Zweites Kapitel.
Geburt.

Besondere Sitten und Gebräuche, die während der Schwangerschaft im allgemeinen beobachtet werden, sind mir, abgesehen von einigen Fällen, nicht bekannt geworden. Es ist bei den Schwarzen die Ansicht verbreitet, daß es Frauen gibt, die Kinder erst nach ungewöhnlich langer Zeit, etwa nach 12–16 Monaten zur Welt bringen. Für gewöhnlich rechnen sie mit dem 10. Mondmonat. Scheint sich die Niederkunft zu verzögern, oder liegen sonst schlechte oder gefahrdrohende Anzeichen vor, so wird schleunigst zum Orakel gesandt, um die Ursache erforschen zu lassen. Dieses stellt nun fest, daß die Frau von einem heiligen Hain, einer Schlange, einem Ahnengeist oder auch von einem bösen Zauberer verhext ist. Ein oft näher bezeichneter Arzt muß den Bann brechen. Hier möchte ich gleich erwähnen, daß die Wapare streng zwischen einem Arzt, dem Mganga, und dem bösen Zauberer, dem Msavi, unterscheiden. Später werde ich etwas näher darauf eingehen. Die oben erwähnte Entsühnung nennen die Leute kubažižwa mguva = das Zuckerrohr spalten. Der Medizinmann und einige Frauen begeben sich an einen Fluß oder auf einen Kreuzweg. Dort wird ein weißes Zuckerrohr und eine Papyrusstaude bis auf ein kleines oberes Ende gespalten. Beide Teile werden zusammen aufgestellt und unten auseinandergezogen, daß sich eine Art Tor bildet, welches der Arzt auf der einen und die Frauen auf der andern Seite halten. Durch dieses geweihte Tor muß die Schwangere viermal hindurchgehen, nachdem der Medizinmann auf den rechten Arm weiße Erde und auf den linken, den „schlechten“, Ruß gerieben hat. Die Frau soll „rein“ (weiß) werden, der böse Zauberer „schwarz“ (besiegt). Beim letzten Male darf die Patientin sich nicht mehr umsehen, sondern geht stracks nach Hause. Der Medizinmann reißt nun die Papyrusstaude vollends auseinander, wirft die Teile zu beiden Seiten des Standortes der Frau hin und murmelt seine Beschwörung: „Falls du verzaubert bist, falls ein Ahnengeist oder ein böser Zauberer dir den Leib verschlossen hat, so lassen wir alles Schlechte hier liegen. Jetzt bist du ‚weiß‘ (entsühnt) wie die Kreide auf deinem Arm.“

Nach dieser Zeremonie wird nun die Entbindung nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die Frau sagt bald zu einer Nachbarin oder zu ihrer Mutter: „Navegwa, ich verspüre Wehen.“ Nachdem diese sich überzeugt hat, daß es die Eröffnungswehen sind, sagt sie: Kididi, ni nkondo = der Krieg ist wahrhaftig gekommen. Ist die Frau eine Erstgebärende, so schlafen gewöhnlich vier erfahrene Frauen bei ihr, sonst wohl auch nur zwei. Bei ganz schwierigen Fällen ist aber manchmal das Haus voll, und im äußersten Notfall werden selbst Männer hinzugezogen.

Verzögert sich der Anfang der Geburt ungewöhnlich lange, so wird wiederum das Orakel nach der Ursache gefragt. Dieses sagt oft: „Es sind die Ahnengeister, ihnen ist nicht geopfert worden.“ Die Frau gibt den Geistern dann ein Wasseropfer als Gelübde für ein später darzubringendes besseres Trankopfer. Dieses Wasseropfer heißt kuchwa mpombe. Sie nimmt dabei den Mund voll Wasser, spützt es wieder auf die Erde und betet: Saramari! Nkoma guhani! Vava nairwa iti ni we wenitea ’huo, mira tonga ushinjie, ambu mi ni nkungu mposha = Dank ihr Geister, nehmt hin! Vater, mir wird gesagt, daß du es bist, der mir dieses zufügt, aber gehe, schlafe (und kümmere dich nicht um mich) denn ich bin (jetzt in meiner Krankheit wie) eine taube Nuß (um die sich der Hamster auch nicht kümmert). Vgl. S. 199 das Verhalten des Häuptlings Mauya.

Nun werden die Geister das Kind bald in die rechte Lage rücken, und die Geburt kann vor sich gehen. Die Kreißende sitzt auf einem Klotz oder Stein. Die Lage ist ähnlich wie bei den im Mittelalter angewandten Gebärstühlen. Den Hebammendienst versieht abwechselnd eine der anwesenden weisen Frauen. Sie sitzt vor der Gebärenden und übt den Dammschutz aus (kugwira kamgamba, oder kakondavi). Nun beginnt für die arme Frau eine Leidenszeit, die aber weniger in den Schmerzen der Geburt selbst als vielmehr in dem endlosen Schimpfen der Hebammen besteht, die durch solche Redensarten die Geburt beschleunigen und günstig beeinflussen wollen. „Presse, presse, du willst das Kind nur töten, wir werden dir den Leib aufschneiden,“ und noch weniger angenehme Dinge werden der Frau zugerufen. Aber es bleibt nicht allein bei den Worten, sondern mit allen möglichen Kunststückchen wird versucht, eine schnelle Geburt herbeizuführen. Streichhölzchen werden plötzlich vor den Augen der Frau entzündet, oder draußen vor der Hütte wird ein Gewehr abgeschossen, damit die Frau durch den Schrecken das Kind „losläßt“, denn „die Angst hält ihr den Leib zu“. Je größer die Nervosität und das Geschrei der Hebammen wird, desto drastischer werden auch die „Hilfsmittel“, wie ich mich oft mit eignen Augen habe überzeugen können und wie mir ältere Christenfrauen erzählt haben. Da wird der Kreißenden der Mund zugehalten, oder ihr eine Bogensehne um den Finger oder gar die Nase geschnürt, damit die Ärmste durch den Schmerz verhindert wird, das Kind „zurückzuhalten“. Oder man legt ihr zur Unterstützung der Geburt gar einen großen Stein auf den Kopf. Ganz erstaunt waren Heiden und Christen, als es bei Geburten auf der Station unter der Aufsicht meiner Frau so ruhig herging, und schon viele sind seither auf die Station gekommen, um der Quälerei zu Hause zu entgehen und auch ihre Kinder vor dem Schlimmsten zu schützen.

Geht die Geburt immer noch nicht voran, so werden wohl die Bogen des Mannes, die im Hause stehen, „gelöst“, d. h. die Sehne wird abgebunden und so der Bogen entspannt, damit sich auch das Kind löse. In der höchsten Not muß die Frau sogar Harn ihres Mannes, der als Ausscheidungsprodukt Träger besonderer Seelenkräfte ist (vgl. S. 163), trinken. Eine solche Medizin ist den Leuten natürlich genau so widerlich wie uns schon die bloße Erwähnung; aber sie leben „im Banne der Furcht“. Diese Furcht erweist sich auch hier stärker als alle ästhetischen Bedenken.

Endlich wird der Kopf geboren. Die Hilfe leistende Frau bespützt ihn gleich bei seinem Erscheinen eifrig, daß er nicht wieder zurücktritt. Bald folgen die Schulter und der übrige Körper, und das Kind liegt in den Armen der Hebamme. Diese muß genau aufpassen, daß nicht etwa ein Beinchen oder Ärmchen des Neugebornen auf die Erde rutscht, sonst ist sein Leben verwirkt. Dann schreien die Frauen: „Das Kind hat den Erdboden berührt, das ist nicht unser Kind, es ist ein Unglückskind, es muß getötet werden, oder es wird uns alle umbringen.“ Dasselbe geschieht noch in vielen andern Fällen, z. B. wenn das Neugeborene mit der Plazenta in Berührung kommt oder ein Teil der Plazenta vorliegt und zuerst geboren wird. Dies alles sind Unglückszeichen, und nur durch den Tod des kleinen unschuldigen Wesens kann das der ganzen Sippe drohende Unglück abgewendet werden.

Eine unsrer Christinnen, die alte Hanna, erzählte mir folgendes: Sie war mit einigen andern Frauen zur Geburtshilfe gerufen worden. Das Kind kam zur Welt, aber ein Teil der Plazenta lag vor und wurde gleichzeitig mit ihm geboren. Das Kind schrie sofort und war ganz normal, aber die andern Frauen rissen es aus Hannas Hand und sagten: „Das ist ein Unglückskind! Da ist etwas nicht in Ordnung! Das haben wir noch nicht gesehen, es muß getötet werden.“ Später holte eine Frau Wasser und goß es in einen Holzmörser, der zum Maisstampfen dient. Das arme Wesen wurde mit dem Kopf hineingehalten und elendiglich in dem Wasser ertränkt. Nachdem es tot war, wurde es in Bananenblätter gewickelt und weit fort im Busch auf einen Stein gelegt. Bald würden die Hyänen kommen und die letzten Spuren des Mordes verwischen. —

Wie viele neugeborene Kinder werden so hingemordet, nur weil irgendein unglücklicher Zufall das Herz der armen Eltern mit tödlicher Furcht erfüllt. Da offenbart sich das Heidentum in seiner ganzen Not und Finsternis. Nein, wenn man solche Einblicke in den heidnischen Jammer getan hat, dann glaubt man nicht mehr an die Geschichte von den Negern, die im tiefsten Frieden und aller Glückseligkeit wunschlos dahinleben und kein Verlangen nach dem Evangelium tragen. Deutlich vernimmt jedes Ohr, das für die Nöte des Heidentums geöffnet ist, den makedonischen Ruf der Afrikaner: „Kommt herüber und helft uns!“ Die Furcht, die in ihrer animistischen Religion begründet liegt, treibt sie von einer Schreckenstat zur andern und gar häufig zum Kindsmord. Zwillinge, Kinder die irgendwie verkrüppelt zur Welt kommen, und mag es auch nur eine Hasenscharte sein, sie sind dem Tode verfallen, weil die Medizinmänner es so lehren.

Gewiß, heute verbietet die Regierung alles dies streng; aber jeder weiß, daß trotz aller Verbote kein Zwilling am Leben bleibt. Alle regelwidrig gebornen Kinder müssen getötet werden, da sie sonst für die Eltern und die ganze Sippe eine beständige Quelle der Furcht wären. Nur von innen heraus kann da wirklicher Wandel geschaffen werden, wenn der ins Herz einzieht, der da sagt: „Ich bin’s, fürchtet euch nicht!“

Nachdem das Kind geboren ist, wird es sofort abgenabelt, da die Hauptsorge der Hebamme darauf hinzielt, das Kind aus der noch gefährlichen Nähe der Mutter zu bringen; denn würde die Plazenta mit dem Kind in Berührung kommen, so wäre es, wie schon oben dargetan, dem Tode verfallen. Der Nabel des Kindes wird jetzt erst mit einer Schnur aus Bananenbast oder einem Stückchen Zeug abgebunden, während das nach der Mutter zu führende Ende unabgebunden bleibt. Man muß sich wundern, daß bei diesem Verfahren, das von Asepsis weit entfernt ist, nicht alle Kinder sterben. Man sieht aber häufig schlecht verheilte Nabel.

Zögert der Austritt der Plazenta, so wird mit Arzneien nachgeholfen. Besonders ist dies der Fall, wenn einmal, was wohl nicht oft vorkommt, die Plazenta nicht geboren wird. Von einer operativen Lösung ist mir da nichts bekannt geworden, vielmehr muß die Wöchnerin Arzneien trinken, damit die Nachgeburt im Leibe „verfault“ und so abgetrieben wird. Das soll manchmal bis vier Tage dauern. Ein ganz vorzügliches Mittel, die Lösung der Plazenta zu beschleunigen, besteht bei ihnen darin, daß man die Frau sich auf die Hände stützen und mit aller Macht in eine vorgehaltene Flasche blasen läßt. Dies ist fast immer von sofortigem Erfolg begleitet und der Versuch nach meiner Erfahrung selbst bei gesunden weißen Frauen einer operativen Lösung und dem Credéschen Handgriff vorzuziehen. Die Nachgeburt wird bei unsern Wapare draußen verscharrt.

Ist das Kind zur Welt gekommen und die Mutter eine Mwai oder Erstgebärende, so geht eine Frau vor die Tür und tanzt dort, mit den Füßen heftig auf den Erdboden stampfend, einen Freudentanz, indem sie den durch ganz Afrika verbreiteten Freudentriller ausstößt. Er klingt wie ein sehr hohes, oft wiederholtes Lululu oder Lilili, wobei die Zunge sehr schnell von einer Seite nach der andern bewegt wird. In der Hütte haben die Hebammen inzwischen ein Kleid oder Fell zusammengedreht und der Frau um den Leib gebunden, um die Rückbildung der Organe zu unterstützen.

Die Frau sitzt nackt am Feuer und wird mit sehr heißem Wasser abgewaschen oder bekommt eine Massage des Kreuzes und Leibes. Bei einer Mwai bleiben die vier Frauen meist alle bis zum Ende des Wochenbettes zugegen, bei einer Mehrgebärenden wohl nur zwei von ihnen. Das Wochenbett dauert vier Tage, während welcher die Frau am Feuer liegt. Es wird dem Leser schon aufgefallen sein, daß die Zahl vier immer wiederkehrt. Sie ist die heilige Zahl und wird uns noch öfter begegnen.

Das Neugeborene schläft in dieser Zeit bei einer der Frauen. Es hat noch keinen Namen, auch sein Geschlecht wird nicht bekanntgegeben, selbst der Vater weiß nichts Näheres von seinem Kinde. Die Frauen nennen es ihren „Gast“ (mjeni wetu) oder kataa, den kleinen Leoparden. Würde es schon beim Namen, der ja ebenfalls Seelenträger ist, genannt werden, so würde es beständig weinen. Auch darf man die Dämonen nicht unnötig auf das kleine Wesen aufmerksam machen, da „sein Geist vorerst nur lose mit dem kleinen Körper verbunden ist“ und diese Verbindung besonders in den ersten Tagen durch den geringsten bösen Einfluß gestört werden könnte (vgl. S. 34 unten).

Am vierten Tage endlich darf auch der Vater, der bis dahin auswärts schlafen mußte, ins Haus kommen, um seine Frau zu begrüßen und sein Kind zu sehen. Ist die Mutter eine Erstgebärende, so wird der Mann von vier andern Männern feierlich ins Haus geführt. Eine der Frauen gibt dann einem Manne aus der Begleitung des Eheherren das kleine Kind mit den Worten: Hier hast du den oder die Soundso. Damit hat das Kind seinen Namen erhalten, mit welchem es auch dem Vater überreicht wird. Dann begrüßen die Eingetretenen die Hebamme mit dem Gruß, der den glücklich aus dem Kriege Kommenden dargeboten wird: (Männer:) Mcheku mpongezi! = Mutter, du bist glücklich entronnen! (Frau:) Ee apa = ja, Vater. An diese Worte schließt sich dann der gewöhnliche Gruß, den wir noch besprechen wollen. Darauf begrüßt der Mann seine Frau: Mpongezi mche wangu! = Heil dir, meine Frau! — Ist die Frau Mehrgebärende, so erwidert sie: Mpongezi nawe mwosi wangu! = auch dir Heil, mein Mann. Ist die Frau dagegen eine Mwai, so antwortet sie nur mit einem verschämten Ee! Sie erhält dann auch als besondere Auszeichnung von ihrem Ehemanne ein Geschenk in Form eines Kleides.

Wenn die Zeit der Geburt heranrückt, sucht der Ehegatte Speisevorrat für seine Frau. Die allgemein übliche Wöchnerinnenkost besteht aus getrockneten Bananen, die als Brei zubereitet und mit einer sehr fettreichen Nuß vermischt werden (makafi na makungu). Gleich nach der Geburt beginnt das Füttern des Neugebornen, und wir gehen sicher nicht fehl, wenn die Hauptursache der sehr hohen Säuglingssterblichkeit mit auf das Konto dieser Unsitte gesetzt wird. Die Wapare glauben nämlich, daß das Kind sehr hungrig zur Welt komme und ihm deshalb baldigst Nahrung zugeführt werden müsse. Die Muttermilch ist aber in den ersten zwei Tagen verpönt, da sie erst „rein“ werden muß. So streicht man nun dem armen Würmchen schon in der ersten Nacht trotz seines heftigsten Sträubens zweimal einen Brei in den Mund, den eine der Frauen herstellt, indem sie eine trockne Banane und eine der oben erwähnten Nüsse dem Kinde vorkaut. Diese erste Speisezufuhr heißt kudembua mwana, die Speise selbst papa ya mwana. Die Sterblichkeit der Säuglinge in den ersten Lebenstagen ist natürlich eine entsprechend hohe, da der kleine Verdauungsapparat auf eine derartige Nahrung noch nicht vorbereitet ist. Die Kinder leiden an Hartleibigkeit oder Durchfall. Die fast regelmäßige und meistens richtige Diagnose, die unsre Paremedizinmänner stellen, lautet auf Würmer. Die Leute kommen dann sehr gerne auf die Station und verlangen die weiße Wurmarznei (Santonin), welche sich eines guten Rufes unter ihnen erfreut, weil sie schon manchem Erwachsenen geholfen hat. Natürlich bekommen sie bei uns keine Arznei für die Säuglinge, sondern wir dringen auf eine naturgemäßere Lebensweise. Selbst den Heiden ist es schon aufgefallen, daß fast alle Kinder, die auf der Missionsstation geboren sind, groß und kräftig werden und nicht sterben. Es gibt auch schon sehr viele unter den Eingebornen, die ihren Frauen verbieten, den Kindern papa zu geben, aber leider ist es oft vergeblich.

Am dritten Tage etwa kommt der Medizinmann, um die Milch der Frau zu untersuchen. Er preßt sich etwas in seine Hand und prüft sie. Da heißt es dann vielleicht: „Eine Brust hat gute Milch, die andre schlechte, das Kind darf nur an die eine gelegt werden.“ Oder die Milch wird überhaupt als ungenießbar für das Kindchen erklärt. Dann soll die Ernährung ausschließlich in jenem erwähnten papa bestehen. Mancher Heide glaubt heute wohl noch dem ersten Wahrspruch des Medizinmannes, aber nicht mehr an die Nützlichkeit der Breifütterung. So kommt er dann auf die Station und kauft sich eine Kinderflasche mit Gummisauger, die wir nach den nötigen Belehrungen über peinlichste Sauberkeit gewöhnlich auch abgaben; denn Kuhmilch ist doch immer noch besser als jener schwer verdauliche Brei.

Am 4. Tage steht die Wöchnerin (mvyee) auf und fängt an, leichte Arbeit zu tun. Die Rückbildung der Organe geht bei den Schwarzen meist sehr schnell vor sich, und selten muß eine Frau ein längeres Wochenbett einhalten. Die Kinder sind bei der Geburt fast weiß oder doch ganz hellbraun. Aber in den ersten Tagen und Wochen dunkeln sie schnell nach, bis dann die Stammesfarbe erreicht ist. Hellfarbige Leute gelten für schöner als die tiefschwarzen. Ebenfalls eine Folge der abergläubischen Furcht ist der Brauch, in der ersten Zeit von dem Kinde als von einem „jungen Leoparden“ (kataa) zu sprechen. Die Kinder werden im Durchschnitt zwei Jahre und länger gesäugt, wenn nicht eine neue Schwangerschaft das Stillen früher verbietet. Im allgemeinen wird jedoch darauf gehalten, daß die Kinder nicht zu rasch aufeinander folgen.

Es wäre hier wohl der Platz, noch etwas über besondere Zufälle unter der Geburt und ihre Behandlung durch die eingeborenen Medizinmänner zu sagen. Wenn auch die Negerfrauen natürlicher leben als viele Europäerinnen und ihr Körper nicht durch irgendwelche äußeren Einflüsse in eine häßliche Form gedrängt worden ist, die dann später die Geburt zu einem lebensgefährlichen Vorgang machen, so kann man doch auch hier immer wieder von schweren Geburten hören, wenn auch die Mehrzahl ohne weitere Komplikationen verläuft. Ein Fall von vorliegender Plazenta ist mir bekannt geworden. Auch Querlagen, Fußlagen (mwana akingama) und Steißlagen (mwana aza mchwiri) kommen vor. Jede regelwidrige Lage hat nach der Geburt den Tod für das Kind zur Folge. Deshalb wird bei Querlagen versucht, diese beizeiten in eine Kopflage zu verwandeln. Gelingt das nicht durch den inneren Eingriff, oder wird das Kind überhaupt nicht geboren, so schreitet der Medizinmann zur Enthauptung im Mutterleibe. Der Arzt reinigt sich zuerst die Hände und schneidet die Fingernägel ganz kurz ab. Die Hände werden mit Butter eingefettet. Die Abbildung zeigt das gebräuchliche „chirurgische“ Messer. Es wird mit Bananenbast umwunden, und nur an der Spitze bleiben ungefähr 2 cm frei. Nun wird der Arm vorsichtig eingeführt und das Kind enthauptet. Läßt sich der Kopf selbst dann noch nicht herausziehen, so wird auch wohl der Unterkiefer abgeschnitten. Die anderen Teile werden dann so entwickelt. Nach der Beschreibung scheinen die Leute damit sehr gut Bescheid zu wissen, wie sie ja überhaupt als Hirten, die öfter Tiere schlachten, über den Knochenbau mehr wissen als der Durchschnittseuropäer. Kindbettfieber ist als Folge von zurückgebliebenen Teilen der Plazenta bekannt und wird mit allerlei Arzneien behandelt. Heiß zu trinkende Fleischbrühe spielt dabei eine Hauptrolle. Im allgemeinen haben die Eingebornen ziemlich genaue Kenntnisse von den Vorgängen bei der Geburt, nur daß solche Kenntnisse immer wieder durch den heidnischen Aberglauben verdunkelt und verkehrt werden.

Chirurgisches Messer.