The Project Gutenberg eBook of Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft
Title: Körperpflege durch Gymnastik, Licht und Luft
Author: Paul Jaerschky
Release date: July 24, 2017 [eBook #55187]
Most recently updated: October 23, 2024
Language: German
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Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende dieses Textes.
Verlagsbuchhandlung
Ernst Heinrich Moritz in Stuttgart.
Wie urteilt die medizinische Presse über die Bibliothek der Gesundheitspflege?
Deutsche Ärztezeitung: Es gibt wohl so manchen Arzt, der von seinen Klienten um Angabe eines derartigen gedruckten Ratgebers angegangen wird. Wir möchten unsere Leser in diesem Falle auf das vorliegende Unternehmen aufmerksam machen.
Es sind prächtige Büchlein, die ihren Zweck, hygienische Lehren und hygienisches Leben ins Volk hineinzutragen in ganz ausgezeichneter Weise erfüllen. Die Klarheit und Uebersichtlichkeit der Anordnung des Stoffes, die Einfachheit und Verständlichkeit der Sprache, die vorzüglichen Abbildungen, der geradezu lächerlich billige Preis und last not least auch die Namen der Herren Autoren bürgen dafür. — Diese Bücher sind unsere besten Adjutanten im Kampfe gegen Aberglauben und Kurpfuscherei aller Art!
Wiener medizinische Presse: Autoren und Verleger der Bibliothek der Gesundheitspflege verdienen uneingeschränktes Lob!
Der ärztliche Mitarbeiter der „Zeit”, Herr Dr. Steiner-Wien: „Ich halte es für eine Pflicht der Journalistik, das Publikum auf Ihr gediegenes Unternehmen hinzuweisen”.
Bayer. ärztl. Korrespondenzblatt: ... Die Empfehlung derartig guter Bücher an weitere Kreise ist Pflicht des Arztes.
Württembergisches medizinisches Korrespondenzblatt: Wir halten es für eine Pflicht der medizinischen Presse, auf das Unternehmen hinzuweisen, da gerade die Aerzte viel dazu beitragen können, diejenigen Personen, für die die Bücher bestimmt sind, auf diese Erscheinungen hinzuweisen.
Münchner medizinische Wochenschrift: Die Bücher sind mit wissenschaftlichem Ernst, allgemein verständlich und sehr ansprechend geschrieben. Sie erfüllen ihren Zweck ganz vorzüglich, unserem Volke die wichtigen Lehren der persönlichen Hygiene zugängig zu machen und dasselbe dadurch vor Störungen der Gesundheit und des Erwerbes zu bewahren.
Bibliothek der Gesundheitspflege
herausgegeben von † Prof. Dr. Hans Buchner, Geheimrat
Prof. Dr. Max Rubner, Obermedizinalrat Dr. F. Gussmann.
1. Aufgaben, Zweck und Ziel der Gesundheitspflege von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Orth. Brosch. 80 Pfg. Eleg. geb. M. 1.—.
2. Bakterien, Infektionskrankheiten und deren Bekämpfung von Hofrat Prof. Dr. Schottelius. 237 Seiten, 33 Abb., darunter 24 teils farbige Kunstdrucke auf Tafeln. Brosch. M. 2.50. Eleg. geb. M. 3.—.
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4. Hygiene des Auges im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. v. Sicherer. 130 Seiten mit vielen Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
5. Hygiene des Ohres im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Haug. 104 Seiten mit 3 Tafeln. Brosch. 80 Pfg. Eleg. geb. M. 1.—.
6. Hygiene der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. Neumayer. 160 Seiten mit 3 Tafeln. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
7. Hygiene der Zähne und des Mundes im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Port. 94 Seiten mit 2 Tafeln und 6 Abbildungen. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
8. Hygiene der Lunge im gesunden und kranken Zustande von Hofrat Prof. Dr. v. Schrötter. 140 Seiten mit 17 Originalabbildungen. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
9. Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Forel. 282 Seiten mit 6 Tafeln und 8 Textabbild. Brosch. M. 2.50. Geb. M. 3.—.
10. Hygiene des Magens, des Darms, der Leber und der Niere im gesunden und kranken Zustande von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ewald. 136 Seiten mit 6 Illustrationen. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
10a. Hygiene des Stoffwechsels im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Dennig. 90 Seiten. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50. — Das Buch behandelt: Fettsucht, Gicht, Zuckerkrankheit, Rachitis, Knochenerweichung etc.
10b. Hygiene des Blutes und der Blutgefässe im gesunden und kranken Zustande von Medizinalrat Dr. Walz. Erscheint 1905.
11. Hygiene des Herzens im gesunden und kranken Zustande von Prof. Dr. Eichhorst. 94 Seiten mit Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Geh. M. 1.50.
12. Hygiene der Haut, Haare und Nägel im gesunden und kranken Zustande von Dozent Dr. Riecke. 200 Seiten. Mit 17 Originalabbild. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
13. Hygiene des Geschlechtslebens von Hofrat Prof. Dr. Gruber. Mit 2 farbigen Tafeln. Brosch. M. 1.20. Geb. M. 1.50.
14. Entstehung und Verhütung der menschlichen Missgestalt von Prof. Dr. Lange und Dozent Dr. Trumpp. 120 Seiten mit 125 Abbildungen. Brosch. M. 1.60. Geb. M. 2.—.
15. Säuglingspflege und allgem. Kinderpflege v. Dozent Dr. Trumpp. 119 S. mit 5 Abb. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
15a. Körper- u. Geistespflege im schulpflichtigen Alter von Dozent Dr. Trumpp. 149 S. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
16. Entstehung u. Verhütung von Krankheiten vor, während u. nach dem Wochenbett von Dozent Dr. Schaeffer. 122 S. mit 8 Abb. Brosch. 80 Pfg. Geb. M. 1.—.
16a. Ursachen u. Verhütung von Frauenkrankheiten von Dozent Dr. Schaeffer. 94 Seiten mit 21 Abbildungen. Brosch. M. 1.20. Eleg. geb. M. 1.50.
17. Körperpflege durch Gymnastik, Licht u. Luft von Dr. Jaerschky. 138 S. m. 42 Ill., darunt. 16 ganzseit. farb. Kunstdr. Brosch. M. 1.60. El. geb. M. 2.—, mit Übungstaf. (80 Pf. apart).
18. Körperpflege durch Wasseranwendung von Prof. Dr. Rieder. 202 Seiten mit 8 Tafeln und 20 Textabbildungen. Brosch. M. 1.60. Eleg. geb. M. 2.—.
19. Hygiene der Kleidung von Generaloberarzt Prof. Dr. Jaeger. Mit vielen Abbildungen. Erscheint 1905.
20. Unsere Nahrungsmittel und die Ernährung von Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Rubner. 116 Seiten mit vielen Tabellen. Brosch. M. 1.20. Eleg. geb. M. 1.50.
Körperpflege
durch
Gymnastik, Licht und Luft
von
Dr. med. Paul Jaerschky
Berlin.
Mit 42 Abbildungen.
Stuttgart
Ernst Heinrich Moritz.
1905.
Alle Rechte, einschließlich des Uebersetzungsrechts
vorbehalten.
Druck von Carl Schnabel in Ludwigsburg.
IL DORIFORO DI POLICLESO
Motto: Als vollkommenster Mann der Schöpfung gilt mir einer, der mit derselben Hand die Iphigenie schreibt und bei den olympischen Spielen sich die Siegerkrone aufs Haupt setzt.
Euripides.
Inhalts-Verzeichnis.
| Seite | ||||
|---|---|---|---|---|
| Einleitung. | 7 | |||
| I. Teil: | Wert der Leibesübung für die einzelnen Körperorgane und für den gesamten Organismus: | |||
| 1. | Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln | 9 | ||
| 2. | Wirkung der Leibesübung auf die Knochen | 14 | ||
| 3. | Wirkung der Leibesübung auf Blut- und Lymphgefäßsystem | 20 | ||
| 4. | Wirkung der Leibesübung auf die Atmungsorgane | 30 | ||
| 5. | Wirkung der Leibesübung auf das Nervensystem | 45 | ||
| 6. | Wirkung der Leibesübung auf den Verdauungsapparat | 52 | ||
| 7. | Wirkung der Leibesübung auf den den Geschlechtsapparat | 52 | ||
| 8. | Wirkung der Leibesübung auf den Stoffwechsel und die Wärmeregulation | 53 | ||
| 9. | Wirkung der Leibesübung auf die Sinnesorgane | 56 | ||
| II. Teil: | Wert einiger besonderer Arten der Bewegung: | |||
| (Passiv-, Aktiv-, Widerstands-, Selbsthemmungs- und Förderungs-Bewegung) | 61 | |||
| III. Teil: | Wert der Sportübungen, des Turnens, von Spiel und Tanz: | |||
| 1. | Der Sport | 66 | ||
| a) | Das Reiten | 68 | ||
| b) | Das Radfahren | 69 | ||
| c) | Das Rudern und Segeln | 72 | ||
| d) | Das Schwimmen | 73 | ||
| e) | Das Gehen in der Ebene und das Bergsteigen | 73 | ||
| f) | Das Schlittschuh- und Schneeschuh-Laufen | 74 | ||
| g) | Das Fechten, Boxen und Ringen | 75 | ||
| 2. | Turnen und Turnspiele | 76 | ||
| 3. | Der Tanz | 80 | ||
| IV. Teil: | Körperpflege in den verschiedenen Altersstufen | 82 | ||
| V. Teil: | Körperpflege durch Licht und Luft: | |||
| 1. | Physikalische Eigenschaften des Lichtes; Einfluß auf Pflanzen, Bakterien und den tierischen Organismus | 84 | ||
| 2. | Einfluß des Lichtes auf den gesunden Menschen | 87 | ||
| 3. | Einfluß des Lichtes auf den kranken Menschen | 90 | ||
| a) | Das Sonnenbad | 91 | ||
| b) | Das elektrische Lichtbad | 92 | ||
| c) | Das konzentrierte Sonnen- und elektrische Licht | 98 | ||
| d) | Das farbige Licht | 102 | ||
| e) | Röntgen- und Becquerelstrahlen | 102 | ||
| f) | Blondlot-Strahlen | 104 | ||
| 4. | Die Luft in Beziehung zum menschlichen Körper | 105 | ||
| 5. | Die Arbeitsleistung der menschlichen Haut | 109 | ||
| 6. | Beeinträchtigung der Arbeitsleistung des Hautorgans durch die Kleidung | 111 | ||
| 7. | Welchen Nutzen hat der kranke Mensch vom Luftbade? | 116 | ||
| 8. | Das Licht-Luftbad, eine hygienische, soziale und ästhetische Forderung | 121 | ||
| 9. | Die Praxis des Nacktturnens | 125 | ||
| a) | Die Notwendigkeit des Nacktturnens | 125 | ||
| b) | Die Hilfsmittel des Nacktturnens: Massage, Wasseranwendungen | 126 | ||
| c) | Die hygienische Regelung des ganzen Lebenshaushaltes | 127 | ||
| d) | Lichtluftbadregeln | 129 | ||
| e) | Die Aufstellung eines individuellen Bewegungssystems | 131 | ||
| Anhang: | ||||
| 1 | Uebungstafel und Ausführungsanweisung | |||
| 3 | Uebungstabellen für Kinder, Frauen und Mädchen, Jünglinge und Männer. | |||
| Diese Uebungstafel mit 24 Figuren und dem dazu gehörigen Texte ist incl. der drei Uebungstabellen für Kinder, Mädchen und Frauen, Jünglinge und Männer für 80 Pfg. zu beziehen. Dieselben sind vom Buchbinder aufzuziehen und an die Wand zu hängen. | ||||
Einleitung.
Körperpflege wird heutzutage in verschiedenster Weise betrieben, da man zur Erkenntnis gekommen ist, daß in unserer schnell lebenden Zeit bei dem gesteigerten Verbrauch an Körper- und Geisteskräften dieselbe dringend benötigt wird. Als Hauptmittel wird dazu das Wasser in seinen verschiedensten Formen gebraucht. Ohne den Nutzen des Wassermittels zu verkennen und ohne seinen hohen Wert schmälern zu wollen, glaube ich doch, daß man demselben häufig einen zu weiten Raum einräumt. Daß dies so ist, kommt jedoch nur daher, daß man die ursprünglichen und natürlichen Pflegemittel des Körpers zu wenig kennt und deshalb zu wenig bewertet.
Wir Menschen sind Geschöpfe, die nicht wie die Fische und andere Wassertiere im Wasser, sondern vielmehr in ihrem natürlichen Element, in dem Licht-Luftmeer schwimmen und sich bewegen sollen. Wir haben jedoch den richtigen Gebrauch des Lichtluftmittels verlernt. Durch unsere Kultur sind wir mehr und mehr dazu gekommen, daß wir den ganzen Körper und jeden Teil desselben noch im besonderen möglichst schützen vor der Luft durch Kleidung, Schuhe, Schirme, Tücher u. s. w.
Ist es da zu verwundern, daß dasselbe Luftmittel, das unseren Körper so unendlich viel Segen bei richtiger Ausnützung bringen könnte, uns verderblich wird, sobald wir mit demselben unfreiwillig und überraschend in Verbindung gebracht werden?
Es ist für den Menschen gut, daß er nicht nur die Vorteile, welche die Kultur bringt, sondern auch deren Nachteile kennen und dadurch dieselben vermeiden lernt.
Deshalb muß die heutige Menschheit, um nicht durch die Bekleidungskultur zu sehr zu leiden, lernen, wie sie sich im Rahmen der heutigen Kultur den Nutzen der Bewegung im großen Licht-Luftmeer zu eigen machen kann.
Die natürlichsten Mittel zur Körperpflege sind erstens die Bewegung, welche dem individuellen Kraftzustand des Menschen entspricht, und zweitens das Licht und die Luft in den verschiedensten Wetterkombinationen.
Bewegung im nackten Zustand, oder mit dem Worte griechischen Ursprungs „Gymnastik” (von γυμνος = nackt) bezeichnet, ist das beste Zuchtmittel des Körpers.
Die alten Griechen haben ihren Körper und Geist nicht zufällig, sondern ganz bewußt nackt geschult; nicht anders liegen die Verhältnisse bei unseren germanischen Vorfahren.
Den Beweis zu erbringen, daß das Nacktturnen die beste Körperpflege ist, und das System des Nacktturnens so zu erläutern, daß es jeder Mensch, ob Männlein ob Weiblein, ob Kind oder Erwachsener, richtig und bequem zu gebrauchen weiß, ist der Zweck aller folgenden Auseinandersetzungen.
Wenn mein Schriftlein dies erreicht und die Menschen zur persönlichen Kultur anregt, so wird der Wunsch, den Se. Majestät der deutsche Kaiser auf der Schulkonferenz 1890 aussprach: „Wir wollen eine kräftige Generation”, erfüllt und das deutsche Volk durch vernünftige Selbstzucht von einem Kultursieg zum anderen schreiten.
I. Teil.
Wert der Leibesübung für die einzelnen Körper-Organe
und für den gesamten Organismus.
Wer den Körper bewegen will, um denselben zu pflegen, muß den Wert dieser Uebungsbewegungen kennen; nur dann wird er die Leibesübung individuell verstehen und gebrauchen.
1. Wirkung der Leibesübung auf die Muskeln.
Wir wissen, daß ein Muskel, den wir durch einen Verband bewegungslos machen, an Muskelfleisch verliert; wir wissen ferner, daß, wenn wir eine Muskelgruppe besonders stark gebrauchen, dieselbe an Muskelsubstanz zunimmt z. B. die Wadenmuskulatur des Bergsteigers, die Oberarme der Schmiede, die Vorderarmmuskulatur der Klavierspieler.
Dieser Dickenzunahme entspricht die höchste Einzelleistung der Muskeln, die durch Uebung erreicht wird. Gleichzeitig wird aber durch Uebung eine gewisse Unermüdlichkeit der Muskeln erzielt. Fixiert man z. B. den Oberarm und läßt nun den Vorderarm Gewichte heben und notiert die Hubhöhen auf einem rotierenden Zylinder, so findet man, daß die Höchstleistung nur kurze Zeit geleistet werden kann; damit nun die Hubhöhe gleich groß bleibt, muß die Belastung stetig vermindert werden, bis schließlich die kleinste Belastung erreicht wird, bei welcher die Muskeln stundenlang in demselben Tempo fortarbeiten können. Dieser Unermüdbarkeitswert wächst durch Uebung ebenso stark wie der Wert der höchsten Einzelleistung. Und zwar steigt die Tagesleistung (in Kilogrammeter[1]) ausgedrückt auf das 21⁄2fache. Muskelreize bringen den Muskel in Tätigkeit; sie wirken wie der Funke, der die im Schießpulver enthaltenen Spannkräfte zur Explosion frei macht. Oder wie der Lichtreiz, der unter Explosion, Chlor und Wasserstoff zu Chlorknallgas vereinigt. Der normale physiologische Reiz, der im täglichen Leben unsere Bewegungen veranlaßt, ist der Willensreiz. Auch dieser wird durch Uebung größer, deshalb muß auch die Aeußerung des geübten Willens eine mächtigere und ausdauerndere sein. In gleicher Weise erzeugen mechanische, chemische, thermische, elektrische und physiologische Reize aus den chemischen Spannkräften des Muskels Wärme und Arbeit, d. h. er verwandelt chemische in physikalische Kräfte. Dabei verändert der Muskel seine Gestalt, er wird kürzer und dicker und zwar desto mehr, je stärker der wirkende Reiz ist. Entsprechend dem lebhafteren Stoffwechsel sind die Blutgefäße etwas erweitert. Man darf sich das Festerwerden des Muskels nicht etwa so vorstellen, als ob er durch Zusammenziehung den Inhalt seiner Blutgefäße wie einen Schwamm auspreßt. Denn der Muskel besteht ja zu 3⁄4 aus Wasser, einer Flüssigkeit, die fast gar nicht zusammengedrückt werden kann. Die Gestaltsveränderung der Muskeln ist aber nicht nur eine augenblickliche, sondern zeigt sich bei dauernder Uebung in der Muskelmodellierung, d. h. in der dauernden Dickenzunahme des Muskelfleisches und in dem Sichtbarwerden der einzelnen Muskelabschnitte, ihrer Ursprungs- und Ansatzpunkte.
[1] Kilogrammeter ist dasjenige Maß der Arbeit, welches angibt, daß ein Kilogramm ein Meter hoch gehoben wird.
Wichtig ist auch die Elastizitätseigenschaft der Muskeln; denn da dieselben in etwas gedehntem Zustande am Skelett befestigt sind, so suchen sie vermöge ihrer Elastizität zum natürlichen Zustande zurückzukehren, pressen also die Gelenkenden mit einer gewissen Kraft zusammen, verleihen demnach den Gelenken ihre Festigkeit und haben dadurch die Fähigkeit einander entgegenzuwirken.
Je stärker ein Muskel vor seiner Tätigkeit gedehnt wird, um so mehr Kraft entwickelt er.
Wollen wir demnach kräftige Bewegungen ausführen, so müssen wir zu denselben ausholen. Wir dehnen zuvor den großen Brustmuskel, indem wir den Arm etwas nach hinten nehmen, wenn wir den Wurf mächtig gestalten wollen. Soll die Wurfbewegung zart und abgemessen sein, so brauchen wir die der Zusammenziehung vorangehende Vorbereitung der Muskeldehnung nicht.
Ein Springer kann, sofern er wirksam springen soll, nicht aus dem Stande springen, denn der das Körpergewicht emporfedernde große Streckmuskel des Oberschenkels ist bei gestreckter Haltung des Standsprunges zusammengezogen. Um ihn zu dehnen, macht man zuvor die Kniebeuge.
Je härter die Speise ist, die man zu beißen hat, desto weiter schiebt man sie nach hinten zwischen die Backenzähne um die Kaumuskeln zu dehnen und ihre Tätigkeit wirksamer zu gestalten. Um eine weiche Nahrung zu bearbeiten braucht man die Schneidezähne, so daß man den Mund kaum öffnen und die Kaumuskeln nur wenig zu dehnen braucht.
Daraus folgt, daß man bei vernünftiger Leibesschulung die Muskeln zur Erzielung von Höchst-Leistungen so erziehen muß, daß sie mit Leichtigkeit die volle Dehnungsweite ausnutzen können, man aber auch da, wo es auf die größte Entfaltung von Kraft nicht ankommt, vielleicht zum Zwecke einer Dauer- oder Schnelligkeitsleistung sich durch Einschränkung der Dehnungsweite Reservekraft erhält. Auch das „Federn” des Körpers, das er beim Sprung aus größerer Höhe gebraucht, ist nur bei einer bestimmten Muskelelastizität denkbar.
Alle Bewegungen, die wir für gewöhnlich ausführen, sind anhaltende Zusammenziehungen.
Eine ununterbrochene Arbeit können die Muskeln indeß nicht leisten, weil sie ermüden. Diese Ermüdung äußert sich zunächst in einem Gefühl der Schwäche, welches sich allmählig zum Schmerzgefühl steigert; das Gesicht wird rot, Schweiß bricht aus und es treten Mitbewegungen auf, bis schließlich trotz größter Willensanstrengung die Muskeln vollkommen arbeitsunfähig werden und den Dienst versagen. Noch mehrere Tage nach einer derartigen Muskelleistung kann der Muskel schmerzhafte Nachempfindungen äußern, wie wir sie bei dem sogenannten „Turnfieber” beobachten. Ein durchgeübter, d. h. trainierter Muskel dagegen zeigt solche Uebermüdungserscheinungen nicht mehr.
Bekanntlich ist auch der ruhende Muskel im steten Stoffwechsel begriffen. Er entnimmt dem Nahrungssafte des zuströmenden Blutes, um dem Körper die nötige Wärme und Kraft zu übermitteln, Nährsubstanzen und Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab. Und zwar nimmt er mehr Sauerstoff auf, als er Kohlensäure abgibt; wir haben also im Muskel einen Sauerstoffspeicher. Aber dieser Sauerstoffumsatz ist beim tätigen Muskel ein wesentlich höherer; denn der Sauerstoffverbrauch und die Kohlensäureabgabe sind bis zum fünffachen gesteigert. Dabei ist, wie bekannte Forscher gezeigt haben, der Sauerstoffgehalt des Körperblutes der Schlagadern noch größer und der Kohlensäuregehalt desselben noch kleiner als beim untätigen Muskel.
Der Muskel hat also trotz des erhöhten Sauerstoffverbrauches durch seine Tätigkeit noch mehr Sauerstoff aufgespeichert als im Ruhezustande. Diese Vergrößerung des Sauerstoffspeichers erreicht der Muskel dadurch, daß er durch Erweiterung seiner Blutgefäße das Blutreservoir so stark vergrößert, daß eine 3-5mal so große Blutmenge den Muskel durchströmt, ferner dadurch, daß mit zunehmender Muskeltätigkeit auch die Atmung vertieft und beschleunigt wird, so daß durch die Lungen während der Arbeit bis zum 4-5fachen mehr Sauerstoff aufgenommen wird als in der Ruhe.
Aber nicht nur die Aufnahme und Verarbeitung der wichtigsten Lebensspeise, nämlich des Sauerstoffs werden durch die Muskeltätigkeit erhöht, sondern auch alle übrigen Muskelbestandteile.
So nimmt die Menge der im Wasser löslichen Muskelstoffe durch Tätigkeit ab, während die Menge der im Alkohol löslichen zunimmt; ferner ändert der Muskel durch Tätigkeit seine chemische Reaktion, denn die neutrale Reaktion des ruhenden Muskels wird beim tätigen durch Bildung von Fleischmilchsäure sauer.
Durch Muskeltätigkeit wird nämlich der Körper- und Muskel-Süßstoff verbraucht, indem derselbe erst in Zucker und dann in Milchsäure verbrannt wird. Als stoffliche Ursachen der Ermüdung des Muskels haben wir bisher folgende Endprodukte des chemischen Umsatzes kennen gelernt:
1. Die Vermehrung der Kohlensäure, von der wir wissen, daß sie, wenn sie sich im Blute übermäßig anhäuft, zum giftigen Gase wird;
2. Die Fleischmilchsäure.
Es sprechen jedoch für den Akt der Ermüdung resp. Erschöpfung der Muskeln noch andere Dinge mit, die Alex. Haig zuerst wissenschaftlich nachgewiesen hat.
Dieser Forscher wies nach, daß, wenn die dem Körper mit der Nahrung zugeführten Eiweißstoffe ungenügend im Körper verbrannt werden, das Blut und Gewebe des Körpers mit Harnsäure belastet werden. Harnsäure ist aber ebenso wie Xanthin, Kreatinin etc. ein nur teilweise verbrannter Eiweißstoff.
Diese Harnsäure verstopft, wahrscheinlich wie ein Klebestoff, die Blutgefäße kleinsten Kalibers, und verhindert dadurch erstens das schnelle Heranbringen des im Blute zirkulierenden Eiweißes an die Gewebe, zweitens die Auslaugung der Stoffwechselprodukte aus denselben.
Zur Erzeugung von Kraft und Ausdauer ist es daher notwendig, das Blut freizuhalten von Harnsäure und den ihr physiologisch gleichwertigen Xanthinkörpern. Denn ihre Anwesenheit bedingt, wie wir gesehen haben, eine Behinderung des Blut-Kreislaufs und eine Anhäufung von Stoffwechselprodukten in den Geweben.
Demnach sind als bisherige Ursachen mangelnder Leistungsfähigkeit nachgewiesen:
1. Die Anhäufung von Kohlensäure,
2. die Anhäufung von Fleischmilchsäure,
3. die Anhäufung von Harnsäure und physiologisch gleichgearteten Xanthinkörpern im Blute,
4. Mangel an Eiweiß im Blute.
Ein gesundheitlicher Training wird daher die genannten Erschöpfungsstoffe möglichst schnell entfernen müssen. In welcher Weise er dies am besten erreicht, werden wir später sehen.
2. Wirkung der Leibesübung auf die Knochen.
In der Jugend sind bekanntlich die Gelenkbänder weich, dehnbar und elastisch, eine Eigenschaft, die sie mit zunehmendem Alter mehr und mehr verlieren. Durch fortgesetzte Uebungen behalten sie jedoch in mehr oder weniger hohem Grade ihre jugendlichen Eigenschaften, ja ihre Elastizität wächst, so daß sie eine große Widerstandskraft gegen Zug erhalten. Die Produktionen der sogenannten Schlangenmenschen beweisen, eine wie hohe Geschmeidigkeit und Dehnbarkeit die Bandmassen bei einem frühzeitig begonnenen Training bekommen können. Ein unbewegtes Gelenk dagegen wird steif, die Gelenkkapsel schrumpft.
Aber auch die Architektur des Knochens selbst wird nicht unwesentlich beeinflußt.
Julius Wolf hat durch seine Untersuchungen nachgewiesen, daß die Knochen ein Anpassungsvermögen gegenüber den Zug- und Druckkräften der Muskeln besitzen, welches dem Gesetz unterworfen ist, mit möglichst wenig Knochenmaterial eine möglichst große Festigkeit gegenüber den einwirkenden Kräften zu erreichen.
Daher werden die Knochen muskelstarker Menschen nicht nur dicker und fester, sondern werden besser entwickelt an den Befestigungsorten der Muskeln. Man vergleiche nur die glatten Knochen der Kinder und Frauen mit den starken Rauhigkeiten und Knochenleisten kräftiger Männer.
Sehr deutlich ist der Einfluß vernünftiger Leibesübung auf das Rumpfskelett.
Ich erinnere an den sogenannten flachen Rücken, (Fig. 1), wie wir ihn bei kleinen Kindern finden, die zu früh sitzen, bevor noch die Wirbelsäule die nötige Festigkeit erreicht hat, oder an die flachen Rücken der Schneider, als Berufsschädlichkeit, oder an diejenigen flachen Rücken, welche nach Hoffa dadurch entstehen, daß die Muskelenergie zu minimal ist, so daß das Becken in aufrechter Stellung nicht aufgerichtet werden kann. Wie augenscheinlich ist hierbei die Wirkung eines vernünftigen Trainings in Form der Hang-, Gleichgewichts-, Geh- und Laufübungen.
Wie zauberhaft wirken ferner beim sogenannten hohlrunden Rücken (Fig. 2), bei welchem der etwas vorgewölbte Bauch und die starke Lendeneinsattlung sofort ins Auge springen, die tiefen Rumpfbeugen nach vorn!
Betrachten wir ferner den runden Rücken (Fig. 3) der Jugend, wie er sich ausbildet, nicht nur infolge von Muskelschwäche der Rückenmuskulatur, sondern noch vielmehr durch Willensschwäche, wie er weiter ausgebildet wird durch vieles Sitzen über den kleingedruckten Schulbüchern, namentlich bei Kurzsichtigen.
Fig. 1.
Flacher Rücken
(schematisch).
Fig. 2.
Hohlrunder Rücken
(schematisch).
Fig. 3.
Runder Rücken
(schematisch).
Auch hier sehen wir wiederum die wirksame Bekämpfung durch Gleichgewichtsübungen, durch Uebungen auf der Schwebekante, Balanzieren von Gegenständen auf dem Kopfe, durch Straffgang, durch den langsamen Schritt in militärischer Haltung, durch Rumpfdrehen, Rumpfstrecken, durch Hang- und Schwimmübungen. Nicht wenig trägt zur Erreichung einer normalen Haltung die moralische Uebung der Leibesübungen bei, denn mit steigendem Kraftgefühl wächst auch die Freude an straffem Wesen und das Schönheitsgefühl, das nur eine gerade Haltung als schicklich und schön anerkennt (Fig. 4).
Tafel I.
Fig. 4. Balancieren auf dem Schwebebaum. (Gleichgewichtsübung)
Nicht wesentlich anders liegen die Verhältnisse beim runden Arbeitsrücken, oder beim runden Rücken schnell fahrender Radler oder beim runden Greisenrücken.
Und was ich von dem flachen und runden Rücken gesagt habe, gilt ebenfalls für die seitlichen Verkrümmungen, auf deren mannigfache Ursachen ich nicht weiter eingehen will (Fig. 5). Auch hier bewähren sich die Leibesübungen, jedoch muß dabei bemerkt werden, daß beim sportlichen Training leider allzusehr die gesundheitliche Forderung einer guten Haltung, wie wir sie beim militärischen Training finden, vernachlässigt wird.
Fig. 5. Seitliche Verkrümmung der kindlichen Wirbelsäule durch fehlerhaftes Tragen desselben.
Nicht minder sichtbar ist der gesundheitliche Einfluß der Leibesübung bei den verschiedenen krankhaften Brustkorbveränderungen. Die schmale Brust, der faßförmige Brustkorb, der gleichsam in der tiefen Einatmungsstellung erstarrt ist, der lahme Brustkorb Schwindsüchtiger, der in tiefster Ausatmungsstellung verharrt, weil die Muskulatur zu schwach zur Rippenhebung ist, die rhachitische[2] Hühnerbrust, die Trichter-, oder Schuster-, oder Töpferbrust und die Schnürbrust sind sämtlich Abweichungen, die durch Leibesübungen zu bessern sind.
[2] Rhachitische Verkrümmungen der Knochen sind die durch englische Krankheit (Rhachitis) entstandenen.
Fig. 6. Faßförmiger Brustkorb (schematisch.)
Vielfache Untersuchungen, die an Soldaten vorgenommen wurden, beweisen übereinstimmend, daß durch die militärische Ausbildung der Brustumfang von 2-5 cm zunahm. Der Brustspielraum hatte also bedeutend zugenommen, ebenso seine Beweglichkeit, ein Beweis des gesundheitlichen militärischen, gegenüber dem einseitigen und dadurch nicht gesundheitlichen Training von Berufsathleten, bei welchen man mehrfach einen durch die Pressung bei schwerer Gewichtsathletik hervorgerufene Beeinträchtigung des Brustspielraums fand, z. B. bei dem berühmten Karl Abs von 2,50 cm, beim Athleten Sutz nur 1,75 cm.