Zunächst in der konsequenten Durchführung des Hufeisenbogens, sodann in der Holzmäßigkeit aller Gesimse und der höchst eigenartigen Behandlung der Stützen; schließlich noch in der Durchführung einer reichen Ausschmückung in Stuck.
Es bietet übrigens die Kirche einen in ihrer Art bedeutenden Eindruck und eine räumlich vortrefflich wirkende Abstufung (Abb. 161); der zentrale Innenraum ist ein überraschend schöner und weihevoller, ausgezeichnet in den Verhältnissen und der Durchführung; und wenn ein großer Teil des Schmuckes, vor allem der Stuckteile, leider erneuert ist, so ist die Wirkung des Ganzen unzweifelhaft doch noch ungefähr die alte (Abb. 162). Reste der originalen Stukkaturen sind im Museum zu Orleans aufbewahrt und gestatten einigermaßen eine Würdigung der ursprünglichen Behandlung.
Was uns im Innern besonders auffällt, ist die außerordentlich selbständige Behandlung des Details, das in vieler Hinsicht sich der spanischen Art nähert, von der antikisierenden der karolingischen Zeit sich aber ebensosehr entfernt.
Die vier Bögen, von denen der Mittelturm getragen wird, ebenfalls hufeisenförmig, ruhen auf Kämpfern, die nur nach der Bogenseite vorspringen, ebenso wie die acht Bögen, die die Wände mit den vier Pfeilern verbinden. Das ist eine besondere Eigentümlichkeit jener Zeit, auch meist der karolingischen Bauweise, vielleicht dadurch veranlaßt, daß diese Gesimse dazu dienten, die hölzernen Lehrbögen für die Einwölbung der Bögen zu tragen. Die Kämpfer (Abb. 54) sind ganz charakteristisch germanisch; auf dichten Reihen kleiner Klötzchen oder Konsolchen ruhend haben sie an ihrer Vorderfläche Flechtwerk oder eine Nachahmung kleiner gedrehter vertieft eingelassener Baluster, also richtiger Drechslerarbeit. Das erscheint auch in der gleichzeitigen angelsächsischen Baukunst. An den Außenwänden sind die Kämpfer einfach profilierte Klötze von der Breite der Bögen und ruhen auf vorgestellten freien Säulen. Dies erinnert lebhaft an das Bogenauflager in S. Miguel de Lino (Abb. 126). Im Chorbogen stehen an dieser Stelle je zwei viel kleinere Säulchen. Die vier Tonnengewölbe der Arme öffnen sich oberhalb der mittleren Bögen mit einer kleinen dreiteiligen Arkade auf je zwei Säulchen nach dem Mittelraum zu, dorther Licht empfangend. Diese Arkade erinnert lebhaft an die späteren romanischen; die Säulen tragen hier auch den schweren sattelholzartigen Stein als verbreitertes Auflager für die tiefen Bögen, dessen Profilierung wieder eine völlig holzmäßige ist. Die Gruppe ist von einem Wandblendbogen auf Pfeilerecken eingefaßt, im Stockwerk darüber befindet sich ein Rundbogenfenster auf jeder Seite.
Das Innere der Chorapsis zeigt unten zwei Nischen, sowie neuerdings drei Fenster. Die Nischen dürften sich wiederholt haben, auch die anderen Apsiden werden ursprünglich fensterlos gewesen sein. Über den Fenstern der Altarnische läuft eine vorgesetzte Zwerggalerie auf kleinen Säulchen.
Alle Säulen zeigen ohne Ausnahme höchst besondere Kapitellbildung, die nur ausnahmsweise entfernt an die korinthische erinnert: Blätter an den vier Ecken, kleine Ranken, meist aber Rippungen und Riefungen der Flächen, schräg oder gerade; kurz eine wieder völlig holzmäßige Behandlung, der der gleichzeitigen Kapitelle von S. Tirso in Oviedo und Adriano zu Tuñon verwandt (Abb. 163). Die Basen meist mehr als Ringelung aufgefaßt.
Oberhalb der vier Apsidenbögen befinden sich noch Fenster, rundbogig, nur das östliche rechteckig, zur weiteren Beleuchtung des Schiffes dienend. Andere scheinen ursprünglich gefehlt zu haben, was der inneren Lichtwirkung sicher bedeutend zustatten kam.
Eine einst vorhandene alte Tür nach Norden ist leider verschwunden; eine Aufnahme von Bouet 1867 gibt uns aber davon eine Vorstellung; ihre Umrahmung bestand aus drei ganz holzmäßig profilierten Steinbalken, von denen der Sturz schräg in Dachform geschnitten war.
Was aber die Kirche einst besonders zierte und ihr den höchsten Glanz gab, wovon auch noch erhebliche Reste vorhanden sind, das war ihre reiche dekorative Ausstattung, die durch einen Brand gegen Ende des 9. Jahrhunderts, wohl von den Normannen angelegt, zuerst stark beschädigt wurde. Ein alter Chronist erzählt:
„Hier erbaute Abt und Bischof Theodulf eine Kirche so wunderbarer Arbeit, daß in ganz Neustrien kein Werk gefunden wurde, das diesem ehe es verbrannt wurde, verglichen werden durfte. Denn die ganze Basilika in Bogenwerk (= Wölbung) errichtend, verschönerte er ihr Inneres mit Blumenschmuck aus Gips und Mosaiken und ihr Pflaster mit marmornem Bildwerk, daß die Augen der Schauenden sich an solch schönem Anblick kaum ersättigen konnten.“
In der Tat sind hiervon immer noch bemerkenswerte Spuren vorhanden; bei der Herstellung der Kirche ist der Stuck meistens, manchmal willkürlich, erneuert, doch gibt die Herstellung wenigstens in der Hauptsache ungefähr den alten Zustand wieder.
Zunächst sind die oberen Fenster des Mittelturmes mit Halbsäulchen und einer reichen Archivolte in Stuck eingefaßt, die aus einem Tauband mit ringsum laufenden Ornamenten besteht (s. Abb. 65). Das Gesims, auf dem diese Halbsäulen ruhten, fehlt heute. Das Einzelne ist in der Behandlung oft kerbschnittmäßig. Die kleinen dreifachen Arkaden darunter mögen solchen Zierat ebenfalls besessen haben, denn ihre Bögen sind nur verputzt gewesen. Das viereckige Ostfenster über dem Chorbogen hatte ebenfalls eine mehrfach geknickte Stuckbekrönung; vor allem aber ist die Chorapsis reich geschmückt. Die unteren Nischen sind mit langgestrecktem noch originalem Blattwerk gefüllt, Bögen, Gesimse und Zwickel bis zur Wölbung ornamentiert. Reste in Orleans erweisen, daß alles dies der alten Dekoration nachgebildet ist. Unter dem Putz hat man bei der Herstellung dann jene obere Zwergsäulengalerie aufgefunden, deren Bogenflächen mit den Resten ornamentaler Mosaiken — aufstrebende Ranken — gefüllt sind; das Gewölbe aber ist mit einem ganzen Mosaikbild bedeckt.
Dieses früher bereits erwähnte Gemälde ist für uns von außerordentlicher Bedeutung: das einzige seiner Art aus karolingischer Zeit in germanischen Landen. Sicher nahe verwandt mit den einst in Aachen vorhanden gewesenen (Abb. 164, Tafel XLIV).
Das Bild ist ernst und tieffarbig von bedeutender Wirkung und stellt zwei große Engel dar, die von oben die mittenstehende Bundeslade schützen, auf welche eine mitten sich herabsenkende Hand deutet, und auf der noch zwei ganz kleine Engel stehen. Das Ganze von hervorragender Schönheit, gewiß von einem Künstler aus dem Osten ausgeführt. Doch in manchen Kleinigkeiten dem nordischen Geschmacke entsprechend gebildet, vor allem in der an tiefen roten und blauen Tönen, wie Schwarz und Gold reichen Färbung, die stark abweicht, z. B. von der ravennatischen. Auch hie und da, so in der bezeichnenden Verflechtung der Flügelspitzen, direkt germanische Motive zeigend.
Es ist mit einer schönen Bordüre eingefaßt, die Rauten und Sterne aufgereiht enthält; unten ein lateinisches Distichon, das auf die Bedeutung des Bildes hinweist und für den Erbauer Theodulf bittet.
Von diesem Bilde abgesehen haben wir im Formalen des Steinwerkes der Kirche überall Anklänge an die spanisch-westgotische Auffassung zu bemerken, während die Stukkaturen wieder in vielem an die des Oratoriums der Peltrudis in Cividale und an die zu Disentis anknüpfen; kurz, einen im wesentlichen auf der Höhe der damaligen Architekturentwicklung bei den Germanen stehenden Bau. Das wird uns weniger wunder nehmen, wenn wir uns erinnern, daß Bischof Theodulf, der Erbauer, ein Westgote aus Septimanien war, den Karl der Große wegen seiner bedeutenden geistigen Eigenschaften nach Frankreich zog. So war er offenbar auch der Träger der südlichen germanischen Kultur, im Gegensatz zu anderen Helfern Karls, die die italienisch-romanische nach Norden verpflanzten.
Die Baukunst Karls des Großen schließt sich zeitlich direkt an die bisher behandelte der Merowinger an; doch im Geiste bald weit von ihr abweichend und nur selten mehr ans eigentliche Germanische anknüpfend. Auch ist sie anderweitig hinreichend behandelt und bekannt genug; es liegt denn keine Veranlassung vor, sie noch in den engeren Rahmen unserer Darstellung zu ziehen.
Indessen ist es doch angezeigt, hier wenigstens noch einen kurzen Überblick über die unter Karl und in der unmittelbar folgenden Zeit entstandenen Bauwerke zu geben, um so wenigstens die Anfänge der Steinbaukunst in Deutschland nicht ganz zu übergehen, da unser Vaterland sonst überhaupt nicht zur Erscheinung gelangen würde; da immerhin aber auch die Grenzen zwischen der alten Kunst und der karolingischen sich nirgends völlig scharf ziehen lassen; ferner sind einige Denkmäler selbst noch späterer Zeit dem Geiste nach in die vorkarolingische Periode zu rechnen. Anderseits bewahrt die karolingische Kunst manche Einzelheiten, welche noch zu unserem Gebiete gehören.
Es gilt heute allgemein als feststehend, daß Karl der Große, ein großer und nachdrücklicher Förderer der Kunst, insbesondere der Baukunst, sein Streben doch im wesentlichen darauf richtete und wohl auch richten mußte, das im Süden, in Italien, Geleistete seinem Volke zugänglich zu machen. Es handelte sich in der Tat bei ihm ausschließlich um reinen Import italienischer Kunst; jede Erkenntnis dessen, daß auch den Germanen bereits beschieden war, Bedeutsames zu leisten, mußte ihm fehlen. Seine besondere Bewunderung für Theoderichs des Großen Leistungen auf diesem Felde kann sich also wohl nur auf die Pflege und Fortführung der älteren italienischen Kunst durch diesen König bezogen haben.
Merkwürdig ist dabei, daß des großen Kaisers Bauliebe sich so gut als völlig auf das deutsche Land beschränkte, vielleicht weil er da noch alles, in Frankreich aber nichts mehr zu tun fand. Um Trier, dessen wir oben gedachten, scheint er sich nicht gekümmert zu haben; es erstreckt sich seine fördernde und schaffende Tätigkeit zunächst auf Aachen, dann aber auf den Rheingau und auf die westdeutschen Gebiete.
In Aachen fand er die bereits zur Merowingerzeit bestehende Pfalz vor, die er, wie aus dem Berichte der Zeitgenossen hervorgeht, verschönerte und erweiterte, vor allem aber mit einem weiten Palastbezirk umgab, dessen künstlerischen Höhepunkt seine Pfalzkapelle, die basilica Stae. Mariae, bildete; hier völlig dem folgend, was er im Süden gesehen und schätzen gelernt hatte. Behielt der Saal die Gestalt der alten germanischen Königshallen bei, so verpflanzte Karl in dem Zentralbau seines Münsters eine im Süden und Osten schon gepflegte Idee und Grundform nach Norden. Es erübrigt sich über das Einzelne des Baus hier zu sprechen, gewiß ist, daß wir dessen Vorbilder nicht allein in S. Vitale zu Ravenna und der Rotonda zu Brescia, sondern noch mehr in der Levante zu finden haben. Die künstlerische Ausstattung der Kirche ist durchweg aus der Fremde, vermutlich gänzlich aus Ravenna hierher gebracht; die zahlreichen Säulen stammen aus Theoderichs Palast, wie denn die wenigen noch originalen Kapitelle genau mit solchen aus ostgotischer Zeit in Ravenna übereinstimmen. Der Bronzeschmuck ohne Zweifel ebendaher. Ich habe beim Theoderichdenkmal darauf hingewiesen, daß die Aachener Gitter die Längenmaße der Seiten des letzteren besitzen und unverkennbar ravennatischem Stil folgen. Die bronzene Bärin, der Pinienzapfen und so manches andere selbst jüngerer Zeit sind aus der Fremde hierher gebracht; die Mosaiken und Marmortäfelungen, das opus sectile des Fußbodens ebenfalls von Theoderichs Palast. Nur der Mosaikschmuck der Gewölbe muß neu entstanden sein und lag gewiß in gleichen (byzantinischen) Händen, wie der noch erhaltene von Germigny-des-Prés von 806.
Doch ist ein Neues für uns hier zu beachten: die Abstützung der mittleren Kuppel im oberen achteckigen Umgange durch auf ihre acht Seiten stoßende Tonnengewölbe, sogar mit Ausnahme des östlichen und westlichen Feldes ansteigende (Abb. 165); eine neue Tat auf dem von den Germanen so gepflegten Gebiet der Kombination der Tonnengewölbe zu durchgebildetem und kompliziertem System, wofür wir die Beweise seither so oft gefunden haben.
Ein Weiteres fällt uns hier auf: die Westvorhalle zwischen zwei runden Treppentürmen. Dieses bauliche Motiv scheint nur germanischen Kirchen eigen zu sein und kehrt um jene und die kurz darauf folgende Zeit in Deutschland bis gegen das Jahr 1000 hin oft wieder. So in Köln an S. Pantaleon, in Bonn, in Münstermaifeld, in Gernrode, in Möllenbeck, in Großenlinden (bei Gießen), wie wir es bereits an der langobardischen Kirche S. Lorenzo zu Verona antrafen, wie ja auch der Rundturm überhaupt, der in Ravenna zuerst auftritt, ein germanischer Kunstgedanke zu sein scheint, der an dem deutschesten aller romanischen Dome, dem zu Worms, seine feinste Höhe erreicht.
Nicht minder ist es nötig, darauf hinzuweisen, daß in den ältesten nordischen Steinkirchen ungemein oft Emporen erscheinen, mehr als sonst irgendwo. Aus welchen Gründen ist noch nicht völlig klar.
Die edle Basilika auf Säulen mit glattblättrigen korinthischen Kapitellen und gerieftem Kämpferaufsatz zu Höchst am Main sei ebenfalls erwähnt. Nicht minder die von Einhard erbauten zwei Pfeilerbasiliken zu Steinbach und Seligenstadt, die Peterskapelle zu Helmstedt, dazu die Kaiserpfalz zu Nieder-Ingelheim. Hier überall finden wir zwar jenen klassizistischen oder antiken Zug, der Karls Kunst den Namen einer ersten Renaissance verschafft hat; wie aber bereits oben dargelegt, ist er in noch weit höherem Maße und feinerer wie energischerer Ausprägung schon der letzten Zeit seiner Vorgänger eigen, und handelt es sich bei Karl d. Gr., wie es scheint, doch viel mehr um Übertragung der gleichzeitigen nicht der älteren italienischen (oder östlichen) Baukunst nach dem Norden; stehen also seine Bauwerke durchaus auf der Linie seiner eigenen Zeit. Auch der letzte Rest der Pfalz zu Ingelheim, der Saal, zeigt uns eine richtige Übertragung der römischen Basilika, etwa wie Theoderich in Ravenna etwas Ähnliches in der Herkulesbasilika als Börse für die Kaufleute geschaffen hatte, mit schmalen Säulenhallen an der Seite und großer Apsis für den Herrschersitz am Südende. Dieser Saal erweist deutlich, daß sich Karl, wo er ganz neu baute, von der germanischen Sitte auch in der Anlage des Königsaals entfernte und fremdländischer zuneigte.
Dagegen finden wir aus Ingelheim im Mainzer Museum noch einige bildhauerische Reste, die uns wieder in bekannte Gebiete führen; eine Reliefplatte mit einem säugenden Flügelpferd, in Technik und Behandlung so nahestehend dem Relief aus S. Miguel de Lino in Oviedo, daß wir an eine direkte Verbindung dieser übrigens wohl gleichzeitigen Kunst denken müssen (Abb. 166).
Zwei Pfeilerkapitelle aus Ingelheim weisen ebenfalls auf eigene künstlerische Auffassung hin; sie gehören zu Pfeilern von eigentümlichem Grundriß mit Halbsäulen besetzt, die von einem achteckigen Zentralbau herrühren müssen (s. Abb. 49). Vielleicht Reste der alten Pfalzkapelle; die jetzige Remigiuskirche geht ja nur auf Otto I. und Barbarossa zurück. Da nicht nur Aachen, sondern auch Nymwegen, ja zuletzt noch Goslar eine achteckige Pfalzkapelle besitzen, so hätte es nichts Unwahrscheinliches, daß auch Ingelheim eine solche umschlossen hätte.
Diese Kapitelle weisen außerdem auf einen denkenden nordischen Künstler hin; in der Behandlung denen in Lorsch teilweise verwandt haben sie ganz eigenartige Blattzerspaltungen und eine germanischer Art nahestehende Parallelstellung der Blattrippen und ähnlicher Einzelheiten, die vermuten lassen, daß wir hier doch Werke germanischer Kunst sehen. Wie ja jenes Relief auch gleiches besagt.
Daran schließen sich auf das nächste einige Steinreste an alten Kirchen meist des Rheingaues, wohl alle von Türen herrührend, die bestimmt als im Lande entstanden betrachtet werden müssen. Das sind besonders die drei Türstürze zu Engelstadt, Pfeddersheim und Pfaffenhofen. Der erste lehnt sich in Art der Zeichnung ganz merkwürdig an die westgotisch-spanischen in Toledo und Merida an (s. Abb. 56); die beiden anderen mehr an langobardische Art, worauf auch die dachförmige Gestalt der Steine deutet. Überall aber finden wir die in den glatten Balken einfach auf Grund gesetzten Tiergestalten, die uns die so ähnlichen Arbeiten in Oberitalien ins Gedächtnis rufen. Verwandte Tierdarstellungen, sicher einst als Schmuck von Portalwänden einfach in diese eingesetzt, haben wir auch noch aus Ladenburg bei Mannheim; Ähnliches findet sich vereinzelt in ganz Deutschland, selbst bis nach Holstein hin.
Konnten wir hier auch in der durch Karl der neuen Zeit erschlossenen Gegend noch vereinzelte Regungen der altgermanischen Kunstweise feststellen, so ist aus noch späterer Zeit mehreres zu erwähnen, was wir als die letzten deutlich sich aussprechenden Ausläufer solcher Richtung bezeichnen dürfen.
Das eigenartigste Bauwerk dieser späten dem Geiste nach viel früheren Kunst ist unzweifelhaft die kleine Krypta unter der romanischen Wipertikirche zu Quedlinburg.
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es noch die alte Kapelle der Pfalz der Vorfahren Kaiser Heinrichs I., der Ludolfinger, 929 der Kaiserin Mathilde als Witwengut zugeschrieben; diese machte bereits vor 961 ein Chorherrenstift mit dem Namen der Heiligen Jakobus und Wipertus daraus; zu dieser Zeit oder später wird die alte kleine Pfalzkapelle als Krypta in die neue Stiftskirche eingebaut worden sein (Abb. 167, Tafel XLIV).
Wenn aber gesagt wird, daß wir einen vollständigen Umbau der älteren kleinen ursprünglich flachgedeckten Kirche zur Krypta vor uns hätten, so kann dieser Meinung doch nicht beigetreten werden. Das ganze kleine Gebäude ist so völlig aus einem Gusse, auch von Anfang an ohne Wölbung nicht denkbar, daß es höchstens zweifelhaft sein kann, ob der Bau wirklich schon von den Vorfahren Heinrichs herrührt, die den Königshof an dieser Stelle bereits im 8. Jahrhundert besaßen; oder ob er erst von dem kaiserlichen Enkel erbaut wurde.
Was ihn so außerordentlich interessant macht, ist seine Eigenschaft als eines rein germanischen Steinbauwerkes anfänglichster Art; als des Versuches eines nordischen Baumeisters bei Lösung der Aufgabe den Anforderungen des Stein- und Gewölbebaus zu entsprechen, ohne daß irgendwie eine Nachbildung eines südlichen Vorbildes zu erkennen wäre; vielmehr ist das Ganze in Grundriß und Aufbau durchaus selbständig, entspricht dabei genau den Gesichtspunkten, die wir früher als bei dem Übergange vom Holz- zum Steinwölbebau als maßgebend und wirksam erkannten.
Das Kirchlein ist sehr einfach, von höchst kompaktem Grundriß, dreischiffig; die halbrunde Apsis mit Nischengewölbe ist von einem tonnengewölbten Umgange umgeben, der sich in den Schiffen zu seiten des ebenfalls tonnengewölbten Mittelschiffes fortsetzt. Das Schiff hat nur zwei Joche, die durch Gurtbögen in den Tonnen kenntlich gemacht sind (Abb. 168, Tafel XLIV). Die Stützen bestehen aus je zwei kräftigen rechteckigen Steinpfeilern, zwischen die Säulen gestellt sind, zusammen einen Architravbalken tragend, auf dem das Gewölbe ruht. Ganz holzmäßig; der Balken zieht auch um die Chornische herum, dort auf einem rechteckigen Pfeiler und je zwei kleineren Säulen liegend (Abb. 169, Tafel XLV). In der engen Apsis der Altar; der Chorumgang von sieben rechteckigen Nischen umgeben (die mittelste ist heute zur Türe ausgebrochen). In den Schiffswänden sind je zwei tiefsitzende Fenster. In der Westwand waren drei Türen.
Die Höhenlage und das bedeutende Emporragen in die Kirche beweist, daß diese „Krypta“ anfänglich über der Erde lag, wie man selbst noch jetzt ziemlich gleichen Fußes hineintritt.
Der Formalismus ist der einfachste. Der Architravbalken ist unten von zwei Rundstäben mit Plättchen eingefaßt; die Säulen der Chornische haben Kapitelle, die nur ganz roh aus dem Rund ins Viereck übergehen, attische Basen und verjüngte Schäfte; der östlichste rechteckige Pfeiler trägt ein mühsam jonisierendes Kapitell.
Die Südseite des Architravs nach dem Seitenschiff, einst die bestbeleuchtete Stelle, heute dunkel, ziert ein Flechtband mit Kreuz am Ende, einem langobardischen Friesstück in Aquileja des 8. Jahrhunderts stark ähnlich (Abb. 170, Tafel XLV). Die östlichen Säulenkapitelle entsprechen in der Form genau den gleichaltrigen des 9. Jahrhunderts in der Michaeliskirche zu Fulda.
Die vier Schiffssäulen aber, das wichtigste für uns, bilden eine besonders eigenartige und echt germanische Klasse der Stützen (Abb. 51); sie haben sogenannte Pilzkapitelle, die offenbar auf der Drehbank nach Muster eines hölzernen Stützenkopfes nebst den Schäften gedreht sind, eine Form, die nichts mit der klassischen oder südlichen Kunst zu tun hat, sondern nur aus dem Holzbau zu verstehen ist, die denn auch von jeher diese Auffassung gefunden hat. Oben ein nach unten hängender Rundstab, darunter eine Hohlkehle mit Stäbchen und Plättchen.
Wir sehen hier also einen ersten Versuch im nordischen Lande, einen kirchlichen Bau ganz zu wölben, ihn aber sonst möglichst in altgewohnter Weise zu gestalten. Die Stützen um Schiff und Chor sind sicher einfache Nachbildung von solchen an Lauben hölzerner Gebäude; freilich schleicht sich an einzelnen Stellen doch eine südliche Reminiszenz ein: an dem jonischen Ostpfeiler, den attischen Basen und dem Ornament auf dem Architrav, beweisend, daß der Künstler des Baus direkt oder indirekt doch etwas von jener fernen Kunst in Erfahrung gebracht hatte, immerhin ohne sich in einer wesentlichen Richtung von ihr beeinflussen zu lassen.
Die außerordentliche Niedrigkeit und Kleinheit des Gebäudes (lichte Gewölbehöhe 2,70 m, Länge 7,20, Breite 3,80) entspricht den stets winzigen Maßen der Kapellen jener Zeit, wie die Peterskapelle zu Helmstedt ja auch ähnlich geringe Maße hat. Die Anlage des Umgangs um die Apsis ist sehr merkwürdig und vereinzelt dastehend. Doch vielleicht in manchen Eigentümlichkeiten der Zeit begründet. So hatte jene Kapelle zu Helmstedt ursprünglich auf allen Seiten offene Bögen, auch hinter dem Altar, so daß die Gläubigen ringsum im Freien dem Gottesdienst in der winzigen Kapelle anzuwohnen vermochten; durchbrochene Apsiden waren in der frühen christlichen Zeit nicht ganz unbekannt, auch in germanischen Ländern; mit Säulenumgang, wie hier, vor allem bei dem weitberühmten Dom von St. Martin in Tours, an den vielleicht unser Kirchlein eine Erinnerung bilden soll. Ganz offene Umgänge ähnlicher Art (man vergleiche S. Lorenzo in Mailand) sind ebenfalls nichts Neues.
Hierzu mag die Art des mit schwerer Platte bedeckten Altars, der fast die ganze innere Apsis ausfüllt, Veranlassung gegeben haben. Auf seiner Vorderseite bemerken wir unten eine (vermauerte) Öffnung, die nur als einstige Transenna — Durchblick in einen noch tiefer liegenden Raum, der eine Reliquie enthielt — erklärt werden kann; also die Andeutung einer Krypta mit besonderern Heiligtum, die ein Umwandeln des Altars in Prozession wünschenswert erscheinen ließ.
Daher kann unsere Kirche nicht wohl von Anfang an bereits selber Krypta gewesen sein.
Die ganze nationale Eigentümlichkeit unseres Bauwerks stellt es vor die karolingischen Bauwerke, denen es freilich zeitlich folgt. Nicht minder ist es bedeutsam, daß auch hier wieder ausschließlich das Tonnengewölbe auftritt, wie an allen ersten Wölbversuchen der Germanen.
Oben auf dem Berge hat Heinrich dann im Bereiche geschützter Mauern seine Schloß- und Grabkirche errichtet, in der er († 936) auch bestattet wurde. Von ihr scheint nichts mehr übrig, als zwei Säulen, die im westlichen Joche der heutigen Krypta der darüber seit Ende des 10. Jahrhunderts errichteten Schloßkirche die Seitenschiffe abtrennen, ganz gleichend denen in der eben besprochenen Wipertikirche. Diese Säulen stehen ebenfalls zwischen zwei schweren rechteckigen Pfeilern, während die übrige jüngere Krypta von lauter freistehenden Säulen getragen wird und mit Kreuzgewölben bedeckt ist.
Dies hat den Gedanken nahegelegt, daß auch diese Pfeiler noch ursprünglich seien, und daß Heinrichs obere Schloßkirche eine vergrößerte Nachbildung der Wipertikapelle gewesen wäre. Das ist möglich; jedenfalls war sie jüngeren Datums, und die Frage bleibt offen, ob ihre Säulen mit Pilzkapitellen eine spätere Nachahmung der in der Wipertikrypta gewesen sein mögen, oder ob beide Kirchen von Heinrich selbst errichtet sind. Auch in diesem Falle müssen wir einen längeren Zeitraum zwischen ihnen annehmen, da der König erst in späteren Lebensjahren zum Städtegründer — auch Quedlinburgs — wurde und seine Residenz damals von seinem Erbgute auf das obere Schloß verlegte.
Leider ist auch von diesem allen sonst jede Spur verschwunden; dagegen ist die erste Krypta seiner Schloßkirche neben seinem Grabe neuerdings wieder ausgegraben worden und zeigt uns die merkwürdigste Gestalt. Es ist ein heute (immer?) oben offener Raum von verlängerter Halbkreisform, der auf der Westseite Öffnungen gegen die tief gelegenen Grabkammern des Kaiserpaares besitzt, und in dem die Kaiserin Mathilde bis zu ihrem Tode († 968) am Grabe ihres Gatten zu beten pflegte. Diese Anordnung verlangt natürlich oben einen Umgang, wie ihn die Wipertikirche besitzt, wodurch die Ähnlichkeit der oberen Kirche mit der unteren noch wahrscheinlicher wird.
Die um etwa 2 m vertiefte durch eine schmale Treppe zugängliche Krypta beherbergt nun an ihren Wänden die Reste der ältesten bekannten Stukkaturen auf deutschem Boden, wohl über Frankreich oder die Schweiz aus dem Süden gekommen; eine Gliederung der Wände durch flache Nischen, die durch Halbsäulchen und kandelaberartige Streifen und Archivolten getrennt und eingefaßt werden (der obere Teil war leider zerstört [s. Abb. 65]). Ihrer Art nach können wir diese als eine Fortsetzung der Stuckarbeiten betrachten, wie sie in Germigny-des-Prés vorkommen. Jedenfalls ist die Stucktechnik seit jener Zeit bei den germanischen Völkern (besonders in Deutschland) nicht mehr erloschen und in der Folge gerade in der Harzgegend weiter gepflegt und entwickelt (Gernrode, Goslar, Hildesheim, Drübeck, Halberstadt).
Einen Blick auf ein noch etwas jüngeres Bauwerk müssen wir hier einschalten, das den ersten Schritt ins beginnende Mittelalter tut, doch noch völlig auf den Schultern des alten Germanentums stehend, auf die eben genannte Stiftskirche zu Gernrode, von Markgraf Gero, Heinrichs kraftvollem Feldherrn, gegen die Wenden 961 erbaut.
Heute eine doppelchörige Kirche hatte sie ursprünglich auf der Westseite eine stattliche Vorhalle zwischen zwei runden Treppentürmen, wie wir das schon früher als germanische Eigentümlichkeit erwähnten, ein sehr kurzes ziemlich quadratisches Schiff, unten je zwei Säulen mit Pfeilern als Stützen wechselnd, darüber die beliebte Empore, die sich durch eine Säulengalerie zum Schiffe öffnet. Die Säulchen (Abb. 52) sind ohne Kapitell, an Stelle dessen nur mit einem derben Kämpfer (vgl. Frankenturm zu Trier) bekrönt.
Der Nordturm hat oben Pilaster, die durch Dreiecke in Dachsparrenstellung verbunden sind, anstatt wie die am Südturm durch Bögen. Ganz wie dies Motiv uns an der Front von Lorsch, auch bereits an frühen merowingischen Bauwerken, oft entgegentrat. Diese uralte Zimmermannsform des Dreiecks kommt in Gernrode mehrfach vor; auch an Stelle von Fensterentlastungsbögen (Abb. 60), selbst als eine Überleitung über den Kapitellen zu den Bögen im Schiff. Im ganzen ist unsere Kirche ein derb-kraftvoller Bau, auch im Detail und Schmuck, insbesondere an den Kapitellen, mehr geschnitzt als gehauen, noch überall voll altgermanischer Urwüchsigkeit.
Von Quedlinburg werden wir noch nach Westen gewiesen, an andere Stätten christlicher Ansiedlung in deutschen Urgauen: nach Westfalen. In Werden und Essen erstanden in der karolingischen und sächsischen Zeit zwei Werke besonderer Eigenart; die Münsterkirche zu Essen und die Peterskirche zu Werden. Beide in ihren noch erhaltenen Teilen ansehnliche Westbauten einstiger großer Kirchen. In Essen ist gegen Ende des 10. Jahrhunderts der berühmte Westteil der Altfridschen Basilika aus dem 9. zugefügt worden, ein merkwürdiger Emporenbau, der sich in zwei Geschossen nach der Kirche zu öffnet, die gewiß auch einst Emporen besaß. Dieser Westteil ist bekanntlich ein halbes Sechseck, mit einer Bogenarchitektur, die offenbar von der des Aachener Münsters inspiriert ist; die karolingische Renaissance feiert auch in den übrigen Teilen des turmartigen Vorbaues eine Auferstehung, und zwar in stark antiker Auffassung.
Das ganze Werk entzieht sich als nicht mehr hierhergehörig hier weiterer Besprechung, ist auch bereits anderweit (Humann) gründlich genug behandelt. Aber wir finden in ihm ein Detail, vielleicht noch vom älteren Bau, das uns interessieren muß. Im oberen Turmstockwerk nämlich zwei Säulen mit Kapitellen, die denen der Wipertikrypta ziemlich genau entsprechen; und zwar sind solche umgekehrte Kapitelle auch als Füße benützt. Hier ist es also naheliegend, daß diese Teile, vielleicht schon dem Altfridschen Bau aus der Mitte des 9. Jahrhunderts entstammend, von neuem verwandt sind; dann wäre hier das erste bekannte Auftreten dieser Form konstatiert. Ähnliche Kapitelle, teilweise ebenfalls als Säulenfüße benützt, finden sich übrigens im Kölner Museum, müssen also in Rheinland-Westfalen öfters vorgekommen sein. Nicht ohne Interesse ist es, daß auch an demselben Bauwerk zu Essen die ältesten Würfelkapitelle vorkommen, die wir kennen, spätestens aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts herrührend, von denen vielleicht gar angenommen werden darf, daß sie ebenfalls von noch älteren Bauteilen entnommen waren. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß das Würfelkapitell durch Ausdrehung einer Kugelform aus einem viereckigen Balken ohne weiteres zu erzielen ist, also die Möglichkeit der Entstehung aus dem Holzbau und der Drechslerei nicht abgewiesen werden kann, wie es oft geschieht.
Ein ferneres Auftreten der Pilzkapitelle ist in Werden an der Ruhr festzustellen, in dem spätkarolingischen Westbau der alten Ludgeribasilika, die ihrerseits einem Neubau des 12.-13. Jahrhunderts Platz gemacht hat. Dieser Westbau ist aber völlig selbständig vorgesetzt und war als Peterskirche fast unabhängig von jener, doch mit ihr räumlich verbunden (Abb. 171). Die Hauptkirche war in der Mitte des 9. Jahrhunderts entstanden, die Peterskirche davor im ersten Drittel des zehnten.
Wie bemerkt, wieder ein freilich sehr mächtiger Westbau der Kirche; eine öfters erwähnte Sonderheit deutscher Kirchen jener Frühzeit.
Und zwar einer, bei dem auch die im Norden so beliebten Emporen rings um einen offenen Mittelraum liefen; also ein Zentralbau, doch ohne Apsis, an deren Stelle die mit Türen versehene Wand nach der Basilika zu trat. Es war dieser Westbau, wie bemerkt, dabei eine selbständige Kirche mit eigenem Patron, zugleich bestimmt für die Ausübung der Sendgerichtsbarkeit. Daher ihre so merkwürdige Form. Ich habe versucht, von dem höchst eigenartigen Bau, der in dieser Art immer noch germanischem Wesen entsprossen zu sein scheint, eine Rekonstruktion nach Effmann zu geben, die die außerordentliche Selbständigkeit und merkwürdige Anlage des Ganzen zeigt, in der nichts Südliches ist (Abb. 172).
Die Emporen des ersten Stockwerkes, durch Treppen in den Ecken zugänglich, haben nun in ihren Bogenfenstern wieder drei Säulchen mit dem Pilzkapitell wie in Quedlinburg, doch etwas schlanker gebildet (Abb. 173). Das vierte ist eine grobe Umbildung des korinthischen, zimmermannsmäßig primitiv. Aber der ganze Raum und seine Einzelarchitektur ist überall kaum karolingisch, vielmehr von älterem Wesen durchdrungen. Selbst die meisten Bögen des Äußeren sind teilweise reine Überkragungen (s. Abb. 58), nur mitten gewölbt.
Auch Reste von Dekorationsmalerei haben sich gefunden, Archivolten mit Ornament und Feldern, im gleichen Stil wie ihn frühe karolingische Miniaturen nordischer Herkunft tragen (Abb. 174).
Die Ludgerikrypta ganz im Osten unter dem Chor der heutigen Kirche ist ebenfalls noch erhalten, ein ringförmiger Gang um die Grabkammer des Heiligen († 816), ganz nach Art der ältesten italienischen angelegt, wohl die älteste in Deutschland; die Ludgeridenkrypta im 10. Jahrhundert nach jüngerer Art hinzugefügt.
Hier muß ich noch einen Westteil einer Kirche aus karolingischer Zeit heranziehen: den von S. Pantaleon in Köln. Auch hier ein sehr stattlicher gewölbter Raum mit Emporen zu beiden Seiten, eine Vorkirche, mehr als eine bloße Vorhalle, selbst mit Apsiden an den Enden der seitlichen Räume. Dieser großartige Vorraum wurde eingefaßt von den zwei Rundtürmen, wie wir sie früher schon so oft fanden, wie sie gerade an deutschen Kirchenbauten aus dem Ende des ersten Jahrtausends gern erscheinen. Das Äußere und Innere von S. Pantaleon, soweit es noch dem ältesten Bau angehört, ist übrigens dem fränkischen Bauwesen nahe verwandt; in eingelegten Tonplatten, mit Ziegeln durchschossenen und eingefaßten Bögen in der Zweifarbigkeit des Steinbaus und der Bögen, auch innen, weiß und rot, spricht noch einmal die alte Freude an der Farbe aus der Merowingerzeit.
Einen besonderen Westbau besaß die Kirche der Abtei zu Korvey, 9. Jahrhunderts, später leider umgebaut. In einfachster Form die Totenkirche bei Büdingen (Hessen), wo westlich scheinbar ein breites Querschiff, doch den Eingang enthaltend, sich vorlagert vor das schmälere Langschiff mit rechteckiger Apside im Osten. In diesem Westbau zieht sogar noch eine sehr alte hölzerne Empore aus Balken ringsum, ganz ursprünglich, da die Steintreppe auf Bögen auf der Nordseite noch zu ihr emporsteigt. Die an der Nordseite des Schiffes durch das Bruchsteingemäuer lang durchziehenden roten Schichten von kleinen Quadern — wenn auch nicht von Ziegeln so doch diese nachahmend — die rote Fensterumrahmung, die beiden kleinen Nischen an der Ostseite, der vorspringende Pfeiler nach dem Schiff zu, das abgeschnittene karolingische Kämpferprofil des Chorbogens sprechen überall für das 9., spätestens 10. Jahrhundert. Wir sehen hier wieder einen ersten Posten des Christentums an einen wichtigen Talausgang des Nordrandes der Wetterau vom Rheingau, wohl von Mainz her, vorgeschoben.
Noch bis vor vierzig Jahren besaß die Kirche auch offenen Dachstuhl; sie ist also trotz ihrer großen Einfachheit eines der charakteristischsten und frühesten kirchlichen Bauwerke Deutschlands.
Wahrscheinlich gehört in dieselbe Kategorie die ganz kleine Kirche zu Goldbach am Bodensee bei Überlingen. Der Grundriß ist sonst der gleiche, nur springt der Westbau — die alte Vorhalle, einst auch durch eine Wand oder wenigstens Pfeiler abgetrennt — nicht vor, sondern etwas zurück. An Kunstformen bietet die Kirche freilich nichts; nur die sehr kleinen alten Rundbogenfensterchen, hoch sitzend und sparsam, wie in Büdingen, haben eine auffallende Form (Abb. 60): sie erweitern sich nach unten, ihre Gewände stehen also schräg, was ihnen eine fast parabolische Umrißlinie gibt.
Diese Fensterform ist freilich dem Kontinent fremd, sie kommt aber an angelsächsischen Kirchen um so öfter vor; und gewiß ist dies höchst merkwürdige Bauglied nicht ohne Bedeutung: wir haben vielleicht hier eine erste Gründung englischer Missionsgeistlicher vor uns, die ja damals eine gewaltige Tätigkeit in Deutschland entfalteten.
Ob es wohl hiermit zusammenhängt, daß der heilige Pirmin, der erste Gründer der klösterlichen Niederlassung auf der nahen Reichenau um 724, ein angelsächsischer Missionsbischof war?
Jedenfalls auch hier ein erstes germanisches Heidenkirchlein an weithin sichtbarer Stelle am Seeufer, nahe bei den berühmten Heidenhöhlen Scheffels.
Das bedeutende Alter der kleinen Kirche erweist sich darin, daß es schon um 850 auf das reichste ausgemalt wurde, früher als die Kirche zu Oberzell auf der Reichenau, jedenfalls von einem dortigen Künstler; diese schöne karolingische Ausmalung gehört leider nicht in den Bereich unserer Darstellung, fußt auch auf nicht nordischem Vorbild, beweist aber, daß die Kirche nach der ersten Ausschmückung sogar noch einmal erhöht, auch die Fenster um etwa 1 m höher gesetzt wurden, natürlich in der alten Form; die ersten wurden zugemauert und übermalt.
Sie beweist aber nicht, daß die kleine Kirche erst damals erbaut wurde. Auch ihr Grundriß entspricht dem alter angelsächsischer Kirchen, z. B. der Kirche zu Escomb, die ein sehr langes Schiff und rechteckige Apsis, noch genauer aber der von Boarhunt, die sogar ähnliche nach oben verjüngte Fenster besitzt.
Die nahegelegenen drei Kirchen auf der Reichenau, teilweise mit gleich prächtiger Ausmalung geschmückt, liegen nicht mehr im Bereiche unserer Aufgabe; gehören auch einer südlichen hierher übertragenen Kunst an.
Ein kleines Bauwerk aus der ersten Zeit der Karolinger müssen wir dagegen als wichtig für die baulichen Bestrebungen der Epoche noch nennen: das Kirchlein St. Michael zu Fulda; einen runden Zentralbau, der unter des Rhabanus Maurus Leitung erbaut (den wir bereits als den ersten Bewohner des grauen Hauses zu Winkel kennen lernten), am 15. Januar 822 geweiht wurde (Abb. 175–177).
Auf dem Friedhofe der Geistlichen nahe bei der alten Bonifatiuskirche gelegen, galt sie wie viele spätere als nach dem Muster des heiligen Grabes erbaut. Sie bestand ursprünglich nur aus einem mittleren Kuppelraume, der von acht Säulen umgeben ist, die die hohe Obermauer tragen, und einem kreisförmigen Umgange (Abb. 176); im Osten eine kleine halbrunde Apsis, im Westen eine rechteckige Vorhalle. Unter dem Tempel eine Krypta, deren Gewölbe mitten auf einer jonischen Säule ruht, ebenfalls von einem ringförmigen Umgange umgeben, der durch ziemlich rohe wieder nach oben verjüngte Türöffnungen mit dem Kryptenraum verbunden ist (Abb. 177). Die mittlere Säule verkörpert symbolisch Christus als Stütze der Kirche. Vier der Kapitelle der Säulen des Mittelraumes (Abb. 178, Tafel XLVI) sind korinthischen und kompositen nachgebildet, in einem Stil, der nach dem Osten weist; die vier anderen haben die ganz rohe und einfache Form der Altarsäulen der Wipertikrypta zu Quedlinburg. In der folgenden Zeit, vielleicht sehr bald, wurde der Umgang mit einer Empore versehen, die sich durch vier Doppelöffnungen auf Mittelsäule mit ausladendem Kämpfer (Abb. 52) gegen den Zentralraum öffnet; wir erhalten jetzt ein Bild, das sich etwas an Germigny-des-Prés wie an Aachen anschließt, doch eine Reihe germanischer Eigentümlichkeiten fortpflanzend.