The Project Gutenberg eBook of Die doppelköpfige Nymphe

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Title: Die doppelköpfige Nymphe

Author: Kasimir Edschmid

Release date: April 11, 2011 [eBook #35826]

Language: German

Credits: E-text prepared by Jens Sadowski

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE DOPPELKÖPFIGE NYMPHE ***

 

E-text prepared by Jens Sadowski

 


 

 

 

Kasimir Edschmid

Die Doppelköpfige Nymphe

Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart

 

 

 

 

 

 

 

Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin
1920

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin

 

 

 

 

 

Mit ein paar Ausnahmen geschrieben im Dezember Neunzehnhundertneunzehn

 

 

 

 

 

Für Paul Cassirer

 

 

 

 

 

Wenn man zwischen Diner und Dessert
alten Käse mit Salat ißt, soll man diesem
noch farcierte Oliven und Caviar hinzufügen.

Der Admiral Briggs

Man kann nichts tun gegen diese unvermeidlichen
reaktionären Kanibalen. Ich will
noch eine an Europa gerichtete Schrift veröffentlichen.

Benjamin Constant

 

 

Inhalt

Notwendiges als Einleitung

1. Situation der deutschen Dichtung

2. Kritik

3. Schnitzler und die Nervenzerfetzer oder der psychologische Roman

4. Graf Keyserling und die Gefühlsmosaikler oder der impressionistische Roman

5. Dichter, Zeit, René Schickele

6. Der neue Roman und Herr Wassermann

7. Dichter, Staatsanwalt, Unzucht, Freiheit

8. Deutscher Casanova

9. Der Reisende

10. Datterich-Dialekttragik

 

Profile:

11. Däubler und die Schule der Abstrakten

12. Leonhard Frank

13. Döblin und die Futuristen

14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Brod, Lasker-Schüler, Meyrink)

15. Sternheim

16. Heinrich Mann

 

17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig der deutschen Prosa

18. An einen Staatsmann oder die Tat

19. Bilanz

Namen

Notwendiges als Einleitung

Seltsame Sechzehnjährige meiner Zeit, die Neid auf Unsterblichkeit schon umbuhlt . . .!

Wir hatten damals noch bis zum Scheitel der Zwanzig Ehrgeiz um Game und Goal und Jolle und waren in den weißbehosten Turnieren und Regatten schöner zu Hause als jene Jaguare und Hyänen, die schon im Kindbett mit dem Geiste kokettieren und Unzucht treiben mit Erfolg. Als wir einmal zu Kunst gelangten, schlugen wir vom Sport und dem Umherschweifen aus uns auch entschlossener und ungehemmt an das Gesicht des Neuen. Man hatte auch nach rückwärts unbefangenere Freiheit, Dichterisches anderer Epochen ungestempelt und wie neu durch die Hände laufen zu lassen. Einige begannen zu lachen, wo sie sie trafen, über die Professionels der Literatur, die kleinen Eingeschlossenen der Dichtung, arme Fanatiker und Bürokraten der Kunst. Sie waren abergläubig und subaltern für ewig in ihre Berufswolke gekettet und trugen in grotesker Überschätzung und blutloser Kindischkeit ihre Geist-Atmosphäre durch das ihnen unbekannte Leben. Die Bedauernswerten wußten nicht, daß es Wichtigeres und Glücklicheres gab als Kunst . . . . .

Herrlich wer, da er die Städte und die Berge und das Meer und die Menschen vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein Außenseiter geblieben ist.

Ich habe Umwege über Ski und Segelboot stets gepriesen und, indem ich entzückt ihnen von neuem nachgehe, habe ich keinen anderen Ehrgeiz, als, wo ich angreife, lobe und scheide, es wie ein Nichtzünftiger zu tun.

Gute Diana, wir fanden einen Maimorgen in der Rue de Richelieu eine deiner schönsten Gefährtinnen, an denen die Meute der Midinettes des Quartiers sich vergriffen, weil sie mit ländlichen Hüften und einer Frische des Blutes kam, daß die Wälder und Flüsse hinter ihr sich bogen. Als wir sie auffütterten, nahm sie Abschied, ohne zu weinen, und manche, die sie später am Montmartre gesehen, hatten dieselbe Bewunderung und den Respekt für ihre Haltung.

Sie hatte sogar Kritik und Duldsamkeit bekommen.

Ich habe nie etwas mehr gehaßt wie falsche Würde und jene dichterische Separation, deren Phrasenhaftigkeit kein gutes Werk je verdeckte, und nichts schien mir lächerlicher und mehr eine Schwäche und Ohnmacht anzuzeigen, als das Verneinen der Tatmöglichkeiten und die Scheu vor der Wirkung. Männlicher wie mit feisten Worten bei Seite zu stehen, war es mir und kühner auch erschienen, in jeder Arena aufzutreten und das zu sagen, was Zeit und Minute unter den Fingern brannte. Einmal mußte wohl, wenn die Literaten versagten, ein Irgendwer, ein Mann aus dem Publikum auftreten, dem dies alles ganz egal sein könnte, der lieber sein selbst gewähltes Dasein nach seiner Farbe und seinem Geschmack weitertriebe . . . . und in das zeitgenössische Affengeschrei des Betriebes seine wohl anderen Zwecken zugewandte Stimme legen. Ich habe immer den Schriftsteller in mir geliebt und propagiert, obwohl ich mir nie verhehlte, daß, zum mindesten den Deutschen ich in der Erneuerung der Sprache und der dichterischen Prosa Wege gewiesen und neue Möglichkeiten geboten habe.

Wenn etwas von Verantwortung aber bestand, war es jedoch trotz anderer Wünsche und Sehnsucht, nicht musiger Idylle allein sich hinzugeben, sondern, mehr als wissenschaftliche Wühler wollen und deutsche Dichter zu unbegabt oder zu feig sind, den Zusammenhängen der Prosadinge der letzten Dezennien in Bauch und Seele zu leuchten. Ein Buch war nicht im Plan, aber es ist aus vielen Einzelgängen sehr rasch gewachsen. Es ist nicht methodisch, eher attackierend, ich denke es klärend, aber ich bin des festen Wissens, daß es so radikal wie lang ist. Die Dünnen lieben es nur, schmale Nieren als das Unentwegte hinzustellen, doch echter scheint es mir, die Epoche aus den Büchern zu den Traditionen, den Werten und vor allem zu den Menschen zu runden in einer Zeit wo nur Greise, Ehrgeizige und Idioten das Pfund der Kritik und der Bewertung der Prosa hüten. Schicklicher dünkt mir dies und eines Dichters, dessen Titel allein mich irgendwo letzthin natürlich begleiten möge, würdiger als hinter Faltenschwüngen und steif gewordenen Worten die byzantinischen Gebärden der praktischen und das heißt menschlichen Impotenz zu verbergen.

Vor sechs Jahren erzählte in Paris dem Dreiundzwanzigjährigen Veniselos mit der Armwunde, man habe in seinem Garten zu Syrakus eine Herme gefunden, auf der geritzt war, wie Zeus abends eine Nymphe neben dem Fluß gefunden, deren tragisches und stilles Weinen ihn zum Anhalten erschütterte. Sie sagte in seinem Arm, daß in der aphroditischen Gefolgschaft sie einsam wandre, Kränze flechte und jene Lieder ersänne, die an allen Festen zu Oliven und Kornernte über das Land sie trieben, und die nach Jahren aus den Städten der Menschen ihnen wieder entgegenschallten. Venus aber habe sie gestraft, daß sie, in Baum und Wolke nach ewigen Gesängen feurig suchend, Gefahr, Zeit und Notwendigkeit des Dienstes und Urteils vergäße, worauf Zeus sich herunterbiegend ihr verlieh: daß unsichtbar den anderen neben dem von dichterischen Gefügen überströmten Antlitz sie noch ein Gesicht trage, das nach Vergangenheit und Zukunft spähend, Verantwortung der Zeit und des Geschehens um sie herum ihr gewähre und in seinen kühnen Biegungen, dem anderen vom Ewigen erleuchteten nicht unähnlich, immer anschaue, verstehe, liebe und hasse, aber bedenke auch und urteile vor allem, abgrenzend und bestimmend, und jede Sekunde im Dienst.

Ich habe diesem nichts von Bedeutung hinzuzufügen.

Partenkirchen, März 1920.

Kasimir Edschmid.

1. Die Situation der deutschen Dichtung

Heutige Dichtung der Deutschen ist eine sehr klüftereiche Sache. Da ist wohl Fluß und Weiher, Park, Chaussee und Sturzbach, Wald und Himmel. Aber da ist auch Lust nach Himalaja neben Dachsberg, Laubenkolonie und Sibirien, leninischer Durchbruch und tirpitzsche Kanone, auch kruppsche Stauanlage. Es geht alles toll durcheinander. Man braucht aber Chaos nicht anzuerkennen. Es kommt auf den Kern an. Schält man ab, was vorbei ist der Gesinnung und Form nach, streicht man weg, was an Qualität nicht Äußerstes befriedigt, nimmt man die (oft bedeutenden) Außenseiter nicht zu wichtig, mißt man Geist der Dichtung am guten Barometer des Zeit- und, ohne sich zu verwirren, des Welt-Geistes, so muß schon ein Typisches herauskommen. Es kann nicht anders sein.

Es ist das Expressionistische.

Daneben noch einige Menschheitsdichter, die ihre Entschlossenheit wie Heilige, Sektierer und Irre weit über ihr kleines Talent hinaufreißt. Vor dem Schicksal steht ihre Kunst en garde. Virginiatabak und Benzin ist ein Geruch, der aktuell in den besetzten Gebieten, aber nicht von Dauer ist. Diese Leute kommen mit Posaunen der Liebe, aber sie werden in der Geschichte keine sortie d’éclat haben. Eine unbefangenere Generation, die auf Kunst lüstern an sie herangeht, wird die Achseln zucken. Was blieb, ist Null. Was ist uns Herwegh anders als schlechte Literatur? Aber sie werden im Unterstrom der menschlichen Dienstbarkeit an der Idee human, tapfer und wie wenige mitgearbeitet haben. Agitierend wie Redner, deren Schall erlischt, haben sie Brände erregt. Man hat es grausam mit ihnen von oben her gemeint, daß man sie zum Anonymen warf. Da liegt aber in der Regel unseres Volkes beste Fleischportion. Wenn sie aber große Künstler waren, sind sie Expressionisten.

Doch ist das nichts Neues, nicht Formwitz, nicht Mode. Pyramiden, Strindberg, die Frühgriechen, Gotiker, Litaipe, Novalis, Brueghel waren auf dem gleichen Marsch. Die Bataillone des Geistes hatten immer die gleiche Richtung und ähnlich modellierte Köpfe. Man soll sich nicht verblüffen lassen durch äußerliche Extravaganz. Die Kraftresultanten zieht zwar einmal ein anderer und die Parade der Künstler und ihrer Leistung nimmt später erst einmal an Lende und Zeugung ein schnauzbärtiger Gott strengerer kommender Zeit ab. Kümmert uns wenig . . . . . .

Aber eine Sache ist fatal verbürgt: Es geht in der Absicht und mit viel Not das steilste Recken der deutschen Seele vor sich seit Gotik, Barock, Romantik. Scheinbar ist auf Geistterrain ein Hügel aufgeschossen, der jedem der drei ähnlich sieht. Er ist an der Spitze sehr scharf, gläsern und schwertspitz, denn er mußte Gestrüpp, aber auch die Ablagerung deutscher Kultur der letzten hundert Jahre, und ihm schien: eine geistverfluchte kleine Hölle durchstoßen, um ins Belichtete zu kommen und mit seiner unerbittlichen Form zu beweisen, es gäbe keinen anderen Ausdruck für die Zeit.

Aber die tausend Rückbleibsel verkalkter Tradition fanden sich rasch in Stellung.

Es gab einen Teufelsskandal.

In anderen Ländern ist die Kluft zwischen neuer Dichtung und alter nicht so gewaltig wie bei uns. Das kommt, weil ihre Literatur Nabelschnur hat. Unsere aber nur die Zentrifugalkraft des Karussels. Wir waren früher nicht allzu reich an Dichtung, die Sperma hatte und Eizellen, um zu zeugen, fort- und hochzuentwickeln. Wir hatten gewöhnlich ein Paar Riesen, die keine Kinder machten, um sie herum Miesnicke, die karnickelhaft den Stumpfsinn, das drittklassige Niveau, die internationale Kitschigkeit weiter entwickelten. Von der Romantik ab verloren wir total die Orientierung. Da ging das Bürgerliche mit allen Gewehren vor, zimmerte sich in der Literatur seines glorreichen neunzehnten Jahrhunderts eine eklatante Fanfare, einen Termitenbau, speziell vom Keller bis zum Plafond für bürgerliches Weltgefühl eingerichtet. Es fehlte nicht an Hygiene, auch nicht an elektrischem Licht. Weltanschauung europäischen oder kosmischen Gefühls suchte man bei bequemen Klassikern, schlug es tot in Deutschland, so es sich reckte, verjohlte es, gewann es an Stärke, verwies es aus der gesellschaftlichen Struktur, hatte es (was jede gute Dichtung haben muß) revolutionäres Blut. Wilhelm der Zweite bestellte Logen ab, ein Dichter schwankte am Galgen. Sein heldenhafter Sohn geruhte unter schiefer Mütze ein Stammeln, ein Festspiel wurde abgesagt. So kindisch war jedoch das Niveau nicht ganz. Das Kunstgemäch der Fürsten, des Adels, der höfischen Gesellschaft nahm kein Chauffeur mehr ernst. Konditoren wußten, dies sei einmal diskutabel zur Renaissance gewesen. Der Kitsch der Siegesallee war ungefährlich, weil er komisch war. Die dichterische Ambition der bürgerlichen, liberalen Gesellschaft war gefährlich, weil sie mit ihrer Weltanschauung, deren Himmel Aktienbläue, deren Form Mechanik, deren Seele die Rhythmik der Transmissionen und Pferdekräftestärke war, das Geistige in ihren Bann zog. Da schrieben die Dichter Romane, die nur in solchem Ideenkreis zirkulierten und darstellten, daß das Leben nicht lebenswert sei, weil ein Oberst einen Leutnant nicht grüßte, oder daß Glück nicht sei, weil morganatische Trauung undurchführbar sei im Kodex eines fürstlichen Hauses, und daß die größte Tragik sei, den guten Namen zu verlieren, oder wenn eine Fabrik einen Handelsmann erledigte. Arme Narren von Dichtern! Statt den Sirius auf den Mond prallen zu lassen, vertaten sie ihr oft großes Talent an Affereien, nahmen die Uniform als Weltregulator, das Kapital als Maschine, als Demiurg, sahen nie die Tragik hinter dem Menschen. Sahen nur Anwälte, Franzosen, Engländer, Kaminkehrer, Divisionäre. Sahen darum nur Schuld und Leid der gesellschaftlichen Konvention. Nie das Leid des einfachen wahren Menschen. Sondern das Leid der Attrappe, des Kleides. Welche Destruktion! Welche Dekadenz in so viel Fett! Diese Dichter waren keine Europäer. Sie waren Nationalisten und noch ärmer als solche. Denn sie malten das blöde Ideal der Engherzigen nach, statt den Fluch auf die abgewirtschaftete Gesellschaft sehr breit und deutlich an den Himmel Europas zu schreiben. Sie fühlten sich aber wohl, wie es ihnen ging. Die Bourgeoisie hielt sie aus. Meutern ward streng bestraft. Das Ganze war glänzend und hohl. Als der Krieg, als die Katastrophe kam, stürzte es ein, verschwand es, eingezogen, aufgeschluckt. Weg! Dann kam das Neue von der Schicksalstiefe aufgeschaukelt, sein Hebelarm wogte hoch. Es war da schon vor dem Krieg, mit noch unsichtbaren Munden, aber durchdringender Stimme sich aus der Tiefe anzeigend, hielt Liebe, Gerechtigkeit, Furor, neue Fahnen und den Sturm des weitgespannten Geistes an sich gefesselt. Das Erwachen war mächtig. Es war wie in der Politik. Die Katastrophe machte die Kontraste überdeutlich. So auch die Kunst, die in Form und politischer und geistiger Gesinnung revolutionär war.

In anderen Ländern war die Fassungslosigkeit nicht so groß. Hatte der Geist genug Tradition, um sich nicht ganz zu verlieren. In anderen Ländern konnte ein Verändern der Formprinzipien nicht solche Tumulte hervorbringen in der Dichtung. Seit der Romantik hatten wir an Dichtung nichts. Bei den Franzosen steht zwischen Hugo und Barbusse immerhin Maupassant. Zwischen Balzac und France zum mindesten Flaubert. Die Norweger haben seit Jahren, als bei uns schlimmster Naturalismus äußerliche Gravüren des Elends verbrach, Hamsun, diese köstlichste Erscheinung europäisch untendenziösen Geistes, den Dichter, der irgendwie alles hat, was man expressionistisch nennen kann, den bei uns die Impressionisten mit Beschlag belegten, patentierten, mit Zucker verdünnten und nachher nachmachten. Rußland hatte in dieser Zeit schon einen Dostojewski, Gorki, Dymow. Irgendwie war bei ihnen allen ein Strang, der die Volksseele mit der Ewigkeit verband und seismographisch mit jeder Nuance der Wechselwirkung erzitterte. Bei uns ist die Volksseele noch nicht so eindeutig entwickelt, wird mit nationalistischer Seele (Gott strafe England) verwechselt, und dann hatte sie siebzig Jahre kein Bedürfnis nach Ewigkeit. Man wollte den Bau der bürgerlichen Gesellschaft literarisch ausgebaut haben. Gab dazu Senkrechte, Lot, Maß und Höhe. Die bürgerliche Gesellschaft wollte ihre eigene Dichtung. Sie bekam sie. Der Dichtung bekam es schlecht. Sonst fühlte man sich wohl. Auch die Dichtung war behaglich temperiert. Kleine Fronde des sozialistischen Naturalismus, kleine Frivolitäten und sentimentale Weibergeheule der raffinierten Psychologen waren angenehme Kitzel, halfen im Verdauen. Bedürfnis nach Humanität ward nicht geleugnet, war aber gedeckt. Dafür war Tolstoi vorhanden.

Es mußte etwas kommen, was resolut und mit der Brutalität der Güte das Affenzeug durchhieb, Pförtner, Diener, Besitzer hinauswarf und dem erstaunten Parkett den adamitischen Menschen zeigte. Damit war alles getan. Nationalismus war geistig überwunden, sobald die Brüderlichkeit postuliert, nein, sobald sie nur genannt war. Krieg war Dummheit, sah der Mensch ihn vom rein menschlichen Punkt aus. Der reine, auch primitive, das heißt in seinen Gefühlen gottnahe und daher unverfälschte und groß schauende Mensch wird mit Liebe zu Acker, Nachbar, Saatwind und großen Ideen geboren. Der Mutterleib, der ihn barg, hat wenig Verbindung mit Montanaktie, Erzbecken von Briey, mit Marne, Schantung, Monroe, Tabaktrust und Südseehegemonie. Er will den inneren Menschenwert steigern. Er will die großen Ideen der Menschheit, die mit Wolkenschönheit seinen Horizont überschwimmen, pflegen und geben dem, der es nicht faßt. Er will Liebe lernen, Kreatur und Mensch. Er liebt nicht die Parzellierung der Volksstämme hinter Festung und Grenzstrich. Er will die Erde als eine Sache, die sein Gesicht umfaßt. Hat er sie geläutert, wird er sich vielleicht der Kassiopeia zuwenden. Ihm sind Franzosen, Bergarbeiter, Russen, Skandinaven gleich, nämlich Menschen. Er haut die geistigen Grenzen durch, durchschreitet, verachtet sie, stößt begeistert auf gleiche Gedanken. Bald ist er europäisch ganz zu Hause, völlig eingerichtet. Der Kosmos ist seiner Lunge, dem Herzen Freund. Nichts mehr von Stand und Ansehn und Schicksalembryo der bürgerlichen Einstellung! Der Blick geht auf die Ewigkeit. Das ist die ganze Situation der jungen, deutschen Literatur.

Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand. Verändert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene und heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen Umriß. Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewöhnt war, das Recken eigener visionärer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Haß und Wut begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf Spitzbergen gewesen, daß, als er in Mitteleuropa wieder die Städte betrat, Polizisten auf ihn zu schießen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und sein ungewöhnliches Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt war, machte feindlichen Eindruck.

Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ ist, ist europäisch, einem Völkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr anders wie die Versailler, schaffen möchte. Den Bund der guten Europäer. So klangen in aufrührender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen anfangs des Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Töter des Seitherigen. Aufpflanzer neuen Ideals. Schwärmer der ungebundenen neugöttlichen Kraft, die sich in die großen Himmel, die aufbrachen, stürzten. Aufbauer neuer Architekturen. Als Motor das Herz, das ohne Ermüdung kämpfte und baute. Es gab keine Behaglichkeit mehr, auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb, ein Ziel. Die letzten Stangen der abgegrenzten Möglichkeiten galten allein als erstrebenswert. Die Literatur (und Malen, Bildhauern, Häuserbauen, Musizieren allsamt) begannen den Weg, den sehr leidvollen, sehr ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht, an dessen Ende schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht. Dazwischen Hasten und Kämpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Völker der Welt gehen ihn, haben ihn schon beschritten oder müssen ihn beschreiten. Vielleicht wird eine klassische Epoche hinterher in kühle Harmonien bannen, was hier mit Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden gewinnen, Urwald einhauen. Schließlich schwankt ja seit jeher die Welt zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablösen immer das Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation ein jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.

2. Marginalien zur Kritik

Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht sie zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses Urteil, sondern sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf keinem Gebiet der geistigen Disziplinen würde gewagt werden, mit solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über Bücher schreibt jeder Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es bedarf des Menschen. Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe haben und nicht Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann die ungemeine Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen, sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der Zeit fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht Rechtfertigung eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß Hölderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt. Immer die Idee der Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen Nachläufer stäupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern, aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des Fürstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung. Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den großen Dichter um Kleinigkeiten tadeln, während den Nebbich man laufen läßt als das, was er ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen, aber wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln, Fehlern und Güte — und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu bedarf es so ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen mit Einkehr, Lust an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern ameisenhafte Arbeit an der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstörerische und idiotische Kritik, sondern eine schöpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine dauernde Tat.

3. Schnitzler und die Nerven-Zerfetzer oder der psychologische Roman

Was dem deutschen Roman fehlte, war europäische Fülle. Kleine Kritiker und sentimentale Idioten wagten daraus ein besonderes Lob zu gestalten. Seien wir gerecht. Grimmelshausen war noch eine große Sache und die mitteldeutsche Epik hatte wundervollen Weltstoff. Er ging verloren, verhüllte sich in Autobiographisches, und die Schicksalsrinne persönlicher Lebenskurven riß nicht Welt und Dasein in sich hinein. Die Felder der Prosa wurden nicht durchpflügt, sondern schraffiert. Eine Tradition war es wahrlich nicht, lief der Individualwahnsinn von Meyer bis Stehr, sondern es war Impotenz und Entsagung, Nichtkönnen, das sich kühn mit dem Trotz des Nichtwollens frisierte. Außenseiterei proklamierte sich als Typus und Wächter der heiligen Seelenfeuer der Deutschen und höhnte die großen Einsamen, die es im Wesenlosen, wohin es irgendwie in seiner Vereinsamung geflüchtet, suchten. Ehrlicher und anständiger ist das Geständnis, gefehlt zu haben und unvermögend gewesen zu sein, in Jahrzehnten den Geboten des Geistes zu folgen. Die Gründe ergeben sich von selbst.

Denn Stil der Kunst und des Lebens folgert sich nicht aus Stil selbst, sondern aus drängenden harmonischen Kräften, die durchblutend dahinterstehen. Die sind in Europa sonst nicht selten, Frankreich und Rußland, Österreich besitzen sie ohne Zweifel. Vielleicht hat das militaristische Preußen damit sogar Fontane gemacht, jedoch als Korrektor nur der Unzulänglichkeit. Sonst war Deutschland dazu nicht mehr in der Lage. Die Tradition der Bayern, Badenser und Schwaben war doch nicht kosmisch genug, um Weltliteratur zu machen, und brachte nur eine epigonenhafte Lokaldichtergarde hervor, die Gewohnheiten, jene faule Mischung von Denkunvermögen und Bequemlichkeit, für Stil, für stürzende und gestaltende Kraft hielten. Auf Frau Supper, Herrn Finkh, Herrn von Bodmann braucht die deutsche Literatur nicht stolz zu sein. Aus dem Grabe des immerhin großen Gottfried Keller saugen sie noch etwas vermodernde Kraft. Was diskutabel ist in dieser Folge ist Hesse, der, wenn auch Nachfolger auf diesem Gebiet der Schreibweise, dennoch mit einer süddeutschen Idyllischkeit und einem Anstand seltener Gesinnung weit über Nur-Literarisches hinausreicht. Er ist einer jener Deutschen, die, wenn auch Formung von Welt und Schicksalsbreite und Tiefe ihnen fernliegt, eine fast klassische Schönheit erreichen, tauchen sie in die Jugendzeit zurück. Man muß das ganze Werk dann ansehn und das Leben einer schon langen künstlerischen Gesinnung. Ausmaß zu großen Schaffenskomplexen haben noch andere hinter Keller her. Carl Hauptmann zerlegt es in oft zart und süß, aber immer zerfahrene impressionistische Gefühle. Stehr, der tatsächlich manchmal wahrhaft Durchleuchtendes hat, ist einer der schlechtesten Könner, obwohl’s bei ihm aufs große Maß hinausgeht, und kann Naturalistisches und Visionäres nie zusammenbringen. Er hat stets zittrige Hände, es wird nie was draus. Schaffner zöge gern reflektierend den Gedankenkreis der Epoche ins Rollende der Handlung, allein er bleibt im Schatten, breit, langweilig, schwerblütig und Desperado seiner Impotenz. Der stärkste, männlichste unter ihnen ersteht in Wilhelm Schäfer. Hier staut sich das Kellerische noch einmal in einer dunklen maskulinen Glut und sucht Generation und Ewiges zu Architektur und jener Allgemeingültigkeit des Übernationalen zu formen. Dennoch steht es neben der Zeit, es ist zu unnatürlich beruhigt in einer Zeit der ekstatischen Suche. Es ist gute Tradition, jedoch nicht die des suchenden Geistes, sondern einer Lebensform, die heute vom satanischen Brodeln des Entwickelns nicht durchleuchtet ist, und später, wenn Klassisches, das heißt Klar-Gewordenes, wieder die Allgemeinschicht der Kultur sein wird, auch nicht typisch sein wird. Denn ruhig kann nur werden, was bewegt war. Und das andere wird kalkig sein, weil es stets besänftigt war, und nur in alten Venen ein feuriges Atmen noch einmal aufging. Das alles sind Künstler von manchen, manche von hohen Rängen des Könnens, aber nicht in jenen mystischen Konnexen vereinigt mit Weltgewissen und Weltdrehung, die irgendwie erst das Repräsentative schaffen.

Dazu gehört eine tiefere, saftvollere Verwurzelung. Nicht eine Fortzeugung der Form, sondern ein Wurzel-Haben im Wesenhaften, im Völkischen, im Bodenwasser, im Ideensaft der Volksschicht. Dazu gehört eine Kultur, nicht nur Tragfähigkeit und gummihafte Dehnung einer Schreib- und Anschauungsweise.

Mit der wachsenden Skepsis und inneren Hohlheit, mit dem Bewußtsein der negativen Gehalte der vergangenen Epoche begannen Zerstörungen an dem sinnigen Erzählungsaufbau der süddeutschen Klassiker. Die Skandinaven beeinflußten. Hamsuns Größe verstand man nicht, und wie van Gogh die Maler, hielten die Literaten ihn für einen Impressionisten, genau wie die fadenfeinen Dänen Bang und Jacobsen. Aus all dem gab es ein impressionistisches Gemisch mit Klugheit wie Bahr, mit Virtuosität wie Kellermann, mit Aperçus wie Altenberg. Mit den überraschend und überschätzt aufgenommenen Naturwissenschaften wurden die Seelen zu Präparaten geschlagen. Die Dichtung ging in Dienst, hatte chemische Aufgaben der Auflösung, medizinische der Diagnose. Krankheitsfälle wurden tatsächlich Thema der Darstellung. Von Ibsen zu Hans Heinz Ewers ist der Weg nicht weit. Wassermann rettete sein sehr großes Talent, das auch aus solcher geistigen Niederung vogelhaft hervorbrach.

Schnitzler rettete Wien, machte ihn repräsentativ.

Man hat im preußischen Deutschland gute Witze gehabt, Österreich zu unterschätzen. War die politische Kombination auch unmöglich, hatte es dennoch eine weit überlegene Kultur. Sagt man Rokoko, meint man die Harmonie der Dinge vom Bidet bis zur Tragödie. Sagt einer Wien, ergibt sich das Gleiche. Hier ist, ohne daß der Wert kalkuliert werden soll, Kultur, wovon die Deutschen keine Spur haben. Da und im bayrischen Gebirg’, in England, in Stockholm hat das Germanische sich Achsen seines Weltausdrucks geschaffen. Überall da ist Züchtung, ein erlesenes Prinzip am Werk, Leidenschaft, Landschaft, Gewohnheit und Geist und Menschen zu einer Einheit zu bringen, sie hautwarm durch die wechselnden Epochen zu tragen. Das Wienerische ist das Schwächlichste darunter, aber es ist eine ausgesprochene Sache. Theater, Speise, Mädchendessous und Mentalität und Gesellschaftsform haben denselben einenden Rhythmus. Reden die Preußen von ihren Kurfürsten, von friderizianischen Gesten, von Pflicht und Kaste und Geist, so ist das diese oder jene Attitüde, Schutzwehr, Kokettieren und Gepflogenheit einer Herrscherkaste, die manchmal sich in ihrer Einseitigkeit zu gewissen auffallenden Formen verdichtet hat, aber keine Breite hat, keine Lebensbasis, keine Volkssaftigkeit, eine vielleicht sehr bewundernswerte, aber schlechthin abscheuliche Sache ist. Was zwischen den Bergstämmen Bayerns, wo mystischer Saft des Bodens die Menschen groß in die Landschaft hineinformt, und Schweden liegt, ist Chaos, Unkultur. Es ist bewundernswert in seinem irren Laufen, seinen großen Heldentaten, seinen Opfern und Märtyrern, um deutschen Stil zu formen. Aber es ist noch nichts. Was die heutige Generation von früheren und von der ganzen Kellerschule scheidet, ist wesentlich die Idee, als breite Generation diesem Ziel dienend und neu zu leben.

Weil Schnitzler nur aus diesen Komplexen heraus begriffen werden kann, ist es schwer, ganz an ihn und seine Bedeutung zu kommen. Wie Männer nicht nach einmaliger Tat, Weiber nicht nach einer Umarmung, darf man ihn nicht nach dieser oder jener Äußerung betrachten, Die Einstellung würde läppisch und kindisch. Wie für den Mann Kriterium und Abschluß erst ein ganzes Leben ist, bei der Frau erst: sie ganz bis an die letzten Seelen- und Körperrände ausgenossen haben . . . . . so bei diesem Dichter erst das klingende, runde, massive, in die Hand genommene und gewogene Werk. Bedeutsam ist nicht ein Glied, sondern die ganze Anspannung. Tastet man so weiter, kommt aus vielem Verhüllten erst die Ahnung, später der Umriß, dann die glatte Form. Seine Tradition, sein Halt, seine Stadt, seine Kraft, das ist seine Atmosphäre, die er atmet, die ihn politisch umschnaubt, wehmütig verdunkelt, zärtlich verführt, Anregung und Erfüllung. Das ist Wien. Das ist seine Kunst. Milieu wie Figur. Außen und Durchdringung. Hingegebene und Geliebter. Gestaltung und Liebe. Also: sein Weltgefühl.

Natürlich macht der Wiener Körper sich die Welt entsprechend seinem Wuchs, es wird keine große Welt. Aber indem Schnitzler ihr Produkt ist, wird sie ausgeprägt, genau wie Paris sich Musset formt, und hinter Tschechows zarter, Schnitzler so naher graziöser und leichtfarbiger Welt die große Seelentraurigkeit des slavischen Ostens steht. Die Deutschen glauben oft großer Kultur nah zu sein, indem sie fremde imitieren, und die Männer sind stolz, tragen die Taillen ihrer Weiber den Rock, der nur den französischen Hüften angepaßt liegt. Man ist bei uns noch im großen Durchschnitt bei der Nachahmung, noch nicht einmal bei der Schulung. Die Österreicher und die Schwedinnen haben ihren eigenen Rock, irgendwie wohl westlich orientiert, aber irgendwie auch der Form des Lebens, des Charakters und der Schenkel organisch angepaßt. Und selbst die grauenhafte Verirrung der Wiener Werkstätten war immerhin in erschreckender Zeit der Formlosigkeit noch ein Stil.

So ist die Schnitzlersche Leistung unterschiedlich, kommt einmal heftig vom Arom erfaßt, quillt einmal dünn, ist wohl nie zu abgeschlossener und ganzer Leistung gekommen. Man kann jede einzelne Sache von ihm völlig zerreißen. Aber von Buch zu Buch geht Ton auf Ton, in immer neuer Fülle, in drängender Gestalt, der Aufbau zu einer Grundmelodie. Diese und jene Seite der Stadt, der Herzschlag der Menschen, in Höhe und Tiefe die Luftschicht, die Erregung, vom Lächeln bis zum Schmerz nur eine sekundliche Bewegung und dazwischen doch alles gestapelt . . . so ergibt sich seine Zeit. Die Skepsis seiner Epoche läßt ihm, obwohl alle ihre Elemente ihn zu einem wundervollen Exemplar aller ihrer Eigenschaften machen, etwas Distanz zu dem, was er schafft. So leitet er seine Figuren, nicht ohne sein Blut mit ihrer Erregung zu mischen, ein wenig Sentimentalität mit ihren Abstürzen fühlend, ihre Lust und Höhe mit dem tragischen Gestus des Zweifels im Handgelenk zittrig machend, etwas Spott um die Lippen. In dieser dunklen Heiterkeit schwanken die Schicksalsevolutionen. Es verdichtet sich der Raum aus der städtischen zur menschlichen, zur Daseinsschicht. Ohne Wollen. Ohne Absicht. Die Leistung bekommt plötzlich die allgemeingültige Bedeutung ausgeprägter hoher Kunst. Man wird in hundert Jahren den Gradmesser der Zeit an den Schnitzlerschen Büchern nehmen, sagen: das war Österreich.

Das ist nicht wenig.

Das ist unbestreitbar in Aufbau und Höhe und Herausschälung aus der Flut der anderen. Hier einigt sich fast allein (außer Keyserling) Werk und Zeit und Volk. Es entbindet aber nicht, das Urteil über den Wert dieser Lebens- und Zeitepoche zu fällen. Sie ist das morbide Schlußglied eines Auseinanderfalls, der schöne Moment vor einem Schlußstrich, das Zeitgefühl, das auch bis vor die Guillotine gepudert, lebhaft und bei guter Gesundheit ist. Der Gipfel Schnitzlerscher Kunst ist eine Erhebung, ohne Zweifel, aber eine sehr kleine neben Lessing, Laotse, Cervantes, Ekkehard, Notker, Balzac. Aber es ist einer, das ist sein Stolz. Es ist seine Zeit, die ihn selbst, die er wieder geschaffen und gestaltet. Die Frage nach Schnitzlers Wert ist nicht auf künstlerischer Ebene allein zu fällen, sie fällt parallel mit der nach dem seiner Zeit.

Sie decken sich ganz. Man kann sich nicht täuschen: der Atem dieser Kunst ist oft schwach, dünn gehaucht, Gefühle aus zweiter Hand, Heroisches überschrien, in fremden Stoffen Dargebotenes doch nur Wiener Geschnaas. Der Lebensrhythmus dieser Arbeiten stößt nicht heiß, rasch und tief ins Herz. In diesen Romanen und Novellen ist zarte und bezaubernde Oberfläche gegeben und der Hin- und Hergang entzündeter Herzen, und oft ist eins wie das andere. Und schließlich ist keines der Bücher ganz ein Ja und keines ein Nein. Sondern alles zwischendurch empfunden und beurteilt. So liegt der Fall und die Frage.

Aber sowie sie sich erhebt, wendet sie das Gesicht weg, dreht es nicht steinern vor den Mann, den Schaffenden, Abhängigen, sondern weiter hinaus gegen die Fülle seiner Zeit. Denn daher kommt er. Dahin wendet sich Anerkennung und Anklage, beides. Was auf ihn allein zu fallen hat, ist Beurteilung seiner Menschlichkeit. Da er zweifellos Liebe hat für die von ihm gezeichnete und vorgewiesene Kreatur, war demokratischer Atem in seinem Werk schon in noch sehr absolutistischer Zeit. Dies ist nun nicht mehr wichtig, aber es gibt die Linie des Anstandes zurückwandelnd wieder. Dabei ist er kein ekstatischer Bekenner, kein Täter, kein Konsequenzen-Zieher. Sondern auch in der Opposition voll Reserve. Untadelig wie wenige, wie fast kaum einer seines Ranges, seines europäischen Ansehens während des Kriegs. Die Haßschreie und der nationalistische Wahnsinn fanden in ihm keinen Trabanten. Auch im Künstlerischen war er nie nach Konjunktur aus, nie voll Wechsel wie Gerhart Hauptmann. Tadellos, ein vornehmer Repräsentant nicht nur seiner Zeit und Stadt, sondern des künstlerischen Gewissens geht er in die neue Zeit, deren Vorkämpfer und Führer wenig gemein haben mit seinem Werk, seiner Atmosphäre, deren große Wertschätzung und Verehrung, deren Gruß und Achtung ihm, wie jedem echten Menschlichen, gerne und eifrig zukommt.

Die Technik seiner Schreibweise, die den Menschen zerfaserte und an seinen Nerven hinaufschleichend ihn erriet, statt ihn zu bestimmen, die ihn festnagelte, statt ihn ins uferlos Göttliche und Menschliche hinaufzutreiben, war die gepflegte und modernste vor der expressionistischen Zeit. Wien züchtete champignonhaft Legion dieser Dichter kleineren Ranges.

Schnitzler scheint nunmehr, wo Zeit sich zwischen die Werke schon stellt, als bester und gesündester Vertreter. Die Geltung der Kunstform, die er vertritt, die Grenze der ganzen psychologischen Prosa bestimmt sich durch ihre Begrenzung schon selbst. Sie ist Kunst wie jede, beschränkt wie jede. Doch weniger in Stoffgebiet und Breite, als in der Höhe. Tragisches, Elementares, also Aufrüttelndes und Menschen allein Tragendes kann aus ihr nicht kommen. Nur liebevolles Nachgehen und Erklärenwollen bestenfalls, wo vor Schicksal, Tod und Ewigkeit im Grunde nichts zu erklären ist. Diese Kunst hat nicht Rausch, nicht unvermittelte Hingabe an große Gestirne, die unser Leben leiten. Sie rätselt, sie klagt nicht an. Sie jubiliert nicht vogelhaft, sie ist geistreich vielmehr. Sie kennt nicht den unbeweglichen, alles bestimmenden Geist, denn sie umschreibt. Sie ist endlich nicht einfach. Sie will das auch nicht. Sie hat ihr Maß, streckt sich in ihre Proportion. Im klugen Wissen um die Grenzen des ihr Möglichen gerät sie nicht auf falschen Ehrgeiz. Als Ganzes beschaut, füllt Schnitzlersches Werk seinen Platz mit Haltung und meisterlich aus. Letzte Größe ist ihm versagt, doch kümmert das nicht. Es ist darauf gerichtet, sich selbst zu genügen, Träger zu sein, nicht Aufwerfer und Neugestalter. Es will Gerechtigkeit vor seiner Zeit. Die Zeit ist in ihm wie in einem Spiegel.

Das ist sehr viel.

4. Keyserling und die Gefühls-Mosaikler oder der impressionistische Roman

Die Gefahr des Feudalismus warfen die französischen Revolutionen schon gegen die Wand. Adel ist heut keine Drohung mehr gegen die Freiheit, Feind ist allein die geistverdickende Bourgeoisie. Adel ist heute ausgewählter Stoff und Symbol der Züchtung. Seine Männer sind körperlich Träger guter Gewohnheiten, seine Frauen haben allein (neben Jüdinnen) Rasse und Körper und Takt des Anzugs. Der Ausleseprozeß hat sie durch Generationen müd gemacht, aber er hat sie gestaltet. Kosmopolitische Ansicht einigt sich gern mit dem Weitblick alter Magnaten, nie mit dem kleinen und schneidigen Vertreter raschen Reichtums oder bedachtsamer Bürgerlichkeit. Zwischen guten Revolutionären und alter konservativer Rasse ist immer ein Findepol, denn beide haben die Kühnheit und die Rücksichtslosigkeit von Ideen um sich. Wird das Gezüchtete, Adlige sogar geistige Auslese, ergibt sich unbedingt eine Hochsteigerung des National-Möglichen. Vielleicht, daß es beschränkt und problematisch, verfluchbar oder politisch hymnisch ist, jedenfalls wird es eine ganze Sache sein. Denn in solchen Verfeinerungen trifft sich der aus dem Jahrhundertwerden aufsteigende Saft mit der Wellenbrechung der Zeit. Nicht in Büchern, Reden und Museen setzt sich Kultur und Bewußtsein ausgeglichner und großer Vergangenheit fort, sondern wie jede große Musik nur in den Menschen. Der Reinhalteprozeß der Aristokratie ist irgendwie inferior, weil er, nach bornierten Gesichtspunkten angelegt, nur Macht, Würde oder Ansehen, nicht Geist und überhaupt Führerqualität durch die Jahrzehnte mischt und schleudert. Aber es ist ein wenn auch enger, so doch unbestreitbarer Züchtungsvorgang. Hier kommt aus gepflegter und immer wachgehaltener Tradition Tat, Leidenschaft und Dasein vergangenen Geistes heraus. Nichts Gelebtes, Gedachtes, was eine Zeit groß machte, was hier nicht in dem Bewußtsein noch säße. Darum ist ihre Bewegung mehr nach rückwärts geneigt, weil sie früher stark nach vorne gingen. Sie sind belastet und nicht aktiv mehr, aber das Reservoir, die große Stauung des Seitherigen, ein enormer Besitz. Hier einigt sich Überliefertes mit Blut, ein unerhörtes Zusammentreffen.

Denn wirkender Stil ist ja nicht Oberfläche, sondern tiefe Verankerung. Nie Gewohnheit, sondern aus dem Muß herausgegangene immer wieder bejahte Form, die stündlich begründet, sekündlich durchatmet wird. Stil sind die drei Kronen auf den schwedischen Banknoten, auf den Eisenbahnpolstern, das Zeichen ist selbstverständlich, räumlich schön, ist, kurz, symbolisch geworden, in den Volkskörper übergegangen. Stil ist Walpurgis auf Haselbakken, ist ein Allgäuer Haferlschuh, ist der Kontakt der Gräfin M. mit den Pergamentbüchern und Wappen in ihrem Burgturm, ist das Lächeln einer Pariser Hure im lateinischen Viertel, Essen im Café de la Paix, das Fest nach der Hopfenernte am Bodensee, Smörgasbord auf skånischen Schlössern, ist die Anmut einer verschlossenen Dame, die Geistiges andeutet. All das erbt man, aber lernt es nicht. Überall ist die Form wie Nebensächliches, ja schon souverän jenseits des Formalen, beherrscht von einem alten Gehalt, von Errungenem und sich in den Sitten und Äußerlichkeiten spielerisch weiterbewegende Wahrheit. Stil ist kein Korsett, keine Rückenmarkstarre, sondern die ungemeine Lebendigkeit derselben Sache. Stil ist ganz rund, ganz eindeutig, ganz bestimmt und präzisierbar wie ein Körper, jedoch in seiner Vollkommenheit so vibrierend, so erregend und derart ungewöhnlich scheinend, daß er nicht zu bestimmen ist. Ganz feminin im Reiz. Nicht heute Köchin, morgen Dame, dann Dirne, dann Weib, sondern das Weibliche schlechthin und zwar in der Form der tadellosen Dame, jedoch mit solchem Geschiller und derartiger Möglichkeitslinie in Gesicht, Geruch und Stellung, daß alles, was ausdenkbar und erwünscht in weiblichem Weltbild, darum ist. Stil ist darum nie Mode. Nur Kindische und flache Denker verwechseln seine Äußerung und seinen treibenden Grund. Was heute Expressionistisches ist, bleibt in den echten Äußerungen nach zwanzig Jahren dasselbe, nur mit anderem Namen. Ewiges ward immer in die Spirale modischer Formen gebaut und was Dürer, was Rembrandt seinen Mitmenschen bedeutsam zu machen schien, war sicher das Nebensächliche, nicht sein Kern. Schreien im Jahre Neunzehnhundertzwanzig Dadaistenjünglinge den Tod des Expressionismus aus, ist das ein Zeichen ihres Hirnes, das im Tempo der Schreibmaschinen nur Zeit und Symptome faßt, nur sieht, daß eine seit Persiens Miniaturen, seit Amenophis, Böhme, Ekkehard, Büchner, Strindberg bestehende geistige Richtung in ihrer modischen Schale falsch verstanden und von Knaben und Snobs zu blendenden Exercitien vergewaltigt wird. Irgendwo ist unter uns, ist in uns der dunkle Strom eingeschaltet, der das nie versiegende Feuer des Geistes auf uns richtet und die uralten Gehalte weitertreibt in die Kanäle des großen Ausbruchs und der inneren Verbundenheit. Auch das ist Stil. Er hat keine Gesetze, sondern Berufung. Ein Bauer, ein Proletarier kann fortsetzen, was vor hundert Jahren an erlauchter Stelle herauskam. Fritz v. Unruh schreibt manchmal, als ginge keine Überlieferung ihm voraus. Der Sohn eines Mehlhändlers schwärmt in verzücktesten Adelstraditionen. Die Völkerattitüden selbst vertauschen sich manchmal sogar scheinbar. Der Däne Jensen schreibt wie ein Norweger, Madelung wie ein halber Russe. Deutsche manchmal wie Österreicher. Auch zwischen Deutschen und Franzosen beginnen Wechselspiele. Am deutlichsten bleibt immer der Russe, trotzdem ist Kusmin vollständig französiert. Dennoch gibt es dem Kenner und Einsauger des Vorgesetzten letzthin keinen Zweifel. Aus der Zivilisationsgier des kleinen Mannes dringt die Geilheit, mehr zu scheinen, durch, neben der Sehnsucht, die vielleicht vorhanden, nach wahrer Erhöhung. Irgendein Fadendünnes ist auch in Jensens Wolfsgebiß. Das Weltgefühl, die geistige Substanz, die das Ganze gliedert, ihm den Aufbau gibt und die Wärme, in der es atmet, schwankt unentrinnbar hinauf. Nichts ist delikater wie Stil. Vor so langer Pflege besteht nichts, was nicht auserwählt ist und was seine Natur verläßt, wird verlogen und ist erledigt. Nur innere letzte Wahrheit bringt ans Ziel, und die grobe und wilde Geste des zupackenden Stürmers hat genau die Überlieferung des Geistes, wie jene des Besingers der langen schönen Finger und der abgewandten in sich selbst zufriedenen Gebärden. Nur gibt es einen Unterschied: Wohl ist auch Zusammenhang zwischen Revolutionär und Revolutionär. Aber das Weltgefühl einer Rasse, das in ihr aufgespeichert in jeder Bagatelle des banalen Lebens Ausdruck und Sinn fand, kommt in ganz anderer Abgeschlossenheit, ganz anderer Endgültigkeit ins Kunstwerk, hat einer dieser Rasse selbst den Funken, der ihn aufsteigen läßt und reden. Hier ist alles vorbereitet. Eine innere Größe des Stils ist als Vorbedingung vorhanden von einer Sicherheit, die tötlich, einer Glätte des Seelischen, die souverän, einer inneren Haltung, die von vorn herein grenzenlos überlegen steht über Ahnungslose, die stumpf und unklar nach dem noch forschen, was jener im Blut hat.

Als daher die Jünglinge und Männer scharenweise begannen, die Welt in kleine Teile zu zerlegen und mit Watte, Sachet und Sentiment umbrämt die einzelnen Stücke nebeneinanderzustellen, als ein Dilettantismus des Schreibens ausbrach, der keine Scham trug neben so ausgezeichneten Künstlerleistungen der impressionistischen Malerei zu existieren, als die Mädchen und Jungfrauen Deutschlands in Ansammlungen sich aufmachten, Kellermann zu lesen, blieb Keyserling, Graf, Balte und Dichter die einzige Entschuldigung, die einzige Rechtfertigung dieser Zeit. Er ist nahe bei Renoir. Er hält Deutschland allein gegen Bang und Jacobsen. Was Kellermann im Virtuosen, Altenberg im Albernen mit Erfolg unternahmen, rechtfertigte er in Stille. Sonst haben wir niemand. In der Malerei Liebermann, Slevogt. Dieser Stil hat wenig Positives jenseits der Trikolore geschaffen, wo Renoir über Manet und Pissaro die glänzende und ruhige Schönheit eines Jahrhunderts in silbernen Rausch fing. Präsentiert man uns Pierre Loti, die Dänen, den Schweden Gejerstam, Peladan, den Engländer Wells, den Russen Korolenko, Brjussow, den Anfang des Spaniers Baroja, ständen wir mit schlappen Mäulern, hätten wir den einen nicht. Er ist sogar, was kein deutscher Maler der Zeit, kein Dichter sagen kann, unbeeinflußt. Die anderen schlugen krachend in Zolas Kerbe, schielten nach Monet, Cézanne, warfen sich den Nordländern in die Hände, die das feine Gestrichel der Impressionen mit Gefühlen weich im Kreise schwangen, und deren sinnierendes und augenblickshaftes Leben den Boden abgab, wo dieser Stil glänzend und fast national ward. Er ist der einzige Nenner gegen die Zeitblamage, wo in Deutschland Autoren begannen ein Raum- und Stilgefühl aufzulösen, das gar nicht vorhanden war, und nur süßliche Vapeurs in eine übelriechende Luft wälzten: Eine Revolution, die in alten Rahmen vor sich ging, die Sensation eines roten Fracks, aber im Salon der Frau Meyer. Er war ein Adliger in der Zeit der sozialsten Anfangskämpfe, der Literaturbarrikaden, des Proletariatszusammenschlusses. Zu seiner Zeit schwoll das Gesinnungshafte auf in zerflatternden Elendszenen, in naturalistischer Photographie. Was blieb? Wenn heut Aktivisten den Tod der Kunst brüllen und nur gesinnungshafte Sauhatz loben, fällt dies Echo als barbarischer Keil in einem Dezennium auf ihre nackten Schädel. Ich bin mit jedem Aktivisten gegangen, ich habe ihn im Krieg als einzige Flamme gesehen der Jugend. Ich habe ihn geschützt, weil die Idee wichtig war, weil das Prinzipielle mehr gilt als dies und das darum, was grün und faul und dumm war. Ich habe jede Überschärfung der Forderungen gebilligt, weil ich weiß, da ich das Leben aus den Tiefen her und mehr in den Höhen auch als viele kenne, daß die Forderungen säbelscharf überspitzt wurden, weil man auf dem Weg zum Gestaltwerden der Idee die besten Stücke aus den Lenden beißt. Aber liebe Freunde, werdet Ihr starr und kalt und dogmatisch wie deutsche Professoren, diktiert, verbannt, richtet, nehme ich mir freie Luft und die Möglichkeit jeder Bewegung. Ich bin für jede Aktivität, aber für jede Duldung. Ist Handlung nur Motor, Geist nur Zweckmaschine, rette ich mich in jene Landschaft, wo Menschen an Wachstum und Fülle, Tropischem und Bodenfrucht still und menschlich Freude haben. Wächst aus Politik kein gutes und rasches Machtgefühl, werdet Ihr geschliffen zu Kastratenkompromissen, und, wo Illuminierte eingingen, speien die Tore Zwitter aus. Was heut proklamiert wird, soll von der ersten Eizelle an den Menschen bessern, es wird nicht mit Kommandos gehn, er muß willig sein, überredet werden, nicht militarisiert zum Geist. Dann kommt nur aus großer Zeitkunst, wo Form, Idee, Kraft und Genie sich zu geheimnisvoller Schöpfung vereinigt, zurück, was bleibt, da ist, und ein neues Geschlecht begeistert, befittigt. An Zweckkunst allein erbricht sich das Gefühl wie der Steiß an Jugendstilmöbeln. Nicht Kunst ist unwichtig, sondern nie war sie wertvoller und von größeren Sonnen beschienen. Geist ist nicht Enge, nicht Diktat, sondern wie jede Äußerung des Ungewöhnlichen und Großen loyal und auch in der Duldung voll Größe. Schaut in ein Dutzend Erdumdrehungen die Erde nach anderen Schwüngen, sind die Voraussetzungen heutiger Ekstasen vorbei. Nichts bleibt als Gestaltung.

Immer war die Muse die große Trösterin und die schön Aufnehmende unseres Leides, und kein Gott hat gewagt, ihrem unerbittlich großen Gang sich entgegenzustellen. Eine seltsame Erleuchtung hat es unternommen, daß, als erste soziale Feuer sich entfachten und hymnische Knaben erfanden, daß „Freiluftkunst“ und Fidus, Naturstimmung und Stammeln Höhen des Erlebnisses seien, ein Aristokrat die reinste Musik seiner Jahrhundertshälfte in der Prosa formte, indem er in vollendeter und schöner Schwäche den Todesgesang und das entzückende Sichneigen seiner Rasse und seiner Generation begann. Außer Menschen, die die Wehmut seiner Sprache liebten oder Dandysmus des Gefühls in der spielerischen Geste zu sehen glaubten, außer Frauen und emporgekommenen Jünglingen hat niemand seine Sprache vernommen, niemand diesen großen Abschluß begriffen. Ehe er starb, war er jahrelang blind. Jenseits der Menschen schon, wie er über der Form stand, gleich Klee und Renoir ein Handwerkszeug so meisterlich beherrschend, daß er es fast nicht mehr gebrauchte. Eine Könnerschaft ging weg, wie in der Ausbalanzierung der Worte, in der Elastizität der schwankenden Sätze, in der tragischen Grazie dieses Land sie generationenlang nicht besaß. Wie allein Sternheim in der unheimlichen Knappheit jahrhundertalter Hirnkultur sie konstruktiv danebenstellen kann, aber niemals diese Gelassenheit erreicht, in der alte Möbel und Schlösser, Schlachten, Heiraten, Herbste, Ernten, Rokoko und erlauchte Blutmischungen Farbe und Erinnerung hineingaben. Da wir Kraft des Ausdrucks scheints mehr schätzen und haben als erlesene Prozesse der inneren Läuterung, liegt dem Deutschen und Kaffern das Einfühlen dahinein schwer. Weltgefühl hatten Staufer, die Ottonen. Man hat es nicht bewahrt. In der Breite blieb keine Form. Kommt ein Spätling damit ans Licht, zeigt in sieben Sätzen davon mehr als der Durchschnitt heutiger Autoren aufweisen kann, schelten sie ihn, achselzucken sie: Artist. Niemand ahnt, keiner weiß, welche Leiden, Mühen und Jahrzehnte es erst braucht, setzt aus den Stürmen und Kämpfen unseres Weltgefühls heut sich einmal nur die erste Stufe glatter Tradition, so daß irgendeiner schon jenseits all unserer Kämpfe leicht wie in luftloser Freiheit Summen und süße Kraft zieht. Im Chaos unserer Bewegung durch die Jahrhunderte steckt beste Kraft. Aber das ist kein Zustand, ist barbarische Gewohnheit. Lästerern, die sich der Roheit brüsten, ja uns allen, die an der Roheit wir ohne Schuld tragen, ist nur selten ein Zeichen gekommen, das zur Arbeit an der Gemeinsamkeit einer Harmonie riefe. Hier verscholl eines. Sein Gedanke war in andere Welt gekehrt. Kein Fanatismus, keine Problematik gab es mehr. Zeitfragen waren Stoff und Vorwurf, der so unwesentlich ihm war wie irgendeinem. Zum Schluß sah er nur noch Menschen. Die Melodie, mit der eine Welt aufwuchs noch einmal, war beste europäische, männlich, zurückhaltend und auch in der Schwäche ernst.

Zwischen Rußland und Deutschen hat die baltische Kultur sich in abgeschlossenen Jahrhunderten zu Reife und Enge entwickelt. Chinesisches kam aus ähnlicher Einsamkeit. Die Herrenkaste haßte Deutsches und Preußisches, schwang in Rußland die Geißel. Schon das Kokettieren mit Preußen, als der slavische Imperialismus die Brücken und Stoßwagen verbrannte, hätte diese über Zeit und Jahrhunderte unwahrscheinlich gebogenen Zustände innerlich zerstört. Zwischen Bolschewiken und Junkern laviert eine Kaste, die ein Jahrhundert zu lang Kondottieri und Ritter geblieben war. Um ihre Wälder und Schlösser aber staute sich die Zeit wie eine Schale gegen den Himmel. Darin wuchs wie aus Urformen Gewohnheit und Blutstraße sich zu einem Daseinsrhythmus, der in seiner Überzüchtung weit über Wien hinausgehend, den Rekord auf deutschredendem Boden mit tausend Längen schlug. Hier war ein Volk noch aristokratisch, noch mittelalterlich, flackten Feuer, Feste, Fackelzüge übers Eis in Übung und Sinn des achtzehnten, des zwölften Jahrhunderts. Stoffe und Menschen, der Frühling und die Geburt kamen in Einstellung auf ein Dasein, dessen Inhalte diese Vorgänge nie gliederte, sondern nur beherrschte. Alles ist abgerichtet, fertig. Den letzten Dichter der Epoche läßt das Schicksal sterben, ehe eine neue Zeit das alles zerstört. Was er findet aber, ist so vorbereitet, so vollendet, so voll verhaltenem, kaum ertragbarem Ton, ist so in seine Hand hineingetrieben und ihren Rinnen gemäß gebaut, daß seiner geringsten Bewegung alles gehorcht. Er denkt die Vorgänge in seine Prosa, nie schreibt er. Das Mechanische ist tief unter ihm. Wissende spüren, wie ungeheuer das Bedeutendste bei ihm zwischen den Zeilen ist, wie bei Hamsun in der Atmosphäre so nah liegt, daß es nie, sondern nur Unwichtiges gesagt wird. Barbaren warfen mykenischen Stuten Menschen zum Fraß vor. Religiöse und Erschauerns fähige Völker wagten den Namen Gottes nie auf die Lippe zu nehmen und umschrieben ihn mit einfachen Symbolen.

Er filtriert Menschen nicht zur Idee, denn was Menschen damit meinen, ist in ihrer langen Vergangenheit schon irgendwie ihnen begegnet, in sie eingetaucht, Probleme gibt es nicht mehr. Die Zeit ist so alt geworden, daß alles bekannt und freund ist. Leidenschaften werden nicht mehr von Belang. Sie werden getragen, sind sie zu stark, stirbt man unter ihnen wie bei zu sehr Geliebten. Ein Heroimus des stillen Unterliegens und der passiven Widerstände erhebt sich und wird allgemein, nicht besonders. Gutes, Böses, Soziales und die Forderungen, mit denen Zeit und Schicksal die ewige Drehung des Gestirns begleiten und dirigieren, werden nicht mehr bewußt, das ist geregelt, Widerstand wird nicht erdacht. Es würde Unsinn, denn in welche Welt wäre zu scheiden aus dieser, es sei denn in den Tod? Man trägt. Wie bei den Russen. Auch hier wie bei Tschechow. Aber erlesener, man hat mehr an Süßigkeit vergangener Zeit und ungemeinen Geschehens auf seinen Leib gesammelt. Die großen Gebärden waren schon da, sie werden aus Achtung nicht wiederholt. Die Welt ist ganz in Zurückhaltung zusammengewachsen. Was den Neu-Aufgekommenen bestaunbar, stürmisch, durchwatbar und Meersehnsucht des Unendlichen scheint, belächelt man. Es war zu den Kreuzzügen schon Fanal. Die Landschaft gliedert sich in Alleen mit Nebel, auch etwas Sonne. Natürlich ist es sehr farbig im Herbst, der Sommer bringt zum tausendsten Mal Frucht. Die Seelen der Frauen sind sehr seltsam geworden in diesen Wiederholungen der Körper. Bild an der Wand gleicht Bild an der Wand und denen, die sie beschauen. Der Makrokosmos ist in ihre Seelen schattenhaft eingegangen. Man kennt nicht viel, weiß aber fast alles. Daher ist die Wehmut in allem, im Glück, in der Zeugung, im Schrei. Manchmal hat sie die äußersten Grade des Süßen erreicht, vollendet bis zum Glanz des Porzellans und starr geworden wie die Welt asiatischer Miniaturen, dünn im Atem und tötlich in der Tragödie und von einer Selbstverständlichkeit der menschlichen Schwünge und Charaktere, daß die zitternde Hand vor dem Sausen der Natur zurückschreckt.

Mit feinem Anschlag kommt eine Hand an die Tastatur. Beherrscht, klar, Gefühl bei Gefühl, die tanzende Weltkugel in der Mitte auf Wasserstrahl in absoluter Geschlossenheit, mit gewähltestem Anstand, beginnt ein Orchester. Bläser und Trommeln sind nicht vonnöten. Man sieht überhaupt keine Instrumente. Nur ein großer Dirigent hat eine heimliche Melodie angeschlagen, aber, als er begann, waren Solisten und Instrumente schon in jenen Nebel entzogen, den die Zeit vor die Abschlüsse stellt. Doch da sie zur Katastrophe den guten Ton setzt, haben, lang noch, Engel und Verfluchte Glanz und erlesene Substanz irgendwo im Raum von einer Wolke abgelesen.

Jedes Schachteln und Bestimmen hört damit auf. Er wurde aus einer Schule heraus groß. Ein Schlagwort hat immer allgemeinen Sinn, und sage ich zögernd expressionistisch, meine ich Cheops so gut wie Roswida, Däubler, den Baalschem, den William Shakespeare. Mir wächst das Wichtige ins Gesicht, nicht die gorillahafte Färbung. Heut ist mir’s Ausdruck des Weltgefühls meiner Epoche, es bedeutet mir Phalanx mit Pazifisten, Mutigen und Aktivisten und Malern. Es können Blasse dabei sein und Fliegerleutnants. Es sind Brüder zum Ziel. Messe ich nach fünf Jahren, lasse ich nur die Leistungen passieren, das, was hart und dick geworden ist. Das Schlagwort zerflattert. Wahrscheinlich ist mir dann, ich habe es nie gewußt. Daß, als Keyserling lebte, getüpfelt ward, Bang strichelte, Jacobsen schraffierte, Gejerstam an dem Filetrahmen saß, Programme darauf geschrieben wurden, Gierige sie ausschrien und sich damit kostümierten, hat nie eine Zeile des Mannes umgedreht. Zuviel war hinter ihm. Stil und Haltung, die ihn trugen, waren geschmeidig genug, den Luftzug aufzunehmen und sich untertänig zu gestalten, wie alles, was die Zeit herantrug. Als van Gogh und Cézanne tot waren, schlug sich der Pöbel, der von ihnen lernte und lebte, darum, ob sie als Im- oder als Expressionisten sich gedacht hatten, solange sie sehnsüchtig oder überdrüssig den romanischen Teil der Oberfläche Europas besiedelten. Sie haben schwer sich geschunden und um den Ausdruck ihrer Kraft gerungen. Was große Persönlichkeiten einfängt in die Spiegeleien an den vier Wänden der aktuellen Zeit, ist nur von sekundlichem Belang. Was säuselte in impressionistischen Kapiteln, ist abgefallen, nicht mehr da. Die Zeit drängt enorm zusammen. Bald werden Renoir und Picasso dicht nebeneinander liegen. Das ist die große Einstellung. Im Ausscheiden und Niveaudurchbilden von Monat und Jahr geht es ums andere, ums Gegeneinanderstellen, um die Kontraste, ums Deutlich- und Gesundmachen der problematischen Vereiterungen durch Operation. Von denen der letzten fünfzig Jahre ist Wassermann durch Romancierfülle in einer asketischen und mager gewordenen Romanzeit, Heinrich Mann durch die große Geistigkeit, Sternheim über seine schmale und glitschige Florettbegabung durch die Zeitprophetie und sein unerschütterliches Bekennertum weit und sehr über Schulehaftes hinausgestrebt.

Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich Befeindendes zusammenrückt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von Troies, Tomas a Kempis und Hutten, Heine und Hölderlin. Zola und Maupassant. Man darf in dieser Höhe die unten wichtigen Unterscheidungen der Stile nicht zu ernst nehmen. Man tut es im letzten Grund überhaupt nicht, auf Gipfel, Kerle, Leistungen bedacht. Die kleinen Gefühlvollen haben den großen Dichter deutscher Prosa einen Ästheten genannt. Manchmal war er allerdings gegen feuchte Hände und Röllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun. Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefühle. Sie waren nicht gefährlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen, die sich selbst unterdrückten, ihre geschundene Kreatur wieder und beschlagnahmten ihn für sich. Kenner aber statuierten ihn zum Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er war nicht von euch, der das Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr auserlesenen Exemplaren zu Hyperbel und Schleife über den Schicksalsrücken zog. Indem er jenseits von Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er nicht mehr kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem Buch, langsam das Blut und fadendürftig das Rollen des Vorgangs, aber es war ein Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorüber. Ihr Weltgefühl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von Kunstform vor solcher Wölbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur, nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf solcher Höhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D’Annunzio auf irgendeinem Olympos der Völker, wo schon nicht mehr um Forderung und um Zeit gefeilscht, sondern um Repräsentation der Gefühle und Gezeiten gefochten wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Würde eingeführt und empfangen werden.

5. Dichter — Zeit — René Schickele

Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher lagerte, brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx gegenüber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg machte dann die Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen erwächst der Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter und Künstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen) vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches Hineinschwärmen, ein tapferes Reiten für die Internationale des Geistes. Immerhin: es ist selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß junge Leute statt mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten sich in die Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus, Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß sie schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon so früh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.

Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit auch annähernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande käme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, daß die Verständigung im Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde. Denn hier mehr als am Balkan lag das Gespenst. Und hatte unter der dritten französischen Republik auch anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und Überwundenes, dem auf internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beimaß, so sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen militärischen Instinkte die republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-Lothringen als Kampfruf die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch weniger Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den Frieden zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als „pivot de la politique mondiale“ zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an Elsaß-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert hätte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die Explosion ihr die erwünschte Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei zu machen. Aber einige wenige Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Löwen und Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kämpften seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch größere Freiheit die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer sein muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst Stadler, dessen Herz ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den es zerriß, das heldenmütig tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft hatte: in dem Völkerhaß eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute wollten für das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.

Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden aber hartnäckigen Situation halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten. Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausführen, wie aus Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene, reiche und paradiesische Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen, aber auch vielen Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß sich das ohne Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen Beziehungen von einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus nationalistischen Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen der beiden noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein Bindeglied, das sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen reißt und entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren schrie, Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber auch im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt, immer höher: Schickele.