Abdu Rehim gab mir manche Auskunft über die Eigenschaften des wilden Kamels, die mit dem übereinstimmte, was ich 1896 von dem alten Kameljäger am unteren Kerija-darja darüber erfahren hatte.
In der gegenwärtigen Jahreszeit muß das Kamel alle acht Tage saufen, im Winter aber kann es zwei Wochen dursten. Doch kann es auch im Sommer das Wasser einen halben Monat entbehren, wenn es saftige Weide hat. Daß es den Durst im Winter nicht länger als 14 Tage ertragen kann, hat seinen Grund darin, daß das Futter dann vertrocknet ist. Die Tiere kennen die Lage der Quellen so genau, als richteten sie sich nach Karte und Kompaß. Die Jungen sind von ihren Müttern dorthin geführt worden, und die Reliefverhältnisse des Terrains verwachsen mit ihrem Bewußtsein. Auch stark salzhaltiges Wasser saufen sie mit großem Behagen. Zwischen Tamarisken und im Schilfe, wie auch überall, wo der Schütze Deckung findet, kann er gegen frischen Wind bis auf 30 Schritt an das Tier herankommen, und im allgemeinen schießt er nicht gern aus größerer Entfernung als 50 Schritt.
Der Geruch ist der feinste Sinn des Kamels, und es soll den Menschen in einer Entfernung von 20 Kilometer wittern können; wenn es merkt, daß etwas nicht geheuer ist, entflieht es mit Windesschnelle. Gleich seinen Vettern am Kerija-darja hegt es große Furcht vor dem Rauche von Lagerfeuern. Es flieht auch vor dem zahmen Kamele mit Packsattel, ja selbst, wenn dieser abgenommen ist, denn es wittert sogleich den fremden Geruch des zahmen Kamels. Dagegen war es bisweilen vorgekommen, daß junge, noch nicht zur Arbeit verwendete Kamele sich in wilde Herden hineinverirrt und dort Aufnahme gefunden hatten. Bei einer solchen Gelegenheit hatte einmal Abdu Rehims Bruder ein seinem Vater gehöriges Kamel in dem Glauben, es sei ein wildes, geschossen. Im großen und ganzen scheinen die Kamele des Kurruk-tag dieselben Eigenschaften zu haben wie die vom Kerija-darja. Sie vermeiden bewohnte Gegenden sowie Stellen, welche Menschen, wenn auch noch so selten, passieren. In Verbindung hiermit sei erwähnt, daß nach Prschewalskij wilde Kamele in der Kum-tag-Wüste östlich vom Sumpfe des Kara-koschun häufig vorkamen. Jetzt fehlen sie in dieser Wüste oder sind wenigstens sehr selten geworden, was seinen Grund in dem Austrocknen des Sees, wie auch darin haben kann, daß die noch vorhandenen Wasserflächen bewohnten Gegenden zu nahe liegen.
Die wilden Kamele nähern sich einem Platze, wo Jäger gelagert haben, für längere Zeit nicht wieder. Abdu Rehim glaubte, sie würden nicht eher als nach dem nächsten Regen wieder nach Jardang-bulak kommen oder dort wenigstens nicht eher weiden, als bis die Stelle reingewaschen und jede Spur unserer Feuer fortgeschwemmt worden sei. Im allgemeinen bleibt die Kamelherde bloß 2–3 Tage an einem Platze mit Weide und sucht dann einen anderen auf. Nach einer Quelle gehen sie nur, um zu trinken, und bleiben nie länger dort, selbst wenn die Weide noch so gut ist. Mein Gewährsmann behauptete, dem Kamele sage sein Instinkt, daß es bei den Quellen die größte Gefahr laufe, mit Menschen zusammenzutreffen. Wenn es solche gesehen oder gewittert hat, flieht es mehrere Tage ohne Aufenthalt, bewerkstelligt seinen Rückzug aber im ganzen mit großer Ruhe. Findet es auf der Flucht Weide, so hält es sich dort eine Weile auf und frißt sich satt, bevor es weiterläuft. Wenn die Nacht hereinbricht, legt es sich neben eine Tamariske, wo der Boden weich ist, und setzt seine Flucht erst fort, wenn es wieder hell ist. Es frißt alles mögliche aus dem Pflanzenreiche, am liebsten aber trockene, losgerissene, vom Winde verwehte Grasbüschel. Auch die Weideplätze findet es mit überraschender Sicherheit auf und begibt sich in gerader Linie vom einen zum anderen, selbst wenn sie mehrere Tagemärsche weit voneinander entfernt liegen und die Gegend keine Anhaltspunkte für die Orientierung zu bieten scheint.
Während der Brunst, die in die Monate Dezember, Januar und Februar fällt, kämpfen die Männchen förmliche Schlachten. Sie beißen sich, wo sie sich nur treffen. Der im Streite Unterliegende muß oft einsam und allein abziehen, während dem Sieger dann bis zu acht Weibchen zufallen können. Geraten zwei gleich starke Männchen aneinander, so trennen sie sich nicht eher, als bis eines oder beide kampfunfähig geworden sind. Sie richten einander mit den Zähnen gräßlich zu und ziehen sich blutig und zerbissen zurück; oft reißen sie einander ganze Fleischstücke aus dem Leibe, und selten trifft man ein ausgewachsenes Männchen, das nicht durch scheußliche Narben entstellt ist.
Oft stößt man auf einzelne Kamele, auch auf Paare; aber Herden von 4 oder 6 Tieren sind die Regel, während Herden von 12–15 selten sind; stets ist jedoch ein starkes Männchen der Führer. Das zahme Kamelweibchen geht ein Jahr lang trächtig, bei dem wilden soll es 14 Monate dauern. Man ist der Ansicht, daß das zahme jeden 18. Monat ein Junges gebären kann, und zwar zum ersten Male im Alter von 8 und zum letzten Male mit 15 Jahren. Das Junge wird 40 Tage gesäugt, ehe es Gras fressen lernt, setzt das Säugen aber noch über ein Jahr fort. Bevor es anderthalb Monate alt ist, kann es mit dem Maule kaum an die Erde kommen. Bei den wilden soll es ebenso sein.
Das zahme Kamel ist bis zum Alter von 20 Jahren arbeitsfähig. Das wilde soll 50 Jahre alt werden, was jedoch unsicher und unwahrscheinlich ist. Doch Abdu Rehim hatte einmal in den Muskeln eines alten Kamelmännchens eine mongolische Kugel gefunden, deren Form erkennen ließ, daß sie dort 40–50 Jahre gesessen haben mußte, denn solange bedienten sich die Mongolen schon nicht mehr solcher Kugeln. Seinen Beschreibungen nach schienen die Kamele der Berge schwerer zu schießen zu sein als die der Takla-makan. Tschernoff glaubte, dies könne darauf beruhen, daß die Jäger des Landes weniger reichliche Pulverladung in ihren Flinten haben als wir und daß ihre Waffen unvollkommener sind. Die Kugel dringt nicht tief genug ein und bleibt oft sitzen, ohne ein empfindliches Organ verletzt zu haben.
Zwischen Jardang-bulak und Chami kommt das wilde Kamel überall vor. Es geht nach Westen hin nie über den Weg zwischen Jing-pen und Turfan hinaus. Unser Lager Nr. 6 (am 13. März) kann als sein westlichster Verbreitungspunkt im Bette des Kurruk-darja betrachtet werden. Im Kurruk-tag findet man es am häufigsten im Tale von Altimisch-bulak und östlich von diesem. Es ist aber ein unruhiges Tier, das ein Nomadenleben im großen Stile führt.
Abdu Rehim war 6 Jahre Kameljäger gewesen und hatte in dieser Zeit 13 Kamele erlegt, was darauf schließen läßt, daß sie eine keineswegs leicht zu gewinnende Beute sind. Sein Vater hatte einmal versucht, ein Junges zu fangen, um es aufzuziehen und zu zähmen. Geduldig legte er sich auf die Lauer. Sobald das Junge geboren war, witterte jedoch die Mutter Unrat, nahm das Neugeborene zwischen Hals und Kinn und entfloh mit solcher Geschwindigkeit, daß sie nicht einzuholen war.
Bevor uns der prächtige junge Abdu Rehim verläßt, seien noch ein paar Worte über seine Familie gesagt. Er ist ein Sohn des Pavans Ahmed, der seit 40 Jahren in Singer mit seinen vier Söhnen wohnt, die alle dort geboren und von denen drei verheiratet sind. Alle Bewohner des Dörfchens sind demnach Mitglieder der Familie Ahmeds. Der älteste Sohn ist Karaultschi, der vom Amban von Dural eingesetzte Stationswächter des Dorfes. Wenn in der Gegend etwas Unerlaubtes oder Verdächtiges geschieht, ist es seine Pflicht, darüber Bericht zu erstatten. Er ist Besitzer von 200 Schafen, die ein Mongole in der Gegend von Argan unter der Bedingung hütet, daß die Hälfte der im Jahre geborenen Lämmer dem Mongolen, die andere Hälfte aber Ahmed zufällt, welch letzterer auch noch so viel Wolle beansprucht, wie zur Herstellung von drei Kigis (Filzdecken) erforderlich ist. Den Rest darf der Mongole, der selbst große Herden besitzt, behalten.
Ferner ist Ahmed Besitzer von 27 Kamelen, mit denen er nicht selten Geschäfte macht, indem er neue ankauft, wenn sie billig sind, und sie teuer verkauft, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Schließlich hat er noch 2 Pferde und 10 Kühe. Er baut Weizen, Gerste, Melonen, Zwiebeln und andere Gemüse in Singer, wo der Boden besonders ergiebig sein soll, so daß sie dort jedes Jahr auf Ernte rechnen können, während man in anderen Gegenden die Äcker einige Jahre ruhen lassen muß. Die Leute sind von ihrem Dorfe entzückt und möchten mit keinem anderen tauschen.
Abdu Rehim war ein hübscher, munterer, kräftiger und zuverlässiger Mensch, und was ich an ihm besonders schätzte, war seine Wahrheitsliebe und die Zuverlässigkeit seiner Angaben. Konnte er eine gewünschte Auskunft nicht erteilen, so antwortete er, daß er es nicht wisse. Sonst pflegen die Muselmänner in einem solchen Falle rasch eine Geschichte zu erfinden. Er besorgte seine acht Kamele mit bewundernswerter Geschicklichkeit, war überall bei der Hand, belud und lud ab wie ein Sklave und fand den geraden Weg zwischen den Quellen wie ein wildes Kamel. Ihn zu sehen, wie er sich mit der schweren, plumpen Flinte auf der Schulter auf sein Reitkamel schwang, war ein wahres Vergnügen; er war geschmeidig und stark wie ein Tiger. Jeden Abend pflegte ich ihn in mein Zelt zu rufen, um ihn eine Stunde lang über seine Erfahrungen auszuhorchen. Ich versuchte, ihn noch länger an unsere Karawane zu fesseln, aber er sehnte sich nach seinem Heim in den Bergen zurück.
Beim Aufbruch am 18. März wurden sieben Ziegenfellschläuche und zwei Säcke mit Eis mitgenommen, sowie zwei Säcke Kamisch, um an Lagerplätzen ohne Weide sparsam an die Kamele verteilt zu werden. Unterwegs sahen wir Spuren von einem alten und einem jungen Kamele, und zwar so frische, daß die Tiere am selben Morgen dort gegangen sein mußten. Tschernoff brannte vor Eifer und verschwand, von Chodai Kullu begleitet, hinter den Hügeln. Abdu Rehim ritt wie gewöhnlich an der Spitze, seine Kamele anführend, ihm folgte Faisullah mit unseren vier Tieren; ich war der letzte. Ördek ging gewöhnlich zu Fuß.
Plötzlich machte der Vortrab Halt, und die Männer saßen ab. Sie hatten ein großes, liegendes Kamel wahrgenommen. Abdu Rehim kroch mit der Flinte auf dem Rücken am Boden entlang. Ich schlich mich zu ihm hin und beobachtete mit dem Fernglase eine Herde, die aus einem großen schwarzen Bughra (Männchen) und fünf helleren Kamelen bestand. Das Bughra hatte sich gerade erhoben und wendete den Kopf mit aufgeblähten Nüstern unruhig und aufmerksam nach unserer Seite. Drei von den anderen lagen wiederkäuend, und zwei weideten.
Während wir anderen in einer Entfernung von 800 Schritt auf einem gutversteckten Aussichtspunkte, von dem man allen Bewegungen der Herde folgen konnte, stehenblieben, schlich Abdu Rehim nach dem Platze, wohin auch Tschernoff durch die Spuren geleitet worden war. Doch der Wind kam gerade von hier, und das Männchen witterte offenbar Unrat. Es ging nach Westen, wo die Weibchen lagen, blieb stehen, schnüffelte, den Blick unverwandt nach unserer Seite gerichtet, in der Luft und ging dann weiter; die anderen, zwei ausgewachsene Weibchen und drei Jährlingsfüllen, merkten nichts.
Jetzt krachte ein Schuß. Er traf nicht, die Entfernung war zu groß; aber, erschreckt von dem Knall, ergriff das Bughra schleunigst die Flucht. Die Weibchen zögerten einen Augenblick, schnellten darauf wie Sprungfedern in die Höhe und schwenkten in so starkem Galopp ab, daß der Staub hinter ihnen aufwirbelte. Das Bughra lief allein, die anderen dicht aneinander gedrängt 100 Schritt rechts von ihm. Ich betrachtete die Schar durch das Fernglas, aber nach wenigen Minuten waren die großen Tiere zu kleinen schwarzen Punkten zusammengeschrumpft, und nachher sah ich nur noch die Staubwolke, die ihren Weg angab. Die Tiere flohen mit großer Schnelligkeit und ohne sich zu verschnaufen; sie waren in den Wind hineingekommen, der ihnen den Karawanengeruch zuführte, und hatten die Gefahr erkannt. Abdu Rehim glaubte, daß sie drei Tage in der Sandwüste bleiben würden, ehe sie sich auf einem weiten Umweg wieder in die Berge wagten.
Sehr weit waren wir auch am folgenden Morgen noch nicht gelangt, als die Schützen wieder anhielten und nach Süden zeigten, wo ein einsames Kamel philosophierend zwischen toten Tamariskenkegeln umherspazierte. Drei Flintenläufe wurden auf das Tier gerichtet, und drei Schüsse krachten, aber die Entfernung war zu groß, und das Kamel lief in wenig hastigem Trabe nach Nordosten; dabei kreuzte es unseren Weg, so daß wir es jetzt zur Linken hatten, wo es plötzlich stehenblieb und sich die Friedensstörer der Wüste betrachtete. Daß die Hunde auf das Kamel losstürmten, ließ es sich mit merkwürdiger Ruhe gefallen. Tschernoff schoß wieder, worauf das Tier zusammenzuckte, alle Beine spreizte, den Schwanz aufrichtete und ziemlich langsam, die Hunde auf den Fersen, nach Osten lief. Verwundet war es, das sah man an den spärlichen Blutspuren, aber die Verwundung schien nur leicht zu sein, und es entschwand uns bald aus dem Gesichte.
Wir hatten einen neuen Beweis von der unbegreiflichen Dummheit und Unvorsichtigkeit des wilden Kamels erhalten. Das jetzt in Frage kommende schien sich außerordentlich für unsere Kamele zu interessieren und stand nach der ersten Salve einige Augenblicke ganz still. Tschernoff verfolgte es zu Pferd und näherte sich ihm auf 50 Schritt, aber die Hunde verdarben ihm die Jagd. Das Kamel, eines jener einsamen Männchen, die von einem stärkeren Nebenbuhler besiegt worden sind, war wohl gerade an die Quelle gekommen, um zu saufen. Es hatte sicherlich nur eine ungefährliche Schramme erhalten.
Zur Linken haben wir noch immer die untere Terrasse und finden auf ihr unzählige tiefe Regenwasserrinnen. Zur Rechten schlängelt sich der Kurruk-darja mit seinem toten Walde und seinen Jarterrassen. Von dieser Gegend an sind Schneckengehäuse (Limnaea) außerordentlich häufig. Hier hat es also an den Seiten des früheren Flusses Uferseen gegeben. Diese Behauptung bedarf keines anderen Beweises als des Vorkommens von Süßwassermollusken, die sich nicht in schnell strömendem Flußwasser, sondern nur in stillen Seen und Lagunen mit reichlicher Vegetation aufhalten.
Dann überschreiten wir das Bett und gehen nach Südosten, um ein Bild von dem Aussehen der Wüste nach dieser Seite hin zu erhalten. Der harte Felsboden ist außerordentlich unangenehm und höckerig. Die Jardang werden niedriger, die Furchen zwischen ihnen sind nur einen Fuß tief eingeschnitten, aber die Kamele stolpern über diese ewigen Schwellen. Sand tritt auf, bildet aber keine Dünen. Ördek fand einige Scherben eines an starkem Feuer gebrannten Tongefäßes und eine Art von Schiefer. Noch aufrechtstehende Pappelstämme sind nicht ungewöhnlich, aber sie sind tot und grau, spröde und zerbrechlich. Sie sind stets dünn, als ob nur ihr innerstes Mark der Beschädigung durch die Atmosphärilien zu widerstehen vermöchte. Der Boden ist mit Limnaeaschalen bestreut. Tschidschegan (totes Kamisch), gestutzt wie die Borsten einer Scheuerbürste, bedeckt große Flächen; es sind die früheren, üppigen Felder auf den Ufern dieses Flusses und seiner Lagunen.
Es kam uns sehr unerwartet, daß wir in einer Bodensenkung ein Dutzend lebender Pappeln fanden, die allerdings kümmerlich aussahen, aber doch Wurzeln hatten, um ihren Lebenssaft aus dem Grundwasser zu saugen. Um sie herum kreuzten sich mehrere Kamelspuren, und man sah auch die Fährte eines Wolfes, der von Süden gekommen war, wohin auch ein paar Kamelspuren gingen. Abdu Rehim glaubte, daß es nach dieser Richtung hin Weide gebe oder daß dort ein See liege. Er hatte nie vom Awullu-köll gehört und ahnte gar nicht, wie recht er hatte.
Wir ziehen dann zwischen 3 Meter hohen, steil nach Westsüdwest abfallenden Dünen hindurch, die außerordentlich regelmäßig gebildet sind, eine hübsche Halbmondform haben und isoliert liegen. Im Süden dieses noch in den Windeln liegenden Übersandungsgürtels erscheinen höhere Dünen, zwischen denen jedoch noch immer toter Wald auftritt. Es war nicht unsere Absicht, uns jetzt in dieser Richtung noch weiter zu begeben, sondern wir kehrten nach Nordosten zurück und lagerten in einer wüsten Gegend, wo die Kamele, die hier in der Heimat ihrer wilden Verwandten stets angebunden wurden, Kamisch aus den Säcken erhielten.
Oft verlieren wir das alte Bett ganz, um uns dann nach stundenlangem Suchen plötzlich wieder am Rande einer Biegung zu befinden. Wahrscheinlich finden wir in dem gegenwärtigen Relief der Landschaft verschiedene hydrographische Epochen abgespiegelt. Die außerordentlich scharf markierte Terrasse am Fuße des untersten Sai ist eine Uferlinie, die seinerzeit von den Wellen eines sehr ansehnlichen Sees bespült worden ist. Dieser ist nach und nach flacher geworden und zusammengeschrumpft; die Schneckenschalen sind liegen geblieben und zeigen, welche Gegenden früher unter Wasser standen.
Die Wüste wird immer unfruchtbarer. Oft kreuzen wir nach Süden führende Kamelspuren; es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Kamel sich nach dem Awullu-köll, der selten von Lopleuten besucht wird, zu begeben pflegt. Und dann geht unser Zug wieder durch ein Stück Flußbett, das bewundernswert deutlich ist. Es ist 94 Meter breit, 6,5 Meter tief eingeschnitten und trägt auf seinen Ufern toten Wald. Es ist ein fossiler Fluß. Nimmt man ein Stück vom Tarim, läßt sein Wasser verschwinden und seinen Wald welken und verdorren, so wird das Resultat genau dasselbe sein, das wir hier vor uns hatten.
Wir rasteten in einer Bodensenkung.
Von diesem Lager folgten wir einem Kamelpfade, der jedoch wahrscheinlich nur einmal von einer Herde benutzt worden war, denn es liegt nicht in der Natur des wilden Kamels, sich an bestimmte Wege zu halten, sondern es pflegt im Gegenteil seine Sicherheit dadurch zu vergrößern, daß es sich davon ganz unabhängig macht. In dieser Beziehung ist es schlauer als der Tiger, der sich in Fallen fangen läßt, weil er stets alte Wege benutzt.
Die Landschaft verändert sich wenig. Die Berge sehen eher aus wie eine niedrige Hügelreihe mit eingekerbtem Kamme. Toter Wald ist spärlich, aufrechtstehende Stämme selten. Rechts ein Meer von Jardang mit Milliarden von Schneckenschalen. Ördek fand einen Tonkrug, Stücke einer großen Schüssel mit einem glasierten Rankenornament und ein Stück von einem großen Kupferkessel mit horizontal umgebogenem Rande. Hier hat ein Gehöft oder ein kleiner Weiler gelegen; jedenfalls zeigte der Fund, daß die Gegend bewohnt gewesen ist. Die Gefäße waren chinesische Arbeit.
Während des heutigen Tages hörte das Bett des Kurruk-darja ganz auf, und der Boden, den wir jetzt betraten, war ehemals vom Wasser des alten Lop-nor-Sees überschwemmt. Daher endigte der Wald hier, die Schnecken aber waren noch zahlreicher als früher. Die Jardang bildeten jetzt ein paar Meter breite und einen Meter hohe Rücken von ziemlich festem, horizontal geschichtetem gelbem Tone, deren Richtung Nordost-Südwest war und die einander bis ins Unendliche folgten. Furchen oder Rinnen von derselben Breite und Tiefe trennten sie voneinander. Die Richtung dieser eigentümlichen Bodenform läßt uns vermuten, daß sie ausschließlich ein Werk des vorherrschenden Nordostwindes ist, dessen Flugsand an dem leicht vergänglichen Tone beständig feilt und frißt. Alle Ränder und Seiten dieser langen Tafeln zeigen deutlich vom Winde abgeschliffene Flächen. Anhäufungen von Treibsand fehlen jedoch, weil der See erst vor relativ kurzer Zeit verschwunden ist. Marco Polos Behauptung, daß zur Durchquerung der Lopwüste ein Jahr erforderlich sei, ist nicht so übertrieben, wenn man bedenkt, daß dazumal Kara-buran und Kara-koschun noch nicht existierten und man also von der Takla-makan bis nach der Mandschurei von einer ununterbrochenen Wüste sprechen konnte.
Unweit des Lagers Nr. 12 wurden dicke, graublaue Scherben von einem großen Tongefäße mit kleinen Henkeln gefunden. Es war das dritte Mal, daß wir an diesen ausgetrockneten Wasserwegen Spuren von Menschen fanden. Der Boden ist hier und da mit Salzablagerungen bedeckt, an denen man sieht, daß der See, nachdem er seines Zuflusses beraubt worden war, allmählich salzig geworden ist. Daß die Salzschichten so selten sind, hat seinen Grund darin, daß der Wind die Oberschicht des Bodens beständig abhobelt.
Jetzt galt es, Altimisch-bulak (die sechzig Quellen) zu finden. Wir schlugen daher den Weg nach Nordnordost ein, die niedrigen Ausläufer und Hügel des Kurruk-tag ersteigend, von wo aus der Blick sich auf der absolut ebenen, aber rauhen Fläche der Wüste verliert. Nur zweimal während aller seiner Wanderungen in diesen Gegenden hatte Abdu Rehim fern im Süden einen schneebedeckten Kamm gesehen, aber er hatte nie etwas vom Astin-tag gehört.
Gegen Abend erhob sich ein heftiger Nordwind; der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und es war bei der herrschenden Finsternis nicht möglich, die Quelle zu finden, weshalb wir nach einem Marsche von 38 Kilometer in einer gänzlich unfruchtbaren Tonwüste lagerten. Seit fünf Tagen hatten wir keinen Tropfen Wasser gefunden, und das bißchen, das sich noch in den Schläuchen befand, war verdorben. Der Fleischvorrat war auch zu Ende, und die Bewirtung fiel an diesem Abend kärglich aus.
Der Wind hielt die ganze Nacht an; das Zelttuch war straffgespannt, es flatterte und riß an den Tauen, und ich hatte alle meine Papiere und Karten eingepackt, denn wenn der Wind das Zelt umstürzte, wären sie fortgeflogen und nicht wieder zu erlangen gewesen. Noch am Morgen betrug die Windstärke 11 Meter in der Sekunde.
Als ich bei Tagesanbruch aus dem Zelte trat, lag eine trostlose Landschaft vor mir. Im Nordosten erstreckt sich ein niedriger Rücken, im Südosten fällt das Terrain nach der Wüste ab, im übrigen sieht man in weiter Ferne unbedeutende Kämme und Landrücken; der Boden ist mit Schutt bedeckt, keine einzige Pflanze; alles ist verwittert, kahl und öde. Die Chinesen haben diese Landrücken auf ihren Karten nicht als Gebirge verzeichnet, nur der Hauptkamm weit hinten im Norden ist darauf angegeben.
Heute war es Melik Ahun, Abdu Rehims Bruder, der den Zug führte. Schweigend und ruhig thronte er auf seinem hohen Kamele an der Spitze, den ganzen Zug hinter sich, wie ein Lotse ein ganzes Geschwader leitet.
Nachdem wir einen Hügel passiert hatten, erblickten wir ein großes, offenes Feld, und in der Mitte desselben glänzte der Boden gelb — es war die gesegnete, herrliche Oase Altimisch-bulak!
Mit ihren durch ständiges Leben im Freien geschärften Augen hatten Abdu Rehim und Melik sogleich eine am Ostrande weidende Kamelherde erblickt — ich konnte die Tiere kaum mit dem Fernglase erkennen. Jetzt übernahm der erfahrene Kameljäger die Führung und gab der Karawane Anweisung, einen Umweg hinter einem niedrigen Bergrücken herum zu machen. Abdu Rehim und Tschernoff eilten nach dem Kamischfelde der Oase; ich folgte ihnen, um mir den Verlauf der Jagd als passiver Zuschauer anzusehen. Wir kreuzten das Bächlein der „sechzig Quellen“, wo, wie unser Wegweiser schon vor einem Monate richtig prophezeit hatte, noch große schöne Eisschollen lagen (Abb. 81) und gingen dann in das Schilf und die Tamarisken hinein.
Auch diese Herde bestand aus einem großen dunkeln Bughra und fünf hellen Kamelen; vielleicht war es dieselbe, die wir schon gesehen hatten. Das alte und eines der Jungen weideten eifrig, die übrigen lagen, die Köpfe uns zugewandt. Wir waren 300 Schritt von ihnen entfernt und der Wind kam gerade von ihnen, weshalb weder Gehör noch Geruch sie warnen konnte; für uns war es das Wichtigste, uns nicht sehen zu lassen. Eigentlich war es feige, sich auf diese Weise an die edeln Tiere heranzuschleichen und sie aus dem Hinterhalte zu überfallen.
Mich interessierte es am meisten, möglichst viel von ihren Bewegungen und Gewohnheiten im Freien zu sehen, aber ich wollte den Männern nicht das Schießen verbieten, denn dies würde in der Karawane Unzufriedenheit und Ärger erweckt haben, die verdrießliche Folgen haben konnten. Dazu kam, daß Abdu Rehim Kameljäger von Beruf war. Die Muselmänner besitzen keine Spur von Gefühl für die Leiden eines Tieres und hätten das Verbot sicherlich als einen gegen sie selbst gerichteten launenhaften Einfall aufgefaßt. Für einen Jäger mußte auch die Jagd auf ein solches Tier ein Fest sein, das sah man unseren Schützen an; sie sahen und hörten nichts anderes, wenn sie Kamele beschlichen, und ihre Augen strahlten vor leidenschaftlicher Freude. Ich aber seufzte erleichtert auf, wenn sie fehlten, denn meine Sympathien waren ganz auf seiten der Kamele. Diesmal stand es jedoch in den Sternen geschrieben, daß ein unschuldiges Leben erlöschen sollte.
Abdu Rehim bat uns, dort, wo wir uns befanden, zu warten, während er einen großen Umweg machte, um ungesehen an einer Lücke im Dickicht vorbeizukommen. Lautlos und unsichtbar wie ein Panther glitt er durch die Büsche; wir konnten weder sehen noch hören, wo er blieb. Mittlerweile hatte ich vortreffliche Gelegenheit, die Bewegungen der Tiere zu beobachten. Die beiden Weidenden gingen mit gesenktem Kopfe, erhoben ihn manchmal, wenn das Maul voll war, kauten langsam und kräftig, so daß das dürre Kamisch zwischen den Zähnen knisterte, und ließen den Blick über den offenen Horizont gleiten. Sie zeigten keine Spur von Unruhe und hatten keine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand.
Jetzt krachte Abdu Rehims Flinte, und fünf Kamele liefen in langsamem Trab auf unsere Büsche zu; doch wahrscheinlich hielten sie den Punkt für verdächtig, denn sie machten plötzlich kehrt und rannten in wildem Laufe bergauf, gerade gegen den Wind. Dies war eine ebenso kluge wie natürliche Strategie, denn gegen den Wind wittern sie die Gefahr, während in der entgegengesetzten Richtung alle möglichen Fallstricke verborgen sein können.
Das jüngere weidende Kamel hatte eine Kugel in den Bauch erhalten und bekam eine zweite in den Hals, als es sich erhob, um sich den anderen zuzugesellen.
Als wir es erreichten, lag es auf allen vier Knien und kaute an dem, was es noch zwischen den Zähnen hatte. Manchmal erhob es sich auf den Hinterfüßen, fiel dann aber, weil ihm die Vorderbeine den Dienst versagten, auf die Seite. Der Blick war ruhig und resigniert, ohne Furcht oder Verwunderung; nur wenn man ihm über die Nase strich, versuchte es zu beißen. Es glich auffallend den zahmen Kamelen aus Singer und hatte gerade angefangen, Wolle zu verlieren. Nachdem es von verschiedenen Seiten photographiert worden war (Abb. 82), öffnete ihm Abdu mit einem kräftigen Schnitte die Adern am Halse; das Blut spritzte in einem dicken Strahle heraus, es folgten einige Todeszuckungen, und dann ging dieser Sohn der Wüste, der noch vor ein paar Minuten so friedlich und ruhig in dieser einsamen Gegend geweidet, in die ewigen Weidegründe ein. Die anderen waren unseren Blicken schon entschwunden. Abdu Rehim war selig, seinen alten Vater nun mit einem großen Vorrate von Kamelfleisch überraschen zu können.
Das erlegte Kamel war ein etwa vierjähriges Männchen. Wie bei den zahmen, kann man bei den wilden Kamelen das Alter mit ziemlich großer Sicherheit am Aussehen der Vorderzähne erkennen. Daß es bei einer Herde weilte, in der ein Bughra das Szepter führte, läßt sich dadurch erklären, daß es ein für allemal durch einen scheußlichen Biß in den Nacken gezüchtigt worden und überdies noch so jung war. Sonst weiden Bughrakamele nur während des Sommers friedlich zusammen, in der Brunstzeit duldet keines ein anderes Männchen in seiner Nähe.
Die Kamele aus Singer wurden nachts angebunden und tags bewacht, sonst wären sie heimgelaufen. Ihr Ortssinn ist scharf entwickelt, und sie würden sich selbst dann dorthin finden, wenn man sie in eine ihnen ganz unbekannte, dreißig Tagereisen von Singer entfernte Gegend führte. Abdu versicherte, es seien die Kamele gewesen, die uns im Dunkeln an jenem Abend, als wir in der Steinwüste lagerten, direkt nach Altimisch-bulak geführt hätten, und sie würden sicher weitergegangen sein und die Quelle gefunden haben, wenn ich nicht Halt kommandiert hätte.
Der Reichtum an wilden Kamelen am Fuße des Kurruk-tag wechselt in verschiedenen Jahren sehr. Werden sie in der Gegend von Luktschin sehr von Jägern bedrängt, so begeben sie sich hierher und umgekehrt. In diesem Jahre waren sie zahlreich. Läßt man sie in Ruhe, so besuchen sie die Quellen alle drei Tage. Eine Herde von acht Kamelen kam von Süden her an die unterste Eisscholle, um Eis zu kauen. Die Männer kamen mit ihren Flinten erst dorthin, als die Tiere schon wieder fort waren.