René wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte von den Lippen rauben zu wollen, so fest hafteten seine Augen daran.
»Als er von dem großen Haus sagte in dem er dorten wohnte –« fuhr Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt selber schüchtern, als ob die Verstorbene noch einmal die Kunde hören könne, die ihr damals den Todesstoß gegeben – »und daß er – daß er sich wieder eine andere Frau genommen – das schöne weiße Mädchen das drüben auf Papetee gewesen, und mit dem er fortgefahren sei in einem Schiff, – da – da war's aus. Da brach ihr das Herz und – sie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und küßte ihr Kind viel und betete mit ihm, – aber – aber das Gift hatte gewirkt, und am nächsten Sabbath« – der kleine Mann konnte nicht mehr. Bis hierher hatte er sich, seinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes der der Urheber all dieses Leids gewesen verbeißend, ruhig gehalten und wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch selbst ohne Thräne im Auge forterzählt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in solcher Art wach gerüttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte Festigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, daß der Wi Wi die Thränen nicht sehen sollte, die er nicht mehr zurückhalten konnte, stützte er den Kopf in die Hände und schluchzte laut.
René wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen – er stand da, erschüttert und vernichtet, und die gefalteten Hände vor sich nieder streckend, das Kinn auf die Brust gebeugt, starrte er mit todtbleichen Zügen und thränenlosen Augen vor sich nieder, bis der Mitonare sich endlich gewaltsam bezwang, die Thränen aus den Augen wischte und mit lebendigerer Stimme fortfuhr.
»Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig – wollte nun an der Tochter anfangen – kam wieder mit »Bruder Ezra« und »Mitonare«, Oros Zorn über ihn; kam mit dickem Buch und dem stachlichen Stock da hinten – aber Ahi-ahi ist nicht so schwach – Bruder Rowe kommt nicht wieder über den Hügel – da hinaus flog er, glaubte er hätte Arm und Bein gebrochen. – Jetzt ist Alles wieder gut,« setzte er dann mit ruhiger Stimme hinzu, »Ahiahi lebt zufrieden und glücklich – lernt keine Bibelverse mehr und kein kleines dünnes Buch, braucht Nichts mehr herzusagen und sich nicht mehr mit iti iti kanaka zu ärgern. Aber –« setzte er plötzlich rasch und erschreckt hinzu, als Sadie mit Aia zurückkehrten zum Haus, und ein neuer Gedanke sein Hirn durchzuckte – »was willst Du jetzt wieder hier auf Atiu – Wi Wi – bist Du gekommen die Mutter zu suchen oder – oder willst Du – Dein Kind mit Dir nehmen in die fremde kalte Welt hinaus?«
Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zügen des holden Mädchens, das die letzten Worte gehört und sich schüchtern zu ihrem Pflegevater wandte.
»Fort von Dir, Vater?« sagte sie dabei – »fort von Aia – von Mutters Grab? – ich darf nicht – ich habe ihr versprochen ihr Lieblingsplätzchen da oben zu halten wie es ist.«
»Ja« setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreßter Stimme hinzu – »ja – Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir – Du hast vielleicht das Recht dazu, und – sie ist auch jetzt fast so alt wie ihre Mutter damals war – gerade alt genug um auch draußen die Sprache der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und sich elend zu fühlen – wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und fröhlich sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte; sie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf der Insel glücklich machen könnte – und sie dann vielleicht auch. – Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben, wie ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird ihr dann das Bett machen neben – neben der Anderen.«
»Nein, nein!« rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in die Seele schnitt – »nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesündigt an Euch hier; – nicht mehr – nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte – halte ihr Herz rein und gut, laß sie nie hinaus über das Rauschen ihrer Palmen, über das Donnern ihrer Brandung, und mir den Trost wenigstens zu glauben daß sie, mein Kind, hier glücklich lebt.«
Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise und mit tief bewegter Stimme.
»Armer Wi Wi – armer René – Du bist recht alt geworden in den wenigen Jahren – und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.« René schüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr, sich abwendend fort – »Die Menschen wissen's gewöhnlich nie wenn sie's sind – wollen Andere glücklich machen und machen sie, und manchmal auch sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. – Aber wie willst Du's haben?« setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu, dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen – »ich weiß nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der weiße Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, die Sachen lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?«
»Nein Mitonare, nein!« rief aber René rasch und bewegt – »kein Segen wäre das hier für sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das größte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mädchen aufgeblüht – wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich bin reich; ich will Dir Geld zurücklassen, daß Du –«
»Geld?« unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig – »Geld? willst Du selber den Fluch wieder säen auf Atiu, der unser Volk schlecht gemacht hat und geizig? Geld – fort damit, fort – es ist Gift darin und Haß und Neid, und sie wachsen mit den häßlichen runden Stücken. Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare Wasser hier? – brauchen wir mehr? – Wir nicht, aber wer anders braucht davon; – die schwarzen Mitonares wollen Geld – immer nur Geld – denen gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gönnt es ihnen – nicht uns hier; hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm« setzte er ruhiger hinzu – »wußtest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit für Dich, Sadie – die Sonne sinkt; komm Aia – laß die Beiden zusammen gehn – das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr, René?«
René barg sein Angesicht in den Händen und stand still und sprachlos, viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hände fort nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand, und küßte den darüber etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm willig überließ, nahm er und drückte sie, und sein Kind dann an sich ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab der Gattin zu.
Lange schon war die Sonne im Meer gesunken und tiefe Dunkelheit deckte das Land und den Ocean, noch immer aber saß der kleine Mitonare vor seiner Hütte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing schon an unruhig zu werden über das gar so lange Ausbleiben der Beiden. Endlich erhob er sich, und wollte sich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er leichte Schritte im Laub hörte, und gleich darauf Sadie – allein – vor ihm stand.
»Und wo hast Du den Wi Wi?« frug der Mitonare rasch und eine dunkle Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber schmiegte sich an seine Brust, und während er fühlte wie die heißen Thränen ihren Augen entquollen flüsterte sie:
»Er ist fort, Vater – fort, und wird nie wieder kehren.«
»Fort?« rief der Mitonare erschreckt – »mitten in der Nacht? – wohin? –«
»Fort mit seinem Boot« sagte die Jungfrau, das liebe Antlitz mit den Händen deckend –
»Durch die Corallenriffe bei Nacht?«
»Wir haben lange auf Mutters Grab gebetet, und er mit mir, wie's Mutter mich gelehrt; alle die alten Gebete hab' ich ihm gesagt, und – oh er hat geweint, als ob ihm das Herz brechen müßte an der theueren Stätte. Dann hat er mich an sich gezogen und mich geküßt, und wieder geküßt, und seine Sadie, sein liebes armes Kind genannt, und dann gesagt, er sei nicht werth zu leben, wo er uns Alle unglücklich gemacht. Da bat ich ihn bei uns zu bleiben und schlang meine Arme um ihn, aber er riß sich los von mir, und floh den Hang hinab, und als ich trauernd zurückblieb und ihm nach schaute, konnte ich das kleine Schiff erkennen, wie es den Anker hob, das Segel setzte – und mit der frischen Brise die heut Abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeugs von sicherer Hand gesteuert durch die Riffe hin, der Einfahrt zu, durch die es bald verschwand.«
Der Mitonare erwiederte kein Wort; er küßte das Mädchen und ging hinein in sein Haus und blieb dort allein, den ganzen Abend.
Als sich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, blickten die Insulaner vergebens nach dem kleinen Cutter aus – kein Segel war am ganzen Horizont zu sehn.
Druck von Ferber & Seydel in Leipzig.
Fußnoten
[1] Verdammte Narren Ihr.
[2] Verdamm seine Augen.
[3] Wilde Bananen
[4] Kurze Degen an Bord von Schiffen gebrauchlich.
[5] Die Missionaire, von denen wohl wenige musikalisch sein mochten, hatten in früheren Jahren den Indianern zu ihren Hymnen keine anderen Melodieen bringen können, als die, die ihnen noch vom alten Vaterland im Gedächtniß waren, meist Volkslieder, denen sie den frommen Text dann anpassen mußten.
[6] Der Kern der Tutui- oder Tuituinuß hat große Aehnlichkeit mit unserer Wallnuß, ist aber eher noch öliger und brennt; ebenso wie auch der Kern unserer Wallnüsse ein ziemlich helles Licht verbreitet.
[7] In keinem Lande, auf keiner Insel der Welt, ist es so augenscheinlich wie hier, daß furchtbare Erderschütterungen die Berge in früheren Zeiten auseinandergerissen, und dadurch jene tiefen schroffen Thäler gebildet haben, die sich, Abgründen gleich, Meilen weit ausdehnen und deren Hänge in den meisten Ländern durch Zeit und Stürme abgerundet und zu selbstständigen verschiedenen Theilen wurden. Hier aber liegt noch die Kluft, wie sie jene geheimnisvolle Kraft der Tiefe mit furchtbarer Gewalt auseinander gesprengt, und wenn auch der üppig vorquellende Pflanzenwuchs solch fruchtbar vulkanischen Boden nicht mochte lange unbenutzt liegen lassen und die schroffen Hänge und Felsen selbst, bis in die höchsten und ungangbarsten Wände hinein, mit Busch- und Schlinggewachs mit Farrenkraut und Waldung selbst überzog, hat die Natur doch noch nicht Zeit genug bekommen jene scharf abgerissenen, durch den gewaltsamen Auswurf erzeugten Conturen wieder auszugleichen, und die Umrisse der Wände, trotz der tiefen eingebrochenen Schlucht dazwischen, zeigen deutlich und unverkennbar, wie sie früher ein Ganzes gebildet, in Bruch und Einschnitt die Riesenkraft verrathend die hier thätig gewesen.
Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert; eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich hier am Buchende, die Änderungen bei Satz- und Anführungszeichen sind dort nicht aufgeführt.
Änderungen
Seitenangabe
originaler Text
geänderter Text
Seite 9
lachte Adlophe. »Wetter mein Bursche
lachte Adolphe. »Wetter mein Bursche
Seite 10
Doch es fällt mir nicht ein ihre Partei zu ergreifen
Doch es fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen
Seite 16
rief Leférre mit einem wilden Fluch
rief Lefévre mit einem wilden Fluch
Seite 17
wenigstens meinen Spaß mit Ihr gehabt
wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt
haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen konnen?
haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen können?
lachte Leferre – »wenn es ihr nicht mehr
lachte Lefévre – »wenn es ihr nicht mehr
Seite 20
gleicher Zeit wurden an dem einen passensten Hügelhang
gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang
Seite 21
mit dem Lieutenant der Jeanne d'Ark
mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc
Seite 25
jeder seiner eigenen Beqemlichkeit folgend
jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend
Seite 31
Colonnen anrucke, und sich, wie es schien,
Colonnen anrücke, und sich, wie es schien,
zum Sturm ruste auf das Fort
zum Sturm rüste auf das Fort
Seite 34
erwarteten sie den immer noch hinausgezogerten Angriff
erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten Angriff
Seite 35
Für die Bibel! fur die Bibel!
Für die Bibel! für die Bibel!
Seite 45
Zu gleicher Zeit sprang Bertram zu und den Iren
Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu und den Iren
Seite 49
Hei wir Ihr –
Hei wie Ihr –
Seite 51
der erste Lieuteuant der Uranie
der erste Lieutenant der Uranie
Seite 53
der rechts nud links Verderben brachte
der rechts und links Verderben brachte
Seite 58
noch dazu da es sie in ihren Familienverhältnissen
noch dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen
Seite 62
vielleicht manchen Landsmann dadurch das Leben erhalten.
vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.
Seite 66
Sind sie also im Stande ein
Sind Sie also im Stande ein
Seite 88
soll ich die Calabasse unter der Lampe dort aufgraben
soll ich die Calabasse unter der Lampe dort ausgraben
Seite 97
und wie der großte Theil der Mannschaft
und wie der größte Theil der Mannschaft
Seite 102
kraftige Arme umschlangen ihn
kräftige Arme umschlangen ihn
Seite 145
er erschrak als er auf sah
er erschrak als er aufsah
Seite 155
aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselben
aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselbe
Seite 170
am nächsten Morgen durchzogen mehre Patrouillen
am nächsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen
Seite 187
noch mehr Verfolger auf ihre Versen zu bekommen
noch mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen
Seite 197
bis in die hochsten und ungangbarsten Wände
bis in die höchsten und ungangbarsten Wände
Seite 251
wir einmal Zeit bekommen Sie auch von dort
wir einmal Zeit bekommen sie auch von dort
Seite 273
Toll genug wären Sie dazu gewesen
Toll genug wären sie dazu gewesen
Seite 276/277
aber die stattgehabte Entzundung seinen Arm so gelähmt
aber die stattgehabte Entzündung seinen Arm so gelähmt
Seite 312
Ws für ein Mitonare?
Was für ein Mitonare?