Die Expedition, welche wir hier zu schildern gedenken, hat ihre Entstehung einzig und allein dem norwegischen Schneeschuhlaufen zu verdanken. Der Verfasser selber ist von seinem vierten Jahr an mit den Schneeschuhen vertraut gewesen, wie auch jeder einzelne Theilnehmer ein geübter Schneeschuhläufer war, und die Ausführung der ganzen Expedition war auf der Ueberlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet.
Da liegt es denn sehr nahe, mit einer kurzen Schilderung der Schneeschuhe zu beginnen, um so mehr, als nur wenige Menschen außerhalb der vereinzelten Länder, in denen die Schneeschuhe benutzt werden, eine Ahnung davon haben, was Schneeschuhlaufen ist, und ohne eine solche Kenntniß Mancherlei in dieser Reisebeschreibung schwerlich zu verstehen sein würde.
Schon der Verfasser des Königsspiegels (Kongespeilet) hat vor ungefähr 640 Jahren darauf hingewiesen, daß es für Alle, die das Schneeschuhlaufen nicht gesehen haben, höchst wunderbar erscheinen muß, weil man auf zwei dazu eingerichteten Holzstücken so schnell über Schneefelder dahin gleiten kann. Er behandelt unter anderem die Frage über das Vorhandensein gezähmter Drachen in Indien und meint, daß dies freilich wunderbar genug klingen mag, daß es aber auch bei uns zu Lande Verhältnisse giebt, die den Völkern anderer Länder noch weit wunderbarer erscheinen müssen. Er sagt:
„Weit mehr Verwunderung aber wird das erzeugen, was von den Männern erzählt wird, die ein Holzstück oder dünne Bretter so zähmen können, daß ein Mann, der nicht schneller zu Fuß ist als Andere, wenn er nur Schuhe an den Füßen hat oder wenn er barfuß ist, — daß dieser Mann, sobald er 7-8 Ellen[13] lange dünne Bretter unter seine Füße bindet, Vögel im Fluge oder die schnellsten Windhunde und Rennthiere im Lauf überholt, welche letztere doch doppelt so schnell laufen wie ein Hirsch, denn es giebt eine ganze Anzahl von Männern, die ihre Schneeschuhe so gut zu gebrauchen wissen, daß sie im Lauf mit ihrem Spieß Rennthiere und noch mehr zu treffen vermögen. Nun wird diese Sache in allen den Ländern unglaublich, unwahrscheinlich und merkwürdig erscheinen, in denen man nicht weiß, mit welcher List oder Kunst es geschieht, daß dünne Bretter zu einer so großen Geschwindigkeit abgerichtet werden können, daß oben in den Bergen nichts, was sich auf der Erde bewegt, im schnellen Lauf dem Manne entgehen kann, der Bretter an den Füßen hat; sobald er diese aber abnimmt, ist er nicht geschwinder als andere Männer. In anderen Gegenden, wo die Leute nicht an so Etwas gewöhnt sind, wird sich kaum ein Mann finden, er mag noch so gewandt sein, der nicht alle Gewandtheit einbüßt, sobald solche Holzstücke an seine Füße gebunden werden. Wir verstehen diese Sache aus dem Grunde und haben im Winter, sobald Schnee liegt, Gelegenheit genug, Männer zu sehen, welche diese List oder Kunst verstehen.“[14]
Die Schneeschuhe werden aus Holz angefertigt und sind in Norwegen in der Regel 3-4 Zoll breit und ungefähr 8 Fuß lang, zuweilen länger, zuweilen kürzer. Sie sind flach und glatt auf der Unterseite. Nach vorne zu sind sie mehr oder weniger in die Höhe gebogen, zuweilen auch am hinteren Ende ein wenig. Sie werden vermittelst eines Zehen-Riemens befestigt, der ungefähr in der Mitte des Schneeschuhs angebracht ist, und in den man die Fußspitzen steckt. Für alle guten Schneeschuhläufer kommt dann ein Fersenband hinzu, das, von dem Zehenriemen ausgehend, um die Ferse läuft.
Auf diesen Schneeschuhen kommt man durch eine eigene gleitende Bewegung der Beine und des Unterkörpers vorwärts. Die Anfangsgründe sind eigentlich nicht schwer zu erlernen, aber die Fertigkeit kann zu einem hohen Grad von Vollkommenheit entwickelt werden. Man darf die Schneeschuhe nicht aufheben und durch den Schnee stampfen, wie man es oft von Stümpern sieht, — sie gehen, als wenn sie barfuß durch ein Moor wanderten. Es kommt im Gegentheil darauf an, die Füße gleitend über den Schnee zu führen. Man hält sie immer ein wenig vorwärts, indem der Körper elastisch und leicht der Bewegung folgt. Die Schneeschuhe werden in paralleler Richtung so nahe wie möglich aneinander vorbeigeführt, also nicht nach den Seiten wie die Schlittschuhe, was gewiß Viele glauben, die das Schneeschuhlaufen nie gesehen haben. Folglich bilden die Spuren, die ein tüchtiger Schneeschuhläufer im Schnee hinterläßt, zwei parallele Linien. In der Hand hält man gewöhnlich einen Stab, mit dem man sich während des Laufens hilft, und der in einzelnen Gegenden eine ungewöhnliche Länge erreicht. Bei diesem Vorwärtsgleiten kann ein guter Schneeschuhläufer auf der Ebene eine große Geschwindigkeit erlangen.
Bergaufwärts geht es natürlich langsamer, aber auch hier wird ein tüchtiger Schneeschuhläufer jedem Anderen überlegen sein. Ist der Berg steil und hoch, so geht er nicht geradeaus, sondern nähert sich dem Gipfel Schritt für Schritt kreuzend, oder auch er erklimmt ihn seitwärts Schritt für Schritt und bildet so gleichsam eine Treppe im Schnee. Ist der Hügel niedriger, und sind die Schneeschuhe nicht zu lang, kann er auch auf die Weise, wie sie links auf umstehender Zeichnung ersichtbar ist, direkt bergauf gehen. Man wendet die Schneeschuhe auswärts, bis sie einen so großen Winkel gegeneinander bilden, wie es der Abfall des Berges erfordert, und führt sie so, daß das hintere Ende des einen in die Höhe gehoben und vor den anderen hingesetzt wird. Die Spur im Schnee hat viele Aehnlichkeit mit dem Hexenstich der Nähterinnen. Ein Hügel, den ein Schneeschuhläufer nicht erklimmen könnte, ohne die Schneeschuhe abzuschnallen, muß wunderbar aussehen. Schon Olaus Magni sagt i. J. 1555: „Es giebt keinen Berg, er mag noch so hoch sein, den er nicht auf listigen Umwegen zu erklimmen vermöchte.“
Bergabwärts geht es ganz von selber, denn die Schneeschuhe gleiten leicht über den Schnee dahin. Man muß sich nur auf denselben halten und die Herrschaft über sie bewahren, so daß man nicht gegen Bäume oder Steine läuft oder in einen Abgrund stürzt. Je steiler der Berg ist, desto geschwindere Fahrt hat man, und nicht ohne Grund heißt es im Königsspiegel, daß man auf Schneeschuhen den Vogel im Fluge überholt und nichts, was sich auf der Erde bewegt, dem Schneeschuhläufer entgehen kann.
Das Schneeschuhlaufen ist der nationalste aller nordischen Sports und ein herrlicher Sport ist es; — wenn irgend einer den Namen des Sports aller Sports verdient, so ist es dieser. Nichts stählt die Muskeln so sehr, nichts macht den Körper elastischer und geschmeidiger, nichts verleiht eine größere Umsicht und Gewandtheit, nichts stärkt den Willen mehr, nichts macht den Sinn so frisch wie das Schneeschuhlaufen. Kann man sich etwas Gesunderes oder Reineres denken, als an einem klaren Wintertag die Schneeschuhe unter die Füße zu schnallen und waldeinwärts zu laufen? Kann man sich etwas Feineres oder Edleres denken als unsere nordische Natur, wenn der Schnee ellenhoch über Wald und Berg liegt? Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten, während die Winterluft und die Tannenzweige unsere Wangen streifen und Augen, Hirn und Muskeln sich anstrengen, bereit, jedem unbekannten Hinderniß auszuweichen, das sich uns jeden Augenblick in den Weg stellen kann? Ist es nicht, als wenn das ganze Kulturleben auf einmal aus unseren Gedanken verwischt wird und mit der Stadtluft weit hinter uns zurückbleibt, — man verwächst gleichsam mit den Schneeschuhen und der Natur. Es entwickelt dies nicht allein den Körper, sondern auch die Seele, und hat eine tiefere Bedeutung für ein Volk als die Meisten ahnen.
Wohl nirgends eignet sich die Natur besser für den Schneeschuhlauf als in Norwegen; Hügel giebt es dort zur Genüge, und auch der Schnee ist reichlich vorhanden. Von Kindesbeinen an werden wir an die Schneeschuhe gewöhnt — ein guter Haken krümmt sich bei Zeiten —, und die Natur selbst zwingt die Knaben, ja auch die Mädchen in manchen Gebirgsgegenden Norwegens, die Schneeschuhe zu gebrauchen, sobald sie gehen können. Tief und weich liegt der Schnee den ganzen Winter hindurch vor den Thüren der Häuser. Früh im Herbst kommt er, um erst spät im Frühling wieder zu verschwinden. Wege sind in manchen Gegenden nur sehr spärlich vorhanden, und Jeder — es sei Mann oder Frau —, der von einem Hof zum andern gelangen will, muß die Schneeschuhe anschnallen, denn ohne sie versinkt man bis über die Hüften im Schnee. Man wächst sozusagen mit den Schneeschuhen auf, — es ist nicht selten, daß man Mädchen und Knaben von 3-4 Jahren sich üben sieht. Von dem Alter an oder vielleicht ein wenig später, halten sich die Bauernknaben in steter Uebung. Berge haben sie in der Regel gerade vor dem Hause und überall zu beiden Seiten der engen Thäler, auf Schneeschuhen müssen sie ihren Schulweg zurücklegen und auf Schneeschuhen verbringen sie die freie Zeit zwischen den Unterrichtsstunden. Der Lehrer ist oft selbst mit dabei und stellt sich an die Spitze der kleinen Schar. Und dann des Sonntagsnachmittags, — welch ein Fest ist es nicht den ganzen Winter hindurch, wenn sich die ganze Dorfjugend, Kinder und Erwachsene, der Verabredung gemäß versammelt, um in edlem Wettstreit sich miteinander zu messen und sich zu amüsiren, solange das Tageslicht ausreicht. Und auch die Mädchen sind dabei, aber sie wollen den Burschen lieber zuschauen, obwohl auch sie die Schneeschuhe zu gebrauchen wissen und mancher gute Sport auf Schneeschuhen von norwegischen Mädchen betrieben wird, ohne daß viel Redens davon gemacht wird.
So gestaltet sich das Winterleben der Jugend in manchem norwegischen Dorf. Die Knaben zählen noch nicht viele Jahre, und sie wissen schon, welche Form ein guter Schneeschuh haben muß, wie das beste Holz für die Schneeschuhe aussieht und wie man eine Weide biegen muß, um sie zum Befestigen der Ski verwenden zu können; ein Jeder lernt es, ohne die Hülfe Anderer fertig zu werden, er wächst heran und wird ein Mann für sich selbst, wie sein Vater es war. — Möge sich dies erhalten, möge das Schneeschuhlaufen sich entwickeln und gedeihen, so lange es Männer und Frauen in den norwegischen Thälern giebt!
Eine absolute Nothwendigkeit sind die Schneeschuhe hier in Norwegen wie in ganz Nordeuropa und in Sibirien für die Winterjagd, auf der die tüchtigsten Schneeschuhläufer in den Gemeinden ihre Ausbildung erhalten haben.
Früher war es in Skandinavien ganz allgemein, daß man im Winter die größeren Thiere, Elen- und Rennthiere, auf den Schneeschuhen verfolgte. Wenn der Schnee tief ist, pflegt es für einen tüchtigen Schneeschuhläufer nicht schwierig zu sein, das Wild einzuholen und zu fällen, da es einsinkt und nur mit Mühe vorwärts kommen kann. Es war eine spannende Jagd, die sowohl Stärke, wie Ausdauer und Gewandtheit in der Benutzung der Schneeschuhe erforderte. Der Art und Weise, wie man Rennthiere fällte, geschah schon in dem früher mitgetheilten Bruchstück aus dem „Königspiegel“ Erwähnung.
Jetzt, wo diese Thiere im Winter geschont werden, hat damit diese Jagd ein Ende; doch wird sie gewiß noch von Wilddieben in vielen Theilen Skandinaviens, besonders in den flachen Walddistrikten Schwedens, wo sie am leichtesten ist, betrieben.
Die Jagd, zu welcher der norwegische Bauer jetzt hauptsächlich die Schneeschuhe benutzt, ist das Schneehuhnschießen und der Dohnenfang im Gebirge. Diese Jagd ist friedlicher und weniger anstrengend, aber auch sie hat ihre eigene Anziehungskraft. Das Umherstreifen in den Bergen im Winter, wenn das Weidendickicht von der Schneelast tief herabgedrückt liegt, wenn die Schneehühner, die so weiß sind, daß man sie nur mit Mühe von ihrer Umgebung unterscheiden kann, im Birkengestrüpp umherflattern und gackern, da kann Einem wohl der Sinn frei und leicht werden, während das Auge über die weiße Fläche schweift. Und wenn man dann mit der Büchse und dem Jagdnetz auf dem Rücken in sausender Fahrt die langen, offenen Abhänge hinabgleitet, da braust das Blut weit schneller durch die Adern!
Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich der norwegische Bauer auch auf der Hasenjagd der Schneeschuhe bedient, und es kommt auch wohl vor, daß er auf Schneeschuhen den Bären in seiner Höhle aufsucht, oder wenn der Schnee tief und lose ist, den Luchs, den Vielfraß oder einen einzelnen Bären verfolgt, der zufällig aufgeschreckt worden ist. Dem Lappen ist es etwas ganz Gewöhnliches, auf Schneeschuhen seinem ärgsten Feind, dem Wolf, nachzusetzen und ihn zu verfolgen, bis er ihn schießen oder mit dem Skistab todtschlagen kann. Die meisten sibirischen Völker betreiben ihre Winterjagd auf Schneeschuhen, und da der Winter den größten Theil des Jahres ausmacht, ist es sehr begreiflich, welche Nothwendigkeit, ja, man kann wohl sagen welche Lebensbedingung die Schneeschuhe für viele dieser Völker sind.
Das Schneeschuhlaufen ist alt in Norwegen, — wie alt ist nicht zu sagen, es geht weiter in die graue Urzeit zurück als unsere Aufzeichnungen reichen. In den Sagen von unserm Stammvater Nor heißt es sehr charakteristisch, daß er und seine Begleiter auf Schneeschuhen dahergezogen kamen. Sie warteten in Finnland, bis es gute Schneeschuhbahn wurde, und zogen dann gen Westen weiter um den Botnischen Meerbusen in das Land hinein. Diese Sagen sind jedoch verhältnißmäßig späten Datums.
Hauptsächlich durch Prof. Gustav Storm, der dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, erhielt ich einzelne werthvolle Mittheilungen über die Geschichte der Schneeschuhe in Norwegen, und ich will einiges davon hier wiedergeben. „Soweit ich es beurtheilen kann,“ — sagt Prof. Storm in einem Schreiben an mich — „müssen die Norweger und Schweden das Schneeschuhlaufen von den Lappen erlernt haben.“ Die ältesten historischen Nachrichten sind jedenfalls auf diese Richtung zurückzuführen. In der Mitte des 6. Jahrhunderts gaben zwei südeuropäische Schriftsteller, der Grieche Prokop und der Gothe Jordanis den Lappen einen Namen, welcher die Auffassung unserer ältesten Vorfahren verräth. Beide erwähnen den Stamm der Normannen, welcher auf dem 67°-68° n. Br. lebt, also die Nordländer, und der seine nomadischen Nachbarn als Skridfinnen bezeichnet. Die Nordländer haben also den Finnen oder Lappen den Beinamen Skrid gegeben, weil sie fanden, daß das „Skrida“ charakteristisch für sie war; aber dies „Skrida“ (gleiten) ist gerade in der alten Sprache der bezeichnende Ausdruck für das sich Fortbewegen auf Schneeschuhen („skrida á skidum“, — „Finnr skridr“.)
Der Name Skridfinnen wurde in Norwegen und Schweden bald vergessen; denn hier erlernte man gar bald die Kunst; der Name war aber südwärts gedrungen und wurde auch später von den Schriftstellern anderer germanischer Völker zur Bezeichnung der Lappen benutzt, so von Paulus Diaconus in seiner longobardischen Geschichte (ca. 790), vom englischen König Alfred (ca. 890), von Adam von Bremen (ca. 1070) und von Saxo Grammaticus (ca. 1200).
In ganz alten Zeiten betrachteten die Norweger und die Nordländer überhaupt die Lappen als die tüchtigsten Schneeschuhläufer und das Schneeschuhlaufen als für sie charakteristisch. So läßt Snorre Sturlassön die Königin Gunhild, die in Finnmarken von zwei Lappen (ca. 920) erzogen wurde, von diesen sagen, „daß sie so tüchtig auf Schneeschuhen sind, daß ihnen nichts entwischen kann, weder Mensch noch Thier, und worauf sie zielen, das treffen sie“. In Magnus Barfods Sage wird als altes Sprichwort angeführt: „Es sieht nach Schneewetter aus, Knaben, sagten die Finnen, sie hatten „Aandrer“ zu verkaufen.“ Also pflegten die Norweger damals (1006) ihre Schneeschuhe bei den Lappen zu kaufen, die nach Stephanius (Kommentar zum Saxo) noch im 17. Jahrhundert Meister im Verfertigen von Schneeschuhen sind. Die Historia Norwegiae (von ca. 1200) schildert die Lappen als tüchtige Jäger, die in Fellzelten wohnen. Wenn sie umziehen, nehmen sie diese auf den Rücken, befestigen glatte, hölzerne Stangen, „welche sie Aandrer nennen“, unter die Füße und eilen schneller als Vögel über den Schnee und die Berge dahin. Der ungefähr gleichzeitige Saxo sagt ebenfalls von den Lappen, „daß sie während der Jagd auf krumm gebogenen Hölzern über die schneebedeckten Berge dahin eilen“, — und als er die Sage von König Harald und Toke erzählen will, läßt er den König sich seiner Tüchtigkeit in der Kunst rühmen, „vermittels welcher die Finnen (Lappen) über schneebedeckte Abhänge dahin eilen“. In der isländischen Sage „Graagaasen“ (ca. 1250) heißt es u. a., daß der Geächtete so weit fortgetrieben werden soll „wie der Lappe auf seinen Schneeschuhen läuft, wie die Fichte wächst, wie der Adler an einem Frühlingstag fliegt, wenn er den Wind unter beiden Flügeln mit sich hat.“ Dies ist ganz zweifelsohne eine alte norwegische Gesetzformel, die nach Island hinübergekommen ist.
Es könnte aus unseren Sagen noch mehr in Bezug auf das Schneeschuhlaufen der Lappen angeführt werden, doch glaube ich, daß das hier Erwähnte genügen wird, um zu beweisen, daß das Schneeschuhlaufen in Norwegen von den Lappen eingeführt worden ist.
Wir verdanken es Storm, daß wir mit Sicherheit sagen können, daß das Schneeschuhlaufen schon im 10. Jahrhundert in Norwegen betrieben wurde, jedenfalls im Nordlande und wahrscheinlich auch überall in den nördlichen Berggegenden, wahrscheinlich auch in den „Oplanden“. In einer Reihe von Skaldengesängen aus dem 10. Jahrhundert werden „Skid“ und „Oendurr“ (mit Fell bezogene Schneeschuhe) in poetischen Bildern benutzt, die das Segeln des Schiffes über das Meer mit dem Dahingleiten der Schneeschuhe vergleichen. Guthorm Sindre zu Haakon des Guten Zeit nennt beispielsweise das Schiff „Svanevangens Ski“ (der Schneeschuh des Meeres). Dies zeigt ganz deutlich, daß die Anwendung von Schneeschuhen ganz allgemein gewesen sein muß, denn sonst würde das Bild nicht zu verstehen gewesen sein. Noch wichtiger ist es, daß der Schneeschuhsport seine Repräsentanten unter den Göttern hatte. Der Nordländer Eyvind Skaldespilder (aus Helgeland) nennt in einem Gedicht aus dem Jahre 990 Thasses Tochter Skade „Oendur-dís“ (d. h. Schneeschuhgöttin), und der Isländer Einar Skaaleglam, der ungefähr im Jahre 980 einen Lobgesang auf Haakon Jarl auf Lade dichtete, giebt Ullr den Beinamen „Aanderguden“, (Oendur-jálkr, eigentlich Aandrernes Odin). Zu bemerken ist noch, daß Skade vom Jotun-Stamme ist; wenn man nun bedenkt, daß für die Norweger häufig Lappen und Kobold gleichbedeutend waren, so liegt die Annahme nicht fern, daß Eyvind sie sich als von lappländischer Abstammung gedacht hat. Von Ullr ist zu bemerken, daß er in Dänemark nicht der Gott des Schneeschuhlaufens, sondern der Gott des Schlittschuhlaufens ist, denn Saxo sagt von „Ollerus“, daß er statt sich eines Schiffes zu bedienen, auf einem Bein über das Meer zu setzen pflegte, über das er Hexengesänge gesungen hatte, d. h. er ging auf „Islegger“, welches diejenige Form von Schlittschuhen ist, die unsere Vorfahren anwendeten und die auch, wie aus zahlreichen archäologischen Funden nachzuweisen ist, in Deutschland schon in sehr frühem Zeitalter ganz allgemein gewesen sind. Sowohl in Norwegen, wie in Deutschland finden sie zum Theil noch heute Verwendung.
Also wahrscheinlich erst im nördlichen Norwegen ist Ullr zum Schneeschuhgott geworden, während das Schneeschuhlaufen wohl niemals bis nach Dänemark gelangt ist, wo ja auch die Naturverhältnisse nicht sehr dazu ermuntern. Die Sage von dem dänischen König Harald Blauzahn und Toke, die vor dem Vorgebirge Kullen in Schoonen auf Schneeschuhen stehen mußten, hat in dieser Beziehung keine weitere Bedeutung, da sie zweifelsohne aus Norwegen stammt, wo genau dasselbe von einem König Harald und „Hemingen den ungje“ erzählt wird.
In den historischen Sagen wird u. a. erzählt, daß als Egil Skallagrimsön eines Winters (ca. 950) im Auftrag des norwegischen Königs nach Vermland ziehen sollte, die Sendboten des Königs ihn westlich von Eidskogen verließen, ihre Schneeschuhe nahmen, sie anschnallten und Tag und Nacht liefen, bis sie an die Oplande und nördlich von Doorefjeld bei dem König anlangten (Egils-Saga Kap. 71). Daß Schneeschuhe auch schon früh auf Romerike benutzt wurden, erscheint sehr wahrscheinlich, wenn wir hören, daß Harald Haardraade, der von seinem 15. bis zum 31. Jahr (1030-46) im Süden war, schon in seiner Jugend auf Ringerike das Schneeschuhlaufen erlernt hat.
Aus seiner Zeit stammt auch der Stoff zu den über das ganze Land verbreiteten Heldengesängen von Heming, dessen wunderbares Schneeschuhlaufen im Nordlande auch im Flatöbuche (ca. 1390) erwähnt wird. Der Refrain lautet: „Hemingen das junge Blut auf Schneeschuhen lief gar gut“, und dem Umstand, daß er eine so große Tüchtigkeit in dem Lieblingssport des Volkes besaß, hat er es wahrscheinlich zu verdanken, daß sein Name noch heute im Volksliede weiterlebt.
Später werden Schneeschuhe und Schneeschuhläufer an vielen Stellen in den nordischen Sagen erwähnt, und daraus ist deutlich zu ersehen, daß das Schneeschuhlaufen sich mit der Zeit zu einem allgemein in Norwegen betriebenen Sport entwickelte.
Es ist ganz selbstverständlich — sagt Storm —, daß das öffentliche Postwesen während des Winters, wenn keine Schlittenbahn war und man auch zu Pferd nicht durchzukommen vermochte, sich der Schneeschuhe bediente, — dies ist bereits aus Briefen von den Jahren 1525 und 1535 ersichtlich. Im letzteren heißt es, daß „der Bursche“ Anfang Dezember auf Schneeschuhen „über Doorefjeld und alle Wälder nördlich nach Throndhjem laufen mußte“.
Es liegt kein Grund vor zu der Annahme, daß die Norweger in früheren Zeiten eine größere Gewandtheit im Schneeschuhlaufen besessen haben, als dies jetzt der Fall ist, und wenn wir u. a. lesen, daß Arnljot Gelline (ca. 1000) zwei Männer hinter sich auf seinen Schneeschuhen stehen hatte und trotzdem so geschwind lief, als sei er los und ledig, da wird jeder Schneeschuhläufer wissen, daß dieser Bericht in das Reich der Phantasie zurückzuführen ist. Die Erzählung stammt von einem Isländer, Snorre, und ist eine isländische Tradition; wie wir später sehen werden, waren aber die Isländer durchaus nicht in der Kunst des Schneeschuhlaufens bewandert.
Heutzutage haben sich die Schneeschuhe in ganz Norwegen eingebürgert, vom Nordkap bis Lindesnäs, am wenigsten Verwendung hat man im Westlande für diesen Sport, da die Schneeverhältnisse an manchen Stellen nicht günstig dafür sind. Faßt man das ganze norwegische Volk zusammen, so giebt es wohl verhältnißmäßig wenig Männer oder Knaben, welche die Schneeschuhe nicht kennen und nicht auf ihren Gebrauch angewiesen sind. Auch ein nicht unwesentlicher Theil der weiblichen Bevölkerung versteht heutzutage die Führung der Schneeschuhe ebenso gut wie zu Olaus Magnis Zeiten (1555), „da man Frauen mit ebenso großer Gewandtheit — wenn nicht gar mit noch größerer — wie Männer auf Jagd gehen sah“. Zum Glück für die Nation ist der Schneeschuhlauf in steter Entwickelung begriffen.
Von Telemarken und Kristiania und Umgegend pflegen die tüchtigsten Schneeschuhläufer zu kommen, aber in Oesterdalen, in Oplandene, in Numedalen, Hallingdalen, Valders, Gudbrandsdalen, in der Gegend von Drontheim und in Nordland und Finnmarken findet man ebenfalls tüchtige Schneeschuhläufer.
In Schweden, wo die Schneeschuhe von den Lappen zwar zur selben Zeit wie in Norwegen eingeführt wurden, ist das Schneeschuhlaufen weit weniger entwickelt, — es ist ja auch ganz natürlich, daß Norwegen mit seinen zahlreichen Gebirgsdörfern bessere und zahlreichere Schneeschuhläufer hervorbringen mußte, als das weit flachere Schweden, wo die Schneeschuhe fast ausschließlich nur in den nördlichen Gegenden bis zu Helsingeland, Dalarne und dem nördlichen Vermland bekannt sind und benützt werden. Das Aufblühen dieses Sports in Norwegen während der letzten Jahre hat jedoch dazu beigetragen, daß man auch in südlicher gelegenen Städten mit Stockholm an der Spitze begonnen hat, den Schneeschuhsport einzuführen.
Von den Norwegern wurde das Schneeschuhlaufen schon in alten Zeiten in Island eingeführt, doch scheint es dort fast ganz wieder in Vergessenheit gerathen zu sein, denn nirgends wird es in den isländischen Sagen erwähnt, während die Isländer, die nach Norwegen kommen, häufig das Schneeschuhlaufen schildern. Im vorigen Jahrhundert war das Schneeschuhlaufen dort dermaßen in Verfall gerathen, daß eine königliche Resolution vom Jahr 1780 eine Prämie für einen einzigen norwegischen Mann, der die „Kunst besaß“, aussetzte, nämlich für den Handelsgehülfen Buch auf Husavik, damit er 3 andere darin unterweisen sollte. Das Schneeschuhlaufen wird dort oben jedoch niemals eine hohe Stufe erreichen, so z. B. pflegt man die Schneeschuhe dort nicht an den Füßen festzubinden, was ganz nothwendig ist, wenn man die volle Herrschaft über dieselben erlangen will. Man hat mir freilich gesagt, daß dort oben im Nordlande einzelne Isländer eine ziemliche Tüchtigkeit erlangt haben sollen, — ich möchte indessen nicht dafür einstehen, daß bei dieser Beurtheilung der norwegische Maßstab angelegt worden ist. Nach den Mittheilungen, die ich vom Kandidaten A. Hansen erhalten habe, der Island im Jahre 1882 bereiste, liegen in der Mitte der Insel Höfe, die den ganzen Winter von der Außenwelt abgeschnitten sind, weil die Leute die Benützung der Schneeschuhe nicht kennen.
In Grönland ist das Schneeschuhlaufen wahrscheinlich erst sehr spät von Norwegern eingeführt worden. Es scheint dort nirgends bekannt gewesen zu sein, als Egede im Jahre 1721 nach Grönland kam; aber seine gewandten Söhne, die ja aus dem Nordlande stammten, führten die Schneeschuhe bereits im Jahre 1722 ein. In Paul Egedes Tagebuch heißt es: „Die grönländische Jugend mochte uns gern zum Besten haben. Dagegen konnten wir uns rühmen, daß wir auf Schlittschuhen oder Schneeschuhen laufen konnten — — —“
Das Schneeschuhlaufen wird jetzt theils von den dort ansässigen Dänen, theils von den Eskimos betrieben, aber zu etwas besonderem hat es bis dahin Niemand gebracht. Die Schneeschuhe haben dort niemals festen Fuß gefaßt, sie werden mehr als Spielzeug zum Zeitvertreib in müßigen Stunden betrachtet. Nur selten werden sie während des Winters zur Jagd benutzt. Der Eskimo, der sich hauptsächlich auf der See aufhält, hat den großen Vortheil nicht begriffen, der ihm dadurch erwachsen kann, und es geschieht nur ganz ausnahmsweise, daß er ein Rennthier auf Schneeschuhen verfolgt; einigemale kam es allerdings vor, während ich mich in Grönland aufhielt.
In Amerika kannte man die Schneeschuhe ursprünglich nicht, in letzterer Zeit sind sie freilich von den Skandinaviern in mehreren Gegenden, besonders in den nördlichen, eingeführt worden. So erzählte mir der bekannte norwegische Reisende, Kapitän A. Jakobsen, daß „die Bevölkerung in einem Theil der Rocky-Mountains, wo im Winter viel Schnee fällt, und besonders die Bergleute, seit langer Zeit Schneeschuhe verwendet haben, hauptsächlich zur Beförderung der Post zwischen entlegenen Bergwerkscompagnien und Dörfern. Die meisten dieser Postboten sollen Skandinavier sein.“
In Wisconsin, Minnesota und den benachbarten Gegenden ist das Schneeschuhlaufen durch Norweger eingeführt, an manchen Orten werden sogar jährliche Wettrennen veranstaltet. In Kalifornien sind die Schneeschuhe jetzt ebenfalls bekannt und eingebürgert.
Auch für die Eisenbahnanlagen in den Cordilleras zwischen Argentinien und Chili suchte man vor kurzem norwegische Schneeschuhläufer.[15]
Im Kriege haben die Schneeschuhe in Skandinavien häufig Verwendung gefunden. Das ist ja auch ganz selbstverständlich, da die Schneeschuhe auf einem Winterfeldzug natürlich große Vortheile bieten müssen.
Olaus Magni stellt auf seiner berühmten Karte über den Norden aus dem Jahre 1539 die Finnen auf Schneeschuhen mit den Helsingern zu König Frodes Zeit kriegführend dar.
Der Erste, der sie bei der Kriegsführung verwandt hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach König Sverre, und es gereicht seinem Feldherrntalent sehr zur Ehre, daß er es verstanden hat, sie zu benutzen, ja daß er sogar unter den Bewohnern der Hochlande ein Schneeschuhläufercorps gebildet hat. In der Schlacht bei Oslo, im März 1200, befiehlt König Sverre bei der Musterung auf dem Eise Paul Belte und seiner Hochländerschar, ihre Schneeschuhe und Stäbe zu ergreifen, die Schneeschuhe zu besteigen und die Ryenberge hinaufzulaufen, um die Stärke des Feindes zu untersuchen. Aus den Worten geht deutlich hervor, daß diese Schar mit Schneeschuhen zum Kriegsgebrauch ausgerüstet gewesen ist. (Sverres-Saga Kap. 163.)
Seit jener Zeit sind die Schneeschuhe gewiß sehr häufig von den Skandinaviern während ihrer Kriegszüge benutzt worden. Aber auch hier tauchen die Lappen wieder auf; ich will nur an jenen Lappen aus Finnmarken erinnern, der vor ungefähr 400 Jahren — so lautet die Erzählung — gezwungen wurde, einer Abtheilung Russen als Wegweiser über das Gebirge zu dienen. Es war in der Nacht und er zog auf Schneeschuhen, die Fackel in der Hand, vor dem Feinde her, der in von Rennthieren gezogenen Schlitten hinter ihm her kam. In blitzschneller Fahrt eilte er in der Finsterniß der Nacht einem Abgrunde zu, die Rennthiere folgten ihm im vollen Galopp, und indem er selber voran ging und freiwillig den Todessprung that, zog er das ganze Gefolge nach sich in die Tiefe. Einer anderen Sage zufolge soll er am Rande des Abgrundes Halt gemacht und nur die Fackel hinab geworfen haben, worauf denn die Russen, die dem Fackelschein folgten, in der Tiefe verschwanden. Noch eine andere Sage berichtet, daß es keine Russen in Schlitten, sondern Schweden auf Schneeschuhen waren, die er in das Verderben führte. Diese Sage wird im Tysfjord in Nordland in die Zeit Friedrich III. (ca. 1650) verlegt, in Snaasen im Drontheimschen in die Kriege mit Karl XII. Auch aus Solör kennt man die Sage. Wie dem auch sein mag, — überall ist es ein Lappe auf Schneeschuhen, der in den verschiedenen Formen dieser Geschichte wiederkehrt.
Hieraus ist zu ersehen, daß die Lappen auch zu jener Zeit als Schneeschuhläufer großes Ansehen genossen.
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden in Norwegen besondere Schneeschuhläufer-Compagnien errichtet, die jeden Winter ihre Uebungen abhielten, und die Erzählung von der Oesterdalschen Schneeschuhläufer-Compagnie wird sicher jedem Norweger bekannt sein.
Außer in Skandinavien sind die Schneeschuhe in Finnland seit den ältesten Zeiten gebräuchlich gewesen. Dies geht ganz deutlich aus dem dreizehnten Gesang in der alten finnischen Dichtung Kalevala hervor, wo Lemminkäinens Jagd auf Schneeschuhen auf den Hiisihirsch in sehr poetischer Weise geschildert wird. Der Anfang lautet:
Sehr bezeichnend ist es auch, daß hier von „fellbekleideten Schneeschuhen“ (im Plural) die Rede ist und daß Lemminkäinen — wie im zweiten Vers geschildert wird — zu einem Lappen, „zu dem schönen Käuppi aus Lappland“ geht, um sich von ihm ein Paar gute Schneeschuhe anfertigen zu lassen. Hiernach scheint es also, daß auch die Finnen die Lappen zu Lehrmeistern gehabt haben.
Diese Dichtung ist in ihrer jetzigen Form von verhältnißmäßig spätem Datum, doch stammt sie möglicherweise schon aus dem 12. und 13. Jahrhundert.
In Rußland finden wir die Schneeschuhe außer bei den Großrussen, den Letten und einem Theil der Polen auch bei sämtlichen finnischen Völkern bis an die Wolga hinab. Bei den Permiern werden sie von Herbenstein im Jahre 1549 erwähnt (Rerum moscov. commentaria).
In Asien finden wir die Schneeschuhe über den ganzen nördlichen Theil, nördlich von dem großen Steppen- und Wüstenzug — bei sämtlichen Völkern. Nach den Mittheilungen, die mir Kapitän A. Jakobsen gemacht hat, werden sie bei den Golden, Giljaken und Ainos merkwürdigerweise hauptsächlich bei der Fahrt auf Hundeschlitten benutzt.[16] Der Kojure (Kutscher) sitzt quer über seinem schmalen Schlitten und stützt sich mit den Beinen, unter denen er Schneeschuhe hat.
Jakobsens Kutscher erzählte ihm, daß die Tungusen sich der Schneeschuhe zuweilen bedienen, daß sie sich, auf denselben stehend, von Rennthieren ziehen lassen, indem sie in der linken Hand einen Riemen halten, der an dem Rennthier befestigt ist, während sie mit der Rechten steuern. Etwas Aehnliches muß nach der japanischen Zeichnung, die Nordenskjöld in seiner Vega-Reise (II. Band, Seite 107) wiedergiebt, auch bei den Ainos Sitte sein.[17] Wie mir Professor Fries erzählt, sollen auch die Lappen die Rennthiere zuweilen auf diese Weise benutzen (er hat in seinem Buch „Laila“ eine Schilderung davon gegeben), doch kann — wie man ihm sagte, — dies Kunststück nur von den tüchtigsten und gewandtesten Schneeschuhläufern ausgeführt werden.
Wie man sieht, führen die Aufklärungen über das Schneeschuhlaufen, die wir in der Litteratur finden, nicht sehr weit zurück. Etwas weiter gelangt man, wenn man seine Zuflucht zu der vergleichenden sprachwissenschaftlichen Methode nimmt. Wenn sich derselbe Name für Schneeschuhe bei jetzt weit voneinander getrennt lebenden Völkerstämmen findet, muß eine Wahrscheinlichkeit vorhanden sein, daß diese Völkerstämme einmal nahe bei einander wohnten, oder sogar ein Volk gebildet haben.
Mein Freund, der Bibliotheksamanuensis Andr. M. Hansen, hat mir in dieser Hinsicht einen nicht zu unterschätzenden Beistand geleistet, er hat u. a. in sehr schwer zugänglichen Schriften nach den Namen geforscht, welche die Schneeschuhe in den Sprachen der verschiedenen nordasiatischen und nordeuropäischen Völker haben. Diese Untersuchungen haben durch bloßes Zusammenstellen der Namen zu sehr interessanten, wenn auch nicht entscheidenden Resultaten geführt, die ich gern in ihrer ganzen Ausdehnung hier wiedergeben möchte; das Thema ist aber von zu specieller Natur, deswegen will ich mich damit begnügen, das Wichtigste dieser Untersuchungen anzuführen.
Wir haben oben gesehen, wie unsere alten mythologischen Berichte und Sagen darauf schließen lassen, daß wir gleich anderen europäischen Völkern die Kunst des Schneeschuhlaufens wahrscheinlich von den Lappen erlernt haben. Untersuchen wir nun aber unsere Benennungen für Schneeschuhe, so können wir nichts Lappisches daran finden; Ski sowie Aander (schwedisch Skida und Andor) müssen beide echt arischen Ursprungs sein, sie sind wahrscheinlich gleichzeitig mit der Einführung der Schneeschuhe von alten Wortstämmen abgeleitet worden.
Wenden wir uns anderen arischen Sprachen zu, so finden wir auf russisch lysja, auf polnisch lyzwa, auf lettisch lushes. Auch diese Wörter müssen arischen Ursprungs sein, wenngleich sie auch nichts mit den skandinavischen Benennungen gemein haben. In Bezug auf den skandinavischen Zusammenhang der Schneeschuhbenennungen kommen wir mit diesen arischen Sprachen kaum weiter als bis zu einem negativen Resultat.
Wir sehen uns da der schwierigen Aufgabe gegenübergestellt, die Schneeschuhe auf den unbekannten und unsicheren Wegen der finnisch-ugrischen und sibirischen Sprachen zu verfolgen.
Beginnen wir bei unseren Nachbarn, den Lappen, so finden wir bei ihnen die Worte savek (fellbekleideter Schneeschuh) und golas (längerer, unbekleideter Schneeschuh).
Die Finnen haben mehr Benennungen: hiiden und suksi für Schneeschuhe im allgemeinen; lyly und kalhu für die linken, sivakka und potasma für die rechten Schneeschuhe.
Hiervon ist lyly dasselbe Wort, was für Fichtenholz gebraucht wird, potasma bedeutet dasjenige, womit man ausschlägt, es sind dies also abgeleitete Worte und infolgedessen von wenig Bedeutung für unser Thema. Kalhu ist regelrecht aus dem lappischen golas umgebildet, das seinerseits wahrscheinlich dem russischen golysja entlehnt ist, da das Wort unbekleidete (golo) Schneeschuhe (lysja) bedeutet. Nach dieser Entlehnung zu urtheilen, könnte es den Anschein haben, als ob die Lappen die Benutzung der unbekleideten Schneeschuhe von den Russen erlernt hätten, aber dies ist doch wohl sehr zweifelhaft. Savek und sivakka gehören zweifelsohne zusammen und sind wahrscheinlich erweiterte Formen von suk(si), welches die einzige ursprüngliche finnische Benennung für Schneeschuhe ist.
Diese Annahme erhält eine Bestätigung, wenn wir uns südwärts zu den übrigen Zweigen der baltischen Finnen zwischen dem Ladoga und Lithauen wenden, zu den Voten, Vespen, Esthen und Liven, bei denen wir die Schneeschuhbenennungen suhsi, suksi, suks und soks finden.
Daß sich das Wort nach verschiedener Richtung hin erweitert hat, spricht dafür, daß es das gemeinsame Erbe aus einer Zeit ist, in welcher diese Finnen ein Volk bildeten, aber die Möglichkeit einer späteren Entlehnung ist doch nicht ganz ausgeschlossen.
Wenden wir uns indessen weiter nach Osten, so gelangen wir durch ungefähr 1000 Kilometer russischer Bevölkerung zu den nächsten Verwandten der Ostsee-Finnen, den Wolga-Bulgaren. Wenn wir hier bei den Mordwinen neben der Form tokh dasselbe soks wiedertreffen, so muß die Annahme berechtigt erscheinen, daß die Soks (Ski) bereits gebraucht wurden, als die Wolga-Bulgaren und die baltischen Finnen noch nicht getrennt waren.
Wir können auch ganz sicher annehmen, daß tokh dasselbe Wort ist wie soks, da s und t bekanntlich eine große Neigung haben, ineinander überzugehen. Wahrscheinlich ist es wohl auch, daß der Stamm kok in koklaske — der Name für Schneeschuhe bei den Tscheremissen, dem anderen Zweig der Wolga-Bulgaren, — den gleichen Stamm hat wie tokh. Diese Möglichkeit wird weiter unten bekräftigt werden.
Damit haben wir schon ein wahrscheinliches Alter von mindestens 1700 Jahren für die Schneeschuhe nachgewiesen, indem nämlich die gemeinsamen entlehnten Benennungen aus der Zeit, als diese Stämme zusammen waren, älter sein müssen, als altnordische und gothische.[18]
Mit völliger Bestimmtheit können wir jedoch die Möglichkeit einer in späterer Zeit geschehenen Entlehnung noch nicht zurückweisen. Die großrussische Bevölkerung, welche die Trennung bildet, besteht im wesentlichen aus Finnen, die erst in den letzten 600 Jahren slavisirt sind, und die Wolga war schon zu sehr früher Zeit ein stark befahrener Verkehrsweg. Verfolgen wir indessen den Stammbaum weiter aufwärts, so finden wir bei dem nächsten Seitenzweig, dem permischen oder bjarmischen, u. a. scheinbar isolirten Schneeschuhbenennungen bekannte Stämme in Namen wie artakh bei den Permiern, wo der Stamm takh ganz deutlich dasselbe ist wie die mordwinsche Zweigform tokh und kok bei den Syrjänern in dem Worte kört-kok. Dies kok ist dasselbe wie dasjenige, welches wir in koklaske bei den Tscheremissen fanden.
Hierdurch sind wir wieder eine bedeutende Strecke weiter hinauf in die Urzeit des finnischen Stammes gelangt; bedeutend weiter aber kommen wir, wenn wir tief im Innern Sibiriens bei den Ostjaken, die dem ugrischen Hauptzweig angehören, abermals auf das Wort tokh stoßen.
Hiernach mußten die Schneeschuhe also schon in Asien bekannt sein, ehe sich der asiatische Völkerstamm in Finnen und Ugrer getheilt hatte, — und dies muß lange vor unserer Zeitrechnung geschehen sein.
Weiter zurück können uns die Untersuchungen der finnisch-ugrischen Sprachen kaum führen. Wenn wir indessen unsere Wanderung östlich über Sibiriens Schneefelder fortsetzen, so stoßen wir auf viele fremdklingende Benennungen für die Schneeschuhe, bis wir plötzlich bei den beiden samojedischen Stämmen, den Karagassen und Sojoten im südlichen Sibirien, die Formen hok und kok wiederfinden. Gehen wir noch weiter östlich, so treffen wir bei den Tungusen im östlichsten Sibirien wohlbekannte Wortstämme in suksylta oder soksalta, bei den Golden, suksildä bei den Manikow-Tungusen und huksille bei den Kondogiri-Tungusen. In dem ersten Theil dieser Wörter: suk oder sok (das bei dem letztgenannten Völkerstamm in huk übergegangen ist), werden wir ja, wie Castrén bereits angedeutet hat, direkt auf suks zurückgeführt, auf das Wort, mit welchem wir unsere Wanderung bei den baltischen Finnen begannen. Hier, wenn nicht schon früher, erhalten wir die direkte Bekräftigung, daß suk dasselbe Wort sein kann wie kok, indem wir sehen, daß suk in suksildä, in huk, in huksille übergegangen ist; bei den Karagassen fanden wir außerdem die Form hok und bei den Sojoten kok, und damit ist ja der Uebergang gegeben, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Formen dieselben sind.[19]
Wie aber ist es zu erklären, daß so weitgetrennte Völkerstämme, wie die finnischen Stämme an der Ostsee und die tungusischen Stämme am Stillen Ocean, die durch ein Viertel des Umkreises der Erde getrennt sind, dieselbe Benennung für die Schneeschuhe haben?
So schwierig die Beantwortung dieser Frage auf den ersten Blick erscheinen mag, so liegt doch die Erklärung nahe genug, wenn man die Wanderungen dieser beiden Hauptstämme ins Auge faßt. Beide müssen nämlich, so weit wir wissen, aus der Gegend um Baikal und dem Altaigebirge gekommen sein. Aus dem Umstande, daß man bei den Quellen des Jenisei und des Ob eine ganze Reihe von Ortsnamen findet, die sich nur aus dem finnischen Wörterschatz erklären lassen, hat man geschlossen, daß die Finnen hier gewohnt haben müssen. Die Tungusen ihrerseits sind von den Jakuten und Mongolen östlich und nördlich von ihrem ursprünglichen Wohnsitz vertrieben worden.
Hierdurch werden wir also direkt in eine ferne Zeit zurückgeführt, in der die finnisch-ugrischen und die tungusischen Stämme in der Gegend des Altaigebirges und bei Baikal Nachbarn waren. Hier müssen wir deswegen aller Wahrscheinlichkeit nach den Ursprung von suks für Schneeschuh suchen, hier haben diese Völker jedenfalls die erste Anwendung derselben gelernt. Hier wohnen auch noch heutzutage Karagassen und Sojoten, deren Bezeichnungen für Schneeschuhe dem entsprechend sind.
Hiermit haben wir die größten der Hauptgruppen untersucht, auf welche die Benennungen der Schneeschuhe zurückgeführt werden können. Gehen wir indessen weiter und vergleichen wir die übrigen sibirischen Namen für Schneeschuhe, so werden wir noch zwei Gruppen finden, die uns beide auf denselben Ausgangspunkt zurückführen.
Die eine dieser Gruppen ist hauptsächlich bei den Samojeden am Ob in den Wörtern tolds, told, tolde und toldö repräsentirt,[20] dieselben Wörter finden wir in dem goldischen sok-solta oder suk-sylta und dadurch in dem tungusischen Wort suk-sildä und huk-sille, ja wahrscheinlich sogar in dem a-sil der Jenisei-Ostjaken wieder. Solta kann zu tolda verändert sein und dies wieder zu toldö, während sylta in sildä und weiter in sille und sil übergegangen ist.
Um uns zu erklären, wie die so weit voneinander getrennten Stämme der Ostjaksamojeden und Tungusen dieselbe Benennung für Schneeschuhe haben können, müssen wir uns wieder nach dem Altaigebirge und der Gegend um Baikal wenden, da man annimmt, daß alle Samojeden früher auf diesem Wege zu ihren jetzigen Aufenthaltsstätten gelangt sind.
Die dritte Hauptgruppe für Schneeschuhnamen bilden die Worte sana und hana bei den um den Baikalsee ansässigen Burjäten, sana bei den halbsamojedischen Koibalen an den sanischen Bergen und taña bei den Tassoo-Samojeden in der Nähe der Mündung des Ob.[21] Um eine Erklärung zu finden, wie diese gleichfalls fern voneinander lebenden Völker, die auch zwei ganz verschiedenen Völkerstämmen angehören, zu demselben Namen für Schneeschuhe gekommen sind, wenden wir uns zum drittenmale jener Gegend zu, wo die Burjäten noch heute wohnen.
Außer den bereits erwähnten Namen für Schneeschuhe giebt es bei den sibirischen Völkern noch einige wenige und, wie es scheint, isolirter dastehende Benennungen. Es ist nicht möglich gewesen, wenigstens nicht mit irgend welcher Sicherheit, dieselben auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen, und deshalb wollen wir hier nicht näher darauf eingehen; man wird sie alle auf der Karte sehen können. Zum größten Theil gehören diese Benennungen Völkern an, die in sprachlicher Hinsicht isolirt stehen, und von deren Stammverhältnissen und Wanderungen wir nichts oder doch nur wenig Bestimmtes wissen.
Wenn wir nun indessen, wie oben nachgewiesen ist, finden, daß die meisten Benennungen der Schneeschuhe in drei Hauptgruppen getheilt und auf einen von drei Urstämmen oder Wurzeln zurückgeführt werden können, wenn wir ferner, indem wir die Erklärung für die Ausbreitung dieser drei Hauptgruppen suchen, immer wieder in dieselbe Gegend zurückgeführt werden, aus der alle drei ursprünglich stammen müssen, da muß es uns scheinen, daß wir kaum irren können, wenn wir annehmen, daß die Völker, die sich jetzt dieser Wörter bedienen, sie ursprünglich gleichzeitig mit dem Gebrauch der Schneeschuhe kennen gelernt haben, und zwar ungefähr in derselben Gegend. Von hier aus haben sie die Schneeschuhe dann mit verschiedenen Wandlungen an ihre jetzigen Wohnorte geführt.
Aus der Geschichte ersehen wir ferner, daß die arischen Völker, der größte der Völkerstämme, deren Benennung für Schneeschuhe keiner der drei Hauptgruppen angehört, erst in verhältnißmäßig später Zeit die Kunst des Schneeschuhlaufens von den Lappen oder Finnen gelernt haben, die ihrerseits wieder einen Hauptzweig der Völker bilden, welche die ursprünglichen Wörter haben. Außerdem sahen wir, daß ihre Benennungen für die Schneeschuhe neue Wörter arischen Ursprungs sind. Da muß denn die Schlußfolgerung nahe liegen, daß die Schneeschuhe ihre jetzige Verbreitung über die Erde verschiedenen Völkern zu verdanken haben, welche die Benutzung in derselben Gegend erlernten, und die dann auf ihren Wanderungen nach verschiedenen Richtungen hin die Schneeschuhe mitgenommen und weiter verbreitet haben. Dieser gemeinsame Ausgangspunkt aber ist die Gegend um das Altaigebirge und von Baikal.
Daß eine Grenzgegend wie diese das Geburtsland der Schneeschuhe sein sollte, erscheint schon aus dem Grunde wahrscheinlich, weil die Völker, als sie von Süden nach Norden zogen, wahrscheinlich dort, wo der Winter anfängt, lang zu werden, und wo der Schnee tief liegt, Mittel erfanden, über die Schneefelder zu gelangen, um nicht auf ihrer Wanderung gehemmt oder während des Winters eingeschlossen zu werden.
Zu welcher Zeit die Schneeschuhe erfunden wurden, davon können wir uns nicht einmal annähernd eine Vorstellung machen, von den Sprachverhältnissen ist uns ebenfalls nichts bekannt, nur so viel wissen wir, daß es sehr lange her sein muß.
Schon im Anfang unserer Zeitrechnung wohnten nach Tacitus Finnen an der Ostsee. Es ist klar, daß die Wanderung des Stammes nach Westen zu sehr lange gewährt hat, während sich ein Zweig nach dem anderen abtrennte, und die Zeit, in der die finnisch-ugrischen Völker noch tief in der Mitte von Sibirien bei einander wohnten, ist sicher lange vor der historischen Zeitrechnung zu suchen.
Wir müssen aber noch viel weiter zurückgehen, wenn wir die Zeit suchen wollen, in der die verschiedenen Hauptstämme, der finnisch-ugrische, der samojedische, der echt mongolische, der tungusische (die gewöhnlich unter der gemeinsamen Bezeichnung mongolische Rasse zusammengefaßt werden), Nachbarvölker waren oder gar einen Stamm bildeten; hier kommen wir an einen Zeitraum, den auch nur annähernd zu messen uns jegliches Mittel fehlt. Aber bereits damals sollen also die Schneeschuhe bekannt gewesen sein.
Wir Norweger sind bis dahin sehr geneigt gewesen, unser eigenes Land als Wiege und Heim unseres liebsten Sports, des Schneeschuhlaufens, zu betrachten. Eine mehr wissenschaftliche Untersuchung des Themas, wie sie hier zum erstenmale in größerer Ausdehnung unternommen ist, zwingt uns indessen zu der Annahme der vielleicht nicht willkommenen Thatsache, daß wir zu den jüngeren der zahlreichen Stämme gehören, welche diesen Sport aufgenommen haben und ihn betreiben, und daß wir am äußersten Rande des unermeßlichen Striches liegen, auf welchem die Benutzung der Schneeschuhe sogar noch fast allgemeiner zu sein scheint als bei uns. Aber wenngleich wir das Schneeschuhlaufen erst spät erlernt haben, so können wir uns doch damit trösten, daß wir gelehrig gewesen sind, und um so besser ist es, daß wir diesen Sport zu einer Blüthe gebracht haben, wie kein anderes Volk es vermochte.
Wie aber sah denn der erste Schneeschuh aus? Diese Frage hat sich gewiß Mancher gestellt, hat sie aber von sich gewiesen, in der Meinung, daß sie nicht zu lösen sei, und wenn wir das ehrwürdige Alter der Schneeschuhe in Betracht ziehen, mag es gar hoffnungslos erscheinen, über die Beantwortung dieser Frage nachzugrübeln. Man kann nur die wenigen Spuren verfolgen, die zu entdecken sind.
Die Kulturgeschichte hat eine ganze Reihe von Beispielen aufzuweisen, daß sich Geräthschaften und dergl. nach Gesetzen entwickeln, die vollkommen denjenigen entsprechen, welche die Entwickelung im Thier- und Pflanzenreich beherrschen.
Nun ist es ein allgemein anerkanntes Gesetz in der Biologie, daß sich die vollkommensten lebenden Formen dort entwickelt haben, wo große, zusammenhängende Landstrecken den Kampf ums Dasein begünstigten, während einfachere, primitivere Formen sich in isolirten oder entlegeneren Gegenden erhalten oder selbständig entwickeln. Ein ähnliches Gesetz muß auch in der Entwickelung der Geräthschaften wiederzufinden sein; wir wollen versuchen, ob es sich nicht auch in den Entwickelungsverhältnissen der Schneeschuhe nachweisen läßt.
Das Bedürfniß, über tiefen und losen Schnee hinwegzukommen, hat die verschiedenen Einrichtungen ins Leben gerufen, die das Einsinken verhindern sollen. Dort, wo der Schnee am tiefsten und am längsten liegt, wird das Bedürfniß am fühlbarsten, wird man am eifrigsten um ein Hülfsmittel bemüht sein.
Die größte, zusammenhängende Landstrecke, in welcher ein langer Schneewinter herrscht, ist der nördliche Theil der alten Welt. Hier ist es denn auch, wo wir die vollkommenste Entwickelung der Geräthschaften finden, welche dazu dienen, über den Schnee hinwegzugleiten — nämlich der Schneeschuhe. Bei näherer Betrachtung finden wir, daß die Gegend, in welche wir aus anderen Gründen den Ursprung der Schneeschuhe verlegt haben, vollständig central in dieser Landstrecke liegt, die ziemlich genau von den Jahresisothermen +6° C. abgegrenzt wird. Wie wir früher gesehen haben, ist es nicht unmöglich, daß die Völker hier zuerst bei ihrer Verbreitung über die Erde auf Naturverhältnisse stießen, welche Mittel, um über die Schneeflächen zu gelangen, erforderlich machten.
Der entsprechende Strich in Nordamerika hat keine Schneeschuhe hervorgebracht. Dies sekundäre Entwickelungscentrum hat dagegen einen selbständigen Typus geschaffen oder vielmehr aus unvollständigeren aus der alten Welt stammenden Urformen entwickelt — nämlich den indianischen oder kanadischen Schneeschuh, der mit seinen eleganten, harmonischen Formen von vielen, wenngleich irrthümlich, unserem Schneeschuh (Ski) völlig gleichgestellt, ja sogar demselben oft vorgezogen wird.
Man wird wenig Aussicht auf Erfolg haben, wenn man nach Formen, welche den Urtypen des Ski oder Schneeschuhes gleichen, in den Gegenden sucht, wo diese entwickelt sind. Gleich dem Naturforscher muß man sich, um dergleichen Formen zu finden, weit lieber den isolirten Gebieten zuwenden. Wir müssen uns auf Gebirgszüge begeben, die außerhalb des Schneeschuhstriches liegen, die aber bis an die Temperaturgrenze des Schneeschuhes reichen. Hier finden wir verschiedene Arten von Trugern.
In der alten Welt kennt man diese Truger aus Tibet, aus Armenien, dem Kaukasus und verschiedenen Orten in Europa, und innerhalb des Schneeschuhstriches findet man diese primitive Form neben dem Ski u. a. in Skandinavien und bei den Tschukschenen und Ainos (siehe Seite 96).
Schon in der klassischen Litteratur werden primitive Formen von Trugern erwähnt. Im Jahre 400 v. Chr. lernte Xenophon (wie bereits in der Anmerkung S. 42 erwähnt), von den Eingeborenen in den armenischen Bergen, Säcke (σακιά) über die Beine der Pferde zu binden, „da diese sonst bis an den Bauch versanken“. Der Schnee lag klaftertief (Anabasis IV., 5). — Strabo erzählt ungefähr i. J. 20 v. Chr. (XI., 5), daß „die Bergbewohner am südlichen Abhang des Kaukasus sich Platten (πλατεῖα) gleich Tamburins von ungegerbtem Ochsenfell mit Nägeln versehen unter die Füße binden“. Das sollen sie auch noch jetzt thun. In Armenien werden (nach demselben Schriftsteller), auch „runde Scheiben (τροχίσκοι) von Holz mit Nägeln verwendet“. Nach Suidas soll Arrianos (ungefähr i. J. 140 n. Chr.) in einem jetzt verlorenen Werk erzählt haben, „daß Brutios während eines Marsches in den Bergen (Armenien?), wo der Schnee 17 Fuß tief lag, den Bewohnern der Gegend, die an einen Verkehr während des Winters gewöhnt waren, befahl, vor dem Heere herzugehen. Da banden sie runde Geräthe von Weiden (κύκλοι ἐκ λύγων) unter die Füße.“
In diesen Schilderungen von antiken Trugern haben wir bereits Andeutungen, die uns auf den Weg zu der Entwickelungsgeschichte der Schneeschuhe (Ski) führen können.
Es handelt sich darum, daß man sich oben auf dem Schnee hält, indem man die Sohle, mit der man auftritt, vergrößert. Das Umbinden der Beine mit Säcken wurde wohl, falls diese Stelle bei Xenophon richtig ist, jedenfalls doch nur bei Thieren angewendet; die Tungusen und andere Polarvölker pflegen das bei ihren Schlittenhunden zu thun, um sie gegen Verletzungen durch den harten Schnee zu schützen. Am nächsten scheint es zu liegen, daß man sich hölzerne Scheiben unter die Füße bindet. Um den Gang zu erleichtern, werden diese dann länglich gemacht.
Von dieser länglichen Form kann die Entwickelung zwei Richtungen einschlagen. Entweder geht man von der ganz aus Holz bestehenden Platte zu dem leichteren Weidengeflecht über, so wie Arrianos es schildert — und damit haben wir gleich die norwegischen Truger und wahrscheinlich den Ausgangspunkt, von welchem die Truger in ihrer Allgemeinheit sich entwickelt haben, wahrscheinlich auch die indianischen, wenn nicht ähnliche Einrichtungen selbständig für sich an verschiedenen Gegenden der Erde erfunden sind — oder — und das lag nahe in einer Zeit, in der man Thierhäute weit häufiger verwandte als heute, — man überzog die Platten mit Leder, um sie stärker zu machen. Dies mag dann zuweilen ungegerbte Ochsenhaut mit Eisnägeln gewesen sein, wie Strabo es aus dem Kaukasus berichtet; denn auf steilen Felsabhängen kam es sehr darauf an, daß man nicht ausglitt. Bei weniger steilen Abhängen und auf der Ebene hat es sich dann bald herausgestellt, daß es weit vortheilhafter war, die Truger zum Gleiten einzurichten; da lag es denn sehr nahe, sie von unterwärts mit Fell zu bekleiden, an dem die Haare noch festsaßen und, indem sie sich umlegten, eine Gleitfläche bildeten. Man liest oft in Reisebeschreibungen, daß die Naturvölker sich der Thierfelle bedienen, um bergab zu fahren. Strabo berichtet dies aus dem Kaukasus. Die Indianer pflegen z. B. Fell unter ihre Truger zu legen, wenn es bergab geht. Die Bezeichnung, welche die Eskimos für Schneeschuhe (Ski) haben, bedeutet wörtlich „Fell zum Gleiten“ (nach Kleinschmidt). Ihre Ski sind fast immer mit Fell bekleidet.
Aber von dem Augenblick an, wo die Bewegung ins Gleiten übergeht, haben sich die Truger zu Ski entwickelt.
Um eine Stütze für die Annahme dieser Entwickelungsweise der Ski zu erhalten, müssen wir untersuchen, ob es möglicherweise noch Skiformen giebt, die durch ihre größere Breite und verhältnißmäßig geringe Länge an die Trugerform erinnern.
Wenden wir uns ostwärts nach Sibirien, so werden, wie Kapitän A. Jakobsen mittheilt, die Skiformen immer kürzer und breiter. Ganz im Osten, bei den Golden und Giljaken, sind sie nur 1,40-1,60 m lang und 16 cm breit.[22] Das Verhältniß zwischen der Länge und der Breite ist folglich 9 : 1. Der Sprung bis zu langen, fellbekleideten Trugern ist durchaus nicht groß, jedenfalls nicht größer als zum Beispiel bis zu Drontheimschen oder Österdalschen Ski mit einem Verhältniß bis zu 30 : 1.
Einen deutlichen Eindruck, wie klein der Sprung vom Truger bis zum Ski sein kann, erhält man, wenn man die Zeichnungen betrachtet, die Nordenskjöld in seiner Beschreibung der Vegareise (B. II., S. 106) von einem Truge und einem Ski der Tschukschen giebt. Der Uebergang in der Form von dem einen bis zum anderen ist nicht groß; man mache den Truge ganz von Holz und beziehe ihn mit Fell, und man hat einen Ski.
Geht man nach der amerikanischen Seite der Behringsstraße hinüber, so findet man auch bei den Alaschka-Indianern lange, schmale Truger, ähnlich denen der Tschukschen, die auffallend an die kurzen, kleinen Ski erinnern, die man bei vielen ostsibirischen Völkern findet. Ski findet man dagegen nicht bei den amerikanischen Völkern, falls sie nicht später eingeführt worden sind.
Wie dies Schmalerwerden und dies Verlängern nach der Skiform zu im westlichen Amerika zu erklären ist, und ob es irgend einer indirekten Verbindung mit den Ski oder einer Beeinflussung derselben zuzuschreiben ist, darüber wage ich mich im Augenblick nicht auszusprechen.
Im westlichen Sibirien gleichen die Ski in ihrer Form mehr den gewöhnlichen europäischen Ski. Im „Museum für Völkerkunde“ in Berlin hat man ein Paar Samojeden-Ski (mit Seehundsfell bezogen), die nach einer von Kapitän A. Jakobsen vorgenommenen Messung 2,20 m lang und 15 cm breit sind.[23]
Die älteste zuverlässige Zeichnung[24] von norwegischen Ski, die wir besitzen, ist die von Stephanus in seiner Ausgabe des Saxo i. J. 1644. Diese Zeichnung, von der ich hier eine Kopie wiedergebe, ist äußerst interessant, weil sie in hohem Grade an die Abbildungen erinnert, die wir von tungusischen und ostsibirischen Ski haben. Sie stellt möglicherweise eine jetzt verschwundene Skiform dar, die der ursprünglichen bedeutend näher gestanden hat als die jetzige. Zuweilen kann man sogar jetzt noch, besonders in den entlegneren Gegenden Norwegens, eigenthümliche und scheinbar veraltete Formen antreffen.