Am 22. Oktober legten wir den geradesten Teil des ganzen Flusses zurück. Nur eine einzige Stelle war insofern kritisch, als das Wasser sich dort in zwei Arme teilte, von denen wir den kürzesten wählten. Ich untersuchte vorher mit der Jolle die Tiefen und fand den Arm passierbar. Die Wassertemperatur war jetzt bis auf +10 Grad heruntergegangen; ich hatte daher keine Lust zum Baden. Kasim dagegen hatte entschieden andere Ansichten von der Nützlichkeit eines Bades. Er stand wie gewöhnlich im Achter der Proviantfähre und schob sie mit der Stange vorwärts, wendete aber dabei zu große Kraft an und fiel rücklings in den Fluß, zur riesigen Freude der anderen.
Gerade vor uns verschwindet die breite Straße des Flusses in unendlicher Ferne; es ist eine Serie horizontaler Striche, weißer und schwarzer; die ersteren sind in Verkürzung gesehene Wasserflächen, die letzteren aber Sandbänke und Anschwemmungen.
So kurz die folgende Tagereise auch war, gewährte sie doch viel Abwechslung, und die Männer mußten die ganze Zeit die Augen offen halten. Je mehr wir uns Awwat nähern, desto zahlreicher treten Hirten auf, und ihre Hütten werden auf beiden Ufern immer häufiger. Auf dieser Tagereise passierten wir den Punkt, wo der Kaschgar-darja, unser alter Bekannter Kisil-su, sich in zwei engen, größtenteils von Sand, Schlamm und Vegetation verstopften Armen in den Jarkent-darja ergießt, wobei er ihm nur einen geringen Zuschuß von Wasser zuführt.
Wir waren noch nicht weit gelangt, als ein Reiter am Ufer erschien. Doch sowie er uns erblickt hatte, verschwand er wieder zwischen den Büschen; wir entnahmen daraus, daß es ein Kundschafter gewesen. Nach einer Weile sprengte denn auch richtig ein ganzer Reitertrupp auf das Ufer zu; sie stiegen von den Pferden, breiteten Teppiche auf der Erde aus und luden uns zu einem aus Trauben, Melonen und Brot bestehenden Dastarchan ein. Es war der Joll-begi (Weginspektor) von Jangi-Awwat, der hierher geschickt worden war, um uns willkommen zu heißen. Nach kurzer Rast fuhren wir mit dem Weginspektor als Gast an Bord weiter, während seine Schar uns am linken Ufer begleitete.
Bald darauf tauchte noch eine Schar Reiter in feinen, farbenprächtigen Chalaten und teilweise von ungewöhnlich distinguiertem Aussehen auf. Auch jetzt mußten wir Halt machen und wieder einen Dastarchan annehmen. Es war der Vornehmste der Andischaner Kaufleute in Awwat; auch er wurde an Bord genommen; seine Reiter ritten auf dem rechten Ufer. Wir hatten jetzt also auf beiden Ufern Gefolge.
Noch eine Strecke weiter wurde unsere Ankunft von etwa 30 Reitern an einem Ufervorsprunge erwartet, der mit Früchten, Brot, Eiern und ganzen geschlachteten Schafen vollständig übersät war. Diesmal war es der Bek von Awwat, der in höchsteigener Person uns bewillkommnen wollte; auch er gesellte sich zu den übrigen Gästen auf dem Achterdeck, das jetzt reicher bevölkert war als je zuvor. An den Ufern folgten unserem Zuge ganze Reiterschwadronen. Eine so festliche, stattliche Prozession hatte der Jarkent-darja wohl noch nie gesehen. Acht Falkner zu Pferd waren mit; zwei trugen Adler (Abb. 33), die anderen Jagdfalken, deren wilde Augen unter Kappen verborgen waren; sie gehören bei Galaaufzügen mit zum Staate. Später gaben uns die Raubvögel und ihre Pfleger eine Tamascha (Vorstellung, Schauspiel), die vier Hasen und ein Reh einbrachte.
Beim Dorfe Mattan blieben wir einen Tag, der jedoch nicht unbenutzt geopfert wurde. Ich entwickelte Platten, machte eine astronomische Bestimmung, maß die Wassermenge und sammelte wichtige Aufklärungen über die Gegend und den Fluß bis zur Mündung des Aksu-darja. Die Leute wußten von keinem Hindernisse auf dem Wege dorthin zu erzählen und versicherten, daß wir dann so viel Wasser im Flußbette haben würden, daß es mit rascher Fahrt vorwärtsgehen würde.
Nachdem alle für ihre Dienste entschädigt worden waren und der Bek uns einen neuen, in der Gegend heimischen Jäger und einen neuen Hund besorgt hatte, der den Namen „Hamra“ (Reisegefährte) erhielt, fuhren wir am 25. Oktober tiefer in die Einöden hinein. Die Wassermenge war auf 14,3 Kubikmeter gesunken.
Eine Tatsache, die uns sehr zustatten kam und über deren Dasein und Erklärung man uns in Mattan Bescheid gab, war, daß der Fluß im Oktober wieder ein wenig zu steigen anfängt. Dies würde als Anomalie erscheinen, wenn man nicht eine befriedigende Erklärung dafür erhielte. Der Grund liegt darin, daß das Wasser vieler Bewässerungskanäle, das in dieser Jahreszeit nicht länger für die Äcker gebraucht wird, in Gestalt von Quellen in den Fluß zurückkehrt. Am 26. Oktober fanden wir 17 Kubikmeter, fast 3 Kubikmeter mehr als gestern.
Der 27. war ein interessanter Tag, denn wir wußten, daß wir am Abend an die Mündung des Aksu-darja gelangen würden. Es war ein stiller, herrlicher Herbstmorgen; der Fluß war blank wie ein Spiegel, in dem sich die Ufer so scharf widerspiegelten, daß man genau aufpassen mußte, um zwischen Spiegelbild und Wirklichkeit unterscheiden zu können.
Alten Wald gibt es hier nirgends, nur junge Pappeln, dagegen aber Tamarisken und anderes Gesträuch in Menge. An einem Punkte, wo wir an Land gingen, ergriff Hamra die Flucht, und erst nachdem eine richtige Treibjagd auf ihn angestellt worden war, gelang es uns, ihn wieder einzufangen. Er war ein Wilder, der lange nicht heimisch wurde, und vergeblich versuchte Jolldasch, ihn zum Spielen zu bringen.
Mit steigender Spannung spähten wir nach dem Erscheinen des großen Flusses aus, der für die Männer von Lailik ein Fremdling war, von dessen Dasein sie nur hatten erzählen hören und dem sie sich nun mit einem gewissen Respekt nahten. „Hinter jener Pappel dort,“ erklärte Mollah, „wird er erscheinen.“ Als er sich hierin irrte, versuchte er es mit der nächsten Biegung und verriet damit bloß, daß er hier weniger gut Bescheid wußte als bisher.
Mittlerweile nahm die Stromgeschwindigkeit ab, und schließlich ging es so langsam, daß die Fähre mit den Stangen weitergestoßen werden mußte. Die Leute stießen, schoben und sangen im Takte, denn unser Ziel mußten wir zum Abend erreichen. Bei einer Gelegenheit blieb Alims Stange im Schlamme stecken, während die Fähre weitertrieb; er aber wußte guten Rat, er entledigte sich der Kleider, schwamm zu seiner Stange hin, machte sie los und kehrte dann schwimmend mit ihr nach der Fähre zurück.
Mittags hatten wir in der absoluten Windstille echte Sommerhitze, und ich saß in Hemdärmeln und sog den Duft von Aprikosen, Trauben und Birnen ein, die in einer Schüssel auf dem Teppiche lagen.
Nach ein paar letzten Krümmungen schien sich die Landschaft vor uns aufgetan zu haben, und jetzt trat der mächtige Aksu-darja in all seiner Herrlichkeit hervor (Abb. 34). Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten die Männer von Lailik diesen Riesenfluß und fragten: „Sollen wir uns auf seine unruhige Fläche hinauswagen?“
Merkwürdigerweise biegt der Jarkent-darja gerade beim Zusammenflusse nach Nordwesten ab. Der Aksu-darja kommt von Nordnordwest, und der vereinigte Fluß, der von da an meistens Tarim genannt wird, obwohl bis in die Lop-nor-Gegend noch hin und wieder der Name Jarkent-darja vorkommt, wendet sich nachher nach Osten. Der Aksu-darja ist hinsichtlich der Richtung der bestimmende und, nach Aussage der Eingeborenen, auch zu allen Jahreszeiten der wasserreichere der beiden Flüsse.
Wir verließen den letzten Vorsprung des rechten Ufers und gingen nach dem linken Ufer hinüber. In dem untersten Teile hatte die Strömung nicht nur aufgehört, sondern kehrte unter dem mächtigen Drucke des Wassers des Aksu sogar um. Es hing an einem Haare, so wäre unser Fahrzeug in den nächsten Wasserwirbel hineingezogen worden. Es gelang uns aber noch im letzten Augenblick, am Ufer festen Fuß zu fassen und die Fähre zu vertäuen, sonst wären wir unfehlbar mit fortgerissen worden, und das hätte uns nicht gepaßt, da wir beabsichtigten, an der Stelle des Zusammenflusses selbst, Jarkent-darjaning-kuilüschi, Rast zu machen, um das Fahrwasser genauer zu untersuchen, bevor wir die Reise fortsetzten (Abb. 35).
Der Ruhetag wurde zu allerlei Arbeiten benutzt; ich machte eine astronomische Bestimmung, entwickelte und kopierte Platten, photographierte, machte einen Ausflug mit der Jolle, um das geeignetste Fahrwasser zu sondieren, und kam erst lange nach Mitternacht zur Ruhe. In dem großen Flusse war das Wasser im Gegensatze zu dem des Jarkent-darja, das sich infolge des langsamen Fließens klären kann, sehr trübe. Massen von Wildgänsen flogen über das Lager weg in herrlicher, bewundernswert geordneter, pfeilspitzenförmiger Phalanx, zwischen deren Flügeln sich oft ein paar einzelne Vögel befinden. Ich habe die weiten Reisen dieser klugen Vögel stets bewundert und angestaunt; sie kommen vom Lop-nor und gehen über Jarkent nach Indien. Sie flogen etwa 200 Meter hoch und schrien die ganze Zeit, und ehe noch die eine Schar wie ein Punkt am Horizont verschwunden war, kam schon die zweite mit demselben ängstlichen Geschrei von Osten herangesaust. Diese eilfertigen Pilger finden ihren Weg durch die Luft so sicher, wie die Bächlein der schmelzenden Schneefelder und der Gletscher den Weg nach dem Lop-nor finden. Vielleicht sind sie, gleich den Wassertropfen, willenlose Sklaven einer ihnen innewohnenden Naturkraft. Ich ziehe indessen vor zu glauben, daß sie sich, wenn sie oben in der Luft schreien, über den Weg, den nächsten Rastort oder die ihnen drohenden Gefahren beraten. Gewiß ist, daß man der Phalanx, wenn sie auf unermüdlichen Flügeln über die Erdenmisere hinwegjagt, mit sehnsüchtigen Blicken folgt.
Als wir am Morgen des 29. vom Lande abstießen, klang das „Bißmillah“ der Muselmänner nachdrücklicher als gewöhnlich, und sie standen auf ihren Posten mit gespannten Muskeln und faßten die Stangen mit so festem Griffe, daß die Knöchel der Hände weiß aussahen. Es war jedoch nicht so gefährlich, als sie geglaubt hatten. Die Fähre wurde allerdings von einem ziemlich heftigen Wirbel erfaßt und drehte sich einmal rund herum, glitt dann aber ebenso sicher wie sonst weiter.
Wir hatten nicht weit bis zu dem Punkte, wo der Weg zwischen Chotan und Aksu den Tarim kreuzt; dort gibt es eine Fähre, die sechs Kamele auf einmal überzusetzen vermag.
30. Oktober. Der Fluß war heute wunderbar gerade; keine einzige Biegung betrug 60 Grad, alle waren stumpf und langgestreckt. Der Flußweg war daher nicht viel länger als der Pfad, der längs des linken Ufers nach der Gegend von Schah-jar geht. Die letzte Strecke vor der Dämmerung spähte ich gespannt nach rechts, nach Süden, um mir die Mündung des Chotan-darja nicht entgehen zu lassen. Endlich zeigte sich in dem jungen Walde eine breite Gasse, ein flaches, ein paar Meter über dem Spiegel des Aksu-darja liegendes Bett, das jetzt ganz trocken und leer war. Während der kurzen Zeit, in welcher der Chotan-darja Wasser führt, soll er ein gewaltiger Fluß sein, und tatsächlich wird der Aksu-darja unterhalb dieser Einmündung viel breiter und reich an Anschwemmungen. Doch die Richtung des Hauptflusses wird durch den Nebenfluß nicht im geringsten beeinflußt. Wieder wurde ich an die verhängnisvolle Wüstenreise von 1895 erinnert, doch ich sah in dem Chotan-darja einen treuen Freund wieder, der mir einst das Leben gerettet.
Die Landschaft ist in dieser Gegend einförmig, offen und flach; alles ist groß angelegt: die Wasserflächen sind ausgedehnt, das Schwemmland endlos, die Ufer etwa einen Kilometer auseinander und der Wald so weit entfernt, daß man die Pappeln kaum in der Mittagsbrise rauschen hört.
An Bord herrscht eine heitere Stimmung, und die Männer von Lailik betrachten mit größter Spannung die neue Welt, die sich vor ihren Augen aufrollt. Der Joll-begi ist noch bei uns; er sitzt vor meinem Zelte und gibt mir wertvolle Auskunft über die Gegend, die Namen der Ufer, Hirten und Dörfer und das Wechseln der Wassermenge im Laufe des Jahres. Der neue Hund Hamra fängt allmählich an, sich in sein Schicksal zu finden und sich umzugewöhnen. Er sieht Jolldasch beim Mittagessen sehr auf die Finger, läßt sich aber noch nicht herab, mit ihm zu spielen. Einer unserer Hähne pflegt auf dem First des Zeltes zu sitzen und zu krähen, und die Hühner, die jetzt auf der großen Fähre frei umherlaufen und picken dürfen, machen mir nicht selten eine Visite.
Die Fähre glitt mit außergewöhnlicher Schnelligkeit den endlosen Fluß hinab, und es war schon tief in der Nacht, als wir nicht ohne Schwierigkeit an einem abschüssigen Ufer anlegten. Die ausgelassene, laute Unterhaltung der Leute am Lagerfeuer wurde von dem Bellen einiger verirrter Füchslein, die nach ihrer Mutter schrien, begleitet; so deutete ich mir wenigstens die eigentümlichen Töne, die aus dem Walde erschallten.
Am Morgen des 31. Oktober hatten wir uns noch nicht weit vom Ufer entfernt, als der Wind aufsprang und in kurzer Zeit zu ungewöhnlicher Stärke anschwoll. Ich war winterlich angezogen, im Pelze, mit einer Reisedecke und in Filzstiefeln; trotzdem erfror ich beinahe in diesem heimtückischen Winde, der gerade ins Zelt hineinfuhr und dessen Leinwand wie einen Ballon zu zersprengen drohte. Die Finger erstarren vor Kälte, und man kann nicht so fein wie gewöhnlich zeichnen; man muß dann und wann aufstehen, sich die Hände reiben und die Füße warmstampfen. Das Flußbett ist so breit und flach, daß der Sturm ungehindert über das Land und die Wasserfläche hinfahren kann, welch letztere gestern noch ruhig wie ein Spiegel lag und jetzt zu schaumgekrönten Wellen aufgerührt ist, die so gegen den Vordersteven der Fähre schlagen, daß das ganze Schiff bebt. Da das Zelt fortzufliegen drohte und nicht einmal die Strömung länger gegen den Gegenwind ankonnte, ließ ich halten, obwohl wir nur ein paar Stunden unterwegs waren.
Sobald wir am Lande angelegt, ein Feuer angezündet und uns etwas gewärmt hatten, ließ ich die Jolle auftakeln und eilte, zur großen Bewunderung der Männer, die das Segelboot bei solchem Wetter noch nicht fahren gesehen, auf dem Wege, den wir gekommen waren, wieder zurück. Das leichte Boot flog buchstäblich über das Wasser; die heftigsten Windstöße schienen es so zu heben, daß sein Boden die Wasserfläche nur streifte. Über einen Sandgrund glitt ich wie über ein Nichts hinweg; es knackte im Maste, und das Steuerruder wurde sehr angestrengt, aber es war herrlich in dieser wilden, großartigen Einsamkeit, und bald war die Fähre hinter einer Landspitze verschwunden.
Nun war ich wieder ganz allein im Herzen von Asien; nur die schäumenden Schlagwellen, die herbstlich gelben Schonungen und der in ungezügelter Raserei dahinjagende Wind leisteten mir Gesellschaft, und ein Gefühl des Wohlbehagens erfüllte meine Seele, als gehörten diese unendlichen Strecken mir, und als könnte ich, unabhängig von Mandarinen und Häuptlingen, hier im Lande herrschen, wie ich wollte. Der Wind flüsterte mir ins Ohr, daß dieser gewaltige Fluß hier viele tausend Jahre auf mein Kommen gewartet habe und daß der Tarim, dem Gebote eines höheren Willens gehorchend, seine blanke Bahn nur deshalb durch die Wüste ziehe, damit er mir die beste Fahrstraße nach dem Herzen des Kontinents bieten könne. Wer konnte mir das Eigentumsrecht auf diesen Wasserweg streitig machen? Vielleicht die Hirten, die mit ihren Herden an den Ufern wanderten und wie erschreckte Antilopen entflohen, sobald wir lautlos hinter den Landspitzen auftauchten? Wer konnte uns anhalten, uns Zoll und Paß abfordern? Vielleicht die Tiger, deren smaragdgrüne Augen abends zwischen den Nadeln der finsteren Tamariskendickichte funkelten? Niemand kannte diesen Fluß besser als ich. Die Jäger, diese Kinder wilder Wälder, die wir tagelang mitnahmen und die wir verabschiedeten, sobald ihr Wissen erschöpft war, kannten nur die Gegend, innerhalb deren Grenzen sie der Spur des flüchtigen Hirsches zu folgen pflegten, aber jenseits dieser Grenzen verloren sie sich in Mutmaßungen über das für sie Geheimnisvolle und wußten weder, woher der Fluß kam, noch wohin seine unerschöpflichen Wassermassen eilten. Ich dagegen sammelte in meinen Tagebüchern alles, was die Söhne des Landes wußten; ich lebte Stück für Stück mit diesem rastlosen Flusse, ich fühlte ihm jeden Abend den Puls und maß seine Wassermenge genau, und ich wußte, daß, wenn der Fluß auch Jahrtausende hindurch derselbe geblieben war, er doch sein Bett veränderte, während sein Wasser seinem Untergange in dem fernen Lop-nor entgegeneilte, wo es in anderer Gestalt wieder auferstehen und seinen Kreislauf zwischen Himmel und Erde fortsetzen würde. Die Geschichte und der Lebenslauf des Tarim lagen bei mir in Wort, Bild und Karte wie in einem Archive verwahrt, und kein Tag verging, ohne daß sich das Material vermehrte und zu einer Monographie anwuchs, von der ich in dieser Arbeit nur einen ganz geringen Teil, ohne die ermüdenden Einzelheiten, mitteile.
Auf einer solchen Eilfahrt bei günstigem Winde gedenkt man gar nicht der zunehmenden Entfernungen. Endlich aber erwachte ich aus meinen Träumen, steuerte nach dem nächsten Ufer, zog das Boot hinauf und vertäute es und ging dann in den jungen Wald hinein, um ein Feuer anzuzünden und mein mitgebrachtes Frühstück zu verzehren.
Auf der Rückfahrt dachte ich an die nächste Zukunft und sah sie in den lichtesten Farben glänzen. Was sie in ihrem Schoße tragen konnte, wußte ich nicht, aber ich wußte, daß alle Pläne, um gut zu gelingen, klug ersonnen sein mußten, und deshalb drängten sich mir eine Menge Fragen auf: Würden wir mit dem ganzen Flusse vor Eintreten der Winterkälte fertig werden? Wo sollte das Hauptquartier, von dem die großen Exkursionen ausgehen sollten, aufgeschlagen werden? Würden die Dschigiten mich finden und mir gute Nachrichten aus der Heimat bringen? — Zu rechter Zeit war ich wieder an Bord und kopierte Negative. Ich wollte der Sicherheit wegen von allem zwei Exemplare haben. So wurden z. B. die täglichen Aufzeichnungen erst mit Bleistift in kleine Bücher geschrieben und dann abends mit Tinte in das große Tagebuch eingetragen. Dies verursachte viel Extraarbeit, verlieh aber auch ein Gefühl der Sicherheit; ein Exemplar wenigstens mußte doch glücklich mit heimgebracht werden können.
Das einzige, was meine Geduld sehr auf die Probe stellte, war der Wind oder vielmehr, daß wir meistens Gegenwind hatten. Am 1. November machte der Fluß eine Biegung nach Norden, und der Wind kam aus derselben Richtung. Vorn im Zelte hatte ich den ganzen Tag Schatten, obwohl die Sonne gerade jetzt ein willkommener Gast gewesen wäre. Die Minimaltemperatur war auf −8,8 Grad heruntergegangen, das Wasser in dem auf meinem Nachttische stehenden Glase und die Tinte waren gefroren, und ich schauderte, wenn ich in die eiskalten Kleider kroch. Es wäre einfach gewesen, ein Kohlenbecken in das Zelt zu stellen, aber ich wollte dies so lange wie möglich vermeiden, um den Gang der selbstregistrierenden Instrumente nicht zu stören.
Von Kara-tograk an ist der Fluß so gerade wie noch nie. Er erstreckt sich unendlich weit nach Nordnordosten und vor uns, am Horizont, schien die Wasserfläche direkt in den Himmel überzugehen; es ist, als verließe sie die Erde und ergösse sich in den grenzenlosen Weltenraum.
Während der letzten Tage hatten wir beobachtet, daß der Fluß ein wenig stieg, was davon kam, daß die Kanäle für dieses Jahr gesperrt worden waren und nun dem Flusse den Rest der Anleihe zurückzahlten. Die gewaltige Wassermasse arbeitete mit großer Energie in dem Bette, und an ein paar Stellen, wo die Sanddünen unmittelbar nach dem Ufer abfielen, sah man, wie sie an der Basis unterminiert wurden, so daß allmählich immer neuer Sand nachrutschte.
Wo die Uferwand aus Lehm besteht, ist sie oft nicht nur lotrecht, sondern hängt sogar über. Gerade als wir an solch einem vorspringenden Tische vorbeistrichen, stürzte dieser ins Wasser, überschüttete die Steuerbordseite mit einer kalten Dusche und verursachte solchen Seegang, daß die schwere Fähre stark schaukelte. Ziemlich oft ertönen dumpfe Schüsse wie von einer fernen Festung, wenn Blöcke, die ihr Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen, ins Wasser stürzen.
Eine Strecke weiter unten tauchte eine einsame Wanderin aus dem Schilfe auf. Sie rief uns an und sagte, sie wolle uns zehn Eier schenken. Die Fähre wurde nur so nahe ans Ufer geschoben, daß ihr Achter das Schiff berührte, Islam nahm das Bündel mit den Eiern in Empfang und gab der Frau einige Münzen. Wir brauchten nicht einmal anzuhalten, um das Geschäft abzuschließen. Doch keiner an Bord konnte sagen, wer die Wanderin sei. Es ging uns mit ihr wie mit dem Winde, wir wußten nicht, woher sie kam, noch wohin sie ging.
An dem Lagerplatze dieses Abends, der Leschlik hieß, führten die Fährleute zur Belustigung der anderen ein komisches Schauspiel auf. Zwei Männer tragen je einen Kameraden wie einen Mehlsack auf dem Rücken. Dieser wird, ohne den Zweck zu ahnen, an Händen und Füßen gebunden, jene haben sich mit Stöcken bewaffnet und prügeln aus Leibeskräften auf einander los. Die Schläge treffen die unglücklichen Mehlsäcke, die in Wut geraten und einander ausschimpfen. Wenn es dem einen Träger gelungen ist, dem Sacke seines Gegners einen Hieb zu versetzen, so sucht sich der Gegner zu rächen und prügelt den Sack des ersten Trägers so, daß der Stock pfeift. Das Opfer treibt dann seinen Träger an, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und dieser schlägt nun wieder — nicht den, der die Prügel ausgeteilt hat, sondern seinen gefesselten Reiter. Palta und Naser waren es, die schlugen, und Kasim und Alim diejenigen, welche die Schläge erhielten. Palta und Naser lachten, daß ihnen Tränen in die Augen traten, während Kasim und Alim vor Wut heulten und die Zuschauer, zu denen auch ich gehörte, vor Lachen beinahe erstickten. Um Gelegenheit zur Rache zu erhalten, schlugen Kasim und Alim vor, sie wollten nun auch eine Weile die Rolle der Träger spielen, wogegen aber die beiden anderen protestierten; sie hatten zu nachdrücklich drauflosgeschlagen und hatten nun ein schlechtes Gewissen. Diese Posse hatte den Vorteil, daß beide Parteien in der Abendkälte erwärmt wurden.