Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Der Tschargut-tso.

Wir hätten eigentlich heute (am 20. September) nach dem fernen Ladak aufbrechen sollen; aber die Gesandten baten uns zu bleiben, weil sie noch einige Tagereisen weit mit uns ziehen wollten. Heute hatten sie jedoch einen großen Festtag und wollten sich still verhalten, und ich ging mit um so größerem Vergnügen auf den Vorschlag ein, als der Tschargut-tso mich auf seine schönen, aber falschen Wogen hinauslockte.

Chodai Kullu wurde zum Ruderer ernannt. Wir hielten Kurs auf die äußerste Spitze der bergigen Halbinsel, die unsere Bucht im Süden begrenzte. Von dort gingen wir weiter auf den See hinaus, als auf einmal der Himmel im Westen schwarz wurde und der Sturm mit seinem gewöhnlichen Getöse angezogen kam. Wir wendeten sofort und landeten an dem steilen Ufer der Landspitze, wo indessen herabgefallene, scharfkantige Felsstücke das Boot zu zerschneiden drohten, denn die Wellen gingen bald hoch und preßten es gerade gegen das Ufer. Ich beschloß, quer über die heftig aufgeregte Bucht gerade nach unserem Lager hinzusteuern. Es knackte in dem Holzrahmen des Bootes, und der Sturm war zum Orkan geworden. Mit sausender Fahrt trieben wir nach dem Strande hin, wo sich die Tibeter in dichtgedrängten Haufen versammelt hatten, um Zeugen unseres Schiffbruchs zu werden. Bald entschwand die Jolle in einem Wellentale ihren Blicken, bald erschien sie auf einem Kamme, auf dessen Rücken sie stampfte und bebte. Für uns sah es unheimlich aus. Wir nähern uns dem Strande mit beängstigender Geschwindigkeit; im nächsten Augenblick muß das Boot von einer Welle auf den Sand geschleudert, im andern aber, wenn sie sich zurückzieht, wieder ins Wasser gezogen werden. Stumm vor Staunen, mit verhaltenem Atem standen die Tibeter und waren entschieden überzeugt, daß wir in der Brandung zerschellen würden. In dem Augenblick, als die Welle das Boot auf den Strand schleuderte, sprang Chodai Kullu ins Wasser, und alle vier Kosaken sprangen herzu, faßten die Relinge des Bootes und trugen mich wie auf einer Bahre aufs Trockne. Das Ganze ging blitzschnell vor sich, und die Tibeter eilten herbei, um sich zu überzeugen, ob ich wirklich noch lebe.

Erst nachdem der Sturm sich gelegt hatte, konnten wir uns wieder hinausbegeben, worauf wir einige Lotungen mit gutem Gelingen ausführten und erst in der Dämmerung zurückkehrten. Es war ganz dunkel, als wir noch draußen auf dem See plätscherten, und die Arbeit wurde bei Laternenschein ausgeführt. Als wir uns spät abends dem Strande näherten, war der Anblick der Lagerstadt nicht weniger großartig als bei Tag. Alle Feuer leuchteten in einer langen Reihe längs des Ufers der Bucht, das beinahe wie ein illuminierter Hafenkai aussah. Der Rauch der Feuer wurde von der schwachen östlichen Brise über den See getrieben und lag wie ein graublauer Schleier über dem jetzt wieder ruhigen Wasser. Der Mond überflutete mit seinem Lichte diese außerordentlich schöne Landschaft und warf einen zitternden, silberglänzenden Streifen über den See. Bald schlägt das Lachen und Plaudern aus den Zelten und von den Soldatengruppen an unser Ohr. Die Leute trinken Tee, rauchen und sind mit Würfelspiel beschäftigt.

Als ich am Morgen des 21. September geweckt wurde, stand die Quecksilbersäule auf dem Gefrierpunkte. Der See lag spiegelblank da, und seine weit hinten im fernen Westen verschwindende Perspektive mit den kulissenartig vorspringenden Gebirgspartien glich einem gigantischen Flußtale. An diesem hellen, schönen Herbstmorgen war ich fröhlich gestimmt und fühlte mich zu einer längeren Seefahrt um so mehr aufgelegt, als ich das Alleinsein im Boote dem Waffengeklirr und Pferdegetrappel der 500 Tibeter vorzog.

Mit Proviant für drei Tage, warmen Kleidern und den nötigen Instrumenten versehen, steuerten Kutschuk und ich über den See. Bald darauf brach auch die Karawane auf; die Tibeter umschwärmten die Unsern in einzelnen Haufen, und ehe wir noch aus der Bucht auf den offenen See hinaustraten, war der eben noch so lebhafte Strand von Zelten und Menschen reingefegt, und das Schweigen der Wildnis legte sich wieder über die entzückende Gegend. Statt dessen zeichneten sich die Reisenden wie lange schwarze Linien, Gruppen und Punkte auf den Ebenen des Nordufers ab, wo sie westwärts zogen und bald hinter den Bergen verschwanden. Sie hatten Befehl, irgendwo in der Nähe des Westufers, wo es gutes Gras gab, zu rasten und uns dort zu erwarten. Die Gesandten waren ganz aufgeregt über die neue Seefahrt gewesen und hatten gefragt, was dies wieder heißen solle.

Wir waren kaum eine Viertelstunde unterwegs, so war es mit der Stille für heute vorbei. Eine frische Westbrise erhob sich, und der Spiegel der Bucht wurde matt, seine Bilder wurden von einer leichten Kräuselung zerstört, die bald zu Wellen und Wogen anschwoll. Jenseits des südlichen Felsenvorsprungs wurde der Wind stärker und kam uns gerade entgegen. Er schwoll zu einem halben Sturme an, der See ging hoch, das Loten mußte unterbleiben, und es galt wieder, uns selbst und unser Gepäck zu retten. Zum Umkehren war es zu spät, und jetzt war niemand mehr an dem Strande, auf den uns der Sturm widerstandslos geschleudert haben würde. Wir versuchten vergebens, irgendeine freundliche Landspitze zu erreichen, hinter der wir hätten Schutz finden können, aber es blieb uns nichts weiter übrig, als draufloszurudern und uns nach der vor dem Wind geschützten Seite der nächsten Felseninsel im Westen hinzuarbeiten. Unter diesen Umständen konnten natürlich nur wenige Lotungen gemacht werden; als größte Tiefe wurden 42 Meter festgestellt.

Wir arbeiteten jetzt wie Galeerensklaven gegen Wind und Wellen an (Abb. 277). Mit jeder Schlagwelle erhielt ich eine kalte Dusche und wurde bis auf die Haut durchnäßt. Es leckte und tropfte von meiner Mütze, und meine Brille leistete mir schlechte Dienste. Notizbücher, Decken und sonstige Sachen waren wie ins Wasser getaucht. Endlich aber erreichten wir doch die Insel; hier war der Wellenschlag geringer. Noch unmittelbar am Ufer betrug die Tiefe 34 Meter. Ganz erschöpft von der Anstrengung vertäuten wir das Boot. Es wurde ganz aufs Ufer hinaufgezogen, damit es uns nicht forttriebe, in welchem Falle unsere Lage höchst bedenklich gewesen wäre.

Die kleine Insel hat die Gestalt eines Sattels; sie besteht aus zwei Bergkuppen mit einer flachen Einsenkung in der Mitte, einer Landenge, die nur 300 Meter breit ist. Ich ging über die Enge nach dem Westufer, gegen welches die Wellen mit erschreckender Wut anstürmten. Welche Freude haben wir jetzt an der Sonne, die uns von dem glänzend türkisblauen Himmel herab mit ihrem goldenen Lichte überflutet, während der Wind über den launenhaften See hinfährt und die Wellen zum wilden Tanze auffordert.

Nachdem wir uns mit unserem unfreiwilligen Gefängnisse bekannt gemacht hatten, wurde das Lager aufgeschlagen (Abb. 278); wir breiteten mein provisorisches Bett am Ufer aus, das Boot schützte einigermaßen gegen den Wind, eine Filzdecke diente als Sonnendach. Infolge einer glücklichen Eingebung hatte ich Lektüre mitgenommen. Kutschuk schnarchte schon. Der Wind heulte in den Felsen; ich sehnte mich danach, ihn schwächer werden und verstummen zu hören. Um 3 Uhr wußten wir nichts Besseres anzufangen, als Feuer anzumachen und Tee zu bereiten. Jappkak und Argol waren in Menge vorhanden. Kutschuk ging von Zeit zu Zeit über die Enge, um sich nach dem Sturme umzusehen, kam aber stets mit dem Bescheide wieder, daß es undenkbar sei, bei solchem Wetter mit dem Boote hinauszugehen. Mit Hilfe des Fernglases sehen wir auf dem nördlichen Seeufer mehrere große Herden und Zelte.

Es ging gegen Abend. Der Wind flaute nicht ab; immer noch hörte man den See gegen das Westufer der Insel branden, wo die Wellen unter der Peitsche des Sturmes ihre Sklavenarbeit ausführen. Sie haben das Recht, soviel sie wollen gegen diese heiligen Ufer zu schlagen, an denen wir nur wie Zugvögel vorbeistreichen dürfen. Als wir nach Süden gingen, hinderten uns die Tibeter, jetzt, da wir uns nach Westen wenden, hindert uns der Sturm. Ich hatte unserem lärmenden Gefolge entgehen und mich in Einsamkeit der Stille der Natur erfreuen wollen; jetzt wollte ich viel lieber zu ihm zurückkehren, als auf dieser kleinen Felseninsel gefesselt sein. Es gehörte die Geduld eines Engels dazu, hier untätig und gebunden zu liegen, während das Tagesgestirn seinen Lauf nach Westen fortsetzte. Wie mir zum Hohne ging die Sonne klar unter, tiefe Schatten senkten sich auf das Lager herab, während das Ostufer noch in Licht getränkt lag. Doch bald kletterten die Schatten auch die Berge hinauf, deren Gipfel eine Weile scharlachrot leuchteten. Als auch ihre Glut erloschen war, stieg die Nacht blaukalt und rein aus dem Osten auf. Wie gern hätten wir heute so wie gestern die Uferfeuer lodern sehen, doch heute Abend war es dunkel und still, und nirgends war ein Feuer zu erblicken. Der Halbmond war die einzige Laterne, die uns in unserem Gefängnisse gewährt wurde, das wir so gern verlassen hätten, das aber trotzdem in seiner Weise friedlich und reizend war.

Vielleicht legte sich der Sturm über Nacht. Wir legten uns früh schlafen, und Kutschuk hatte Befehl, mich ein paar Stunden nach Mitternacht zu wecken. Um 4 Uhr rüttelte er mich wach. Die Sterne funkelten hell, aber der Wind war noch ebenso heftig. Trotzdem standen wir auf. Bald flammte das Feuer und erhellte das steinige Ufer. Es waren beinahe −5 Grad, und der heiße Tee schmeckte gut. Oft pflegte der Morgen ganz windstill zu sein. Unser Plan war jetzt, nach dem Südufer hinüberzurudern, wo wir unter den Felsen leidlichen Schutz finden mußten und uns schlimmstenfalls von einer Landspitze zur anderen schieben konnten. Wir hatten genug von dieser Robinsonade und sehnten uns nach der Sonne. Stumm und nachdenklich saßen wir während des Wartens am Ufer. Endlich graute im Osten der Tag, und die Bergkämme hoben sich schwarz auf dem immer helleren Hintergrunde ab. Auf einmal ging die Sonne wie eine blendende Feuerkugel auf.

Statt abzunehmen, nahm der Sturm an Heftigkeit noch zu. O welch himmlischer Geduld bedurften wir jetzt, wenn auch dieser Tag verloren gehen sollte, während die Karawane ihren Weg nach dem unbekannten Westen fortsetzte! Ein richtiger Passatwind wehte gleichmäßig und stark, ohne einen Augenblick schwächer zu werden, und leichte, weiße Wölkchen segelten zeitweise über den See hin. Der Tschargut-tso zieht sich langgestreckt von Osten nach Westen. Ich beschäftigte mich, nachdem ich mit der mitgebrachten Lektüre fertig war, damit, eine Karte des Sees zu zeichnen und darüber nachzudenken, wie günstig oder ungünstig die verschiedenen Windrichtungen für uns gewesen wären. Neun verschiedene Fälle waren denkbar. Am besten wäre östlicher Wind gewesen, doch auch solcher aus Nordosten und Südosten hätte uns geholfen. Windstille wäre beinahe ebensogut gewesen. Hätte Südwind oder Südwestwind geherrscht, so hätte das Südufer uns Deckung geboten, bei Nord oder Nordwest hätten wir unter dem Nordufer Schutz gefunden. Aber von allen diesen Fällen war natürlich keiner eingetreten, nur der neunte, westlicher Wind, für uns der direkte Gegenwind und die einzige Richtung, die uns das Aufbrechen unmöglich machte.

Auch dieser Tag war verloren. Wir verträumten die Zeit an unserem Ufer; von dem anderen her ertönte es wie das Donnern eines riesenhaften Wasserfalles, die Wellen gingen meterhoch, wir waren an unseren Felsen festgeschmiedet. Ich machte eine Kartenaufnahme von der Insel, während Kutschuk ganze Haufen Brennmaterial einsammelte; es war das einzige, womit er sich die Zeit vertreiben konnte. Nachher „versammelten wir uns zum Mittagessen“; mein Schutzzelt mußte mit Steinen verankert werden, damit es nicht fortflog. Dann gehe ich nach dem Südwestufer, wo die Felsen steil in den See hinabstürzen. Dort sitze ich und höre mit Genuß dem lärmenden Spiele der Wellen zu; ich schließe die Augen, um besser träumen zu können, aber in jedem Wellenschlage liegt wie ein Hohngelächter die Frage: „Was hast du in diesem heiligen Lande zu suchen?!“ Ich gehe dann nach dem nördlichen Berge, um Abschied von der Sonne zu nehmen. Als die neue Nacht hereinbricht, lassen wir uns an einem gewaltigen Lagerfeuer nieder und setzen unser dolce far niente fort.

Um 6½ Uhr schien die Heftigkeit des Windes abzunehmen, und die Hoffnung erwachte wieder. Um 7 Uhr ließ sich deutlich erkennen, daß die Windgeschwindigkeit abgenommen hatte, aber die dichter gewordenen Wolken schwebten mit derselben gräßlichen Eile unter dem Monde durch, der gleich einer silbernen Muschel über ihnen segelte.

284. Die Anführer unserer Leibwache. (S. 306.)
Links Lama Schereb, rechts Jamdu Tsering und Tsering Daschi.
285. Das Tal des Boggtsang-sangpo. (S. 306.)

Mit steigender Spannung beobachteten wir die Himmelszeichen und gingen wieder nach dem Westufer, aber der See sah noch immer ebenso aufgeregt aus, und wir mußten weiter warten. Direkt nach Westen hatte ich die Richtung nach der nächsten kleinen Felseninsel eingepeilt, und wir hofften noch vor Monduntergang dorthin zu gelangen; später würde es pechfinster werden. Nach und nach flaute der Wind ab, und wir packten unsere Sachen zusammen. Als wir im Begriff waren, das Boot ins Wasser zu setzen, schmerzte es mich beinahe, diese kleine Insel, die uns eine Freistatt gegeben und auf der ich zwei friedvolle Tage zugebracht hatte, auf ewig verlassen zu müssen.

Wir schieben unser Fahrzeug in die Nacht hinaus und streichen vor dem Winde gedeckt am Ostufer entlang. Die südliche Klippe der Insel ragt wie ein rabenschwarzes Gespenst aus den Wellen empor; ihre Wände sind von dem bleichen Mondlichte schwach beleuchtet. Als wir die Spitze umschifft hatten, kam uns der Wellengang direkt entgegen; aber jetzt war er nicht gefährlich, und die Jolle schaukelte sanft und leicht. Von der nächstgelegenen kleinen Felseninsel, unserem nächsten Ziele, war keine Spur zu erblicken; sie verschwamm mit den Gebirgen im Westen, aber ich wußte, daß sie von uns in West zu Süd lag, und gab Kutschuk dementsprechende Anweisungen beim Rudern. Selbst wenn das Wetter so ruhig und gut ist wie jetzt, ist es nicht gerade gemütlich, mitten in der Nacht auf einem unbekannten See zu schaukeln. Alles ist schwarz und undeutlich, man erhält keinen Begriff von den Umrissen der Ufer; nur die zurückgelegte Linie, ihre Zeiten, Tiefen und Geschwindigkeiten sind ebenso sicher zu bestimmen wie bei Tageslicht. Das Wasser ist schwarz wie Tinte, nur das Silber der Mondstraße tanzt auf den sich zur Ruhe legenden Wellen; der Himmel ist dunkelblau, die Wolken segeln stumm und düster wie Schatten und eilfertig wie Pilger nach Osten, doch am schwärzesten ist der Gebirgsrahmen ringsumher.

Das Boot war schwer belastet und ging tief, denn wir hatten so viel Brennmaterial mitgenommen, wie wir nur hatten unterbringen können. In meiner vorderen Boothälfte, wo ich weich und warm saß, hatte ich es ausgezeichnet. Die Lotleine mit ihren Fünfmeterknoten lag auf der Backbordreling bereit. Die Laterne beleuchtete Uhr, Kompaß, Geschwindigkeitsmesser und Marschroute, ich rauche und führe meine Beobachtungen in schönster Ruhe aus. Die größte Tiefe beträgt 37,5 Meter; sie liegt dicht bei der ersten Insel, dann hebt sich der Seeboden langsam nach der zweiten. Die wichtigsten Vorgebirge auf beiden Seiten waren passiert; es konnte nicht mehr weit nach der kleinen Insel sein. Stundenlang glitten wir weiter, ohne daß sie sich zeigte; doch es war kaum möglich, daß wir an ihr vorbeikommen konnten, ohne sie zu sehen. Erst als wir nur noch eine Minute vom Ufer entfernt waren, tauchte sie aus der Dunkelheit auf. Ich glaubte, wir näherten uns einem Gipfel, der zu dem westlich vom See liegenden Berge gehörte; aber der Gipfel wuchs in wenigen Minuten, und das Boot schrammte gegen das Ufer. So täuscht man sich beim Rudern im Dunkeln, selbst wenn Mondschein herrscht. Das Schifflein wurde an Land gezogen, und wir gingen sofort zur Ruhe.

Wir hatten die Absicht, bei Tagesanbruch gleich weiterzufahren; doch schon vorher teilte mir Kutschuk mit, es gehe wieder ein so heftiger Wind, daß an ein Weiterrudern nicht zu denken sei. Mir blieb nichts weiter übrig, als die Insel gründlicher in Augenschein zu nehmen. Sie bildet beinahe ein rechtwinkeliges Dreieck mit der Hypotenuse nach Nordwesten; das längste Ufer ist nur 330 Meter lang. Der südliche Teil der Insel wird von einer roten Konglomeratschicht gebildet, und die Ufer sind mit Blöcken von demselben Materiale dicht bedeckt. Die größte Höhe beträgt nicht mehr als 15 Meter; einige Steinmale sind dort errichtet (Abb. 279).

Um 12½ Uhr war es völlig windstill, aber im Westen stiegen schwarze Wolken mit Regendraperien auf. Ein neuer Sturm war im Anzug. Wir hatten das schwierigste Becken des Sees vor uns. Was gebot uns die Klugheit zu tun? Der Proviant ging zu Ende. Ich hatte stundenlang am Strande gesessen und mir, wie ein Kind, den Sand durch die Finger gleiten lassen. Auf den im Wasser liegenden, von tausendjährigen, unermüdlichen Wellen glattgeschliffenen Blöcken hatte ich Sandfestungen erbaut, um zu sehen, wie lange sie den Überschwemmungen der Wellen würden widerstehen können. Nie habe ich eine Seefahrt unter so ungünstigen Verhältnissen gemacht wie diesmal. Alle Unwetter des ganzen Landes schienen unbedingt erst über den Tschargut-tso ziehen zu müssen, oder das Tal, in dem der See liegt, mußte eine Abflußrinne für alles derartige Teufelszeug sein!

Um 2 Uhr hatten wir alles eingepackt, da aber brach der Sturm los, und es war nur gut, daß wir die Insel noch nicht verlassen hatten. Es regnete eine Weile, und die Wellen rauschten gegen die kleine Klippe. Im Süden ging eine zweite Bö über das Land und färbte alle Berge weiß. Nachdem wir eine Stunde gewartet hatten, hörte der Sturm auf einmal auf, und der Seegang legte sich schnell, nur weich abgerundete Dünungen krümmten seine Oberfläche, die Sonne näherte sich dem Horizont, und der Tschargut-tso gewährte einen herrlichen Anblick. Bei solchem Wetter konnte kein Risiko dabei sein, quer über den offenen See zu steuern; aber wir hielten doch Ausguck auf einige Landspitzen im Süden, die uns im Notfall hätten als Schutz dienen können. Kutschuk ruderte scharf, und ich peilte von Zeit zu Zeit. Die größte Tiefe betrug fast 48 Meter.

Die schützenden Landspitzen hatten wir hinter uns zurückgelassen, als es wieder im Westen dunkel zu werden begann; der Donner grollte dumpf über den südlichen Bergen, wo es in Strömen regnete oder schneite, und über das nördliche Ufer, das jetzt in weiter Ferne lag, zog ebenfalls ein Unwetter hin. Über dem See herrschte einstweilen noch klares Wetter, und die Sonne ging in leichten Wolken unter. Doch über den senkrecht abstürzenden Felsen des südlichen Ufers, nach denen wir jetzt hinsteuern, erhebt sich eine stahlblaue, drohende Wolkenwand. Indessen ist es andauernd ruhig, und die Wolke scheint stillzustehen und sich ihres Inhalts nur auf einer Stelle zu entladen. So gut sollte es uns aber nicht werden. Unter den Wolken werden die unzweideutigen Anzeichen eines herannahenden Sturmes sichtbar. Die Wolken werden auf der unteren Seite hell brandgelb, als würden sie von einer Feuersbrunst beleuchtet, und wenn man diesen Farbenton sieht, weiß man sofort, was es zu bedeuten hat. Ich suchte mit dem Fernglase die Ufer ab, aber jetzt gab es innerhalb Sehweite keine rettende Bucht. Am klügsten wäre es gewesen, wenn wir uns von dem Sturme nach der kleinen Felseninsel hätten zurücktreiben lassen, denn mit dem Wellengange kann die Jolle die höchsten Wogen vertragen. Aber unser Proviant war beinahe zu Ende, und es galt, ein Ufer zu erreichen, von dem aus wir die Karawane aufsuchen konnten. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als gegen den Wind aufzuhalten und zu versuchen, unter den Felsen des südlichen Ufers in Schutz zu kommen.

Zuerst sausten einige kalte Windstöße über den See, und dann brauste der Sturm herab wie der Habicht auf eine wehrlose Taube. Vorbei ist es mit Lotungen und Peilungen! Faßt die Ruder fester, jetzt gilt es das Leben! Es knackt und knarrt in dem Boote, und dieses klatscht mit dem Boden auf die ihm entgegenkommenden Wellen, die wie Kobolde zum Angriffe stürmen. Im nächsten Augenblick kann sein Rumpf mit einem Knalle zerspringen. Doch es gibt ein Maximum für die Wellenhöhe in Seen von dieser Größe, und dieses Maximum hat die Jolle bisher immer aushalten können. Nie habe ich so verzweifelt gearbeitet wie jetzt; wir ruderten mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen und gewannen jedesmal ein paar Zentimeter; ich hatte mehrere Tage nachher noch große Blasen an den Händen. Der Sturm wurde zwischen den Felsen der Ufer eingepreßt und nahm an Heftigkeit zu. Drauflos, Kutschuk! Das Ufer kommt uns näher, es ist gar nicht gefährlich! Da schlägt ein Wellenkamm über die Steuerbordreling in das Boot, und das Wasser plätschert und rauscht von dem Rollen, eine neue Welle schlägt hinein, wir bekommen recht kalte Duschen von dem Spritzwasser, wir rudern mit so festen Griffen, daß uns die Knöchel weiß werden, wir tragen das Boot auf den Ruderblättern durch die Wellen! Lange kann es auf diese Weise nicht mehr fortgehen, das Boot ist halb voll Wasser, und die Wellen brechen noch immer über den Vordersteven herein — bald müssen wir sinken!

„Halte deine Rettungsboje bereit, Kutschuk, ich habe die meine!“ —

„Nein, wir können noch nach jenem Vorgebirge hingelangen, ja Allah!“ —

Und wir arbeiteten uns dorthin! Es war ein Wunder, daß wir nicht Schiffbruch litten; auf keiner von allen meinen Seefahrten in Asien bin ich einer Katastrophe so nahe gewesen!

Sobald wir unter dem Vorgebirge vor dem Winde geschützt waren, wurden die Wellen niedriger, und wir beruhigten uns und erreichten im letzten Augenblick am dunkeln Abend das Ufer. Ja, hat man nur ein sicheres Boot, so ist es keine Kunst, im Dunkeln über einen stürmischen See zu kommen, aber mit einer Zeugjolle ist es etwas anderes, und die Fahrt wird nicht gemütlicher, wenn der Wind die Sturmwolken zerreißt und der Mond den Wellenschaum versilbert, der weiß und kristallhell über unerforschten Tiefen glänzt, die bereit sind, uns in ihre kalten Arme zu schließen.

Sobald wir gelandet waren, hörte der Wind auf. Statt dessen fing es an stark zu regnen, und es regnete die ganze Nacht. Wir richteten das Boot wie ein Kutschenverdeck auf, zündeten Feuer an, trockneten unsere Kleider und schliefen dann gut, da wir von der sowohl körperlich wie seelisch kolossalen Anstrengung sehr ermüdet waren.

Am Morgen des 24. September hatten wir nur noch ein Stückchen Brot zum Frühstück. Bei gutem Wetter ruderten wir westwärts über den See weiter, der bald schmäler wurde und ein Ende nahm. Wir fuhren in eine trompetenförmige Flußmündung hinein, und nach knapp einem Kilometer befanden wir uns wieder auf einem gewaltigen See. Die Gesandten hatten ihn Addan-tso genannt, aber die Nomaden, die wir am Ufer trafen, sagten Nagma-tso. Fern im Norden zeigten sich einige Reiter. Wir hofften, daß es unsere Späher sein würden, aber sie verschwanden bald wieder und hatten das Boot augenscheinlich nicht gesehen. Wir beabsichtigten jedoch, schräg über den See nach dem ziemlich naheliegenden Nordufer zu fahren.

Ich habe soviel von unseren abenteuerlichen Seefahrten gesprochen, daß ich nur noch hinzufügen will, daß der dritte Sturm uns auf dem Addan-tso überfiel und uns buchstäblich gegen das nächste Land schleuderte, wobei sich das Boot mit Wasser füllte, so daß wir ins Wasser springen und retten mußten, was sich retten ließ. Glücklicherweise regnete es nicht. Wir breiteten unsere Sachen in dem starken Wind auf der Erde zum Trocknen aus, zogen die Kleider aus und hielten sie in den Wind, nachdem wir sie erst tüchtig ausgerungen hatten, dann lagen wir dort mehrere Stunden still. Schließlich wurde ich so hungrig, daß ich nach dem nächsten schwarzen Nomadenzelte ging; ich war aber noch nicht weit gekommen, als Kutschuk mich zurückrief und auf den kurzen Flußarm, den wir heraufgefahren waren, zeigte. Dort erschienen zwei Reiter mit drei Packpferden. Sie hatten uns gesehen und ritten gerade auf uns zu. Es waren Tscherdon und Ördek, die uns seit zwei Tagen längs des Ufers des Addan-tso suchten und gleich den anderen in größter Unruhe geschwebt hatten. Nach einer Weile kamen Tschernoff und der Lama, die uns an den Ufern des Tschargut-tso hatten suchen wollen. Sirkin war schon gestern dort gewesen und hatte in dem alten Lager am Ostufer des Sees Umschau gehalten. Sie hatten das Schlimmste befürchtet und bereits überlegt, was sie tun sollten, wenn ich nicht wiederkäme. Einige Bootstrümmer und unsere Sachen wollten sie jedoch erst finden, ehe sie die Gegend ohne ihren Chef verließen.

Tscherdon hatte mehrere Abenteuer gehabt. Mehreremal schienen uns Reiterpatrouillen zu suchen, und an einer Stelle standen 8 Soldatenzelte, um den Weg nach Lhasa zu sperren.

Wir ritten über einen Paß nach dem großen Lager; mehrere Reiterhaufen begegneten mir und geleiteten mich dorthin, artig grüßend, indem sie die Zunge herausstreckten. Das Lager lag in einem Längentale, durch welches wahrscheinlich auch Littledale gezogen war; ich wollte künftig seine Route nach Möglichkeit vermeiden. Alles war ruhig, aber dem alten Muhammed Tokta ging es schlechter. Ein Kamel war tot. Einer der Tibeter war gestorben. Wir ritten an der Leiche vorbei, die auf die Erde geworfen worden und von Geiern und Raben entsetzlich zugerichtet war; viel mehr als das Gerippe war nicht mehr davon übrig. Hladsche Tsering lud mich in sein Zelt ein und empfing mich wie einen Sieger. Unter der blauen Decke glänzten die Götterbilder matt durch einen Weihrauchschleier, und wieder gab es ein üppiges Gastmahl.

Diese Seefahrt war die letzte, die ich in Tibet machte, und das Boot sollte nachher nur noch auf einigen Flüssen benutzt werden. Ich bewahre den Tagen, die ich auf dem Selling-tso, Nakktsong-tso, Tschargut-tso und Addan-tso verlebte, ein ganz besonderes Andenken, denn sie waren für mich eine unvergeßliche Unterbrechung der langen, einförmigen Karawanenmärsche. Die Untersuchungen können nur als vorläufig betrachtet werden, aber sie gaben mir doch einen sehr wertvollen Überblick über die Hydrographie dieser wunderbar schönen Seeregion. Wenn die Wasserspiegel hier um etwa 50 Meter gehoben würden, so würde eine echte, an Norwegens und Schottlands Küsten erinnernde Fjordlandschaft entstehen. Wahrscheinlich ist auch dieses Land einst mit Eis bedeckt gewesen, obgleich man vergebens nach Gletscherspuren, Schrammen, Moränen oder erratischen Blöcken sucht. Die Gesteine sind verwittert, und alle Spuren fortgetragen, vernichtet. Der Addan-tso ist der höchste und größte See dieses Gebietes. Mehrere Flüsse von den angrenzenden Gebirgen, besonders von den hohen Schneeketten, die im Süden sichtbar sind, ergießen sich in ihn. Der Addan-tso entleert sein überflüssiges Wasser in den Tschargut-tso, und dieser hat in dem Jaggju-rappga-Flusse einen Abfluß nach dem Selling-tso. Weiter kommt das Wasser nicht; es bleibt im Selling-tso, wo es verdunstet, und daher ist auch nur dieser See salzig. In welchem Verhältnis der Nakktsong-tso zum Selling-tso steht, ist mir nicht ganz klar geworden. Möglicherweise existiert ein unterirdischer Abfluß, vielleicht aber ergießt er sich auch in einen weiter südlich liegenden See, den zu sehen uns nicht vergönnt war.

Am 25. September sollten wir uns von unseren Freunden Hladsche Tsering und Junduk Tsering, mit denen wir seit dem 12. zusammengewesen waren, trennen. Sie schickten mir jeder eine Haddik und ließen mir dabei eine gute und glückliche Reise wünschen. Dann erschienen sie selbst und versicherten, daß alles, was wir an Proviant, Führern und Lasttieren brauchten, uns dem Befehle des Dalai-Lama gemäß zur Verfügung gestellt werden würde. Als die Karawane marschfertig war, machte ich ihnen schnell einen Abschiedsbesuch und überreichte ihnen verschiedene Geschenke, wie Revolver, Messer, Kompasse und Zeugstoffe. Ich versicherte, daß ich nicht versuchen würde, nach Lhasa vorzudringen, und bat sie, den Dalai-Lama von mir zu grüßen; aber ich erklärte auch, daß ich dem Wege, den die Eskorte einschlage, nicht folgen würde. Ich sagte ihnen ein für allemal, daß die beiden Offiziere, die unsere künftige Eskorte auf dem Wege nach Westen anführen sollten, sich zu hüten hätten, mir gegenüber den Herrn spielen zu wollen, sondern mich jeden Morgen zu fragen hätten, wohin ich zu gehen wünschte. Andernfalls würden wir sie in zwei von unseren Kisten sperren und sie auf diese Weise mit in unsere Heimat nehmen.

Hladsche Tsering erwiderte, daß er und sein Amtsbruder Junduk Tsering mit einigen hundert Mann Kavallerie noch 20 Tage an dem Orte, wo wir uns trennten, zu bleiben gedächten (Abb. 280). Ich sah sehr wohl ein, daß dies nur eine List war, um uns davon abzuschrecken, schnell wieder umzukehren, sobald die beiden abgezogen waren, und antwortete daher, daß ich die Absicht habe, nur einige Tagereisen westwärts bis an den nächsten Süßwassersee zu gehen und dort zu bleiben, bis er vollständig zugefroren sei. Er klärte mich darüber auf, daß sie ohne Ungelegenheit ein ganzes Jahr in der Gegend lagern könnten. Als ich ihm vorschlug, daß wir, da wir ja beiderseits so viel Zeit hätten, einander denn doch lieber Gesellschaft leisten könnten, löste sich das Übertrumpfen in allgemeine Heiterkeit auf. Hladsche Tsering saß in seinem Zelte und aß Klops. Junduk Tsering war in dem seinen von Sekretären und ganzen Haufen von Papieren umgeben. Er verfaßte einen ausführlichen Bericht an den Dewaschung in Lhasa und schickte Briefe an die Häuptlinge im Westen auf dem ganzen Wege bis nach Ladak.

Unser Weg lief nach Westen durch ein 30 Kilometer breites Längental, das sowohl im Süden wie im Norden von ansehnlichen Bergketten begrenzt ward. Das Wetter war unfreundlich, kalt und windig, die Weide schlecht; trotzdem zählten wir 32 schwarze Zelte oder ungefähr 150 Einwohner auf 27 Kilometer. Sicherlich sind die Täler im Süden dichter, die nordwärts gelegenen spärlicher bevölkert; in der letzteren Richtung hört das Land überdies bald auf, bewohnbar zu sein. Mit uns ritten jetzt nur 22 Mann unter einem Anführer namens Jamdu Tsering, der bald mein ganz besonderer Freund wurde. Den Platz, an dem wir uns im Lager Nr. 89 niederließen, nannte er Schalung, und einen See, der sich im Westen zeigte, Daggtse-tso; ein Fluß, der sich in den westlichen Teil dieses Sees ergießt, heißt Boggtsang-sangpo. Da letzterer Name auf Nain Singhs und Littledales Karten vorkommt, kann man annehmen, daß auch die übrigen richtig sind. Sonst habe ich nur eine äußerst geringe Anzahl der Namen, die Littledale anführt, wiederfinden können.