Der 30. Januar war ein wenig einladender Tag zum Aufbruche von Tschertschen: Wind, dichte Wolken, Schneefall und ein eiskalter, feuchter Nebel und dabei mittags um 1 Uhr noch −15 Grad. Wir brachen indessen doch auf. Wir waren eine recht stattliche Karawane mit sechs Kamelen, fünf Pferden und einer ganzen Schar Bürger von Tschertschen, die uns bis an den Fluß begleiteten. Mollah Schah wurde fest bei mir angestellt; er schien mir sehr brauchbar für die Reise nach Tibet. Sein Abschied von der Vaterstadt, von seiner Frau und seinen sechs Kindern war so ruhig, als handelte es sich um einen Ausflug von ein paar Tagen. So leicht verläßt kein Europäer sein Heim, wenn er es erst in 2½ Jahren wiedersehen soll.
Wir folgten nicht dem gewöhnlichen Wege auf dem linken Ufer des Flusses, sondern überschritten ihn und durchzogen in den ersten beiden Tagen die Steppen des rechten Ufers, um in Keng-laika zu lagern, wo wir zuerst an den Fluß gelangt waren und wo ich einen astronomisch bestimmten Punkt hatte.
Es war jetzt meine Absicht, so genau wie möglich das alte Bett des Tschertschen-darja festzustellen, das nach Roborowskij, der es jedoch nie selbst gesehen hatte, etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen liegen sollte. Dies war das Problem, das jetzt zu lösen war und das zu dem ursprünglichen Programme gehörte. Es stellte sich nachher heraus, daß die Angaben, welche Roborowskij von den Eingeborenen erhalten hatte, unzuverlässig gewesen waren und einer Revision bedurften.
Um uns ordentlich vorzubereiten und uns vor allem zwei zuverlässige Führer zu sichern, opferten wir einen Rasttag in Keng-laika. Fanden wir das alte Bett, so mußten wir auf eine neue, wenn auch kleinere Wüstenreise vorbereitet sein, denn wir mußten dem Bette folgen, um zu sehen, wohin es führe.
Von den Hirten erhielten wir sofort die unerwartete Auskunft, daß die nördliche der beiden Bodensenkungen, die wir in der Wüste gesehen, sich schon bei Su-ößgen, eine Tagereise abwärts, mit dem Flusse vereinige. Unterhalb dieses Punktes gebe es ihres Wissens im Norden des Flusses kein altes Bett, sondern nur lauter hohen Sand, und was dieser verberge, wisse niemand; dies hatten wir auf unserer Wüstenwanderung selbst schon zur Genüge gesehen.
Bei einem kleinen Salztümpel, dem Schor-köll, verließen wir am 2. Februar den Tschertschen-darja und gingen durch Tamariskensteppen und toten Wald nach dem Tschong-schipang, wie das hintere alte Bett genannt wird (Abb. 64). Es ist sehr deutlich, hat ungefähr dieselbe Breite wie der jetzige Fluß, bildet eine wenig gewundene Rinne im Boden und hat hohe, deutliche Uferwälle oder nivellierte Erosionsterrassen mit Tamarisken oder vereinzelt stehenden, teils lebenden, teils verdorrten Pappeln (Abb. 65). Nach Norden hin erstreckt sich in unabsehbarer Ferne das Sandmeer. Auf dem rechten Ufer des Bettes fanden wir einige größtenteils versandete Hirtenhütten, die wohl ein- bis zweihundert Jahre alt waren.
Weiter oben teilt sich das Bett in zwei Arme, von denen der rechte nach dem Tschertschen-darja zurückgeht, der linke aber nach Ostnordost weiterzieht. In diesem befinden sich die wohlerhaltenen Reste zweier aus Reisig und Pfählen hergestellter Dämme; ihr Zweck ist gewesen, den Fluß zu zwingen, sich nach rechts zu wenden, was jedoch, wenigstens hier, nicht gelungen ist. Auch dieser Arm führte uns allmählich wieder nach dem Tschertschen-darja, den wir bei Su-ößgen erreichten.
Als wir festgestellt hatten, daß in dieser Gegend nördlich vom Flusse kein altes Bett vorhanden ist, zog ich es vor, am rechten Flußufer, wo es keinen Weg gibt, entlang zu wandern. Hier entdeckten wir indes einen Kona-darja oder alten Fluß, ein Beweis dafür, daß sich der Tschertschen-darja nicht immer nach rechts wendet, wenn er seinen Lauf verändert.
In der Nähe des verlassenen Bettes trafen wir die massigsten Pappeln, die ich in ganz Ostturkestan je gesehen habe. Sie sind nicht mehr als 6 oder 7 Meter hoch, aber zwei, die wir maßen, hatten an der Erdoberfläche einen Umfang von 4,75 und 6,80 Meter. Der eigentliche Stamm ist nicht viel mehr als einen Meter hoch, worauf er sich in bizarre, knorrige, dichtbelaubte Zweige teilt. Das Vorkommen derartiger Bäume beweist, daß der Fluß hier jahrhundertelang geströmt hat. Denn wenn man sich der Altersbestimmung der Eingeborenen, daß die Tograk tausend Jahre lebe, tausend Jahre verdorrt auf ihrer Wurzel stehe und tausend Jahre umgestürzt liegen bleibe, ehe sie vergehe, auch nicht gerade anschließt, so kann man doch überzeugt sein, daß diese Veteranen verschiedene Jahrhunderte auf dem Nacken haben.
Gleich hinter diesen Pappeln, die als Einsiedler unter lauter Tamarisken standen, führten uns die Wegweiser nach einem alten muhammedanischen Begräbnisplatze mit mehreren Gumbes und den Überresten einiger Häuser, von denen das größte 15 × 13 Meter maß. Durch den Platz lief ein deutlicher Kanal nach ebenso deutlichen Ackerfeldern.
Wir lagerten an ein paar Gräbern, die wir am 4. Februar genauer untersuchten. Vor drei Jahren waren sie von einigen Hirten ausgegraben worden. Diese hatten natürlich geglaubt, Gold oder andere Wertsachen darin zu finden. Jetzt standen drei Särge am Fuße des Tamariskenkegels, in dem sie begraben gewesen waren. Zwei von den Leichen, die eines älteren Mannes und die einer Frau in mittleren Jahren, waren gut erhalten. Die Haut umschloß dicht das Skelett und war hart wie Pergament. Die Frau war mir besonders interessant. Ihr vollkommen unbeschädigtes Haar war im Nacken mit einem roten Bande zusammengebunden und hatte eine rotbraune Farbe, die bei den Asiaten, an die man hier denken könnte, deren Frauen ihr Haar überdies stets in Flechten tragen, selten vorkommt. Der Schädel hatte indoeuropäische Form, die Stirn war hoch, die Augen lagen gerade, die Jochbeinbogen standen wenig hervor, und die schmale Adlernase hatte längliche, beinahe parallele Nasenlöcher. Es ging daraus unzweideutig hervor, daß man keine Chinesin oder Mongolin vor sich hatte. Dazu kam, daß ihre Kleidung nicht asiatisch war. Sie hatte eine Art Hemd von grober Leinwand an, das enganliegende Ärmel hatte und sich nach unten rockartig erweiterte. Die asiatischen Frauen haben weite Ärmel und bauschige Beinkleider, aber nie Röcke, weil diese ihnen, die nach Männerweise reiten, nur hinderlich sein würden. Um die Stirn hatte sie, ebenso wie der Mann, eine kleine dünne Binde gehabt, die jetzt beinahe ganz zu Staub geworden war. An den Füßen trug sie rote Strümpfe. Bei beiden Leichen waren die Nägel beschnitten, nicht wie bei den Chinesen langgewachsen.
Von der Kleidung des Mannes war nicht mehr viel vorhanden. Das weiße Haar war nicht wie bei den Chinesen teilweise abrasiert, noch weniger in einen Zopf geflochten. In seinem Sarge lag ein einfacher Holzkamm. Die Särge waren schnell und provisorisch zusammengeschlagene Laden von sechs Pappelbrettern mit parallelen Seiten, ebenso hoch wie breit und etwas länger als die Leichen. Ganz in der Nähe sahen wir die Überreste einer alten Hütte, deren Wände aus ineinander geflochtenem Reisig bestanden.
Alles schien anzudeuten, daß die Toten Russen waren, und mir stieg gleich der Gedanke auf, es könnten zwei von den Raskolniken, den russischen Schismatikern, sein, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Sibirien nach dem Lop-nor flohen und von deren weiteren Schicksalen nichts bekannt ist. Der Tamariskenkegel, in den die beiden Särge hineingestellt gewesen, hatte damals, als das Begräbnis stattfand, wohl ebenso ausgesehen wie jetzt.
Unter den jetzigen Bewohnern Ostturkestans findet man oft Typen, die durch Kreuzung mit arischem Blut einen großen Teil der Kennzeichen der mongolischen Rasse verloren haben; doch daß diese Leichen keine muhammedanischen waren, bewiesen die Särge, denn die Muselmänner begraben ihre Leichen nicht in Särgen. Die Hirten behaupteten, daß mehrere andere Kegel ebenfalls Gräber umschlössen, konnten uns aber keine mehr zeigen. Vielleicht hat einmal eine ganze Raskolnikengemeinde diesen vor jeder Religionsverfolgung geschützten Ort aufgesucht. Leider fehlte den Särgen jede Spur von Inschrift.
So überließen wir denn diese geheimnisvollen Gräber ihrer ewigen Ruhe in der Einöde und gingen auf dem rechten Ufer weiter.
Während der letzten Stunden gingen wir auf dem Eise des Tschertschen-darja, das uns beinahe wie ein eigens für uns angelegtes Asphalttrottoir erschien, — so eben und gut ging es sich dort nach all dem Gestrüpp und den trockenen Ästen, die im Walde umherlagen (Abb. 66). Nur in den nach Nordosten gerichteten Krümmungen hatte der Wind den Schnee vom Eise gefegt; sonst lag dieser überall dezimeterhoch, und die auf dem Eise ungeschickten und hilflosen Kamele hatten also hier nichts zu fürchten. An diesem Flusse vermissen wir die energischen Züge des Tarim; das Bett ist nicht so kräftig ausgemeißelt, wird aber auf den Ufern von den unvermeidlichen Pappeln, Tamarisken und Kamischfeldern begleitet. Auf dem rechten Ufer ist der Vegetationsgürtel breiter als auf dem linken, wo er von dem von Norden herandrängenden Sande, dessen hohe, unfruchtbare Dünen gewöhnlich über dem Walde zu sehen sind, stark beeinträchtigt wird.
Am 5. Februar marschierten wir teils auf dem Eise, teils auf dem rechten Ufer in alten Betten, die den verlassenen Krümmungen des Tarim entsprechen (Abb. 67). Tigerspuren kreuzten wir oft. Auf dem Eise lag mitten in einer großen Blutlache das Fell eines Rehs, und um die Lache herum sah man die Spuren von drei, vier Wölfen. Sie hatten ihrem Opfer augenscheinlich auf dem Eise aufgelauert, um es zum Ausgleiten zu bringen, es auf diese Weise überrumpelt und dann einen Schmaus gehalten.
In einem anderen verlassenen Bette, das seit Menschengedenken kein Wasser mehr geführt hat, hing an der Spitze einer Stange ein Hirschschädel; die Gegend heißt infolgedessen Kallaste (der aufgehängte Schädel), welcher Name sich im innersten Asien oft wiederholt. Der Zweck dieses Nischan (Zeichen) ist zu zeigen, wo der Weg geht, wenn dieser aus irgendeinem Grunde, wie Flugsand, Überschwemmung, Buschholz oder dergleichen, schwer erkennbar ist.
Die Kälte dauerte an. In der Nacht auf den 6. hatten wir −29 Grad, aber unerschöpfliche Vorräte von vorzüglichem Brennholz. Bei Ak-ilek-lenger gingen wir nach dem linken Ufer hinüber. Über der Stromrinne knackte das Eis unter dem Gewichte der Kamele recht beunruhigend. Die Karawane begab sich von hier direkt nach Buguluk am Tschertschen-darja, während ich mit zwei Begleitern in dem alten Bette weiterritt, das bei Ak-ilek anfängt und ein paar Kilometer nördlich von dem jetzigen Flusse liegt. Es ist reich an lebender, frischer Vegetation. Als wir gerade vor Buguluk waren, ließen wir das Bett linkerhand liegen und vereinigten uns wieder mit den Unsrigen, die schon an dem Punkte lagerten, wo die Straße von Tscharchlik nach Tschertschen den Fluß kreuzt. Ich hatte diesen Punkt 1896 besucht; wir blieben jetzt einen Tag dort.
Leider mußten wir hier von unseren beiden Führern, welche die Gegenden, in die wir jetzt kamen, nicht genau kannten, Abschied nehmen und unseren Weg allein suchen, bis wir wieder Menschen trafen.
Der eine unserer Führer wußte nur zu erzählen, daß sich einmal ein Hirte aus dem unteren Keng-laika nordwärts in den Sand hineinbegeben habe und schließlich an eine „Kona-schahr“ gelangt sei. Hier habe er acht Tschugune (Kupferkannen) und 40 Ketmene (Spaten) gefunden und mit so viel von der Beute, wie er zu tragen vermocht, den Rückzug nach seiner Hütte angetreten. Während seiner Abwesenheit hätten Wölfe seine Schafe zerrissen, was man allgemein als Strafe für seine Habgier angesehen habe. Er sei darauf nach dem Fundort zurückgekehrt und habe Spaten und Kannen wieder an den Platz gelegt, von dem er sie fortgenommen habe.
Auf derartige Erzählungen kann man natürlich keine Pläne bauen, und es ist überhaupt am besten, nur das zu glauben, was man selbst gesehen und erlebt hat.
Toktamet Bek hatte mir auch eine Räubergeschichte erzählt, die jedoch den Eindruck der Wahrheit machte. Er war einmal in seinem Hause in Tschertschen von sieben Dieben, die in später Nacht bei ihm angeklopft hatten, überfallen worden. Auf seine Frage, wer da sei, hatten sie den Namen eines seiner Bekannten genannt, weshalb er sofort öffnete. Da hatte einer aus der Bande ein Messer gezogen und ihn mit dem Tode bedroht, wenn er nicht schweige und sich binden lasse. Unterdessen plünderten die anderen sein Haus und setzten sich in den Besitz aller Wertgegenstände, sowie einer Summe von 2000 Tenge in geprägtem Silber. Dann hatten sie die Flucht ergriffen und den Bek gebunden mitgeschleppt, damit er keine Gelegenheit habe, Leute zur Verfolgung aufzubieten. Das Interessanteste aber war, daß die Bande von Wasch-schahri den Tschertschen-darja überschritten und sich nordwärts nach dem Tarim begeben hatte, wobei sie einem alten Bette, anscheinend dem Ettek-tarim, gefolgt war. Es war sicher nicht das erste Mal, daß dieses Bett, dessen Bekanntschaft wir bald machen sollten, von flüchtigen Missetätern als Rückzugslinie benutzt wurde.
8. Februar. Jetzt wanderten wir am linken Ufer des Tschertschen-darja abwärts, teils um nicht denselben Weg zurückzulegen wie Roborowskij, teils um zu erforschen, ob sich auf dieser Strecke alte Betten vom Flusse abzweigen oder sich mit ihm vereinigen. Der Fluß ist oft mächtig angeschwollen, und das Ufergebiet bildet eine Terrasse, die ein paar Meter über der Eisfläche liegt. Nur an einem Punkte trat der Sand dicht an den Fluß heran; dort fielen 10 Meter hohe Dünen steil nach dem Eise ab. In einem kleinen Tograkhaine wurde das Lager aufgeschlagen. Obgleich der Tag wie gewöhnlich trübe gewesen, war der Sonnenuntergang doch herrlich, und ein purpurnes Licht ergoß sich über die Dünen, die wie auf dem Sprunge standen, auch dieses kleine Vegetationsband, das der Fluß speist, zu verschlingen.
Der junge Kurban, der anfangs einen so vielversprechenden Eindruck machte, schien in Wirklichkeit ein Schlingel zu sein. So verschwand er z. B. an diesem Abend, nachdem es dunkel geworden war. Alle Tiere befanden sich im Lager, so daß er nicht bei ihnen sein konnte, und sein Pelz war auch da, obwohl es 18 Grad Kälte hatte. Als er Stunde auf Stunde ausblieb und man befürchten mußte, daß Wölfe ihn überfallen hätten, wurden Leute auf die Suche nach ihm ausgeschickt. Nach langer Zeit kehrten sie mit dem Jüngling zurück, der während des Tagemarsches ein Paar Stiefel von einer Kamellast verloren hatte. Islam Bai hielt dem Bengel, der sich später zu einem ausgewachsenen Schelme entwickelte, eine Strafpredigt. Es war ja nichts dabei, daß er ein Paar Stiefel verloren hatte, aber es war dumm von ihm, nicht zu sagen, daß er sie zu suchen beabsichtige. Wir hatten gefürchtet, er sei irgendwo eingeschlafen und könne über Nacht erfrieren.
9. Februar. Erst diese Nacht ließ uns hoffen, daß die ärgste Winterkälte vorüber sei; das Minimumthermometer zeigte nur −20,1 Grad, und die Temperatur hob sich im Laufe des Tages auf −7,6 Grad; so warm hatten wir es seit dem 28. Dezember nicht gehabt. Das Terrain war gut, und wir konnten 30 Kilometer zurücklegen — am Tage vorher wurden es nur 26 —, aber das Land ist trostlos einförmig, und vergebens schaut man nach Menschen aus. Ich war dieser Wüstenei recht überdrüssig und sehnte mich nach einem dankbareren Felde. Wir zogen rasch und in geraden Peilungen über die Steppe zwischen 30 Meter hohen, unfruchtbaren Dünen zur Linken und dem Flusse zur Rechten. Der Fluß gleicht noch immer einem kreideweißen Bande, doch große Strecken sind Anschwemmungen, die jetzt, da alles mit Schnee bedeckt ist, von der Eisdecke fast gar nicht zu unterscheiden sind.
Am folgenden Tage stieg die Temperatur um 1 Uhr auf −2,2 Grad, und wir hatten den ersten Frühlingssturm aus Nordosten, der indessen nur ein schwacher Vorläufer der heftigen Stürme war, die den Frühling im Loplande charakterisieren. Auf der Wanderung nach Nordosten fanden wir ein augenscheinlich ganz verlassenes Bett. Seine Breite betrug 32 Meter, und es war 6½ Meter tief in den Boden eingeschnitten. Es hat also eine völlig andere Gestalt als der jetzige Fluß, der seicht und wohl fünfmal so breit ist, was sich sicher darauf zurückführen läßt, daß der neue Fluß sein Bett noch nicht hat vertiefen können. An den Ufern stand dichter, toter, noch wurzelfester Pappelwald. Im Grunde des Bettes war der Boden an einigen Stellen recht heimtückisch. Zwei Kamele versanken geradezu in losem, leichtem, kartoffelmehlähnlich trockenem Staube. Sie mußten mit Spaten wieder herausgegraben werden.
Vom Anfange dieses alten Bettes an, das sich längs der Grenze des Sandmeeres hinzieht, hört aller Pappelwald an den Ufern des Tschertschen-darja auf; die wenigen dort vorkommenden Bäume sind nicht älter als 30 Jahre. Der ehemalige, jetzt tote Wald begleitet dagegen das verlassene Bett.
Am 11. Februar trafen wir bei der Sattma von Araltschi am linken Ufer des Tschertschen-darja endlich Menschen (Abb. 68). Es waren ein Mann, zwei Knaben und zwei Frauen mit 600 Schafen, sechs Kühen und einigen Pferden und Eseln. Sie teilten uns mit, daß das alte Bett, dem wir gestern gefolgt waren, sich in das äußerste Gebiet des Sandes hineinziehe und sich weiter abwärts mit dem Ettek-tarim vereinige. In einem Monate erwarten sie die „Mus-suji“, die Eisschmelzflut, die zehn Tage lang so gewaltig dahinströmt, daß der Tschertschen-darja dann nicht durchwatet werden kann; wenn diese Frühlingsflut vorbei ist, bleibt nicht viel Wasser in dem Bette zurück und es ist sehr seicht, bis im Spätsommer das eigentliche Hochwasser aus dem Gebirge kommt und es aufs neue füllt.
Jetzt zogen wir auf dem zugefrorenen Flusse weiter nach Osten. Dieser ist so breit wie ein See, und sein Boden liegt beinahe in gleicher Höhe mit den Ufern; im Schilfe des Ufers waren große, jetzt zugefrorene, überschwemmte Strecken zu sehen. Der Name Keng-laika (das ausgedehnte Anschwemmungsgebiet) ist eine sehr passende Bezeichnung für das ganze ausgedehnte Delta des Tschertschen-darja. Daß dieser Teil des Flusses ein sehr junges Gebilde ist, sieht man ganz deutlich; es kann nicht lange her sein, seit der Fluß in dieses südliche Bett übergesiedelt ist.
In einem kleinen Pappelhaine bei Jiggdelik-agil ließen wir uns in der Nähe von zwei Hütten nieder und richteten uns für einen Rasttag, der der Ortsbestimmung gewidmet werden sollte, häuslich ein.
Ich schlief mich an diesem Ruhetage gründlich aus. Man darf nicht durch Gardinen verwöhnt sein, wenn man unter freiem Himmel schläft, besonders nicht, wenn man erst am hellen Tage und bei schon hochstehender Sonne erwacht. Und man darf sich nicht vor den Hirten und ihren Familien genieren, die sich die Morgentoilette des Fremden mit der größten Verwunderung ansehen, während die frei umhergehenden Kamele dicht neben dem Bette vorjährige Pappelblätter auflesen.
Mollah Chodscha, der Herr des Ortes, wußte gut Bescheid; als ich ihn aber bat, uns den Weg nach dem Ettek-tarim, dem früheren Bette des Tschong-tarim, zu zeigen, leugnete er hartnäckig, ihn zu kennen. Er log offenbar, um uns nicht begleiten zu müssen. Meine Leute wollten ihm eine Tracht Prügel verabreichen, um ihn gefügiger zu machen; da mir dieses gewiß wirksame Verfahren jedoch nicht zusagte, beschlossen wir, ihn beim Aufbruch ganz einfach gebunden mitzunehmen und ihn mit dem jetzt bedeutend zusammengeschmolzenen Gepäck auf eines der Kamele zu laden.
Indessen rettete ihn ein für beide Teile glückliches Ereignis von allen Schikanen. Mein alter Freund aus Tscharchlik, Togdasin Bek, kam abends in unserm Lager an, weil er vom Amban jener Stadt Befehl erhalten hatte, nach mir Ausschau zu halten und mir seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Daher war es ihm ein Vergnügen, mich nach dem Ettek-tarim zu führen, dessen Bett ihm schon zweimal als Straße gedient hatte, und er machte mir über dieses Bett höchst unerwartete Mitteilungen, die mit denjenigen, die ich 1896 von Kuntschekkan, dem Bek von Abdall, erhalten hatte, genau übereinstimmten. Der Ettek-tarim, sagte er, ist erst seit 30 Jahren verlassen. Vor dieser Zeit strömte die Hälfte der Wassermenge des Tarim (Jarkent-darja) durch dieses Bett.
Togdasin Bek war einmal auf diesem Wege, wo es jetzt keinen Tropfen Wasser gibt, sogar in einem Boote gerudert. Das zweite Mal hatte er den Ettek-tarim 1877 gesehen, als der berühmte Nias Hakim, Bek von Chotan, der Vertraute und Mörder Jakub Beks, mit einer Karawane von Kamelen, Eseln und Mauleseln von Chotan nach Korla flüchtete, bei welcher Gelegenheit Togdasin Bek ihm diesen Ogri-joll (Diebsweg) zeigen mußte, auf dem alle diejenigen entlang schleichen, die auf dem großen Karawanenwege den Dienern der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen fürchten.
13. Februar. Noch immer hoher Sand zur Linken. Der gute alte Bek zeigte uns jetzt den Weg, und es war merkwürdig, wie gut er Bescheid wußte, obwohl er seit 23 Jahren nicht hier gewesen war. Der Ortssinn der Asiaten ist oft unglaublich scharf ausgebildet. Togdasin konnte z. B. sagen. „Wenn wir noch ein paar “joll„ gehen, kommen wir an eine Stelle mit besserer Weide“ und er irrte sich dabei nie.
Die Kamele sind während der Brunstzeit, deren Höhepunkt gerade im Februar ist, gefährlich und boshaft. Wir haben bloß Hengste und müssen aufpassen, daß sie einander nicht verletzen. Im Lager Koschmet-kölli wurden jedoch zwei Bestien handgemein. Sie kämpften in blinder Wut, die Köpfe am Boden hinstreckend, wickelten ihre Hälse umeinander wie Schlangen, rangen und stießen aus allen Kräften, bissen und schlugen nach allen Seiten aus, und der Geifer spritzte dabei wie Seifenschaum umher. Der Stärkere fuhr seinem Gegner mit dem Kopfe zwischen beide Vorderbeine, um ihn umzuwerfen. Gelingt dies, so kann der Besiegte froh sein, wenn er ohne ernste Verletzungen davonkommt. Das muß jedoch verhindert werden. Alle Männer eilen herbei. Am Nasenstricke ziehen nützt nichts, denn dies fühlt das Kamel, wenn es vor Wut schäumt, gar nicht. Nein, sie schlagen die Kämpfenden so lange mit Knüppeln auf die Nase, bis sie voneinander ablassen und schaumbespritzt und blutig mit vor Haß glühenden Augen nach ihren Weideplätzen zurückkehren. Wir mußten, wenn wir lagerten, den ärgsten Raufbolden stets die Vorderbeine zusammenbinden und ihnen auf dem Marsche Halftern anlegen.
Am 14. Februar machten wir einen ganz kurzen Tagemarsch von nur 15 Kilometer, weil wir bei Basch-agis, dem letzten Punkte, wo wir Wasser bekommen konnten, Halt machen mußten (Abb. 69). Der nördlichste Arm des Tschertschen-darja biegt an diesem Punkte nach Südosten ab nach dem Lop-kölli, wie der Kara-buran hier ausschließlich genannt wird. Wir hatten drei Tagereisen in wasserloser Gegend vor uns und mußten für unseren eigenen und den Bedarf der Pferde ein paar Säcke Eis mitnehmen.
Um 1 Uhr zeigte das Thermometer +0,4 Grad; es war das erste Mal seit dem heiligen Abend, an dem wir +0,1 Grad hatten, daß das Quecksilber über Null stand. Doch ging die Temperatur in der Nacht bis −24 Grad herunter.
Als wir am 15. Februar nach Nordosten wanderten, entfernten wir uns nach und nach von dem hohen Sande, der jedoch noch immer in etwa 5 Kilometer Entfernung zu sehen war.
Am Julgunluk-köll (Tamariskensee) erreichten wir den Ettek-tarim, dessen Bett von hier an nach Süden geht und der seinerzeit unweit des jetzigen Fischerdorfes Lop in den Kara-buran mündete. Wir folgten seinem Laufe den ganzen Tag nach Norden. Hier wächst frisches, saftiges Buschholz ziemlich üppig, obwohl der Erdboden überall so trocken wie Zunder ist. Daß jedoch das Grundwasser nicht fehlt, sieht man schon an dem Julgunluk-kuduk, der gegenwärtig versandet war. Ein aus einem Pappelstumpfe ausgehöhlter Wassertrog für Pferde und Esel zeigte auch, daß dieser Schleichweg gelegentlich benutzt wird, besonders von Leuten, die „Jiggde“(Elaeagnus)-Beeren sammeln. Die das Bett umgebenden Sanddünen sind höchstens 4 Meter hoch. Das Bett des Ettek-tarim ist sehr deutlich, und man sieht gleich, daß es nicht länger als einige dreißig Jahre her sein kann, seit der Fluß es verlassen hat. Es markiert sich als eine nackte, von lichten Wäldern und Dickichten eingefaßte Rinne. Auch der gewundene Verlauf der letzten Stromrinne tritt in dem Bette als deutliche Vertiefung hervor. Sogar Treibholz steckt hier und dort noch im Boden.
Ein paar geophysische Charakterzüge, auf die ich nur flüchtig hinweisen will, dienen zur Beleuchtung meiner Theorien über die Wanderungen des Lop-nor. Erstens beweist die Tatsache, daß der Ettek-tarim reich an lebenskräftigem Pappelwalde ist, während an dem entsprechenden Teile des Tarim jeder Wald fehlt, daß letzterer ein neugebildeter Fluß ist, an dem der Wald noch nicht hat groß werden können. Zweitens beweist die kolossale Anhäufung von Flugsand, die wir an dem heutigen Lagerplatze fanden und die den bezeichnenden Namen Tag-kum (Berg-Sand) trägt, daß der Tarim in früherer Zeit im Osten dieser Stelle noch nicht existiert hat, denn sonst hätte der hier herrschende Ostwind nicht solche Massen von Sand hierher treiben können. Dies hat nur zu einer Zeit geschehen können, als sich der Tarim noch in den alten, jetzt ausgetrockneten Lopsee ergoß. Schließlich ist zu beachten, daß der Sand zwischen dem Ettek-tarim und unteren Tarim vom Tag-kum an nach Norden wesentlich abnimmt. Er hat sich in den Gegenden, die auf der Leeseite des alten Lopsees lagen, nicht anhäufen können.
Das Vegetationsgebiet des Ettek-tarim bildet einen 3 Kilometer breiten Gürtel, gegen welchen im Osten der hohe Sand steil abfällt; im Westen dagegen erheben sich die Dünen langsam zu den gewaltigen Protuberanzen, die wir weiter westlich in der innersten Wüste gesehen hatten.
16. Februar. Während meine Leute die Kamele beluden, erstieg ich am Morgen den höchsten Kamm des Tag-kum, der wohl 50 oder 60 Meter über den Wald emporragt. Man hat von hier eine orientierende Aussicht. Im Nordosten erscheint eine Bajir von dem gewöhnlichen Aussehen dieser Mulden und mit den charakteristischen konzentrischen Ringen. Im Osten wird diese Bodensenkung von einer Sandmauer begrenzt, die nur halb so hoch ist wie der Tag-kum. Weiter nach Osten hin nimmt der Sand ab in der Richtung nach dem rechten Ufer des Tarim, dessen Vegetationsgürtel man an dem dunkleren Farbentone erkennt. Im Osten des Tarim taucht wieder Sand auf, der stets nach Westen steil abfällt.
Es liegt die Annahme nahe, daß diese Bajirmulden in der ganzen Wüste verstreut liegen und ein Werk des Windes sind. In dem Bette des Ettek-tarim haben sich bisher nur unbedeutende Dünen anhäufen können, aber im Walde sind sie schon 3 bis 4 Meter hoch. Einstweilen liegt das Bett noch geschützt vor der großen Flutwelle von Sand, die sich langsam nähert und es zu begraben droht. Teilweise ist es jedoch schon geschehen; die Welle des Tag-kum hat einen Teil des Ettek-tarim-Bettes begraben, und weiter nach Norden hin verschwindet das Bett oft unter dem nachdringenden Sande. Die Bajirmulden sind nicht stationär, sie wandern nach Westen über den Boden der Wüste. Sie entstehen an seinem Ostrande und verschwinden im fernen Westen, wo andere, weniger regelmäßige Windverhältnisse herrschen. Eine Bajir erhält sich also während ihres ganzen Daseins, obwohl ihr Boden sich im Laufe von 100 Jahren erneuert, wenn man die Geschwindigkeit der Wanderung der Dünen auf zirka 5 Meter im Jahre veranschlagt. Wenn auch die Wellen der Dünen denselben Windgesetzen wie die Wogen des Meeres gehorchen, so liegt doch ein großer Unterschied darin, daß sich bei den Meereswogen nur die Wellenbewegung fortpflanzt, das Wasser aber an seiner Stelle bleibt, während sich bei den Sandwogen auch das Material weiterbewegt, vorwärts gestoßen wird und überschwemmt. Würde der Wind nicht neues Material zuführen, so würde der vorhandene Sand weggefegt werden.
Gegen Norden zeigt der Wald Neigung zum Absterben. Die Wurzeln scheinen nur noch gerade bis zum Grundwasser hinunter zu reichen; doch ist er noch dicht, und Stämme von 2,45 Meter Umfang sind nichts Außergewöhnliches. Am östlichen Ufer des Ettek-tarim ist der Wald unvergleichlich viel reicher als auf dem westlichen, weil jenes im Windschatten geschützt liegt, während die Vegetation des letzteren vom Sande langsam erstickt wird.
Auf der letzten Tagereise in diesem alten lehrreichen Bette kam toter Wald ebenso häufig vor wie lebender, und die Vernichtung ist hier im allgemeinen weiter vorgeschritten, indem sich die Sandmassen beider Ufer einander bis auf 300 Meter genähert haben. Sie haben hie und da schon eine Brücke von kleineren Dünen zueinander hinübergespannt.
Bei Tana-baglagan zeigten sich frische Spuren von Wasser. Im vorigen Jahre hatte man von Basch-argan am Tarim einen Kanal gegraben, in der Absicht, das ausgetrocknete Bett des Ettek-tarim wieder zu füllen, um ausgedehntere Weidegründe zu erhalten und die noch vorhandene Vegetation zu retten. Aber der kleine Kanal war nur mit Mühe bis Tana-baglagan geführt worden, und man hatte das Unternehmen aufgegeben.
Endlich erreichten wir bei Basch-argan wieder unseren alten Freund, den Tarim. Wie klein und unansehnlich zeigte sich jetzt dieser Fluß, der im Herbst auf uns einen so mächtigen Eindruck gemacht hatte! Gefesselt und regungslos lag er da, einem schmalen, eisbedeckten Kanale ohne Alluvialbildungen gleichend. Die Eisdecke sah aus wie eine Rinne mit emporstehenden Rändern — das Wasser war nämlich gefallen, seit der Fluß zugefroren war. Als der Tarim zufror, hatte er eine Breite von 43 Meter, aber jetzt war er nur 23,6 Meter breit. In der Wake, aus der wir die Kamele, die drei Tage gedurstet hatten, tränkten, war die Eisdecke 52 Zentimeter dick. Dann gingen wir durch Wald, Dickicht und Unterholz nach Argan oder Airilgan, wo wir Lager schlugen.
Der 18. Februar, ein Sonntag, wurde zur Ruhe bestimmt. Der Tarim hatte beim Zusammenfluß eine Breite von 59 Meter; der Kontsche- oder Kun-tschekkisch-tarim war 24 Meter, und der vereinigte Fluß, der nach dem Kara-buran hinuntergeht, 76,8 Meter breit. Unser Lager stand auf der Landspitze zwischen dem Tarim und dem vereinigten Flusse, welchen Punkt wir bei zwei späteren Gelegenheiten wieder besuchen sollten und der also sowohl für topographische wie für astronomische Messungen ein wichtiger Knoten- und Kontrollpunkt wurde. Von hier zog der prächtige alte Togdasin Bek wieder heim, der uns anderthalb Jahre später noch mehr Dienste leisten sollte.