18. An einen Staatsmann oder die Tat
Lieber Herr Staatspräsident, Sie sind alt, temperamentvoll und klug. Sie wissen wie ich: eine Soldatenrevolte, ein verlorener Krieg, das ist noch nicht Revolution. Sie haben in einem kleinen Staat die Macht an sich genommen. Ich heiße sein Bestehen gut, es soll nicht alles Deutsche ins Preußische gefalzt werden, und ehe nicht die Lust zur Einheit aus innerer Kraft zur Einheit kommt, ziehe ich die Reibungskoeffizienten der bunten Landkarte vor. Es ist ja im Grund ohne Bedeutung und nur formal. Das geographisch kleine Maß macht keine Verringerung des Anspruchs. Keine Tat wuchs in der brennenden Stunde auch aus kleinstem Ausmaß, ohne sofort symbolisch zu werden. Ihre Verantwortung, auf die ich Sie festnagle, liegt in Ihrer Erstmaligkeit. Was Sie tun, ist wichtiger als Handlungen derer nach Ihnen. Haufen Dinge warten auf Sie. Sie werden sie tun. Aber es wäre entsetzlich, wenn es die falschen wären, die unwichtigen, die von Hundsfötten und Irren die praktischen genannt werden. Was Sie heut versäumen, holen Sie, holt keiner nach Ihnen ein.
Es ist unwichtig, verbrecherisch und fatale Klugheit, wenn Ihre Umgebung, die Parteifunktionäre, die Sie bearbeiten, Ihnen vorkauen, es sei notwendigstes Gebot, Wahlgesetze zu entwerfen, ein Parlament einzuberufen, mit liberalen Bürgerparteien zu schachern, links und rechts zu lauern, welchen Kurs der November weiterhin nimmt. Es ist lachhaft, zu denken, wie Sie die bourgeoisen Beamten im Zartgefühl schonen, von der Front zurückflutende Truppen schwarz-weiß-rot empfangen, den Soldatenrat langsam kastrieren und die Finanzräte der Kriegsanleiheanimierung das tolle Wort führen lassen. Kunst und Macht der Betriebe schnurren wie Gummi langsam in die zitternden Hände der Bäuche und Provinzheroen zurück. Die Jugend und die Entflammten der Revolution staunen mit erwartungsvollen Augen nach Ihrem Haus. Sie verstehen nicht, daß nun nichts anderes komme als Kartoffelsorgen und die Verfügung gegen Unabhängige und als liberales Geschenk die Aufhebung der Bezugscheine. Man kümmert sich den Buckel darum.
Das ist ein Bluff, ist nichts.
Diese Stunde leuchtet nur einmal im Jahrhundert. Was Sie vor „realen Tatsachen“ heut nicht sehen, geht an Ihnen vorbei in den Abgrund. Es ist das Wertvollste. Später erschlägt es Sie und die Ihren, wenn die anderen das irgendwo umherirrende Tier eingefangen haben und gegen sie geritten.
Greifen Sie der Stunde an die Gurgel, vergewaltigen Sie sie vor Freude unsinnig, sie wird schön zu ihnen herüberkommen. Noch ist Zeit. Verfallen Sie nicht dem Irrtum, daß Sie hier ständen, sei die Folge der schießenden Soldaten, der Hanswurstiade von neulich nachts, der Organisation Ihrer Partei. Ahnungslose. Nur die treibende Kraft nach Freiheit und Gerechtigkeit (wovon Sozialisierung ein geringer kleiner Teil, nicht der obere, wie Sie glauben), das allein feuerte Sie hoch. Nun halten Sie nicht. Es genügt nicht, daß Sie die Macht haben. Festigen Sie sie. Gründen Sie sie, indem sie die Sockel aufstellen, die sie erhalten, legen Sie weiten Blickes die Fundamente zu ihrer schöpferischen Existenz. Denn wenn nicht der Geist, der seither unterdrückt war, nebenan stand und verdammen mußte, wenn der nicht weiterhin hineinspült in Ihr Werk, wird es austrocknen, verdorren, die Häscher werden es zusammenhauen, sobald sie sich von ihrem Choc erholt. Wir brauchen keine Rücksichten aufeinander zu nehmen. Sie sind durch Ihr Alter sehr klug geworden, sehr berechnend, ich fürchte: nicht weise. Sie ironisieren, wenn ich sage, der Geist. Man hat seither in der Politik diesen Zähler nicht gekannt. Mit Schachspiel führen Sie die Menschen nicht in die Seligkeit. Nur mit Bekenntnis und Tapferkeit. Auch das ist Ihnen juvenil. Sie wissen, daß ich meine Ziele sehr weit hinter den Realitäten aufstelle, aber daß ich die Gegenstände, die ich will, enorm ramponiere. Reden wir taktisch.
Jean Baptiste Colbert begann die Aufforstung Frankreichs, da er kein Holz hatte, um zum großen Ruhm des absolutistischen Königreichs, das er schuf, eine Flotte zu kreieren. Der größte Künstler der Welt riet Ludwig dem Vierzehnten, die Porzellanmanufakturen auszubauen, denn nichts trage den Namen des Königs so weit in die anderen Erdstriche. Man tat das Gute aus Instinkt für eine nebensächliche und schlechte Wirkung. Tun Sie es der Sache und der guten Tat selber halber, wie die Franzosen nach ihren Revolutionen sofort den Geist zu sich rissen, damit entflammten, wie Lenin durch von Kandinsky gemalte Kilometerstraßen seine Triumphzüge der größten und bedeutendsten Revolution der Geschichte ziehen ließ. Kuppelten sie früher die schöpferischen und inneren Kräfte des Volks an zackige Kronen, war es meistens Notzucht. Sie aber stehen heut zwischen den Lagern, können ins freiere, immerhin revolutionierte Volk Ströme gleichen Sinnes fallen lassen. Sie brauchen nur den Hebel zu drehen. Dann wird keiner Sie vergessen.
Nichts gibt mehr Überzeugung wie das Existierende. Und heute haben Sie noch die Macht, um die ich Sie grenzenlos beneide, das Schlechte auszuscheiden und aus dem Fließenden das Neue zu gestalten, schöpferisch in der Politik, wie kaum einer unserer größten Ahnen in der Kunst es vermochte. Dies Volk der Sklaven und des ewig untertänigen Verstandes hat zum ersten Mal den Mut gehabt, sich zu befreien. Werfen Sie ihm Notringe, Schwimmgürtel, Rettungsboote hinaus, daß es nicht, erschrocken von der Uferlosigkeit der Freiheit, geschwind und feig und blaß die Küsten wieder erschwimme, wo zwischen Polizisten, Paragraphen und Galgen es den Paradeschritt des untertänigen Hirnes wieder beginne. Den weiten kreißenden Sternblick verträgt nur der innerlich Freie, der immer Melodie in sich spürt und von Musiken gespeist wird, die ihn geschliffen von Kraft gegen das Unendliche anschleudern lassen. Der Wicht, die Nulpe will Ordnung und Essen. Nimmt dafür Stall und Dressur. Es ist ihm lieber, er hätte vier Beine und könnte bellen. Es hätte Bequemlichkeit für sich, und auch der Hund trägt gerne Marken und Orden um den Hals.
Als Sie noch schliefen in einer Nacht, nie glaubten, Sie trieben durch Organisation die Revolution auf, platzte dort schon ein Vers, nahm dort vor Jahren eine Novelle eine Kurve nach oben, kam Erleuchtung und Umsturz in dies Bild, jenes Manifest. An den Ecken des Reichs verbrannten sie den faulen bürgerlichen Zauber. Die Revolte begann schon da. Die Zerstörung hatte eine Schleuse aus der Erde gerissen. Dort begann es mehr als in der Nacht ein paar Jahre später, als Sie im Manifest des Zusammenbruchs Herr wurden der neuen Form. Die geistigen Signalfeuer der Revolution haben in kleinen Zeitschriften und Büchern Jahre hindurch gebrannt, haben sich an den Peripherien geeinigt und sind im Kreis gegen die Mitte zu gejagt. Sie kamen recht, zu sehen, daß sie Gefahr liefen, umsonst gekommen zu sein.
Vermeiden Sie das schmerzlichste, daß die geistigen Führer wieder ausgeschaltet, wieder voll Anklage neben der neuen Macht stehen müßten, wie neben der alten. Schaffen Sie sich Fanfaren ins Herz des Volkes. Lassen Sie die Literatur, die Ihre Macht vorbereitet hat, eingreifen und feuern. Noch haben Sie nur Maschinengewehre, die in Ihren Händen auf die Dauer ein Witz sind. Wie könnten Sie sich halten mit den Waffen, die selbst den Bayernrupprecht, den Ludendorff nicht schützten. Machen Sie das Wort zur Waffe statt den Säbel. Entfernen Sie die alte Kulturspielerei, die Schamlosigkeit der Volksbildungsbestrebungen. Fort mit dem Rummel, der Ahnungslosigkeit, dem Gespiel, Getu, Geschwätz. Sprengen Sie Schulen und Universitäten vor allem in die Luft. Es ist Zeit, daß Sauerstoff in diese Gelb- und Kreuzgasschwaden kommt. Schmeißen Sie die Hebel zurück, die der Intelligenz den Zugang sperren und nur privilegiertem Geldbeutel ihn öffnen.
Vielleicht wird eine neue Rasse des Führertums entstehen statt Querköpfen und Têtes melons, deren akademische Graduierungen das Gespött der fortgeschrittenen Tiere sind. Es kämen die Ideale unserer Zeit in die Brennpunkte der Kulturwirbel und es würden nicht weiterhin (wie früher Schlachtrosse der Helden und gute Muttersäue) die Fahnenschwünge von Achtzehnhundertzwanzig dort in Übung und Gnadenfutter gehalten. Endlich einmal muß doch der Kontakt zwischen der Intelligenz und dem Volk überspringen. Noch fließt er hinter Zement irgendwo vorbei. Ein Skandal, daß nicht am neunten November schon Deutschland unter Geistflut gesetzt wurde. Es hätte noch erfolgreicher den reaktionären Barbaren widerstanden als das ypernsche Gelände, mit dessen Überschwemmung die Belgier unseren Generälen das Tor des Sieges donnernd gegen die Stirne schmissen.
Zwei Lager seh ich allerwege. Ein Volk, das aufbraust und eine Kunst und Ideologie, die zutiefst mit politischen Idealen sich trifft. Ein Wink, und Dichter werden wie in Zeiten großer hellenischer Vergangenheit öffentlich lesen. Auf zur Hebung der Schichten, die im Dunklen schaffen, zur Macht der Weisheit. Machen Sie aus den Theatern eine Säule, auf der Gesinnungshaftes gespielt wird. Haben Sie nicht Museen, Bildungsstätten, Akademien? Nivellieren Sie sie, machen Sie sie wieder auf, damit sie nicht Gebirgswinkel der Reaktion, damit sie lesbare Symbole unserer Zeit sind. In geistigen Dingen noch wichtiger als in formal-politischen ist die Kapitulation des seitherigen Systems. Schon der früheren Regierung war ihre Kunstpolitik diskreditierend. Und Sie schleifen den toten Bären mit.
Einmal, öfter, in Renaissance, Barock, Rom, Byzanz, waren Geist und Päpste und Fürsten Schmelzpunkte von einer Klarheit, daß es uns heute noch blendet und uns Geständnisse unserer Dürftigkeit entpreßt. Heute muß zwischen freiem Volk und Geist die gleiche Annäherung kommen, oder Ihr seid verloren. Hier wird nicht gearbeitet für den Tag, sondern für die Generation. Nieder mit der Kunst der Gesinnungslosigkeit, dem unhumanitären Geplärre der Aufpäppelung der Kitschiers mit der Ruhmesglorie, dem Mangel an Richtung, Profil, Gesicht. Nehmen Sie das, was auf den Straßen Ihnen bereit liegt, riesige Arme zur Ertastung des Volksbluts, der Sicherung des Zustands.
Versichern Sie sich der Jugend vor allem. Halten Sie ihr die Größe der zukünftigen Ideen vor, damit nicht ihr Rausch abgelenkt werde und nationalistische Piraten sie mit den Leuchtfeuern der Kaisermythen und der Schlachtlenker-Legenden in ihre Häfen täuschen. Gehn Sie an die Wurzel, entfernen Sie unbedingt an den Schulen Minderwertiges, Verfaultes, Konträres. Es sollte wie bei den Peripathetikern der Stand des Lehrenden der erste und nicht wie seither bei uns der geschmähteste zu Trommler und Pauker entehrte sein, dessen Verachtung die weltmännisch sich gebärdenden hohen steifen Kragen irgendwelcher Juristen kaum eine Sekunde zu unterdrücken geneigt sind.
Hier wächst Ihnen entweder ein Geschlecht oder der Abgrund.
Entfernen Sie den Schund der Lesebücher, geben Sie ihnen eine andere Kursstellung. Geschichts- und Geographieunterricht nach internationalen Richtungen. Seien Sie unerbittlich aber auch loyal. Lassen Sie die Staatsmaschine einmal Glühendes statt Papier speien. Lassen Sie Staatszeitschriften hinausgehn, jedes Haus erreichen, werben, erklären. Eifern Sie den Katholischen nach, deren Organisation für ein geistiges Ideal ihnen jede Macht gibt und selbst die amerikanischen Trusts weit übersteigt an Disziplin. Machen Sie Riesenbibliotheken für das Volk. Kontrollieren Sie die Öffnungen, aus denen öffentliche Meinung gemacht wird. Legen Sie den Arbeiterzünften Redner zu, die nicht das taube Korn der Partei vormahlen, sondern ihnen „Moulins Rouges“ der neuen Zeit vor die Stirnen stellen. Stellen Sie an hervorragende Posten Männer, die keinen Verdienst haben als in der Idee dem Volke gedient zu haben. Wer im Krieg wagte, dem schneidigen Regime zu widerstehen und es in seinen Büchern und Handlungen zu verklagen, hat mehr Recht auf der Spitze des sichtbaren Kreuzes zu stehen, als einer, den die Maschine der Fraktion oder des Zufalls hinaufgekartet oder gewürfelt hat. Auch wird es gewaltig über die Grenzpfähle wirken, erst gering und klein (wie bei uns auch) aber später wie ein Prairiebrand. Ersticken Sie ihn nicht. Es geht endlich einmal, so sehr ich Zweckliches als Feldgeschrei ablehne, endlich einmal nicht um Artistisches, um Ästhetisches, um Schlagsahne, Samt und Geld, kurz nicht um Literatur, sondern um eine moralische Sache. Es ist ein Widersinn und eine blanke Dummheit, sollten die, welche in der Schwarmlinie einer ganzen Generation nach Gerechtigkeit und sozialen Ideen rufend, vor ihnen her die Revolution gefordert, nicht auch Träger der Idee nach innen hinein werden. Es wäre der erhabenste Stumpfsinn.
Denn bald würden Sie einer Phalanx von Einfältigkeit und Machtgier der Seitherigen gegenüberstehen, und manche, die Ihnen heut zunicken, werden drüben sein. Et facti sunt amici in illo die Herodes et Pilatus. Ich weiß, daß das Schicksal die sozialistische Welle weiterrollen lassen wird, aber ich kenne nicht die Formen, unter der wie das Christentum der Zusammenstoß von Idee und Sachen sie vielleicht zum Gegenteil umschweißt.
Aber ich zöge es, da ich an napoleonische Tage nicht glaube, und unter Rupprecht und Lettow-Vorbeck kaum eine Atmensmöglichkeit erblicke, indessen einen tapferen und guten Absolutismus aber diesem Düngerhaufen des Geistes dennoch voranstellte, ich zöge es vor, unter dem dritten Otto, dem vierzehnten Louis oder dem achten Urban gelebt zu haben. Womit ich in der Tat selbst aber mich keiner Konsequenz der Zeit, auf der mit festen und in keiner Übung ungewohnten Schenkeln ich sicher zu stehen glaube, entziehen möchte.
Ich sage eindeutiger, einseitiger und erregter Ihnen das in diesen Novembertagen des Jahres Neunzehnhundertachtzehn schon, da Sie es wissen wollen. Sie haben zweieinhalb Mal solange das Leben gesehen wie ich und die Berechtigung, die Augen manchmal zu schließen und die Dinge nicht so ernst zu nehmen, da Sie vieles gesehen und meistens überlebten. Ich weiß, daß die Skepsis zur Ekstase gesellt erst jene kühle Tatsicherheit gibt, die gebraucht wird. Ich entziehe mich dem nicht. Doch ich möchte, der Krach eines panischen Entsetzens möge einmal wenige Sekunden lang in Ihr Bewußtsein schlagen. Dann hätten Sie, mit Falten der Klugheit um Stirn und Auge plötzlich vielleicht weiter gesehen, als die Vorrechte Ihrer Erfahrung Ihnen gestatten. Denn diese sind nur wertvoll als Ergänzung des Willens, nicht als sein Gehalt.
Da es darauf ankommt, die Menschen mit ihren Ideen zu erneuern, nicht nur ein paar Räder der Verwaltung auszutauschen, müssen Sie Konsequenzen sich hingeben, die tiefer stehen, als Ihre parteipolitische Navigation Ihnen zeigt. Machen Sie die Bahn dazu frei. Revolution heißt Verpflichtung an ihrem Geist. Es wäre eine Niederlage sondergleichen, ja des menschlichen Gedankens überhaupt, wenn Sie es versäumten. Denn vergessen Sie nicht, daß, was Sie an einem kleinen Volk tun, den Ewigkeitswert jeder ersten Tat, jeder erstmaligen Erkenntnis hat und daß Sie es nicht in partikulärem, sondern in ganz großen Maßstäben zu verantworten haben werden.
Damit man nicht sage, Sie hätten das Schlimme getan, das Gift geträufelt, den Vogel fliegen lassen und die Revolution so quittiert wie jener Ingenieur Megret, der, als er Karl den Zwölften tot in der Trenche fand (womit der schwedische Imperialismus krepierte), sagte: „Nun hat die Komödie ein Ende. Wir wollen zum Nachtessen gehen“.
19. Bilanz
Kurz . . . um eine Addition zu machen . . .
Vor einigen Jahren rollte die Welle der Stoßtrupps neuer Gesinnung und neuer Form vor, steckten die Grenzlinien ab, verteilten die Terrains, gewannen die Anfangsschlachten, überschritten die Marne. Ihr Sinn ist näher bei Tolstoi als bei Gustav Freytag, ihre Art mehr zu Grünewald und Bosch gewandt als zu den Nazarenern und Symbolisten. Es ist ihnen nicht viel nachgekommen, einiges, was ergänzte, ein paar Farbflecke neu, aber keine überstrahlende Figur. Genau wie in der Malerei. Es gibt keinen Nachwuchs. Lehmbruck, Marc sind tot. Barlach, Feininger, Rohlfs, Klee, Purrmann, Pechstein, Nolde sind nicht mehr jung. Es bleiben die sieben oder acht zwischen Heckel und Kirchner und Beckmann, die die ersten Eruptionen warfen und nun ins Oeuvre hineinwachsen. Hinter ihnen wie den dichtenden Musen ist nichts wie Krampf, Getös, Radau und jene widerliche verfluchte revolutionäre Geste, die den dicken Wilhelm des radikalsten Expressionismus mimend nicht andeutet: Durchbruch oder ich verrecke . . . sondern: wie schiebe ich mich am verdrehtesten und auffallendsten in eine meschuggene Pose. Junge Leute, Ihr werdet schwer verknüppelt, wenn Ihr es, was wahrscheinlich, nicht vorziehen solltet, der nächsten kleinen Wendung mit gesteigertem Gebrüll zu folgen. Aber man hält das Gähnen nicht vor solcher Steeplechase. Die Eselsohren erscheinen, die mangelnde Lende wächst durch die Tunika, während die Offiziere und Echten und Elementaren der revolutionären Bewegung in die eroberten Städte einziehn.
Kann man auch mit dem Zirkel schon einen Kreis um das Vorliegende schlagen, tangentieren und nach Laune mathematische Erörterungen springen lassen, so gibt es doch noch nicht die leiseste Ahnung, ob wir im Anfang sind der neuen Prosaentwicklung, ob mitten drin, ob vielleicht schon am Ende. Es scheint, als ob die Geschichte, die verzweifelte Dirne sich wiederholender Handlungen, lehre, die Exploiteure und Buschmänner neuer Weltgefühle und Stile seien auch ihre wesentlichsten Träger. Es ist dutzendfach zu beweisen. Doch kann das Wesentliche auch erst im Schatten dieser Anstrengungen heraufwachsen. Die Spannung, die zwischen Geist und Stoff heut liegt, ist zweifellos feindlich, da es immer auf Vergewaltigungen herauskommt. Das wird nach legitimeren Formen und ehelicheren Annäherungen leiten. Zuerst geht es mit den radikalen Lagern, ganz links oder ins Tief-Katholische. Nicht jene offizielle Religion wird geliebt, die der Krieg kompromittierte. Einmal hat sie der Belgier Masereel, der Daumier unserer Zeit (wenn auch ohne seinen Bizeps) gezeichnet, aus der Bibel lesend, das Feuerkommando gehend. Es wird das Übernationale der katholischen Gläubigkeit gesucht werden wie das Internationale der sozialistischen Ideen, ein humanitärer menschenliebender und vereinender Passat streicht über die Erde. Vorderhand marschiert man tapfer auf eine Mauer zu, die irgendwie wo steht. Das ist überhaupt die Art der Lebensroute. Von Schickele bis Däubler und Mann ist man von der Partie. Erst in dem Augenblick, wo man dicht die Steine berührt, wird ein Teil einfallen, ein ungeahnt großer, neuer Horizont wird da sein. Und Ihr werdet sehr erstaunt sein. Das Neue kommt von einer Seite und Richtung, an die Ihr gerade am wenigstens dachtet.
Es wird wohl nicht ins Uferlose der Form hineinziehn und Geistkonstruktionen werden der neuen Landschaft sehr fern sein, es wäre blamabel, an solche Starre zu denken in sicher melodischerem Vogelgesang der ersten Sekunden. Wirft Flake mir herüber, meine Temperamentsnovellen liefen Gefahr, die große Oper des Heroischen zu werden, freut sich alles in mir, ihm zu sagen, ich habe es vorgezogen, statt ein Gehirnzwitter immerhin ein Kerl gewesen zu sein. Wie ich es mehr liebe, in der Mitte des Mahls Beefsteaks vom Rost mit Blut und Kruste zu speisen als Zirbeldrüsen, in denen, wenn ich nicht irre, der Sitz des Verstandes sein soll, und durch deren Genuß wohl der Sinn für die Konjunkturen des literarischen Betriebes geschärft wird, und sei es selbst in dem regenbogenhaften Ritt durch alle geistigen Phasen und Stile, an dessen Ende der Elsässer Flake keineswegs als der Pol der Epoche landet, sondern als die bewegliche und nicht ganz stilreine Kuriosität eines „Kleists des Feuilletons“, der er immer schon war. Hat die Zeit einmal im Abstrakten sich ausgeschweift und gesehen, daß nur Hirnräuschlein aber keine durch Tod und Hölle sausenden Erschütterungen zu holen sind, wird sie sehr bald in sanftere und geregeltere Beziehungen zum Naturalistischen gehen. Sie werden dann nicht mehr unerhörte Abenteuer erleben, nicht wie reißende Wölfe das Feminine im Vorwurf und Reiz erstreben, sondern dem Seienden die Größe der Seele und die Souveränität des Geistes wohl als milde Ausstrahlung hinzufügen. Ich zweifle nicht, daß es so gehen wird. Vielleicht bleibt man aber auch wieder im Nazarenertum stecken. Wer heut Kraft hat, wird auch weiter eine Sache sein, die man zuerst behandelt, wie die Hunde mit Denkmalen tun und dann gewaltig respektiert. Ob Ihr in Zukunft Kunst wie Erbsen au sucre oder à l’anglaise anmacht, das Resultat wird letzten Endes dasselbe sein. Zeit fragt nicht, wie die Schar der Gourmets nach den Mayonnaisen, sondern nach dem Fleisch. Das ist ihr unbestreitbarer und unerschütterlicher Vorzug. Das alles liegt noch in weiter Sicht und wird nur wie die äußersten Saiten birmanischer Instrumente sozusagen als Untermelodie und pizzicato mit überspielt. Denn vorderhand scheinen wir noch mitten in der Melodie zu sein, und noch hat kein Abgesang begonnen einzufallen. Was Dadaisten heulen, ist nur Geschrei der Unvorsichtigen und nicht aus Geist, sondern aus Dummheit Überkühnen, die an den äußersten Rändern unseres Weltbildes sich die Finger verbrannten. Anarchie ist nicht möglich in dieser Form und Zeit. Das Mißverständnis und die Desavouierung kamen aus dem Erfolg und der modisch gewordenen Haltung, als das Pendel durch die öffentliche Anerkennung durchschwang, die im Grunde belanglos ist und in der Konsequenz gefährlich.
O Ihr Jungfrauen von Kötzschenbroda, Ulm und Gnesen, die Ihr statt Schlummerrollen und Holzschnitzereien Eure unverstandene deutsche Schwermut nun in abstrakten Landschaften und gedreieckten Visionen dem erschreckten und ahnungslosen Publikum Eurer Heimat vorweist, wie sehr habt Ihr (wie die meisten alle) mißverstanden, daß die Wölfe allein imstande sind, die schlanke Geistesbeute zu fassen und zu zerreißen, und daß die Tauben und die idyllischen Hühner, selbst wenn sie die tragischen Masken tragen, unerbittlich an Girren und Scharren gebunden sind. Wer wähnte, die neue Kunst sei modern und es sei nötig und guten Tones gewiß, sich mit zeitgemäßem Badekostüm, Teekleid und Fingergestus auch dem Geistigen bestimmt nun modisch anzuschließen, hat schlechte Börsentips des Geschmacks getan. Modern ist bei Gott hier nicht die Spur — was hier erstrebt ward, war uralt. Modern ist allein und undeutsch auch nebenbei der Kitsch, den die guten Schulen unseres Mittelalters und aller anständigen Vergangenheit nicht kannten.
Eins jedenfalls ist sicher: die Generation ist ausgekernt. Überraschung wird nur noch aus der Leistung kommen, nicht aus dem Affront. Die Redner, Maler, Dichter, Regisseure, Plastiker dieser Jugend stehen in der Arbeit, es ist wohl abgeschlossen, was hinter ihnen kommt.
Das Formale ist als Frage und Problem wohl erledigt. Nun kommt die stille Arbeit. Ich bin für die Leistung. Aber ich bin gegen Expressionimus, der heute Pfarrerstöchter und Fabrikantenfrauen zu Erbauung umkitzelt. Es hat mich nie gereizt, eine Schar zu führen, die in geometrischen Orgien und stilistischen Wettrennen auch nur erstrebenswerte Stationen der Kunst erblickte. Ich erschauere über die nachgeplapperte Gebärde, deren Sinnlosigkeit Brechreiz erregt. Ich bin dagegen, daß die siebentklassigen Leute sich verdrehen, schöne Mädchen und zu anderen Hoffnungen durchaus berechtigende Knaben sich ereifern, die Welt mit kosmischen Tapeten und hysterischen Gedichten zu erfüllen, statt ein bescheideneres und menschlicheres Dasein sich zu erwählen. Ich bin dagegen, daß die Programme der Theater und der Kunstgewerbeschulen und der öffentlichen Vergnügungshäuser schon allgemach beginnen, sich „steil ins Visionäre aufzurecken“, und das die alternden Damen bereits nicht weit davon entfernt scheinen, ägyptische Coiffuren den schlichten und sicher in ihrer Unreizbarlichkeit gelasseneren aufgeklebten Teetassen vorzuziehen. Ich bin voll Gram und Übelkeit über diese Dürre, diese Trockenheit, dieses Mißverständnis eines Nachwuchses, der keiner ist, sondern ein Ameisenhaufen von Ehrgeizigen, Affen und Modischen und Harlekins. Wahrlich, so setzt ein Stil sich nicht durch, nie geschieht durch die kritiklose Aufnahme der Idioten die Wandlung in schöpferische Breite. Glaubte ich nicht, daß, nachdem (Lob, wenn es bald sich ereignet) die Allzuraschen das Geraffte wieder treulos verworfen haben, glaubte ich nicht, daß gegen die Programme, gegen die sie hilflos sind, die Sicheren und Aufrechten, dennoch, sich wandelnd mit der Zeit und dem aufsteigenden Saft ihrer eigenen Reife, diese Mischung von Glauben, Einfachheit und Stärke des Ausdrucks zum guten Ziel breiten werden . . . ., müßte ich wirklich denken, dies Gewimmel von Nichtsen und Nachbetern sei die „moderne Schule“, ich wüßte keinen anderen Wunsch, als daß ich sekündlich bei aller meiner antimilitaristischen Überzeugung bäte, irgend ein deutscher oder gallischer oder tonkinesischer Kriegsgott mit aufgesteiltem Schnurrbart möge dies alles sporenklirrend in die Welt-Latrinen tragen.
Jedenfalls hat das Volk wie das Blut den Bauchtanz der Stilaffereien satt. Als ein Schiff namens Titanic auf einer Rekordfahrt im Frieden von Neunzehnhundertzwölf oder Dreizehn sich an einem Eisberg zerschlug, damit eine englische Linie schneller sei wie eine deutsche, hallte die Sensation noch Monate in den Völkern Europas nach und die Konjunkturgerüsteten verarbeiteten es, wie später den Krieg, zu Novelle, Film und Drama. So begann es, aber niemand dachte bis zu den Wurzeln hinunter und fühlte, hier steige der Riß auf im gottverdammten zivilisierten Jahrhundert, der bald alles zerschmeiße. Man strafte nur Kapitän und vorgeschobene Laffen. Lloyd strich die Versicherung ein. Niemand holte den Zeitgeist vor die Assisen und strafte ihn mit dem Bann. Man hätte ihm damals schon das E. K. I und die Légion d’honneur verleihen sollen, man wäre dann allgemein gefaßter auf das Kommende gewesen. Es sind dann zuviel Schiffe gesunken, Städte zerschossen, Millionen verreckt, Kaiser gewandert, Revolutionen aufgeflackt, als daß irgendeine Sensation außer der des Messers direkt vor der eigenen Kehle die Menschen noch erschütterte. Man will Ruhe. Vorderhand betäubt man noch die Resignation. Auch der Expressionismus ist kein Stachel mehr oder tiefer wie eine rothaarige Barmaid oder die erste englische nach dem Kriege importierte Kokotte mit den neuesten Plissees am Nachtpyjama und famosen Lastern in den Fingerspitzen. Ich fürchte, man wird sehr katholisch werden oder sich süßgefälligem Klassizismus in die Hände werfen, hat man erst an Tanzbarrikaden, Aufklärungsfilms, Bac . . . bac und Homosexualem genug. Sie werden dann vielleicht auf nackten Sohlen zu Traktätchen schliddern und nachts ihre Bonnen auf Filzsohlen besuchen oder ästhetisch werden mit jenem Oberflächenschleim, der alle Unkultur zudeckt. Sie haben dann vielleicht Krausen um die Hälse und Filetmanschetten und mehr Zeit, die Nägel zu polieren als auch in das Gekröse der Zeit zu schauen und Blutdampf der Schlächtereien zu ertragen. Ihnen wird ein Weltbild pastelliert wie eine gebügelte Omelette serviert. Wahrscheinlich wird ihr Anzug auch farbiger sein wie der unsere, wahrscheinlich phantastischer und nicht so idiotisch beschränkt. Das wird ihr wesentliches Plus sein. Uns werden sie als Drecksäcke bestaunen, weil sie sich in Parfümwolken geflüchtet haben. Die Armen werden nicht wissen, daß, neben anderem, wir auch das kannten und, hols der Teufel, die Höhen des Daseins abgelaufen haben wie irgendeiner. Sie haben seinerzeit unter Paul Heyse auch Büchner und Shakespeare wie zusammengeschossene Kuriositäten sich lachend und fröstelnd vorgesetzt, als sie in einer dünnen und lächerlichen Lyrikwolke saßen und, wie immer dieselben, glaubten, ein barbarisches Erdgelächter und die Dicke und Fülle seien Ungeschmack. Ich hoffe, diese Perspektive wird unter den vielen Perspektiven die des falschen Traums gewesen sein. Es wäre zu lächerlich und beschämender als ein Bankerott. Auch ist es wurscht. Man tut das seinige. Mehr ist uns nicht zugeschrieben in dieser übel begrenzten Welt.
Irgendwie hat Kunst eine tiefere Aufgabe als nur ihrer augenblicklichen Zuhörerschaft etwas zu kitzeln. Sie bedeutet heut ein klein wenig Niveau. Endlich eine Anschwemmung von Festland im Morast. So und nicht anders beginnt der Weg zur Kultur und zu den menschheitlichen Aufgaben. Etwas neues ist in unseren Tagen in die Welt getreten und zum ersten Mal zeigen sich Bodensätze, auf denen nach anderen Grundrissen als seither das Gebäude der Erdbewohner gemacht werden kann. Die Dichtung hat diesem oft und früh Ausdruck gegeben, vieles präpariert, manches schon geschaffen. Aber es ist noch ein Molekül. Es fehlt noch das Zusammen- und Ineinanderschweifen der Stile, Geister, Kunst, Gefühle zu einer Zeitharmonie, die tatsächlich von Haus bis Bordell, Glück, Ehe, Krieg, sozialen Gleichheiten einen Raum wie eine Glaskugel so glatt und selbstverständlich baute. Wichtiger als das Drama scheint in der Dichtung Prosa und Lyrik. Ohne Strindberg, Wedekind, Claudel ist die heutige Schaubühne undenkbar, ja fast alles heutige ist in ihnen schon erfüllt. Merkwürdigerweise haben sie die Prosa gar nicht beeinflußt im Kern. In einer absolut neuen und vornehmen Formgebung scheint sich in ihr die Vereinigung slawischen und romanischen Geistes zu vollziehen. Dies ist eine große und praktische europäische Aufgabe. Alles Große ist ja von Urgrund an verbunden, die Themen jeder bedeutenden Kunst sind die gleichen, nie siegte die Gewalt, durch Leid erklomm Mensch und Kreatur erst sich selbst und Seligkeit. Das Europäische steht sich noch näher, denn, so sehr wir natürlich modern sind, sind wir doch Kinder Flauberts und Jammes und Voltaires, und auf der anderen Seite waren die Russen auch vor uns da. Nirgends scheint mir das so gesammelt wie in unseren Prosabüchern. Die letzten Resultate stehen noch aus. Vorderhand ist alles noch zerrissen. Schlössen sich die Kulturansätze dichter zum Kern hin und ginge ein überlegenes Gouvernement vor und plättete die Ansammlungen um einige Kulturzentren besser auseinander, käme es auch mehr ins Breite. Da der Krieg die ethische Seite zum Zerplatzen anzog, kam gute Dichtung ziemlich in die Massen. Tatsächlich brauchts aber Nivellierung, denn die großen Außenseiter machen das Niveau nicht, sondern machen nur die Distanz zu den kleinen deutlicher und die Zerrissenheit größer. Vorderhand vollzieht sich der Blutausguß immer noch in zwei bis drei Zentren, und die Theater, sehr überholte und, Parlamenten gleich, nachhinkende Instrumente sind doch ganz einem Kreis von Kapitalisten, Snobs, Begeisterten und Modisten ausgelieferte Tribünen. Die Masse, das Proletariat zumal, wird überhaupt nicht erreicht. Nicht so wichtig ist, daß eine der Zeit entsprechende Kunst da ist, als daß die Menschen davon erreicht werden. Noch sitzt nicht in jedem Nest ein aufs Gute kontrollierter Buchladen, marschieren Gemäldeausstellungen in die Gebirgstäler, spielen die Kinosterne Hella Moja und Fern Andra wichtige und menschliche Stücke auf jener Flimmerleinwand, die heute der fabelhafteste Schuß ins Volksherz ist, surren gute Vorstellungen durch Vorstadt und Bergwerk. Die Sache ist schiefgewickelt. Was auf dem Großen Bären passiert, ist mir an Europa und vorderhand durch die Valuta an Deutschland geschmiedeten, ganz pulde. Für den Marburger ist München gleich Mond, Berlin dem Rosenheimer schon Sirius. In Roßdorf und Pöcking ist selbst der Name dieses Gestirns noch unbekannt.
Es gibt Architekten, aber kein Baugeld. Für Plastiker keine Säle. Für die Ergriffenen nichts, was statt der gotischen Kirche aus dem Boden wüchse und unsere Zeit als Denkmal über den Erdrücken hin in die Unsterblichkeit trüge. Einheit ist noch sehr fern. Das Expressionistische scheint in der Vielheit seiner Aufgaben und der Flamme, die es aus dem Bündel holte, ein entschiedener und entschlossener Ansatz, vielleicht nur eine Vorbereitung, damit es dazu komme, daß Seele, Raum, Umgebung, Leben zusammenfließe zur Einheit. Als der Akademiker Annibale Carracci die Galerie Farnese anfing, malte er die Decke, komponierte die Gewölbe und entwarf sogar, dieses cervello grande, wie der Cavaliere Bernini ihn nannte, Hermen und Ornamente nach den Gesichtspunkten originaler Perspektiven. Und dies war nur das Barock. Daniele da Volterra (mag er heutigen tausendmal ein Troddel scheinen) fragte Michelangelo um Rat wegen Architektur, und der große Bildhauer machte bedeutende Verse. Es gab in bedeutenden Höheerscheinungen der seitherigen Welt manchmal wunderbare Durchdringungen des Geistsaftes aus allen Lagern und Poren.
Dazu muß beim Menschen angefangen werden. Das Politische muß sich auslavieren. Die Revolution ist nicht tief in die Stollen vorgedrungen, hat aber immerhin eine Anzahl Bollwerke erobert und halten können. Die Reaktion ist kühn auf dem Marsch, die Parlamente begannen ihr ausgequietschtes Scharnierspiel wieder zu schaukeln. In Spanien folgte eine Zeit lang in Monatsabständen ein konservatives immer auf ein liberales Kabinett. So annullierten sie stets das vorher Verfügte. Ähnlich wird man sich wieder die Wage halten, ein unfruchtbares Schaffen wird demokratisch genannt werden. So ließen immer die Völker ihre Rücken biegen und solange sich zu Exerzierfeldern benutzen, bis zu übermütige Belastungsproben ihren Unwillen erregten. Dann ließen sie die Minen springen. Der geheime Zündstoff ist nie verloren gegangen. Ihn heißt es hüten als gutes Feuer und Signal, man muß ihn zum ersten Mal verständnisvoll anlegen lassen, damit eine künftige Revolution endlich einmal zur rechten Stunde und nicht als Ente kracht, daß sie am rechten Platz und nicht aus zufälligen Vesuven steigt und daß vor allem Menschen da sind, die nicht von ihr bleich gegen die Wände gefeuert, sondern grüßend dastehn und sie heimholen als die große Meerentstiegene. Einmal muß der wilde Bulle einen endgültigen und vorzüglichen Sprung tun.
Man soll heftig dabei bleiben und vor allem, was an Tradition da war, nicht vergessen. Das ist Besitz und nicht Belastung, wie die Futuristen meinten, man muß eben nur zu entwickeln verstehen. Das Miese auf den Mist. Das Erhaltene aber in den Humus. Gibt es zwischen Kerr und Fontane noch keine Bindung, muß man sie erkennen und von dort aus Enterhaken ins Zukünftige werfen. So ist schon eine Kette da, Stationen warten, sind hergerichtet, es ist vorbereitet dies und das. So kommt man immer aufs Wesentliche. Das andere muß liegen bleiben bei Seite oder als Dung, wie es sich eignet. Talente genügen nicht mehr. Verantwortungen müssen da sein. Auch der Hecht ist wichtig, als Raubtier hat er Adel und Aufgabe. Auch unerbittliche Verneinung ist Liebe in diesem Sinn. Aber im Guten auch muß die Absicht moralisch sein, nicht nur bon sens. Standhaftigkeit und Urbanität. Kein Krähwinkel der Eitelkeiten. So kommt Höherzüchten, Besinnung, Sachlichkeit. Kommt zwischen Peitschenknall der Hirten und hörnerblasenden Engeln ein neues Tagen. Ein Novum ist in die Welt getreten, viele haben es verspürt, die meisten vergessen. Der Wille zur Einheitlichkeit der Handlung und des Zueinanderwollens hat sich in die Seelen der Völker festgesetzt immerhin. Man soll die Zahl der Entschlossenen nicht überschätzen. Aber das Buch ist eine adlige und gute Angriffstruppe. Zwar haben sie auch Voltaire und Platon gelesen, aber sie haben es auch nicht vergessen. Vorderhand ist unsere Zeit noch barock. Eine Rampe ist nicht vorhanden, nur für wenige, die es hören können, hat das große Schauspiel auf einer geheimen Bühne angefangen, und die unsichtbaren Schlachten und Donner und Verschwiegenheiten der Dialoge und Handlung haben begonnen. Die anderen aber sind auf ihren Stühlen geblieben und haben nichts vernommen. Orbis pictus nannten die Guten früher, was an Welt sie schilderten. Welttheater. Sie sind heute mit unendlicher Dummheit geschlagen, weil sie nicht zur Bühne hinschauen, aber auch nicht spüren, daß statt dort in allen Logen von ihnen selbst ein irres Drama gespielt wird. Nirgends spiegelt sich die Welt wie in uns.
O Deutschland.
Vor vier Jahren, als es begann, Euch kratzig zu gehen, besannet Ihr Euch auf Euren Chauvinismus und nanntet uralt lothringische Nester in Eure Zunge zurück: Mein Metzer Weinnest Siy zu Sigach, Flaucourt zu Flodoaldshofen. Selbst Jouy-aux-Arches, statt seine bochische Herbheit zu lieben, machten sie zu Gaudach, indem sie der römischen Silbe den ersten Wehruf ihrer Verderbnis folgen ließen. Heut machen sie drüben aus Bismarckstraßen die Avenue Foch und aus der Vogesenstraße Straßburgs den Boulevard Clemenceau. Ludendorff begibt sich in die Versammlungen deutscher Burschenschafter und ernennt sie zu Trägern des Vermittlungsgedankens zwischen Arbeitern und Fettbäuchen und nimmt das irrsinnige Jubelgeheul als Honorierung für die Einheizung des monarchischen Gedankens. Die Flieger waren im Krieg Feuilletonisten geworden, ich hatte es nicht geahnt, als ich Lambert auf dem Marsfeld als einer der ersten Passagiere begleitete. Sie rochen damals noch nach Benzin und waren zwar herrlicher aber fast so ungeistig wie die Reporter des Matin, die sie interviewten. Aber gefallene Generäle haben von Würde so wenig Ahnung wie die Bankerts aus Pudel und Dachs. In Garmisch segnet Henny Porten die Loisacher und Werdenfelser, die ausmarschieren, München von den Räten zu befreien. In Tegernsee dürfen Damen und Herren selbst in keuschesten Anzügen nicht zusammen am Seestrand baden. Fährt meine Jolle zwei Meter weiter im Bodensee, René Schickele auf der anderen Seeseite zu sehen, erschießen mich schweizerische Bleie, da das Wasser hier schnell und deutlich andere Territorialität annimmt, ohne im mindesten an Nässe und Grün und chemischer Substanz zu verlieren. In München zeigt man Cook-Reisenden verrostete Stacheldrähte an der Vier-Jahreszeiten-Bar aus den Apriltagen Neunzehnhundertneunzehn, und während den Lemberger und Darmstädter Spießer es im Fette gruselt, erschießen sie Leviné an der Gefängnismauer im Auftrag einer sozialistischen Regierung. In Passau ist ein Markt von elfenbeinernen Rokokoöfen, der Ausverkauf der Schlösser beginnt. Flieger schaffen Perlen nach Trelleborg, und Luzern überfüttern sie mit Gold und Banknoten. In Mainz ist das Fest des vierzehnten Juli prächtig verlaufen, in Galauniform hat General Mangin eine Rede auf der illuminierten Mainbrücke gehalten. Es sei besser, man mauschle und schiele mit den Füßen, schöbe und habe Geld, statt zu versuchen, geistreich zu sein und keines zu haben, denkt einer im steifen Hut im Wartesaal, wo Dichter schwärmen zwischen zwei Zügen. Ebert spricht von Schiller und Goethe in Weimar, während die eigentlichen politischen Leidenschaften des Volkes die Schienen um ihn und seine Nationalversammlung aufreißen. Man schraubt Preise und Geist. Einen millionenschweren Dichter verhaften die Weißen Garden in München, weil er (Gelächter der Literaten) im Besitz der zahmsten Zeitschrift, Bies Neuer Rundschau, war. In Darmstadt ist aus dem weltberühmten Exerzierplatz ein Negerdorf für Kinoaufnahmen geworden, Noske schrie beim Besuch die Minister an, weil keine Generäle da waren. Doch sind die Hessen Pazifisten, blind und kriegerisch nur in der Etappe. Später veröffentlichte man das Menu in den Zeitungen, es fand sich, daß es nicht karg war, und die Konservativen feixten. Die Sozis waren aber böse, weil das Ernährungsportefeuille ihnen von den Agrariern wie eine Gipsstukkatur abgerannt wurde. In Moskau hält man aber die Bauern für die Stützen der bolschewistischen Idee. Die Bürger schreiben in ihren Gazetten, taucht irgendein neuer Revolutionär auf, sofort, er sei lungenkrank und geistesgestört, eh sie seinen Namen wissen. Später fügen sie hinzu, er habe siebenjährig sein Wasser ins Bett abgeschlagen und vierzehnlenzig auf Karneval vor Generälen gescheut, was Anomalie sei. Die im Land irrenden gehetzten Kommunisten wollen die Bürgergarde zum Äckerdung. Die im November Neunzehn kalkig und kindsfromm verschwanden, pauken wieder auf Bauch und Blasbalg die nationalistische Phrase. Von Fähnrichs werden nicht grüßende Matrosen erschossen. Bald wird es so kommen wie in Wien, wo achtzehnhundertvier, wie Benjamin Constant nebenbei anmerkt, ein fünfundzwanzigjähriger Mann gehängt wurde, weil er ein Gedicht zum Lobe der Revolution geschrieben habe. Otto Flake biegt seinen Kriegsnovellen die Knospen ab, schraffiert sie, läßt Kommas und Artikel beiseite und schreibt damit einen pazifistischen (klugen) Roman und nennt ihn Revolution der Prosa. Als mein Freund Colin als erster Franzose und europäischer Generalsekretär der „Clarté“ zuerst in Deutschland als mein Gast in Darmstadt sprach nach dem Kriege, sangen draußen zum Protest gegen die Menschlichkeit die Helden des „Mückebundes“, Gymnasiasten und kassierte Leutnants mit entblößten Häuptern im strömenden Regen die Wacht am Rhein, bis die Sturmtrupps der U. S. P. und der S. P. D. sie gemeinsam in unsterbliche Prügel zogen. Ich werde paßkontrolliert, wenn ich von Darmstadt nach Frankfurt fahre, und als gesinnungstüchtige Besitzer von Lastautos die wachstehenden Franzosen dreiviertel Jahr nach der Beendigung des Krieges mit herausgestreckter Zunge im Vorbeifahren grüßten, schloß Herr Foch wegen dieser Beleidigung seiner Armee die Bahnen, und die Fahrten gingen gegen unendlichen Wucher in den Autokähnen der Arrangeure durch internationale Staubwolken aufs feurigste vor sich. Aus dem Festungsgefängnis Eichstädt schrieb der Führer der roten Münchener Armee, Ernst Toller: „Ich habe Ihren Prinz gelesen, es durchfuhr mich so vor Lust nach dem Dasein und der Fülle des Lebens, daß ich mit den Fäusten gegen die Wand trommelte, und mein Gefängnisnachbar, der mein Blut fühlte, trommelte wieder. Wir erinnerten uns und bewiesen uns unser Dasein.“ Die Glasbilder und Bauernmöbel im bayrischen Gebirge sind ausverkauft. Einmal wird man auch energisch der Wohnungsnot steuern. In Fiume sitzt d’Annunzio, während hinter seinen annexionistischen Freischaren hundertzwanzig Sozialisten ins Parlament gewählt werden. In Japan war, wie „Nieuwe Rotterdamske Courant“ schreibt, ein Zyklon. In Brüssel verliert der Direktor des Blattes „L’Art libre“ seine Museumsposten, da er, um ein wenig Belgien vor der Gerechtigkeit zu schützen, gegen den Versailler Vertrag protestierte, und die „Ligue du Souvenir“ schwärmt in der Ablösung der deutschen Kriegervereine. Warum ist Hindenburg nicht in einem friedlichen Zeitalter Schalterbeamter in Oberau geworden? Tirpitz als Reichskanzler verfolgt als Traum das Hirn und die Nacht eines Dragonerrittmeisters. Immer wühlen, trotzdem wir kaum japsen können, junge Offiziersknaben für frisch-fröhlichen Krieg. Die Adlerwerke arbeiten nur noch zwei Stunden. Die Wirtschaft ächzt in verstopfte Ohren. Bald wird die Kriegsanleihe auf 25 gesetzt werden. Treffen Bekannte sich, reden sie zuerst, wie sie Steuern defraudieren. Die Katastrophenhausse in Wertpapieren hat begonnen. Es ist wenig Holz, keine Kohle vorhanden. Die Bergwerke sind nicht verstaatlicht. Die Lokomotiven durch die Kriegsrekorde ruiniert, Es wird ein kalter Winter werden.
Deutschland.
Deine wenigen Getreuen in dir selbst haben dich nie verlassen und sind nicht mutlos genug, trotz aller Katastrophen und aller Unzucht an deinem schönen Leib die Größe deiner Wälder und Sagen und die Berge mit den guten Namen, die weiten Kornfelder und die Flüsse mit wandelndem blauen Wasser und über ihnen deine große und schöne Mission zu vergessen. Deine Menschen haben aus der Revolution noch weniger gelernt wie aus dem Krieg, und die Pleite einer geistigen Verwüstung sondergleichen an dich herangetragen. Ihr Pazifismus ist nur eine Taktik, mit der sie losgerissene und früher geraubte Stücke des Besitzes deines Landes wieder erluchsen wollen. Als man Schlagworte in die Volksmasse streute, fachte die Dummheit der chauvinistischen Leidenschaft dich wieder zu so tragikomischer Größe, daß man verzweifeln könnte, hätte man es nicht lange verlernt. Wer die Verschickung belgischer Arbeiter mit tausendfachem Menschenmassaker freudig lobte und gern dafür sprach, russische Kriegsgefangene jahrelang nach Friedensschluß ihre Güter bewirtschaften zu lassen, heult nun mit ethisch-roten hektischen Köpfen gegen die Zurückhaltung der deutschen Gefangenen, was eine Schweinerei, aber nach dem Paragraphen der Abmachungen präzisestes Recht ist. Und die Krüppel der Zeit, die kaum Überzeugten gegen das Regime seither, heulen, schreien mit. Die Revolution haben sie zu Lohnschrauben verhandelt, auf den Straßen liegt sie wie eine alte Sau. Die Idee hat sich auf einige Köpfe zurückgezogen. In Wirklichkeit blieb nichts, was wir hofften. Die Schulen hängen Kaiserbilder auf. Die Universitäten sind Fischkästen der Reaktion. Die ganze Jugend haben sie nicht gewonnen, ist verloren. Alles aus der Hand gleiten lassen, das das Volk für ihre Idee gewinnen konnte. Ein Unteroffiziersverstand grenzenloser Nachlässigkeit hat die Macht an sich gerissen, aber die Instinkte waren zu hündisch, als daß er die Fülle und Größe der Aufgabe nur in ihrer Ahnung begriffe. Die Musen lieben zu scherzen und tragen manchmal statt des marmornen Ernstes der erfrorenen Züge kleine Larven und Tamburine. Der Geist steht abseits, enttäuscht, diesem Staat zorniger noch gegenüber wie dem vorherigen. Die Methoden sind nur verschärft und vergröbert herübergerutscht. Verbote, Erschießungen, Mord, Zensur bläken mit vergällterer Grimasse. Die Jugend wendet sich langsam ab, verläßt die Feuer und geht mit Wandermienen und schlankem Schritt in die Wälder und die langentbehrten Berge, die mit entschlossenem und Irdischem abgewendeten Gesicht ihre ewigere Mission tragen. Es mußte ein royalistischer Aristokrat der französischen Armee sein, der lächelnd sagte, dies sei wohl ein Plunder, eine Farce, die Tat eines Coviello, vom Geist eines Molièreschen Dieners entzündet, was sie in Deutschland als Revolution entfachten. Wir verstanden uns sehr gut. Hätte er das Wort Cambronnes hinzugefügt, was er vermied, ich hätte ihm nichts entgegnen können. Er hatte den Mut und die Überzeugung, so zu reden, da er wußte, daß in Paris zur Stunde des Petardeschlages andere innere Gewalt und andere Abrechnung und Konsequenz gegen seine Schicht aufschlagen werde, und kein Chiaroscuro, sondern nackte fleischhelle Klarheit streng und vorbereitet in die Zukunft falle.
Die Menschen versagten.
Auf Barrikaden, in Büros, im Bergwerk, in öffentlichen Ämtern, an grünen Tischen. In Syndikaten, Bürgermeistereien, Freikorps, Räten, Versammlungen, im Herzen, im Mund, im Hirn. Die oberen, die unten, die von der Mitte. Die Kühnsten waren ohne Hilfe. Die Auserwählten hatten keine Vorbereitung. In der Verwirrung zertraten sie eine der schönsten Frauen, aber da sie unsterblich war, verließ sie diesen Ort der Scham und der Dummheit. Als einige später Versäumtes, Zerstörtes, als sie der kalten Pleite ins Gesicht schlugen, erkannten sie, daß es die Freiheit war, die sie geschändet und daß für lange Zeit sie wie Entmannte nun verflucht und zerknüttelt leben müßten. Einige schossen sich kaputt, andere gingen hin und beschlossen hingebender und entschlossener dem Ziel zu leben.
Das Karussell rast weiter, schaukelt, knallt. Manchmal fliegt es wie ein Ballon durch den erhellten Abendhimmel.
Einer, von dem sie sagten, er sei ein Eingeweihter, verriet mir, es werde nach Art lenkbarer Luftschiffe gesteuert und nur von Wahnsinnigen bedient, damit sie das übernatürliche Tempo halten könnten. Aber ein Italiener gestand, von Fiesole her sehe es aus schon wie eine Seifenblase, die an ihrer Gelbheit bald in den Äther platze.
In Wiesbaden fahren auf der Ludwigsstraße amerikanische Kapitäne in einem Auto mit nackten Weibern die Treppen des Glashotels hinauf und zahlen, unten wieder, hunderttausend Mark für zertrümmerte Spiegel. Im Baltikum wird der deutsche Kriegssekt kalt gehalten, damit er mit krachendem Pfropfen am Kaisertage der Reaktion phönixgleich steige. In Düsseldorf verhöhnen bei Jahrhundertfeiern der Akademie die Expressionisten sich selbst, der sozialistische Kultusminister Hänisch bedauert, keine Orden mitbringen zu können. Trotzky hat in seiner roten Armee die Tapferkeitsmedaillen wieder eingeführt. In Baden-Baden reisen frühere Generäle zu und übernehmen die Organisation neuer Spielbanken. In Hessen hat eine Militärvolkshochschule sich geöffnet. Wer Revolutionäre erschlägt, wird finanziert und geehrt. Wer einen Bürger meuchelt, wird erschossen. In Breslau sitzt einer, führt meinen Namen, sagt, er sei ich, wer ist der echte? Selbst die schlechtesten Künstler fliehen aus den Künstlerräten. Die Leiter der Schauspieler-Demokratien legen allgemach die Ämter nieder, der Spielplan saust zu Kitsch zurück, die Erhebung ebbt ab, sobald, wo nur die gerechte Diktatur des großen Könners helfen kann, die Imbezilen, Talentlosen und Abortfrauen mit dem Stimmzettel in der Hand die Führer und die geistigen Spielwerte küren. In Kelsterbach ist ein Meteor niedergegangen, er wird wohl wissen, warum er sich die alte Porzellanmanufaktur ausgesucht hat. In Berlin ist ein Fall Hiller ausgebrochen, wie die „Frankfurter Zeitung“ sich drahten läßt. Aber es war eine Täuschung. Die Aktivisten haben immer noch keine Menschen gefischt und mit sich im Sturm vorgetragen, es handelt sich nur um einen Oberleutnant und Soldatenmißhandlung. „Gib ihm einen Tritt vor den Hintern, daß er verreckt“, sagte der Offizier, als in der Latrine der Soldat immer noch nicht sterben wollte. Im November lag schon Schnee heuer und machte eine unwahrscheinliche Weihnacht. Himmel und Bäume blühten auf, glashell und zärtlich wogten die Büsche gegen den Seelenhimmel.
Das Paradies schien gekommen. Am einunddreißigsten Dezember des Jahres Neunzehn, wo einen Strich zu machen, Summen zu schließen und Bilanz zu ziehen es heißt, schwört ein kleiner Korrespondent des Petit Parisien mir gegenüber, der mich ausfragt, sein Blatt sei ein liberales und humanitäres Papier. Wieviel haben die Kelten von den Preußen gelernt, daß sie selbst dem Übermaß des Hasses erlagen, als sie sich anschickten, aus der Gerechtigkeit her ihn zu besiegen. Die Buchhändler verdienen sechzig Prozent am Exemplar, die Dichter bestenfalls zwanzig. Es ist die Zeit, den Ambitionen des Esprits zu entsagen und in Bankhäusern und Betrieben ein genügsames Einkommen zu haben für alle, die nicht Kraft und Glück haben, auf breiten Wellen zu schwingen. Selbst die Homosexualen seufzen, daß ihnen die Novemberrevolte nicht einmal die Aufhebung ihres Paragraphen gebracht. Die Theater sind gehemmt, verwüstet. Die Zirkusse kommen sehr selten. Die Arbeiterschaft verlangt als Revolutionsfeier den Freischütz. Die konservative Presse wird täglich, wo sie sich in Opposition gesetzt sieht, besser. Die Beamtenkliquen schieben weiter wie gewohnt. Die Neuen Machthaber desgleichen. Beide schwer entrüstet. Die Preise gehen wie Kinderdrachen hoch. Das Ausland hermetisch geschlossen. Das Proletariat verliert seine revolutionären Spannungen. Die Geistigen in holdem Wahnsinn. In Ingelheim in der Pfalz wurden Zwillinge geboren, deren eines tonkinesische, das andere afrikanische Züge aufwies. Die Mutter war blond, blaue Augen. Vielleicht wird hier die neue Weltrasse gezüchtet.
O Europa.
Im Schloßgrün Borgebys geht in Småland mein Freund, der nordische Dionysos, Ernst Norlind, durch den Park, steigt in den Wagen, die Hengste traben ihn durchs flache Land bis an die Nordsee. Schief links liegt Petersburg, rechts hinüber Rügen. Er liegt auf dem Rücken im weißen Sand Bjerreds, der Ostwind trägt ihm die Spiegelung der Blausee mit allen zartflimmernden Segeln wundervoll ins Gesicht. Er denkt, wie schön dies Dasein. Fühlt: wie herrlich der Tag, die herunterfallende Welt. Adler und Krähen, die im Wind immer jagen. Auch silberne Fische springen zierlich, fein, voll Freude das Dasein. Vierzehnjährige Mädchen tanzen nackt auf der Klippe. Das Allströmende hat ihn aufgesaugt. Alles andere kümmert ihn einen Dreck. Kein Brief, kein Schrei würde ihn stören. Eine schöne Frau, die jeder gern hätte, im malayischen Archipel, auf Tubuai, die lacht, Netze flickt, Obst aufbeißt, weiß keine meiner Sorgen. Wie arm sind wir letztendig mit unseren Schmerzen. Vor einem Sonnengewitter vor den Klippen Bodös auf dem glatten Bauch des Meeres und dem Nordseestahlhimmel versaust unsere menschliche Kleinheit wie ein Makrelenschwanz. Selbst die Lieblinge des Schöpfungstages, die großen und rosaschlanken Flamingos wissen nicht, wenn sie in den Gärten des Jardins des Plantes, in Frankfurts Zoo, am Stockholmer Skansen an ihren Teichen träumen, wie die Welt des Geistes trotzdem wie Wasser in die Mühlenräder fällt.
Aber dennoch.
Europa.
Sie haben selbst vor dem erschütterndsten Anblick deinen Bau nicht vergessen. Als sie die Erde schwängerten, hat ihr Leib gezittert eine Sekunde. Das Herz blieb stehen und zuckte. Nie ist das Beben aus der Erinnerung geschwunden. Schon haben heiße Blutströme begonnen, den Körper bis in die Poren der Haut zu durchlaufen. Einmal hat sich der schöne und große Muskel des Bauches schon stärker gehoben. Junge Leute stehen im Kreis und rufen sich Losungen zu.
Namen
Alberti, Leon Battista 177
Ali von Albanien 9
Amenophis 35
Andersson, C. Joh. 104
Andra, Fern 218
d'Annunzio, Gabriele 46, 176, 180, 181, 182, 225
Arcos, René 174
Aristophanes 98
Arnim-Brentano, Bettina von 83, 172
Bahr, Hermann 25
Baker, Samuel 104
Balla 129
Balzac, Honoré de 15, 29, 57, 122, 163, 179
Barbusse, Henri 15, 174, 180, 181, 182
Barlach, Ernst 209
Baroja, Pio 37
Barrow, John Esqu. 104
Bassermann, Albert 159
Baum, Oskar 186
Beardsley, Aubrey 187
Becher, Johannes R. 132
Bellamy, Edward 187
Bellman, Carl Michael 58
Benoît de St. Maure 172
Bernhard von Clairvaux 172
Bernheim-Jeune 129
Bie, Oskar 223
Bierbaum, Otto Julius 169
Björnson, Björnstjerne 176
Blanchard, Luftschiffer 79
Bloem, Walter 57
Boccaccio, Giovanni di 78
Boccioni, Umberto 129
Bock, Alfred 195
Bodmer, Johann Jakob 159
Böhme, Jakob 35
Bonsels, Waldemar 105
Bosch, Hieronymus 209
Bouguer, Profossor 104
Boy-Ed, Ida 174
Brant, Sebastian 170
Britanje, Thomas von 172
Brjussow, Valerij 37
Brod, Max 137, 142, 143, 144, 145
Brueghel, Pieter 12
Bruun, Laurids 105
Büchner, Georg 35, 109, 171, 216
Byron, George Noel Gordon Lord 179
Cambronne, Pierre Jacques Etienne Graf, General 227
Canova, Antonio 85
Carnot, M. F. S. 93
Carrá, Carlo D. 129
Carracci, Annibale 219
Casanova, Giacomo, Marquis de Seintgalt 80, 84, 92, 95, 98 101, 102
Cervantes, Miguel de 29, 45, 78, 196
Chantelou, Sieur de 194
Chardin, Chevalier 104
Chesterton, G. K. 46
Colin, Paul 224
Colbert, Jean-Baptiste 201
Conrad, M. G. 71
Corregio, Antonio di 183
Corrinth, Curt 187
Constant, Benjamin 224
Courths-Mahler, Hedwig 191
Däubler, Theodor 43, 116-125, 188, 211
Daumier, Honoré 210
Defoe, Daniel 119
Degas, Edgar 188
Dehmel, Richard 58
Dickens, Charles 122
Dill, Lisbet 174
Dio Chrysostomos 177