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Das Bücher-Dekameron / Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur cover

Das Bücher-Dekameron / Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Chapter 15: REGISTER
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About This Book

Collection of ten linked essays presenting a ten-night tour of European society and literature, offering personal observations and cultural criticism. The writer moves through topics including contemporary Germany's political and social climate after the war, theater and film, libraries and reading, satire, art's role in society, political poetry, emerging literary schools, and transnational comparisons, mixing anecdote, reportage and reflection. He probes class divisions, the resilience of elites, the tensions between republicanism and reaction, and the commercialization of culture, while juxtaposing local scenes with broader European trends. The voice is conversational, episodic, and observant, combining polemic, irony, and aesthetic judgment.

Hinter dem gekreuzigten Quäler Strindberg haben alle lyrischen Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Erde fester wie auf Götland und Dalarne gestanden. Die schollenduftende Lagerlöf, der klassizistische Halström, der sanfte Geijerstam, der Epiker Heidenstam sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber Frank Heller versorgt das deutsche reisende Publikum fast völlig, zwanzig andere hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den Globetrotter Hamsun als Erben des Großbauern Björnson mit dem Einfluß übernommen, den englische Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der größte Bekenner der modernen Weltliteratur, Hans Jäger, aus der Frühzeit des Malers Munch und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland seine unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen können. Siebzehn Holzfällerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit Ibsens drohendem Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit belehrender Eleganz nach Swinemünde: Es lebe Deutschland.

Alles wollten wir haben, alles haben wir eingeführt, allen haben wir geholfen, an die europäische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe, jede Schwärmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst die Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber geholt, Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.

Aber es genügt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir waren so lüstern nach allen Möglichkeiten, daß wir übersahen, daß niemand sich revanchierte. Als die Franzosen durch ihre internationalsten Künstler eine Ausstellung in Paris vorschlugen, machten selbst sie den Einwand, für jedes verkaufte deutsche Bild müsse Deutschland ein französisches kaufen, während kein Bild der Deutschen in Frankreich wandert, aber tausend französische bei uns verkauft werden. Wir haben von der Welt nie das Verhältnis von eins zu eins gefordert, wir haben nicht einmal die Quote eins zu hundert verlangt, wir haben, wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht einmal daran gedacht, daß man unsere Saphire dafür wenigstens nehmen könne.

Es hat uns genügt, wenn man unsere Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien lobte, wir waren Verschwender im Einkauf und nachlässig in der Propaganda unseres Geistes nach auswärts. Wir haben die Welt kennen gelernt, ohne sie zu verstehen, die Welt hat von uns nicht einen Centime akzeptiert. Warum aber soll man jeden Mist nehmen, weil der dänische Verlag Gyldendal in seinen deutschen Verlagsfilialen die Mark mit einem halben Öre kauft? Man braucht, finde ich, nicht weniger weitherzig zu sein, wenn man nur das Beste nimmt und sich im übrigen abschließt.

Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer Gewohnheiten, wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprägt ist? Was tut der deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er sein deutsches Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf den deutschen Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, daß es auch die Welt mit umfaßt. Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns zu besitzen.

Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schönste Spitze treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europäer ist der aus der Klarheit und aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus geformte und nur dadurch Überlegene. Er ist kein Gebräu aus internationalen Theorien, deren Geruch so schlecht ist wie jener der unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man wird daher nicht deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil Frankreich ist, ist Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen zurückgeführt.

Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schöne Tugenden. Er hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die Duldung, die übermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht verwirrt. Mit Swinburne im Flugzeug flog er nach London, lag mit Dostojewski im Tornister gegen die Russen, haßte den Krieg und ließ sich doch aus Anstand für eine tote Sache erschießen. Welche Qualitäten, welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den falschen Engeln dies alles hoch! Er hat schon europäische Augen, nur einen kleinstädisch gespannten Verstand. Wüchse ihm das rechte Bewußtsein, er würde das schönste Volk der Erde.

Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwürdigen Väter der Kunst mit ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein zwischen den alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem über seine Zäune hinübergewunken, aber niemand hat zurückgerufen. Ist der Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist der Nichtantwortende der Kluge?

Ach, neutral sein in großen Dingen ist nie unverdächtig, und selbst die Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die Franzosen wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la veulent pas. Europa ist kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob della Portes Standbild tat. Sie ist eine Idee, die wird oder stirbt. Ach, Europa wird kommen, wenn wir es suchen auf allen Seiten, oder wir werden weiter winkend krepieren, aber im Sterben auch noch ihr Bild vorm Auge: Je t’aime plus qu’hier et beaucoup moins que demain.

Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fühlbar andere Sitte. Im feinen England wird man nie baskische Provinz wie in Berlin mit Fräcken spielen. Eine französische kleine Kokotte wird mit einem armen Studenten das Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in Holland. Ein englischer Sportsmann wird nie wie ein französischer oder deutscher wegen des Rekords von ein paar Minuten Kameraden im Stich lassen oder Damen im Bob anrennen. Eine französische Jury wird einen politischen Verbrecher erbarmungslos fassen, eine Frau immer freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den Unglücklichen sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden wird der dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen: und wenn die Sonne erblinde, der Paragraph müsse durch die Wand. Man wird weiter in Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England Weekend machen, in Brüssel Deserteure bildlich von der Mauer mit Militärmusik schießen, in Spanien Blumensträuße in die Bordelle senden, in Polen Kartoffeln bauen, in Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer fürchten und in Deutschland Europa lieben.

Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie auf den Rand einer Zeitung schreiben.

Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt höher in den Himmel, kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in Amerika nicht wieder fände. Es gibt keine Geschichte, die nicht gleichzeitig ein Abencerrage und ein Samurai den ihren je erzählt hätten. Skandinavien liegt fünfzehn Breitegrade (so weit wie Berlin und Tunis) gestreckt und hat das gleiche Klima, das warme Meere und Windströmungen ausgleichen, während der Süden Europas mit kalten Nächten sich temperiert. Man reist mit den gleichen Koffern, gleichen Tickets, gleichen Gesetzen. Was trennt die Kinder Europas, sich zu finden?

Selbst die Götter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der ihnen fehlte, fanden, mit dem doppelten großen Haupt, die Griechen in Rom. Sie überwiesen dafür den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit. Der mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische Jupiter werden zusammen der Göttin Europa huldigen können.

Sie würde, wenn sie käme, eine reife Laune haben, jung wie der beste Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen Marmorton der Franzosen im gleichen Takt nach ihr gehen. Die Musen hätten kein Rokokospiel, aber repräsentablen Ernst. Die Monate würden heißen wie in „Hiawatha“: Mond der schönen Nächte, Mond der Blätter, Mond der Erdbeeren, Mond des Laubfalls, Mond der Schneeschuhe. Das wäre eine angenehm kultivierte Rasse dann, die diese geliebte Lehmkugel bewohnte, mit Erinnerung an die Gletscherzeit und die Zuchtstiere, verliebt in den Boden und mit dem Gott in Ordnung und elektrische Öfen dazu.

Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweißend, den Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen überwölkt von Dampf durch den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frühling. Die Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln stürzten bereits heute in Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit Blüten strecken. Wie die Landkarte Europas sei?

Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern täglich malen. Anders wie das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nüchterner Romantik. Ein verständliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des Kopernikus mit seiner „lucerna mundi“: der Weltleuchte, umgeben von Tierbildern, Pflanzenwäldern, Menschenscharen, flammenden Polarlichtern, farbigen Ozeanen und Meersäulen. Das ist für Fakire, nicht für Menschen. Der Mensch Voltaires, glücklicher Candide, sprach die richtige und menschlichste Losung für Europa: „Bebauen wir unseren Acker.“ Alles ist dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und Menschen sind meistens einer Meinung. All right. Sie lächeln, Mijnheer? Es ist die zweitletzte Nacht.

Die zehnte Nacht

Mijnheer . . . . . . . !!!

Letzter Vormittag

Mijnheer, wir sind frei.

Im Schlitten vor uns fahren die Filmleute. Hinter uns jagt mit Schellenklirren eine Karawane zu Thal. Die Tiere schütteln sich vor Wonne unter dem blauen Horizont, und der Wald ist, von Sonne getaut, in der Nacht wieder zusammengefroren wie singendes Glas. Wo waren Sie heute Nacht?

Ich war nicht bei Ihnen, aber Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer. Ich sah es, denn Sie hatten kein Licht, und als ich rief, lachte es in einem anderen Korridor. Wir glücklichen Toren! Wir haben ein doppeltes Dasein geführt, wir haben mit Grübeln in den Nächten das Leben bestimmt und den Tag uns gegenseitig verschwiegen. Wir haben die Nächte mit Reden erhellt und unsere Tage im Dunkeln gelassen und zweierlei Dasein gelebt. Nun ist das Leben plötzlich in unsere Gespräche eingedrungen wie ein Tier und hat uns die zehnte Nacht entrissen. Fahre sie wohl.

Es geht wie im Traum, der Schlitten schwingt im weichen Tempo des Hufschlages. Die Abhänge sind an den Felsen manchmal schon „aper“ und beugen sich voll Lawinen über den Schwarzwald hinab.

Sehen Sie zurück: auf Gisiböden, Notschrey, Blösling, Seebuck steigen Säulen von Dampf. Schauen Sie ins Tal: da strudeln in den langen Sonnenfächern rosa und blaue Nebelwolken. Welcher Zauber. Welche Weite. Die Welt ist wieder offen.

Auf dem Bruchharsch des Zweiseeblick fahren die Skiheroen ins Tal. Sie schwingen wie Kreisel in alpiner Technik über das Eis, flitzende schwarze Punkte, dann stäuben sie in die Latschen. Die Sonne greift aus der gläsernen Gegend eine vor Leidenschaft zitternde kühle Musik. Noch ist die Erde nicht aufgeplatzt, dem Frühling entgegen. Aber die Ebene kommt uns entgegen. Die Erde nimmt uns auf, als habe der Okeanos, der sie umschließt, sich mit reißender Wonne über sie ergossen. Was bleibt von der Kühle und Distanz, mit der wir sie aus unserer Verbannung heraus geteilt und beurteilt?

Was bleibt an Überlegenheit, wenn die See und die Alpen uns anglühn? Dahinter liegt Venedig und über dem See die Städte. Von Badenweiler bis Zürich, von Freiburg bis Köln geht der Atem der Landschaft. Und hinter der Heimat steht unentziffert, mit allen Wundern verschleiert, rätselhaft wieder die Welt.

Was bleibt nun von dem, Mijnheer, was wir zu entzaubern versuchten?

Was ist Kunst?

Zuerst ein Mißverständnis von oft entzückender Albernheit bei den Menschen. Welches Panorama von Witzen!:

Friedrich der Große schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das Nibelungenlied sandte: „Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner Büchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden. Sondern herausschmeißen.“ Voltaire krächzte über Shakespeare als ein lächerliches Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der Mensch zum Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine Zeitlang Goethe fürs Haupt der romantischen Jünglinge. Zola hielt sich für einen nackten Schilderer der Natur und war doch ein versteckter Romantiker. Man warf ihn aus der Zeitung, weil er für Courbet eintrat, und nannte eine häßliche Frau „femme impressioniste“.

Das Rokoko hielt die chinesische Kunst für eine Pläsanterie, benutzte ihre Schnörkel hochmütig und sprach über sie als „Indianische Malerei“. Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrübelt und nicht geschildert und sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein maßgeblicher Mann seiner Zeit. Und ein anderer fügte hinzu: wie die Mode Hugos restlos verschollen sei, werde auch Zolas schwaches Geschwätz dahingehn. Einer der besten Kunstwitterer Deutschlands, Paul Cassirer, hielt, als ich ihm kurz nach der russischen Veröffentlichung Alexander Blocks mir zufällig in die Hände geratende „Zwölf“, die Jahrtausend-Marseillaise aller Kommunisten, für seine „Weißen Blätter“ sandte, das Gedicht für eine kleine Ballade. Die Piraten der öffentlichen Meinung haben Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wörtlich buchstabengetreu denselben entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die Expressionisten. Was ist Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es wertet nicht das Lächeln eines holländischen Gentleman, der eine gute Zucht schwarzweißer Rinderherden hat.

Wenden Sie sich zu den Künstlern, wirds ein Bajazzospiel des Temperaments. Jeder liebt das ähnliche und kreuzigt das andere. Ingres hielt sich zu Holbein und Rafael. Beckmann schwört zu Mäleskirchner und Bosch. Böcklin, Feuerbach, Schwind wüteten gegen Macart und Piloty. Balzac amüsierte sich über Hugos Stücke und verehrte Stendhal. Corot hielt Delacroix für einen Adler und sich für eine Lerche, während Ingres von Delacroix als einem Epileptiker stöhnte. Heine hat Platen zwischen einer Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber Lessing mit strenger Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was Kunst sei, aber meiden Sie die Träger der ewigen Fackel! . . . . . . .

Nun traben die Pferde ums Bärental, geflockt von Lämmerschnee schwebt die Ebene unten bis an den Rhein und der Wald über uns löst unter der Sonne seinen weißen Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch durch das Blau herunter.

Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen ruhigen Gang. Die Pferde knirschen schäumend an den Trensen und werfen die Köpfe in die Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen die Ruhe der landschaftlichen Majestät.

Nun traben die Pferde zwölfhundert Meter über dem Meer mit stolz gebäumten Hälsen und wagerechten Köpfen schon fast hohe Schule von einer Schleife der Straße in die andere nach dem Rhein.

Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der Jahrhunderte, wenn selbst die Gäule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre unterdrückte Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu bezeugen?

Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter aber erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Können und Welt. Was liegt dazwischen, Mijnheer?

Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:

Die ägyptische Plastik war wohl der größte Versuch, das Persönliche in das Mächtige münden zu lassen. Berninis Büste des vierzehnten Ludwig erstrebte nicht den ähnlichen Mann, sondern allerdings darüber hinaus das Königliche. Flaubert spießte nicht mit seiner Pinzette die tausend Details, sondern sammelte das Kleine immer in bezug auf die Größe. Voltaire machte nicht Witze, sondern suchte die Ernüchterung seiner Epoche, Beaumarchais hatte zwar nicht nur Haß, sondern erstrebte nur Wahrheit. Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der eigentliche und letzte Sinn?

Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden gegeneinander getobt und dem Mißverständnis der Stile auch noch die Irrtümer ihres Charakters hinzugefügt. Von ihnen ist keine Antwort zu erwarten. Sie wird höchstens Komödie:

Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die Romantik, durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wüsten Götz, vor dem noch der große Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie, aber auch das italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen Seineufern zärtlich bekannt gemacht hatte, schwor ihr mit furchtbaren Witzen wieder ab. Das Rokoko erfand sich selbst zum Kontrast auf seine Eleganz die lockeren Schäferszenen. Die ritterliche Hochkultur des vierzehnten Jahrhunderts stürzte sich auf die Wilden-Männersachen und schuf in den „ballets de sauvages“ sich ein romantisch phallisches Ventil. Der kleinbürgerliche Gefühlsbulle unserer herrlichen Zeitwende sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich lasterhaften Eroticis, während er nun über Jesu gerne ausführlich spricht. Joachim Kändler, der den europäischen figürlichen Porzellanstil von Meißen aus schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im Augsburger Goldschmiedstil, fertigte das berühmte Schwanenservice in den vierziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn Jahre später das große Geschenk seines Königs an den fünfzehnten Ludwig „im jetzigen goût der kunstliebenden Welt“, nämlich in Rokoko. Ist das nicht lustig?

Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter des einen gegen die des anderen Stils schlugen, täuschen über das Komische jener Einstellung hinweg, die vermutet: daß der Stil das Wichtige und der Künstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager sei.

Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht, als er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause stürzte und plötzlich an allen Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der einen Auffassung der Zeichnungen wuchsen ihm die Hörner aus dem Kopf, in der anderen aus dem Zylinder. „Zwei Schulen“, dachte Bergeret und ging gelassen durch die Promenaden.

Als der Baron Marcellino de Sautuola die Höhle von Altamira vor vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rötelbildern fand, lachte ganz Europa, und Cartailhac, der das später männlich zurücknahm, erfand den Spaß vom Ulk der spanischen Mönche. Bald aber war nicht zu bezweifeln, daß hier eine Kunst vorlag, die vor fünfzigtausend Jahren an die Wände gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison von Altamira sind gewaltigere weitere Kunst als alle persischen Miniaturen und Teppiche und unvergleichbar großartiger als die ähnliche Malerei des Franz Marc.

Fünfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist, liegt im wesentlichen höchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte man in der zwanzigmal größeren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen suchen, würde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.

Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.

Den ersten Napoleon hat seine Schildkröte hundert Jahre überlebt. Und von Fieldings „Tom Jones“ meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor habsburgisches Blut in seinem englischen Körper hatte, den österreichischen Doppeladler überdauern, und es hat ihn überlebt. Was bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nähe, von Pupille zu Pupille gesehen, dem Sucher der Sinn der Stile nichts anderes scheint als der Anlaß zu Albernheiten für die Zeit und spöttischen Kartenspielen der Jahrhunderte?

Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen derselbe unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst, Fruchtbarkeit, Korn, Park und Flüsse . . . und der Widerstreit, den die Schönheit des einen gegen das Leben des anderen führt und es vernichtet.

Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter Elastizität zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und die Früchte zu nehmen, wenn sie reif sind. Darüber hinaus hat alles nur den Zweck des Kampfes zur Erreichung eines immer glühenden Umlaufs der Säfte. Gegen die französische Akademie, die um Poussin und das antike Ideal erstarrte, zog de Piles mit den Rubenisten und verlangte die Vermenschlichung der Poussin-Garde. Aus der Vereinigung entsprang Watteau, gegen den das Messer einer neuen Klassik sich schon schliff. Maxime du Camp hat über einen Genius gesungen: „Je suis né voyageur, je suis actif et maigre /// J’ai peur de m’arrêter, c’est l’instinct de ma vie.“ Es wird der Genius gewesen sein, der die Stürme der Richtungen gegeneinander führt und keinen Sinn hat als den, die Fruchtbarkeit des Lebens toll und süß und scharf zu halten.

Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich den Kampf von Sein und Schein, von Wollüstigen und Beschnittenen, von Verklärten und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem Klassischen sich gejagt, aber niemals war der Bürgerschreck Wahrheit, daß das eine größer, das andere kleiner sei. Die Natur hat keine subalterne Kritik zu sich selbst, und was das Ruhige und das Lodernde trennt, sind nur Unterschiede des Thermometers, nicht solche des Glanzes.

Das Barocke ist nicht das Verhüllte und das Klassische dagegen das Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit, wenn sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der Klarheit im Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des Lichten im Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle Söhne der Klassik. Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene Klassik und mißverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf diesen einzig richtigen Unterschied, aber es würde bei einer Eselparade auch nicht auf die Gangart, sondern auf den zweiköpfigen Esel schauen.

Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte, gehalten gegen die aufbäumende Kraft des Daseins, es bleibt, über die ewigen Bewegungen der Jahreszeiten von Blüte zur Frucht, von den reifenden Äckern und den gewitterroten Herbsten, es bleibt über die weiche Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs durch die Jahrhunderte hinaus . . . es bleibt letzten Endes außer dem unfaßbaren, aber erregenden Zustand dieser Bewegung die stille Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn alles Überflüssige schließlich fiele, wenn das Verhüllende fehlte, wenn das Zeitliche schwände, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der Götterfries ihrer Menschen, über jeder vor uns verrauschten Epoche mit klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.

Es werden durch diesen Fries die Götter der Sehnsucht und die Göttinnen der Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres Lächelns werden nicht fehlen und die Dämonen ihrer Leidenschaft werden darin zittern. Ja, ihre Ernten und ihre Städte, ihre Sklaven und ihr Reichtum wird darin enthalten sein wie in allen göttlichen Symbolen, die leicht zu entziffern sind, wenn das Göttliche wirklich seinen Atem in sie gehaucht hat.

Denn die seligen Götter waren nie ein anderes als die Erhöhung der Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie waren nicht einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar, alles wissend, aber zu betrügen, voll Ethos, aber auch voll Haß und Neid. Sie waren aus beiden Stoffen der Erde gemacht wie die Menschen auch, denen nur die Kunst schließlich blieb, in ihr die Götter wohl mit größter Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren eigenen Fehlern zu bilden.

Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die Größe ihres Weltbilds zu schließen, es ist noch einfacher, sich aus den Figuren der Götter die Gesellschaft jener Nationen zurückzuenträtseln, die auf dem Rücken der Kunst diese Götter sich gebaut haben.

Denn Kunst ist immer der eifervollste Kämpfer mit der Unsterblichkeit gewesen. Als die größten Künstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille, sich trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie „how do you do“ sagten, davon, wie schmerzlich es sei, daß man so weit hinter seinen Idealen zurückbleibe. Flauberts Tagebücher weisen Kämpfe, die verzweifelter sind wie jene Cäsars, Alexanders, Napoleons, um die Erreichung einer möglichen Welt. Und als Gelimer nach Karthagos Fall mit den letzten Vandalen in einer numidischen Bergfeste am Krepieren war und die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm eine Harfe, um selbst die Größe seines Unglücks mit der Kunst zu messen. . . . . .

Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen Hängen unter uns ins Land fließen sehen. Hinter den Spießhörnern malten sich die Vogesen violett an die Dämmerung und hoben Straßburgs Kathedrale aus der fetten elsässischen Erde. Über dem Titisee funkelte die rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche Erde unter uns und sie atmete über den Rhein, wo ihre Geschicke stets geplant, getragen und gemünzt wurden, immer nur das eine wundervolle Gefühl: Gelassenheit.

Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von Hafer toll und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen Blickpunkt, um auf die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der Richtungen, die großen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den Wirbel der Dampfsäule hinein, der sich von allen Berggipfeln der Sonne zu hebt, und wie atmet die Brust der Kunst denselben Rhythmus wie die ewige Landschaft: Gelassenheit.

Nur das Höchste wird spät einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt einmal den Sockel. Nur das Auserwählte kommt über die Bewegtheit der Jahreszeiten mit der fiebernden Brust an den göttlichen Mund, der es durchatmet.

Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und Flüssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu wandern und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen Himmel hat die Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso wandern die Wolken gehauchter oder gedunkelt, ebenso strömen die Flüsse silbrig oder voll Trübsinn.

Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene stahlhelle Ränder und die deutschen Flüsse haben die wehmütigen Melodien ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen Fälle. Aber die Wolken wandern noch nicht wie die Flüsse und die Ströme blicken in andere Wolken und zwischen den oft italienisch geformten Wolken und den germanischen Flüssen ist noch kein klarer reiner Kontur der Landschaft gezogen.

Die Götterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber über ihrem Barock haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der südlichen Erlösung vergessen und werfen in ihren Träumen den Himmel Neapels und Barcelonas an ihren kühlen germanischen und denken sich den dann gern als den ihren. Sie haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht mit ihrem Dasein verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren, bald Schwärmer zu sein, haben von jedem ein Teil und können sich immer noch nicht entschließen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram, von Cranach und Bosch und Grünewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen, Grabbe, Kleist, Wedekind den Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit den Scheinwerfern ihrer Verehrung bombardieren. Götter werden nicht nachträglich gemacht, sondern sie werden verliehen. Sie sind da, ob man sie sieht oder nicht.

Einmal wird der dunkle Lauf des stürmischen Flusses mit den schweren stahlglänzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung gehen und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und jungem Glanz spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll großer Geduld. Ihr Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden Schatten und den durcheinanderwuchernden Hängen zu phantastischer Dichte zusammen. Nicht bei Niggern und nicht bei Hellenen ist die Zukunft. Sie liegt barock in der deutschen Vergangenheit, und wenn Kunst überhaupt mit Zweck zusammengenannt werden darf, so ist ihr gegenwärtiger Sinn, mit diesem Bewußtsein den Höhepunkt nationaler Blüte zu erreichen, denn das heißt: daß die deutschen Himmel und die deutsche Erde zusammenwachsen.

Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk immer sich der Ausdruck in einem fast flächigen Punkt sammelt, erreicht bei gleicher Kraft der Schöpfung das barocke Bildnis noch die Stärke, von seinem Umriß aus zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike, sondern es schillert und überträgt und wird europäisch. Das ist auch die letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flüsse.

Aber Deutschland.

Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Fürsten hat nach der Revolution nicht das souveräne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis drei wirtschaftlichen Konzernen übernommen, die fast stärker sind wie der Staat. Als der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff, führte er die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau und Loucheur das Wiesbadener Abkommen berieten, hätten beide als Figuren eines Lustspiels von einem sardonischen Molière sich abwechselnd erheben können mit der Frage, ob im Gegenüber der Wiederaufbauminister oder der Präsident der AEG, oder der Präsident von „Terres rouges“ sprächen. Früher bestimmte die Augenbraue eines Königs, später der Zug der Gemüseweiber mit der Freiheitsgöttin nach Versailles die Geschichte.

Heute umfiebern die Börsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das, den Mund voll Gesängen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des Kontinents aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert Leuten, die vielleicht nicht lesen und schreiben können, aber im Aufsichtsrat von Creusot, Standard Oil Compagnie, Arbed und Crédit Lyonnais sitzen. Früher ging la doulce France kämpfend für den Glauben nach Palästina zum Grab des Herrn, heute sitzen die Deutsch de la Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern und lassen Deutschland aussaugen.

Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz französischer, belgischer, holländischer, englischer, amerikanischer Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des früheren niederländischen Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Rußland zu bilden. Vor wenigen Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Männer eines einzigen Landes einige Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents, machten ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und erschien ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon völlig ineinander vertrustet. Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital Rohstoffquellen brauchte, die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold- und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine ist der Streit um Kohle und Erz, die Karambolage zwischen den Holländern und Amerikanern ist wegen der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen. Jetzt aber wird die Wirtschaft ein europäischer Riese und hat sich so verfilzt, daß vielleicht die äußeren Kriege unmöglich werden.

Den kühnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die größten Zechen mit allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in seine Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen Ölkonzern, mit der chinesischen Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat Petroleumkonzessionen in Comodore Rivadavia in Argentinien, eine elektrische Fabrik im jugoslawischen Agram, er besitzt italienische Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin, kaufte rumänische Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht mehr bolschewistische Rußland beliefern zu können. Es gibt keine Grenze für sein hydrahaft wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien? Gemacht. Die Alpine Montangruppe in Österreich? Gemacht. Eine Handelsgesellschaft in Niederländisch Indien? Gemacht. Eine Waggonfabrik in Choribon? Konzessionen in China? Der Stille Ozean der künftige Brennpunkt der Wirtschaft? Gemacht.

Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Bürgertum zerrieben wird. Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Stützpunkten umzusehen, um mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes ist gegen den Morgan-Trust, der das Tausendfache an Kapital kontrolliert, nur ein Zwerg. Amerika und Asien haben einen Schein von zukünftigen Wirtschafts-Kränzen um das Haupt.

Gegen die Riesenkraft dieser Kapitäne der Wirtschaft hat sich die arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale Metallarbeiterverband hat acht Millionen Mitglieder, soviel als Kämpfer an den Fronten des Maschinenkriegs. Ihre Bureaus kontrollieren die Konzerne, ihre Betriebsräte gruppieren sich in derselben Form wie die Konzerne, die sich nach Form der Seepolypen und Quallen vergrößern und verändern, und halten ihnen die Gegenwagschale fest.

Zwischen diesen beiden Mächten schwankt das alte Europa. Seine seitherige Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet in der staatlichen Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die Sieger des Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven übernehmen werden. Die Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitäne der Wirtschaft und ihre Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstört und die Welt damit, werden die schaffenden Klassen sich mit den kommandierenden vermischen, sie werden die seitherigen Führer ersetzen und eine neue Form der Gesellschaft gründen. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht vorzieht, klüger wie die Natur zu sein und sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.

Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Früher machte man sie wegen irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo erschossen, und trug die heilige Leiche über die Boulevards. Man kämpfte noch um Verfassungen und brauchte Märtyrer. In Pernambuco sogar sah ich Revolten, die wegen der Einführung der Straßenbahnbillette und der Durchführung des Impfzwangs geführt werden. Heutigentages entledigt sich die Luft durch sie der elektrischen Spannungen, die zwischen den einzelnen Lagern liegen und macht die Zeit damit präzis und funkelnd wie ein Walzwerk.

Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der großen Romane von Fielding bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und de Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die großen Dramen von Shakespeare bis Molière, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glänzten die schlanken Epen des Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von Troyes und vom Hildebrandslied bis zu Hartmann von Aue. Unser Jahrhundert hat seine schöpferischsten Kräfte scheinbar in die Gestalt von Ingenieuren geworfen, Konstruktionen ungeahnter Formate, Wirtschaftssysteme zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose Brut von Kinos über die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint, die Welt fiele am liebsten in den Zustand der Barbarei zurück und wolle nichts mehr wissen von der Schönheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit stets homerischen Heißhunger nach dem Erlesenen, und erst die Zivilisierten begannen mit dem Glauben, das Unaussprechliche sei entbehrlich, soweit es vom Geist her komme, und man vermöge es durch Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.

Möglich, daß die Kunsthandwerker des Mittelalters, die die Dome und Altäre bauten, heute statt dessen die eisernen Schwebebrücken, die sechzig Stockwerke hohen Häuser, die irrsinnigen Maschinenwerke erfänden. Vielleicht, daß Lionardo, statt sechs Jahre an den Haaren einer Frau zu vermalen, das schönste Luftschiff auf elektrischen Wellen über den Ozean oder zum unserem Klima entsprechenden und daher am wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel? Es gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht. Es gibt auch nur einen einzigen vollkommenen Enträtseler der Epoche. Es war der Clown eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die Manege schrie: „Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.“

Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen. Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das Beste will aber einen Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes herangepfiffen, von den Sozialisten ins Schlepptau genommen, läuft es wie ein getreuer Stern den großen Zug um die Achse seines Schicksals.

Seine Fürsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine Bürgerschaft wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Fürst der Bürger. Unter Ebert, dem ersten deutschen Präsidenten, einem ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines Jahrhunderts, das die Bourgeoisie und ihre Kunst auslöscht. Der Krieg sollte die Macht dieses Standes, der sich achtundvierzig noch auf Barrikaden stellte, befestigen. Herr von Zobeltitz sang damals: „Ein Mayer fiel und ein Arnim starb / Unter den Kugeln der Feinde / Gab zwischen Adel und Bürgertum / Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt baut der einende Todesruhm / Brücken durch brandrote Lüfte.“ Der Herr dachte an Avalun und ahnte nicht den Pulsschlag Europas. Die Seufzerbrücke des Krieges baute sich auf über das Leichenfeld des bürgerlichen Deutschlands, machte den Plan glatt zwischen arbeitender Masse und den Steuermännern der Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen Schiff, sich auseinanderzusetzen haben, ob sie den Erwerb teilen oder sich in die Luft sprengen wollen.

Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erkläre, das ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen wir wandern.

Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und interessantesten Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den Preisen seiner Lebensmittel wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen Valuta von Tag zu Tag die der anderen überfliegt, dessen Industrie zittert vor der Stunde, wo die Mark sich stabilisiert und sie die Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr mit Dumping unterbieten kann. Die aber auch graust vor dem Tag, wo die Mark hingegen steigt, die Konkurrenz unmöglich, Millionen Arbeiter auf der Straße liegen und die inneren Kämpfe mit einer Grausamkeit drohen, gegen welche die Eroberungskriege früherer Zeit nur schwache Feuerwerke sind.

Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in erbärmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die Wölfe des Elends wehrt, indem die anderen Länder Europas, die es ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem Schauspiel zusehen. Und während die Neue Welt sich nicht anschickt, aus dem Sentiment des Rettens zu helfen, sondern fortfährt, zu allen Speisen Käse zu essen, Oberammergau zu besuchen, seine Männer zu effeminieren und auch den ältesten Weibern die Haare abzuschneiden.

Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mädchen für die Verdichtung der U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn besuchte, dem Sekretär sagte: „Schreiben Sie auf ‚Haben‘, daß er rote Haare hatte, damit, wenn er kommt mit grauen, man weiß, daß es rote waren, die er besaß.“ Zwischen der edlen Nutzlosigkeit der ersten und dem Zynismus der zweiten Geste atmen unsere Obstbäume.

Über den Obstbäumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer Größe, mit allen Malen unseres Unglücks und mit den Verheißungen unserer Unvollkommenheit. Zwischen den Flüssen und den Bergen Deutschlands bereitet sich seine Wiederkehr. Über den Hügeln liegt die Zartheit seiner besten Farben. In den Buchenwäldern hallt das Echo seiner Helden. Zwischen den reifen Wellen des blaugeäderten Kornes wehen die Vogelstimmen seiner Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in alten Dörfern haben nicht aufgehört zu rauschen, und der Dampf seines regengespeisten Bodens duftet die alte mythische Fruchtbarkeit.

O Deutschland.

Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen deine Kinder wie die Bären der Savoyarden auf den heißen Eisen der Zeit. Zwischen deinen schönsten und geliebtesten Flächen haben die Einen begonnen, einen Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen Gliedern blutend, den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Späße das Publikum von ihren Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus zu rühren suchen. Sie schreien und sie lachen und sie weinen durcheinander wie am Anfang der Schöpfung, aber sie leben.

Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge für deine stille Bereitschaft. Sie ahnen nichts von deinen Rebengärten, deinen romantischen Ufern, den jungen Wäldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie spüren nichts von dem Goldschlag der Reife, die dein Körper, den man beraubt hat, in seiner Enge erreichte. Sie spüren nicht, mit welchen Wonnen deine Meere unter dem Sommermond schlafen, deine Pappeln mit den Chausseen im Abend wandern, mit welcher Süßigkeit deine Lerchen in den Frühhimmel steigen. Sie haben den Blick nicht für den stillen Glanz deiner Matten, über die die großen Kuhherden weiden, den Zauber selbst deiner ärmsten Gerölle und die tiefdampfende Schöpferkraft deiner aufgeworfenen Erde.

Sie ahnen nicht, daß von deiner Brust und der stählernen Lockerkeit deiner weiblichen Gelenke die schöne Bewegung ausgeht, die sie eines Tags trösten wird. Und sie spüren nicht, daß, ob sie mit ihren glatten Schlachtordnungen siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen Gesellschaft in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen zurückgestürzt auf die Erde, zu dir zurückkehren, sie in dir die schöne Geliebte, die Mutter und die Heimat finden werden, an deren Leib es schön zu ruhen und herrlich zu leben ist. Sie haben deinen Leib nicht beachtet und sie ahnen nicht, daß er mit einem gewissen Lächeln der Überlegenheit über alle Wirrungen hinaus nur atmet: Gelassenheit.

Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die Kühle, sie nicht zu überschätzen, und wer die Kühnheit des Vorstoßes hat, besitzt auch die Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht, Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man genießt, hat man Zutrauen in das Gelebte. Als Balzac in der kränkendsten, entsetzlichsten Form durchfiel, dachte er am nächsten Morgen nur an die Anlage eines Weinberges, einer Molkerei, eines Gartens seltener Gemüse.

Alles Unglück ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe, gleichwie in der letzten Erzählung des Boccacce, die schildert, wie ein Edler seine Frau verstößt, beleidigt, kränkt, um zu erproben, wie weit ihre Zuneigung geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der tiefsten in gefälliger Anmut und eines der galantesten auf tragischem Boden, sondern es ist hinter der Mauer der Pest auch das tollste Loblied auf das Dasein.

Sehen Sie zurück, Mijnheer: Die Säule auf dem Feldberg steht wie eine Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau wogenden Luft.

Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der ritterlichste Gipfel einer verwirrten Übergangswelt, Blériot der unerschütterlichste Bejaher einer anderen.

Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde gnädig, die Menschen fruchtbar sind.

Sehen Sie vorwärts: Da flimmern bereits die ersten Gärten, der Frühling hat sie übermannt und tobt mit Gerüchen, es flammt uns entgegen das Gold der Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln. Wir sind fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.

Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelöscht, die Vogesen verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit erstickt jetzt mit seiner nahen Fülle. Hinter ihr kommt die Musik der ganzen Welt mit Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur Melodie der Epoche, vor der der Frühling herstürmt wie Apollon Mousagetes, der, in fast weiblichem Chiton heranbrausend, die Nymphen um sich, die Götter anschwellend immer mehr hinter sich, in einen olympischen Rausch hineintanzt. Ich höre die Musik von Kämpfen und ich rieche den Duft der Opfer. Ich spüre meine Heimat. Es lebe Deutschland.

Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im Schmollwinkel zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor, mit ihr zu marschieren und nicht zu versäumen, die Hand ans Ruder, den Blick auf die Kontrolle zu richten.

Mein Großvater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen siebzehn über siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den Freimaurerspruch mit: „Wenn dir der Große Baumeister einen Sohn gibt, zittre vor der Verantwortung, die er dir auferlegt hat. Mach, daß er bis zum zehnten Jahre dich fürchte, bis zum zwanzigsten dich liebe und bis zu deinem Tode dich achte.“ Ich werde vielleicht ohne Söhne sterben, Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhören zu lieben.

In meinem Wappen stehn unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder noch nicht in das Haus meiner Väter in die Bibliothek gehängt. Ich habe mich nicht so rasch entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer unbedenklicheren Zeit war, denn ich übersehe die Zerrissenheit meines Jahrhunderts besser und ich weiß, daß jeder Schritt heute der falsche sein kann, daß man kurz vor dem Tode vielleicht erst die Ahnung des rechten hat und diese halbe Gewißheit womöglich in der letzten Sekunde noch widerruft. Man weiß nur, wohin man marschieren muß, man weiß nicht, wohin es geht. Und man weiß nicht, ob die Führer die Helden oder die Verbrecher sind.

Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fünften Karl begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen König nach den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem der Javaner und Spaniolen überbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll Genuß und Verantwortung in die Welt hineinführen. Sie unterscheiden die Notwendigkeiten der Zeit und die Wünsche Ihres Blutes, und Ihr Monarchismus ist Ihnen das schöne Symbol einer Zeit, die um erlauchte Traditionen kreiste und nicht der Götze unfruchtbarer Launen.

Was werden Sie tun? Ziemt es dem holländischen Gentleman, nachdem wir in zehn Nächten die Welt verteilt, die Künste zensiert, die Leidenschaften geprobt haben, der den Horaz im Koffer mitführt in die intimsten Situationen, ziemt ihm die Heimkehr zum Haus in ’s Gravenhage, nach der Bibliothek in Delft, zu den Herden in Utrecht, so ist die Reise gesegnet. Drumherum steht die Welt voll Genuß. Mai in Baden-Baden, Juni in Verona, im Juli zieht die Wimbledonwoche um den Davis Pokal auf Rasenplätzen in England. Die Rumänen stehn gegen die Tennisspieler der Philippinen, die Italer gegen die Japse, Dänemark ficht gegen Indien, und der Australier Patterson ist Favorit mit seinen schmetternden Drives und seinem zertrümmernden Anschlag, wenn der König zwischen dem Prinzen von Wales und dem Herzog von York, seinen Söhnen, das Signal zum Beginn gibt. Sie können sodann im August am Pazifik „medicine ball“ spielen und im September in Hawai im Schlepptau eines Motorbootes das aufregende „surf-board-riding“ ausüben und Sie werden die schönsten Frauen der Welt dazu um sich sehen.

Sie werden den Atlantik hören und den Pazifik schäumen sehen und spüren, wie die Schiffe darauf schaukeln und Sie werden die Größe der Erde mit einer grenzenlosen Verwunderung einziehn. Denken Sie an den Tag, wo es Sie überfällt, daß Sie kaum zu atmen wagen: wie grenzenlos die Welt ist . . ., denken Sie, daß ich Ihnen sagte, zuerst seien die Menschen und dann erst die Götter, die sie sich erschufen.

Einmal komme eine neue Gesellschaft, aber vorher sei das Dasein, das sie erst erkämpfen kann. Einmal komme eine europäische Weisheit, aber vorher das Leben, und nichts sei männlicher als Gelassenheit. Sie sind ein holländischer Gentleman, der die Erde liebt wie ich, mit dem ich zehn Nächte durchwachte, und sind nicht der Teufel, mit dem Herr Grabbe über diese Dinge zu reden gezwungen war, und Sie verstehen auch, wie ich Sie begreife, wenn wir „Leben“ sagen, weil das alles ist.

Ach, auch Achilleus wußte um den sichersten Besitz dieser Kugel. Als Odysseus ihn in der Unterwelt besuchte, erkannte er ihn erst, nachdem er Blut vom Opfertier getrunken, und als jener ihm Komplimente machte, wie fabelhaft ihm auch der Tod tributär sei und wie erhaben auch im Hades er herrsche, winkte der beste Grieche mit der Hand. Er hob den Kopf in die Höhe, versuchte das Dunkel zu zerreißen und bewegte die Lippen: er möge lieber als bei den Toten zu herrschen ein Tölpel sein, der knechtisch hinter dem Pflug die Erde aufreißt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Mijnheer. Leben Sie wohl,

Die Schlitten halten an und müssen zurück.

Die Schneegrenze ist erreicht, der Winter zu Ende. Hier wechselt das Klima. Drüben im Frühling stehen schon wartend unsere Wagen. Zweihundert Meter tiefer dehnt sich die Ebene bereits in betäubender Fülle. Dort ist schon Sommer in Deutschland.

REGISTER

Addison 285
Aeschylos 123
Aho Juhani 284
Allgeier 69
Alexis, Willibald 128
Altenberg 58, 257
Andersen 54, 134
D’Annunzio 9, 21, 42, 107, 205, 278, 282
Apulejus 21
Archipenko 231
Arcos, René 277
Ariost 201
Aristophanes 217
Aristoteles 74, 246
Arndt 210
Arnim, Achim v. 108
Auernheimer 257
Aurevilly, Barbey d’ 108
Auwers 268
Ayrer 24

Baalschem 288
Bab, Julius 191
Babits 284
Bahr 85
Baker 104, 227
Balder 261
Balla 281
Balzac 18, 24, 29, 71, 110, 162, 170, 228, 274, 278, 302, 303, 318
Balzagette 215
Bang 28, 242, 244, 288
Barbusse 205, 215, 271, 275, 276, 286
Barlach 106
Barret-Browning 278
Barrow 103
Bartels 173
Bassermann 70, 77
Baudelaire 28, 107, 244, 255, 274, 278
Baum, Oskar 258
Bazaine 12
Beardsley 285
Beaumarchais 131, 304
Beaumont, Herzogin v. 170
Becher, Joh. R. 106, 213
Beckmann 44, 214, 303
Beer-Hofmann 257
Benedetti 12
Benn 135, 233
Béranger 228
Berger, Ludwig 80
Bernard 102
Bernhardt, Sarah 77, 131
Bernini 26, 27, 158, 161, 304
Beyerlein 52
Bierbaum 58
Bie, Oskar 279
Bismarck 141
Björnson 289
Blanchard 141
Blei, Franz 172, 177, 178, 179, 180, 278
Bleibtreu 57
Blériot 42, 145, 152, 228, 319
Block, Alexander 285, 303
Bloem 46, 63
Blümner 106
Boccaccio 20, 21, 36, 113, 233, 264, 318
Boccioni 229, 281
Böcklin 303
Boehme, Jacob 106
Boileau 74, 130
Bonsels 47, 55, 99, 181, 269, 305
Borchardt 85, 86
Börne 172
Bosch 303, 307, 310
Bosse 77
Bossi 268
Bossuet 25, 101
Botticelli 242
Boucher 36, 96
Boussanelle, Rittmeister de 247
Brant 209
Brantôme 102
Breitensträter 177
Brentano 172, 211
Brod 258
Brummel 263
Brunetière 172
Brunner, Prof. 171
Bruun, Laurids 104, 288
Buber, Martin 287
Büchner 27, 46, 84, 107, 128
Bulwer, Earl Lytton 161, 207, 285
Burkhardt, Jacob 102
Burns, Robert 162
Byron 107, 137, 207, 231, 272, 285