Siebentes Kapitel.
Friedliche Heiligengräber.

Der 8. Oktober brachte einen herrlichen, absolut windstillen Morgen mit so vollkommen klarer Luft, daß die Berge wieder in den kleinsten Einzelheiten hervortraten. Der Fluß liegt blank wie ein Spiegel vor uns und sucht in weiten Bogen zwischen scharf ausgemeißelten Ufern, auf denen lachender, jetzt gelber junger Wald und üppige Kamischfelder stehen, seinen weiten Weg nach dem Lop-nor (Abb. 30).

Die Leute hatten also nicht viel zu tun; die Fähre glitt artig und ruhig stromabwärts, und nur bei den Biegungen mußte gelegentlich zu den Stangen gegriffen werden. Palta schläft langausgestreckt im Sonnenbrande auf dem Vorderdeck, während der junge Ibrahim, der Sohn unseres neuen Führers, der sich schlechtweg Mollah nennt, die Stange führen muß.

Der Fluß liebkost den Fuß des kleinen, alleinstehenden Berges Sai-tag, der in einem Winkel von 34 Grad nach dem Wasserspiegel abfällt und nur einigen jungen Pappeln und einem Hirtenpfade Raum gewährt (Abb. 32). Der Sai-tag setzt sich nach Norden in einigen kleinen Bodenerhebungen fort, die ebenfalls auf dem rechten Ufer des Flusses liegen. Auf einem dieser kleinen Rücken finden wir einen kleinen, von Stille und feierlichem Frieden umgebenen Begräbnisplatz (Abb. 31), wo unser Mollah, ein des Korans kundiger Mann, einige Gebete sprach, während welcher die anderen niederknieten. Über einem vornehmen Manne, der vielleicht ein berühmter Hirt oder Jäger gewesen, hatte man ein Mausoleum in Würfelform mit Kuppeln (Gumbes) auf dem Dache aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut; um dieses herum sah man mehrere kleinere Grabdenkmäler. Auf dem eigentlichen Kamme des Landrückens lagen noch zwei Gräber, aber ohne jegliche Überdachung, nur durch einige Balken und Steine geschützt und nach Norden ganz offen, so daß man die Schädel der darin liegenden Gerippe sehen konnte. In dem einen Grabe teilten sich zwei Tote in den Raum. Diese Leichenstätten sahen nicht besonders alt aus.

Mittags wehte ein schwacher Südwest, und da wir nach Nordosten gingen, hatten wir eine vortreffliche Fahrt. Ein Reh schwamm in einer Entfernung von zwei Flintenschüssen über den Fluß. Die Schützen, Islam und Mollah, lagen auf dem Vorderdeck mit ihren Waffen im Anschlag, doch das Tier schwamm schnell, war mit einem Satze am Ufer und verschwand wie der Wind im Schilfe. Bei More, wo wir in der Dämmerung auf dem linken Ufer lagerten, führte der Fluß 25,1 Kubikmeter Wasser in der Sekunde.

An diesem Lagerplatze traf mich ein großer Kummer. Mein Lieblingshund Dowlet war in den letzten Tagen melancholisch gewesen; er hatte weder fressen noch spielen wollen, und sein Puls war gestern abend auf 150 Schläge gestiegen. Er hatte, gegen seine Gewohnheit, nicht an der Exkursion teilnehmen wollen, und nachts schlief er nicht neben meinem Bette, sondern lief unruhig umher. Während des Tages streifte er mit herabhängendem Kopfe und eingeklemmtem Schwanze immer wieder vom Vorschiffe nach dem Achter und zurück. Als wir in More landeten, verließ er die Fähre für immer, lief heiser bellend im Gebüsche herum, als suche er etwas, versuchte zu beißen, wenn man sich ihm näherte, wurde immer unsicherer auf den Beinen und taumelte schließlich von der Jarwand in den Fluß, wurde aber von Alim gerettet. Wir legten ihn ans Feuer; sein Puls war auf 42 Schläge heruntergegangen, und er starrte jetzt ganz ohne Bewußtsein ins Leere. Alle meine Bemühungen waren fruchtlos; er fing schon an zu erkalten, und ich wachte bei ihm und streichelte ihn, solange noch ein Funke von Leben in ihm war.

Der Verlust dieses Hundes schmerzte mich tief. Er hatte mir stets treu Gesellschaft geleistet, war lustig und freundlich, voll drolliger Streiche, und ich spielte abends immer eine Weile mit ihm. Er war ein mageres, häßliches Hündchen, als wir Osch verließen, unter meiner Pflege hatte er sich aber zu einem wirklich schönen Hunde entwickelt. Und nun entriß ihn mir diese heimtückische Krankheit!

Am folgenden Morgen grub Mollah ein Grab, legte Dowlet, in ein Schaffell gehüllt, hinein und murmelte halblaut ein Gebet. Es tat mir sehr leid, als ich die feinen, seidenweichen Ohren in der Erde verschwinden sah. So seltsam es klingen mag, die Stimmung an Bord war den ganzen Tag so gedrückt wie nach einer wirklichen Beerdigung, und die Männer redeten nur im Flüstertone miteinander. Mir erschien es auf der Fähre öde und leer, seit Dowlet fort war, und erst nach mehreren Tagen kam ich wieder ins Gleichgewicht.

Als wir am 9. Oktober frühmorgens More verließen, suchte Jolldasch vergeblich seinen Kameraden und wunderte sich, daß er nicht mitkam. Der Fluß machte auf dieser Tagereise ziemlich phantastische Krümmungen, die aber so ausgedehnt waren, daß ich oft lange Peilungen ausführen konnte, mehr freie Zeit als sonst hatte und mich mit Nacharbeiten, Aufzeichnungen und dergleichen beschäftigen konnte. Die Leute hatten nicht viel zu tun, sie schliefen abwechselnd. Ibrahim erhielt den Auftrag, sich nach dem Basare von Tschiggan-tschöll zu begeben und dort Schnupftabak (Nas) für die anderen, die an dieser unentbehrlichen Ware Mangel litten, zu kaufen. Er hatte bis dorthin 6 Potai (etwa 20 Kilometer) und sollte nach zwei Tagen wieder zu uns stoßen.

10. Oktober. Der Morgen war kalt, um 6 Uhr zeigte das Thermometer nur +3 Grad; es war still wie im Grabe, als wir aufbrachen, nur einige Krähen sangen ihr wenig melodisches Morgenlied. Die Ufer waren öde; bisweilen aber verkündeten rauchgeschwärzte Stämme und Zweige, daß hier Hirten ihre Lagerplätze gehabt. Die gelbe Farbe herrschte jetzt im Walde vor, und die grünen Partien wurden immer weniger.

Der Mollah war für uns ein wirklicher Schatz und diente mir als geographisches Lexikon über diese wenig oder gar nicht bekannte Gegend. Die Brille auf der Nase und ein großes Blatt Papier vor sich, zeichnete er eine Karte des Gebietes, auf der alle Namen und Wege angegeben waren, und zeigte uns, bei welchen Flußkrümmungen die Wüste uns am nächsten war. Ich konnte diese Karte später bei mehreren Gelegenheiten kontrollieren und fand sie sehr korrekt. Er hatte diese Wälder auf der Jagd vielfach durchstreift und war dreimal in Schah-jar gewesen. Auch von unserer Besatzung war er gern gesehen, denn er unterhielt sie in den langen, einsamen Stunden an Bord mit Vorlesen.

Bei einer Bucht am Ufer vor uns überraschten wir eine Wildschweinherde. Ganz erstaunt über das große Ungetüm, das den Fluß hinuntergetrieben kam, betrachteten die Tiere uns einen Augenblick, setzten sich dann aber in raschen Trab und stoben in geschlossener Schar in das Dickicht hinein. Gegen Abend erreichten wir Ak-sattma, wo Kurban Bai sich am Fuße einer Sanddüne in der Nähe einiger einsamen Pappeln zwei Hütten erbaut hatte. Er ist Besitzer von 2000 Schafen und einer Anzahl Hornvieh und zieht Weizen und Melonen; wir konnten daher bei ihm unseren Proviant verstärken.

25. Das Innere meines Zeltes auf der Fähre;
rechts der Schreibtisch, links das Bett und der Fährmann Palta. (S. 40.)
26. Hirtenhütte in der Nähe des Masar-tag. (S. 60.)
27. Kasim beim Fischfang. (S. 61.)
28. Unser Lager bei Kurruk-asste. (S. 59.)

Obwohl es spät war, beschlossen wir noch einen Tschugulup (Flußbogen) zurückzulegen. Die Dämmerung senkte sich auf den spiegelblanken Fluß herab, dessen Oberfläche die Ringel der Strömung nur schwach zeichneten, und die Gegend war so still, daß man sein eigenes Herz klopfen hören konnte. Um die Leute aufzuheitern, holte ich unser Symphonion und ließ Islam Bai für Musik sorgen. Die Männer hatten ihre Freude daran und hörten andächtig zu, und Kasim hielt sich mit der Avisofähre uns möglichst nahe. Die hellen Töne des Instruments klangen wehmütig und melancholisch, als die Cavalleria von Stapel ging, sie klangen voll und festlich, als Carmen durch den Wald hinzitterte; feierlich klang es, als die Töne der schwedischen Nationalhymne über dem schweigenden Wasser des Jarkent-darja erschollen, und als ein Parademarsch abschnurrte, war es, als glitte die Fähre im Siegeszuge langsam, aber sicher, von Fanfaren und Militärmusik begrüßt, gerade auf ihr Ziel zu. Es war ein entzückender, friedlicher Abend. Die Luft war von Waldgeruch und den Düften der Wiesen und Kamischfelder erfüllt, und in der Luft herrschte eine feierliche Stille wie in einer Kirche. Das kleinste Geräusch, das dieses großartige, einsame Schweigen unterbrach, machte sich geltend, Sandkörner, die vom Uferrande ins Wasser fielen, eine Ente, die in einer geschützten Bucht schwamm, ein Fisch, der in dem rabenschwarzen Schatten unter der Uferwand plätscherte, ein Fuchs, der im Schilfe raschelte. Während die Dunkelheit schnell hereinbrach, trug uns die Strömung immer tiefer in die geheimnisvolle Landschaft hinein, gleich Geistern und Schatten einer anderen Welt, und die Bewohner des Waldes lauschten den Tönen unserer Spieldose gewiß voller Erstaunen. Es war nicht die beste Musik, die man hören kann, aber in der Umgebung, in der sie ertönte, wirkte sie wunderbar und mit einschmeichelndem Zauber, während die große Stille zu kühnen Träumen einlud.

Die Wassermassen, die uns im Laufe des Tages Gesellschaft geleistet hatten, sollten wieder eine Nacht Vorsprung gewinnen, als wir am linken Ufer unter herbstlich gelben Pappeln rasteten. Spät abends wurde eine Flußmessung vorgenommen, die 26,7 Kubikmeter in der Sekunde ergab. Nichts hindert den Fluß, an einem Tage wasserreicher als am vorhergehenden zu sein; teils kann der Zufluß aus dem Gebirge wechseln, teils können durch Verteilung des Luftdruckes und durch den Wind zufällige, natürliche Verdämmungen entstehen, die das nachdrängende Wasser für einige Zeit in seinem Fließen hindern oder aufhalten.

11. Oktober. Leichter, feuchter Nebel lag über dem Jarkent-darja, als wir um 7 Uhr das Ufer verließen. Als wir durch diesen Nebel nach Süden gingen, fiel der Widerschein der Strahlen der aufgehenden Sonne verschleiert auf die Wasserfläche, und die kleine Fähre und die Jolle zeichneten sich mit den darinstehenden Männern und deren langen Stangen wie schwarze Schattenrisse auf dem mit Licht gesättigten Hintergrunde ab. In einer geschützten Bucht lag auf dem Wasser eine einsame Ente, die das sich ihr bietende, ungewöhnliche Schauspiel ruhig betrachtete, als unsere kleine Flottille an ihr vorbeitrieb. Sie mußte aber ihre Neugierde teuer bezahlen und schmeckte uns zu Mittag vorzüglich.

Der Fluß verändert seine Eigenschaften nicht, er ist noch ebenso krumm, und da es obendrein heftig wehte, kamen wir nicht weit. Der Kopf kann einem bei diesen Windungen schwindeln; Sonnenschein und Schatten, Wind und Lee wechseln unaufhörlich ab; bald friert man, bald wird man gebraten, bald geht es verzweifelt langsam, bald mit schwindelnder Fahrt. In scharfen Biegungen verliert die Wassermasse durch die Reibung und den Druck gegen das Jarufer einen guten Teil ihrer Geschwindigkeit, welche Kraft in eine andere Arbeit, die Auswaschung des Ufers, umgesetzt wird. Auf diese Weise werden die Windungen im Laufe der Jahre immer größer. Man findet auch gewöhnlich, daß die Fahrgeschwindigkeit hinter den schärfsten Biegungen abnimmt.

Bei Duga-dschaji-masar stieß Ibrahim wieder zu uns. Außer einem ganzen Armvoll Melonen, Möhren, roten Rüben, Zwiebeln und Brot brachte er auch seine Mutter und seinen jüngeren Bruder mit, so daß wir neue Passagiere an Bord hatten.

Die Uferterrasse beim Lager lag 2,1 Meter über dem Wasserspiegel, und trotzdem war der Waldboden noch vom Hochwasser des Sommers feucht. Der Fluß ist also seitdem an diesem Punkte über 2 Meter gefallen. Je weiter wir kamen, desto schmäler, tiefer und langsamer wurde er, und nicht selten betrug seine Breite nur 15 Meter. Wir sehnten uns nach dem Aksu-darja, wo Mollah uns dreimal soviel Wasser versprach, und wir fuhren jetzt gewöhnlich täglich 11 Stunden. Mir wurde der Rücken ganz steif, wenn ich den ganzen Tag am Schreibtisch saß, und ich ersann daher eine neue Methode, die wenigstens einige Abwechslung brachte. Ich setzte mich in die kleine Jolle, machte mir dort von Filzdecken und Kissen ein Ruhebett zurecht und hatte alles Zeichenmaterial und die nötigen Instrumente bei mir. Um wirklich ungestört zu sein, hielt ich mich weit vor der Fähre und glitt nun ruhig und friedlich den Fluß hinunter. Die Pfeife im Munde, die Feder in der Hand und die Karte auf den Knien, freute ich mich der großen Stille; bequemer kann man durch ein unbekanntes Land wirklich nicht reisen.

Am 13. Oktober hatten wir die gewundenste Fahrt, die wir bis jetzt gemacht hatten. Man sitzt mit der Karte vor sich und fürchtet beinahe, eine Schleife einzeichnen zu müssen, dann aber biegt der Fluß im letzten Augenblick nach der entgegengesetzten Richtung ab. Die zweite Windung war noch toller; nach vierthalbstündiger Drift kamen wir wieder bei denselben Pappeln an, an denen wir vorübergefahren waren.

Der Tag war naßkalt und unfreundlich, und wir müssen uns ordentlich in Pelze hüllen. Die Fährleute sitzen in ihre Tschapane eingewickelt da und geben acht, daß wir nicht auf Grund stoßen und sie ins Wasser springen müssen. Islam und Mollah zogen vor, auf kürzeren Wegen, welche die Flußbiegungen berührten, durch den Wald zu gehen. Sie waren sieben Stunden fortgewesen, als wir sie am Ufer, wo sie an einem Feuer schliefen, wieder auffischten. Sie hatten nur zwei Stunden gebraucht, um diesen Punkt zu erreichen, und hätten wir nicht ihr Feuer erblickt, sie würden uns nicht bemerkt, sondern dort ruhig weitergeschlafen haben.

Die ersten Frostnächte prägten dem Walde, der jetzt überall gelb ist, ihren Stempel auf. Nach einer frischen Brise trieben wir auf einer wahren Laubstraße. Der Wind hatte Massen gelben Laubes in den Fluß gefegt, dessen Fläche eine lange Strecke weit gelbgetüpfelt war. Man braucht nur einen Blick auf die nächste Umgebung zu werfen, um zu sehen, daß der geringste Windhauch auf die Fähre einwirkt: bald treiben die Blätter an uns vorbei, bald sind wir die schnelleren; ist es aber völlig windstill, so haben wir gleiche Fahrt mit ihnen.

Am 14. Oktober lagerten wir in der Jiggdelik genannten Gegend. Am rechten Ufer erhebt sich im Walde eine mit Tamarisken bewachsene Düne, auf welcher eine Stange aufgerichtet ist, die anzeigt, daß sich in der Nähe ein Masar oder Heiligengrab befindet. Unser Mollah war wiederholt dort gewesen, um Rubine zu suchen, die in dem vom Sande abgeschliffenen Feuersteinschutte, der eine ausgedehnte offene Ebene zwischen der Grenze des Wüstenmeeres und dem Walde bedeckt, zu finden sein sollen. Er hatte in der Nähe des Grabes übernachtet und eine bleiche, flackernde Flamme über der Kuppel schweben sehen. Rubine scheint er aber nicht gefunden zu haben.

Am 15. Oktober erinnerte der Fluß anfangs an eine verfitzte Schnur, nachher aber wurde er wieder ganz ordentlich. Es gilt als Regel, daß der Fluß da, wo er Bogen macht, auch schmal, tief und langsam ist, da aber, wo er eine gerade Richtung einhält, seicht, schnell und breit wird; das Gefälle ist hier größer. Manchmal sieht es aus, als sei das Wasser unschlüssig, nach welcher Seite es fließen solle; es scheint stillzustehen und zu überlegen, wohin der Boden sich neige.

Die Lailiker fingen an, mutlos zu werden, als sie Tag für Tag immer weiter von Haus und Heim fort- und immer tiefer in unbekannte Einöden und Wälder hineingetragen wurden. Es belebte sie jedoch ein wenig, daß wir bei Kuiluschning-baschi auf einen braven Mann stießen, der Jussup Do Bek hieß, hier in der Gegend seine Schafherden hütete und meine Leute damit beruhigte, daß es für sie die einfachste Sache auf der Welt sei, auf der großen Karawanenstraße über Aksu nach Hause zurückzukehren. Der erste Dschigit aus Kaschgar, der meine Post nach Dural bringen sollte, mußte schon unterwegs sein und sollte mit Jussups Hilfe in Aksu angehalten und an den Fluß hinuntergeschickt werden, welches Arrangement denn auch vortrefflich gelang.

Am 17. passierten wir einen der Mündungsarme des Kodai-darja, der uns aber nur wenig Wasser zuführte. Der Jarkent-darja läuft jetzt eine Strecke weit gerade nach Norden; die Windungen rauben uns nicht so viel Zeit wie bisher, doch wurde eine zurückgelegt, die sich einem vollständigen Kreise näherte und deren Landzunge nur zwanzig Klafter breit war. Ohne Zweifel wird das nächste Hochwasser diese Landzunge durchbrechen. Das Ufer ist 3½–4 Meter hoch, und seine Wand wird von beiden Seiten unterwaschen, so daß die Landzunge immer schmäler wird, bis sie schließlich einstürzt und der Fluß dann die Windung verläßt, die wie ein toter Schmarotzer liegen bleibt. Derartige tote Krümmungen oder Altwasser (Boldschemal) kamen in diesem Teile des Flußlaufes besonders häufig vor. In ihrem Bogen steht beinahe stets ein kleiner halbmondförmiger Köll mit klarem Wasser.

Von einem an Reisig und verdorrten Bäumen reichen Punkte am rechten Ufer sahen wir Rauchwolken aufsteigen, und bald flackerten Feuerzungen zwischen den Bäumen. Der Mollah erklärte, es seien Hirten, die auf diese Weise Tiger und Wölfe zu verscheuchen suchen. Tigerspuren hatten wir in den letzten Tagen wiederholt auf den Ufern gesehen. Als wir gerade vor dem Platze waren, sahen wir denn auch richtig ein paar Hirten am Ufer. Doch sowie diese die Fähre, das gespenstische weiße Zelt und die rabenschwarze Hütte erblickten, ergriffen sie die Flucht und liefen, was das Zeug halten wollte, Schafe, Hunde und Feuer ihrem Schicksal überlassend. Soviel wir auch riefen und ihrer durch Späher habhaft zu werden suchten, sie waren und blieben verschwunden, und wir mußten also auf Aufklärung über diese Gegend verzichten. Was sollten diese einfachen, redlichen, halbwilden Waldmenschen übrigens auch beim Anblick der Fähre denken, die wie ein Riesenschwan am Waldrande entlang geschwommen kam! Sie konnten doch nur denken, es sei ein böser Geist aus der Tiefe der Wüste, der auf der Streife sei und suche, wen er verschlingen könne.

Die Tendenz des Flusses, hier in der Gegend seine Windungen oft auszugleichen, ist in der Beschaffenheit des Bodens begründet. Dieser besteht aus Sand, und in dem losen, leicht niederstürzenden Material führt das Wasser ohne sonderlichen Widerstand seine Unterminierungsarbeit aus. Auf die Veränderlichkeit des Flusses gründet sich wieder der Umstand, daß der Wald spärlich ist und an den Ufern nicht alt werden kann. Die äußersten Pappeln stehen wie wartend da, bis die Reihe zu fallen an sie kommt, wenn die Jarwand unter ihnen abrutscht.

Am 18. Oktober hatten wir wieder Pech mit dem Winde. Als wir nach Norden kamen, herrschte nördlicher Wind, als aber der Flußlauf sich nach Nordosten wendete, kam der Wind auch aus dieser Richtung, und schließlich sprang er sogar nach Osten um. Das Bett war ziemlich offen und flach, und wir hatten von den Ufern und ihrer Vegetation wenig Nutzen. Die Luvseite des Zeltes war wie ein Trommelfell nach innen gekehrt, und faßte man das Zelttuch an, so fühlte man sofort, mit welcher Kraft dieser saugende Wind die Fähre nach Lee hinüberpressen mußte. Die Leute hatten den ganzen Tag vollauf damit zu tun, uns vor Kollisionen mit den Ufern zu bewahren, und hatten kaum Zeit, ihr einfaches, aus Brot und Melonen bestehendes Frühstück zu verzehren.

Auch am folgenden Tage tat uns der Wind großen Abbruch, und jetzt bereitete sich ein kleiner Sturm vor. Die Luft war mit Flugsand gesättigt, und die Sonnenscheibe zeichnete sich im Zenith nur wie ein schwach sichtbarer, gelbroter Schild ab. Man sah nicht, wohin es ging; die Ufer verschwammen in der dicken Luft, es sauste und pfiff in dem jungen Walde, und überall flogen gelbe, harte Blätter prasselnd umher. In scharfen Biegungen, wo die Gegenströmung einen Strudel bildet, sammeln sich diese Laubmassen zu kleinen Sargassoseen an; ein großer Laubkuchen dreht sich im Wirbel, und von seiner Peripherie sondert sich ein langer, schmaler Laubstreifen ab, der nach und nach wieder ins Treiben gerät, um dem nächsten Strudel zuzueilen.

Wir mühten uns einige Stunden gegen den starken Wind ab und wollten gerade Halt machen, als der Mollah erklärte, der Fluß werde bald einen Bogen nach Süden machen. Er hatte recht, und bei reißendem, günstigem Winde sauste die Fähre an den Ufern vorbei, so daß das Wasser um den Vordersteven brauste. Es dauerte jedoch nicht lange, so machte der Fluß wieder einen Bogen und setzte seinen Weg nach Nordosten fort. Wir rasteten nun einige Stunden in einer ruhigen Bucht.

Als der Wind sich etwas gelegt, ging es weiter. In der Dämmerung trat wieder völlige Ruhe in der Atmosphäre ein, und wir beschlossen, im Mondschein weiterzufahren. Die Route wurde beim Lichte der photographischen Laterne aufgezeichnet, die den Kompaß, die Uhr und die Karte schwach beleuchtete, aber nicht die freie Aussicht auf die mondbeglänzte Landschaft vor mir störte. Von hinten schwach von dem roten, von vorn grell von dem bläulichen Lichte beleuchtet, sahen die Männer phantastisch aus, und ihre sonst dunkeln Silhouetten hoben sich scharf gegen das glitzernde Spiel der Mondstraße auf dem Flusse ab.

Spät abends legten wir am Ufer von Jekkenlik-köll an, wo es vorzügliches Brennholz in Menge gab. Als wir am 20. Oktober früh vom Ufer abstießen, war von den mächtigen Stämmen, die wir zu unserm Feuer benutzt hatten, nur noch ein grauer, rauchender Aschenhaufen übrig. Das Bett des Jarkent-darja war heute außerordentlich regelmäßig gebaut, und dieselben Formationen, dieselben Krümmungen kamen abwechselnd immer wieder. Sie waren wie nach ein und demselben Muster gezogen.

Beim Masar Chodscham, der ein Ende vom rechten Ufer liegt, wurde Rast gemacht, und wir alle, außer Kader, der die Fahrzeuge bewachen sollte, wanderten durch den lichten Wald dorthin. Der Masar ist über dem Grabe von Hasrett-i-Achtam Resi Allahu Anhu errichtet worden, eines Heiligen, der zur Zeit des Propheten diese Gegenden durchwandert haben soll. Man findet hier einige trockene, graugelbe Lehmhaufen, die wimpelgeschmückte Stangen und Antilopenschädel trugen und mit einem Reisiggehege umgeben waren, um Schafen und Rindern das Entweihen des Ortes unmöglich zu machen. Auf der Südseite erhob sich ein sehr einfaches Chaneka (Bethaus) aus lotrecht in die Erde geschlagenen Pfählen und Stangen mit einem Dache darüber.

Die Muselmänner brachten dem Heiligen ihre Huldigung dar und hielten eine längere Andacht; hell erklang des Mollah „Allahu ekbär“ durch die tiefe Stille des Waldes. Es liegt wirklich etwas Feierliches in solchem Gottesdienst. Wir waren von dem tiefsten Schweigen umgeben; nur die schlummernden Blätter, die noch an ihren dünnen Stielen saßen, zitterten leicht in einem hier im Walde kaum merkbaren Winde. Ein Heiligtum kann keinen friedlicheren Platz finden als hier, fern von allen Fahrstraßen an einem Flusse, der jetzt zum erstenmal von Menschen befahren wird. Nicht das geringste Geräusch störte die Ruhe des Waldes, nur ein Hase war bei unserem Herannahen entflohen. „La illaha il allah“ verkündete die tiefe Stimme des Mollah voller Überzeugung, und die Worte verhallten in der Ferne zwischen den Pappeln.

Ende November wird der Tag des Heiligen von den Einwohnern von Awwat gefeiert, die sich dann in ziemlich großer Zahl hierher begeben und drei Tage im Walde bleiben. Der Scheik, der Wächter des Heiligengrabes, hält sich um diese Zeit in einer benachbarten Hütte auf, wohnt aber sonst in Awwat.

Als wir nach den Schiffen zurückkehrten, tat es uns leid um den jungen Kader, der nichts von der Herrlichkeit zu sehen bekommen hatte, und er erhielt daher Erlaubnis, sich in unserer Spur allein nach dem Masar zu begeben und dann in der nächsten Flußbiegung mit der Fähre zusammenzutreffen. Doch wir waren noch nicht weit gelangt, als er schon angelaufen kam, als gälte es, sein Leben zu retten. Die düstere Waldeinsamkeit und die gespensterhaft wehenden Wimpel hatten ihn so erschreckt, daß er jede Lust verloren hatte, den Heiligen mit seinem Besuche zu beehren. Den jungen Helden erfüllte Angst, als Reiser unter seinen eigenen Tritten knackten, er hielt jeden Busch für einen Räuber und glaubte, lebende Wesen winkten mit den Lumpen der Grabstangen.

Der Name des heutigen Rastortes, Kalmak-kum, zeugte wieder davon, daß in längst entschwundenen Zeiten einmal Mongolen an diesem Flusse gewohnt haben. Hier lebten drei Hirtenfamilien mit 300 Schafen. Sie hatten ein „Tor“, eine Art Falle, um Raubvögel zu fangen, aufgestellt, die aus vier, in der Erde quadratisch befestigten, elastischen Gerten bestand, deren Spitzen sich einander zukehren und die ein sackförmiges Netz ausgespannt halten. Oben entsteht also eine Öffnung, durch welche der Falke auf das unten im Netz festgebundene Huhn oder die Taube stößt. Wenn er sich mit seiner Beute aufschwingen will, drehen sich die elastischen Gerten, wodurch sich die Öffnung des Netzsackes schließt und das Netz über den Falken fällt, der nun darin verwickelt und gefangen ist.

Während der folgenden Tagereise war der Fluß ungewöhnlich gerade. Im großen und ganzen waren jedoch die Tage einander ziemlich gleich. Man glaube aber nicht, daß ich die Reise einförmig gefunden und den Tag herbeigesehnt hätte, an welchem unsere Fähre im Eise einfrieren würde, welcher Tag früher oder später kommen mußte. Mir war jeder Tag, der hinging, von immer größerem Interesse. Ich lebte das Leben des Flusses mit und beobachtete gespannt seine ersterbenden Pulsschläge und seinen launenhaften Lauf durch Innerasiens innerstes Tiefland. Es machte mir Vergnügen, den Gang der Instrumente zu verfolgen, die das Herannahen des Winters, das Abnehmen der Wärme und das Kürzerwerden der Tage anzeigten, und die Karte des unendlichen Flusses entwickelte sich Blatt um Blatt.

Obgleich meine Leute nicht aus demselben Grunde wie ich an der Drift der Flottille Gefallen finden konnten, folgten sie ihr doch mit großem Interesse. Immer lebhafter wurde abends am Lagerfeuer die Unterhaltung, und man rechnete die Tage bis zur Ankunft an den großen Stationen Awwat und den Mündungen des Aksu-darja und des Chotan-darja aus; Schah-jar war noch so weit entfernt, daß es noch nicht in Frage kam. Doch vergingen ihnen die Tage jedenfalls oft recht langsam. Es bedurfte indessen nur z. B. des Einfangens einer Wildente, um Leben in die Gesellschaft zu bringen und ihnen ein wenig Zerstreuung zu gewähren. Ein solches Kerlchen plätscherte heute im Schutze eines gestrandeten Reisigbündels, als die mit Kasim und Nasar bemannte Avisofähre vorbeitrieb. Letzterer hatte seinen Platz im Achter der großen Fähre verlassen müssen, weil er von dem ewigen Inswassersteigen wunde Füße bekommen hatte. Die Ente muß krank oder verängstigt gewesen sein, denn sie ließ sich mit den Händen greifen und wurde in mein Zelt gesetzt. Dort aber kam sie bald auf andere Gedanken, entwischte uns wieder und schwamm dann zwischen den Fähren, bis sie von neuem eingefangen und auf der Proviantfähre angebunden wurde, deren Menagerie sich so um ein neues Mitglied vergrößerte.

Wir hatten jetzt nur noch 16,8 Kubikmeter Wasser unter der Flottille, und die Aussichten für die Fortsetzung der Fahrt begannen wieder bedenklich auszusehen.

29. Kasim mit seinem Fang. (S. 61.)
30. Eingeborene am Ufer des Tarim. (S. 63.)
31. Begräbnisplatz am Sai-tag. (S. 70.)
32. Der Jarkent-darja am Sai-tag. (S. 70.)
33. Falkner mit Jagdadler. (S. 82.)
34. Die Fähre an der Mündung des Aksu-darja. (S. 83.)