Dreiunddreißigstes Kapitel.
Über sechs Pässe.

Nachdem ich in der Jurte an den Quellen von Temirlik ordentlich installiert war, wurde der Tag folgendermaßen eingeteilt: erst schlief ich gründlich aus, dann aß ich mein Frühstück, beschäftigte mich einige Stunden damit, Beobachtungsreihen und Tagebücher ins Reine zu schreiben, um die Abschriften nach Hause schicken zu können, und schrieb Briefe nach Europa; hierauf las ich schwedische Zeitungen in einem von Islam gebauten Lehnstuhle am Ofen, in dem beständig ein gemütliches Feuer knisterte. Wenn es dunkel wurde, wurde die schwarze Grotte erleuchtet, wo ich bis zum späten Abend Platten entwickelte. War ich mit allen diesen Arbeiten fertig, so erhielt ich in der Jurte mein Mittagessen oder Abendessen, wie man es nennen will.

Meine Zeit wurde aber auch von vielen anderen Dingen in Anspruch genommen. Löhne für die vergangene Zeit wurden ausbezahlt. Wir kauften vier vortreffliche Kamele und besaßen jetzt im ganzen 14. Musa aus Osch und der junge Kader wurden entlassen, weil sie sich nach Hause zurücksehnten; der erstere mußte die gewaltige Post mitnehmen, die ich für Kaschgar fertiggemacht hatte. Diese Post war in vieler Beziehung wichtig. Ich hatte einen Überschlag über den Bestand der Reisekasse gemacht und erkannt, daß er nicht ausreichte. Ich schrieb daher an meinen Vater und an den schwedischen Gesandten in Petersburg und bat, daß eine größere Summe in russischem Papiergeld an Generalkonsul Petrowskij geschickt werden möchte, der letzteres dann in chinesisches Silbergeld einwechseln und mir im nächsten Sommer nach Tscharchlik schicken sollte. An Oberst Saizeff schrieb ich und bat ihn, mir eine neue Sendung Konserven nach Osch zu schicken.

Vom 25. Oktober bis zum 4. November machten die Kosaken einen Jagdausflug nach dem Kum-köll; sie wurden von Tokta Ahun, Mollah und Togdasin begleitet und sollten ein paar Aufgaben lösen. Da ich selbst nicht Zeit hatte, den Tschimen-tag und den Kalta-alagan auch von dieser Gegend aus zu überschreiten, erhielt Schagdur den Auftrag, eine Kartenskizze von dem Wege, den sie zurücklegten, zu zeichnen, auf dem ganzen Zuge meteorologische Beobachtungen auszuführen und namentlich die Höhe der Pässe zu bestimmen. Er löste diese Aufgabe tadellos, und seine Karte stimmte vorzüglich, wie sich bei der später von mir ausgeführten Kontrollrechnung herausstellte. Jedenfalls füllte Schagdur durch diese von ihm gemachte Arbeit eine wichtige Lücke in meinen eigenen Aufnahmen aus. Als die Kosaken wiederkamen, brachten sie obendrein noch eine ganze Herde erlegten Hochwildes mit (Abb. 160). Aber kalt und unfreundlich war es in den Bergen gewesen, die jetzt vom Scheitel bis zur Sohle kreideweiß glänzten.

Unser Lager bot denselben lebhaften Anblick dar wie früher Tura-sallgan-ui am Tarim. Alle Goldgräber und Jäger, die von Bokalik zurückkehrten, statteten uns natürlich einen Besuch ab, und aus den Tiefländern kamen Leute, welche Dienst suchten. Doch auf meiner Terrasse hatte ich Ruhe und Frieden und Aussicht auf das Lager jenseits des Baches, über den eine kleine Brücke führte. Nur Hunderte von Raben störten mich mit ihrem heiseren Krächzen und mußten jedesmal, wenn eine astronomische Beobachtungsreihe vorgenommen werden sollte, durch einige Flintenschüsse erst verscheucht werden.

Am 11. November waren wir wieder zum Aufbruch bereit. Es war mein Wunsch, ein vorher nie besuchtes Gebiet des Tschimen-tag und des Akato-tag zu erforschen, eine Karte davon aufzunehmen und so eine große Lücke in meiner Karte von Nordtibet auszufüllen. Ein Vergnügen war es nicht, diese neue Exkursion, die mindestens einen Monat in Anspruch nehmen würde, im bitterkalten Winter anzutreten; lieber wäre ich nach den östlichen Wüsten gegangen, wohin ich mich sehr sehnte, aber auch diese Arbeit mußte ausgeführt werden.

Als Teilnehmer waren Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai, Tokta Ahun, Chodai Bärdi und Togdasin, der die betreffende Gegend ganz genau kannte, ausersehen. Kutschuk und Nias begleiteten uns den ersten Tag, um die Pferde führen zu helfen, die, ausgeruht und munter, anfangs ihre Lasten abzuschütteln versuchten. Es waren ihrer 13; wir hatten auch 4 Maulesel, dafür aber keine Kamele. Ich hatte mir selbst das Versprechen gegeben, daß ich es nicht wieder so schlecht haben sollte wie das letztemal, und nahm daher einen reichlichen Vorrat Konserven, sowie den Ofen mit. In Temirlik sollte Schagdur Chef sein und mit den meteorologischen Ablesungen fortfahren. Mein sämtliches zurückbleibendes Gepäck wurde zum Schutze vor Feuersgefahr in einer der Grotten untergebracht, an deren Eingang beständig Wache gehalten werden sollte.

Da das Gebiet, welches wir jetzt erforschten, den Gegenden, die wir im vorigen Sommer gesehen hatten, sehr ähnelte, werde ich mich in der Folge kurz fassen. Sechs Tagemärsche führten uns nach dem Ajag-kum-köll, wohin wir 140 Kilometer hatten. Den ersten Tag durchquerten wir das Tschimental, seinen ebenen, unfruchtbaren Lehmgrund und auf seiner Südseite einen Gürtel von höchstens 15 Meter hohen Dünen und traten darauf wie durch ein Riesenportal von lauter Granitfelsen in den Tschimen-tag ein. Die ganze Zeit über stiegen wir nach Süden aufwärts. Von unserem Lager, wo ich es bald ebenso warm und gemütlich hatte wie in Temirlik, beherrschte man das ganze Tal nach Norden hin bis an den Akato, dessen domförmiges Gebirge sich ohne eine Spur von Schnee auf seinem Kamme gen Himmel erhob.

Als ich nach einer herrlichen Nacht aus meinen Träumen geweckt wurde, konnte ich mich erst gar nicht in die Tatsache hineinversetzen, daß wir uns jetzt wieder auf dem Marsche befanden. Die kurze Ruhezeit war gar zu schnell vergangen. Doch zu Grübeleien haben wir keine Zeit; das Frühstück wird gebracht und verzehrt, dann geht es wieder vorwärts durch eine Gebirgslandschaft von Granit in allen erdenkbaren Abarten. Jetzt führte uns Togdasin nach dem Tschimen-tag über eine Kette von Vorbergen auf einem bequemen Passe, auf dem der Schnee eine zusammenhängende Decke bildete. Die Löcher der Murmeltiere waren zur Hälfte vom Schnee verstopft, in welchem auch keine Spuren von diesen Tieren zu sehen waren. Sie waren schon für den Winter zu Bett gegangen und hatten es gut und warm in ihren Höhlen. Sie tun wohl daran. Nordtibet ist schon im Sommer so unfreundlich, daß man gut tut, es im Winter zu meiden.

Der Hauptpaß, der uns über den Tschimen-tag selbst führte, war sehr bequem und bestand aus weichen, abgerundeten Hügeln ohne anstehendes Gestein. Auf seiner Südseite gelangten wir in dasselbe Längental, das wir im Juli weiter oben im Osten gekreuzt hatten. Unweit des Lagers heißt die Gegend Att-attgan (das erschossene Pferd), weil dort ein Jäger, der längere Zeit Pech gehabt hatte und am Verhungern gewesen war, schließlich sein Pferd hatte erschießen müssen, um Fleisch zu bekommen. Unser Lagerplatz am Flusse heißt Mölle-koigan (der fortgeworfene Sattel), weil er hier seinen Sattel im Stiche gelassen hatte.

Als wir auf der anderen Seite in ein schmales Tal eintraten, das nach dem Kamm der Kalta-alagan-Kette hinaufführte, scheuchten wir eine friedlich an den Abhängen weidende Yakherde auf. Sie ergriff die Flucht und erschreckte ihrerseits eine Kulanherde, die sich höher oben befand. Jetzt wälzten sich die schweren Bataillone lawinengleich in Wolken von Sand und Staub den Berg hinab.

Im Süden des Passes haben wir einen steilen Abstieg in einer mit Granitblöcken und Schutt besäten Talfurche. Nach dem Austritt aus der trompetenförmigen Mündung des Tales schwenkt unser Weg nach Südwesten und Westen ab und begleitet den Fuß der Bergkette (Abb. 162, 163), deren Ausläufer und Verzweigungen von Wetter und Wind in launenhafter Weise geformt worden sind. Sie gleichen Tischen, Lehnstühlen, Schalen und Hälsen mit Köpfen, und manchmal hat sich die Kraft des Windes quer durch dünnere Partien durchgefressen.

Der Ajag-kum-köll blitzte am südwestlichen Horizont wie eine riesenhafte Schwertklinge. Da aber der Weg dorthin noch weit war, lagerten wir in der Einöde, wo trinkbares Wasser in 1,42 Meter Tiefe gegraben wurde.

Während des Rasttages, der hier unseren Tieren geschenkt wurde, erhielten Tscherdon, Togdasin, Islam Bai und Turdu Bai die Erlaubnis, auf die Jagd zu gehen. Sie ritten in zwei Partien, aber nur die beiden letztgenannten kamen abends wieder. Wir zerbrachen uns natürlich sehr den Kopf darüber, was den anderen passiert sein könnte, und als der Abend und die Nacht vergingen, ohne daß sie etwas von sich hören ließen, fürchteten wir, daß sie sich verirrt hätten. Erst am nächsten Morgen gegen 10 Uhr kamen sie in traurigem Zustand im Lager an. Eine Archariherde verfolgend, waren sie wilde Täler hinaufgeritten, hatten, als es gar zu steil wurde, ihre Pferde zurückgelassen und waren über Block- und Geröllmassen weiter geklettert. Auf einmal war Togdasin buchstäblich zusammengebrochen und hatte über entsetzliche Kopf- und Herzschmerzen geklagt. Er konnte keinen Schritt mehr gehen und sich, als Tscherdon die Pferde geholt hatte, nicht einmal im Sattel halten. Die Nacht verbrachten sie infolgedessen mitten im ärgsten Geröll, wo sie nicht einmal Wasser zum Trinken hatten. Der Kranke hatte den Kosaken gebeten, allein ins Lager zurückzukehren, da er selbst auf alle Fälle bald sterben werde und es ihm ganz gleichgültig sei, wo dies geschehe.

Beide blieben in der Kälte liegen, und Tscherdon rüttelte von Zeit zu Zeit Leben in seinen Kameraden und hinderte ihn am Erfrieren. Beim ersten Tagesgrauen machten sie sich wieder auf und schleppten sich langsam nach dem Lager hinunter. Togdasin befand sich in höchst bedauernswertem Zustande und mußte auf seinem Pferde festgebunden werden, als wir nach dem Seeufer hinabritten und in einer Gegend lagerten, die nur spärliche Jappkakbüschel und kleine Eisschollen am Ufer aufzuweisen hatte (Abb. 161).

164. Turdu Bai und Kutschuk mit dem zusammengelegten Faltboot. (S. 384.)
165. Der Verfasser im Faltboot auf dem Ajag-kum-köll. (S. 384.)

Am Morgen des 18. November wurde das Boot (Abb. 164) zu einer Fahrt über die salzigen Tiefen des Ajag-kum-köll instand gesetzt (Abb. 165). Es wurde von Tokta Ahun gerudert und trug eine bedeutende Last, denn wir nahmen außer Segeln, Rudern, Rettungsbojen, Tiefenlotungsapparaten und Instrumenten auch Proviant für zwei Tage, nämlich Fleisch, Konserven, Brot und Kaffee, ferner Geschirr zum Bereiten der Speisen, eine Tschugun (Kupferkanne) mit Wasser und einen kleinen Beutel mit Eisstücken mit. Schließlich versahen wir uns auch mit Pelzen und Filzdecken; so war der Raum in dem kleinen Fahrzeug überall besetzt. Ich peilte ein für allemal ein kleines vorspringendes Vorgebirge im Südwesten ein, auf das wir in gerader Linie zusteuerten. Das Wetter war herrlich, der See lag ruhig und still, und nur eine kaum merkbare Dünung bewegte seine Fläche.

Einmal in der Viertelstunde maß ich die Geschwindigkeit und lotete die Tiefe, die nach der Mitte des Sees, wo sie 19,63 Meter betrug, zunimmt. Unweit des Nordufers stießen wir auf ein dünnes, loses Eisfeld, das mit Leichtigkeit forciert wurde. Diese Eisscheiben, die nur 1 Zentimeter dick waren, glänzten so intensiv im Sonnenschein, daß ihr Anblick ohne Schneebrille nicht zu ertragen war. Wahrscheinlich breitet sich vom Flusse eine Süßwasserschicht über den salzigen See aus, und diese ist es, die gefriert.

Das Arbeiten mit der Lotleine, die jedesmal, wenn sie heraufgeholt wurde, gefror und so steif wie Holz wurde, war ein ziemlich frostiges Vergnügen, und ich konnte mir zwischen den verschiedenen Lotungen kaum die Hände wieder warm reiben.

Die Stunden enteilten, ohne daß wir uns dem Vorgebirge merklich näherten. Aber wir kreuzten den See ja auch in der Diagonale. Am Nachmittag erhoben sich Staubwirbel und Tromben auf dem südlichen Ufer und verschmolzen bald zu einer einzigen graugelben Wolke, die über den Erdboden hinjagte. Das bedeutete nichts Gutes. Hier herrschte sichtlich starker Nordwestwind. Noch eine Weile, und wir hörten ein Brausen im Westen; die ersten Windhauche erreichten uns, den eben noch blanken Wasserspiegel trübte eine leichte Kräuselung, die mit großer Schnelligkeit zu Wellen und Wogen anschwoll, und je weiter wir in den Bereich der Windpeitsche eindrangen, desto höher wurden die Wogen. Wir behielten den Kurs bei, bis das Stampfen des schwerbeladenen Bootes uns zwang, nach Süden und Südosten zu rudern. Das einzige, was wir jetzt zu tun hatten, war, zu versuchen, möglichst schnell das nächste Ufer zu erreichen, denn es war nur zu wahrscheinlich, daß der Wind in einen Sturm ausartete und uns gegen eine unwirtliche Küste schleudern könnte, wo das zerbrechliche Fahrzeug vielleicht zerfetzt würde. Die Dämmerung war schon eingetreten, und es wäre unter allen Verhältnissen mit Gefahr verknüpft gewesen, in der Dunkelheit bei schwerem Seegang zu landen.

Die Karawane hatte Befehl, an demselben Tag 5 Stunden weit am Nordufer entlangzugehen und in dem neuen Lager nachts ein Feuer zu unterhalten, das uns zur Leitung dienen sollte, falls wir die Nachtzeit zur Rückfahrt benutzten. Dieses Feuer ist uns jedoch überhaupt nicht zu Gesicht gekommen, weil die Entfernung zu groß und die Luft voll dicken Staubes war.

Mittlerweile tanzte das Schiffchen auf seiner gefährlichen Straße weiter. Glücklicherweise hatten sich Wind und Wellen über das Eis am südlichen Ufer hergemacht; dieses hätte sonst unser Boot wie mit Messern zerschnitten. Die weiße Linie, die vor uns in der Dunkelheit leuchtete, war die Brandung der schäumenden Wogen am Ufer, das glücklicherweise aus Sand bestand und ziemlich steil nach dem See abfiel. Ehe wir uns dessen versahen, befanden wir uns mitten in der tobenden Brandung. Das Boot wurde von einer Welle auf das Ufer geworfen, aber vom zurücklaufenden Wasser sogleich wieder mitgezogen, dann von neuem emporgeschleudert, so daß seine Holzrahmen knackten und der Segeltuchrumpf sich bis zur Gefahr des Zerplatzens ausbauchte. Doch nun sprang Tokta Ahun ins Wasser, und mit vereinten Kräften zogen wir das Boot an Land, was uns jedoch erst gelang, nachdem ein paar heranstürmende Wellen hineingeschlagen waren und einen Teil unserer Habseligkeiten durchnäßt hatten.

Wir lagerten unmittelbar am Ufer im Schutze eines kleinen Hügels. Hier gab es sehr viele Köuruk-Pflanzen, eine Art kleiner, niedriger holziger Steppengewächse, die ein vortreffliches Feuermaterial abgaben und von denen wir einen gewaltigen Haufen sammelten. Das einzige Zeichen von Leben waren Gänsefedern und Kulanspuren. Von der Landschaft war nichts zu sehen, denn wir waren von undurchdringlicher Nacht umgeben und fanden das Brennmaterial nur mit Hilfe hier und dort angezündeter kleiner Filialfeuer.

Als der Vorrat hinreichend groß war, ließen wir uns mit umgehängten Pelzen am Lagerfeuer nieder, stellten die kupferne Kanne mit Wasser auf die Glut und bereiteten uns ein hochfeines Abendessen, das für mich aus Ochsenschwanzsuppe, Käse, Brot und Kaffee bestand, während sich Tokta Ahun an einer Hammelkeule gütlich tat und Tee dazu trank. Dann blieben wir noch gemütlich sitzen, qualmten mit unseren Pfeifen und schmiedeten großartige Pläne für die beschlossene Winterreise durch die Wüste Gobi nach den Kara-koschun-Sümpfen, die Tokta Ahun so genau kannte wie seine Tasche.

Der Wind flaute ab, der Himmel klärte sich auf und kündigte eine kalte Nacht an. Um 9 Uhr hatten wir −14 Grad, die Feuerung war zu Ende, und es war Zeit, sich schlafen zu legen. Mein ehrlicher Ruderer hörte meinen Vorschlag, die beiden Boothälften als Zelte zu benutzen, mit skeptischer Miene an; er mußte aber bald eingestehen, daß es eine außerordentlich schlaue Idee war. Wir rollten uns wie Knäuel unter der Bootschale zusammen und sahen mit einem gewissen Beben einer eiskalten Nacht entgegen. Ich schlief auch nur einige Stunden. Dann jagte mich die starke Kälte von −22,1 Grad auf, und ich weckte meinen Reisekameraden, der mir aus diesem nicht für helle Sommerträume geschaffenen Neste heraushalf.

Wir waren halb erfroren, als wir aus unseren dünnen Schalen krochen. In den Füßen hatte ich das Gefühl verloren, obwohl sie in vier Paar Strümpfen und gewaltigen, von Ali Ahun angefertigten, mit Lammfell gefütterten Stiefeln steckten. Unsere erste Sorge war daher, Material zu einem ordentlichen Feuer zu sammeln, und an diesem mußte ich mich ausziehen, um das Blut durch Reiben wieder in Umlauf zu bringen. Doch die Nachtkälte liegt einem noch den ganzen Tag in den Knochen, bis man wieder in seine gewöhnlichen, relativ bequemen Verhältnisse gelangt.

Bei 19 Grad Kälte stießen wir das Boot vom Lande ab und ruderten im herrlichsten Wetter über den See in der Richtung der Gegend, wo die Karawane, unserer Meinung nach, angelangt sein und uns erwarten mußte. Die Maximaltiefe betrug hier 24 Meter.

Schon weit draußen vom See aus glaubten wir, auf der rechten Spur zu sein, und vermeinten, Zelt und Jurte und Pferde zu sehen. Als wir uns aber genügend genähert hatten, um die Gegenstände mit dem Fernglase deutlich erkennen zu können, verwandelten sich jene beiden in zwei kleine Hügel, diese aber in eine Kulanherde. Wir landeten jedoch, um zu konstatieren, daß die Karawane hier vorbei und nach Westen weitergezogen war. Zwei Bären waren kürzlich nach Osten getrabt, um die Murmeltiere in ihrem tiefen Winterschlafe zu stören.

Es blieb uns also nichts weiter übrig, als am Ufer entlangzurudern, um die Unseren aufzuspüren. Ganz hinten im Westen zeigte sich unter der sinkenden Sonne eine Rauchwolke, wir konnten aber nicht entscheiden, ob sie von einem Feuer herrührte oder aus von fliehenden Kulanen aufgewirbeltem Staube bestand. Ein stumpfer Vorsprung nach dem anderen wurde in der Dämmerung umschifft, und Tokta Ahun schob jetzt das Boot in seichtem Wasser mit dem Ruder längs des Ufers weiter. Ich saß ganz steif gefroren in der vorderen Hälfte des Bootes, der Ruderer aber hielt sich warm und sang ein schwermütiges Lied aus den Hütten von Abdall. Schließlich drang ein Feuerschein durch das Dunkel, aber diese nächtlichen Feuer sind, so belebend sie auch anfangs wirken, meistens trügerisch. Nachdem wir drei Stunden auf den Schein zugerudert waren, verschwand er wieder. Wir setzten jedoch unseren Weg fort und stießen von Zeit zu Zeit gellende Rufe aus, die endlich durch Hundegebell beantwortet wurden. Da loderte das Feuer in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf, und ein Fackelträger nahm uns am Ufer in Empfang.

Togdasin, den wir gleich Aldat im Gebirge gefunden hatten, schien zu demselben Schicksale verurteilt zu sein wie dieser. Die Krankheit nahm sichtlich eine Wendung zum Schlechten. Der Mann lag, wie die Muselmänner zu tun pflegen, wenn sie sich schlecht befinden, auf den Knien mit vornübergebeugtem Leibe und auf die Erde gelegtem Kopfe; er konnte sich nicht überwinden zu essen, wollte aber unaufhörlich kaltes Wasser haben und phantasierte und stöhnte bei jedem Atemzuge.

Tokta Ahun teilte mir mit, daß diese Krankheit, die wohl eine außerordentlich bösartige Form von Bergkrankheit ist, unter den Jägern und Goldgräbern in diesen Gebirgen ziemlich häufig auftrete. Sie heißt bei den Muselmännern einfach Tutekk (Atemnot, Bergkrankheit), oder sie sagen auch „Is allup getti“ (hat die Bergkrankheit bekommen), gleichviel, ob von einem Mann, Pferd oder Kamel die Rede ist. Ist man früher einmal schwer krank gewesen, so hat man wenig Aussicht auf Genesung. Der von dem Übel Befallene hat anfangs das Verlangen, sich nach dem Tieflande hinunterzuflüchten, wohin er jedoch nie wieder gelangt, wenn er nicht im Gebirge selbst wieder gesund wird. Zwei Goldgräber waren diesen Sommer auf dem Wege nach ihrer Heimat bei Temirlik daran gestorben. Doch wenn die Krankheit schon Fortschritte gemacht hat, soll der Unglückliche seinen Zustand nicht mehr beurteilen können; er weiß nichts davon, daß er krank ist, und kann über sein Befinden keine Auskunft geben. Die Symptome bestehen in Anschwellen des Körpers, Schwarzwerden der Beine, gänzlichem Verschwinden des Schlafs und des Appetits, Schmerzen in Kopf und Herzen, dazu Durst, geschwächte Herztätigkeit und abnehmende Körpertemperatur. Nach Tokta Ahuns Erfahrung sollte Tabakrauchen das beste Mittel dagegen sein; deshalb sah man ihn beständig mit der Pfeife im Munde. Ich selbst habe die Bergkrankheit nicht kennen gelernt, nicht einmal in 5500 Meter Höhe. Die Hauptsache ist, sich nicht zu überanstrengen.

Wieder beschlich uns das Gefühl, den kalten, grausamen Tod in unserer Gesellschaft zu haben, als folge er, auf sein schon auserkorenes Opfer lauernd, mit der Sanduhr in der Hand der Karawane treu über alle Pässe und Ebenen. Am schlimmsten ist, daß man sich völlig machtlos fühlt, dem Kranken zu helfen, und sehen muß, daß die Behandlung, die man ihm zuteil werden lassen kann, erfolglos bleibt.

Sowohl für den Kranken wie für die Seefahrer war ein Ruhetag notwendig. Islam Bai erhielt diesen Tag eine Aufgabe zu lösen. Er sollte mit Kutschuk über den See rudern und eine Lotungsreihe ausführen, deren ich zur Vervollständigung der Seekarte bedurfte (Abb. 166). Das Kniffliche dabei war nur, daß Islam nicht schreiben konnte; er mußte daher mechanisch wie ein selbstregistrierender Apparat arbeiten. Die Uhr konnte er immerhin ablesen und verstand auch, alle fünfzehn Minuten die Lotungen anzustellen. Beim ersten Punkte knüpfte er einen Bindfaden mit einem Knoten um die Lotleine, beim zweiten Punkte einen mit zwei Knoten usw. Nachher wurden diese Abstände von mir mit dem Bandmaße gemessen. Die gemessene Linie konnte ich selbst vom Ufer aus feststellen, und die Durchschnittsgeschwindigkeit des Bootes war bekannt.

Pechschwarz senkte sich diese Nacht auf unser Lager herab; der Himmel war mit dichten, undurchdringlichen Wolken bedeckt, kein Unterschied machte sich zwischen Land, Wasser und Atmosphäre bemerkbar; unser kleines Gemeinwesen verschwand in einem unergründlichen, kohlschwarzen Raume. Öffne ich den Vorhang vor der Tür der Jurte, so fällt eine schwache Lichtstraße über den Boden, im übrigen ist das vor der Jurte der Leute brennende Feuer das einzige, woran das Auge einen Anhaltspunkt findet. Das Innere meiner Wohnung ist gemütlich möbliert, der Fußboden da, wo meine Kisten stehen, mit einem Chotaner Teppich bedeckt, mein Bett auf der Erde ausgebreitet, und auf ihm sitze ich mit gekreuzten Beinen, meine Aufzeichnungen machend oder an meinen Kartenblättern zeichnend. Tscherdon bringt von Zeit zu Zeit ein Kohlenbecken herein, ohne welches man bei 20 Grad Kälte schwer arbeiten könnte.

Wenn ich jetzt, nachdem Jahre vergangen sind und ich wieder von allem, was mir am liebsten ist, umgeben bin, zurückdenke an diese langen kalten, stillen Winterabende in Tibet, wundere ich mich beinahe, daß mir in dieser tödlichen Einsamkeit, die Tage und Jahre hindurch immer gleich einsam blieb, die Zeit nie lang geworden ist. Doch das beständig unerschöpfliche Arbeitsfeld hielt mich aufrecht; ich hatte stets treue, zuverlässige Diener, und für jeden Tag des Jahres hatte ich ein kleines Buch mit Bibelsprüchen, das, wie ich wußte, auch täglich in meinem Elternhause gelesen wurde.

Wie eine schwere Last lag es mir freilich auf dem Herzen, wieder einen Kranken im Lager zu haben, und Togdasins kurze Gebetrufe an den Gott der Muhammedaner, „Ja Allah, Ej Chodaim“, ließen mir keine Ruhe. Nicht einmal Kiplings herrliche Lieder in „The seven seas“ konnten meine Gedanken ablenken, als ich diesen Abend zur Ruhe ging.

Die Rückreise nach Temirlik, die am 22. November angetreten wurde, nahm 12 Tage in Anspruch und führte uns über die Bergketten Kalta-alagan und Tschimen-tag und zweimal über den Akato-tag.

Der erste Tagemarsch wurde fürchterlich. Wir gingen nach Westen und hatten den Wind, einen halben Sturm mit −2 Grad um 1 Uhr und −10 Grad um 2 Uhr, gerade entgegen; selten habe ich mich so gelähmt und erschöpft gefühlt. Es erfordert Geduld, der Karawane zu folgen und sich die Hände abwechselnd vor Kälte erstarren zu lassen. Die über Nacht auf dem Ajag-kum-köll entstandene dünne Eisdecke wurde vom Sturme zersplittert und nach Osten getrieben; der See sah unheimlich, kalt und dunkelblau und vom Wellenschaume weißgestreift aus. In solchem Wetter mit unserem kleinen Boote unterwegs zu sein, wäre wohl der sichere Untergang gewesen. Der ganze östliche Teil des Sees ist nämlich nur einen oder ein paar Dezimeter tief, das Boot wäre gegen den hier etwas festeren Eisrand geworfen und zerschnitten worden, und der Seeboden besteht aus Schlamm, in welchem man rettungslos versinkt. Die Kosaken hatten auf ihrem Jagdausfluge die Mündung des Flusses zu überschreiten versucht, aber das erste Pferd war bis an den Hals in den Schlamm gesunken und hatte nur mit großer Mühe noch gerettet werden können.

Der Tschimen-tag zeichnete sich auch an dem Punkte, wo wir jetzt diese Kette überschritten, durch eine höchst sonderbare Architektur aus. Das Tal, aus welchem man nach dem Passe hinaufgeht, liegt selbst so hoch, daß man die Paßschwelle kaum gewahrt. Auf der nördlichen Seite ist das Gefälle aber um so steiler. Hier stürzt sich ein zwischen nackten Wänden und Vorsprüngen eingeklemmter Hohlweg wie eine Treppe über Felsenschwellen und Gesteinplatten jäh nach dem Tale hinunter. Wir hatten einen langen Marsch gemacht; die Karawane ging voraus, und ich erreichte den Anfang dieses Korridors erst bei Einbruch der Dunkelheit. Islam erwartete mich mit einer Laterne, aber mein Pferd wäre trotzdem beinahe gestürzt, da es von einer Treppenstufe auf die andere springen mußte. Tief unter uns im Tale bei dem sandumgürteten und zu gewaltigen Eisblöcken gefrorenen Wasser der Quellen von Kum-bulak leuchtete das Lagerfeuer, und nach vielen Mühen erreichte ich meine Jurte, die auf einem steil in die Tiefe abstürzenden Felsenabsatze aufgeschlagen war. Erst am Morgen, als wir reisefertig waren, merkte ich, wie gefährlich diese Lage gewesen war. Die Jurte stand gerade in der Mündung eines Abzugskanales für alle Blöcke, die von den oberhalb zunächst stehenden Felswänden abstürzten. Dann und wann ertönte in der Nacht das Echo eines Blocksturzes, aber meine Jurte war doch verschont geblieben.

Der Zug weiter durch das Tal hinunter war nicht leicht. An ein paar Stellen, wo der Granit mehrere Meter hohe Stufen in der Rinne selbst bildete, mußten alle Tiere abgeladen und dann vorsichtig an den Platten hinuntergelassen werden. Einmal überschritten wir eine gewaltige Eistafel, die den Talgrund wie gegossenes Porzellan ausfüllte und sich allen Spalten und Ritzen anschmiegte. Ihre glatte Oberfläche mußte erst mit Sand bestreut werden, damit die Pferde nicht fielen. Es war wirklich schön, diesen von Blöcken und Schutt angefüllten Hohlweg hinter sich zu haben und wieder in das Tschimental zu gelangen, wo wir an der Stelle lagerten, an der wir vor einem Monat mit der Hilfskarawane zusammengetroffen waren.

Von hier aus wurde Kutschuk mit dem sich jetzt etwas besser befindenden Togdasin und dem Boote nach Hause geschickt, während wir anderen nach Norden weiterzogen, um über den Akato-tag zu gehen.

Die Nacht auf den 28. November war mit ihren −24,6 Grad die kälteste, die wir bisher in diesem Winter gehabt hatten.

Ein düsteres, steiles Granittal führt nach dem 4926 Meter hohen Passe Gopur-alik im Akato hinauf (Abb. 167). Mit einem Male konnten wir nicht hinauf gelangen, sondern lagerten in dem Tale zwischen Massen von Felsblöcken, wo es weder Wasser noch Feuerungsmaterial und auch kein Gras gab. Am folgenden Morgen strengten wir uns weiter mit dem Erklimmen der Abstürze an. Die Pferde atmen so schnell und mühsam, daß man erwartet, ihre Lungen würden zerspringen; sie bekommen keine Luft und müssen unaufhörlich ausruhen, um nicht zusammenzubrechen. Der Paß ist scharf wie eine Klinge und fällt nach beiden Seiten jäh ab. Alle gehen zu Fuß; ich lasse mich hinaufbugsieren, indem ich mich am Schwanze meines Pferdes halte. Lasten gleiten ab, und Pferde fallen. Hier heißt es aufpassen und zugreifen, sonst könnten sie in das abschüssige Tal Hunderte von Metern tief hinabrollen und zu Brei zerschmettert werden. Der Westwind heult so regelmäßig wie ein Passatwind, und es ist bei −15 Grad recht fühlbar kalt.

Die Maulesel gehen sicherer als die Pferde; daher mußte einer von ihnen meine Instrumentenkiste tragen. Endlich erreichen wir den Paß und haben von seinem scharfen Kamme eine großartige Aussicht. Mit einem Blick beherrscht man alle diese mächtigen, mit blendenden Schneepanzern bekleideten Bergäste, und im Westen breitet sich ein unentwirrbares Durcheinander von Felsen aus. Das Tal, das uns nach dem Passe hinaufgeführt hat, liegt wie eine schattige, jäh abfallende Rinne unter unseren Füßen, und wir erstaunen, daß es möglich gewesen ist, in ihm hier heraufzuklimmen. Im Norden erhebt sich der gewaltige schneebedeckte Gebirgsstock Illwe-tschimen mit seinen vielen bizarren Gipfeln, die wir von früheren Exkursionen her kannten.

Nach der üblichen Rast zu Beobachtungen sehnte ich mich nur nach dichteren Luftschichten und Schutz gegen den Wind. Jetzt folgen wir einem imposanten Tale, das auf beiden Seiten mehrere Nebentäler empfängt. Ihre Mündungen gleichen gigantischen Toren zwischen lotrechten Felswänden. Wenn man in die Tore hineinsieht, erblickt man im Hintergrunde die wunderlichsten Berggestalten, wo der Schnee auf allen Vorsprüngen in Friesen und Mustern liegt; in dem gedämpften Purpur der Abendsonne gleichen sie Galerien und Dekorationen in einem tibetischen Tempel.

Sobald die Pferde im Lager von ihren Lasten befreit worden waren, ergriffen sie die Flucht, wurden aber nach einer Weile wieder eingefangen und angebunden. Weide gab es nämlich in dieser Gegend (4057 Meter) nicht. Der Wind weht noch immer, und die Glut des Kohlenbeckens reicht nicht aus, um die Tinte in meiner Feder flüssig zu halten. Ich habe −12 Grad in der Jurte. Durch die unvermeidliche Zugluft von allen Seiten brennt mein Licht in drei Stunden herunter und ist von dicken Stearinstalaktiten umgeben. Tscherdon schoß einen Yakstier, und ich bedauerte Turdu Bai, Tokta Ahun und Chodai Värdi, die den Yak um 9 Uhr abends bei grimmiger Kälte zerlegen sollten. Solange das Fleisch warm war, konnten sie sich daran die Hände wärmen, aber gegen Mitternacht kehrten sie in das Lager zurück mit einem Bündel steinhartgefrorener Fleischstücke, die unter den Beilhieben wie Glas zersprangen.

Beim nächsten Lagerplatze fanden wir in den harten, gefrorenen Büscheln der Hochlandsteppe gutes Brennmaterial, und der Schnee schenkte uns Wasser. Am folgenden Morgen vergoldete die Sonne die Gipfel des Illwe-tschimen, während wir noch im Schatten lagen; es wehte nicht, wir sehnten uns in den Sonnenschein hinaus und waren bald im Gange. Von dem obenerwähnten Gebirgsstock geht ein Tal aus, dessen Gehänge außergewöhnlich gute Weide tragen. Daher blieben wir hier nach einem kurzen Tagemarsch, und ich war gerade dabei, das Stativ des Theodoliten aufzustellen, als der Weststurm kam und jeder Arbeit im Freien ein Ende machte. Er riß das Zelt der Leute um; es flog fort und landete auf dem Eise des Talgrundes.

Längs des zunächststehenden Berges sahen wir einen Mann auf einem Kamel reiten. Ich glaubte, es möchte ein Bote an mich sein, und schickte daher Tokta Ahun aus, um Erkundigungen einzuziehen. Der Mann war, wie sich herausstellte, ein Mongole und gehörte zu einer Pilgergesellschaft aus Kara-schahr, die auf dem Wege nach Lhasa war. Die anderen waren am Morgen hier vorbeigekommen, er aber war zurückgeblieben, weil sein Kamel nicht so schnell hatte laufen können.

166. Islam Bai und Kutschuk stoßen vom Lande ab. (S. 389.)
Im Hintergrund die kleine isolierte Bergpartie am Nordwestufer des Ajag-kum-köll.
167. Das nach dem Passe Gopur-alik hinaufführende Tal. (S. 391.)

Mongolische Pilger begeben sich jährlich aus den russischen und chinesischen Vasallenländern im Norden über Temirlik, Ghas und Zaidam nach der heiligen Stadt. Sie wandern stets im Spätherbst oder Winter dorthin und kehren im nächsten Jahre um dieselbe Zeit wieder zurück. Während der warmen Jahreszeit gehen sie nie über Abdall, weil die Bremsen ihnen die Kamele ruinieren würden. Auf der Rückreise sind sie stets übel daran, weil ihnen von ihren Tieren nur noch wenige geblieben sind, und die meisten Männer gehen zu Fuß. In Abdall pflegen sie zu versuchen, ihre erschöpften Kamele gegen Pferde zu vertauschen, um dadurch instand gesetzt zu werden, ihre noch weit entfernte Heimat zu erreichen. Ein schwächliches Kamel hat gleichen Wert mit einem Pferd, drei schlechte Kamele mit einem gesunden, ein ganz abgetriebenes mit einem Esel. Ihren Proviant verwahren die Pilger in Säcken und Kisten, und auf der Rückreise kaufen sie in Abdall neue Vorräte. Wenn sie auf der Hinreise in das Land der Zaidammongolen gelangen, lassen sie alle Kamele bei ihren Stammverwandten zurück und reisen auf gemieteten Pferden weiter. In Zaidam haben viele Mongolen hierdurch ein bedeutendes Einkommen.

Sie müssen großes Vertrauen zu der Wahrheit ihrer Religion besitzen, da sie das Opfer eines ganzen Jahres voller Strapazen, Entbehrungen und Kosten bringen, um nur die heilige Stadt zu sehen und an den dortigen Tempelfesten und Prozessionen teilzunehmen. Sie richten es stets so ein, daß ein Pilger, der schon in Lhasa gewesen ist, mitkommt, und von Zaidam nehmen sie Führer, die alle geeigneten Lagerplätze kennen. Vier Monate sind sie unterwegs und richten sich ihr Karawanenleben so angenehm wie möglich ein. Während des Marsches sammeln sie „Argussun“ (Argol oder Yakdung) zum Brennen und sitzen abends um ihre Feuer, bereiten sich Tee und essen Tsamba, das tibetische Nationalgericht. Mit gespannter Erwartung nähern sie sich dem Ziele ihrer Träume, sehen eine Bergkette nach der anderen hinter sich verschwinden und empfinden ohne Zweifel, wenn hinter der letzten Höhe endlich Lhasas weiße Tempelfassaden glänzen, dieselbe heilige Ehrfurcht, die den Mekkapilger ergreift, wenn er zum ersten Male in seinem Leben vom Berge Arafat seine heilige Stadt erblickt.

Es war ein seltsames Gefühl, diese Pilger in der Nähe zu wissen und in den Spuren zu ziehen, die nach Lhasa führten. Einen Augenblick lang fühlte ich mich versucht, mich ihnen anzuschließen, nur Schagdur mitzunehmen und als Burjate verkleidet mit ihnen zu ziehen. Aber nein, es ließ sich nicht ausführen; ich hatte für den Winter andere Pläne und durfte mein Programm nicht ändern.

Wir folgten den wie helle Kreise in den Sand gedrückten Spuren der mongolischen Kamele. Im Norden unseres Weges zieht sich die Astin-tag-Kette so weit nach Osten und Westen hin, wie das Auge reicht. Gegen Abend nahm die Luft einen hellblauen Farbenton an, war aber im Zenit glänzend weiß, — wahrscheinlich brachen sich die Mondstrahlen in seinen Eisnadeln; die Berge leuchteten in rosa Schattierungen, alles zeigte sich in schwachen, winterkalten Tönen; auch wenn man von lauter Wärme umgeben wäre, würde man sehen, wie diese Landschaft unter der vernichtenden Macht der Kälte erstarrt ist.

Wir wandern in dem Tale nach Osten und gelangen an den am Nordfuße des Akato-tag gelegenen Salzsee Usun-schor. Hier entspringen mehrere Süßwasserquellen, und nur da, wo sich ihre Rinnsale in den See ergießen, liegt Eis. Sonst ist das mit Salz gesättigte Wasser offen, obwohl es eine Temperatur von −7,9 Grad hat.

Es war schön, am Abend des 5. Dezember wieder daheim zu sein und im Lager alles gut und ruhig vorzufinden. Die Quellen von Temirlik waren jetzt von mächtigen Eisblöcken und Eiskuppeln umgeben. Togdasin hatte sichtlich einen ernstlichen Stoß bekommen, denn sein Zustand hatte sich nicht gebessert. Er wohnte in einer Grotte neben mir, und ich nahm mich in den Tagen, die ich jetzt im Hauptquartier zubrachte, seiner sehr an. Als das Hauptquartier Ende Dezember nach Tscharchlik verlegt wurde, kam er mit, und ich sah ihn dann erst im April des folgenden Jahres wieder. Er war ein Krüppel geworden; die Füße waren ihm buchstäblich Stück für Stück abgefallen, aber er war heiter und zufrieden, und ich gab ihm soviel ich konnte für seinen Lebensunterhalt.

In betreff der mongolischen Karawane erzählte Schagdur, daß sie einen Tag in Temirlik gerastet und aus 75 Männern, lauter Lamas, und zwei Weibern bestanden habe. Einer dieser Priester hatte einen besonders hohen vornehmen Rang, und ihm wurde von den anderen die größte Ehrfurcht erzeigt. Ungefähr 25 von den übrigen waren so arm, daß sie zu Fuß gingen und nur unter der Bedingung mitkommen durften, daß sie ihren wohlhabenderen Kameraden dienten. Letztere hatten eine Reisekasse von 10 Jamben pro Mann und außerdem noch eine Kasse von 120 Jamben, die für den Dalai-Lama bestimmt waren, weil sie für alle Feste und Feierlichkeiten, an denen sie teilnehmen, bezahlen müssen. Dies ist der Peterspfennig, von dem der Papst in Lhasa lebt.

Die Schar war gut bewaffnet und besaß 30 mongolische Flinten, 2 Berdan- und 1 Winchestergewehr; sie waren also auf die Abwehr tangutischer Räuberanfälle vorbereitet. Schagdur hatte einige von ihnen aufgefordert, mit ihm auf die Kulanjagd zu gehen, sie hatten aber erwidert, daß jegliches Blutvergießen verboten sei, weil es die Wallfahrt besudeln würde.

Der Mann, der zurückgeblieben war und den wir gesehen hatten, war ein Lama, der zehn Jahre in Lhasa gelebt hatte und jetzt noch drei dort bleiben sollte. Ich fragte mich, ob er Schagdur wohl wiedererkennen würde, wenn es uns später noch gelingen sollte, in die heilige Stadt zu gelangen.

Die Karawane zählte 120 Kamele und 40 Pferde. Außerdem hatten sie 7 Paradepferde bei sich, die mit der größten Sorgfalt gepflegt wurden und als Geschenk für den Dalai-Lama bestimmt waren. Der Proviant bestand aus gehacktem Fleisch in kleinen gedörrten, gefrorenen Stücken, geröstetem Weizenmehl und Tee.

Mit der größten Neugierde hatten sich die Pilger unser Lager angesehen und die Veranlassung meines Besuches zu erforschen versucht. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie bei der Ankunft in Lhasa ihre in dieser Beziehung gemachten Entdeckungen den betreffenden Behörden meldeten und daß dies eine der Ursachen war, weshalb die Grenze gegen Norden mit so großer Aufmerksamkeit bewacht wurde. Ich erhielt später eine Bestätigung für diesen Verdacht.

Schagdur hatte einige Neuigkeiten aufgeschnappt, die ich mir merkte. Die Mongolen hatten erzählt, daß alle Pilger, die sich Lhasa nähern, unter strenger Aufsicht stehen. Schon in Nakktschu werden alle angehalten und untersucht. Sie müssen ihre Namen angeben, die Orte, in denen sie leben, und den Namen des Oberlamas, unter dem sie stehen, und von ihm ein Zeugnis vorzeigen, in welchem angegeben wird, zu welcher Kloster- oder Tempelgemeinde sie gehören und was der Grund ihrer Wallfahrt ist. Wenn alle diese Formalitäten erledigt sind, wird ein Bericht darüber nach Lhasa geschickt, und die Pilger müssen warten, bis sie von den Behörden der Stadt besondere Pässe erhalten.

Sind sie erst damit versehen, so brauchen sie sich nachher keiner weiteren Kontrolle zu unterwerfen. Diese Vorsichtsmaßregeln sollen getroffen worden sein, um Russen, d. h. Europäer, zu verhindern, sich in Lhasa einzuschleichen. Aus denselben Gründen war vor einigen Jahren ein Erlaß an die Turgutenstämme, die russische Untertanen sind, ergangen, daß aus ihrem Lande künftig keine Pilger nach Lhasa geschickt werden dürften. Dieses Verbot war aber kürzlich aufgehoben, und die einige Zeit unterbrochenen Wallfahrten waren wieder aufgenommen worden.

Ein Lama der Pilgerkarawane hatte von einer Prophezeiung in einem in Lhasa befindlichen alten heiligen Buche zu erzählen gewußt, die verkündete, daß der Tsagan Chan, der „Weiße Zar“, einst über die ganze Welt herrschen, Tibet erobern und Lhasa zerstören werde. Die Lamas würden dann ihre Heiligtümer in unzugängliche Gebirge in Südtibet flüchten.

Der Lama hatte Schagdur eingeladen, mitzukommen; für ihn würde es leicht zu machen sein, besonders wenn er sich für einen Turguten ausgäbe. Ich unterhielt mich abends, wenn es im Lager still war, mit meinem treuen Kosaken über diese Dinge, die ihn in so hohem Grade interessierten. Schon als Kind hatte er von der heiligen Stadt gehört und brannte nun vor Eifer, einmal dorthin zu kommen. Er ahnte nicht, daß es meine Absicht war, es selbst auf den verbotenen Wegen zu versuchen. Doch wir mußten uns noch gedulden. Ich hatte vorher noch wichtigere Dinge auszuführen, und der ganze Plan des Versuchs, verkleidet nach Lhasa zu dringen, gehörte zu jenen waghalsigen Abenteuern, die nur Reiz ausüben, wenn man noch jung ist.