Westafrika, worunter ich die Küstengebiete vom Senegal südwärts bis zum Kongo verstanden wissen will, wird in der Hauptsache von den westlichen Sudannegern, in seinem südlichsten Abschnitte (Kamerun) auch von Bantustämmen eingenommen. Über diese Unterschichten haben sich in weiter Ausdehnung, aber ungleicher Dichte fremdländische, von Norden und Osten her eingewanderte Elemente gelagert, Hamiten und Araber, so daß stellenweise mannigfache Verschmelzungsprozesse entstanden sind. Diese Zuwanderer waren die Fulbe und die Haussa, von denen in dem Abschnitt Sudan ein wenig eingehender noch die Rede sein wird. Beide Völker haben in den vergangenen Jahrhunderten, die Fulbe im neunzehnten, die Haussa bereits im siebzehnten und achtzehnten, eine große politische Rolle gespielt und mächtige Staaten gegründet, die aber schon längst ihren Glanz eingebüßt haben.
Die wichtigste Gruppe der westlichen Sudanneger sind die Mandingo, eine nach Millionen zählende Menschenmasse, die sich vom Senegal in breiter Zone längs der ganzen Westküste und ihres Hinterlandes bis Togo hinzieht und durch das gemeinsame Band ihrer Sprache (Mandingo) miteinander verbunden wird. Im dreizehnten Jahrhundert bildeten die Mandingo ein mächtiges selbständiges Staatswesen. Zu ihnen zählen als wichtigste Stämme heutigestags die Soninke an der Küste Senegals, die Bambara am oberen Senegal und Niger, die Woluffen zwischen Senegal und Gambia, die Balante in Portugiesisch-Guinea, die Susu in der Rivière du Sud, die Mendi und Timni in Sierra Leone, die Wei und Kru in Liberia, die Aschanti und die Eingeborenen von Dahome, sowie die tschi- und ewesprechenden Stämme, die Yoruba und Timvölker (Tschaudjo, Bassari, Losso, Kaburi und so weiter) an der Gold- und Sklavenküste. Die letzteren rechnet man bereits zu den Guineanegern, zu denen in Kamerun noch die Bali, Bamum, Tikar, Wute, Dschamba, Musgu und Kanuri als die bedeutendsten Stämme hinzukommen würden. Unter diesem Himmelsstriche stoßen wir aber gleichzeitig noch auf die von Süden her zugewanderten Bantu, als deren wichtigste Stämme ich die Fang, Maka, Bakoko (mit den Duala) und Bakundu anführe. Schließlich wären noch Überreste der Zwergvölker (Bangielle) in Südkamerun zu erwähnen.
Der Typus (Abb. 2) der westafrikanischen Neger gleicht im allgemeinen dem der Sudan- und Bantuneger, wie wir ihn bereits geschildert haben, so daß wir von einer Wiederholung hier absehen können. Natürlich hat er durch die langjährigen Vermischungen mit den Fulbe und Haussa, desgleichen mit den in früheren Jahrhunderten eingewanderten Portugiesen vielfach eine Veränderung, oft genug zu seinem Besten, erfahren.
Die Bekleidung der westafrikanischen Neger ist je nach dem Grade, in dem sie von der europäischen Kultur beeinflußt worden ist, eine ganz verschiedene. Im Inneren gehen die Männer noch vielfach im paradiesischen Zustande einher, auch die Frauen, wenn man von Schmucksachen, die sie sich umhängen, absieht (Abb. 3 und 4). Meistens aber tragen sie schon einen kleinen Schamschurz; die Kinder pflegen indessen meistens ganz nackend zu erscheinen. An der Küste dagegen bedeckt man sich den Körper bereits in größerer Fläche mit Umhängen oder Tüchern (Abb. 5) nach Art einer Toga (Abb. 6 und 7), vielfach hat man sich auch bereits der europäischen Kleidung angepaßt (Abb. 9) und macht selbst die neuesten Moden mit; so aufgeputzte Schwarze wirken geradezu lächerlich.
Schmuck wird allenthalben getragen in Gestalt von Schnüren aus Perlen oder Metallreifen um Hals, Arme und Leib (Abb. 8, 10 und 12). Auch begegnen wir vielfach der Ausdehnung der Lippen und der Ohrläppchen durch Einführung immer stärker werdender Gegenstände, bis sie ganze Scheiben zu halten vermögen (Abb. 15 und 16), die öfters mit Samenkörnern, Perlen und Zinnauslagen verziert sind. Ebenso wird verschiedentlich auch Nasenschmuck (Abb. 11), Perlen, Korallen, Vogelklauen und so weiter, getragen. Sehr beliebt sind Tatauierungen, sowohl im Gesicht wie auch am Körper. Diese Muster, die entweder in feinen Punkten oder in Strichen bestehen (Abb. 3, 4, 13 und 14), dienen teils als Stammes- oder Herkunftsabzeichen, teils als Kennzeichen bestimmter Lebensabschnitte. Bei vielen Stämmen beginnt man mit der Tatauierung bereits in der Kindheit und fügt aus bestimmten Anlässen (Reifezeit, Hochzeit) neue Muster hinzu. Bei den Haussa vermag man aus den Tatauierungszeichen herauszulesen, welcher Stadt sie entstammen und welches Gewerbe sie betreiben. Die größeren Einschnitte in die Haut werden vielfach durch Einreiben verschiedener Mittel an der frühzeitigen Heilung gehindert, so daß mit der Zeit aus ihnen daumendicke Narben hervorgehen, was um so leichter zu erreichen ist, als gerade bei den Schwarzen die Haut große Neigung bekundet, üppig zu wuchern (Keloidbildung; Abb. 17). Ganz eigenartig und abwechslungsreich sind die Haarfrisuren der Neger, im besonderen derer von Kamerun, so daß es unmöglich ist, sie im einzelnen vorzuführen (Abb. 18 bis 27).
Alle Stämme Westafrikas haben bereits eine seßhafte Lebensweise angenommen. Sie wohnen entweder in runden Hütten, die aus aufeinandergeschichteten kreisförmigen Ringen aus Lehm aufgebaut sind und ein Kegeldach tragen (Abb. 30), oder in rechtwinkligen Giebeldachhäusern beziehungsweise in Übergangsformen zwischen beiden. In einzelnen Gebieten finden sich die Gehöfte (Hütten und Wirtschaftsgebäude) durch eine gemeinsame Umfassungsmauer zu einer Art Festung umgewandelt (Abb. 29). Die einzelnen so in sich geschlossenen Gehöfte sind wieder durch Löcher in den Mauern miteinander verbunden, so daß auf diese Weise wirkliche Labyrinthe entstehen. In Togo haben diese festungsähnlichen Anlagen eine besondere Form angenommen, die der Tambermaburgen. Dieselben sind dadurch gekennzeichnet, daß man zwei solcher umfriedigter Gehöfte aufeinander gesetzt hat, von denen das untere die Wirtschafts-, das obere die Wohnräume enthält (Abb. 28). Der Aufgang zu den Plattformen erfolgt auf Stiegen aus Lehm oder auf ausgehauenen Baumstämmen. — Als Erwerbsquelle der Neger steht der Feldbau im Vordergrund, daneben wird aber auch vielfach noch Viehzucht getrieben und ganz allgemein die Jagd (Abb. 31). An der Küste erstreckt sich diese auch auf das Wasser. Jedoch entwickeln die Neger auch eine gewerbliche Tätigkeit. Ehe europäische Erzeugnisse Eingang fanden, war die Hausindustrie in hoher Blüte, aber auch jetzt noch wird in mancher Hinsicht Bemerkenswertes geleistet. Die Eisengewinnung und Schmiedekunst ist ein in Afrika bodenständiges Handwerk; ebenso erfreuen sich Weberei und Töpferei ziemlicher Verbreitung. — Auch auf gewissen Gebieten der bildnerischen Kunst besitzen die westafrikanischen Neger eine große Geschicklichkeit. Berühmt sind die Bronzearbeiten und Elfenbeinschnitzereien aus Benin; die Aschanti sind vorzügliche Goldschmiede, die Yoruba Elfenbeinschnitzer.
Die Nahrung bieten den westafrikanischen Negern die Erträge des Feldbaus und der Jagd. In früheren Zeiten war auch Menschenfleisch eine wichtige Nahrungsquelle verschiedener Stämme, im besonderen der Wute und der Maka Kameruns. Während die meisten Kannibalen sich auf das Verzehren erschlagener Feinde beschränkten, mästeten die Maka ihre Opfer planmäßig, ja sie verkauften sogar ihre eigenen Eltern, wenn sie alt und arbeitsunfähig geworden waren, an Stammesgenossen. Sie wurden von diesen wie ein Stück Vieh gemästet und, wenn sie genügend Fett angesetzt hatten, zur Schlachtbank geführt, geköpft und sodann mit Wohlbehagen verzehrt. Als besondere Leckerei galten das Gehirn und die Augen. Die fetten Fleischteile wurden am offenen Feuer geröstet, die mehr trockenen dagegen geräuchert und aufbewahrt. In Sierra Leone bestand in früheren Zeiten eine geheime Gesellschaft, die bei ihren Zusammenkünften den Kannibalismus ausübte. Zu diesen wurde von den Mitgliedern irgendein harmloser Nachbar, Verwandter oder Sklave mitgebracht, in der Versammlung getötet und verspeist. Die Zusammenkünfte fanden zu Ehren des Fetischs Boffima statt, der in Gestalt einer großen Fruchtknolle (von der Form eines Straußeneis) verehrt wurde. Diese war mit einer geheimnisvollen Masse angefüllt und mit Leopardenhaut überzogen, die von Zeit zu Zeit mit Menschenfett eingesalbt werden mußte, damit der Fetisch seine Wunderkraft behalte.
Was die religiösen Verhältnisse der Westafrikaner anbetrifft, so hat vielfach unter ihnen, besonders im Sudan, der Mohammedanismus seit langem Anhänger gefunden, wodurch natürlicherweise die Gebräuche des einheimischen Kultus im allgemeinen dem Untergange geweiht sind. Dessenungeachtet haben sich dieselben verschiedentlich meist im geheimen, aber auch öffentlich, weitererhalten. Sogar für den zum Islam bekehrten Haussa ist die Welt mit allerlei Geistern oder Bori bevölkert, die seiner Ansicht nach meistens bösartig sind oder doch immerhin bei der geringsten Herausforderung Unheil anrichten, weswegen er bemüht ist, sie zu versöhnen (Abb. 1), oder wenigstens darauf bedacht, alles zu vermeiden, was ihre Aufmerksamkeit auf ihn lenken könnte. Die meisten dieser Bori sind Krankheitsgeister, manche von ihnen möglicherweise durch die Araber eingeführt, viele dagegen altheidnischen Ursprungs. Eine große Rolle spielten unter ihnen der Geist, der das Fieber, sowie der, der die Pocken schickt oder mitbringt. Die Abwehrmaßregeln (Abb. 33), die zum Beispiel die Neger der Goldküste gegen die Einführung der Pocken anwenden, sind besonders interessant. Zum Schutze gegen diesen Geist, der wie ein schleichendes Tier die Krankheit besonders bei Nacht ins Dorf bringt, stellen sie am Eingang desselben einen Wächter auf, aber nicht in Gestalt einer lebenden Person, sondern eines Amaga, das ist eines Idols, das ein auswärtiger Künstler der Dorfgemeinde auf ihre Kosten anfertigt. Kommt das Pockengespenst nun bei Nacht daher, dann stößt es auf diesen unter einem kleinen Dache sitzenden Wächter, erschrickt und kehrt um. Außerdem stellt man am Eingang zum Dorfe einen oder mehrere, etwa einen Drittelmeter hohe Zäune quer über den Weg, über die der Geist stolpern und gleichfalls durch Schreck zum Rückzug gezwungen werden soll. Auch kommt es vor, daß man allen mit tiefer Stimme krähenden Hähnen des Dorfes den Hals umdreht in der Meinung, daß dann der Pockengeist, wenn er am frühen Morgen beim Dorfe vorbeikommt, nicht mehr durch das Krähen auf dasselbe aufmerksam gemacht werden könne. Noch kindischer ist ein anderes Mittel, um die Aufmerksamkeit des Gespenstes abzuwenden, nämlich das Wuchernlassen des Grases auf den Hauptwegen, die zum Dorfe führen. Auf jedem vielbegangenen Wege pflegt der Graswuchs nur sehr gering zu sein. Findet der Pockengeist nun, daß ein Weg mit Gras bewachsen ist, dann nimmt er an, daß derselbe nicht begangen worden sei, somit auch zu keiner Ortschaft führen könne; er geht also vorüber.
Um auf die schon genannten Bori zurückzukommen, so gibt der Haussa, der Anhänger des Islams ist, wohl zu, daß Allah über allem stehe und die Bori ohne seine Erlaubnis nichts ausrichten können; trotzdem glaubt er auf der anderen Seite wieder recht häufig, daß Gebete an sie von mehr Erfolg begleitet seien als an Allah unmittelbar. Die Bambara glauben auch an einen allerhöchsten Gott, Allah, den Schöpfer und Beherrscher der ganzen Welt, dann weiter noch an Engel und schließlich noch an Gnena oder Dschinn, die in ganz derselben Weise wie die Menschen leben, sich freuen und leiden. Sie sind Allah untertan und können ebensowenig wie die Bori ohne seinen Willen etwas unternehmen; dessenungeachtet gelten sie in anderer Hinsicht doch auch wieder für allmächtig, weswegen die Bambara ihre Bittgesuche unmittelbar an sie richten. Endlich kennt derselbe Volksstamm noch die Gna oder Boli; es sind dies sehr böse Geister, die in beständigem offenen Widerspruch zu Allah stehen, weswegen dieser sie zum Flammentod verurteilt hat. Man stellt sie sich als ganz schwarz und häßlich sowie mit Hörnern versehen vor. Diesen bösen Geistern werden Hühner und Ziegen als Opfergaben dargebracht, und außerdem wird aus solchem Anlaß Bier in Unmenge vertilgt.
Auch das Christentum hat verschiedentlich an der ganzen Küste Westafrikas Fuß gefaßt, und zwar bereits seit einer Reihe von Jahrhunderten, seitdem nämlich im fünfzehnten Jahrhundert die Portugiesen von den Kanarischen Inseln aus ihre Entdeckungs- und Eroberungsfahrten längs der Küste ausdehnten. Dieser Umstand dürfte auch dazu beigetragen haben, daß wir verschiedentlich in der Religion der heidnischen Stämme Westafrikas Anklänge an die christliche Lehre finden, vor allem immer wieder auf die Verehrung eines höchsten Wesens stoßen, das zumeist für den Schöpfer und Lenker des ganzen Weltalls gilt, für gewöhnlich mit guten Eigenschaften ausgestattet ist und als der Herr über andere, mehr oder minder zahlreiche, niedere oder örtliche Gottheiten angesehen wird. Die Ibo benennen dieses höchste Wesen mit Chuku, die Edo mit Osa, die südlichen Stämme der Goldküste mit Bobowissi, die Akposo in Togo mit Uwolowu, die Ewevölker mit Mawu, die Analeute mit Buku, die Bakoke in Kamerun mit Ololume und so weiter; die Ekoi verehren sogar zwei höchste Gottheiten: Obassi Osaw (das heißt der vom Firmament) und Obassi Nsi (das heißt der von der Erde). Außer diesen Hauptgottheiten werden von den westafrikanischen Negerstämmen noch niedere Gottheiten, meistens die Vorfahren, auch besondere Schutzgottheiten, sowie zahlreiche Geister verehrt. Gerade die Geisterverehrung hat in Westafrika einen solchen Umfang wie wohl nirgends angenommen (Abb. 32, 34, 35, 36 und 38). Man bezeichnet diese Art von religiöser Anbetung als Fetischismus. Ein Fetisch (von dem portugiesischen Worte feitiço = Amulett abgeleitet) ist kein wirklicher Gott oder Götze, auch keine Seele eines Ahnen, sondern ein Geist, der in dem betreffenden Gegenstande, der dann auch seinerseits Fetisch genannt wird, lebt, ein Zaubermittel, das mittels desselben seine Wirksamkeit entfaltet (Abb. 39). Die westafrikanischen Neger halten nämlich jeden beliebigen, für uns unbelebten Gegenstand für beseelt von einem Geiste und treiben mit Hilfe eines solchen Zauberei. Zu einem Fetisch kann also jeder beliebige Gegenstand gemacht werden; dementsprechend begegnen wir darunter den nach unseren Begriffen sinnlosesten Dingen. So bestand der Hauptfetisch der Adele in Pereu (Togo) aus einem kleinen Holzschemel, an dem mit Hühnerblut angeklebte Vogelfedern saßen und kleine Metallglocken hingen. Des Fetischs Boffima in Sierra Leone, einer mit Leopardenhaut überzogenen Knollenfrucht, gedachten wir bereits auf Seite 4. Der Fetisch Legba, der vielfach in Dahome und in den Eweländern angetroffen wird und für ein sehr wirksames Zaubermittel zur Erhöhung der Liebeslust und der Zeugungskraft gilt, stellt eine ganz roh geformte sitzende Figur mit auffällig entwickelten Geschlechtsteilen vor. Bei einer Frau der Goldküste, deren Fetisch die Schuld an dem Tode mehrerer Verwandten beigemessen wurde, fand sich unter ihrer Haarfrisur eine kleine kupferne Pfanne mit einem Lehmkloß, in dem Papageienfedern steckten. Ein besonderes Interesse dürften die Fetische der Loangoküste beanspruchen. Es sind dies menschliche, auch wohl tierische Figuren aus Holz, die meistens an ihrer ganzen Oberfläche mit Bandeisenstücken oder Nägeln gespickt erscheinen (Abb. 40). Dieses Einschlagen der Nägel verfolgt einen doppelten Zweck. Einmal will derjenige, der diese Maßnahme an dem Fetisch vornimmt, dadurch seine Unschuld beweisen; er schwört gleichsam bei seinem Fetisch. Der Geist im Holze soll die durch das Einschlagen entstehenden Schmerzen genau wie ein Mensch fühlen und würde sich an dem Betreffenden, der sie ihm zufügte, falls er einen Meineid geschworen hätte, rächen, weil er ihm dann frevelhafterweise Schmerzen bereitet hätte. Im anderen Falle, wo es sich darum handelt, einen Dieb oder Mörder zu bestrafen, will man den Geist durch den ihm beigebrachten Schmerz dazu zwingen, den Dieb oder Mörder zur Strafe zu ziehen.
Es fällt sehr schwer, sich über die sehr verwickelten religiösen Verhältnisse der westafrikanischen Neger Klarheit zu verschaffen. Dadurch, daß sie alles, was sie umgibt, für belebt halten und unter diesen unzähligen übernatürlichen Kräften höhere und niedere Gottheiten unterscheiden, wird die Sache sehr verwickelt. Neben den Hauptgottheiten kennt man noch unzählige Scharen von Geistern, Ahnengöttern, lokalen Haus- oder Schutzgottheiten und dergleichen. Bald werden diese als Menschen, bald als Tiere oder als menschenähnliche, phantastische Ungeheuer gedacht. In der Nähe von Nsan im Ekoilande befindet sich ein kleiner See, der von den Geistern verstorbener Ekoi in Gestalt zahlreicher Krokodile und Schlangen bewohnt sein soll. Der besondere Schutzgott der Aschanti heißt Tando; er unterrichtet die Stammesmitglieder von den geheimen Anschlägen ihrer Feinde. Früher pflegte er sich gelegentlich in die Gestalt eines Knaben zu verwandeln und sich dann von den Feinden gefangennehmen zu lassen; sobald er auf diese Weise in ihr Land gekommen war, verwüstete er es durch die Pest, die er mitbrachte. Ihm ist die Treiberameise heilig. Dagegen stehen die Krokodile unter dem Schutze seiner Frau Katarwiri, eines Flußgeistes, der als sehr boshaft und fett geschildert wird. Ein sehr gefürchteter Geist der Aschanti ist der Sasabonsum, ein rotes Ungeheuer, das unterirdisch in den Tiefen der Wälder haust an den Stellen, wo die Erde rot ist, oder auch in Baumwollbäumen. In boshafter Weise überfällt es die Wanderer, nimmt sie gefangen und verzehrt sie; die rote Erde rührt von ihrem Blute her. Es wirft auch Bäume um, damit dadurch die Vorübergehenden erschlagen werden, hebt die Erde auf, damit die auf ihr stehenden Häuser umfallen, und treibt noch andere Grausamkeiten. — Der Kultus, den man diesen zahlreichen Göttern widmet, um sie bei guter Laune zu erhalten oder wieder zu versöhnen, ist im allgemeinen derselbe, wie wir ihn bereits bei anderen Naturvölkern kennen gelernt haben. In der Hauptsache sind es Opfer, die man ihnen darbringt in Gestalt von Lebensmitteln, zum Beispiel Getreide, Getränke, Hühner, Ziegen, seltener Rinder, Palmöl und so weiter (Abb. 75). Man schlachtet die Tiere für gewöhnlich und bestreicht mit ihrem Blute die Idole, die die Götzen darstellen sollen, reibt diese auch mit Öl ein, oder man stellt die Opfer vor ihnen auf. Die Frauen der Ibo bringen am Jahresschluß dem Aro, der Gottheit des Jahres, alte Töpfe, Kleider, Körbe und so weiter dar, in dem Glauben, daß sie damit Schmerzen, Krankheit und Unglück im kommenden Jahre von sich abwenden können. — In Dahome macht die Schlangenanbetung den wichtigsten Teil der Religion aus; die Pythonschlange gilt als das Sinnbild des Glücks und des Gedeihens. Es gibt unter der dortigen Bevölkerung verschiedene Priestersekten, in die jedes Kind, das mit einem dieser Kriechtiere in Berührung gekommen ist, aufgenommen werden muß. Auch dem Ozean bringt man Opfer in Gestalt von Getreide, Muschelgeld und Palmöl, früher brachte man ihm aus wichtigen Anlässen auch Menschenopfer dar. Die letzteren wurden — heutzutage wird dieser scheußliche Brauch wohl kaum mehr geübt — in kostbare Gewänder gekleidet und aus einem Kanu einfach ins Wasser geworfen. Auch dem bösen Geiste Sasabonsum wurden vormals von den Aschanti nach einem Erdbeben Versöhnungsopfer in Gestalt von Menschen dargebracht; beim Wiederaufbau der Häuser wurde zur Aufführung der Fundamente Menschenblut benutzt. Ganz besonders schrecklich ging es aber in dem früheren Königreich Benin im Bereiche des Nigerdeltas zu. Hier wurden den Gottheiten der Sonne, des Regens und der Jahre Menschenopfer dargebracht, und zwar in solchen Massen, daß man geradezu von Menschenschlächtereien sprechen konnte. Nach den Schilderungen von Augenzeugen besaß in der Blutstadt Benin jeder Häuserblock eine tiefe Grube voll abgeschlachteter Leichen und Sterbender. Überall fand man Menschenopfer umherliegen und namentlich Gekreuzigte an besonderen Baumgerüsten hängen oder begegnete ihren Schädelresten oder wenigstens Blutspuren an der Landstraße. Auch beim Tode eines Häuptlings oder wenn man ihm später einmal ins Jenseits Nachricht von seinen Angehörigen geben wollte, wurden Tausende von Opfern hinüberbefördert. Im Jahre 1897, nachdem der letzte König von Benin eine englische Gesandtschaft hatte niedermetzeln lassen, wurde die Stadt im Sturm genommen und den geschilderten Unmenschlichkeiten ein Ende bereitet.
Die Leitung des Kultus liegt in der Regel in den Händen des Familienoberhauptes oder des Dorfhäuptlings; vielfach ist sie aber auch Sache einer besonderen Gruppe von Menschen, der Priester oder Medizinmänner (Abbild. 37, 41, 43 u. 44). Ihnen fällt ferner die Aufgabe zu, Regen zu erzeugen beziehungsweise abzuwehren, und Krankheiten zu heilen (Abb. 42), oder diejenigen Personen ausfindig zu machen, die Trockenheit oder Krankheit verursacht haben. Vielfach bedienen sich diese Männer wirklicher Medizinen, deren gute Wirkung sie durch Erfahrung kennen gelernt haben, häufiger jedoch zahlreicher Zaubermittel, die aus den verschiedensten Bestandteilen zusammengesetzt sind, Teilen von Pflanzen und Tieren, auch vom menschlichen Körper, die oft zu Asche verbrannt und zu Brei gerührt dem Kranken entweder eingegeben oder auf die leidenden Körperteile gestrichen werden, auch, in ein Säckchen genäht oder in ein Ziegen- oder Antilopenhorn (Abb. 45) sowie in kleine Kalabassen gefüllt, als Amulette zu tragen verordnet werden. Der Glaube an die Wirksamkeit dieser Mittelchen hängt mit den fetischistischen Anschauungen der Neger zusammen. Dieser Glaube an die Geister hat auch zur natürlichen Folge, daß man bestimmten Männern und Frauen die Fähigkeit, mit übernatürlichen Wesen zu verkehren, in höherem Grade zuschreibt als ihren Mitmenschen, wodurch sie imstande sein sollen, Unglück, sogar den Tod über diese zu bringen, wenn sie sich der Hilfe solcher Geister bedienen. Aufgabe der Priester ist es nun auch, diese Zauberer (Abb. 46) ausfindig zu machen, desgleichen Verbrecher und Diebe, sowie die Zukunft vorauszusagen. Die der Zauberei Beschuldigten müssen sich natürlich einem Gottesurteil unterwerfen, das in ganz Westafrika in dem Hinunterschlucken eines Gifttrankes vor versammelter Menge besteht. Gibt der Angeschuldigte den Trank wieder von sich, dann wird dies als ein Zeichen seiner Unschuld angesehen, er wird gleichsam zur Entschädigung mit einem Gelage und Tanz gefeiert; der Ankläger hat seinerseits die Kosten dafür zu tragen und an den unschuldig Verdächtigten eine Buße zu zahlen. Wird der Angeklagte nach dem Genusse des Giftes krank, ohne aber wirklich zu sterben, dann betrachtet man ihn mit einem gewissen Argwohn und verweist ihn aus dem Dorfe; naht sich ihm aber schließlich der Tod, dann gilt er für gewiß überführt, und die Medizinmänner pflegen dann oft das Erwünschte, nämlich sein Ende, herbeizuführen. Bei geringeren Verbrechen besteht das Ordal darin, daß der Verdächtigte aus einem Gefäß mit siedendem Öl einen Ring herausgreifen muß. In Nigeria wird ein eigentümliches Verfahren angewendet, um gestohlene Sachen ausfindig zu machen, das bis zu einem gewissen Grade an ein Gottesurteil erinnert. Man tut in ein Gefäß eine kleine Schüssel mit Muschelgeld und anderen Abzeichen des Akekultus hinein und läßt es von einem Mädchen auf dem Kopfe in der Ortschaft umhertragen; der Besitzer des verloren gegangenen Eigentums geht mit und klingelt seinen Verlust aus, wobei er singt: „Den, welcher mein Huhn (zum Beispiel) genommen hat, mögen die Götter töten, wenn er es mir nicht zurückbringt.“ Gewissen Klassen von Medizinmännern bleibt es überlassen, Zauberer und Hexen sowohl ausfindig zu machen als auch zu bestrafen. Bei den Grebo in Nigeria besteht ein besonderer Bund, der Kwi-iru, dessen Zweck die Bestrafung solcher Personen ist, die anderen durch einen Fetisch Unglück zufügen. Das Haupt des „Geheimbundes von Kindern heimgegangener Geister“, worunter allerdings nur Erwachsene verstanden werden, oder der Vater dieser Vereinigung ist nur den Mitgliedern bekannt; wenn er öffentlich erscheint, ist er gut vermummt, so daß er von niemand erkannt werden kann. Die Mitglieder des Kwi-iru wirken für gewöhnlich des Nachts; wo sie gerade einen vermutlichen Missetäter antreffen, da nehmen sie ihn gefangen und zwingen ihn am anderen Morgen, die Probe zu bestehen.
Damit sind wir zu dem Kapitel der Geheimbünde (Abb. 47 und 48) gekommen, die sich gerade in Westafrika einer ungeheuren Verbreitung erfreuen. Besonders Sierra Leone und Kamerun bilden gleichsam die Mittelpunkte dieser Bünde, über deren Einrichtungen es äußerst schwer hält Näheres zu erfahren, in Anbetracht der großen Verschwiegenheit, die ihre Anhänger üben. So viel indessen ist über die Ziele dieser Gesellschaften bekannt geworden, daß sie teils politische Absichten verfolgen sollen, wie die in Kamerun, teils die Erziehung der Knaben und Mädchen fördern sollen, teils auch mit dem Totenkult in Verbindung stehen oder auch nur profanen Zwecken dienen, wie zum Beispiel Tänze aus besonderem Anlaß aufzuführen, wie bei den Bakongo und Ukuku. Die Einrichtung der Geheimbünde an der westafrikanischen Küste kann auf ein hohes Alter zurückblicken, denn bereits 1668 erwähnt der Geograph Dapper ähnliche Gebräuche für die Eingeborenen der Pfefferküste.
In Sierra Leone sind die beiden wichtigsten Geheimorden der Mendi der Porobund für die Männer und Knaben und der Bundubund für die Frauen und Mädchen. Es sind beides gleichsam vereidigte Brüder- beziehungsweise Schwesterschaften, deren Geschäfte mit unbedingter Geheimhaltung von seiten der Mitglieder geführt werden; aber gelegentlich treten diese doch an die Öffentlichkeit, so daß es den Forschungsreisenden möglich gewesen ist, sogar photographische Aufnahmen von ihnen zu machen.
Der Porobund beherrscht das ganze einheimische Leben im Lande der Mendi; früher war seine Macht nahezu unbegrenzt. Ähnlich wie im Mittelalter vor der Heiligen Feme, so konnte vor seinem Gerichtshof jeder Mensch verhört und verurteilt, das Urteil sogleich an ihm vollstreckt und seine Leiche im „Porobusch“ begraben werden, ohne daß die Außenwelt etwas von den Einzelheiten des Falles erfuhr. Bei den Versammlungen der Porobrüder, die man in einer Lichtung des Waldes im Porobusch dicht bei der Stadt abhält, werden alle Fragen politischer und sozialer Natur erörtert und erledigt. Zu ihnen haben nur vollberechtigte Mitglieder Zutritt, die sich zuvor einer strengen Belehrung von seiten des Ordens haben unterziehen müssen. Man unterscheidet drei Grade, den Yuira oder „ein Wort“ für die unteren Klassen, den Binni und Missi für mohammedanische Mauren und für „Teufelsmänner“ und als höchste Stufe den Kaimahun oder Häuptlingsgrad. Der letztere ist der Ausgangspunkt aller Porovorschriften; in seinem Hohen Rat kommt das Porokabinett zu den Beschlüssen, die die unteren Grade auszuführen haben. — Da die Mendi keine Schriftsprache kennen, so bedienen sie sich als Verständigungsmittel vertrauenswürdiger Boten, Wjas genannt; solche sind stets in der Porobrüderschaft anzutreffen, deren sämtliche Mitglieder auf „Landesmedizin“ vereidigt wurden, in dem Sinne, daß diese für sie verhängnisvoll werden solle, falls sie irgendein Geheimnis verrieten.
Die heranwachsenden jungen Leute treten entweder dem Poro- oder Bundubund bei, je nach ihrem Geschlecht. Ihre Aufnahme geht unter der größten Geheimnistuerei in der Abgeschlossenheit eines besonderen Poro- oder Bundubusches vor sich. Die Ausbildung, die für die Aufnahme in den Bund erforderlich ist, kann auf jeder Altersstufe zwischen sieben und zwanzig Jahren vorgenommen werden, dauert aber nur wenige Monate. Ein Knabe besitzt keinen eigentlichen Namen, bevor er in den Porobusch geht; er erhält einen solchen erst bei der Aufnahme. Zum Zeichen dessen wird er auf beiden Seiten längs des Rückgrats mit einem Grätenstichmuster gezeichnet, das er beständig trägt, so daß man ein Poromitglied sogleich daran erkennen kann. Die Aufnahmeförmlichkeiten (Abb. 49) erfordern viel Strenge und Entsagung; doch wird den Adepten gelegentlich auch eine Erholung außerhalb des Busches ermöglicht, für gewöhnlich in Form einer Tanzerei in der nächstgelegenen Stadt. Die letzte Aufnahmeförmlichkeit heißt „den Teufel austreiben“. Der Poroteufel befindet sich, wie man behauptet, im Busch, und die Knaben müssen ihn, da er, obwohl auch nur ein Mensch, mit allerlei zauberischen Kräften ausgestattet sein soll, auf eine bestimmte Art vertreiben, bevor sie den Busch verlassen dürfen. Daher drehen sie am festgesetzten Tage ein langes Seil aus dem den Poro versinnbildlichenden Farn „Kane“ und leiten es während der Nacht aus den oberen Zweigen eines Baumes im Busch auf die daneben stehenden Bäume. Die Bewohner der Stadt und der umliegenden Dörfer werden durch großes Geschrei aufgeweckt, das Seil wird ihnen gezeigt und gleichzeitig mitgeteilt, daß an ihm der Teufel sich zum Firmament begeben habe. Die Knaben gehen dann in der Stadt umher und werden nach weiteren geheimen Zeremonien Mitglieder des Poroordens.
Der Binni (Abb. 50) ist der zweite Grad des Bundes; der Zutritt zu ihm steht den Mohammedanern offen. Der Teufel dieses Grades ist ein ganz besonders mächtiger, da er in einer Person den Fetischeinfluß des Heiden mit der Magie des mohammedanischen Mauren vereinigt. Dementsprechend ist auch seine Tracht zusammengesetzt. Der Körper ist von einem langen Gewand aus Pflanzenfasern umhüllt, der Kopf von einer Kappe aus Haut; das Gesicht ist gänzlich durch sie verdeckt, ein paar kleine Löcher ermöglichen jedoch das Durchsehen. Neben am Kopfe stehen ein paar Seitenklappen ab. Soweit geht der Ausputz auf heidnische Beeinflussung zurück. Dazu treten dann auf Brust und Rücken des Binni streng mohammedanische Abzeichen: viele kleine Holztafeln mit arabischer Schrift, die Zauberkraft besitzen; sie hängen am Gewande. Bei Bewegungen des Binni zittert alles an ihm, und das Geklapper der Täfelchen verstärkt den allgemeinen unheimlichen Eindruck, den bei den Zuschauern schon das Freudengeschrei der Mitwirkenden und das Geräusch von einem halben Hundert kleiner Bambusstäbe hervorrufen, die von den begleitenden Musikanten unaufhörlich angeschlagen werden.
Das Bunduwesen wird mit noch mehr Heimlichkeit betrieben als das Porowesen des männlichen Geschlechtes; so viel aber steht doch fest, daß der Zweck jenes Ordens die Erziehung der jungen Mädchen und ihre Vorbereitung auf ihren zukünftigen Beruf als Gattinnen und Mütter ist. Jede Familie, die über die erforderlichen Mittel verfügt, hat das Recht, ihre Töchter in den Bundubund gleichsam in Pension zu geben; für schon Verlobte entrichtet der Bräutigam die Zahlung. Es besteht kein Zwang, dem Bunde sich anzuschließen; doch tritt ihm ein großer Teil der weiblichen Wesen bei, da die Mitgliedschaft eine bedeutende gesellschaftliche Stellung mit entsprechenden Vorrechten verleiht. Die Zeremonien des Bundubundes spielen sich ebenfalls an einer verborgenen abgeholzten Stelle im Walde in der Nähe der Stadt ab, im „Bundubusch“. Um den Unbeteiligten den Zutritt zu verwehren, sind die Pfade, die zum Busch führen, durch Verbotszeichen kenntlich gemacht. Bei ihrem Eintritt in den Bund, der bald im Alter von acht bis zehn Jahren, bald auch später (sogar von seiten bereits verheirateter Frauen) erfolgt, haben die jungen Mädchen eine Medizin zu genießen, die ihnen, wenn sie die ihnen anvertrauten Geheimnisse bewahren, nichts antun kann, sie aber, sobald sie sie verraten, töten wird; auch tragen sie dieselbe in einem Antilopenhorn (Abb. 45) mit sich herum. Ja noch mehr: diese Fetischmedizin wirkt auch in die Ferne auf Dritte, das heißt auf einen jeden ein, der es wagen sollte, die Geheimnisse des Bundes zu ergründen, sei es dadurch, daß er sich dem Busch nähert oder daß er mit den Mädchen anzubandeln sucht. Diese vermeintliche Wirkung genügt bereits, um Unberufene abzuhalten. Sollte sich dennoch einer vermessen, in die Bundugeheimnisse einzudringen, so haben die Bunduteufel das Recht, den Übeltäter mit einer Keule totzuschlagen oder ihn dem Häuptling auszuliefern, der ihn als Sklaven verkaufen läßt.
Der Zusammentritt eines Bundu findet für gewöhnlich zur Zeit der Reisreife statt. Zunächst erhält jedes Mädchen einen besonderen Namen, den es fortan zu führen hat. In allen Bundugesellschaften wiederholen sich die Namen nacheinander in derselben Reihenfolge. Nummer eins heißt immer Kehma, Nummer zwei Toulome und so fort, zum Beispiel Bandi, Jassa, Soko, Namo. Darauf wird jede Novize mit weißem Ton beschmiert, erhält ein großes Tuch als Umhang (Abb. 52) und wird beschnitten, sowie in der Nabelgegend tatauiert. In Liberia trägt jede Beschnittene das abgeschnittene Stückchen ihres Kitzlers getrocknet um den Hals gebunden als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit. Bei ihren Ausgängen tragen die Mädchen eine besondere Tracht, sofern man darunter die zahlreichen Amulette oder „Medizinen“ (Abb. 51 und 73) verstanden wissen will, mit denen sie sich den mit weißem Ton kleidartig bemalten Körper behängen. Sehr wichtig ist darunter das schon erwähnte Horn einer kleinen Antilope, dessen „Medizin“ das Mädchen töten soll, falls es etwa seine Geheimnisse preisgäbe; auch darf dieses Amulett von keinem Manne berührt werden. Solange die Mädchen es tragen, ist ihnen jeglicher geschlechtliche Verkehr aufs strengste untersagt, auch den bereits Verheirateten mit ihrem Ehemann. Gelegentlich werden die Mädchen auch in die Öffentlichkeit geführt und müssen dann vor ihren Familienangehörigen und Freunden Tänze aufführen; dabei trägt jedes Mädchen ein besonders mannigfaltig ausgestattetes Gewand. Sie tanzen zierliche Schrittänze unter Begleitung der Segura, eines mit einem Netz umsponnenen hohlen Flaschenkürbisses, an dem kleine getrocknete Samenschalen hängen, bei deren Schütteln ein Ton entsteht. Die besten Tänzerinnen finden Anerkennung; sie werden unter tosendem Beifall von den älteren Frauen umarmt, beschenkt und mit Palmöl reichlich eingeschmiert.