Durch die Rückkehr in das alte Winterquartier war ein neues Glied in die Kette der Exkursionen eingefügt worden und hatte ein neues Kapitel der Reise seinen Abschluß gefunden. Der unschätzbaren Operationsbasis, die wir in Jangi-köll gehabt hatten, bedurften wir jetzt nicht länger, denn jetzt sollte all unser lebendes und totes Hab und Gut nach anderen Gegenden Asiens, in eine neue Welt und neue Verhältnisse übersiedeln: auf die unwirtlichen Berge zwischen dem Himalaja und dem Kwen-lun, welche die mächtigste Erhebung der Erdrinde bilden.
Die zehn Tage, die ich jetzt im Hauptquartiere zubrachte und die zur Ruhe so sehr notwendig waren, vergingen sehr schnell unter mannigfaltigen Beschäftigungen. Zuerst wurden alle Geschäfte mit Chalmet Aksakal von Korla abgeschlossen, der uns Pferde und Proviant auf lange Zeit hinaus besorgt hatte und der, als er uns verließ, meine große Post nach Europa mitnahm.
Unterdessen waren die Kosaken durchaus nicht müßig. Sie veränderten den Oberbau der Fähre in besonders bequemer, gemütlicher Weise. Unser altes Schiff sollte nämlich bald wieder in Gebrauch treten, da die Reise den Tarim hinunter fortgesetzt werden sollte. Statt des Zeltes wurde auf dem Vorderdeck eine ordentliche Hütte errichtet, die ganz wie die Dunkelkammer aussah, nur mit dem Unterschiede, daß die Latten mit weißen Filzdecken tapeziert wurden. Die Vorderwand bildeten zwei Filzvorhänge, von welchen der rechte vor dem Schreibtische nur nachts heruntergelassen wurde. Hier wurde auch eine kleine Markise gegen die Sonne, die mir sonst auf der Fahrt nach Süden sehr lästig geworden wäre, angebracht. An die aus Brettern bestehende Backbordlängswand wurden drei meiner Kisten gestellt, von denen eine als Eßtisch diente. Das Bett hatte seinen Platz an der Steuerbordlängswand, die nur aus einer großen herabhängenden Filzwand bestand. Ein Teppich wurde dagegen nicht auf den Boden gelegt; die Behausung sollte so luftig wie möglich sein. Das meteorologische Observatorium hatte denselben Platz wie früher, und die Instrumente ließen sich bequem von drinnen ablesen, wenn ich nur den kleinen Filzvorhang ein wenig zurückschlug. Die Decke bildeten sieben mit einem Teppiche bekleidete Latten. Von einer derselben hing an Stahldrähten ein mehr als einfacher „Kronleuchter“ herab.
Als die neue Residenz fertig war, wurden all meine Habseligkeiten dorthin gebracht, außer den Sachen, deren ich auf dem Flusse nicht bedurfte und die mit der Karawane gingen. Meine kleine Mongolenjurte wurde zusammengelegt und an Bord verstaut, denn ich wollte von ihr auf der Reise nach dem neuen Hauptquartier im Gebirge Gebrauch machen. Das neue Studierzimmer war so einladend und gemütlich, daß ich nicht begriff, wie ich mich auf der langen, kalten Herbstreise mit dem Zelte hatte begnügen können; die Filzdecke, die das Eindringen der Sonnenglut verhinderte, hielt auch die Wärme im Zimmer fest. Am besten von allem war, daß ich in dieser angenehmen Wohnung auf dem Tarim bis an den Punkt bleiben konnte, wo wir früher oder später unsere gute alte Fähre würden im Stiche lassen müssen, was sich, wie ich hoffte, noch recht lange würde hinausschieben lassen.
Auf dem Achterdeck bauten sich die Kosaken aus Brettern und Filzdecken eine ähnliche Kajüte, in der sie ihre Sachen unterbrachten. Sirkin hatte dort seinen kleinen Beobachtungstisch mit Aneroiden, einer Uhr, Wasserthermometern, Strommessern, Bandmaßen, Papier und Schreibmaterial. Er war mir auf der Reise nach Abdall ein unschätzbarer Sekretär.
Die Arbeit an der Fähre war schnell erledigt. Weil die Kosaken vor dem Aufbruche nicht müßig gehen sollten, gab ich ihnen ein neues Problem zu lösen. Die kleine englische Segeltuchjolle taugte zu allem, nur nicht zum Kreuzen; da aber unsere Freunde, die Fischer und die Bootsleute, es einstimmig für unmöglich erklärten, ohne Zuhilfenahme der Ruder gerade gegen den Wind anzugehen, fühlte ich mich versucht, sie in Erstaunen zu setzen und ihnen einen schlagenden Beweis von der Richtigkeit meiner Behauptung des Gegenteils zu geben.
Ich schnitzte daher ein kleines Modell, und nach dieser Vorlage hieben die Kosaken aus einem Pappelstamme ein Segelboot zurecht, dessen Rumpf nach allen Regeln der Kunst geformt wurde. Mit eisernen Krampen wurde am Boden ein loser Kiel und unter diesem ein paar Eisenstangen befestigt. Darauf wurde das Boot mit Leder gedeckt, das so fest gespannt wurde wie ein Trommelfell; ein abnehmbarer Mast hatte seinen Platz am Vorderteil, und das Fahrzeug trug ein einziges Segel. Unser Schmied verfertigte ein vortreffliches Steuer mit Ruderzapfen, drehbar auf zwei Stiften. Am Boden wurden zwei Sandsäcke festgemacht, um dem an und für sich schwankenden Fahrzeuge etwas Halt zu geben. Es trug nur einen Mann und war so schmal, daß der Segler kaum im Achter Platz fand und, so gut er konnte, mit den Beinen auf der Reling balancieren mußte.
Während all dieser Arbeiten hatte sich der freie Platz in unserem Dorfe, wo abends treu die chinesische Laterne brannte, aus einem Markte in eine Werft verwandelt, und mit Interesse und Neugierde verfolgten die Eingeborenen unser Tun (Abb. 101). Als das Boot fertig war und bei starkem Winde auf dem Flusse probiert wurde, versammelten sie sich an den Ufern und legten die größte Verwunderung über meine Manöver an den Tag. Das Boot kreuzte leicht und gehorchte willig dem Steuer, aber man durfte nicht gegen Nässe empfindlich sein, denn die Reling tauchte gewöhnlich unter die Oberfläche, und das Wasser stürzte in den Achterraum, den es bald füllte. Das Boot ging ausgezeichnet schnell, und seine Benutzung war ein erquickender Sport an den Tagen, da wir mit der großen Fähre starken Windes halber nicht weiter konnten.
Am Abend des 17. Mai besuchten alle Muselmänner Parpi Bais Grab und sprachen dort ihre Gebete; es war ihr letzter Abschiedsgruß an den alten Kameraden. Darauf wurde die Bevölkerung der Gegend zusammengetrommelt, und Holzfäller, Wasserträger, Hirten und alle, die uns sonst Dienste geleistet hatten, erhielten ihre Bezahlung.
Als ich am folgenden Morgen aus meiner Kajüte trat, standen die neun Kamele bereit und warteten auf ihre Lasten, die schon geordnet und an den Leitern festgebunden waren. Es war ursprünglich beabsichtigt, daß sie nachts marschieren sollten, um von den Bremsen verschont zu bleiben, die sie besonders jetzt, da sie nach dem Haaren nackt und empfindlich sind und mit den vereinzelten Haarbüscheln auf Kopf und Höckern wie junge Krähen aussehen, entsetzlich peinigen. Da sie aber lange geruht hatten und an das Gehen mit Lasten noch nicht gewöhnt waren und daher wahrscheinlich anfangs spielen und bocken würden, beschlossen wir, daß sie die ersten Märsche bei Tag zurücklegen und erst, sobald sie sich eingewöhnt hatten, nachts marschieren sollten.
Islam, Turdu Bai, Chodai Kullu und zwei Lopleute führten die Karawane; Tschernoff hatte den Auftrag, sie nach dem Gebirge zu eskortieren. Maschka, Jolldasch und die beiden, jetzt schon tüchtig gewachsenen jungen Hunde Malenki und Maltschik wurden angebunden, damit sie nicht mit der Karawane liefen (Abb. 102). Als meine besonderen Lieblinge sollten sie mir auf der Fähre Gesellschaft leisten. Die übrigen Hunde dagegen durften die Karawanenreise mitmachen; Jollbars, dem ein Wildschwein einen schlimmen Riß in der Seite beigebracht hatte, sollte nach seinem Belieben handeln. Er lag, seine Wunde leckend, in meiner alten Hütte, erholte sich aber wieder und begleitete mich später auf dem Wege nach Lhasa.
Als die Kamele mit ihren hohen Lasten und die Männer in farbigen Gewändern, von einer Menge Schaulustiger umgeben und von berittenen Lopleuten und Beken begleitet, durch Schilf und Unterholz fortzogen, boten sie ein schönes, farbenprächtiges Schauspiel. Doch in Tura-sallgan-ui war es, als sie fort waren, öde und leer geworden. Das Dorf lag verlassen, und sogar die Laterne war fort; auf dem Markte, wo es eben noch so lebhaft zugegangen war, spazierten jetzt nur noch ein paar Krähen umher. Die Ställe standen leer, die Kaufleute, die in unserer Nähe ihre Läden aufgeschlagen gehabt, hatten sich nach dankbareren Handelsplätzen begeben und nur aus der alten Küche der Muselmänner stieg noch der Rauch des letzten Feuers.
Die Hütten aber, in denen jetzt nur Skorpione und Spinnen hausen würden, sollten nicht niedergerissen werden; Chalmet Aksakal hatte erklärt, daß sie reisenden Kaufleuten von Nutzen sein könnten. Ein Jahr darauf wurde jedoch, wie schon erwähnt, die ganze Herrlichkeit durch die Frühlingsflut zerstört; die Hütten wurden dem Erdboden gleichgemacht, und selbst die Pappel ging den Weg alles Irdischen.
Der Klang der Kamelglocken war kaum verhallt, als Sirkin, Ördek und ich mit ein paar Ruderern in zwei Kähnen die Fähre, die für die Zukunft unser Lager bilden sollte, verließen. Wir eilten in sausender Fahrt flußabwärts und in den schmalen Kanal hinein, der nach dem Göllme-ketti (See des verlorenen Netzes) führte, wo Tiefenmessungen vorgenommen werden sollten. Merkwürdigerweise nahmen die Tiefen nach Süden zu, wo sie bis zu 7 Meter betrugen, also bedeutend mehr als gerade gegenüber im Flusse. Die größten Tiefen findet man im allgemeinen am östlichen Ufer, wo auch die Dünen steil nach dem See abfallen.
Während wir den Göllme-ketti hinabfuhren, nahm der Wind schnell an Heftigkeit zu und ging in einen halben Sturm über mit Dämmerung und Wolken von Staub und Sand, der wie Besen von allen Dünenkämmen aufwirbelte. Die Wellen schlugen in die Kähne, die bald hinter einem Vorsprunge an Land gezogen und leergeschöpft werden mußten.
Nachdem dies getan war, fuhren wir weiter; es wurde aber eine abenteuerliche Fahrt. Weit nach Süden hin erstreckte sich der See mit weißschimmernden, hellgrünen Wogen. Die Lage war insofern kritisch, als der See manchmal ziemlich flach war; wenn der Kahn an solchen Stellen den Sandboden streifte, konnte das Fahrzeug im Wogenschwalle kentern. Um eine solche Katastrophe zu vermeiden, mußten wir ziemlich weit vom Lande abhalten. Die Wellen schlugen über die niedrige Reling, und nach einer Weile saßen wir pudelnaß in einem erfrischenden Bade. Ich zitterte für das Skizzenbuch und die Instrumente, fand aber sonst die Lage höchst amüsant und spannend. Auf die Dauer wurde sie jedoch unhaltbar, denn die Kähne waren halb voll Wasser, und je tiefer sie lagen, desto leichter konnten die Wellen hineinströmen. Auf einmal sank Sirkins Boot und wurde von der Brandung hin und her geworfen, nachdem die Leute hinausgesprungen waren und ihre Sachen zu retten versucht hatten, was ihnen teilweise auch geglückt war. Wir sahen sie nachher ihr Fahrzeug ganz ruhig auf das Trockene ziehen, wo sie das Wasser aus ihren Kleidern wrangen. Wir anderen fuhren noch etwas weiter, bis auch unsere Lage höchst bedenklich wurde. Der Kahn wurde wie eine Nußschale von den Wellen hin und her geworfen. Noch hoben ihn jedoch die Kämme, und ich schöpfte, während die anderen ruderten, was das Zeug hielt; aber seine lange, schmale Form verursachte, daß jede Welle wenigstens mit ihrer Spitze hineinschlug und unter den Filzdecken, die meinen Sitzplatz bildeten, Spritzwasser zurückließ.
Der Atem stockt einem unwillkürlich, wenn eine gewaltige, weiß-schäumende Woge gegen die Seite des Kahns anstürmt; man glaubt, das leichte Fahrzeug müsse im nächsten Augenblick unfehlbar kentern oder vollständig von dem Schaumfalle unter Wasser gedrückt werden; es hält aber den Anprall noch aus und hebt sich wieder. Bald aber mußte es unfehlbar untergehen. Wir trieben daher den Vordersteven dem Lande zu, wobei die ganze Wassermasse auf das Achter drängte, und der Schiffbruch fand auf seichtem Wasser mit Sandboden statt, wo man an Land waten konnte, ohne mehr als bis zur Mitte naß zu werden, und so noch mit Mühe und Not alle Papiere zu retten vermochte.
Hier zogen wir uns nackt aus und breiteten unsere Anzüge und Sachen auf dem noch sonnendurchglühten Sande zum Trocknen aus. Die Leute benutzten die Gelegenheit zu einem Schläfchen, während ich auf besseres Wetter wartete. Da der Sturm sich aber nicht legte, wir keinen Proviant hatten und ich der Chronometer halber rechtzeitig wieder daheim sein mußte, mußten zwei Ruderer die Kähne am Lande entlang führen, während ich die Kartenarbeit zu Fuß fortsetzte.
Wenn auch die Tiefenmessungen auf dieser Exkursion mangelhaft gewesen waren, so hatte ich wenigstens die Überzeugung gewonnen, daß die Kähne bei starkem Wellenschlag geradezu lebensgefährlich sind. Es ist recht lustig, nach seinen eigenen „Seekarten“ zu manövrieren, aber auf dem Rückwege hatten wir wenig Nutzen von ihnen. Die Gegend verschwand in undurchdringlicher Finsternis. Die Männer schienen nach dem Gefühle zu rudern; sie müssen aber auch Katzenaugen gehabt haben, denn sie stießen nicht ein einziges Mal an. Schagdur, der Haus und Heim behütet hatte, zündete auf der Hafenspitze rechtzeitig ein Feuer an, und als wir an der Fähre anlegten, strahlte es aus den Kajüten so hell wie aus den Salons eines Flußdampfers.
Nachts stürmte es so heftig aus Südosten, daß die Fähre im Hafen schlingerte. Der Wasserstand stieg in den letzten Tagen um einige Zentimeter. Die Einwohner sagen, daß, wenn die große, durch das Auftauen des Eises verursachte Frühlingsflut vorbei sei, ein zweites, wenn auch unbedeutendes Hochwasser alljährlich beobachtet werde, und zwar gerade um die Zeit, wenn die Ölweidenblüten aufbrechen und die jungen Wildgänse selbständig zu werden beginnen. Wahrscheinlich hängt diese Erscheinung mit der Verteilung des Luftdruckes während dieser Jahreszeit zusammen. Uns war jeder Zuschuß zu der Wassermenge willkommen. Am 16. Mai hatten wir 73,4 Kubikmeter, oder 22 Kubikmeter weniger als am 7. Mai. So schnell fällt der Fluß, wenn die große Frühlingsflut vorbei ist.
Wir mußten uns sputen. Am 19. Mai befahl ich, die Anker zu lichten, nachdem die noch rückständigen Schulden und Belohnungen ausbezahlt worden waren. Die neuen Fährleute, Ak Käscha, Sadik, Tokta Ahun und Atta Kellgen, sahen angenehm und verständig aus und waren mit ihrer Ausrüstung und ihren Stangen bereit. Die englische Jolle manövrierte ein Loplik, das mit unserem großen Kahne zusammengebundene Segelboot nahm ein zweiter in seine Obhut, die kleine Lailiker Proviantfähre und unsere übrigen, jetzt überflüssigen Kähne wurden den Bewohnern von Jangi-köll geschenkt. Auf der großen Fähre war Ördek Kemi-baschi (Schiffskommandant), und vor dem Schreibtische hatte der alte Aksakal Pavan, der uns gern begleiten wollte, seinen Platz.
Die Frauen der Gegend hatten sich in unseren verlassenen Hütten versammelt, von wo aus sie uns zwischen dem Schilf hindurch begafften, und als die Fähre von der Strömung erfaßt wurde und mit flotter Fahrt flußabwärts trieb, begleitete uns am Ufer die männliche Bevölkerung, die sich jedoch nach und nach verlor, um nach Hause zurückzukehren.
Während der ganzen ersten Tagereise zog sich der Fluß unmittelbar längs hohen Sandes hin. Wir lagerten auf dem Westufer, der Mündung des Karunalik-köll gerade gegenüber. Das Programm der jetzt beginnenden Reise bestand darin, vom untersten Laufe des Tarim und möglichst vielen der an seinen Ufern liegenden Seen Karten aufzunehmen. Dies sollte die dritte Marschlinie in dieser Gegend werden. Nur bei Argan, Schirge-tschappgan und Abdall würde ich Punkte der beiden vorhergehenden Expeditionen berühren. Beunruhigende Gerüchte waren freilich in Jangi-köll in Umlauf gewesen. Man hatte gesagt, daß der Fluß sich immer mehr in neue, östliche Betten hinüberziehe und daß das Wasser kaum ausreiche, um die Fähre bis an das Ende des Flusses zu tragen. Wir waren jedoch entschlossen, die Fähre nicht eher zu verlassen, als bis jedes weitere Vordringen mit ihr wirklich unmöglich sein würde.
Am 20. Mai machte ich eine Fahrt nach dem See Karunalik-köll, die in jeder Hinsicht glücklich ausfiel und von herrlichem Wetter begünstigt wurde. Die Lotungen konnten daher kreuz und quer über den See auf planmäßig ausgewählten Linien gemacht werden. Schon im Einlaufskanal wurde eine interessante Beobachtung gemacht. Nicht weniger als 2,3 Kubikmeter Wasser in der Sekunde strömten vom Flusse in den See, der also um diese Zeit den Tarim um eine Wassermenge von 200000 Kubikmeter im Tage brandschatzte. So vielen Wassers bedarf es, um den See auf gleiches Niveau mit dem Flusse zu bringen. Man bekommt dadurch einen Begriff davon, wieviel Wasser selbst in einem so kleinen See durch Verdunstung und Einsickern in den Sand verloren geht.
Der See besteht aus zwei elliptischen Becken und gleicht an Gestalt einer Acht, welches Relief sich bei diesen eigentümlichen Wüstenseen wie auch bei den trockenen Bajirmulden oft wiederholt. Man findet daher bei ihnen ständig dieselben Bezeichnungen wie „Bolta“, d. h. Abschnürung oder schmale Passage zwischen den beiden Becken des Sees, „Kakkmar“ oder Buchten an den Seiten von „Modschuk“, welcher Name vorspringende Landspitzen oder Zungen bedeutet usw. Die größten Depressionen liegen wie bei den Bajiren an den steil abfallenden Dünen im Osten. Die meisten, wenn nicht alle Pappeln stehen auch am östlichen Ufer, oft im ärgsten Sande, so daß man sich wundern muß, daß sie nicht davon erstickt werden. Ihr Schicksal ist aber doch besiegelt, denn die Dünenmasse wälzt sich unter dem Drucke der Oststürme unausgesetzt westwärts. Tamarisken und Ölweiden kommen vereinzelt vor, und auf dem Westufer steht viel Schilf, obgleich nur auf dem Trockenen.
Die Höhe des nächsten dominierenden Dünenkammes wurde mit dem Nivellierspiegel gemessen; sie belief sich auf 89,5 Meter. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß ich mit dem Spiegel die Höhe einiger anderen naheliegenden Dünen auf 10 bis 15 Meter mehr schätzen konnte, so daß diese Dünen auf dem rechten Ufer des Tarim also eine Höhe von zirka 100 Meter erreichen (Abb. 103, 104).
Nachdem wir abends mit der Fähre noch bis an den Einlauf des Ullug-köll (großer See) gefahren waren, lagerten wir und bestimmten den folgenden Tag zu einem Ausfluge dorthin. Gleich mehreren anderen Seen auf dem rechten Tarimufer hat auch dieser in seinem südlichsten Teile zwei durch eine gewaltige Sanddüne getrennte Buchten.
Fische sind sehr reichlich vorhanden, aber regelmäßiger Fischfang wird erst dann betrieben, wenn der Fluß so weit gefallen ist, daß der See abgeschnürt wird und zusammenschrumpft. Dann sollen die Fische fetter werden und wohlschmeckender sein. Sie werden auf andere Weise gefangen als in den schilfreichen Seen, wo man in jedem Tschappgan Netze auslegt. Hier fängt man sie mit einem Schleppnetze, das bis zu 80 Meter lang ist und von zwei Kähnen in seichtem Wasser gerudert wird. Man bildet erst einen Halbkreis, dann aber schwenkt das eine Boot in diesen hinein wie in eine Spirale, während andere Ruderer die Fische mit den Rudern in diesen Schneckengang hineinjagen, wo sie dann in dem Schleppnetze hängenbleiben, mit diesem aufgenommen und mit einem Knüttel totgeschlagen werden.
An den Ufern ist das Tierleben durch Rehe und Wildschweine vertreten, die sich dort jedoch nur sporadisch zeigen. Adler, Seeschwalben und einige kleine Sumpfvögel waren die einzigen Vögel, die wir sahen. Enten und Gänse würden hier vergeblich nach Nahrung suchen.
Diese ganze Reihe von Seen, die am rechten Ufer des Tarim wie Blätter an einem Zweige hängen, sind Schmarotzer, Auswüchse an dem Leibe des Flusses; sie erhalten von ihm ihre Lebenskraft und würden sterben und verschwinden, wenn der Fluß eine andere Richtung einschlüge. Im Herbst sind sie zur Hälfte ausgetrocknet und müssen wieder gefüllt werden. Der Fluß wird also jährlich ungeheuerer Wassermengen beraubt, die sonst dem Kara-koschun zugute kommen und der Karte ein ganz anderes Aussehen geben würden. Man kann sich daher denken, daß, als die Seenreihe noch nicht vorhanden war, die Lopseen viel größer gewesen sein müssen als jetzt, und ihre Zunahme ist eine der Ursachen des langsamen Verschwindens der unteren äußersten Seen.
Am 22. Mai sollte eine lange Fahrt flußabwärts gemacht werden, aber schon gegen 11 Uhr jagte uns ein toller Südwest in eine Bucht hinein, in der wir fast den ganzen Tag bleiben mußten. Erst um 6 Uhr konnten wir weiterfahren. In den ziemlich gerade nach Osten laufenden Teilen des Flusses ging es mit reißender Geschwindigkeit vorwärts, denn der Wind half, und wir legten 1,52 Meter in der Sekunde zurück, was von der Schnelligkeit, mit welcher die Kähne gewöhnlich gerudert werden, nicht weit entfernt ist. Es war ein Genuß, die Ufer wieder vorbeieilen zu sehen, und es ging so geschwind, daß ich mit dem Kompaß und der Uhr aufpassen mußte, um nicht mit der Karte im Rückstand zu bleiben. Sirkin war mir eine unschätzbare Hilfe; er führte Tiefenmessungen aus, maß die Stromgeschwindigkeit und von Zeit zu Zeit auch die Geschwindigkeit der Fähre.
Das Leben an Bord war ebenso ruhig und friedlich wie im Herbst; alle taten ihre Pflicht. Die Kosaken, die damals noch nicht bei mir gewesen waren, fanden diese Fahrt höchst vergnüglich. Sie saßen plaudernd vor ihrer Kajüte oder umkreisten zu Kahn die Fähre, gingen an Land, um in den Buchten Wildenten zu schießen und belustigten sich nach beendeter Tagereise mit Fischfang. Wir leben beinahe ausschließlich von Fischen und Enten, doch konnten wir von den Hirten an den Ufern auch Schafe und Milch bekommen. Schagdur war mein Koch und Kammerdiener. Ördek, der Kapitän, kommandierte ein wenig geräuschvoll, versah aber sein Amt in vortrefflicher Weise. An den Lagerplätzen schliefen die Muselmänner an Land, die Kosaken und ich an Bord. Jeden Abend wurden die jungen Hunde gebadet, zum großen Vergnügen der Zuschauer, aber zum Entsetzen für die kleinen Sündenböcke selber.
Am 23. Mai machten wir eine außergewöhnlich lange Fahrt. Gerade als wir am Abend mit dem Messen des Flusses beschäftigt waren, erschienen Nasar Bek, Kirgui Pavan und Temir Schang-ja in ihren Kähnen. Der letzte wurde sogleich fortgewiesen, weil er ein ausgemachter Schuft war, der durch seine dressierten Spießgesellen Chalmet Aksakal um eine Partie Zeugstoffe und andere Waren hatte bestehlen lassen und der überdies die Bevölkerung seines Distrikts gewohnheitsmäßig aussog. All sein Bitten half ihm nichts; ich zeigte ihn beim Amban von Tscharchlik an, der ihm seine Amtstracht und sein Amt entzog.
In Verbindung hiermit möge man es nicht für vermessen halten, wenn ich sage, daß so lange wir unseren Wohnplatz im Loplande aufgeschlagen hatten, dort Ordnung und Ruhe herrschten; ich duldete keine Ungerechtigkeiten gegen die arme, aber redliche Bevölkerung. Es wurde auch eine Gewohnheit, daß die, denen ein Unrecht zugefügt worden und die nicht die Kraft und die Mittel besaßen, sich ihr Recht zu verschaffen, sich mit Bittschriften um Hilfe und Beistand an mich wandten, und Tura-sallgan-ui ist daher seinerzeit auch der Sitz eines „Landgerichts“ gewesen, das unserem Lager mit Übergehung von Dural, Kara-schahr und Tscharchlik, wo chinesische Ambane regieren, den Anstrich einer Metropole des Landes gab. Bei schwereren Fällen pflegte ich an die Ambane zu schreiben und sie daran zu erinnern, daß es ihnen schlimm gehen würde, wenn sie meinen Wünschen nicht nachkämen; leichtere Rechtsstreitigkeiten aber konnten wir selbst schlichten. Die Lopbevölkerung wird tatsächlich mehr von ihren Beken und Ambanen als von Bremsen und Mücken gepeinigt.
Wir bekamen jetzt recht viele Passagiere, unter anderen auch einen Mann, der nach Kum-tschappgan wollte und es für bequem hielt, auf diese Weise dorthin zu gelangen; er mußte aber als gewöhnlicher Matrose gegen freie Station an Bord dienen. Ein Geschwader von neun Kähnen war aufgeboten worden, um uns einen Weg über die Seen, die wir heute zu passieren hatten, zu bahnen und uns durch ihre verwickelten Schilflabyrinthe zu führen. Bei Keppek-ui begann dieses Gewirr von neugebildeten Seen, die voller Kamisch waren, in dem wir nur mit Schwierigkeit vorwärtskamen. Alle überflüssigen Passagiere mußten in die Kähne steigen, und alle Fischer und Ruderer, die das Geschwader bemannten, begaben sich ins Wasser, zogen aus Leibeskräften und preßten die Fähre zwischen den kompakten Schilfbeständen hindurch. Über die Seen Kurban-dschajiri und Süssük-köll ging es dagegen gut, dank dem nachschiebenden Winde und unseren Leuten, welche die Stangen mit Rudern vertauschten und die Fähre über ziemlich offenes Wasser ruderten.
Auf der anderen Seite mußten wir uns wieder durch einen Korridor zwängen, wo das 4 Meter hohe Schilf einer dichten Hecke glich. Das war ein Geschrei und Lärm in diesem Hohlwege, wo wir drauf und dran waren, wie in einer Mausefalle steckenzubleiben, ohne vorwärts oder rückwärts zu können; wir hatten allen Grund zu fürchten, daß dies der unglückselige Punkt sei, an dem wir die Fähre zurücklassen mußten!
Solange wir festsaßen, hatten wir es schön in dem kühlen Schatten. Dagegen bildeten die durch die Luft schwärmenden Bremsen (Kökkön) eine wirkliche Landplage. Unaufhörliches Brummen ertönt in den Ohren; sie setzen sich klatschend auf das Kartenblatt, lassen sich in meiner Kajüte häuslich nieder und stechen und quälen uns wie böse Geister. Ich hätte mich freilich mit dem Moskitonetze schützen können, schämte mich aber vor den Leuten, die nackt im Wasser gingen und sich gar nicht beklagten. Bei Sonnenuntergang verschwinden diese scheußlichen Insekten, aber nur, um Mücken und Moskitos Platz zu machen. In dieser Jahreszeit hat man im Loplande weder Tag noch Nacht vor den Insekten auch nur eine Stunde Ruhe.
In den See Tuwadaku-köll war nicht leicht hineinzukommen. Die Passage war gerade 1½ Meter zu schmal, dazu seicht und winkelig; aber dies war der einzige Weg, der sich uns bot (Abb. 106). Etwa 20 Leute arbeiteten ein paar Stunden mit Spaten an der Vertiefung des Kanals und hieben das Schilf auf beiden Seiten fort; auf diese Weise drang die Fähre Fuß für Fuß vor. Um die Arbeit zu erleichtern, steckten wir nach und nach das Schilf in Brand, wodurch kolossale Feuersäulen und Rauchwolken von dem See aufstiegen. Dieses Verfahren ist jedoch manchmal recht unangenehm und konnte nur auf der Leeseite der Fähre vorgenommen werden. Man begab sich sozusagen mit Hab und Gut auf einen brennenden See hinaus; wäre uns das Feuer zu nahe gekommen, so hätte der Oberbau der Fähre ebenso hell gebrannt wie das Schilf.
Bei dem Dorfe Jekkenlik, das auf einer Insel inmitten des gleichnamigen Sees liegt und von zwei Familien bewohnt wird, ließen wir nach einem sehr anstrengenden Tage die Anker fallen.
Die Exkursion, die wir am 25. Mai nach dem Beglik-köll unternahmen, wurde eine ziemlich muntere Fahrt. Früh am Morgen war die Luft außergewöhnlich frisch, obwohl das Minimumthermometer nicht unter +16 Grad heruntergegangen war; es ist merkwürdig, wie schnell sich der Körper an die verschiedenen Temperaturen gewöhnt; im Winter war es uns bei −10 Grad oft warm vorgekommen. Die Atmosphäre war vollkommen ruhig, und der Jekkenlik-köll lag spiegelblank, als wir nach dem Dorfe Kattik-arik hinüber ruderten. Dieses besteht aus zwei Sattmen mit drei Familien, die uns freundlich begrüßten und uns halfen, die Kähne über eine schmale Landenge nach dem alten, jedoch noch mit stillstehendem, klarem Wasser gefüllten Bette des Jarkent-darja zu schleppen.
Der Abwechslung halber hatte ich Schagdur mitgenommen. Er war im Ablesen der Tiefen und Geschwindigkeiten schon ebenso geschickt wie Sirkin; nur eine Eigenschaft machte ihn für diese abenteuerlichen Seefahrten ungeeignet, und diese bestand darin, daß er nicht schwimmen konnte.
Still und ruhig lag der Beglik-köll da, und man ahnte kaum, daß dieser Wasserspiegel von den Mächten des Himmels zu schäumenden Wogen aufgepeitscht werden könne. Es tat mir beinahe leid, die Spiegelbilder, die sich naturgetreu wie Photographien auf der Wasserfläche zeigten, zerstören zu müssen. Heißer denn je brannte die Sonne. Ich mußte meinen weißen Anzug unaufhörlich mit Wasser bespritzen, um es einigermaßen kühl zu haben. Der ganze Tag wurde diesem See gewidmet, und dennoch kamen wir nicht mehr dazu, die Messungen auf ein paar Fjorden ganz zum Abschlusse zu bringen. Einer von ihnen wurde von einem Dünenkamme aus in die Karte eingetragen. Der Sand war glühend heiß, er brannte durch die Schuhsohlen, und es war daher schön, eine Weile auf der Kahnreling zu sitzen, mit den Füßen im Wasser zu plätschern und eine Pfeife Virginia zu rauchen.
Wir hatten dort noch nicht lange gesessen, als mein alter Freund Kirgui Pavan, auch Kurban genannt, auf die hohen, steilen Dünen des uns gerade gegenüberliegenden östlichen Ufers zeigte und mit fragendem Tone „Kara-buran“ (schwarzer Sturm) sagte. Dort sah man eine dunkle, ein wenig schräge Säule mit einem Kapitäl aus helleren Wolken am Horizont aufsteigen. Ähnliche Säulen tauchten nach und nach in langen Reihen auf beiden Seiten der ersten auf, Händen und Fingern vergleichbar; sie zogen sich allmählich zu einer zusammenhängenden Wand mit gezähnten Konturen zusammen, die immer höher wurde. Wir schwebten nicht länger über das, was uns bevorstand, in Ungewißheit.
Einen Augenblick überlegten wir die Situation. Die Lopleute stimmten dafür, zu bleiben, wo wir waren; darauf konnte ich aber durchaus nicht eingehen, nicht weil wir nicht genügend Proviant hatten und ich die Nacht lieber in meiner bequemen Hütte zugebracht hätte, sondern einzig und allein, weil die Chronometer zur bestimmten Zeit aufgezogen werden mußten. Kirgui Pavan war gar nicht dafür, bei einem von Osten kommenden Sturme am Westufer zu liegen. Er war außerordentlich vorsichtig und klug, hatte aber nie Angst, und wenn Gefahr vorhanden war, verlor er nie seine Kaltblütigkeit. Jetzt machte er seine Berechnungen und schlug dann vor, wir sollten versuchen, die Mündung des schmalen Kanales zu erreichen, der den Beglik-köll vom Flusse aus mit Wasser versieht und der so lang ist, daß wir am Morgen zwei gute Stunden gebraucht hatten, um ihn zurückzulegen. Doch von seiner Mündung trennte uns die größte Partie des Sees mit einem breiten Fjord, der sich westwärts in den See hineinzieht.
Nach dem Ostufer hinüberzugehen, wo wir unter den Dünen Schutz gehabt hätten, wäre das beste gewesen; aber obwohl der See noch so gut wie ganz ruhig dalag, rieten doch alle davon ab, denn die Entfernung war zu groß und es wäre uns nicht gelungen, noch hinüberzukommen. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als die Fjordmündung zu kreuzen und dann am nördlichen Seeufer, wo wir zwischen kleinen Holmen und Inseln Schutz finden würden, entlang zu rudern.
Die Männer ruderten mit solcher Kraft, daß ich erwartete, die Ruder zerspringen zu hören; diese standen so straff gespannt im Wasser wie Pfeilbogen, als wir über das stille Wasser hinsausten, und der Schaum spritzte büschelförmig vom Bug der Kähne auf (Abb. 105). Wir machten fast 9 Kilometer in der Stunde. Die Leute waren fürchterlich ängstlich und unausgesetzt riefen sie mit dumpfer, hohler Stimme: „ja Allah!“ Noch war die Atmosphäre still, aber deutlich fühlte man, daß eine fürchterliche Revolution bevorstand, und man sah, wie der Sturm an Boden gewann.
„Jetzt ist er schon auf den äußersten Dünen“, sagte Kirgui Pavan in demselben Augenblick, als sich ihre Konturen auflösten und wie auf einer Schiefertafel ausgelöscht wurden; im Nu verschwand die ganze Dünenwand, der ganze Strand in dickem, gelbgrauem Nebel. „Rudert, rudert, Kinder, es gibt einen Gott.“ fügte er, die Leute anfeuernd, hinzu. „Chodaim var“ (es gibt einen Gott) war in allen kritischen Fällen sein stehender, beruhigender Wahlspruch.
Jetzt kamen die ersten Windstöße aus Ostnordost, dann hörte man das Brausen, als der schwarze Sturm auf das Wasser niederschlug, welches zischte und spritzte und in wenigen Minuten mit hohen, dunkeln, rollenden Wogen in völligem Aufruhr war. Je näher der Sturm kam, desto angestrengter wurde gerudert, und die Geschwindigkeit betrug jetzt bis an das Nordufer sicherlich 10 Kilometer. „Wir kommen nicht mehr hin,“ riefen sie, „ja Allah!“
Ich steckte die wenigen mitgenommenen Instrumente zu mir, zog mir Schuhe und Strümpfe aus und war auf alles gefaßt. „Jetzt ist er hier!“ schrien unsere Ruderer, die alle auf den Knien lagen, die Ruder fester fassend, und die Ruderschläge folgten so dicht aufeinander, als würden die Arme der Ruderer mit Dampf getrieben.
Gerade als der Sturm uns erreichte und die leichten Boote umgerissen hätte, wenn wir uns nicht rechtzeitig luvwärts gebeugt hätten, wurden wir in dicken Nebel gehüllt, der aus lauter feinem Staube bestand. Jetzt verhüllte er auch das westliche und nördliche Ufer, und recht ernste Gefühle bemächtigten sich unserer, als wir nichts weiter sahen als tobende Wellen, zwischen denen die Kähne wie Strohhalme verschwanden.
Kirgui Pavan aber und seine Ruderer kannten einen feinen Kniff, der darin bestand, bei jeder heranstürmenden hohen Welle die Kähne ein bißchen gegen den Wind zu kehren; auf diese Weise nahmen wir nicht so sehr viel Wasser ein, obwohl wir alle von dem aufspritzenden Gischt völlig durchnäßt wurden.
Wir waren noch im letzten Augenblick vom Westufer aufgebrochen; ein paar Minuten später und die Kähne wären untergegangen. Schön war es, als wir endlich die am Nordufer stehenden Tamarisken wie dunkle Flecke durch den Nebelschleier schimmern sahen, und bald darauf befanden wir uns im Schutze eines vorzüglichen Wellenbrechers, einer langen, schmalen Halbinsel.
Sirkin und Nasar Bek hatten sich unsertwegen sehr beunruhigt, und letzterer begab sich selbst mit zwei großen Kähnen von Jekkenlik nach dem Beglik-köll, um uns Entsatz zu bringen. Wir trafen ihn und seine Begleiter in der Nähe der Kanalmündung, und sie waren freudig überrascht, uns wohlbehalten auf dem Rückwege zu sehen. Er hatte Betten, warme Kleidungsstücke und Proviant mitgebracht, eine vollständige Ausrüstung, die Sirkin für den Fall, daß wir am Abend nicht zurückkehren könnten, zurechtgemacht hatte.
Bei solchem Wetter, in dem man nicht sieht, nach welcher Seite man schwimmen muß, hätte ein Schiffbruch draußen auf offenem See verhängnisvolle Folgen haben können. Alle, außer Schagdur, waren allerdings gute Schwimmer; dagegen ist die Tragkraft der Kähne, wenn sie erst mit Wasser gefüllt sind, gering; die Instrumente wären wohl für immer verloren gewesen.
Leicht war es nicht, die Fähre in dem so schilfreichen Jekkenliksee zu finden. Es war pechfinster, als wir an dem See anlangten, und der Sturm war jetzt auf dem Gipfel seiner Wut. Wir sahen absolut nichts, fühlten aber um so mehr, wie die Schilfhecken vom Buran auf unsere Kähne niedergeschlagen wurden und unser Gesicht peitschten. Ich mußte die ganze Zeit über die Arme hoch halten und mit ihnen abwehren, um nicht von den langen scharfen Blättern geschnitten zu werden. Rufen und Warnen nützte gar nichts, das Sausen des Windes in dem Kamisch ließ jeden anderen Laut ersterben. Wie die Ruderer den Weg fanden, weiß ich nicht, aber schließlich wurde doch das von Sirkin angezündete Feuer sichtbar. Wir befanden uns schon dicht vor dem Lager; obwohl die Scheiter in dem intensiven Winde weiß glühten, hatten sie den Nebel nicht weiter zu durchdringen vermocht.
Dies war einer der unheimlichsten Stürme, die ich je erlebt habe, und in dieser Nacht wurde nicht viel aus dem Schlafen. Das meteorologische Observatorium wurde hereingenommen, in den Kajüten wirbelten alle leichteren Sachen umher und mußten rechtzeitig fest verstaut werden, und durch die Filzdecken kam ein Regen von Sand und Staub. Am unruhigsten war ich des Feuers wegen, denn die Fähre war überall von Schilf umgeben; daher wurden sowohl an Bord wie auf dem Land die ganze Nacht hindurch Wachen ausgestellt.