Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der Nakktsong-tso.

Am 14. September verließ ich das Lager, um eine der herrlichsten Seefahrten anzutreten. Ich ritt mit Kutschuk westwärts nach dem naheliegenden Ufer des Nakktsong-tso; das Boot wurde auf einem Kamele hinbefördert. Die Tibeter ließen mich merkwürdigerweise in Ruhe, aber ich hatte ihnen ja auch gesagt, daß ich nur fischen wolle. Die Karawane hatte Befehl, noch einen Tag hier liegenzubleiben, dann aber nach dem Westufer des Sees zu ziehen und mich an dem Punkte, wo wir vor einigen Tagen hatten umkehren müssen, zu erwarten. Wir nahmen Proviant für drei Tage und warme Kleidung für die Nächte mit.

In Südwesten erhob sich aus der blauschillernden Wasserfläche eine kleine Felseninsel, nach der wir steuerten. Es dauerte mehrere Stunden, ehe wir sie erreichten. Der See scheint sich sehr weit nach Westen zu erstrecken. Ich freute mich über die herrliche Aussicht, das schöne Wetter, das Rauschen der kristallklaren Wellen um die Jolle, den warmen, heiteren Tag mit 14,2 Grad Wärme und schwelgte in dem Bewußtsein, von der liebenswürdigen Aufdringlichkeit der Tibeter und ihren rührenden Besorgnissen um unseren Weg befreit zu sein. Die größte Tiefe auf diesem Weg betrug 12,70 Meter.

Die kleine Felseninsel überragt den Spiegel des Sees um etwa 50 Meter. Auf ihrem westlichen Vorsprung ist eine Steinplatte errichtet, die sicherlich zur Bezeichnung eines Winterweges, der über das Eis führt, dient. Ein kleiner Streifen von dichtem, üppigem Grase kann jetzt ungestört wachsen, da die Tibeter keine Boote besitzen; aber Yakdung und Schafmist verrieten gelegentliche Winterbesuche, um welche Zeit die Insel dank der Eisdecke mit dem Ufer in Verbindung steht. Im übrigen fallen die Kalksteinfelsen nach allen Seiten steil ab. Vom Gipfel aus bot sich uns eine prächtige Aussicht über die südlichen Partien des Sees, und ich zeichnete eine Kartenskizze dieses ganzen Gebiets, zu dessen genauer Untersuchung es uns an Zeit gebrach.

278. Unser Lager auf der Insel. (S. 294.)
279. Das südliche Ufer unseres Gefängnisses. (S. 298.)
280. Die Zelte der Gouverneure. (S. 302.)
281. Das Ufer des Boggtsang-sangpo. (S. 304.)

Während des Marsches nach der „Kalpetbucht“ war es uns vorgekommen, als dehne sich der Nakktsong-tso sehr weit nach Süden aus und erstrecke sich bis an den Bergrücken, der nach dieser Seite hin die Aussicht begrenzte. Nun aber stellte sich heraus, daß nur ein paar Kilometer die Insel vom Südufer trennten. Die Gesichtstäuschung beruht auf der Luftspiegelung, in welcher die außerordentlich tiefliegende Ufersteppe, die sich zwischen dem Seeufer und dem Fuße des Gebirges ausdehnt, verschwindet. Die Steppe glänzte grün von vorzüglicher Weide; schwarze Punkte zeichneten sich dort ab: Yake, Pferde und Schafe, sowie acht schwarze Zelte, auch einige kleine Steinhäuser, möglicherweise Tempel, waren zu sehen.

Westlich von der Insel erheben sich drei wilde, bizarre Bergkämme, die sich auf einer größeren Insel zu erheben schienen oder die vielleicht — ja, wie es sich mit dieser Sache verhielt, wollten wir jetzt gerade feststellen. Nachdem wir eine niedrige Landspitze am Ostende der südlichsten Kette umrudert hatten, steuerten wir nach West zu Süd, welche Richtung wir bis zum Nachtlager beibehielten. Nun haben wir den südlichen Bergast gleich linker Hand. Er gleicht einer aus gewaltigen, rauhen Blöcken aufgetürmten Riesenmauer; hier und dort fällt er senkrecht in das Wasser hinunter, das überall seicht und selten mehr als 2 Meter tief ist. Westwärts rückt das Land zusammen; vielleicht würden wir hier in eine Sackgasse geraten. Der See wird immer enger; wir passieren das westliche Ende der ersten Kette, dann das der zweiten, die in einem zerrissenen Gipfel kulminiert. Jetzt ist es nur noch ein Kilometer bis an das Südufer. Ist das rechts von uns eine Insel oder nicht? Das ist die Frage, die wir uns bei jedem Ruderschlage vorlegen. Wir rudern immer weiter in diese rätselhafte Bucht hinein. Die untergehende Sonne streut Gold und Purpur über die rauhen Felsvorsprünge, die sich in der ruhigen Wasserfläche spiegeln, durch deren glashelle Decke Algen und Wasserpflanzen schimmern.

Wir folgen dem nach Nordwesten abbiegenden Ufer. Der Graswall sah ganz unberührt aus, und wieder hofften wir, daß es eine Insel wäre, auf der wir eine friedliche Nacht ohne alle tibetischen Besuche würden zubringen können. In der westlichen Verlängerung des zweiten Bergarmes erhebt sich jenseits des Wassers ein imposanter Gebirgsstock. An seinem Südfuße, nur ein paar hundert Meter von uns entfernt, taucht eine steinerne Hütte auf, von welcher Rauch aufsteigt und vor welcher ein einsamer Hund wütend bellt.

In der Dämmerung rudern wir in die stille Bucht hinein; das Hundegebell verstummt hinter uns, Felsen erheben sich senkrecht auf beiden Seiten und werfen ein helles Echo der Ruderschläge zurück; jeder Laut zittert zwischen den Bergwänden, und wir treten wie in einen Tempelsaal in Gottes freier, erhabener Natur ein. Einige Königsadler kreisen mit regungslosen Flügeln in diesem großartigen Engpasse.

Auf einmal schien die Bucht ein Ende zu nehmen; doch nein, es war nur eine niedrige Landzunge, die den schmalen Sund fast ganz sperrte; jenseits derselben ging der Weg nach Nordwesten weiter, aber vor Felsen sah man nicht weit. Die Dunkelheit verhüllte auch bald diese entzückende Gegend unseren Blicken, und wir mußten für die Nacht landen. Dicht bei unbekannten Menschenwohnungen im Freien zu liegen, war gerade nicht angenehm, aber ich hatte den Revolver bei mir. Sobald das Boot aufs Land gezogen war, wurden die nächsten Umgebungen untersucht, und nun fanden wir zu unserer Freude, daß die Landzunge einen 30 Meter breiten Sund neben der südlichen Bergwand offen ließ, so daß wir am nächsten Morgen unsere Entdeckungsreise fortsetzen konnten und von den Eingeborenen getrennt blieben, die aus Mangel an Booten nicht imstande sein würden, uns zu belästigen. Prächtiger, trockner Argol war in Menge vorhanden, und bald brannte ein gemütliches Feuer mit heller blauer Flamme, lautlos wie ein Elmsfeuer; der Argol knistert nicht wie Holz. Die Nacht war klar und windstill und verfloß für uns, die wir in unseren Pelzen zusammengekauert lagen, in aller Ruhe.

Sobald die Sonne die Felsenspitzen auf der Westseite des Sundes vergoldete, erhoben wir uns, machten Feuer an und setzten das Teewasser auf. Tscherdon hatte uns einen vortrefflichen Proviant mitgegeben, eine gebratene Gans und einige Fladen Brot, und es war nicht das erstemal, daß Kutschuk und ich zusammen kampierten.

Es währte nicht lange, so tauchte Kutschuk wieder sein Ruder in das klare Wasser, und das Boot glitt schnell zwischen den Felsen hin nach Nordwesten. Ich kann mich kaum erinnern, je eine so großartige, hinreißende Natur gesehen zu haben, wie hier dem Auge begegnete: ein venezianischer Kanal mit alten Zyklopenpalästen. Von Zeit zu Zeit springt vom Ufer eine Landspitze vor, welche die Aussicht versperrt, und wir glauben den Punkt erreicht zu haben, wo wir umkehren müssen; aber der Engpaß geht weiter, der natürliche Kanal öffnet vor uns eine neue Perspektive. Die Richtung Nordwesten ist für uns besonders vorteilhaft, denn gerade nach dieser Seite hin liegt unser Sammelplatz. Die Tiefe übersteigt 3½ Meter nicht, und die Breite dieses schmalen Wasserweges beträgt im allgemeinen nicht über ein paar hundert Meter.

Wir waren sehr erstaunt, auf dem rechten Ufer hinter einem Felsvorsprunge eine Anzahl kleine Yake und Pferde zu sehen. Als das Boot an der Landspitze vorbeiglitt, stürmten drei Männer ans Ufer und trieben unter Geschrei und Steinwürfen ihre Tiere landeinwärts. Am Fuße des nächsten Vorgebirges auf der rechten Seite zeigten sich zwei schwarze Zelte; hier begafften uns ein Mann, eine Frau und ein Junge, die das größte Erstaunen über einen solchen Besuch in ihrer Gegend verrieten. Wenn überhaupt irgendwo, so mußte man hier vor Besuchen sicher sein, war doch ihr Wohnsitz mit einem wassergefüllten Graben umfriedigt. Das Auftreten von Nomaden ließ uns als gewiß erscheinen, daß das Land eine Halbinsel war und wir bald den ganzen Weg würden zurückmachen müssen. Wir bildeten uns beinahe ein zu bemerken, wie sich die Tibeter bei dem Gedanken, daß wir immer tiefer in den Sack hineinkröchen, über uns lustig machten. Einer von ihnen lief nach dem nächsten Bergkamme hinauf, wohl um zu sehen, was wir für verdutzte Gesichter machen würden, wenn wir nicht weiterkommen könnten.

Dann aber erweiterte sich der Fjord, und eine neue Perspektive entrollte sich im Nordwesten. Das Boot war leck und mußte ausgeschöpft werden; unterdessen schneite es eine Zeitlang, doch dann hatten wir wieder Sonnenschein. Die Tiefen nahmen schnell zu und betrugen hier bis zu 11,68 Meter. Da sich die Landschaft jetzt bis in die Ferne öffnete, hofften wir, daß wir auf diesem Wege wieder auf den See hinaus gelangen könnten, ließen aber den Mut sinken, als der Fjord plötzlich zu Ende war und flaches Land sich vor uns ausdehnte. Auf außerordentlich seichtem Wasser zogen wir das Boot, soweit wir kommen konnten, in eine keilförmige Bucht hinein, und dort saßen wir hilflos fest.

Der Strand, an dem wir zu Gaste waren, bestand aus lockerem, weichem Schlamm, in den man fußtief einsank. Kutschuk mußte sich Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch den Morast nach dem nächsten Bergrücken waten, um zu rekognoszieren. Hierbei fand er, daß ein von Süden kommender Fluß in einen kleinen See mündete, der mit dem Nakktsong-tso zusammenzuhängen schien. Wir zogen daher das Boot ganz aufs Land, nahmen es auseinander und trugen es nebst dem ganzen Gepäck in mehreren Partien gute 500 Meter weit von der Bucht nach dem Flußarme. Das Vergnügen kostete uns drei Stunden, was jedoch noch immer besser war, als den ganzen Weg wieder zurückzumachen. Der Fluß hat zwei Arme, und vor seiner Mündung ist der See voller Schlammbänke, auf denen sich Hunderte von Möwen aufhielten. Jetzt konnten wir nach Nordosten rudern.

Auf einem molenförmigen Sandvorsprunge saßen in der untergehenden Sonne etwa zwanzig Möwen, die sich blendendweiß von einem für uns besonders erfreulichen Hintergrund, der weiten, dunkelblauen Fläche des Nakktsong-tso, abhoben. Es war uns also geglückt. Streng genommen war es doch eine Halbinsel, die wir umrudert hatten, und wir hatten das Boot nur über eine 500 Meter breite Landenge zu schleppen gehabt; letztere aber bestand sichtlich aus alluvialem Schlamme, der diesen Teil des Fjords verstopft hatte; sonst wäre das Land der Nomaden eine vollständige Insel gewesen. Der Nakktsong-tso, der auf den Karten entweder gar nicht oder bestenfalls außerordentlich entstellt angegeben ist, besaß, wie sich herausstellte, eine höchst sonderbare Gestalt. Er bildet einen Wasserring, der nur in seinem nördlichen Teile ziemlich weit, in dem südlichen dagegen schmal wie ein Fjord ist. Eine ähnliche Form hat der südlich von Lhasa liegende See Jamdok-tso.

Hinter der Sandmole nahmen die Tiefen schnell zu, von 3 Meter bis zu 22,20 Meter. Wir ruderten nach Ostnordost, nach welcher Richtung der Ring jetzt umbog. Als die Sonne am Horizont hinter uns stand, nahm das bisher dunkelblaue Wasser bei 3 Meter Tiefe einen intensiv grünen Farbenton an, und die Wasserpflanzen traten, wie durch Spiegelglas gesehen, klar hervor. Eine Landspitze am nördlichen Ufer war unser Ziel; von dort mußten wir das Signalfeuer der Unsrigen sehen können. Aber die Spitze lag mitten im Winde, und wir mußten in der Dämmerung den ersten besten Strand suchen. Der Himmel war außergewöhnlich klar, und die Deutlichkeit, mit welcher der Mond sich abzeichnete, war für eine Beobachtung verlockend. Es ging immer noch ein kalter, unfreundlicher Wind, doch das machte uns nichts mehr aus, nachdem wir in unsere schönen Pelze wie Murmeltiere gekrochen waren. Glücklicherweise regnete es während dieser beiden Nächte, die wir im Freien zubrachten, nicht; nur das Wiegenlied der Wellen lullte die müden Pilger in den Schlaf. Es ist schön, in Tibets sternklaren, stillen Nächten und in der klaren, dünnen, reinen Hochgebirgsluft den Himmel als Dach zu haben.

Die Nachtkälte ging auf kaum 2 Grad herunter. Wir brachen in aller Frühe auf. Jetzt ist es kalt und unfreundlich. Der Seegang ist so stark, daß wir uns ganz in der Nähe des Landes halten müssen. Nachdem wir fünf Minuten unterwegs waren, brach ein abscheuliches Unwetter los. Der Hagel stürzte in solcher Menge nieder, daß das Innere des Bootes mit Eisschlamm erfüllt war. Gleichzeitig aber wurde die Heftigkeit des Wellenganges und auch der Wind gedämpft. Der Sturm schien über uns stehenzubleiben und setzte seine Dusche über zwei Stunden lang fort. Hier herrschte halbe Dämmerung, doch im Osten badete sich das Land in Sonnenschein; hinter uns war der Himmel schwarz und das Gebirge in Weiß gehüllt, wir sind auf dem Wege von dem Sitze des Winters nach der Wohnstätte des Sommers. Der Hagel ging allmählich in Schnee über, der sich weich wie Baumwolle in das Boot legte.

Das Wasser hat die wunderbarste blaugrüne Farbe, ein leicht erregtes, flüchtiges Element, das den Blick nicht an der Erforschung der Geheimnisse des Seebodens hindert.

Eine gute Weile mußten wir auf einer Landzunge rasten. Ich erstieg eine Anhöhe, um mich zu orientieren. Am Nordufer erschien jetzt gerade wie gerufen die Karawane mit ihrer Kosakenbedeckung; ihr folgten auf den Fersen die Tibeter in dichten, schwarzen Schwärmen. Rechts haben wir eine ziemlich große Insel, auf der 20 Pferde grasen. Von dieser Insel springt eine Landzunge vor, der eine ebensolche vom Festlande entgegenkommt. Sie zeigen aufeinander hin wie die Kohlenspitzen in einer elektrischen Lampe, und der schmale Sund zwischen ihnen ist so seicht, daß die Jolle gegen den Grund schrammt. Über diese Landzungen geht die nach der Insel führende Furt.

Eine Stunde später hatten wir das ganze Lager auf dem verabredeten Platze vor uns. Es breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit am Ufer aus; Massen von Leuten und Pferden waren auf allen Hügeln. Hier und dort zerteilte der Wind eine Rauchsäule; wir haben 5, die Tibeter 19 Zelte, aber die meisten von ihnen kampieren doch am Feuer unter freiem Himmel. Alle die Unseren standen am Ufer, und die Kosaken machten wie gewöhnlich Honneur. Jeden Morgen muß ich meine Leute in drei verschiedenen Sprachen begrüßen: mit „Sdrasdwijte“, „Salam aleikum“ und „Ämur sän bane“.

Als ich zwei Nächte ausblieb, waren die Gesandten sehr ängstlich geworden und hatten das Lager unter besondere Bewachung gestellt. Den ersten Abend hatte Hladsche Tsering die Kosaken gefragt, die, ohne eine Miene zu verziehen, geantwortet hatten, ich sei nach dem Südufer gerudert, um mich von dort nach Lhasa zu begeben, und sie hätten Befehl, meine Rückkehr abzuwarten. Dies hatte die Gesandten sehr verstimmt, und sie hatten nach allen Richtungen, namentlich nach Süden, Patrouillen ausgeschickt. Unzweifelhaft waren sie jedoch schon im Laufe des zweiten Tages dahintergekommen, daß wir uns auf dem See aufhielten, hatten aber den auf dem Südufer wohnenden Nomaden verboten, uns irgendwie zu helfen. Während des Marsches hatten sie dann wiederholt meine Leute gezählt und gefunden, daß noch immer zwei fehlten. Sie konnten den Zusammenhang nicht recht begreifen, fürchteten aber, daß einer meiner Leute zwei Pferde nach dem Südufer geführt habe, auf denen ich mit irgendeinem Begleiter nach Lhasa zu reiten gedächte. Ihr Auftreten gegen die Karawane wurde daher strenger; es wurde ihr kein Proviant mehr geliefert, und das Lager wurde nachts mit starken Wachtposten umgeben. Ihre Unruhe legte sich auch nicht eher, als bis sie das Boot zwischen den Wellen heranstampfen sahen. Jetzt bestanden ihre Truppen aus 194 Mann, obgleich mehrere Patrouillen noch nicht zurückgekehrt waren; wir waren 18, d. h. einer gegen 10, nein, — einer gegen 50, wenn ich nur die Kosaken rechne!

Die Tibeter müssen von uns Europäern eine jämmerliche Meinung haben; die meisten von uns sind, wenn sie bis in die „heilige Sphäre“ gelangten, so von allem entblößt und in so erbärmlichem Zustande gewesen, daß sie der Hilfe und Unterstützung der Tibeter bedurften, um überhaupt nur wieder aus dem Lande herauskommen zu können. Sie haben nie eine ordentliche Truppe in guter Verfassung gesehen, die nicht danach fragte, ob ihr der Durchzug erlaubt sei. Es war allerdings eine starke Versuchung für mich gewesen, den Tibetern mit Hilfe des Sees und des Bootes ein Schnippchen zu schlagen, und zwei Pferde hätte man mitten am Tage von einem Weideplatze nach dem Südufer bringen können. Ich hätte aber dadurch nicht viel gewonnen, vielleicht nur wenige Tagemärsche.

Das „Land der Burchane“, das Land der heiligen Bücher im Süden — dorthin darf kein Europäer ziehen; es ist das Erbland des Dalai-Lama, ein heiliges Land, sein Eigentum. Schwerlich sind seine Lamas jetzt fanatischer als in jener Zeit, da die Jesuitenmissionare gastfreundlich von ihnen aufgenommen wurden, und sicherlich sind sie heutzutage auch nicht weniger tolerant als im Jahre 1845, da die Missionare Huc und Gabet sich einige Monate in Lhasa aufhielten. Nein, ihre strenge Isolierung während der letzten Jahrzehnte hat politische Gründe. Ihre friedliche, aber wirksame Taktik geht darauf aus, die Grenzen gegen Europäer zu bewachen und die ungebetenen Gäste höflich und freundlich, aber bestimmt aus dem Lande hinauszutreiben. Dennoch wird auch an Tibet einst die Reihe kommen. Solange die Tibeter auf derselben Erde wohnen wie wir, müssen sie es sich gefallen lassen, daß wir den Wunsch haben, sie kennen zu lernen, ihre Religion und heiligen Schriften, ihre Tempel, Sitten und Gebräuche zu studieren, ihr Land und seine Mittel zu erforschen, Karten von ihren majestätischen Gebirgen aufzunehmen und ihre launenhaften Seen zu sondieren. Noch haben sie sich allerdings nicht durch Vorspiegelungen von dem Aufschwunge des Handels und der Einfuhr von Tabak, Spirituosen, Opium und Feuerwaffen locken lassen; nein, „fort mit allen euren Genußmitteln, eurem Stahle, Golde und Silber, und laßt uns nur in unsrem eigenen Lande in Frieden!“

Wenn ich sage: „Ich will den südlichen Weg nach Ladak gehen“, so antworten sie mir: „Dort gibt es keinen Weg.“ Wenn ich ihnen den Weg auf der Karte zeige und einige Namen nenne, so wenden sie ein:

„Nun wohl, es gibt dort einen Weg; er ist aber nur für uns, ihr dürft nicht durch das Land der Burchane gehen.“

Und wenn ich sage: „Ihr seid nicht gastfrei; wenn ihr in mein Land kommt, werdet ihr freundlich aufgenommen und dürft alles sehen“, so beeilen sie sich zu antworten: „Euer Land gehört euch, dort haben wir nichts zu tun, aber unser Land gehört uns; ihr müßt es daher verlassen und wieder heimreisen.“

Recht kostspielig muß es sein, eine Truppe von 200 Mann so lange unter Waffen zu halten, ganz abgesehen davon, daß die Leute ihr Heim und ihre Herden haben verlassen müssen. Doch es mag kosten, was es will, wenn nur keine Fremdlinge über die Grenze kommen. Es war für sie eine ungeheure Plackerei, trotzdem waren sie aber stets höflich und freundlich. Ihre Scheu vor Fremden wendet sich nur gegen die Europäer; Chinesen und Leute aus Ladak haben freien Zutritt, andere benachbarte asiatische Völker ebenfalls. Hladsche Tserings Koch war ein Dungane, der ein wenig „Tschanto“ (Türkisch) verstand und in Ostturkestan gewesen war. Die Muhammedaner nennen alle, die sich nicht zum Islam bekennen, Heiden (Kaper), einerlei, ob diese Asiaten oder Europäer sind. Die Tibeter verschließen ihr Land nur den Europäern; ihre Isolierung ist also politisch, nicht religiös. Ein Chinese, ein Japaner oder ein Burjate, ein Pundit, wie Nain Singh oder Krishna, ein Kaufmann aus Leh, alle können sich ohne Schwierigkeit nach Lhasa begeben. Und ist solch ein Asiate nur entsprechend instruiert worden, so kann er nachher über alles, was er gesehen hat, genaue Auskunft geben. Wir kennen, wie ich bereits erwähnt habe, Lhasa besser als sonst eine Stadt in Innerasien, Kaschgar, Kuldscha und Urumtschi vielleicht ausgenommen. Wer Lamas in Urga, Kum-bum, in Hemis oder in anderen Tempeln in Ladak besucht hat, kann bezeugen, daß er überall mit der größten Gastfreundschaft aufgenommen worden ist und keine Spur von Intoleranz gefunden hat. —

Nach einem ruhigen, klaren Abend fuhr um 10 Uhr wieder ein Hagelsturm über die Erde hin. Dann schneite es die ganze Nacht, und es war recht ungewöhnlich, die Schritte der Nachtwache im Schnee knarren zu hören. Am 17. September blieb der Schnee auf den nördlichen Abhängen den ganzen Tag liegen, auf den südlichen dagegen verschwand er bald im Sonnenbrand. Fern im Süden überragte alle anderen Gebirge in der Gegend ein großartiger, kegelförmiger Gipfel, der blendend weiß glänzte und mit seiner regelmäßigen Gestalt einem erloschenen Vulkane glich.

Die Karawane erhielt Befehl, nach der Mündung des Jaggju-rappga zu ziehen. Das Kamel, auf dessen Rücken Kalpet verschieden war, erkrankte jetzt, und Turdu Bai, der sich auf Kamele verstand, erklärte, daß es bald sterben würde, weil es einen Toten getragen habe. Das schöne Wetter lockte mich wieder auf den See hinaus; ich hatte auch keine Lust, einen ganzen Tag auf dem mir schon bekannten Wege nach dem Jaggju-rappga zu reiten. Ördek war mein Ruderer. Das Boot und das Gepäck wurden auf Pferde geladen; wir ritten nordwärts über die schmale Landenge zwischen Nakktsong-tso und Selling-tso.

Die Schwelle zwischen den Seen ist höchst eigentümlich. Unmittelbar nördlich vom Ufer des Nakktsong-tso gelangen wir auf ihren Kamm, der höchstens 10 Meter über dem See liegt; von dort aus aber müssen wir eine ziemliche Strecke weit abwärtsreiten und können dabei ein Gefälle von wohl 50 Meter konstatieren, ehe wir den Selling-tso erreichen, der also ungefähr 40 Meter tiefer liegt als sein Nachbarsee. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Nakktsong-tso einen Abfluß hat, habe aber vergeblich danach gesucht. Möglicherweise ergießt er sich durch unterirdische Abflüsse in den Selling-tso. Am Nordabhange der Landenge passieren wir dieselben deutlichen Uferlinien, die wir schon früher an den Ufern des letztern Sees gesehen haben und die anzeigen, daß er fällt.

Das tiefliegende, morastige Ufer zwang uns, eine Strecke weit barfuß zu gehen, ehe wir das Boot ins Wasser setzen und dann nach Nordnordwest steuern konnten. Die Tiefen sind unbedeutend und betragen selten mehr als 3 Meter; der Boden besteht aus graublauem Ton ohne Spur von Vegetation, das Wasser hat eine leicht maigrüne Farbe, und darüber wölbt der Himmel seinen klaren, sonnigen Dom. Nur der Kamm der breiten Halbinsel, wo wir vor einigen Tagen umkehren mußten, zeichnet sich scharf ab und wird noch eine Strecke nach Osten hin durch eine Reihe kleinerer Felsenzähne, die über dem Wasser zu schweben scheinen, fortgesetzt. Auf der linken Seite sieht man durch das Fernglas die Karawane mit ihrem Gefolge von Tibetern, deren Zahl sich heute beinahe verdoppelt hat, da sich noch einige kleine Reiterscharen zur Haupttruppe gesellt haben. Eine schwarze Hagelwolke schwebte hartnäckig über ihnen und duschte sie unaufhörlich, was man deutlich an den hellen und dunkeln Streifen sehen konnte, die sich von der Wolke auf die Erde erstreckten. Wir dagegen bekamen nichts davon ab.

Nachdem wir die Landspitze an der Mündung des Alla-sangpo umschifft haben, steuern wir westwärts gerade auf die Gabel der Kette zu, die das Tal des Jaggju-rappga im Süden begrenzt. Wir sahen sie in Verkürzung; hinter ihr stand die Sonne, und daher trat sie wie eine intensiv schwarze Silhouette hervor. Es war bereits stockdunkel, als wir das große Lager erreichten, dessen Feuer wie die Laternen in einer kleinen Stadt strahlten.

282. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92. (S. 305.)
283. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92. (Fortsetzung nach rechts des Bildes Nr. 282.) (S. 305.)

Frühmorgens am 18. September gab ich Befehl zum Aufbruch. Während wir die Tiere beluden, erschienen einige Tibeter, die uns baten, noch einen Tag hierzubleiben, weil Hladsche Tsering und Junduk Tsering umkehren müßten und es in unserem eigenen Interesse liege, den Ankauf von Pferden und das Mieten von Yaken während ihrer Anwesenheit zu besorgen. Ich ließ antworten, es sei uns gleichgültig, wo sie blieben, wir würden heute auf jeden Fall reisen.

„Wohin denn?“ fragten sie. Ich zeigte westwärts nach dem Tale des Jaggju-rappga.

„Dort kommt ihr nicht durch“, behaupteten sie, „ihr müßt nach Nordwesten gehen.“

Ohne weiteres Parlamentieren ritten wir jedoch auf dem linken, nördlichen Ufer flußabwarts. Von einem Hügel entwickelte sich bald nach Westen hin eine entzückende Aussicht über einen neuen, ansehnlichen See, der reich an Felseninseln, Vorgebirgen und Buchten war und beinahe ebenso unentwirrbar aussah wie der Nakktsong-tso.

Sehr weit waren wir noch nicht gelangt, als uns schon die Tibeter in schwarzen Haufen von je 15 oder 20 Mann überholten; wir waren vollständig umschwärmt von diesen Reitern, deren rote Fähnchen an den Flintengabeln flatterten, wohin man nur das Auge wandte.

Als wir uns in der Nähe des Seeufers befanden, stellte es sich heraus, daß der Felsenarm, den wir rechter Hand hatten, in den See vorsprang und eine Halbinsel mit steilen Seiten bildete. Umgehen ließ sie sich nicht. Die Tibeter zeigten uns jedoch einen recht schwierigen Paß. Einige Stellen waren so steil, daß ein hier stürzendes Kamel unten als gehacktes Beefsteak angekommen wäre. Von der Paßschwelle entrollte sich eine neue herrliche Aussicht nach Nordwesten über einen anderen Teil des Sees mit neuen pittoresken Halbinseln und Felseneilanden. Die schwarzen Haufen der Tibeter rollten in Staubwolken wie Lawinen die Abhänge hinunter. Ehe wir noch hinuntergelangten und uns neben ihrem Hauptquartier niederließen, rauchte es schon aus allen ihren Zelten.

Dieser Lagerplatz. Nr. 84, am Ostufer des Tschargut-tso (4613 Meter) war einer der besten und angenehmsten, die ich je gehabt habe. Alles, was man sah, war schön, entzückte das Auge und machte den Sinn fröhlich. Westwärts sieht man tief in die Fjorde des Sees hinein wie in einen Steinwald (Abb. 275). Je entfernter sie liegen, in desto leichteren Nuancen treten Inseln und Vorgebirge hervor, aber alles ist von der Sonne überflutet. Die Tibeter passen gut in diese wilde Landschaft hinein, von der ihre malerische Tracht und kriegerische Ausrüstung durchaus nicht unangenehm absticht.

Der Strand, ein natürlicher Korso, bietet dem Auge ein sehr lebhaftes, farbenreiches Bild dar. Außer unseren Zelten kann man noch 25 zählen, und doch kampieren die meisten Soldaten an offenen Feuern. Der Strand wimmelt von Menschen und Pferden. Dabei vermehrt sich die Zahl unserer Wächter, die jetzt 500 Mann betrug, noch immer.

In der Dämmerung kam Almas allein an. Kalpets Kamel, der „Katafalk“, war nicht mehr am Leben; Turdu Bai hatte recht gehabt. Was denkt das Kamel, wenn es weint und den Tod im Herzen fühlt? Kein Philosoph auf Erden kann es uns sagen; man weiß ja nicht einmal, was der Mensch träumt, wenn die Flügelschläge des Todesengels eiskalt durch seinen Körper gehen.

Wir waren uns über die Absichten der Tibeter nicht ganz klar. Wozu brauchten sie jetzt, da wir auf dem Wege nach Ladak waren, so viele Truppen zusammenzuziehen? Sie verstärkten die Nachtwachen und hielten ihr Arsenal in steter Bereitschaft. Sollten sie einen nächtlichen Überfall beabsichtigen?

Ich träumte in der Nacht etwas derartiges und wachte um 1 Uhr auf. Ich hatte auf dem rechten Arme gelegen, und die Hand, die auf der Erde lag und vollständig eingeschlafen war, war eiskalt und gefühllos. Zufälligerweise berührte ich mit der linken Hand die rechte, und dabei fuhr mir, schlaftrunken wie ich war, der Gedanke durch den Kopf, daß die Tibeter mir eine Leiche ins Zelt geworfen hätten. Ich sprang auf, machte Licht, fand das Zelt leer und verstand nun erst, sobald die Gedanken wieder klar wurden, den Zusammenhang.

Zwei Tage blieben wir an diesem schönen Strande. Nur zu schnell verging die Zeit unter Visiten, Gastmählern und neuen Überlegungen über den Weg nach Ladak. Ich erklärte offen, daß ich den Weg zu gehen gedächte, der mir behage, und daß ich mir darin keine Vorschriften machen ließe. Eine Eskorte sollten wir aber auf jeden Fall haben, und alles, was wir brauchten, sollte während der Reise angeschafft werden. Hladsche Tsering schenkte mir zwei Pferde, wie Kamba Bombo es getan hatte, und daneben sollten uns, da unsere Karawane jetzt in besorgniserregender Weise zusammengeschmolzen war, auf besonderen Befehl des Dalai-Lama stets 40 Yake zur Verfügung stehen. Es ist eigentlich seltsam, daß die Tibeter so artig und freundlich sein können, hatte ich doch die erste Warnung nicht beherzigt und zum zweitenmal versucht, in das verbotene Land einzudringen! Viele andere asiatische Völker hätten in solchem Falle ein Exempel statuiert, aber die Tibeter sind viel zu gutmütig und weichherzig, um Blut zu vergießen, und begnügen sich mit Waffengeklirr und Drohungen.

Ein wahrhaft großartiges Schauspiel boten sie uns am Mittag des 19. September. Ich hatte Hladsche Tsering mitgeteilt, daß ich ihn selbst und seinen Kollegen und dann seine große Kavallerie photographieren wolle. Meine Bitte wurde mit dem größten Vergnügen gewährt, und sofort wurden einige Hundert Reiter aufgeboten (Abb. 276). Sie wurden in Gliedern geordnet; aber es war nicht leicht — nicht einmal für die Häuptlinge, — sie dazu zu bringen, daß sie sich einen Augenblick ruhig verhielten. Als ich bat, sie möchten ihre Schwerter und Lanzen in die Luft strecken, und dies geschah, erwachten sofort ihre kriegerischen Instinkte; die Pferde wurden unruhig, und die ganze Schar sprengte unter wildem Kriegsgeschrei wie zum Angriff vor! Als diese zügellose Horde über die Steppe hinsauste und die klirrenden Waffen in der Sonne blitzten, konnte man den Blick nicht davon losreißen. Der photographische Apparat mußte ruhen, bis sich der kriegerische Sinn der Leute wieder beruhigt und sie begriffen hatten, daß man beim Photographieren nicht so schrecklich zu lärmen und zu toben brauche.