiedenen Orten des Landes die sogenannten Neujahrstücke (Neujahrsblätter) in Empfang und erhalten Geldgeschenke, die den Namen „Stubenlitzen“ führen, da sie ursprünglich einen Beitrag für die Heizung der Zunftstuben bildeten. Andere durchziehen vermummt die Straßen und sprechen mit dem Rufe „Batz, Batz“ die Vorübergehenden um Gaben an. Die Erwachsenen veranstalten in der Stadt Zürich am Nachmittag Umzüge, und zwar bewegen sich dieselben zunftweise von den Zunfthäusern durch die Stadt, Reiter und Wagen mit Kostümgruppen an der Spitze. Gegen Abend versammeln sich alle auf einem freien Platze am See um einen Holzstoß, zu dem die sogenannte Bögg gebracht wird, eine groteske Figur aus weicher Baumwolle, mit irgendeinem Deckel auf dem Kopfe und einem umgestülpten Besen in der Hand; sie stellt die Verkörperung des Winters vor und wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt, damit der Frühling seine Herrschaft ungestört antreten könne. Schlag sechs Uhr ertönt die historische zweitgrößte Glocke vom Turm des Großmünsters — daher wird die ganze Feier auch Sechseläuten genannt — und unter Musik und allgemeinem Jubel schlagen die Flammen um den mit Petroleum übergossenen Holzstoß und die Bögg empor (Abb. 303). Ist alles niedergebrannt, dann kehren die Zünfte in ihre Häuser zurück und „bächten“ die ganze Nacht, worunter Essen, Trinken, Singen und derbe Scherze verstanden werden.